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Full text of "Pan 1911-12, 2.Jg,Nr.1-45"

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Wocken/chrin 



ZWEITER JAHRGANG 

I. HALBJAHR 

OKTOBER 1911 — MARZ 1912 



HAMMER-VERLAG. G. M. B. H. 

BERLIN W. 15 - UHLANDSTRASSE 30 



Inhalts- V erzeichnis 



A. Rache an Tschudi 

Adler, Max, Dr. Der Lokomotivfiihrer 

Adler, Paul. Theodor Daubler. Ein Gesprach mit dem 

unlustigen Leser iiber einen Dichter . 

Albin, Alfred. Der Druckknopf 

.. .. Es denkt 



Alexandre, Arsine. Durand- Rue 1 

Anwalte. ( MetternichprozeB. ) 
Bahr, Hermann. Religion . . . 



Baudelaire, Charles. Von belgischer Art und Kunst . . 
Beckmann, Max. Gedanken iiber zeitgemafle und unzeit 



gemafie Kunst 



Behl, C. F. W. In memoriam Hermann Bang .... 
Benndorf, Friedrich Kurt. Naturalismus. Eine Definition 
Bemeis, Benno. Zeichnung (Das Pelztier.) .... 






a 



Zeichnung 



BlaB, Ernst. Der temperamentlose Schmetterling 

,, ,, Literatur 

„ ,, Manns , , Schauspielerin" .... 

Bonnie. Tschudi- Gedachtnis-Stiftung 

,, Koniglich bayrische Komodie .... 

Briusoff, Valer. Russische Verse 

Brod, Max. Kommentar zu Robert Walser . . 

„ „ Lied des Stubenmadchens im Hotel 

Busoni, Ferruccio. Selbst-Rezension 

C. Das Berliner Vieh 

Das heimliche Theater und Wedekind 

|„ Der l&stige Wedekind 

|„ Erinnerung 

l„ Reue . 



JJ 



Cardonne, G. le. Ein jungfranzbsischer Roman . . . 
Cassirer, Paul. Der Tempel des Bismarck ...... 

„ Erklarung 131. 

„ „ Kritiker? 

Clemen, Paul. Ueber das Bismarckdenkmalsthema . . . 



ft 



404 

345 



536 

260 

376 

ii5 

97 

323 

435 



499 

370 

399 

259 

573 

456 

123 

375 

407 

557 

53 

180 

327 

159 

347 

293 

293 

349 

410 

186 

316 

95 




hi 



Constable, John. Aeufierungen liber Kunst 9, 67 

Corbach, Otto. Englisch-deutsche Annaherung und Ostasien 473 

,, „ Politisch-biologischer Humbug 429 

,, „ Sprache und Politik 452 

Dauthendey, Max. Sterngesprach 211 

Davidsohn, Georg. Wie fiihlt sich der Parlamentskandidat ? 292 

Dehmel, Richard. Politik 236 

Der Schonberg-Streit 489 

Die Unterirdischen (s. a. 350, 490, 518) 405 

Die Verwandtscbaft ( Mettemichprozefi) 100 

E. Die Tschudi-Stiftung 434 

Ehrenbaum-Degele, Hans. Kreuzfahrer 502 

Ein deutscher Gouverneur. Von * * * 171 

Ein Idealist 36 

Einstein, Carl. Brief uber den Roman 477 

Ernst, Paul. Die Kunstfigur und die Maske. Ein er- 

dichtetes Gespr&ch 483 

Essig, Hermann. Ein Weltereignis 19 

„ ,, Lucie . . . . 491 

Eulenberg, Herbert. Das M&rchen von Ails 45 

„ ,, Verlaine 267 

FI. V, Katinka, Die Fliege 321 

Flake, Otto. Franzdsisches Tagebuch 463 

Franck, Philipp. Corinth und Leistikow 33 

Frank, Ludwig. Auf der Landagitation 209 

Fred, W. Abschied des Journalisten 312 

,, „ Das Theatergesch&ft 234 

, , , , Der heilige Kientopp und das olympische Mirakel 232 

,, „ Edith 264 

„ ,, Hof- und Theatemachrichten 262 

,, ,, Kammerspielabend 3 21 

,, ,, Liigt doch nicht so ! 163 

m ty Pelze . .. 255 

,, ,, Revolverschiisse 14 1 

„ ,, S. Fischers 25 Jahre 160 

„ „ Unglaubliches 232 

„ ,, Unziinftige Theaterkritik 162 

„ „ Wahlversammlung 263 

,, ,, Was man alles schreiben und drucken lassen darf 265 

„ ,, Weihnachtsbiicher 194 

Friedlander, Dr. S. Fasching als Logik. Vortrag eines Mars- 

bewohners 333 

Friedjung, Heinrich. Der Bund mit Italien 181 

Friedrich der Grofie. Elegie der Stadt Berlin an den Baron von 
Pollnitz 389 

IV 



4 




Glaser, Curt. Die Biihnenperspektive in Japan 303 

Gr&ner, Georg. Arnold Schonberg 85 

Gurlitt, Ludwig. Stil-Leistung eines Richters 48 

Guthmann, Johannes. Der Schopfer und die Kreaturen 507 

H. A. Der modeme Volkswirt 226 

Hermann, Georg. Politik 239 

Heym, Georg. Gedichte 301 

„ „ Aus Georg Heyms Jugend. Von Georg 

J. Plotke 516 

Heymel, Alfred Walter. An eine Erscheinung im Kameval 385 

Hi. K. Heiliger des Ueberflussigen 34 

„ „ Was man nennt das grofie Ochsen 67 

Hiawatha. Die Krise des Parlamentarismus 503 

,, Agrarische Psyche. (Der Bauer auf dem 

Zweirad. ) 560 

Hiller, Kurt. Der Trappist 99 

,, ,, Die Anekdote 544 

„ „ Aphorismen 573 

Hofmannsthal, Hugo von. Das Spiel vor der Menge ... 176 

Jatho, C. Politik 238 

Kaemmerer, Theodor. Ebbe und Flut 231 

Kayser, Rudolf. Wedekinds Franziska 547 

Kellermann, Bernhard. Die Geisha 150 

Kerr, Alfred. Altmodischer Umsturz 1 

„ ,, Coda 131 

„ ,, Der Pan-Bahn-Bann 32 

„ ,, Die Unterirdischen (s. a. 405, 490, 518) . . 350 

„ ,, Edison 65 

„ „ Erkl&rung 131 

„ „ Freisprechung 34 

,, „ Kythera, Pflicht und Mancke 97 

„ „ Mettemich und Cyrenaika 37 

„ ,, Ober-Bamum und Kythera 34 

„ ,, Philipp Eulenburg 32 

,, ,, The Reinhardt Stage 65 

,, ,, Was ist zu tun? 69 

Koester, Reinhard. Das Fenster 424 

„ „ Pariser Sonnette 287 

Krites. Amerikanische Schuhe 289 

,, Baukrach 28 

,, Corriger la fortune 156 

,, Der Eidbruch des Ministers 372 

„ Der Staat als Kaufer 228 

„ Hefe 92 

,, Koniglich preufiischer Umsturz 341 



V 




Krites. Terror der Syndikate 

,, Um Mosler und Wersche 

Kurtz, Rudolf. Appell an ehrliebende Theaterdirektoren 

Leonhard, Rudolf. Legende 

,, „ Sawitri 

» »» Verse 



Leube, v. Politik .... 
Liebermann, Max. Tschudi 
Loerke, Oskar. Graudenz 

4 * *4 * A * 4 

Ludwig, Emu. Friedrich . 
Mann, Heinrich. Politik . 



,, „ Reichstag 

Marc, Franz. Anti-Beckmann 

„ „ Die konstruktiven Ideen der neuen Malerei 

„ „ Die neue Malerei 

Matthes, Ernst. Zeichnung : Foyer 

Mendelssohn, Erich ▼. Das Kloster in Tibet 

Muller, Fritz. Kulturgeschichte A la franpaise 

,, ,, Putzfrauen 

Nard. Das goldene Mainz. Zeichnung (mit Gedicht) . . . 
,, Zeichnung (mit Gedicht) 

,, Zeichnung 

Plotke, Georg J. Aus Georg Heyms Jugend 

Politik. Aeuflerungen (s. a. Dehmel, Jatho, ▼. Leube, Mann, 

Hermann, Wedekind) 

Quentin, Franz. Die Hoflichen. Novelle 

Ru. An. Viktor Hadwiger f 

Reik, Theodor. Aus Flauberts NachlaB 

„ ,, Der liebende Flaubert 

„ „ Dichtung und Psychoanalyse 

,, „ Flauberts Jugendregungen 

Rodin, Auguste. Der Nutzen der Kunstler 

,, „ Zwei Federzeichnungen 167, 

Rosenhagen, Hans. Mitteilung 

Rubiner, Ludwig. In der italienischen Oper 

Schaeffer, Emil. Eine Audienz bei Goethe 

Scheerbart, Paul. Hoftrauer. Persische Novellette . . . 

Scheller, Will. Gustav Meyrink 

Schonberg, Arnold. Aus ,, Waller im Schnee“. Von Stefan 

George. (Notenbeilage) nach . . . 

,, ,, Der Musikkritiker 

„ ,, Schlafwandler 

Schonberg- Sammlung 

Schonberg-Streit 

Schur, Ernst. Bilderdiebstahle 



59 

552 

126 

129 

472 

545 

238 

138 

63 

295 

238 

133 

555 

527 

468 

137 

5 6 7 

307 

572 

8 

44 

98 

5i6 

236 

54i 

66 

386 

xoi 

519 

75 

*65 

169 

294 

276 

338 

395 

39i 

114 

460 

432 

33 

489 

283 




Sochaczewer, Hans. Trio 486 

Strindberg, August. Der Giinstling des Publikums . . .331 

„ „ Die Windmiihlen. Ein Akt . . . . 351 

»i M Hut ab 143 

T. Dekorativ 378 

Tagger, Theodor. Yuanschikai Kunktator 367 

,, ,, Pantomimiker (Schiller — Wagner) . . 402 

Tolstoi, Leo. Ein Idyll 197, 241 

Tu. Meyrink englisch 35 

Urville, M. Die Zukunft des Islam 378 

Verein Kerbholz .... 518 

Vetter, August. Vier Gedichte . . 90 

Von den Unterirdischen (s. a. 350, 465, 518) 490 

W. Sozialdemokratie, Agadir und Ausland 349 

Waldmann, Emil. Alte und neue Bilder in Athen . . . 447 

„ ,, Europ&er vor viertausend Jahren . . 4x5 

,, ,, Stendhals italienisches Tagebuch . . 532 



Wie die „deutschen“ Kunstausstellungen 
im Auslande gemacht werden ... 146 



Walser, Karl. Zeichnung 53, 151, 153 

„ Robert. Essen 129 

„ „ Was aus mir wurde 459 

Wedekind, Frank. Politik 240 

Westheim, Paul. Die steinerne Maske 319 

,, ,, Die vielen, vielen Kiinstler 509 

Wieland. Der Kbnig regiert 317 

Wo. A. Munckel 572 



Worton, Richard Wolfgang. Der Fahrende 

Du bist so still 



ft 



Verse 



Wulfen, Wilhelm van. Der Genufimensch 




■ 




* 



DRUCKCREI — 

iMBERQ ft lEFSON 

KRUN 3W.ABE 






Altmodischer U msturz 



p 

Altmodischer Umsturz 



i. 



Bagroffs 



Bethmann wird 



femen Tags gefriedet, nach unbeschleunigtem Alter 



Aber geistig konnte seine Stellung so aussehn, wie Stolypins 
zuletzt war : der Russe stand luftschnapperid zwischen Rechts 
und Links. Und da es im Osten war, vollzog sich sein Ende 
nach der Oberlief erung des Landes : beschleunigt. 

Diesem, dem Deutschen Reich abgunstigen Diktator, welch er 
dem geeinten Turm Frankreichs und Englands Klammern , 



* i *■ 



Stiitzen, Mortelfuhren zubrachte, haben deutsche Politiker 
Worte der Verehrung weinend gewidmet. Warum ? weil er ein 
Hersteller der Ruhe war. Er war es nicht. Er beging alt- 
modische Rechenfehler. Wenn eine Verfassung nach vielem 
geopfertem Schweiss einmal gegeben ist — wie soli durch den 
Bruch dieser Verfassung ein Land zur ,,Ruhe“ kommen ? 



II. 



Eine mittlere Kraft ninunt die Gewalt. Er beseitigt die 
Vertretung eines Volks. Er metzt ein verfassungsm&ssig 

p 

angegliedertes Nachbarland in Stiicke. Dieser Mensch ist 

•a 

haftbar fiir einen griindlichen Schwaden von Einzel jammer ; 
er steht ein fttr|Tausende vonTotungen, so man im Schatten seiner 
Fliigel vollbracht : und er wundert sich, wenn er eines Tags 
gestoppt wird? Zehntausend Fedem in Deutschland wundern 
sich mit. 



i 



3 Altmodischer Umsturz 



Wer Krieg anf&ngt, muss &uf Kugeln gefasst bleiben. Es 
w&re die letzte Feigheit : Gewalt zu iiben — und gegen Gewalt 
gesichert zu sein. Der vielleicht ehrlich-beschrankte, doch eid- 
und rechtsbriichige Stolypin ist Mitteln unterlegen, . . . die er 
angewendet hat. Er nimmt sein gutes Bewusstsein in die Leichen- 
kiste. Er bekreuzt sich nach der Loge desZaren; ,,glucklich“sei er, 
fur ihn zu sterben. Man sieht einen beklagenswerten, elenden, 
mitleidzeugenden Menschen, der sich mit zerfetztem Bauch und 
inneren Blutstiirzen gurgelnd w&lzt : aber so sterben im Krieg 
Hunderttausende, die Schuld niemals auf sich luden. Im Fort- 
tragen hat er vielleicht noch gespurt, wie echt-russische Leute 
seine Uhr mausten. 

Der an Stolypin veriibte Mord ist kein Beweis fur irgend etwas 
Wesentliches. Dieser Mord ist, in sittlichem Betracht, so bldd- 
sinnig wie ein Krieg ; Revolverschiisse so nichtssagend wie eine 
Feldschlacht. Was wird bewiesen ? Allen falls Nebensftchliches : 
die unschlaue Taktik des Ermordeten, die zu gleichen Mass- 
regeln einlud. Bewiesen wird der bescheidene Satz : Wurst 
wider Wurst. Nicht aber bewiesen : ob Bagroff Recht gehabt 
hat und Stolypin Unrecht. 

Wer den Krieg verdammt, muss Bagroffs Methods verdammen. 



III. 

Aber bewiesen ist auch, dass Bagroff kein feiger, verachtens- 
werter Schuft ist. Den Tod hat er gespendet — den Tod hat er 
gew&rtigen miissen. Exekutiert darf er werden : beschimpft 
nicht. Die deutschen Zeitungen beschimpfen ihn. Warum 
so ungleich messen ? Unsre Kriegsschreier stossen sich Ver- 
zierungen ab, wenn im Biirgerkrieg (Burger krieg ist in Russland, 
nach dem Staatsstreich) ein Schuss f&llt. Bagroff hat getan, 
was sie verherr lichen, — wenn es minder intellektuell geschieht. 

Er hat sein Leben eingesetzt. Das Unrecht seiner Tat ist nicht 
zu riihmen, aber der Tater selbst vor Unrecht zu schutzen. Der 
Mann ging in eine Schlucht . . . mit dem sicheren Bewusstsein : 
der Ausgang ist eine Schadelstatte. Der Totenstem gl&nzte vor 




ihm, doch er schritt auf ihn zu. Das ist kein elender Kerl — ihr 
Schreiberiche, die ihr das Wort , , Gesindel* ‘ fiir Charaktere solchen 
Schlags aufbringt. Bagroff darf erschossen werden : aber nicht 
bespuckt. 

Ein deutscher Musiker, aus Steglitz, hat als Angenzeuge die 
Tat geschildert. Die Opemkapelle von Kiew hatte man durch 
Mitglieder des „Schneevogtor chesters" verst&rkt. Schneevogt- 
orchester ; nirgends in der dramatischen Welt fehlt etwas Deutsch- 
Idyllisch-Humorhaftes. Der wackere Musiker schreibt (etwas 
ausfuhrlicher) : ,,Glucklich war der erste und zweite Akt zu 
Ende gegangen . . . knallte mitten in den Beifall ein peitschen- 
schlagartiger Schuss. Hochaufgerichtet stand in einer von der 
Zarenloge ziemlich entfemten Loge ein Mann, einen Revolver 
in der Hand des ausgestreckten Arms . . . alles bekreuzigte 
sich ... In diesem Augenblick tonten die Worte des Attent&ters : 
,Ich bin es gewesen. Hier bin ich !‘ durch die Stille. Eine unbe- 
schreibliche Verwirrung folgte . . . Der Attentater war der einzige 
unter all den Menschen, der ruhig blieb. Stolz und gerade auf- 
gerichtet, erwartete er seine Verhaftung . . . Die Kosaken der 
zarischen Leibgarde sturzten auf ihn zu nebst einigen M&nnera 
aus dem Publikum, und blutend ftihrte man ihn ab. Der Bl&ser 
Berger wurde durch den Sabelhieb eines Kosaken verletzt, weil 
er sich zu friih von seinem Platze wegbegeben wollte.“ So das 
Mitglied des Schneevogtorchesters. Wer, zum Donnerwetter 
sieht hier Gesindel? Der wildeste Gegner kdnnte bloss einen 
Irrenden sehn. 

Warum nennt ihr nicht Andre lieber Gesindel ? Wenn es in 

k 

Deutschland Verbrecher gibt, die wegen ihrer Beteiligung am 
Handel mit verarbeitetem Stahl einen Krieg wunschen ; die 
somit aus Geldliebhaberei die Ermordung . . . nicht eines Einzelnen, 
Herausgesuchten, sondern wahllos Hunderttausender wollen : 
warum nennt >. ihr diese nicht Gesindel ? Weil sie mehr besitzen. 
Die Bagroffs sind im Unrecht : aber die Andren sind feiger, ent- 
sittlichter. Die Bagroffs irren, weil sie, den schleunigen Pfad 
erklimmend, Gewebe, Knochen, Verrichtungen, Gefdsse von 
ihresgleichen durch unwiderlegbaren Eingriff zerschmettern : 
aber sie wollen doch nicht halbe Volker blind und plump aus 



Altmodischer Umsturz 5 



ausseren Mittel geglaubt. Auch er war ein Romantiker, bloss 
ein konservati ver . Er hat grob die deutsche Linke zu ent- 
heimaten gesucht. Trotz allem hat von den Bedriickten keiner 
in Bagroffscher Art je zu tun getrachtet , was nur der frommere 
Kulhnann unternahm. Ein Menschenalter vor Jena. Zivilisierung 
der Umsturznatur. 

Bethmann ist nicht stark. Er h&tte Deutschland kaum ge- 
einigt. Aber ein D&mmer Dessen lebt vielleicht in ihm, was 

* -r W 

nach der Einigung — nach einer abschliessenden Tat, als welche 
riickwarts blickt — in unpathetischen Lauften zu fordem ware. 
Vielleicht ist alles das eine Posse: doch eine Posse mit Moglich- 
keiten; Luftschlosser mit einer Grundmauer. Herz mein Herz; 
einErzbischof, der von Mtinchen, hat imschlummerndenDom 
nicht vor grauer Zeit, sondem vor sieben Jahren an den 
Griiften sich umdrehender Kaiser einen Bund gebaut zwischen 
Schwarzen und Genossen. Verstandigungen, Abmachungen , 
Kontrakte. (Zivilisierung der schwarzen Menschennatur.) Kein 
Biirgerkrieg um Dasein oder Untergang. Arbeitsteilung, Arbeits- 
teilung. Das Stimmrecht an der 111 wurde durch die roten Ver- 

biindeten dieses Erzbischofs Wahrheit. — weil auch Bethmann 

^ * 

einen Bund gebaut hat. 

Er ahnt vielleicht, wie sich Dinge entwickeln. Ohne dass 
er dieser Einsicht je Gestalt schaffen wird. Er weiss, dass Deutsch- 
land keine Bagroffs hat. Der Sozialist Calwer hat vielmehr 
festgestellt, dass seine Partei der deutschen Regierung ,, nicht 
in den Arm fallen will, wenn diese bei der Verteilung uner- 
schlossener Gebiete die Deutschland zukommenden Anspriiche 
geltend macht“. Der Unterschied zwischen Bebel und Bagroff 
liegt, unter anderm, in Jena. (Hier begab sich ein Schwank 
auf Deutsch lands rechter Seite. Vor Jena murmelten die 
Parteien rechts: „Unser Zorn wird riesengross, wenn Bebel 
unpatriotisch redet!!!“ Nach Jena: „Unser Zorn ist aber noch 
grosser, weil er nicht unpatriotisch geredet hat . . .“) 

Herr von Bethmann, kaum ein kenntlicher Umriss in seiner 
Zeit, sondem bisher eine (bei Bismarcks Verfassung) pech- 
verfolgte Nummer in Reih und Glied; verspottet, obschon ihm 
die H&nde gebunden sind nach dem Zuschnitt, welchen jener 



Altmodischer Umsturz 



6 

p i 

Heros gemacht: — Herr von Bethmann findet sich einem 
so zivilisierten Umsturz gegeniiber ; yon ungesetzlichen Zwischen- 

h 

f&llen durch eines Senkbleis Tiefe getrennt : er oft hiniiber- 

scbweifen mag in geheimen Stunden. Hier steht ein namen loser 
Kanzler. Er kdnnte noch aus der Reihe der Nummem treten — 
und einer werden. Es bedarf dazu keiner Persdnlichkeit : 
sondem zun&chst eines Sichtragenlassens. Ein bis heute 
ruhmloser Reiter findet sich vor einer Wand. Seine Politik hat 
Deutschland einem grossen Geldkrach entgegengefiihrt. Nur 
die ersten Folgen zeigten sich bisher. Bei Marokko (welches 
nicht bloss Weltpolitik, sondem Wahlpolitik machen wollte) 
meldet sich ein furchtbarer Rechenfehler. Manches, aber keine 
Finanzerschiitterung war in diesem drohenden Umfang von 
Kiderlen vorausgesehn. 1st es wahr, dass franzdsische Bank- 
h ft user Milliarden von Berlin zuriickgezogen haben ? ist es wahr, 
dass die deutsche Hauptborse ein Jahrzehnt brauchen wird, um 
wieder in die dritte Reihe zu kommen ? Bis jetzt lenkte die Dauer 
der Verhandlungen vom Schaden ab, den wir besehn werden. 
Der dussere Karren ist verfahren ; die L&rmwiinsche von 
Knallpatrioten sind unsinnig, da wir den Angriff zweier Flotten 
auf die deutsche gewfirtigen muss ten im Augenblick, wo England 
einen deutschen Bluff gegen Frankreich . . . nicht als Bluff 
nimmt. Der Karren ist verfahren. Es gibt fur den Kanzler die 
eine, die eine Rettung. Der grosse Zug nach Links. 

Ein Mann, der ihn tut, h&tte die Moglichkeit zu wachsen: 
zu einer zivilen Gestalt besseren Kalibers ; nach allem Pech, 

A 

nach aller Schuld. Er konnte manches ins Trockne bringen; 
durch den Entschluss, mit den stromendsten Kr&ften des 
Landes : nicht gegen sie zu arbeiten. Eine Tat w&re dazu 
notig. Vor der Reichstagswahl Verkiindung des elsftssischen 
Stimmrechts fiir Preussen. (Er wird sich hiiten.) 

Das Vertrauen kehrte zuriick — und eine Willigkeit, sonst 
auf den hundertsten Teil herabgesetzt. Dieser Kanzler konnte 
haben, was er fordert, um die Erholung eines Landes, dessen 

Nerven er strapaziert hat, zu beeilen. 

« 

Sonst wird er luftschnappend ein Ende zwischen zwei ihn 
hassenden Welten finden, zwischen rechts und links, nicht 



Altmodischer Umsturz 7 

korperlich, doch bildlich, wie Stolypin zwischen Kugeln und 
Kreuzen. 

Nicht nur Dernburgs notwendiger Hilfszug hat bewiesen , dass 
die Zeit neuere Beine zum Fortkommen braucht. Sie mussen 
in der Not politischer Schlappen scharengewaltig herangebracht, 
die linke Tiir aufgestossen werden. Offene Tiir . . . nicht 
durch Schiisse, sondem durch Pleiten. Und durch den Genie- 
mangel unserer Obmanner. 

Ein Staatskunstler hat geaussert: „Ich habe den Eindruck, 

dass wir bei dem direkten Wahlrechte bedeutendere 

■ 

Kapazit&ten in das Haus bringen, als bei dem indirekten." Es 
war 1867, im norddeutschen Reichstag. Wer? Bismarck. 




DAS GOLDNE MAINZ 









John Constable 





John Constable 

Ausserungen fiber Kunst 

t 

In einer Zeit wie die unsere*) sollte die Kunst verstanden 
und nicht mit blinder Bewunderung anges taunt, noch als ein 
blosses poetisches Sehnen angesehen werden, sondern als eine 

T 

berechtigte, wissenschaftliche und technische Betatigung. 

Der alte Kunstplunder, die muffigen, elenden Bilder, die die 

r 

Leute sammeln, aufhangen und vor ihren Freunden zur Schau 
stellen, sind Shakespeares ,,leeren Schachteln und ausgestopften 
Krokodilen" zu vergleichen. Die Natur ist alles andere eher 
als das, sowohl in der Poesie, der Malerei, wie in Feld und Wiese. 

Wie verfuhren Claude und die Poussins? Obwohl sie von 
Palasten voller Gemalde umgeben waren, erwahlten sie vor- 

nehmlich die freie Natur zur Statte ihrer Studien. 

* ■ 

W. ist sich bewusst, dass er ein arger Manierist ist und auch 

I 

dafiir gilt. Man sagte ihm, die Ausstellungskommission habe 

aus diesem Grunde grosse Miihe mit seinem Bilde gehabt, weil 

1 

es die Nachbarschaft keines anderen vertrug; gekrfinkt er- 
widerte er: ,, Manier konne sowohl gut sein wie schlecht". 
Aber Fuseli macht den richtigen Unterschied zwischen Manier 
und Stil. 

Lord Bacon sagt , , Verschmitztheit ist verkehrte Klugheit". 
Nun ist nichts verderblicher, als wenn verschmitzte Menschen 
fur klug gel ten. Und so verhdlt es sich auch mit der Manie- 
riertheit in der Malerei. Die Manieristen sind verschmitzte 
Leute, und das Ungluck ist: das Publikum ist nicht imstande, 
zu unterschelden zwischen ihren Bildern und echter Malerei. 

Manier ist immer verfuhrerisch. Sie ist mehr oder weniger 
eine Nachahmung von bereits Dargestelltem und deshalb immer 
wahrscheinlich, glaubhaft. Sie verheisst den kiirzesten Richt- 
weg zu gegenw&rtigem Ruhm und Vorteil durch Nutzbar- 

J- 

*) Erstes Drittel des neunzehnten J ahrhunderts. 



John Constable 



zo 



mac hung der Arbeit anderer. Sie fiihrt beinahe unmittelbar 
zu Ruf und Ansehen , weil sie fiir die unwissende Welt ein Wunder 
be deutet. Sie besitzt stets einige glinzende und plausible Reize, 
die das Auge auf sich ziehen. Da Manieriertheit sich stufenweise 

entwickelt, und durch Erfolg^ in der Welt, Beifall usw. gefdrdert 

* 

wird, sollten alle Maler, die in ihrer Kunst wirklich Grosses 
leisten wo lien, fortwahrend gegen sie auf der Hut sein. Nur 
innige und bestandige Beobachtung der Natur kann sie vor 
der Gefahr bewahren, zu Manieristen zu werden. 

Von den grossten Malern war keiner exzentrisch in seinen 
Werken. Sie waren zu sehr in Obereinstimmung mit sich selbst , 
am ein solches Epithet zu verdienen, sich zu wohl bewusst, 
was sie darstellen wollten. 

Die Sucht der Grossen und Reichen, den Beschiitzer zu 

J 

spielen, die der Hoffnung entspringt, entweder der erste zu 
sein, der das verborgene Genie entdeckt, oder einen jungen 
Mann von mittelmassigem Talent in ein Genie zu verwandeln, 
obwohl sie hin und wieder von Nutzen sein mag, ist weit h&ufiger 
schadlich fur die wahren Interessen der Kunst und selbst fiir 
das solcherart protegierte Individuum. Sonst treffliche M&nner, 
die von dieser Eitelkeit besessen sind, werden vollig blind fiir 
die Ungerechtigkeit, die sie gegen alle die begehen, die redlich 
das Treffen gewonnen haben, und die sie nicht anstehen wiirden, 
von ihrem Platze zu verdrangen, um einem von ihnen Bevor- 
zugten Raum zu schaffen, der um ihrer Unterweisung und 
Fdrderung willen auf den Gipfel des Ruhmes gestellt werden soli. 

Auch in der Kunst sollte, wie in allem anderen , Moralgefiihl 
vorhanden sein: es ist nicht recht, wenn ein junger Mann, der 
emstes Studium und muhsames Ringen noch nicht kennt, sich 
ein Ansehen gibt oder schon fiir vollkommen halt. 

Nie ist ein Knabe ein Maler gewesen, noch kann er es sein. 
Die Kunst erfordert eine lange Lehrzeit, denn sie ist ebenso- 
wohl Technik wie Geistigkeit. 

In Rom war es, wo Claude anting die Natur zu studieren. 
Er war dort hingekommen als eingeschworener Manierist. Bald 
aber fand er es notwendig, „zu werden wie ein Kind* 4 und 
widmete sich dem Studium der Natur mit einem Eifer und 




John Constable 



1 



II 



einer Ausdauer, die vielleicht vor ihm nicht ihresgleichen hatten. 
Er lebte im Freien, den ganzen Tag lang, und zeichnete abends 
in der Akademie — denn die Kunst ist und bleibt am Ende 
doch eine Kulturpflanze und keine Pflanze der Wiiste. 

Die Teile eines Kunstwerkes sind so notwendig {hr das 
Ganze gleichwie in der Arithmetik die einzelnen Stellen fur 
eine Endsumme: nehmt einen einzigen Posten fort, und die 

m 

Rechnung muss falsch sein. 

Wenn ich mich hinsetze, um eine Skizze nach der Natur 
zu machen, so ist es mein erstes, dass ich danach trachte, zu 
vergessen, je vorher ein Gemalde gesehen zu haben. 

Meine Bilder werden nie volkstiimlich werden, denn sie haben 
keine Kunstkniffe. Aber ich sehe keine Kunstkniffe in der 
Natur. 

Nein, es gibt nichts Hassliches ! Ich habe nie in meinem 
Leben etwas H&ssliches gesehen. Denn mag die Form eines 
Dinges sein wie sie will: Licht, Schatten und Perspektive werden 
es immer schon gestalten. 

In Claude Lorrains Landschaften ist alles anmutig, liebens- 
wiirdig, alles Schonheit und Harmonie, der sanfte Sonnenschein 
des Herzens. Er fiihrte die Landschaft tatsachlich zur Vollendung. 
Es unterliegt keinem Zweifel, dass die grossten Meister ihre 
besten Leistungen nur als Versuche betrachteten und vielleicht 
als misslungene Versuche im Vergleich zu dem, was sie erhofft, 
ersehnt und in der Natur erblickt hatten. Denn wexm wir von 
Vollendung in der Kunst sprechen, so diirfen wir nicht vergessen, 
was fiir Material es ist, mit dem der Kiinstler mit der Natur in 
die Schranken tritt. Fiir das Sonnenlicht hat er nur Gelb und 
Bleiweiss, fiir die dunkelsten Schatten nur Umbra und Russ. 

Lichte Klarheit war der charakteristische Vorzug Claudes, 
Klarheit unabh&ngig von Far be — denn welche Farbe hat 
dieses Glas Wasser ? 



Der Genussmensch 



t 




Der Genussmensch 

Von WILLEM VAN WULFEN 

Die folgenden Seiten stehn im Gegensatz zum Grundzug 
der aus dem PAN hervorwachsenden Denkart. Sie werden hier 
veroffentlicht : als Anregung zum Beklopfen ( und Festigen) 
dieser Denkart. 

Der Verfasser lfisst bei Hans, von Weber in MQnchen fiber 
den Gegen stand ein anregendes Buch (mit dem Beuatz: Ein 
Cicerone im rticksichtslosen Lebensgenuss) erscheinen. Die 
furchtfreie Ruhe, womit er seinen blossen Hedonismus verktindet, 
wird man unter sachlichem Widerspruch feststellen. 

Wulfen scheint vor dem Streben der menschlichen Gattung 
zu einer Art Nihil ismus zu gelangen. Ich habe solche Stim- 
m ungen gelehrt, mit abweichender Schlusswendung (,,Das 
Neue Drama'*, Seite zi): „Im Kampf des Formens und Um- 
formens geben sie die SSfte dahin, die Strebensmenschen. 
Ffir wen 1 O du mein Heiland ! Ffir ein paar Liebhaber ? Ffir 
ein paar Kunsthfindler ? Ffir die Abonnenten einer Zeitschrift ? 
Ffir die Leser dieses Buchs ? Ffir eine kleine Nachwelt, die 
ung nicht mehr kfissen und nicht mehr bezahlen kann ? Und 
wenn es eine Welt ist : ffir wen !“ 

1908 ( , .Theater in Berlin") — : ,,Soll man aufwirtsstreben ? 
Es lassen sich all er hand Einw&nde hierwider machen. Mein 
Streben, beispielshalber, geht mit mir zugrunde. Ich kann 
nicht alles schriftlich mitteilen, was ich bin ; also nicht fiber- 
tragen. Zweitens : ich habe keinen Sohn ; also bleibt es un- 
vererbt. Schlemme, soweit etwa dein Wohlgeffihl nicht von 
Katerstimmung vers chi echtert wird. (Nur so weitu) Im Sommer 
durchschaust du die Torheit, dich zu verstromen. Arbeit schfindet. 
Warum Bficher durchbl&ttem. Warum gar eine Kritik hin- 
schreiben ; dartun, dass man eingesetzt ist ; und als ein Richt- 
kfinstler siegen. Man kriegt Falten davon . . . und verscherzt 
sich die Liebe vielleicht einer Stupfnase mit zartbuschigem 
Brauenstrich. 

,,Atmen will ich : und mich nicht opfem. Ich weiss, dass ich, 
im Februar, dennoch dazu gebracht bin : mein gelbrotes Blut 
zu vemichten ; weisse Teile zu kriegen ; mein Herz zu ver- 
stromen, — warum? um einer Musik willen, die ich sChuf, in 
drei Seiten stabiliert, dereinstens als Versiumnis erkannt: um 
kfirzer zu leben als die goldene Vampyrschar meiner ffir feme 
Zeit gezeugten Worte. 



Der Genussmensch 



* 3 : 




„ Arbeit sch&ndet. Dort nahen die Weltschlemihle (Michel. 
Angelo, Beethoven) ; die grossen Halbmenschen — und werden 
meine Gefahrten : fur eine Dressur, uns auferlegt von unsicht- 
baren Vivisektoren, zu einem vielleicht geringen Dungzweck, 
dem wir pathetische Worte leihen." 

191 1 (..Theater des Erfolgs“) — : „Man versaumt die 

Zeit mit dem ganzen Beruf : sofem er nicht ein Mittel ist, 
mir frohes Bewusstsein zu bringen, den Reiz des Atmens zu 
verzehnfachen. Manchmal artet er leider zum Selbstzweck aus ; 
zum Sport ; zum besinnungslosen Drang — mit allem Vergessen. 
der wahren Ziele des Hierseins, der Wunder dieses einmaligen 
Falls. Oft steht nodi etwas mystischer Glaube dahinter an ein' 
Unverlorensein dessen, was einer hier einmal erreicht, errungen v 
in die Welt gesetzt hat — fiir alle Ewigkeit. ‘ ‘ 

Also Theorien, verwandt mit denen Wulfens. Auf die Schluss- 
wendung aber scheint es mir anzukommen. Ich bin des Glaubens:' 
dass man zugleich ein Sommer- und ein Wintermensch ist. 
Zugleich ein Koster und ein Koch. Ich bin des Glaubens: dass 
Rufe solcher Art bloss Rufe der Sehnsucht sind im Kampf 
eines Harrenden — welcher den Kampf liebt, auch wo er ihn 
nicht liebt. Ich bin des Glaubens:. dass fiir Menschen keine 
Moglichkeit ins Kom zu werfen ist .nicht einmal die, den Tod 
abzuschaffen; noch die Zuversicht, beim Vergletschem dieses 
Aufenthalts den Inhalt unseres Erreichten auf einen bessereh 
Stem zu tragen. Dieses ,,Trotzdem“ ist Ehrenpunkt — schon 
weil es ( Verzweiflung zugestanden, Sehnsucht zugestanden) be- 
sondre Genussklassen aufschliesst. 

Wulfens Werk bringt eine Genusslehre nach dem Stand 
heutigen Wissens. Er ist von Geburt H<dldnder, lebt id der. 
Schweiz und hat sein fesselndes Buch deutsch geschrieben. 

Kerr 



Die prassenden Romer pflegte der Anblick eines . um die Tafel- 
runde herumgebotenen Schddels zu • hitzigerem Drauflos- 
schmausen anzufeuern. Der Totenkopf predigte : , ; Kurz ist das 
Leben. darum sputet Euch mit dam Genuss.“ Fast noch eindring-> 
licher scheint mir zu skrupellosem Leben aufzufordem : der 
Gedanke an. die Todesstunde der Menschheit, die Vorstellung der 
erkaltenden Sonne und des im .Eis erstarrenden Erdballs. Viel- 
leicht hatte es noch einen Sinn, und, wire nicht eitel Schwdrmer- 
torheit, sich und seine Freude der Menschheit und ihrer Kultur 
zu opfem, wenn diese Kultur ohne Ende dauerte, und die darauf 
verwandte Lebensarbeit von Ewigkeit zu Ewigkeit sich steigernde 
Lustzinsen und Zinseszinsen triige. Doch Kultur ist kein totes. 
Kapital, das sich von Jahrhundert zu J ah r h under t hoher haufen 



*4 



Der Genussmensch 



lfisst ; sie ist ein lebendiges Gebilde, das w&chst, bliiht und ver- 
welkt. Die Rose unter meinem Fenster bliiht ein paar Tage, 
unsere Menschenrasse, wenn es hoch kommt, ein paar Jahr- 
tausende ; der Rest wird Staub sein. Und selbst wenn eine neu 
emporgeklommene Rasse ttberreste unseres Wirkens wieder ans 
Licht herausscharrte und sich zu Nutzen machte, so wird such 
fur dieses Geschlecht die letzte Stunde einst schlagen, und 
unwiderruflich wird kommen der Tag, da mit dem letzten Menschen 
der letzte Kulturrest vermodert. Welch erbirmlicher Schlussakt 
und sch&biges Endresultatl Lohnt sichs da wirklich, den Riicken 
unter Pflichtenlasten zu kriimmen und Lebenslust und -drang 
einem Werk zu opfern, das wie ein Rauch verweht, ohne eine 
Spur im Weltall zu hinterlassen ? Mdge dies tun, wessen breiter 
Eselsriicken zum Lastentragen geschaffen ist, oder wer fiir 
irdische Plage auf zehnfachen Entgelt im Jenseits rechnet. W i r 
aber sagen : Morgen leben wir und unser Geschlecht nicht mehr, 
darum wollen wir heute leben ! Von anspruchsvol lerer Art, als 
Roms Epikurier, deren Wahlspruch hiess : „Lasst uns essen und 
trinken, denn morgen sind wir tot“, wollen wir nicht nur mit 
Gurgel und Gaumen, sondern mit alien Organen des Leibes und 
der Seele schwelgen und schmausen und das Gelage des Lebens 
durchjubebi, solange der Tag wihrt. 

* 

Welch frevelhafte Gesinnung und riicksichtslose Lebens- 
maxime ! 

Nicht wahr, Ihr Tugendbolde? Und doch wiirde vielleicht 
ein Lot dieser Genussweisheit dem ganzen Menschengeschlecht 
nicht ubel bekommen ; denn wieviel Lust hat dieses Geschlecht 
durch seinen wahnwitzigen Kraftaufwand bis heute errackert? 
Wird nicht auch u n s e r e Kulturbilanz mit einem kliglichen 
Defizit schliessen, mit einem horrenden tlberschuss von Jammer 
und Weh iiber ein bisschen Augenblicksbehagen und Kultur- 
komfort ? Von jeher lebten die Eltern fiir ihre Kinder, und diese 
wieder fiir die ihrigen, e i n Geschlecht miihte sich ab fiir das 
kommende, und e i n Jahrhundert fiir das nachfolgende. Jeder 
Generation wuchs der Trieb zu wirken und fiir die Zukunft zu 
sorgen anmassender ins Fleisch und Blut, und vor lauter miihe- 
vollen Vorbereitungen zu immer weiter auslangendem Leben 



Der Genussmensch 



15 



blieb niemandem mehr Ze it zum Leben selbst und zum Lebens- 
genuss. Das Heute, das einzig unser Prinzip ist, muss sich dem 
unsicheren Morgen op fern, und das Morgen dem Obermorgen ; 
die Gegenwart gibt sich hin fur die Zukunft, und diese wiederholt 

das Spiel, schaut stets nur nach vome. Zum Fest des Lebens 

* 

sind wir alle geladen, aber wer denkt ans Schmausen und guter 
Dinge sein ? E i n Zeitalter plagt sich ab um das andere, den 
Festsaal noch besser zu schmucken und die Tafel noch reicher 
zu decken, bis der kaum genippte Festwein zu Essig geworden, 
und niemand mehr da sein wird, an den iibertruffelten Lecker- 
bissen sich zu ergotzen. Ist das nicht n&rrisch ? doppelt n&rrisch , 
weil der Moderne so sehr auf den Nutzen erpicht ist und das 
kleinste materielle Profitchen mit Yirtuosengeschick zu ergattern 
versteht. Doch was niitzt all der Nutzen, wenn sie es verlemten, 
in Lust ihn zu wandeln ? Nicht ein letztes Ziel soil er ja sein, nur 
eine Hilfe dazu : ein Lust-Versprechen und -Guthaben, eine 
Briicke, ein Spnmgbrett zur Lust. Aus jedem alten Knochen und 
schmutzigen Lappen weiss unsere Technik noch Nutzen zu 
schlagen, aus der Technik selbst und dem ganzen Kulturbetr ie b 
frohlockende Lebenssicherheit und schnalzende Erdenlust zu ge- 
winnen, das versteht niemand. Eine schnurrige Welt 1 Um 
fettere Beute aus dem Leben zu holen, ward unter tausend Op fern 
ein ungeheuerlicher Kulturapparat erdacht und erschaffen ; statt 
nun zum Entgelt fur die immer muhevollere Bedienung und Hand- 
habung dieser monstrosen Natur-verkauenden Maschinerie 
reicher zu warden an Lust und Gluck, erleideh sie im Gegenteil 
noch t&glich Einbusse am einzig realen Gut : der Freude zu leben. 
Erst seufzten sie unter dem herrischen Zwang der Natur ; dies 
Joch ist entzwei, dank Wissenschaft, Technik und Kunst. 
Offiziell spreizt sich der Mensch nun als Herr der Schdpfung ; in 
Wahrheit promovierte der Sklave der Natur zum Lakaien der 
Kultur. 

Doch was hilft das Lamentieren, gescheiter ist es, dariiber zu 
lachen ; wenn sie nur den Hohlklang der Worte und nicht die 
wirkende Kraft der Sache begehren, wenn sie zufrieden sind, 
mit Phrasen von Freiheit und Menschheitswiirde im Maul, den 
Riicken zu kriimmen und gehorsame Diener und dUpierte Narren 



* 



Der Genussmensch 



16 



ihrer eigenen Gemachte zu sein, wer soil es ihnen wehren, immer- 
zu, immerzu 1 

* * 

* 

Du meinst, die Lippen seien nicht inuner zum Lachen erbotig. 
Auch im Leben eines Genussmenschen gebe es tragische Stim- 
mungen und Anwandlungen von Mitleid mit den armen Teufeln, 
die ihres Daseins nicht froh werden. Oft fehle nicht viel, und Du 
schemes t Dich Deiner Freude inmitten der Freudlosigkeit, die 
Dich umd&mmert, und der Triibsal, die Dich umseufzt. Nur keine 
Sentimentalitaten , mein Junge ! Soli sich wirklich das Gesunde 
vor dem Siechen, das Schdne vor dem Hasslichen, die Lust vor 
dem Leid schamhaft verkriechen ? Denke daran, es gibt kein 
grosseres tlbel als den Widerspruch, und keine diimmere Dumm- 
heit, qJs das Ziel zu wollen und den einzigen Weg zum Ziel zu be- 
kritteln. Wer Eierkuchen begehrt, muss Eier . zerschlagen, und 
nur ein sentimentaler Wirrkopf sucht Kultur zu schmausen, ohne 
Jammer und Weh mit in den Kauf zu nehmen. Lass Dir doch vbn 
diinribartigen Schw&rmem, die an der Welt her umstochem , nicht 
das Geschichtchen vom „ Gluck fur Jedermann“ auf- 
schwatzen. Lust und Schmerz sihd mm einmal die Pole, um die 
sich unaufhaltsamen Schwungs das animalische Leben dreht, um 
zu immer vollkommeneren Formen sich emporzuwirbeln. Kultur 
aber ist nichts anderes, als dieses Lebens Hochschwung und Weit- 
sprung ; Kultur ist Natur durch Arbeit zum hochsten Genuss 
prapariert. Wie? soil nun im Treibhaus ein ander Gesetz 
herrschen als im Urwald, soil, wo rohe Lust zu frohlockettder 
Freude und schmelzendem Gliick sich gesteigert, nicht auch der 
Schmerz zu Kummer und Verzweiflung sich vertiefen? Ein 
Gegensatz am andem sich scharfen und zuspitzen ? 

Wen logisches Denken nicht von der Konstanz des Massen- 
wehs iiberzeugt, der lasse sich durch Experjmente bekehren. Seit 
1500 Jahren bekennen sich die Vdlker Europas zu dem Gotte, der 
da sprach : Liebe Deinen Ndchsten wie Dich selbst. Die Emsten 
und um ihr ewiges Heil Bekummerten unter den Menschen haben 
seither unter Gebet und Arbeit damach getrachtet, dies Gebot zu 
er fiillen und den Armen und Ungliicklichen beizustehen. Das 



Der Genussmensch 



1 



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Resultat all der Liebesmiihe ist, dass die Welt arger von Elend 
qualmt und stinkt als je. Wer noch klug werden kann, l&sst sick 

i 

durch diese Lektion der Jahrtausende belehren und erkennt, 
dass Not und Triibsal zum eisernen Bestand des Kulturinventars 
gehdren. ... Er wird gewahr, dass das Leid sich nur 
vertreiben lasst, um in anderer Form wiederzukebren. 
Die eine Zeit kennt es zumeist als Leibesnot und Kriegs- 
geschrei, die andere : vergeistigt und verinnerlicht, als Seelen- 
qual und Herzenspein; die Maske wechselt, zugegen ist es 
immer. Der einzelne mag sichs mit unerhortem Aufwand von 
Geist und Gut wohl vom Leibe halten, das Menscbengschlecht im 
ganzen, niemals. Je raffinierter eine Kultur, und auf je steilere 
Hohe gespomt, desto raffinierter aucb das Elend des Kultur- 
maschinisten-Proletariats. Obne Sklaverei keine Bliite antiker 
Kunst, ohne Leibeigenschaft kein Ritter turn, obne dicht sich 
drangende Heere verkiimmernder Handarbeiter und Hirntag- 
lohner keine zum Dienst des Modernen eingespannten und zum 

* 

Aufwarten befoblenen Naturkrafte. Solange die Welt bestanden 
hat, war die Crdme einer Kultur noch nie fur den grossen Tross 
mit dem dicken Fell und dem stumpfen Him, vielmehr von jeher 
nur fur die schmale Auslese einer dunnhiiutigen und skrupel- 
losen Kultur- Aristokratie, die mit fein und hart geschliffenen 
Rasseorganen die hochgehauften Schdtze einer iiberreifen Zeit 
zu unerhorter Macht oder Lust zerrieb. 

Ob Dir das traurig erscheint oder nicht, kummert mich wenig ; 
denn nicht zu f ii h 1 e n heisst es gegeniiber der unabSnderlichen 
Notwendigkeit, — es gilt zu h a n d e 1 n. Wer ein Mann ist, 
hartet sein Herz ab und zwingt Empfinden und Denken, mit dem 
Massenelend der meisten sich abzufinden, wie mit Tod und Alter 
und Winter und Nordwind. Einem jeden das Seine. Dem 
briinstigen Heisshimger und Fieberdurst nach Lust, die Natur 
und Kultur zum Genuss serviert ; dem weichen Gemiit, die Ge- 
nugtuung, an Unheilbarem herumzusttimpern und fur Kruppel 
sich selber zum Krtippel zu leben. 

Versteh mich wohl. Auch ich kenne das Mitgefiihl und achte 

I 

es an anderen, doch mit Leidenderi zu leiden ist nicht meine 
Sache. Ich lasse die Toten ihre Toten begraben und die Ungluck- 




PppffWWWWW'WW*' 



18 Der Genussmensch 



lichen den Ungliicklichen beistehen. Aber wenn meine Seele den 
bedringenden Schwall der Freude nicht mehr zu fassen vermag, 
lass auch ich ihn hiniiberspritzen in die Seele des N&chsten, und 
suche dem iiberwallenden Gluck Ablauf in die Herzen der Mit- 
menschen. Meine Freude heischt Mitfreude und Lustgenossen 
mein Festjubel. Urn dieser Freude stets die Fiille zu haben, muss 
ich reich sein an Kraft und Geist und Personlichkeit ; ich darf an 
nichts sparen, was meiner Eigenart und Genusskraft zur Atzung 
und Kraftigung dient . . . Was wird aus der Palmenoase, die 
ihr Wasser aus torichtem Mitleid mit dem Wiistenrand teilt ? Die 
Palmen verdorren, und die Wiiste bleibt Wiiste. 

Auch ich bin ein Garten in der Wiiste, eine Oase von Lebens- 
freude auf diirrer Heide der Freudlosigkeit. Statt die Giiter, die 
mir zu Lust und Leben verhelfen, mit anderen zu teilen und selbst 
kiimmerlich zu darben, will ich zu immer weiterem Umfang mich 
recken und im Uberfluss schwelgen. Nicht meine Mittel zum Ge- 
nuss verschwend ich an andere, wohl aber die Freude, in die ich sie 
umwandle. 

Tue es mir gleich, und nimm Dir das Recht, mit Deiner 
eigensten Miinze zu zahlen. Und wenn in den Ebbestunden der 
Lebenslust mitleidende Schwache Dich anficht, so denke an die 
Palme, die eigensiichtig nur fur sich selber lebt und doch Tausende 
letzt. ... 1st die Lebenssucht weitsichtig und stark genug, Deine 
Personlichkeit zu formvollendeter Fiille auseinanderzubreiten, 
so wie der blinde Lebensdrang den Dattelkern zu Palmwedelpracht 
entfaltet, dann leb auch Du getrost voll unersattlicher Genuss- 
sucht Dir selber ; es kommt sicher die Zeit, da auch andere Dirs 
danken. Denn perlt Freude in Dir, geht Deine Umgebung nicht 
leer aus ; Du mehrest ihre Lust, wahrend der Mitleidige nur 
U n 1 u s t mindert. Du machst Gliickliche gliicklicher, und jener — 
Ungliickliche nur weniger unglucklich. Der Tugendhafte schenkt 
Hab und Gut, der Meister im Lebensgenuss: eigene Personlichkeit. 
Christenideal ist das der eigenen Notdurft abgeknauserte Witwen- 
scherflein ; unser Ideal : uberquellende Fiille, die zur eigenen 
Lust sich ausschiittet, ohne zu fragen, ob sie Schweinen zur Mast 
oder Konigen zur Labung diene. 




Bin Weltereignis 





Ein Weltereignis 

Von HERMANN ESSIG 

Ein Mausepaar sah einem freudigen Ereignis entgegen. 

„Geh hin,“ sprach die M&usin zum Mauserich, ,,und kund- 
schafte, ob du irgendwo einen fetten Ort findest, der mich mit 
tneinen kleinen Mauslein lange gut ernahren wird.“ 

Der Mauserich driickte ihr einen Kuss auf die Schnauze und 
begab sich auf die Reise. ,,Dass du nicht zu lange ausbleibst,“ 
sagte sie noch, „und gehe ja nicht in die Falle. (< ,,Nein, nein, 
ich kofflme gleich wieder, “ sprach er. 

Er kletterte und rutschte durch alle Engpasse und Fluren 
des Hauses Nr. 96 empor, schliesslich roch und duftete es in der 
dritten Etage bei Stanges nach einer Unmenge schoner Blumen, 
dem reichen Abfall von Kiiche und Tisch, der uberall zerstreut 
lag. Freudig erglanzten Mauserichs Augen , hier wollte er seine 
Traute herbr ingen, damit sie die Kleinen zur Welt brachte. 

Schleunigst wollte er umkehren und seiner Frau von dem 
Lande kiinden, damit sie mit ihm herzoge. Wie’s aber so 
geht, an einem Punkt dieser Landschaft blieb er stehen, um sich 
noch einmal umzuschauen. Da floss ein rauschendes Wasser, 
•das gurgelnd in die Untiefe kollerte. Auch fiel ein helles Licht 
neben ihn. Er verkroch sich in den Schatten, da sah er eine 
Riesengestalt vor sich, die schnell wieder verschwand. 

Er zitterte liber diese Erscheinung und blieb in stillem Bangen 
sitzen, ob hier wirklich so gute St&tte sein wiirde. Wahrend ihm 
alles iibrige recht wohl gefallen hatte, hier war es wild romantisch; 
-das grelle Licht und die tosenden Wasser. Endlich wollte er wieder 
fur bass gehen und seiner Frau Meinung dartiber horen, aber 
da erschien wieder die Riesengestalt, und es hielt ihn fest in Angst 
und Bangen. 

Nun zog aber wie von Zephyrdiiften gefachelt plotzlich 
ein siisser Duft um seine Nase. Bald stellte er fest, dass hier 
in der Nahe das ihm bis jetzt verborgen gebliebene Eden 
liegen musste. Als die Riesengestalt auch diesmal gliicklich 
-wieder verschwand, wurde er beherzt und neugierig, dem Ur- 
sprung des Duftes nachzuziehen. 

Wohl iiberkam ihn ein Gefiihl, als horte er die Worte, die 
-seine Traute beim Abschied zu ihm gesprochen hatte, „ Artur, 
jgehe mir ja nicht in die Falle, gelt, geh mir nicht in die Falle, 

** 



f 



20 Ein Weltereignis 



passe gut auf.“ ,,Nein, nein, was denkst du, ich gehe doch nicht 
in die Falle,“ batte er dann gesagt. Komisch, dass er's jetzt im 
schonsten Augenblick so sehr lebhaft dachte. Er machte eine 
die jetzige Wirklichkeit klarstellende Bewegung, indem er den 
Kopf durcb die beiden V order fiisse strich. Und da stiess er auch. 
schon an etwas, ganz leis, das ein grosser Speck war, das war 
es, ja, der Speck hypnotisierte ihn, es schauerte ihn, es knickte 
und klatschte, er wollte den Schwanz einziehen. Das ging nicht, 
er stiirzte zu Boden und hdrte das tosende Wasser. So lag er 
eine Weile gerade ausgestreckt mit eingeklemmtem Schwanz, 
ganz unbewusst. 

Da erschien wieder die Riesengestalt, er wendete nicht den 
Kopf nach ihr, denn jetzt erkannte er sie, sie hatte ihm das Un- 
gliick gebracht. Es war Frau Stange, die gerade ins Bad steigen 
wollte. 

Frau Stange drehte den Wasser hahnab, dasTosen verstummte. 

Der Mauserich fiihlte sicfa angehoben wie auf schwankendem 
Aeroplan. Frau Stanges Stimme gellte schrill: „Die Maus, die 
Maus, ich hab sie, ich hatte mich doch nicht get&uscht, es war 
eine Maus.“ 

Und ein Haufen kleinerer und grosserer Riesengestalten kam,. 
Frau Stange warf ein Badetuch um sich. Ein Geschrei und 
Larmen wurde, es ging in die Liifte gehoben durch R&ume und 
Hande, Augen, Brillen, bis wieder ein Stillstand kam. Da sah. 
sich der Mauserich umgeben von Tellern und Tassen, in seiner 
N&he sah er eine blaue Flamme, worauf ein Kessel mit Wasser 
kochte. 

Ob dies ihn betraf — ? 

Es iiberkam ihn ein Zustand von Wursthaftigkeit, er begann- 
sich seine Lage anzusehen. Allerdings, er war in die Falle ge- 
gangen. Da heraus kommenl Er biss um sich, das war 
harter Draht, so ging’s nicht. Sein Schwanz war freigemacht, 
offenbar von Frau Stange selber. Vielleicht konnte er auch 
hoffen — I Er setzte sich recht timid hin und wartete, er gab sich 
als einen, der nicht auf drei zahlen kann, dem man ruhig die 
Zellentiir offnen konnte, der selbst dann nicht entflohe aus 
der siissen — verwiinschten — N&he des Speckes jener dummen 
Sau. 

Frau Stange kam von neuem auf ihn zu, er sah sie recht 
treuherzig an und putzte sich sogar. Frau Stange l&chelte ihm 
zu. Oh wie er jetzt hoffte und an seine Traute, an dieses Wieder- 
sehen dachte! 

Aber bald verlor er wieder die Hoffnung, Frau Stange loschte 
die Flamme aus, hob den Kessel vom Herd und schrie lauti 



Sin Weltereignis 




„Wer will noch einmal die Maus sehen!“ Es larmte und grohlte 
«in Haufen daher, ein Eimer wurde auf den Boden gesetzt, der 
Kessel wurde hineingeschiittet, es qualmte und dampfte. Die 
Stimme: ,,Totet das siisse Mauslein nicht!“ wurde iiberhort. Dem 
M&userich krampfte es das Herz ; ,,wenn das ihn betraf — o 
Traute!* 1 , wShrenddem ihm viele vergniigte Gesichter Liebes- 
Tvorte zufliisterten „du susses Mauschen“. Ach, beim Blick in 

i 

<len Dampf des Eimers auf dem Boden misstraute er dieser Lieb- 
kosung der Riesen. 

Wahrhaftig, es gait ihm, es ging in den Abgrund, er fiihlte 
-die[Nahe des heissen Pfuhls, kletterte verzweifelt in die oberste 
Ecke der Falle, ein Pfiff entrang sich ihm ,, Traute susse“, 
-ein kalter Ruck, und ein glatter Leichnam wurde aus dem 
Jieissen Sud gezogen. 

Wie abscheulich! alles schiittelte sich in Grausen vor dem, 
•welchen man soeben noch siisses MSuschen genannt hatte. 

Die Klappe der Falle wurde geoffnet und Arturs Kadaver aus 
der dritten Etage in den Hof geschleudert, nachsten Morgen beim 
Kehren vom Portier — mit einem Fluch gegen oben gefunden, 
mit einer Zange in den Mullkasten getragen, wo er sein Grab 
fand. 

Frau Stange badete selbige Nacht ihren Lebensnam, schnee- 
weiss, gedachte beim Erinnern an die Maus nur der einzigen 
Interessantheit, dass am Leichnam die Maus deutlich als Mann 
zu erkennen war, um den es immerhin schade war. 

* * 

* 

Die Mausin gramte sich, warum Artur nicht zuriickkam. 
Spatestens um zehn sollte er wieder da sein, weil man das Haus 
schloss. 

Sie fiihlte schon die zwanzigbeinigen Stosse der Kleinen in 
ihrem Bauch, und es hatte not, bald das Nest zufinden. Triibselig 
king sie den Kopf. Die letzten Strassenbahnen rollten schon 
voriiber, er kam nicht. 

Sie konnte ja nicht ahnen, dass ihr schoner Mann nicht 
allzuweit von ihr in so schaudervollem Ansehen auf dem Hof- 
pflaster lag. Aber da ihm doch irgend etwas zugestossen sein 
musste, machte sie sich schliesslich auf, ihn zu suchen. 

Leicht fand sie den Weg, den er hingegangen war, an vielen 
Orten hatte er ein Exkrement als Wegzeichen und Andenken 
hingesetzt. Mit Freuden passierte sie immer wieder so eine 
St e lie, wo etwas von ihm lag. So war er also doch so weit ge- 
kommen! Da fand sie ihn vielleicht noch, am Ende hatte er 





Ein Weltereignis 




sie bloss geschwind aus Fresssucht, die sie an ihm kannte, 
vergessen. Irgendwo hockte er und schlemmte! Immer mehr 
vermutete sie dies, und ihre Sorge, er konnte in die Falle 
gegangen sein, schwand. 

Wie sie boch oben bis zur drittenEtage gewandert war, verloren 
sich des Liebsten Spuren in der Ebene. Mit einer gewissen ehr- 
furchtigen Scheu trat sie in das Land ein, wo sie ihn bei leckerem 
Mahle zu finden ganz bestimmt hoffte. 

Sie fand bald viele Platze, wo er gewesen war. Aber ihn 
selbst fand sie nirgends. Sie pfiff ihm in diinnem, nur seinem 
Ohr vernehmlichem Ton. Da wuchs ihre Sorge wieder, da gar 
nie eine Antwort erfolgte. 

Besonders an einer Stelle, wo sie jetzt ankam, befiel sie 
tiefe Angst. Da bog ein Wasserrohr ab in die Wand, da lagen 
Haare, wie er sie hatte. Eine getrocknete winzige Pfiitze, als 
wenn er hier nach ihr geweint haben miisste. 

Sie wimmerte, dass ihre zappelnde Brut in ihr bebte, hastete 
unruhig herum, ging gedankenlos an alien Schonheiten und 
Verlockungen vorbei, trube den Kopf hinabh&ngend. 

Schliesslich gab sie’s auf, ihn zu suchen. Sie musste sich ein 
Nest zurichten an einem Ort, wo sie niemand vermuten und 
storen konnte. Dazu erwahlte sie sich einen grossen Schrank. 
Mit fieberhaftem Eifer begann sie ein Loch in den Schrank zu 
nagen, dann wollte sie innen irgendeine Rocktasche benutzen, 
um in ihr das Wochenbett durchzumachen. 

Das Loch gedieh erfreulich rasch, und sie konnte hoffen, in 
zwei Nachten freien Eingang zu haben. 

Plotzlich fiel ein Lichtschein an ihr voriiber, und sie wurde 
ganz still. Es liefen schwere Tritte wie von Riesen, dann wurde 
die Schranktiir laut knarrend gebffnet. Das Licht erlosch 
wieder, und sie wollte gerade das Nagewerk fortsetzen, als eine 
siisse Speckluft sich um sie legte und sie umkreiste. 

Da war eine Falle hingestellt worden! 

Woher sonst sollte auf einmal der Speck kommen ?! 

Sie horchte gespannt und hbrte nun fliistern. 

Herr Stange sagte zu Frau Stange: „Ich glaube, dass sie so 
nicht in die Falle geht, das merkt sie. Es war fur die Katze, 
extra in die Kiiche zu gehen, den Speck anzubrotscheln, die 
Falle zu stellen, nur um sich kalte Fiisse zu holen.“ 

Aber obgleich Traute auf der Hut war, so bangte sie 
doch vor der Gefahr, denn ob sie vom Geruch weglief oder ihm 
entgegen, vermochte sie nicht zu entscheiden. Eines wusste 
sie jetzt, dieser Duft war ihres armen Mannes Verhangnis ge- 
worden. 



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Ein Weltereignis 







Mit Enttauschung sah die gespannte Mausefalle unter Frau 
Stanges Schrank hinab, als sagte sie: „Gott, kommst du nicht 
endlich.“ Die Falle stand offenbar hier nicht richtig, sie blieb leer. 

Im Stangeschen Haushalt irrte nun Traute, wohl reichlich 
Nahrung, aber schlechten Unterschlupf findend, umher. Kein 
Mensch . bemerkte unter Tags ihre schwangere Anwesenheit, die 
sonst im Leben mit so viel Anstossen und Naserumpfen schleunigst 
an holden Repr&sentantinnen bemakelt wird. Trotz dieser Un- 
gestortheit wurde es der irrenden Traute immer verzweifelter 
zu Mut. Die Kleinen in ihr wollen gar rummer Ruhe geben, 
oft fiel sie geschwinde hin. Es wurde Zeit zum Neste. 

Herr Stange setzte sich der Kiiche gegenuber gerade an den 
Tisch und feierte Halbmond, indem er in der dunklen Seite sass 
und die Kiiche erleuchtet war. Er dachte so gut wie nichts, 
sah viehnehr ins Helle. Seine Frau n&herte sich ihm tastbar, 
es ware vielleicht zum Kusse gekommen. 

Aber Herr Stange stand auf mit Emporung: „Soeben lief 
in alter gemiitlichen Frechheit langsam eine riesengrosse Maus 
von der Eimerbank zum Abwaschschrank, es ist doch unerhort! 
Wir haben jetzt also richtig M&use. Nicht mehr ausnahmsweise 
eine Maus, nein, , M&use* haben wir!** Frau Stange schlug entsetzt 
an ihre Brust. 

Man lief zur Falle und pr&parierte den Speck. Mit J&gergenie 
stellte Herr Stange die Falle auf „den Wechsel" der Maus. Da 
musste sie in Sekunden gefangen seinl 

In der Kiiche roch es zuf&lig sehr stark nach verbranntem 
Pflaumenkuchen, dass jeder andere Geruch darin ersticken 
musste. 

Frau Stange bezweifelte darum die Wirkung des Specks, 
aber Herr Stange hielt daran fest: „Mit Speck f&ngt man M&use.** 

Die Falle stand. 

Die Rettung des verbrannten Pflaumenkuchens nahm alle 
Hande sodann in Anspruch. 

Es musste verhext sein, es schnappte und klappte, es schien 
kein Augenblick. Die Maus musste direkt auf den Speck ge- 
wartet haben. 

Herr Stange frohlockte mit hocherhobener Jagdtroph&e, die 
zur schweren H&lfte aus der Falle heraushing. 

Die Gefangene &chzte: „Verfluchter Pflaumenkuchen, der 
mir die Witterung genommen hat!*' Aber mit Speck f&ngt man 
M&use, frohlockte der J&ger, hab ich’s nicht gesagt ?! 

Im Gliicke seiner Einfalt befreite er durch leises Anheben der 
Klappe die Maus — die eine Kapitalmaus war — aus ihrer 
Schmerzenslage, und Traute huschte vollends in den K&fig hinein. 




Ein Weltereignis 




Frau Stange, welche durch ihre Kunst im Pflaumenkuchen- 
backen eigentlicb die Schuldige an der Maus Schicksal geworden 
war, hatte den Pflaumenkuchen vom Blech geldst und eilte nun 
herbei. 

Traute und Frau Stange sahen sich an. Mit einem Blick 1 

Er hiess: „Wir sind schwanger.“ 

Eine Maus, die Junge kriegt, ist es, erhob sich ein Jubel. 
Die sperrt man diesmal ein! Die Kinder freuten sich schon der 
jungen Miuslein. Und man wiinschte nur den getoteten M&userich 
wieder zuriick.! Hatte man ihn nicht getotet, jetzt hatte man 
die schonste Familie Maus beieinander. 

Traute schien zu verstehen und hockte mit ihrem dicken Leib 

k 

in der Falle. 

Es war cun dritten Tage, nachdem sie ihren Mann verloren 
hatte. 

’ I 

Frau Stange sah recht oft und innig zu ihr in die Falle: ,,Dein 
armes Mannel erlebt deine Freude an deinen Kinderchen nicht 
mehr.“ Es wurde den beiden Frauen recht weh urns, Herz und 
sie schlossen schnell Freundschaft. 

Traute liess . die Zuckungen ihres Leibes beobachten und 
liess ausrechnen, wie lange es ungef&hr noch dauern werde. 

In einem alten Einmachglas, das mit einem durchlochten 
Bohnerwachsdeckel zugedeckt war, stand sie schliesslich mitten 
auf dem Tisch beim Abendbrot, Friihstiick, Mittagessen. 

Zum Schein freute man und ergdtzte sich an ihren reizenden 
Bewegungen, in Wahrheit warf man gierige Blicke auf den 
Bauch der Gefangenen, ob’s bald losginge. 

Traute bekam die besten Sachen kredenzt, aber sie nahm 
ausser einem kleinen Brockelchen mit Milch keine Nahrung zu 
sich. Ein Extra- Aufzug fur Milch, der ins Glas gearbeitet wurde, 
machte nicht einmal Eindruck auf sie. Dann driickte sie oft 
so eigentiimlich, als miisste sie husten, sass immer triibseliger 
und zwinkerte mit den Augen. 

Frau Stange liess kein Auge mehr von ihrer Gefangenen , 
sie . zweifelte nicht, dass die Maus in Wehen lag. 

Und es fiigte sich, dass man zu Tische sass und die Tisch- 
genossin im Glas das erste Junge zutage forderte. — Gerade, 

wie wenn eine Katze auf einem Sandhaufen sitzt und -1 

war der Anblick. 

a 

„Das geht aber einfach,“ rief Frau Stange. 

Die Maus frass nur nach dem Ereignis die Blutteile vom 
Jungen ab und beleckte es. So ging es funfmal. Es war das. 
,appetitlichste‘ Spektakulum im Stangeschen. Den Kindern 
war das Ereignis durchaus so am verstcindlichsten, um so mehr, 



■* 

Bin Weltereignis 25 

als die Andeutungen, dass es beim Menschen gerade so gehe, 
nicht fehlten. 

Mit der Zeit fiel es jedoch auf, dass die Jungen sich gar nicht 
ruhrten. Man schritt zu ihrer naheren Untersuchung. Da ergab 
sich, dass Trautes Kleinen alle erst halb entwickelt und sie 
samtlich Fehlgeburten waren. 

Da schmeckte das Essen denn doch nicht mehr recht in 
der Nahe dieser Kindsleichen. Jedoch hielt Herr Stange es fur 
gahz falsch, sich den Appetit verderben zu lassen, sondern 
erklarte vielmehr, dass dies ganz einfach „eine Friihgeburt sei, 
welche Erscheinung auf die Quetschung der Maus dutch den 
Deckel der Falle zuriickzuf uhren sei — wie bekanntlich auch beim 
Menschen, wenn Unglucksf&lle usw. . 

Es schmeckte nach solcher Offenbarung zwar nicht besser, 
immerhin konnte man wenigstens die Maus abtragen, denn 
die medizinische Wissbegier war vollauf befriedigt. Das Theater 
war fur diesen Abend ganzlich uberfliissig geworden. 

Traute beschaftigte sich mit Aufraumungsarbeiten, die Jungen 
stopfte sie unter die Holzspane, welche man ihr ins Glas gegeben 
hatte. Nur das Erbarmlichste von ihnen liess sie in seinem 
embryonalen Aussehen an dem Rand des Glases kleben, wahr- 
scheinlich zum Hohn der Beschauer. 

Miihselig und geschwacht kletterte sie herum, so dass sie 
Erbarmen genug fur sich erweckte, sie, die arme Mutter, nicht 
den Tod durch Ersaufen sterben zu lassen wie den Herrn 
Gemahl . 

Dieser Maus, die man leiden gesehen hatte, musste die Freiheit 
geschenkt werden. Fiir sie war die Freiheit ein Recht geworden, 
lautete der Beschluss der menschlichen Gesellschaft. 

Also gut. Fr&ulein Stange wurde beauftragt, den Inhalt 
des Einmachglases auf die neue Rasenpflanzung der Parkstrasse 
auszuschiitten. Dreiyiertel neun Uhr, es war schon Nacht ge- 
worden, stieg sie mit Wonnegefuhl hinab, Jemandem, wenn’s auch 

bloss eine Maus war, die Freiheit schenken zu diirfen. 

% * 

Vom hohen Balkon schauten die anderen hinab. 

Jetzt schiittelte sie,! sofort rannte die Maus da von, weg von 
ihren Friihgeburten. 

Aber was war’s! 

Eine Katze! 

Niemals war sonst hier eine Katze zu sehen. Jetzt war sie 
da, axis dem Bauzaun herausgekommen wie von der Vorsehung 
hierhergesetzt, die Maus, fiir die voll Grossmut die Freiheit 
praludiert war, zu haschen. 

Die Katze trug die Entbundene im Maul in den Neubau 




Ein Weltereignis 




hinein, ihr dort den Garaus zu machen, und so die erste Leiche 
dort niederzulegen. 

Nur noch mit schwachen Zuckungen seufzte Traute das 
letzte Gedenken an die schone Flitterzeit einst mit Artur samt 
den dabei gehegten Hoffnungen. 

Es war vorbei. 

Am n&chsten Morgen zogen die Besenweiber auf, den Rasen 
zu kehren. Eine von ihnen klaubte das Holz, worauf die Maus 
geboren hatte, in ihre Scburze. Vielleicht wurde auf dieses Holz 
sp&ter noch ein Zuckerhase geklebt, da das Brettchen schon 
einmal rot war. 

Dann kehrte das Weib den Rasen, und die M&usebrut spritzte 
vom Besen in den Rinnstein der Strasse. 

Herr Stange philosophierte dariiber, ob es Zufall war, dass 
hier die Katze dem Menschenwillen in die Quere kam, oder ob die 
allgemeine Weltweisheit hier gescheiter gewesen sei als der 
Mensch. 

Wenn die Herzen dieser Mauseleben auch wirklich fiir ein- 
anderschlugen, so war dieser Ausgang diesmal das Beste. 






Die Braut 







Die Braut 

Von RICHARD WOLFGANG WORTON 

(Ulm) 

Wiisst’ ich Eines doch nur gewiss 
beim Eingehn in die Finsternis, 
mein Liebster Du! 

Dass Dir ins Herz gedrungen, 

als ich Dich sterbend umschlungen, 

die Seele der Braut zu schauender Ruh. 

Drum kann ich nicht aufhoren 
mit brennenden Kiissen. 

Ich stiirb ja so selig, 

konnt’ ich nur wissen, 

dass alles Leben und Leiden Dein, 

kams Dir ins Herz hinein, 

mich darin f&nde, 

lebendig nur Dir, tot fur das Andre. 

Halt mich! Gib mir deine HInde! 

Kites’ mich! Trauter! heisser noch! 

Siehst du’s denn nicht : 

dass ich still nun von dir wand’re? 




** 




Baukrach 




Baukrach 

Das Wort von den unbegrenzten Moglichkeiten musste oft 
dazu dienen, Glaubige zu werben fiir die Beteuerung der Terrain- 
und Bauspekulation, dass der baulichen Ausdehnung Berlins 
keine Schranken gesetzt w&ren . . . Wer nicht daran glaubte , 
dass alle Kartoffelfelder zwischen Berlin, Luckenwalde und 
Stettin sehr bald mit vierstockigen Mietskasernen bebaut sein 
wiirden, dent fehlte das Verst&ndnis fiir die Entwicklungstendenzen 
unserer Zeit. Wer gar vor wenigen Jahren von einer Ueber- 
spekulation auf dem Baumarkte sprach, war 
nach dem Urteil der Leute von der Terrainzunft ein unwissender 
Narr. 

Zwar begann die letzte Krise mit einer Stagnation der Bau- 
tfitigkeit; als aber der Terrainmarkt sich dusserlich behauptete, 
wurde jubelnd verkiindet, dass eine neue Periode bluhender 
Baukonjunktur nahe bevorstehe. Nur die Geldverteuerung im 
Jahre 1907 war nach den Erkl&rungen der ,,Praktiker“ das 
Hemmnis fiir den weiteren Aufstieg. 

In schneller Folge sanken die Sfitze fiir Leihgeld, doch ein 
wirklicher Verkehr im Terrainhandel blieb aus. (Waren im 
Jahre 1906 im Berliner Baugewerbe zi6 655 Personen beschdftigt, 
so sank diese Ziffer im Jahre 2907, das noch zum iiberwiegenden 
Teil im Zeichen einer guten Wirtschaftslage stand, auf 99 956 
Personen und im Jahre 1908 auf 89 676 Personen.) Auch die 
Zahl der Neubauten hatte in den Krisenjahren einen Ruckgang 
orfahren, — — behauptet hatten sich nur die hohen Berliner 
Terrainpreise. 

* * 

* 

Knappheit an bauf&lligen Terrains in Berlin war zu allerletzt 
die Veranlassung dieses Beharrens der Bodenpreise, das Angebot 
war erdriickend, — wahrend von einer Nachfrage ernstlich 
iiberhaupt nicht gesprochen werden konnte. So miisste man 
schliesslich an ein Wunder glauben, wenn nicht die Lehre von 
der Preisbestimmung durch Angebot und Nachfrage bei solchen 
Yerh&ltnissen ein Marchen ware. Durch das formliche B o den* 
m o n o p o 1 , das die Grossbanken fur Berlin und seine 
Vororte mit den Jahren erworben haben, wenn sie in den 
Grundbuchern auch nicht als Besitzer der ihrer Kontrolle 





unterstehenden Terrains eingetragen sind, war die Aufrecht- 
erhaltung dieses widerspruchsvollen Zustandes moglich. Nur 
auf die kolossaleBeteiligung der Grossbanken 
an der Terrainspekulation war es zurftckzuftihren, 
dass die Krise auf dem Baumarkt nicht l&ngst zu stiirmischen. 
Ausbriichen gefiihrt hat. Private Kapitalisten hatten unter der 
Ungunst der Konjunktur und des Geldmarktes l&ngst kapitulieren 
miissen, die Banken allein vermochten durch ihre Finanzmacht 
die enormenEngagements durchzuhalten und 
neue darauf zu haufen. 

Um ihr Programm, mehr gezwungen als freiwillig, durch zu- 
fiihren, sahen sich die Grossbanken gendtigt, neue Terains 
zu ubernehmen, denn dasAuftretenjeder 
storenden Konkurrenz musste verhindert 
w e r d e n. Am deutlichsten dusserte sich diese Taktik bei dem 
Erwerb des Tempelhofer F e 1 d e s , dessen Besitz sie 
unter Aufbietung aller ihrer Verbindungen und Krafte erkampften, 
um die R e g u 1 i e r u n g d e s Terrainmarktes in 
der Han id zu behalten. 

Eine Erschliessung des Tempelhofer Feldes 
etwa durch die Stadt Berlin (ob sie die Bebauung 
selbstandig vorgenommen hatte , wenn ihr das Feld zugeschlagen 
worden w&re, ist allerdings eine andere Frage) h & 1 1 e a 1 1 e 
Berechnungen der Banken uber den Haufen 
geworfen. Deshalb nahmen sie auch diesen Komplex, 
obwohl sie nicht wussten, was sie mit den riesenhaften Terrains, 
die sie schon vorher besassen, anfangen sollten . . . 

Ihre Terrainbeteiligungen ftihrten dazu, dass sie alle Institute, 
die Hypothekengelder zu vergeben haben, in ihren Dienst zogen. 
Versicherungsunternehmungen und Terraingesellschaften stehen 
' unter dem Protektorat der Banken in engster Verbindung — und 
die Hohe der Beleihungstaxen wird gleichfalls den Interessen 
der Banken angepasst. 

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* * 

* 

Selbst in den Jahren vorziiglicher Borsenkonjunktur blieben 
die Terrainaktien von den allgemeinen Kurssteigerungen un- 
beriihrt, sie konnten nicht nur keine Aufwartsbewegung erzielen, 
ihre Kurse sind vielfach noch weiter gewichen. Dem 
verehrlichen Publikum will man plausibel machen, dass sich 
darin die Folgen der Wertzuwachssteuer dussem, nachdem ihm 
vorher erz&hlt worden war, dass nach der Annahme des geplanten 
Steuergesetzes die Zuriickhaltung derSpekulationsicherschwinden 



B&ukrach 






wiirde. Seit langem ist den Terraingesellschaften 
eine nennenswerte V e r k a u f s t a t i g k e i t un- 
moglich gewesen, obwohl es an krampfhaften Be- 
miihungen zur Belebuag des Geschaftes nicht gefehlt hat. Unter- 
lassen haben die Banken nichts, Bauleben in die Terrainmassen 
hineinzubringen . 

Hoch- und Untergrundbahnen wurden errichtet und neu 
projektiert, grosse Grundstiicke fiir Kirchen und 
Amtsgeb&ude werden verschenkt, nur um die 
Erschliessung zu lordern. Viele Kampfe um die 
Strecken neuer Bahnen sind nichts weiter 
als die Versuche der S p e k u 1 a t i o n , d i e ver- 
schiedenen Stadtverwaltungen zurUnter- 
stiitzung ihrer Bodeninteressen zu zwingen. 
Aber das sind Hilfsmittel, die nicht mehr verfangen, um zahlungs- 
fahige Kaufer in genugender Zahl heranzuziehen. Die Gesell- 
schaften fordern fur ibre Terrains wahre Liebhaberpreise , sie 
miissen sie fordern, denn sie haben ihren Besitz selbst zu 
ausserordentlichen Preisen iibernommen, zumeist aus den 
H&nden der Banken, die bei den Griindungen in Gestalt von 
Zwischengewinnen den grossten Teil der Rentabilit&tsmdglichkeit 
vorweggenommen haben. 

* * 

♦ 

Der Geschaftsbericht des Verbandes der Batigesch&fte von 
Berlin und den Vororten fur 1910/1911 weist in knappen Worten 
auf die gewiss nicht neue Tatsache hin, dass die Baustellen 
haufig zu Preisen veraussert werden, die zu dem wirklichen 
Wert der Grundstiicke in der betreffenden Gegend in keinem 
Verhaltnis stehen . . . Da zahlungsfahige Kdufer derartige 
Kaufpreise in den allermeisten Fallen nicht bewilligen, treten 
an ihre Stelle kapitalschwache Existenzen, die nun bauen und 
vielfach wahrend der Ausfuhrung des Baues in Schwierigkeiten 
geraten. Das Grundstiick kommt zur Zwangsvollstreckung, 
die Handwerker fallen mit ihren Forderungen aus. Es hiesse 
die Verhaltnisse beschonigen, wenn man nicht ausdriicklich be- 
tonen wollte, dass dies der N ormalzustand im Berliner Bau- 
gewerbe ist. 

Nur unter solchen Bedingungen liess sich die Baut&tigkeit 
in dem bisherigen Umfange erzielen. Schon Oktober 19x0 
wurden in Gross-Berlin 65 000 leerstehende Wohnungen und 
1 1 000 leere Geschaftslokale gezahlt; das sind ca. 6 pCt. aller 
JRdume. Mit dem Friihjahr 19x1 setzte eine verstarkte Bautatigkeit 



Baukrach 



3i 



ein, die nur dazu fiihren konnte, die Ueberproduktion noch zu er- 
hohen. Es muss fortgebaut werden, um wenigstens 
den Schein einer Bewegung auf dem Terrain- 
markt hervorzuruien, obgleich die Erschliessung 
jedes neuen Gebietes eine Entwertung eben erbauter Strassen- 
ziige nach sich zieht. 

Bei der Erkenntnis dieser Zusammenhange ist es nicht ver- 
wunderlich, dass die grossen Terrainspekulanten bei der im Frii ti- 
ling 1910 in zahlreichen Provinzorten erfolgten Bauarbeiter- 
aussperrung auch den heissen Wunsch spiirten, die Aussperrung 
in Berlin eintreten zu lassen. Damit ware die Bautatig- 
keit zum Stillstand gelangt, die Spekulation 
h a 1 1 e Atem schopfen und den Besitzern von Terrain- 
aktien mit riihrender Stimme erzahlen konnen, dass die Arbeiter- 
schaft die Einstellung jeder Bautatigkeit gerade in dem Augen- 
blick verschuldet babe, in dem sie sich herrlich entfalten wollte. 

Verhindert wurde die Verwirklichung dieser Kalkulation 
durch den Widerspruch der noch vorhandenen 
soliden Baugeschaf te, die Arbeiten fur 
fremde Rechnung ausfiihren und die bei der besseren 
Wirtschaf tskon j unktur im Jahre 1910 sich ihr Geschaft nicht 
unterbinden lassen wollten . . . 

So wurde und wird die Ueberproduktion weiterbetrieben. 
Doch immer naher kommt die Zeit, in der solche Wirtschaft 
nicht fortgesetzt werden kann; in der die ganze Baumisdre zum 
Ausbruch kommen muss. 

Wenn die Banken in einer Periode all- 
gemeinen Niederganges der Konjunkturdie 
Terrain- und B a u s p e k u 1 a t i 0 n nicht mehr 
wiebisher zu subventionierenin der Lage 
w&ren, — dann wurde der Baukrach sich mit 
Donnergepolter entladen. KRITES 




Vive la bagatelle 1 

Swift 



PHILIPP EULENBURG 

Kaum dass der , ( blode Eulenburghander ‘ gestreift worden ist, so 
steht gleichlautend in Bl&ttem der Linken und Rechten die Meldung : 
der Meineidsprozess wider den Mann wird jetzt, im Oktober, vor dem 
Landgericht stattfinden. Warum? , , Beobachtungen, die im Laufe des 
Sommers von Kriminalschutzleuten und von Angesteilten eines Detektiv- 
bfkros vorgenommen wurden . . 

Auch von Angesteilten eines Detektivbtiros. Neugierig ist man, wer 
sie bezahlt ; Herr von Holstein, welcher den An griff machen liess, ist 
ja tot. Bericfatet wird, „dass Eulenburg, sobald er sich unbeobachtet 
weiss, sehr munter ist und keine Symptome einer emsten Erkrankung 
zeigt“. Es handelt sich um ein Verkalken der Adem. Der nicht 
wachsende Umfang dieses Siech turns ist durch das Opemglas ermittelt. 
So sich der Forscher nicht auf Gehorswahmehmungen verliess, auf das 
Knacken der durch inneres Ablagem verkalkten Blutgeffisse. Die Detektivs 
haben an der Herzarterie weder ein auf Entfemungen erheblichesBummsen 
noch Rasselknirschen festgestellt. Eulenburg ist ,,munterer“, wenn er sich 
unbeobachtet fiihlt ; ein schwerkr anker Greis wird so lange munterer sein, 
wie er Folterer nicht in der N&he glaubt. Er zeigt keine Erregung, wenn 
er allein ist : sie zeigt sich seltsamerweise dann erst, wenn sie ihn wieder 
aufjagen. Und eigensinnig wird er nicht frQher tot umfallen, als bis man 
ihn zur Verhandlung schleppt. 

Es kann der Wunsch im geringsten nicht sein : dass ein Eulenburg 
besser wegkommt als andere. Son dem: dass andere so gut wegkommen 
wie ein Eulenburg. Auf seinem Verhalten steht die Todesstrafe nicht. 
Wenn er eidbriichig war, ist er hineingeschreckt, hineingeekelt worden. 
Anstindige Geschworene w&rden ihn freisprechen. 

Es gab noch unl&ngst eine Zeit, wo wachsender menschlicher Verstand 
das Los der Gleichgeschlechtigen altruistisch ansah. Wildenbruch half 
mit seiner Unterschrift, Straflosigkeit vom Gesetz fur sie zu fordem. 
Der Irrtum des Gesetzes lebt weiter. 

Auch dieser Irrtum darf erst nach klugen Wahlen auf Beseitigung 
rechnen. Kerr 



DER PAN- BA HN- B ANN 

Die k. Polizeidirektion von Mfinchen hatte keinen Bescheid auf 
ein Telegramm gegeben, welches fragte : ob wirklich in Bayern der 
Panbahnbann verhangt ist. Der (freundlich zustimmende) Bescheid 
kam, als das Heft gedruckt war. ' Er sagt am Schluss : 

Die Verzogerung der Beantwortung der gesch&tzten Anfrage, 
welche durch die Abwesenheit des zust&ndigen Referenten entstand, 
bitte ich zu entschuldigen." Die Anfrage entstand durch die Abwesenheit 
des Referenten ? Nein ; ein Irrtum des Ausdrucks. Gemeint ist, dass die 
Verzogerung dadurch entstand. In jedem Fall : dieser Punkt ist von 
der k. Polizeidirektion hoflich und angemessen erledigt. 



if 




Arnold Schonberg - Corinth und Leistikow 







In der Sache selbst herrscht ein Irrtum, . . . der zur Aufhebung des 
Verbots fiihren muss. Erlassen ist es ,,im Anschluss an die friiher er- 
folgten Beanstandungen, insbesondere der Nummern 6—8 vom Januar 
sowie an die im Juli d. J. erfolgte, die Nummer 7 betreffende gerichtliche 
Verurteilung' 1 . 

Nun ist aber die Nummer 8 niemals beanstandet worden ! Zweitens : 
die Nummer 6 ist vom Gericht freigegeben worden ! Drittens : die Ver- 
urteilung wegen Nummer 7 ist nicht rechtskrSftig — wegen eingelegter 
Berufung. Also ? 

Femere Teile der Begriindung stiitzen sich wohl auf einen ( unvoll- 
kommenen) Zeitungsbericht ; auch hier besteht ein Irrtum ; die Auf- 
hebung des Verbots ist selbstverstandlich. Die gesetzlichen Schritte, 
sie zu erwirken, sind getan. 

Die Frage, ob eine einzige — nicht rechtskr&ftige — Verurteilung 
(welche den mangelnden dolus anerkennt und wegen eines Klassikers er- 
folgt) zu einem glatten Verbot auf den flir die Offentlichkeit bestinunten 
Bahnen hinreicht, braucht somit nicht erortert zu werden. 

Wurde das Verbot vom Zentrum gewiinscht : so dQrfte sich unsrer 
gerechten Sache der Abgeordnete Am Zehnhoff annehmen. Er hat mit 
Herm Hubert von Schorlemer verhandelt und hier gezeigt, dass er auch 
einem Mitgliede des Zentrums gegeniiber Distanz wahren kann. 

Kerr 



ARNOLD SCHONBERG 

Der Aufruf im jungsten Panheft, dann einer in Wien, durch 
den Schuler Alban Berg vorbereitet, haben rasch gewirkt. 

Eine nach mehreren Tausenden rechnende Summe kam zu- 
sammen. 

Arnold Schonberg ist bereits in Berlin eingetroffen. 



CORINTH UND LEISTIKOW 

Lovis Corinths Buch ,,Das Leben Walther Leistikows“ *) 
beriihrt in der gegenwirtigen Zeit so eigentiimlich, dass man 
es nur mit einer gewissen Ruhrung aus der Hand legen kann. 

Ein echter Corinth. Wie er mit breiten Pinselstrichen seine 
Bilder zusammenbringt, unbekummert um Liebe und Hass, so 
setzt er bei seinem Totenmonument Stein auf Stein, und auf 
ein bischen mehr oder weniger Rustika kommt es ihm dabei 

nicht an. 

Diese Art der Kunstschreibung ist nur Erde und greifbares 
Fleisch. 




*) Verlag Paul Cassirer. 



Freisprechung - Heiliger des Oberfltis sigen 




Corinth hat nicht lange Zusammenh&nge gezeigt, noch hat 
er die beliebten ,,Ausblicke“ gegeben. In lapidaren S&tzen hat 
er nichts geboten als Tatsachen. 

Er zeigt LeistikowsWerden, K&mpfen und Wirken — und stellt 
ihn vor uns hin, wie er war in seiner Liebenswiirdigkeit und edlen 
Menschlichkeit, als einen Unersetzlichen. 

Die Kunstschreibung sollte enthusiastisch sein, oder sie 
sollte nicht sein. 

PHILIPP FRANCK 



FREISPRECHUNG 

Am 2. September war in Berlin abermals eine Verhandlung : wider 
Herbert Eulenberg und den Pan. Diese Ausdrticke ! „Verbreitung un- 
zfichtiger Schriften." Wer die Dinge nicht kennt und soiche Nachrichten 
best, muss denken, dass der PAN ein Schweineblatt ist. 

Langsam erf&hrt man hintennach, es handle sich nicht urn einen 
joumalistischen Widerling, noch um einen budapester Clauren, sondem 
um Flaubert und um den Rheinl&nder Herbert Eulenberg. Nicht wir 
machen dem Pan den Ruf eines — u&h ! — schlOpfrigen B lattes, sondern 
die Polizei. Von der berliner Polizei war die Klage durch Denunziation 
bewirkt worden. 

Pan war bei den Griechen ein unanst&ndiger Waldgott ; auf dieser 
etwas verschollenen Vokabel lisst sich der Irrtum von Zeitungslesem 
draussen geme nieder. Pan heisst aber auch : alles, was hier unten 
vorgeht ; Luft ; Gluck ; Offenheit ; Emporklimmen verfeinter Menschen- 
seelen. Der Waldgott gehort zwar dazu : doch nur dazu. 

Die Richter von Berlin haben den Pan freigesprochen. k. 

■■ 

■ 

OBER-BARNUM UND KYTHERA 

Im vorigen Heft war Herm Hardens neuer Kitzelversuch — Ober- 
barnim und Kythera — umrissen worden. Ein Berliner Blatt (es ist 
kein unbeschriebenes Blatt'; wenn auch ein ungel esenes) trachtet, sich 
einzumischen. Der Herr Verfasser dieser Ausserungen ist ein wegen 
seines Wirkens an der „Grossen Glocke* ‘ vorbestrafter j unger Mann, 
gegen den ich nur hofliche Worte brauche : ftlr den Fall, das ich seinen 
Stsl vor Gericht untersuchen lasse. Vor allem jedoch kein Ablenken 
von dem edlen Benefizianten, welcher einen der deutschen Eckarte 
wdchentlich darstellt und die U nsittlichkeiten Andre r „rtkgt << . 

Kerr 



HEILIGER DES t)BERFL(IS SIGEN 

Der Kongress ftir vergleichende Rechtswissenschaft, ein Laienschreck, 
hatgetagt. Die Zeitungen wurden voll . . . Dabei haben in der politischen 
Philosophic die Vorgeschritteneren seit langem erkannt, dass, genau so wie 
der „Geschichts“-Rummel seit Savigny, die neue Errungenschaft „Rechts- 



Meyrink englisch 



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i 



verglei chung “ ein fauler Zauber, gunsti gstenf alls ein Sport ist. Sein- 
sollendes ISsst sich aus Seiendem eben nicbt ableiten. (Gustav Radbruch, 

h 

Professor in Heidelberg und weisser Rabe, hat das als erster unmiss- 
verstandlich ge&ussert.) 

Ob Arbeiter geschhtzt, Morder gekopft, geschlechtlich Abnorme ein- 
gekerkert werden sollen oder nicht, kann niemand in der Art eruieren, dass er 
die Rechtssatze emsig zusammenstellt, die uber Arbeiter, Morder, Abnorme, 
in Frankreich, Montenegro, Beludschistan, in Wyoming, Costarica und 
Neuseeland gelten. Sammeln und Ueberlegen, Wissen und Denken — das 
ist nun mal zweierlei, und Sitzfleisch ein unzuldngliches Surrogat fur 
Gehimschmalz. 

Es ware denkbar, dass bei samtlichen Kohlerschen Urvolkem (die 
Polynesier eingeschlossen) , ja sogar in alien Staaten der zi vilisierten Welt 
etwas identisch geregelt ware und dennoch das richtige Recht das Um- 
gekehrte verlangte. Die Erfahrung (l/tmtpa) kann notwendige 
Z w e c k e nie lehren ; hochstens M i 1 1 e 1 , welche nutzlich sind, um 
Zwecke (die feststehen) zu erreichen. Der Empirismus ist daher fur die 
Kardinalprobleme (Z i e 1 e der Rechtsordnung) ein Missgriff, eine Zeit- 
verschwendung ; fur die sekundaren hinwieder nur dann von Bedeutung, 
wenn er Statistik mit umfasst ; denn ob ein Gesetzesparagraph als Mittel 
taugt, erfahrt man nicht durch seinen Wortlaut, sondem durch seine 
Wirkungen. 

Aber von Statistik ist bei den iiblichen Vergleichereien selten die Rede. 
Ama llerwenigsten in der , , vergleichenden Darstellung des deutschen und aus- 
l&ndischen Strafrechts 44 , jenem, sofernmich nicht alles t&uscht, dreizehn- 
tausendsiebenhundertachtimdneunzig B&nde starken Werk, welches die 
,,Vorarbeit 44 zum neuen Strafgesetzbuch gebildet hat. Je hundert Brillen 
haben je hundert Jahre transpiriert, um diesen „vorbereitenden Schritt 44 
zustande zu bringen : eine legendare Begebenheit. Wir Deutschen sind 
Heiliger des Ueberfliissigen ; wir brauchen ungeheure Umwege, um zu 
einem schlechten Gesetzentwurf zu gelangen. 

Wenn unsere Ururenkel den neuen Kodex endlich haben, wird 
die Wissenschaft um viele Zentner bereichert sein. 

K. Hi. 



MEYRINK ENGLISCH 

Schonherrkarl ist hundertemal gespielt worden ; Meyrinks Bilcher 
haben im ganzen, wenn richtig gerechnet ist, zwolf Auflagen. Seine 
Bucher sind also von den Fimftausend oder Sechstausend in Deutschland 
gekauft worden, die wissen, was sie an diesem Glas- und Eisenfresser 
haben. Er ist in unsrer Welt gehort worden ; diese Welt ist etwas klein; 
dass sie anderswo grosser ist, scheint unsicher. Glaubt Meyrink, den 
wir verehren, bei Englands literarisch besonders tiefstehendem Publikum 
bessere Beachtung zu finden ? Hochstens . . . dass die Okkultisten 
dber das Buch kommen. Und da sei Gott vor. 



Tu. 



36 



Ein Idealist 



EIN IDEALIST 

Der Botschafter Hill ist ein solcher. Im Augenblick von Tripolis 
gegen Macchiavell und Riimelin I Er spottet : ,,Der Kern dieser Be* 
weisfiihrung ist, dass es nicht , Selbstsucht' , sondem .Patriotismus' sei, 
wenn Armee und Marine in Bewegung gesetzt werden, um ungerechte 
Anspriiche oder noch unerfiillte WQnsche von A. B. und C. zu erzwingen, 
und wenn X., Y. und Z. solchem Vorgehn Beifall klatschen und die Rech* 
nung bezahlen." (Aber Mann 1) . . . „Verewigung eines Irrtums . . .** 
(Zeit, dass er von Berlin wegkam 1) . . . „Esscheint im Gegenteil 
die tlberzeugung im Wachsen begriffenzu sein, 
dass die S t a a t s p o 1 i t i k in Cbereinstimmung mit 
d e m Moralgesetz stehen sollt e.“ (Lassen rich ausstopfen I 
Oder nach Herzberge 1 ) 

Dieser Yankee redet immer weiter, immer weiter, als konne man 
eines Tags auch Staaten zu anst&ndigem Verhalten verhalten (Aber 
was ist ihm, he, Cuba?) . . . Er redet, dass man von Bfirgem, die gesetzlich 
empfinden, „nicht best&ndig verlangen kann, ihre Kraft zur Beraubung 
anderer — herzugeben ‘ ' . (Ausstopfen. Und ins Zeughaus.) 

Hills Anrichten erklingen jetzt in deutscher Sprache, bei Fleischel . 






Sendungen fOr den poHtlsdien und den llterarlsdien Tell rind zu adrarieran 



firunewald, 6nelststrasse 9 ; 
Leitung des Pan. 



Sendungen, weldie die blldenden KQnste betreffen: 



Berlin W.10, ViktoriastrasseS. 

L _ . _ 



; POr UnTerlangtes keine Biirgschaft* 




Verantwortlich fOr die Redaktion: Wilhelm Herzog, Berlin- Halenaee. 
(Alfred Kerr zeichnet verantwortlich filr die Ton ihm verfassten Beitrige.) 

Gedruckt bei Imberg A Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. 



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-Haleneae. 



Wollen Sie Oeld zu rlskleren Ihre Schmarzen 



wtc Rheumatism us, Hexenschuss, Kopfschmerzen etc. beseitigen Oder vorbeugen* 
dass dieae Schmerzen ^ ^ ^ AMOL htlft ticber 

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Familienflaschen Mk. 3.50. — In Apotheken und Drogerlen crhaltlich. 








Metternich und Cyrenaica 






Metternich und Cyrenaica 

Von ALFRED KERR 

► 

m 

I. 

AuBendeutschland, Innendeutschland . Durch Mettemichs Daw 
sein, Wandeln, Blfihen sind Einzelheiten dffentlich geworden, — 
die sonst in der entschwindenden Gloria des Lebens mit seinen 
verstohlenen Wassern verduftet w&ren; inmitten dieses herz- 
tausigen Schwarms, wo man einherscharwinzt wie ein Aft* 
im Purpurkleid. Wo sie rosinenfarbene Gew&nder tragen. Und 
ihr Gewissen beisst sie nicht. 

Mein Vater hat gelogen, gelogen, gelogen, — schrie der 
Metternich. Ich hasse meine Mutter, ich kann von dem Weib 
nicht loskommen, — schrie Dolly, Mannsdolly. Nicht Richter, 
nein Scharfrichter, — schrie die Gattin, deren Mitgift (vom Herz- 
berger) der Graf kontrolliert. Schutz dem Privatleben vor Ge- 
richt, — schrie der Konkurrenzanwalt. Ich kaufte Perlen auf 
Teilstrecke, — schrie Elvira; eine Bfisserin, sonst Machta Gustke 
genannt . . . Durch des jungen Metternich Bluhen sind Einzel- 
heiten dffentlich geworden, die sonst in der schwindenden Gloria 
des Lebens fiber den verstohlenen Wassern verduftet wiren — in- 
mitten dieses Schwarms, wo man herumscharwanzt wie ein Aff 
im Purpurkleid; wo sie rosinenfarbene Gew&nder tragen; und 
ihr Gewissen beisst sie nicht. 



II. 

r 

Ich schlag* dich auf den Kopf , dass du eine Gehirnentzfindung 
kriegst, rief die Mutter; und Gott liess eine Tanne wachsen ffir 
mein Kind, schrie sie auch. Beides geffihlt; bloss in zwei 
getrennten Augenblicken. Sind bei andren Menschen die 
Stimmungen anders? Oder nur die Ausdrficke? Doch ; auch. die 
Stimmungen. Nicht jeder verfolgt Mutterchen, Schwieger- 
vaterchen, M&nnchen, Schwiegermutterchen bis an die Pforten 



38. Mettecnich und Cyrenaica 



der Holle, sogar des Zuchthauses. Steht hier eine koschere 
Lucrezia Borgia ? Nein: bloss eine Schriftstellerin ; mit geldsterer 
Phantasie; mit ger&umten Hemmnisaen; und mit gescheffeltem 
Geld. Der edle Brutus hat euch gesagt, dass sie Toll Strebsucht 
war. Sie hat den Stil derdeutschen Heimat mitgemacht. Sie tat, was 
die gesamte, zu Geld gekommene Oberschicht unseres Lindchens 
tut: bloss pechhafter; bloss ungeduldiger ; bloss offener. Heraus- 
gekommen ist es. Empordringende Spiesser, Schwiegerv&ter, 
Pretzenkriecher, werft einen Stein aui sie. 

Zwei Gehimhautentziindungen hat sie nachher dem Grafen 
angewunscht. Drei Gehimhautentziindungen dem Herrn von 
Vetter. Eine halbe Gehimhautentziindung dem Schriftsteller 
Paul Goldmann. Abersonst? Sitten des Landes mitgemacht. 
Sie kamen diesmal zuf&llig heraus. 

Und sie war ein Opfer des Berufs; denn sie schrieb zuvor 
Gesellschaftsberichte. Leben und Dichtung wurden eins bei ihr. 
Sie tat, was sie malte. „Ich sehne mich nach einemBlatt, welches 
die Erbftrmlichkeit des gegenwdrtigen Burgertums zerpeitscht ... 
ErbSrmlichkeit eines Radikalismus , der nach einer Achtel* 
Generation s&mtliches Gliick in einer feudalen Familienverbindung 
sieht.“ Ich schrieb diesen Satz im ersten Hefte des Pan. Die 
Zeitungen, auch linke, deren Aufhellungsarbeit hoch zu schatzen 
und nicht entbehrlich ist, reichen Standesamtliches aus der Adels- 
welt; aber mit Takt, ohne gemeine Kritik, und behaglich ange- 
weht, falls eine mesopotamische Mitgift an einen Kavallerietrottel 
gelangt, — welcher der Eignerin ihren ernst beseelten, fragenden , 
stilleii Popo mit der Reitpeitsche vollhaut. Das fordert solche 

Sitten von Kohlenjuden, Borsenjuden, Aeroplanjuden — und von 

* 

Stahlprotes tauten . Gertrud Wertheim , unsere Fachgenossin, schrieb 
fiber diese Gesellschaft (keiner von der Gegenpartei kann ein paar 
anstindige Zeilen wie sie zusammenbringen, Gott liess eine Tanne 
wachsen!) , sie atmete beim Schreiben die Luft unseres Vaterlands; 
Heimat empordringender Maurermeister. Leben und Dichtung 
ward eins. Harmonie des Gedankens und der Tat. Sie winkt einem 
der Aristoi , — defsich von Frauenzimmern ihre frisch verdiente 
Scheide-Miinze pumpt. Auch andren Edelleuten, wie dem Grafen 
Vetter, . . . der eidlich sagt, dass er bei Wertheim kaufmdnnischen 



39 



Mettemlch und Cyrenaica 



Unterricht genommen, um seine Bildiing zu erhohen, nur deshalb ; 
der sich bei FrauWertheim nicht untitig dieKaldaunen yollhieb, 
sondern yon ihr ein vorgestrecktes Taschengeld bekam yon 
monatlich tausend Mark. Dieser Gasthat f urMettemichgunstig 




J edenfalls bekam Machta Gustke Geld fur das Vermieten 
ihres Unterleibs ; den hierftir eingestrichenen Betrag erbettelt 
-sich der Graf, um beim Freien der kiinftigen Grafin die Wiirde 
seines Standes zu decken. Dann: um an einer Feindin Rache zu 
nehmen, rief er, dass er ihre Tochter gekiisst; ,,stundenlang“; 
mit dem sorglichen Beiftigen: „sie lag auf einem Diwan“. Die 
Frage hiess yon dort ab nicht mehr, ob dieser EdeUng Zeit- 
genossen um Geld beschwindelt hat. 

Zusammenhalt. Herr yon Pauly, ein alterer Krieger , vergass, 
dass er Heiratsvermittler ist, als er den Kunden fur Heirats- 
vermittlung herausreissen wollte, — er tat es nicht deshalb, er yer- 
schwieg nur seine Beschftftigung. Ein Graf Schulenburg, Amts- 
richter, hielt den Angeklagten schriftlich fur einen Gauner, — 
•doch als ihm sein Geld yon Metternichs Frau (yom Herzberger) ver- 

a 

sprochen war, hielt erihneidlich ftir einen frommen Knecht. Dassind 

L 

unbewusste Stromungen, Stufungen, Begebenheiten, Charakter- 
"wallungen, Ziige, welche sonst im Schatten bleiben, — aber doch, 
darauf kommt es an, yorhanden sind. Der hinkende Teufel (beim 
Lesage), welcher das Hausdach abdeckt und ldchelnd zeigt, was 
dort im Dimmer an Haderhaftigem, Ulkigem, Stinkendem und 
Blddem geschieht, darf bei uns nur an einem Gerichtstag ab- 
decken. Sonst bleiben die Dicher drauf. Aber seid gewiss: der 
aufgedeckte Zustand ist keine Ausnahme; nur das Aufdecken ist 

i i 

eine Ausnahme. 

Folgerung. Jeder muss dem Abgeordneten Bassermann recht 
geben, der yor kurzem geiussert hat (als Frondierer, vor der 
Wahl) : wie boses Blut es machen wird, wenn die Rechte der An- 
geklagten in Zukunft gemindert werden. Wenn das Erniessen 
<des Richters gestirkt wird. Wenn der Angeklagte nicht mehr das 
Recht haben soli, dass alle seine Zeugen gehort werden. 

4 * 




Metternich und Cyrenaica. 




Boses Blut; ja. Nicht nur weniger Gerechtigkeit wird sein. 
Es kommt auch weniger Wissen zutage. Die Gerichte werden 
(unbewusst, hab’ ich ausdnicklich gesagt) st&ndische Gerechtigkeit 
machen. Ein Fall Singer wiirde bestimmt offentlich verhandelt- 
Ein Fall Schonebeck bestimmt geheim. Die Fftlle der Rechten 
▼orwiegend unter dem Schutz des Familienlebens. Weil oberster 
Grundsatz {hr innere Politik ist: sterbende Welten zu stiitzen,. 
lebende zu zwacken. 



IV. 

Als Entgelt miisste dafiir die Zeugenpflicht auch den. 
Wohlhabenden auferlegt werden. Sie sind heute frei davon. Wer 
Geld hat, braucht nicht zu erscheinen. 

Vier nicht unwichtige Zeugen, Frau Wolf Wertheim, Herr 
Harden, Herr Landsberger, Dolly Pinkus waren . . . nicht nur 
gleichzeitig erkrankt, sondem auch gleichzeitig ins Ausland ge- 
gangen. 

Herr Harden, welcher zu seiner Erholung verreisen musste,. 
bedarf der Ruhe. Er war schon einmal weg und ist abermals 
hinfortgeeilt, — um sich beim schlechtesten Wetter hartn&ckig 
der Natur zu freuen. Und wfthrend sonst bei jedem, aber bei 
jedem Quartalsbeginn durch Morrritz und E-Rina kitzlige 
Personenmeldungen (die man aus den Zuschriften gekr&nkter 
Amtsleberwiirste nimmt) weitergeklatscht werden: wfihrend- 
desssen fiel es diesmal, wenigstens im Beginn des Abonne- 
ments, weg. 

Nachdem zwanzig Zeitungen Betbmann ersucht hatten, auf- 
grund von Tripolis mit Frankreich abzubrechen, machte der edle 
Benefiziant: ,,Sssst!“ und rief besorgt (nein, wie besorgt): „Kein 
Wort iiber Tripolis ! ‘ ‘ Wihrend des Prozesses kein Wort iiber 
Tripolis (sondem bloss eine Seite) — nicht weil er als invalider 
Zeuge ausserstande war, vierun dzwanzi g Seiten (mit demselben 
geringen Inhalt) vollzumachen; auch nicht, weil er „im Aus* 
land“ einer anderen T&tigkeit obliegt: sondem deshalb, weil die 
deutsche Menschheit, wenn er mehr sagte, geschadigt wiirde , 
nur deshalb, weisste. „Kein Wort soil die Verantwortlichkeit 




Metternich und Cyrenaica 




<les Mamies mindern , der sich zur Fiihrung der deutschen 
Menschheit berufen glaubt“ (sagte er). 

Es konnte scheinen, dass der Keuschheitswart die jiingsten 
zwei Pan-Nummern im Anslande nicht gelesen. Dem ist nicht 
ao. Er hat sie gelesen . . . 

Durch den Zufall einer Hochstapelei werden Hauser abgedeckt. 
Bedarf man solcher Zuf&lle, wenn jemand in den Zwischenakten 
seiner geheimen Unappetitlichkeit offentliche Gestalten kraft Ober- 
barnims und Kytheras mangelnder Sittenfii hrung beschuldigt — ? 



V. 

Aussendeutschland .... Wir hatten mit Italien einen 
Bund wie mit Oesterreich, — und mit den Tiirken eine Freund- 
achaft. Jedem der zwei Verbiindeten haben wir etwas ge- 
achenkt: und wir bezahlten es mit dem Eigentum dieses dicksten 
Freundes. Wir selbst aber haben nichts bekommen. Wir 
achenkten dem Einen Bosnien, wir schenkten dem Andren 
Cyrenaica. Beides nahmen wir dem Intimus. Nicht in boser 
Absicht, sondern in deutscher Treue. (Wahrend das perfide 
Albion ein hochst perfides Albion ist.) 

Wozu waren wir mit der Tilrkei befreundet ? Hat sie uns 
etwas gegeben ? Nein ; wir haben bewirkt oder gelitten, dass sie 
Andren was gab. Wir machen uns verhasst — weil Andere 
avas kriegen. Hohe diplomatischen Talentmangels. Treulos er- 
acheinen; nichts davon haben: das ist deine Politik, das heisst 
■eine Politik. Wir sind der gute Onkel — trotzdem der bose 
Onkel. Und immer noch nicht der reiche Onkel. 

Wusste die deutsche Diplomatic, dass Tripolis an Italien 
'▼ersprochen war? Doch. Aber den Augenblick der Einldsung 
nicht. Kiderlen ist kein Themistokles, der einen solchen Zwist 
JherbeilUhrt. (Herr von Marschall hat ihn zu stoppen gesucht 
— und die Verhandlungen uber Marokko sind nicht gekappt, 
sondern beendet worden.) 

Wenn aber Kiderlen heute betont, dass Italien etwas kriegt; 

% 

und hieraus Forderungen tiir uns ableitet: so wird man be- 
kaupten, dass Italien w e g e n unsrer Forderungen etwas ge- 
kriegt hat. 





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Metternich und Cyrenaica 




VI. 

Turken und Deutsche. Die konservativen Idealisten (die schon 

■ 

fiir die Buren geschwfirmt . . . und nichts fiir sie get&n haben) 
betonen jetzt die goldige Redlichkeit der Osmanen, den wackeren. 
Wert ihrer neuen Gesittung. Infolgedessen ist es sicher, dass- 

man sie im Dreck lassen wird. England und Frankreich strafen 

* 

die Jungtfirken wegen ihrer Neigung zu Deutschland — Deutsch- 
land belohnt sie daffir durch Wegnahme von Tripolis und Bosnien. 
Anarchismus . . . Und fiir Deutschland kam nichts heraus. 
Bethmann- Holzweg, ein Politiker mit reichen Verfahrungen,. 
darf allzu grausam trotzdem nicht beurteilt werden. Viele 
Schuld liegt weit zurfick. Was haben er und Kiderlen fiber- 
nehmen mfissen, nach zwanzig Jahren konservativer Pleite- 
politik. 

Was hat die Schar der Vorg&nger schon erduldet von 
Bismarcks Zuschnitt unserer Verfassungl Bethmann und 
Kiderlen fanden sich gerichtet, als sie noch pr&historisch waren» 

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VII. 

Aiissendeutschland. ... Das Feld der Politik ist nicht die 
Welt, sondem die Weltabgewandtheit. Das Gebiet ist inter- 
national, doch der Sehwinkel ein Krihwinkel. 

Machthaber strfiuben sich gemeinhin gegen die Anarchisten.. 
Mit Recht. Schon solche, die nur sinnieren und keine Bomben 
wollen, stecken sie hinter Zuchthausmauern. Sie selbst fiben 
den allerdfimmsten, massigsten Anarchismus. Als Italien, das 
ist schon so lange her, Tripolis nahm, wurde festgestellt: es gibt 
nicht mal einen Verbrecherkomment. Es gibt keine Spitzbuben- 
ordnung in Europa. Frevles Spiel; Rfiubertum; England und 
Frankreich stehen ,,als Aufpasser im Gebiisch“, die gemeinen 
Kerle, wahrend der ruchloseste, scheusslichste, brutalste, f rechste r 
ein blondes Herz betrfibendste Raub vollzogen wird. In dieser 
Art. Phrasen der Emportheit sind jedoch unter Anarchisten 
wenig am Platz. Alles nur, weil Giolitti zum Heucheln keine Zeit 
nimmt. Weil er die wider lichen Formen abkfirzt. Weil er keine 
Depeschen redigiert. Sobald nur der Anarchist Giolitti etwas 



Mettemich und Cyrenaica 43 



e hr lichen Sinn ohne Umst&nde zeigt, knurren die andren 
Anarchisten. 

Die Ausdriicke fur dasselbe Ding sind abweichend. In Rom 
platzt ein Sozialdemokrat, Defelice, vor Begeisterung. Alle 
weinen. Heldentum. Vaterland. In Neapel offentlicher Gottes- 
dienst zugunsten der Rechtsbrecher. Die heilige Jungfrau, 
ein Muschelaltar unter freiem Himmel, Kerzen, Pfaffen, 
Wedel, Sfinge. Der gefangene Direktor des Katholikentums l&sst 
fur Anarchisten Gebete sprechen . . . er mag sie wohl fur 
solche nicht halten. 

Alles ist schon vor zweihundert Jahren prophetisch er- 
schaut — von einem, der mit hellen Augen, der mit 
hellen Augen die Welt . . . doch nicht ganz als eine so 
dumme Kugel verliess, wie er sie betreten hatte. „Le merveilleux 
de cette entreprise infemale, c’est que chaque chef des meurtriers 
fait bdnir ses drapeaux et invoque Dieu solonnellement avant 
d’aller exterminer son prochain/ 4 Ein franzdsisches Blatt, 
„Le Monde Illustr£“, sammelte neulich Meinungen fiber den 
gegenwartigen Kampfzustand. Ich schrieb die genannten S&tze 

1 

Voltaires. 

Die Aender ungen sind nach zwei J ahr hunderten trotzdem 
fuhlbar. Die Fortschritte. Nur, wie David Friedrich Strauss 
findet : ,,Ungeheuer grosse Zeitr&ume, — ■ ungeheuer kleine 

Fortschritte 4 '. 

. . . Nieder mit den Anarchisten! 



i 





In dem deutschen Vaterland 
Bist du, Herr, als Graf erkannt. 
Sussholzlutschen, 
Wonnekeuchen, 

Und sie rutschen 
Auf den Bauchen. 

Koramst du aus dem Irrenhaus 
Und als minderwertig raus, 

Bist im Dalles, 

Bist ein Schieber, — 
Schadet alles 
Nichts, mein Lieberl 

Still steht Jedem der Verstand 
In dem deutschen Vaterland; 
Sussholz lutschen , 
Wonnekeuchen , 

Und sie rutschen 
Auf den Bauchen. 














Das M&rchen Ton Aila 




Das Marchen von Aila 

Von HERBERT EULENBERG 

Der Dichter gedenkt im tiarfiafam 
Monat ,,Kathinka die FIiege“ zu 
veroffentlichen. In diesem Roman 
wird sich das hier erscheinende 
M&rchen yon Aila finden. 

Die Menschen im MorgenUuid kennen diese Sage. Es war ein- 
tnal eine schbne Stadt, Aila geheissen, und sie lag am Roten Meer 
und war voll von Pal&sten und Moscheen. Schiffe mit bunten 
seidenen Segeln lagen in ihrem Hafen und brachten Gold und 
Ebenholz und Bernstein und Weihrauch und Spezereien aus alter 
VSlker L&nder dorthin. Und es war ein ewiger Festtag iiber der 
Stadt Aila. Und Harfner gingen durch die weissen Strassen 
yom Morgenrot an bis in die blaue Nacht und spielten alle Herzen 
heiter. Da ergab sich die ganze Stadt unter dem Kalifen Omar 
einer noch grosseren sinnlosen Freude. Denn ihre Schiffe hatten 
■iiber die feindlichen Nachbarn gesiegt und brachten ein grosses Ldse- 
geld heim und das Gold und dasSilber lag wieFeigen auf demMarkte 
herum. Und alle ergriff es wie ein Rausch, und sie buhlten unter- 
-einander, Bruder und Schwester, und Eltern und Kinder voller 
Raserei und schonten selbst der Tiere nicht in ihrer Wollust. 
Und die Sonne schien gliihend fiber der Stadt wie fiber ein wildes 
Haus der Freude. Da erhob sich der m&chtige Zauberer Mustapha 
■yor allem Volk. Und er bedrohte sie und gebot ihrem wfisten 
Treiben Halt im Namen Allahs und des Propheten. Aber sie ver- 
lachten ihn. Und Morgane, seiner Schwestern eine, die leicht- 
fertig und entblbsst sich unter den entarteten Weibem brustete, 
zupfte ihn hohnisch am Bart. Und Achmed und Ibrahim, seine 
Sdhne, wollten gar mit Bambusstaben nach ihm schlagen und 
Ali Banu, sein Bruder, der Vezier bei Hofe war, warf ihn mit 
einem Stein in den Rficken. 

Als nun Mustapha den Zorn seines Volkes sah und seine Bos< 
heit und seine Besessenheit, da wandte er sich seufzend ab. Und 





Das M&rchen von Aila 



er sammelte ein H&uflein Gerechter und Guter um sich, die nicht 
Teil haben wollten an dem wtisten Treiben der Ihrigen. Und 
Omar der Kalif briillte vor Lachen auf und liess sie ziehen, 
wohin sie wollten. Und sie nahmen ein Schiff und fuhren ge- 
meinsam auf das funkelnde Meer. Und Mustapha stand am Bug 

I 

der Galeere und sah im Abend die T urine und Kuppeln seiner 
Vaterstadt sich roten. Und er weinte und verfluchte seine Heimat 

. P 

um der Sfinde der Seinigen willen. 

Und sie fuhren an ein anderes Gestade und griindeten daselbst 

* 

ein neues bes seres Aila und machten Mustapha zu ihrem Kalifen. 
Und blieben dort an die drei Jahre und ihr Wohlstand mehrte sich 
langsam. Aber nach dieser Frist geschah es, dass den Mustapha. 
eine unbezwingbare Sehnsucht befiel, seine alte Heimat und die 
Seinen noch einmal zu sehen. Und er machte sich auf mit einigen 
wenigen, die gleich ihm vor seinem Tode das alte Aila wieder- 
schauen wollten. Und sie segelten zwei Tage und drei N&chte uber 
das zitternde Meer, ehe sie anlangten. Sie waren sehr erstaunt, 
dass ihnen kein Mensch entgegen kam, und wunderten sich noch 
mehr, wie die Stadtmauern zerbrockelt und zerrissen und etliche 
Tfirme abgebrochen und zerfallen, und dass kein Muezzin- von 
den Galerien der heiligen Moscheen die Gl&ubigen singend zum 
Gebete rief. Stumm warfen sie die Anker aus und refften die 
Segel ein und stiegen schaudernd und bewegt ans Land. Sie 
schritten immer fiberraschter durch den menschenleeren Hafen. 
Der aber war verwahrlost und verschlammt und stand da wie eine 
tote Lake. Und die Schiffe und K&hne waren darin verfault und 
untergesunken und starrten nur noch mit ihren Kopfen aus dem 
schwarzen Wasser oder trieben darauf ziellos wie Leichen umher. 
Als nun aber Mustapha und die Seinen scheu die stille Stadt 
betraten, sahen sie sich zu ihrem Erstaunen und Entsetzen 
plotzlich von einer zahlreichen Schar von Pavianen umringt, 
die sie traurig oder zomig anfletschten. Etliche aber unter ihnen 
kamen mit ernsten Blicken auf sie zu und schmiegten sich 
zartlich an sie und schauten sie bittend und rfihrend an. Da fiel 
es von Mustaphas Antlitz wie der Schleier vom Gesicht der Braut 
und er erkannte Allahs Strafgericht. Und er sprach die Af fin , 
die sich schwermutvoll an ihn druckte, voller Mitleid an: „Bist 




1 



Dos M&rchen yon Aila 47 



du nicht Morgane, meine Sch wester , meiner Mutter Kind? 1 * 
Und sie seufzte traurig, dass es ihre Brust fast zersprengte, und 
bedeckte ihr Gesicht mit ihren H&nden und nickte darunter mit 
ihrem Hundskopf. 

Und Mustapha gewahrte Achmed und Ibrahim, seine beiden 
Sdhne, unter der Affenschar. Sie liefen auf vier Beinen gleich 
den andern und sprangen kindisch uber einen Bambusstab Oder 
kratzten sich gegenseitig voll wehmiitiger Zdrtlichkeit. Mustapha 
aber rief unter Tr&nen: „Kommt zu mir, Achmed, und du. 
Ibrahim, mein Jungster. Was ist aus euch geworden, meine 
geliebten Kinder ?“ Die beiden hiipften mit triiben Mienen auf 
ihn zu, und leckten ihm die Hdnde und reichten ihm ihre Pfoten 
und schrien schluchzend: ,, Hu-hu! Hu-hu! Hu-hu !“ und be- 
jahten so seine Fragen. 

* 

Ein alter bosartiger Pavian aber mit einem widerlich wilden. 
Kopf und einem grossen hfisslichen kahlen Ges&ss war auf ein. 
Dach geklettert. Er kaute an einer Zwiebelknolle herum und riss 
Steine und Lehm aus dem GemSuer der leeren verddeten Hfiuser 
und warf damit tuckisch auf Mustapha. Der aber wehrte ihm 
drohend ab und rief: ,,Musst-du mich auch jetzt noch verfolgen. 
tmd drgern, Ali Ban us, mein Bruder ? Siehst du nicht an deinem. 
zottigen Fell, wohin Allahs Verachtung dich gebracht hat, du 
Tier ?“ Da wollte Omar, der erst Kalif gewesen und jetzt der 
Leitaffe der wilden Horde war, seine Bestien sammeln wider 
Mustapha und seine Leute. Und er zeigte sein greuliches Gebiss 
und bellte vor Wut und sein Haarschopf fiel ihm dabei liber die 
rohe niedrige Stirne. Und er biickte sich mit verzerrter Fratze 
und griff nach Steinen, die liberal 1 yon den yerkommenen H&usern 
auf den schmutzigen Strassen lagen. Und seine Bande wollte ein. 
gleiches tun. Da mochte Mustapha kein Blutbad anrichten unter 
denen, die einstmals seines Stammes und Glaubens gewesen 
waren. Und er sammelte die Seinigen, und sie kehrten an den 
Strand zu ihrem Schiff zuriick aus der verwesenden toten Stadt 

w 

Aila, die friiher ihre Heimat geheissen hatte. Und Mustapha 
nahm seine beiden Sdhne Achmed und Ibrahim mit sich. Und 
sie kletterten traurig auf den Mastbaum der Galeere und schauten 
der Abfahrt zu. Als sie aber abgestossen hatten vom schwarzen 




Gestade und schon eine Welle liber das leuehtende Meer 
schwammen, da hdrten sie plbtzlich ein wehes Hilfegeschrei am 
Strand. Und sie gewahrten Morgans, die Schwester Mustaphas , 
die man in der Hast und Eile des Aufbruchs vergessen hatte. 
Sie war aber ihrer Herde entronnen und liei nun wimmemd und 
Tr&nen vergiessend am Ufer entlang und heulte nach ihrem 
Bruder und den Menschen. 

Sie ging aber wieder aufrecht auf ihren beiden Hinterbeinen 
und bedeckte mit ihren H&nden ihre Blbsse. Als sie aber das 
Schiff in der Ferae entdeckte, das ihren Bruder und die flbrige 

Menschheit wieder von dannen trug, stiirzte sie sich ohne Besinnen 

■ 

in die unergriindliche Flut. Und sie ertrank in dem rauschenden 
Meer vor Erschopf ung, gerade als sie das wieder aui sie zuwendende 
Fahrzeug erreicht hatte, in seinem Schatten. Mustapha aber, 
der den Jammer seiner armen Schwester unter den bittersten 
Vorwiirfen, die er sich machte, mit angehdrt hatte, starb vor 
Herzeleid im verstbrten Angesicht seiner Vaterstadt. Achmed 
und Ibrahim, seine beiden Sohne, sollen langsam wieder zu 
Menschen geworden sein. Aber sie blieben ernst und in sich ge- 
kehrt bis an ihr Lebensende. 




Stil-Leistung ernes Richters 

Von Professor LUDWIG GURLITT 

Eulenberg ist, wie die Leser wissen, vor ktirzem 
freigesprochen worden. Ueber den StU des Richters, 
der zuvor die (rechtsunkrftftige) Beschlagnahme ver- 
ordnet hat, sendet ein Schulmann dem Pan die 
folgenden Erw&gungen. Er zeigt, wie das Schrift- 
stfick als Klassen-Aufsatz vor der PrOfung eines 
Lehrers bestehen wflrde. 

Als altklassischer Philologe, der gewohnt ist, an Geschriebenem 
und Gedrucktem Kritik und Exegese zu ttben, gehe ich an die 
Urkunde her an, in der das Konigliche Amtsgericht Berlin- Mi tte, 
Abteilung 125, die „G r ii n d e“ mitteilt, mit denen es die Be- 
schlagnahme des ,Pan ( mit dem Aufsatz von Herbert 
Eulenberg rechtfertigen will: , Brief eines Vaters unserer 
Zeit an seinen Sohn‘ (vergl. ,Pan‘ I, No. ix u. 12). 

Ich priife diese ,G r ii n d e‘ nach Sinn und Ausdruck. 



t 



Stil-Leistung ernes Richters 



49 - 

„Den ,literarischen‘ und etwaigen .kiinstlerischen 4 Wert 
dieses Artikels kann jeder Gebildete beurteilen, der die- 
Fahigkeit hat, sich in den Gedankengang eines Vaters- 

seinem erwachsenen Sohn gegeniiber zu versetzen.“ 

Was bedeutet „ Gedankengang eines Vaters seinem er- 
wachsenen Sohn gegeniiber ?“ Was ist „ein Gedankengang 
jemandem gegeniiber ?“ Welchen Inhalt hat dieser Gedanken- 
gang ? Ist j e d e r Gedankengang gemeint einem erwachsenen 
Sohne gegeniiber? Also auch Entwicklungen iiber Weltan- 
schauungsfragen, iiber Vermogensverwaltung , iiber Garderoben- 
fragen ? Nein ? Aber welcher Gedankengang denn ? Es bleibt 
uns vollig iiberlassen, den Inhalt zu erraten. Wir erraten, da£ 
es sich um Behandlung sexueller Probleme handelt . . . 

Nun kommt aber ein schwereres Bedenken: Ist es denn wahr, 
dafi jeder Gebildete, der die F&higkeit hat, sich in die Gedanken- 
welt eines Vaters zu versetzen, der mit seinem erwachsenen Sohne 
iiber se sue lie Dinge spricht, nun auch dadurch bef&higt sei, 
den literarischen und kiinstlerischen Wert des Eulenbergschen 
Artikels zutreffend — darum handelt es sich doch offenbar — 
zu beurteilen? Eine ganz ungeheuerliche Behauptung! Sehen 
wir n&her zu! 

Also nicht jeder Gebildete an sich ist urteilsfahig in diesem 
Falle, sondern nur der Gebildete, der sich in den Geist eines 
solchen Vaters versetzen kann. Welcher Gebildete kann das nicht ? 
Muss man dazu iiberhaupt gebildet sein? Geben nicht auch 
ungebildete Vater ihren grossen Kindern solche Aufkl&rungen ? 
Aber nicht jeder, der solchen Sexual- Belehrungen mit Ver> 
stfindnis folgen kann, ist damit auch schon bef&higt, den lite- 
rarischen und kiinstlerischen Wert irgendeiner bestimmten Be- 
lehrung zu verstehen. Um das leisten zu konnen, muss man 
literarisch und kunstlerisch geschult sein. Das sind in Deutschland, 
zurzeit die wenigsten sogenannten „ Gebildeten' 1 . 

Dieser erste Satz ist also inhaltlich durchaus nichtig 
und verkehrt, und sprachlich um nichts besser. Das Gegen- 
teil kommt der Wahrheit viel ndher : Wer auch immer befahigt 
ist, die Vorhaltungen eines Vaters zu verstehen, durch die er 
seinen Sohn vor sexuellen Entgleisungen behuten will, ist damit 
noch lange nicht befdhigt, den hohen liter arisch-kunstlerischen 
Wert des Eulenbergschen Aufsatzes auch nur entfernt zu erfassen. 
Beweis: Herr von Podewils vom Koniglichen Amtsgericht 
Berlin-Mitte hat ihn nicht erfasst, und er ist doch einer jener 
,Gebildeten, der die Fdhigkeit hat . . .* 

Wei ter! 



StU-Leistung eines Richters 




In einem mir vollig unerfindlichen Gedankenzusammenhang 
idhrt nun die Begrtindung fort: 

„Es mag danach unter Umstanden zu billigen sein, 
wenn ein Vater seinem Sohne, sdbst unter Anwendung 
realistischer F arben- Aufzeichnung , die Gefahren des 
sexuellen Lebens schildert.“ 



Wir hatten gehort: jeder Gebildete der niher bezeichneten 
Art hat Verst&ndnis. Was wird daraus gefolgert ? Man hdre und 
staune ! Es wird gefolgert, dass ,, danach** einem Vater unter 
Umstanden die Schilderung sezueller Gefahren zu gestatten sei. 

Ich komme wirklich aus dem Staunen nicht heraus, denn 
x. Eulenberg hat die Gefahren des sexuellen Lebens gar nicht 
-geschildert. H&tte er es getan, so miissten ihm alle 
Konsistorien und Sittlichkeitsvereine ihren Beifall spenden. 
Der Herr Verfasser kennt offenbar den Sinn und Umfang des 
Verbums ,schildem* nicht. Das heisst soviel wie breit darstellen , 
-anschaulich machen, ausmalen. Nichts davon ist in Eulenbergs 
Aufsatz zu finden, nur ein einmalig fltich tiger H i n w e i s auf 
die Gefahren sexueller Ansteckung. 

2. Unter welchen Umstanden das Konigliche Amtsgericht 
Berlin-Mitte eine Schilderung sexueller Gefahren einmal billigt, 
-ein andermal nicht, bleibt vollig im Dunkel. Wir haben also 
Grund, anzunehmen, dass Eulenberg Anrecht gerade auf die 
Billigung der hohen Behorde hatte, zumal er a) die sexuellen 
Gefahren nicht M schildert“, b) also erst recht nicht mit grellen 
Far ben schildert. 

3. Setzt mich wieder das Deutsch in Staimen: „ Anwendung 
realistischer Farben- Aufzeichnung" ? — Ich kenne Farben-Auf- 
tragung. Man sagt: die Far be dick auftragen, d. h. ubertreiben. 
Die ,,F arben realistisch aufzeichnen" habe ich 
noch nicht gehort. Hier arbeitet die hohe Behorde sprach- 
^schopf erisch ; der Ausdruck „unter Anwendung realistischer 
Far ben- Aufzeichnung ‘ ‘ bleibt ihr Eigentum. 

Also wieder Unklarheit. i a . mehr 



als das 



TJnhaltbarkeit des Gedankens und Ungeschick, ja, 



mehr als das, Verfehlung 
kommt noch besser! 



des Ausdruckes. Es 



„Entschieden geschmacklos ist es aber, wenn solche 
Wamungen erfolgen unter Ironisierung eines Einsegnungs- 
spruches des Sohnes und unter Eijfiechtung bekannter 
Kalauer, wie dies aof Seite 361 geschiebt." 

Hier ist a 1 1 e s falsch! 1. Der Gedankenanschluss. Es hiess: 
jnanchmal darf ein Vater seinem Sohne jene Gefahren recht 



Stil-Leistung eines Richters: 





derb. und grell ausmalen. Wir erwarten nun den Nachweis, dass 
Eulenberg das aus bestimmten, uns bisher unbekannten Griinden 
nicht durfte und warten aul Mitteilung dieser Griinde. Wir warten 
'vergebens. 

Statt dessen folgen Geschmacksurteile der hohen 
Behdrde fiber eine das religidse Gebiet streifende Bemerkung 
Eulenbergs und fiber ,,Einflechtung bekannter Kalauer“. Das 
4und dsthetische Urteile, fiber die eine Rechtsbehorde nicht 
kompetent ist. In Sachen des kfinstlerischen Geschmackes steckt 
nach meinem Urteile der eine Eulenberg das ganze Amtsgericht 
in die Tasche. Aber wir mfissen weiter lesen, um nicht ungerecht 
zvl wer den : 

„In dieser Form vorgebracht, wirkt solche Verhaltung 
mehr als Anreiz zur Lfistemheit wie als Warming davor, 
und muss entschieden bestritten werden, dass ein derartigei 

Umgangston in den Kreisen, aus denen .Diplomaten* 
stammen, typisch ist, wie der Verfasser nach der Ueber- 
schrift seines Artikels andeuten zu wollen scheint.“ 

Ich fibergehe das Stilistische : Man sagt nicht „mehr — wie‘\ 
sondem „mehr — als“. So lehrt man in Quarta. Nach dem 
Positiv — wie, nach dem Komparativ — als. „So schon wie 
-gestern, schoner als heute.“ Da mfissten wir hier aller dings 
lesen . . . „als alsWarnung davor !“ Auch nicht schdn, aber 
doch sprachrichtig. Weshalb aber nicht . . . „denn als 
Warnung ?“ Hftsslich und fast nur noch in Geschaftsbriefen 
zu finden, ist die Inversion „und muss“ statt „und es muss". 
-Schlimmer ist wieder das Sachliche: ,,solche Vorhaltung?“ Vor- 
her hiess es „solche Warnungen“, es sind also die zwei Worte ge- 
meint, mit denen Eulenberg ,lues und anderen amone Er- 
krankung‘ andeutend benennt. Von ,,solchen“ Vorhaltungen 
und Wamungen, die als Anreiz zur Lfistemheit gelten konnen, 
finde ich in dem ganzen Artikel nichts. Eulenberg empfiehlt 
ritterliche Behandlung des Weibes, jedes Weibes, auch des ge- 
iallenen und tut gerade das Gegenteil von dem, was . . . doch, 
-darfiber hat ja das Gericht schon zu seinen Gunsten entschieden! 

Was den ,, Umgangston" angeht, so handelt es sich hier wieder 
um eine Sache des Geschmackes und der Erfahrung. Selbst 
wenn Eulenberg die Diplomatensprache nicht kennen wfirde, 
was geht es das Gericht an l Auch das entschiedenste Bestreiten 
nfitzt der hohen Behdrde nichts: Das Lesepublikum stellt sich 
mit seiner Erfahrung auf die andere Seite. Das ware auch 
noch lustiger, wenn sich die Dichter erst bei Gericht erkun digen 
aollten, wie ein Amtsrichter, ein Graf, ein Kaiser zu zeichnen 
^eien. Schuster bleib bei deinem Leisten I — 




Stil-Leistung ernes Richters 




„Aber auch selbst, wenn man sich iiber diesen Zynismus- 
hinwegsetzen wollte, so muss man dennoch in Erwagung; 
ziehen, dass dieses Blatt im Strassenverkauf vertrieben wird, 
und dadurch in die Hande eines Publikums gerat, welches- 
derartige literarische Kost nicht verdaut, sondern daran ent- 
weder mit Recht Aergemis nimmt, oder daraus Gift saugt 
und sich daran aufregt." 

„ Diesen Zynismus ?“ Wo ist dieses Betragen in den , , Griinden' *■ 
nachgewiesen ? Wir horten ,,die Form der Vorhaltung gegen 

die Gefabren des sexuellen Lebens wirkte mehr anreizend, als 
(oder vielmehr „wie“) warnend, hdrten zum Schluss, dass das 
hohe Gericht den Umgangston der Diplomatenkreise falsch go- 
zeicbnet findet. Hat dieser Missgriff in beiden F&llen — ihn 
einmal zugegeben: — irgend etwas mit Zynismus zu schaffen ? 

Und nun wieder die Unklarheit in der Gedankenfugung. 
Unser Stilist wollte sagen: ein Gebildeter konnte sich dar- 
iiber hinwegsetzen, aber dieses Heft (nicht , Blatt 1 ) kommt auch 
in die HMnde Ungebildeter. Das trifft zwar in Wahrheit nicht^ 
oder nur selten zu, aber es w&re doch logisch - gedacht und aus> 
gedruckt. Nim lese man aber das: „Aber auch selbst^ 
wenn man sich iiber diesen — so muss man 
dennoch in Erw&gung ziehen, dass (< (welch ent~ 
setzlicher Still), da wird also ,,man“ zu „Publikum <( in Gegensatz 
gebracht. ,,Man“ ist gebildet und setzt sich dariiber hinweg, das 
Publikum nicht. ,,Man“ verdaut derartige literarische Kost, das 
Publikum nicht. Das nimmt Aergernis daran, saugt Gift daraus 
— das Bild ist schlecht: Wenn ich eine Kost zu mir genommen. 
babe, dann kann ich aus ihr nichts mehr heraussaugen, es sei 
denn mit den Magen- und Darmwfinden, was doch nicht gemeint 
ist — und man regt sich daran auf. 

Ein solches Dokument darf eine Konigliche Behorde aus der 
Hand geben?! 

Wenn diese Arbeit einer Prixfungskommission der Gymnasial- 
abiturienten zur Zensur vorgelegt wiirde, so wdre ihr das Zeugnis 
sicher : 

„Nach Inhalt und Form ungeniigend. N. N. 
hat sich die F&higkeit noch nicht erworben, 
klare Gedanken zu bilden und sie in strong- 
logischer Entwicklung vorzutragen. Auch 
verrit der sprachliche Ausdruck noch eine 
bedauerliche Unreife, die sich besonders 
darin bekundet, dass die Tragweite der ein- 
zelnen Worte nicht richtig erkanntund be- 
wertetwird...“ 



Kommentar zu Robert Walser 




ROBERT WALSER 




Zeichnung von Karl Walser 



Kommentar zu Robert Walser 

Von MAX BROD 

Die einzig richtige Form, in der Buchkritiken verfasst sein 
sollten, ist: der Kommentar. Solange es aber nicht Mode geworden 
ist, mitsolcherEhre unserezeitgenossischenDichterauszuzeichnen, 
die man nur wohl den lieben romischen und griechischenKlassikern 
zuteil werden lasst, — diese Ehre, dass auf jeder Seite, die nur je 
ein Weniges des unschatzbaren Textes enthalt, unter dem Strich 
jedes wichtigere Wort des Dichters erwogen und belobt, jede 
Wendung mit Parallelstellen belegt oder als originell befunden, 
jeder angedeutete Gedanken und jede auch nur etwaige An- 
spielung in voller Schonheit zu Ende ausgearbeitet wird, — solange 
dies alles nicht eingefiihrt ist, bleibt nichts iibrig, als eine kurze, 
unvollkommene und deshalb auch schwierigere Kritiker- 
Leistung zu versuchen. 

Ich werde also nur einen Pseudo- Kommentar geben konnen, 
eine Auswahl kommentierender Anmerkungen vielmehr, zu- 

5 









54 Kommentar zu Robert Walser 




sammengehalten durch iibersichtliche, dafiir aber auch nur halb- 
richtige Leits&tze, die ich zwischen fiinfmal Oder zwanzigmal 
so viel Anmerkungen wahrscheinlich anmu tiger, geahnter und 
doch auch exakter yersteckt h&tte. 

Gleich im Beginn veranlasst und begeistert mich der Genuss 
von etwas so Aussergewohnlichem, wie es Walsers Dichtungen 
sind, zu folgender unwahrscheinlicher Behauptung : — Es gibt 
Zwei-Schichten-Dichter, z. B. Dickens, der es vortrefflich ver- 
steht, wenn er etwas Lustiges darstellt, den darunter liegenden 
Ernst, und im Ernsten das Lustige darunter und dahinter ahnen 
zu lassen. Oder Hamsun bringt es zustande, dass jemand eine 
Situation berichtet, die er selbst missversteht, der Erz&hlende; 
aber wir, die Leser, verstehen sie durch seine verirrte Erz&hlung 
hindurch. Das Buch Dostojewskis „Ein Werdender" ergl&nzt un- 
sterblich in solchen Details . . . Neben solchen Zwei- Schichtem 
gibt es die einflachigen Dichter, nat&rlich. Drei-Schichter hat 
es aber bisher noch nicht gegeben. Walser ist so ein Drei- 
Schichter, da haben wir ihn. 

Obenauf, in der ersten Schichte, ist Walser naiv, fast unge- 
schickt, schlicht, geradeaus. Wenige lassen sich davon tiuschen, 
man spurt schnell die zweite Schicht unter der ersten, die Ironie, 
das Raffinement, den Feinfuhligen. Also ist Walser, wie man 
so zu sagen pflegt, „gemacht“ und „unecht“. O nein, weit was 
Ueberraschenderes ist er. Er hat n&mlich noch unter der tiefen 
zweiten Schicht, eine tiefere dritte, einen Grund, und der ist 
wirklich naiv, kraftig und schweizerischdeutsch. Und den muss 
man gut durchgefiihlt haben, ehe man ihn versteht, in dem 
wurzelt manch seltsamer Reiz seiner Sprache, Gesinnung, ja des 
Aufbaus seiner Werke. 

Zundchst die Sprache. Man hat wohl schon lange nicht in 
unserer Zeit, die sich von aller einfachen Prosa-Melodie abzu- 
kehren scheint, Satze gehort wie den : „ Joseph sah ihn den Hilgel 
durch den abstiirzenden Garten hinuntergehn.“ Welche 
blendende, vielmehr stille Reinheit, welche Abgewogenheit in 
den Vokalen, der Stellung und Lange der Worte, welche unge- 
zwungene Musik. Ich gestehe hiermit, dass es nur wenige Biicher 
gibt, die mich durch ihren unsaubern Stil nicht anwiderten. Bei 
Walser aber atme ich furchtlos auf, noch mehr : hier erquickt 
mich jeder Ton, hier schallt es so angenehm . . . Nun ist es 
aber eine Eigentiimlichkeit der Walserschen Diktion, dass er die 
Ruhe seiner Satze oft mit einem scheinbar der Zeitungssprache 
oder dem Vulgaren entnommenen Wort scheinbar unterbricht. 
Hier setzt nun die Drei-Schichten-Theorie ein. Solche Zerrissen- 
heit klingt naiv, unbefangen, kunstlos. Der tiefer Zusehende er- 



Kommentar zu Robert Walser 







kennt wohl romantische Ironie in ihr, denkt etwa an Heine. 
Der Verstehende aber sieht unter dieser wirklichen Naivit&t und 
wirklichen Ironie (beide sind real vorhanden, nur beide nicht 
selbst&ndig, beide auf die dritte Schichte beziehungsvoll) eine 
ganz inwendige Seelen-Unbekiimmertheit, eine liber alien Mitteln 
stehende und deshalb in den Mitteln mit Fug wahllose Dichter- 
Urkraft. Ein Bei spiel (man findet leicht tref fendere) : „Das 
Feuer, das wie alle wilden Elemente keine Besinnung 
hat, tut ganz verriickt. Warum sind noch die zugelnden 
Menschenh&nde nicht in der Ndhe ? Miissen denn gerade 
in solcher Schreckensnacht u. s. f.“ Ich habe mir er- 
laubt, natiirlich gegen den Text, die deutlichsten Papierworte 
hervorzuheben. Wie fliichtig sieht man sie der Feder des Dichters 
entgleiten, als Ankl&nge fast an popul&re Schillerzitate, sieht den 
Dichter ihr Unangebrachtes erkennen, ironisch belacheln, sieht 
ihn sie dann trotzdem stehen lassen, einer inneren Fliichtigkeit, 
weil Heiterkeit folgend, die sich zu jener oberfl&chlichen 
Fliichtigkeit wie ein lebendiger Mensch zu seiner Momentphoto- 
graphie verh&lt . . . Walser liebt es, wie in dem zitierten Buch 
(„Fritz Kochers Aufsatze"), sich als Knaben, als halberkennenden 
Reifenden zu verkleiden, um diesen Stil gleichsam zu recht- 
fertigen. Doch fiihrt er ihn gliicklicherweise auch ohne besondere 
Rechtfertigung durch alle Biicher hindurch und ebenso durch 
seine schonen eilfertigen kleinen Stiicke in unsern Zeit- 
schriften. 

Was fiir Sdtze, was fiir Satz-Neubildungen und unbewusstes 
Gluck ! „Ich wohne sehr nett in einem, es kommt mir vor, hoch- 
gelegenen Turmzimmer. 1 * Oder : „Er wolle, fand es Tobler fiir 
passend zu sagen, nicht hoffen, dass es soweit komme." Ohne Arg 
und doch mit grosser Schlauheit und doch im Herzen ohne 
Arg wird mit der deutschen Syntax hiibsch gewirtschaftet. 
Gehdufte Verba geben einen halb-komischen, ganz-entziickenden 
Effekt : „ . . . dass ich jederzeit dasjenige zu leisten imstande 
sein werde, was Sie glauben werden, von mir verlangen zu 
diirfen.“ Oder alte Phrasen werden mit einem neuen oder recht 
abgebrauchten Adjektiv kuriert : „Die Berge am Ufer waren in 
dem Dunst, den der vollendet schdne Tag iiber den See 
verbreitete u. s. f.“ ,,Zeitungen solchen Schwunges und 
Charakters schossen ... an die erstaunte und er- 
freute Oeffentlichkeit." Analog zu „Ins Reine Schreiben" 
wird neugeschaffen : ,,Ins Mehrfache Schreiben.' 1 — 1st es 
moglich einer tausendjahrigen Sprache so neue gezwungen- 
ungezwungene Tone abzulisten, die von nun an nicht mehr 
verstummen werden ?1 Wer in solchen neuen Stilerfindungen nicht 

S* 



5<S 



Kommentar zu Robert W&lser 



das grosste literarische Tun unserer Zeit sieht, von dem kann man 
getrost sagen, dass er von dem Wesen der Literatur noch nie 
eine Ahnung in der Seele verspiirt hat. 

Ueber die Schweizer Provinzialismen bei Walser und ihre 
Schonheit denke man sich nnen selbstverstandlichen Absatz hier 

eingeschoben. 

Ebenso liber seinen scheinbar sorglosen, dennoch sehr be- 
dachten und doch im Tiefsten bliunenhafte frische Sorglosigkeit 
aushauchenden Szenenaufbau. 

Seine Gesinnung erklfire ich mir gleichfalls dreischichtig. 
Eine leicht erkennbare Aristokratie im Wesen (,,Warum ist 
Armut eine solche Schande ? Ich weiss es nicht. Meine Eltem 
sind wohlhabend. Papa hat Wagen und Pferde“); man wiirde 
aber irren, wollte man die durch solche leichtfert'ge, absichtlich 
leichtfertige Reden als deren Widerlegung deutlich durch- 
schimmemde soziale Mitleidsgesinnung als die wahre auifassen. 
Noch tiefer vielmehr stosst man wieder auf etwas sehr Nobles, 
Feinorganisiertes, Sich-Abschliessendes — und wundervoll ist es, 
wenn Walser manchmal durch einen einzigen Satz den Leser 
zwingt, alle drei Standpunkte mit ihm zu durchlaufen. „Es 
wurde nach und nach bei den Frauen Mode, und zwar bei den 
sogenannten bessern, n&mlich bei solchen, die nicht gar so streng 
zu arbeiten brauchten, den Tag fiber, und das gerade sind ja die 
Besseren . . Man suche sich das Richtige aus! 

Es ist in dem labend komplizierten Wesen dieses Dichters 
gelegen, dass er vielartige Figuren von solcher Vollst&ndigkeit 
ihres Gehabens und Wirkens gestalten kann imd nicht im Relief, 
nein rund, komplett. Er braucht nur seines eigenen Wesens Ziige 
zu isolieren, aus sich herauszustellen ... Da erscheint in 
mehrfachenVarianten die schdne,stattlicheFrau aus pratrizischem 
Bfirgerhaus, der der Hochmut so gut steht, der man gem dient. 
Immer tr&gt sie Federn auf dem Hut . . . Da erscheint der 
junge Mann, bald Schuler, bald Kommis, bald Gehilfe, der es in 
keinem Beruf lange aush&lt. Das Heroische und die Kunst leben 
in ihm, hfibsch verwickelt mit kleineren Begierden wie z. B. einer 
kraftigen Esslust. Die Liebe zum Bruder, der als Ideal vorschwebt, 
wird oft gezeigt. ,,Geschwister Tanner" gar ist die Geschichte 
einer in sich zusammenhaltenden, ganz bunten und doch durch 
einen edlen Familienzug angeglichenen Kette von Geschwistern. 
In ihrem Familienstolz zeigt sich wieder der Aristokrat. Nur das 
Feine, Ebenburtige gef&llt ihnen. Am liebsten wfirden sie in einer 
m&rchenhaften Welt von Schonheit leben, wie sie Karl Walser 
zierlich aufzuzeichnen weiss ; und ebenso wird im Buche „Der 
Gehilfe" gern getr&umt, in der guten Art Gottfried Kellers etwa, 



Kommentar zu Robert Walser 



57 



( 



ausfuhrlich im Schlaf, oder wachend vom , ,Ritterfr&ulein in Samt- 
fock und ledemen Handschuhen.“ Doch — und das ist das Drei- 
schichtige, Vielschichtige, Ungez&hltschichtige meinetwegen — 
in demselben Buche spielt auch die kleine ,,verschuggte“ Silvi 
ihre wichtige Rolle und allnachtlich „pisst sie ins Bett.“ Was ich 
damit sagen will : Die Feinheit Walsers hat durchaus nichts 
Aesthetelndes, mir so verhasst Wienerisches 1 Fritz Kocher, 
dessen Aufsatzheft mit den Worten „Der Mensch ist ein fein- 
fiihliges Wesen“ beginnt, sagt so schon, wie er den „Lehrer in der 
Schulstube" beschreibt : „Hin und wieder kratzt er sich wolliistig 
in den Haaren. Ich weiss, welche Wollust es ist, sich in den 
Haaren zu kratzen. Dadurch reizt man das Denken unendlich. 
Es sieht allerdings nicht besonders schon aus, aber item, e s 
kann nicht alles schSn aussehe n.** 

Das ist nun Walsers lieblichster Frohsinn ; er steht, obwohl 
poetischeren Zeiten entsprossen, fest in unserer unpoetischen 
Gegenwart. Er liebt sie, er macht sie poetisch. Er halt einfach 
ihre Ekelhaftigkeiten aus — der gesunde schone Korper ,,fahig, 
Anstrengungen und Entbehrungen zu ertragen,** das ist die 
gute Basis, die er alien seinen Helden gibt. Ihr Lachen ist ein 
ins Akustische umgewandelter solcher Gesundkorper. Allen 
Madchen miissen sie wohlgefallen, und das freut diese jungen 
Herren selbstverstdndlich ... In ihrer guten Laune geffillt 
ihnen selbst alles. Sie finden sich zum Erstaunen miihelos in 
der Welt zurecht. Der liebe verschwenderische, scheinbar 
so gar nicht ins 20. Jahrhundert passende Herr Tobler, Erfinder 
der genial unpraktischen Reklameuhr und desSchiitzenautomaten, 
wird sich schliesslich — so eroffnet uns die abschliessende Voraus- 
sicht des Romans — , wenn er den Glaubigera seine ,,brillante“ 
Villa am Seeufer riumen muss, auch in der engen Stadt „in 
einem billigen Quartier** recht wohl fuhlen. „Man gewohnt sich 
an alles . . .“ Von einer versinkenden Weltanschauung, von 
fiberlebten Stimmungen ist in der obersten Schichte dieser 
Bucher viel die Rede („Man bedauerte das Zeitalter, das sich ge- 
zwungen sah, mit Menschen von des Melkers Veranlagung derart 
kleinlich und missverstdndlich verfahren“, so heisst es von dem 
derben Naturburschen im Polizeigef&ngnis, der noch das Blut 
der „stolzen und unb&ndigen Ahnen des Landes** hat und dafiir, 
d. h. fur Raufh&ndel, bestraft wird), aber im Innersten der Bucher 
lebt schon eine tiichtige Anpassung an die Neuzeit, an Industrie 
und alles, was man will. Der Gesunde wendet sich eben von nichts 
ab. ,,Ich liebe und verehre Tatsachen.** Oberste Schichte mag 
bei Walser Romantik oder Ironie der Romantik sein, zuunterst 
liegt tapferster freundlich-ausgesponnenster Positivismus : , , Nichts 




58 Kommentar zu Robert Walser 



i 



kann mich so tief aufregen wie der Anblick und der Ge- 
ruch des Guten und Rechtschaffenen. Etwas Gemeines und 
Boses ist bald ausempf unden, aber aus etwas Bravem und 
Edlem klug zu we r den, das ist so schwer und doch zugleich 
so reizvoll. Nein, die Laster interessieren mich viel, viel 
weniger wie die Tugenden.** 

. . . Ueber Witzigkeit findet Walser so hfibsch das Rechte : 
„Witz darf in Aufs&tzen vorkommen, aber nur als leichte, 
feine Zierde. Ein von Natur Witziger muss sich besonders 
in acht nehmen. Die Witze, die hubsch klingen, wenn sie aus 
dem Munde kommen, nehmen sich nur selten auch auf dem 
Papiere gut aus. Ueberdies ist es unvornehm, von einer Gabe, 
mit der man iiberreich ausgestattet ist, einen nicht ftusserst 
wfihlerischen Gebrauch zu mac hen. “ 

Doch zurfick zu Besserem 1 . . . Was {fir Einffille, diese 
Musterschule „Benjamenta“ mit ihrem so intelligenten, so un- 
ermfidlich vom Dichter belobten und doch unterirdisch von lhm 
missachteten Vorzugsschfiler, dieser Brief, der mit „Geachtete 
Frau“ beginnt, oder der betrunkene Wirsich, dieses Mitleidige, 
Mitleidslose, Mitleidsindifferente u. s. f. u. s. f. . . . Es ist un- 
moglich , diesen Dichter nach Gebfihr zu loben. Ich kann meine 
verliebte Freude fiber seine Existenz in Kurzem nicht mehr 
anders ausdrucken als indem ich die Namen seiner Bficher mit 
meiner schonsten Schrift ins Manuskript kalligraphiere : ,,G e - 
dichte“ — „Fritz Rochers Aufsatze" — „Ge- 
schwister Tanner" — ,,D er Gehilfe" — „Jakob 
von Gunte n“. 



i 

4 






Terror der Syndikate 59 



Terror der Syndikate 

In der Literatur fiber die Geschichte der Kartelle und Syndi- 
kate kann man erbaulich lesen, wie nach langer und kost- 
spieliger Konkurrenz die Unternehmer zu der Erkenntnis kamen, 
dass der gegenseitige Kampf nur alien Beteiligten Schaden bringe 
und eine gemeinsame Organisation geschaffen werden miisse, 
um den Umfang der Produktion, die Festsetzung der Preise und 
die Begrenzung der Absatzgebiete zu regeln. Da die publizierten 
Kartellgriindungs- Geschichten zumeist auf Informationen auf- 
gebaut sind, die aus den Syndikatsbureaus stammen, so ist nur. 
zu erkl&rlich , dass ihre Darstellung den Wiinschen der Syndikats- 
interessenten entsprechen, aber mit den Tatsachen schwer in 
Einklang zu bringen sind. 

Wire die Voraussetzung fiir das Zustandekommen von Kar- 
tellen oder Syndikaten immer die einmutigeZustimmungder Inter- 
essenten ge wesen , so existierten wahrscheinlich nur ver- 
schwindend wenige jener jetzt so zahlreichen Organisationen. 
Bei einer etwas eingehenderen Betrachtung ergibt sich denn auch, 
dass der Terror der G e b u r t s h e 1 f e r vieler, 
man dari wohl sagen, fast aller Kartelle 
war und die Kartellmacht gleichfalls durcb 

’ ‘j * _ 

die Anwendung von w i r t s c h a f 1 1 i c h e m Ter- 
rorismus behauptet wird. Schliessen sich mehrere 
Betriebe zur gemeinsamen Regelung der Verkaufsbedingungen zu- 
sammen, so werden die Unterhandlungen mit den noch aussen- 
stehenden Werken zunachst in friedlicher Form gefiihrt, bleiben 
indes die Ueberredungskfinste erfolglos, dann beginnt die An- 
drohung und Durchfiihrung von Repressalien in Form von 
systematischen Preisunterbietungen, Entziehung von Rob- 
mater ialien, femer werden die Banken veranlasst, das Vorgehen 
durch Kiindigung von Krediten zu unterstiitzen. 

* * 

* 



Zur Kenntnis der Oeffentlichkeit kommen nur die wenigsten 
Falle des Kartellterrors, aber selbst dieses Material ist ausreichend, 
um seinen Umfang und seine Wirkungen erkennen zu lassen. Am 
scharfsten aussert er sich dort, wo ein straffer Zusammenscbluss 
bereits besteht und eine gewisse monopolartige Stellung von den 
vereinigten Werken erlangt ist. Aus der Praxis des Stahl- 
werksverbandes, dessen Vertrag vor der Erneuerung 
steht, liegen dokumentarische Beweise liber die Anwendung des 
Terrors vor. Der vor wenigen Tagen erschienene Bericht der 





Terror der Syndikate 



Westf alischen Stahlwerke Akt. - Ges. in 
Bochum uber das GeschAftsjahr 1920/1 z enth&lt die Mit- 
teilung, es habe sich auch im abgelaufenen Gesch&ftsjahr wieder 
gezeigt, dass die Zugehorigkeit zum Stahlwerksverbande fiir die 
Gesellschaft von erheblichem Nachteil war. Nicht zum erstenmal 
tritt die Verwaltung mit dieser Feststellung hervor, bei den ver- 
schiedensten Gelegenheiten wurde sie von ihr mit aller Sch&rfe 
betont. Unwillkurlich muss man sich fragen, warum dann in aller 
Welt die Gesellschaft sich zur Zugehorigkeit zum Stahlwerks- 
verband entschlossen hat, wenn sie das Bewusstsein von der 
Sch&dlichkeit des Anschlusses von vornherein hatte . . . Fiir 
die anscheinend unverstandliche Haltung der Gesellschaft gibt es 
jedoch eine ausreichende Erkl&rung: die Westf Alischen Stahl- 
werke wurden wider Willen ihrer Leitung zum Eintritt in den 
Stahlwerksverband gezwungen. 

Ende November vergangenen Jahres erkl&rte in der General- 
versammlung der Gesellschaft der Vorsitzende, Justizrat E 1 1 z - 
b a c h e r , das Verh&ltnis des Unternehmens zum Stahlwerks- 
verband sei, wie schon fruher hervorgehoben, kein gunstiges, die 
Herren vom Stahlwerksverbande hatten seinerzeit selbst erkl&rt, 
sie s&hen ja ein, dass die Westfalischen Stahlwerke, wenn sie 
unter den ihnen gestellten Bedingungen dem Stahlwerksverband 
beitr&ten, nicht sonderlich prosperieren wiirden. Die Gesellschaft 
miisse das Opfer aber im Interesse der Allgemeinheit br ingen; 
sonst werde man eine Generalversammlung 
einberufen lassen, die die Verwaltung, wie 
dies auch einst beim ,,P h 6 n i x“ geschehen 
sei, zwinge, dem Verbande beizutreten. 

Nirgendwo haben diese Ausfuhrungen liber das Verh&ltnis des 

Werkes zum Stahlwerksverbande Aufsehen hervorgerufen, was 

deutlich dafiir spricht, dass derlei Vorg&nge nicht zu den Selten- 

heiten gehoren. * m 

* 

Um Mittel, ihre Drohungen auszufiihren, brauchten die Stahl- 
werksverbandsherren wirklich nicht in Verlegenheif zu geraten, 
wenn die Westf Alischen Stahlwerke sich nicht ihrer Botm&ssigkeit 
unterworfen hatten. Ein Wunsch der grossen Montanbetriebe 
des Stahlwerksverbandes h&tte geniigt, um die Banken zu ver- 
anlassen, mit der aus den Aktien ihrer Kunden gebildeten 
Majorit&t in der Generalversammlung der Westfalischen Stahl- 
werke zu erscheinen und den Beschluss zur Beteiligung an dem 
Stahlwerksverband zu erzwingen. Leistete die alte Verwaltung 
dann noch irgend welchen Widerstand, so war es den Banken 
ebenso leicht, die Herren ihrer Aemter zu entheben. 



Terror der Syndikate 



I 




Wie wenig die Grossmachte der Industrie sich bei Betreibung 
ihrer Kartellplane geniert fiihlen, bewies auch die T a k t i k 
des Walzdrahtverbandes, dessen Mitglieder an dem 
Zustandekommen eines Drahtstiftsyndikats stark interessiert 
waren. Dem W alzdr ahtverband gehoren 29 Werke an, 5 Werke 
gelangten nach seiner Grundung im Jahre 1907 ganz oder teil- 
weise zur Stillegung, die dazu erforderlichen Vergutungen wurden 
▼on den Verbandsmitgliedern durch Umlagen aufgebracht. Auf 
diese Weise hatte der Verband sich eine marktbeherrschende 
Stellung verschafft, die er jenen Drahtstiftfabriken, die dem be- 
absichtigten Syndikat nicht beitreten wollten, auch sehr energisch 
ins Gedachtnis rief. Um die Verhandlungen zur Griindung des 
Drahtstiftsyndikats zu beschleunigen, erging an die Drahtstift- 
fabriken die Aufforderung zum Anschluss mit der Benachrichti- 
gung, dass den Widerstrebenden von dem W a 1 z - 
drahtverband kein Rohmaterial mehr ge- 
liefert werden wiirde. Eine Verweigerung der Lieferung 
▼on Rohmaterialien durch die machtige Vereinigung war unter 
Umstinden mit der Unmbglichkeit identisch, Rohmaterial iiber- 
haupt zu erlangen. Dass diese Drohung sp liter nicht ausgefiihrt 
wurde, war nicht etwa auf nachtraglich entstandene Bedenken 
gegen die Brutalitdt dieser Absichten zuriickzuf iih r en , sondern 
lediglich darauf, dass im letzten Augenblick eine neue Walz- 
drahtkonkurrenz entstand . . . Von einem der beteiligten Werke 
. ist dieser Zusammenhang in dem gedruckt ▼orliegenden Ge- 
sch&ftsbericht zugegeben worden. 

h 

* * 

* 

Der Nichteingeweihte sieht in den Mitteilungen liber Einigung 
▼on Konkurrenzunternehmungen wohl immer das Ergebnis 
friedlich-schiedlicher Verhandlungen, wdhrend in Wirklichkeit 
den . vollzogenen Einigungen die erbitterste Verfolgung des 
schwScheren Gegners ▼orausging. Charakteristisch dafiir ist die 
Geschichte des Abkommens zwischen der 
Ozeanlinie H. Schuldt in Flensburg und den 
grossen deutschen Scbiffahrtsgesellschaf- 
t e n unter Fuhrung der Hamburg- Amerika-Linie und des Nord- 
deutschen Lloyd, wonach die Ozeanlinie ihre Fahrt vom 1. April 
19x1 ab auf den Dienst von Antwerpen nach Kuba beschr&nkt. 
Von der Flensburger Reederei- Gesellschaft Schuldt war im 
Jahre Z908 eine feste Schiffahrtslinie Hamburg- Antwerpen- 
Kuba-Mexiko eingerichtet worden, durch die sich die grossen 
Reedereien in ihrer Schiffahrtsdiktatur gestort sahen. Zunftchst 




Terror der Syndikate 




wurde die Flensburger Schiffsbaugesellschaft, bei der Herr Schuldt 
damals Aufsichtsratsmitglied war , boykottiert, worauf 
Schuldt seinen Austritt aus dem Aufsichtsrat erklirte. Natiirlich 
erfolgten auch die iibliche Frachtratenermassigungen gegen die 
Reederei Schuldt. Als diese Vorstosse noch nicht die erwiinschte 
Wirkung ausiibten, entschloss sich das kartellierte Schiffahrts- 
kapital zu scharferen Massnahmen. In deutschen Blattern er- 
schien Anfang des Jahres 1910 ein Bericht, der die Kampfesweise 
der Grossreedereien anschaulich darstellte. „Als der Dampfer 
, Hermann* der Schuldtlinie mit einer Teilladung nach Kap 
Haitien befrachtet wurde, gab dieHamburg-Amerikar 
Linie ihrem Agenten in Kap Haitien, der 
auch deutscher Konsul ist, den Auftrag, 
dem , Hermann* das Loschen der G titer d a - 
durch u n mb glich zu machen, dass er die 
einzigen Leichter gesellschaftea am Platze 
durch Barzahlungen dahin brachte , dem 
Konkurrenzdampfer die notwendigen Lei ch- 
ter nicht zu geben. Der Herr Konsul wurde aber an der 
Ausftihrung dadurch verhindert, dass ihm vom Vertreter der 
neuen Linie mit der Meldung an die vorgesetzte Behbrde gedroht 
wurde. Die Leichterung ging dann glatt vonstatten.** 

Auch die agrarische Spirituszentrale weiss 
sich mit Meisterschaft des wirtschaftlichen Terrors 
zu bedienen ; sie hat aussenstehende Brennereien und Sprit- 
fabriken durch Mittel kirre gemacht, die das Kammergericht 
als Verstbsse gegen die guten Sitten charakterisierte ; den 
Handlern zwang sie Vertrage mit Strafbestimmungen auf, die 
an Rticksichtslosigkeit die Lieferungskontrakte des Rheinisch- 
Westfalischen Kohlensyndikats und des Mitteldeutschen Braun- 
kohlensyndikats zum mindesten erreichen, eher noch tibertreffen. 

Wo immer Syndikate entstanden, tiben sie Gewaltt&tigkeiten 
aus, um eine wirtschaftliche Alleinherrschaft zu erlangen. Daraus 
leiten sie dann das moralische Recht her, eine Einschrankung 
Oder gar die Aufhebung des Koalitionsrechtes der Arbeiterschaft 
zu fordern. 

Von den Kartellkreisen, deren Reprasentanten sicher alle 
hinter Schloss und Riegel sassen, wenn sie sich der Recht- 
sprechung zu erfreuen hatten, mit der Streiker und ihre 
Organisations vertreter st&ndig zu rechnen haben, wird ein er- 
hbhter Schutz fiir Streikbrechergarden und ein Verbot des Streik- 
postenstehens gefordert, im Namen der Freiheit. Wer aber 
schiitzt die Freiheit nichtsyndizierter Unternehmer gegen den 
Terror der Kartelle? KRITES 






Graudenz 



► 

* 




Graudenz 

Von OSKAR LOERKE 

Ihr seht sie hoch am Strome thronen. 

Eine Orgel spielt geheim. 

Da wachst um D&cher, Turm und Bastionen 
Wie Nordlicht weit ein Heiligenschein. 

Die Glocken in den Glockenstiihlen , 

Sie tragen Spriiche in Latein, 

Hun heben die an mit wunden Gefuhlen 
Zu sprechen im alten, heiligen Schein. 

In roten verwitterten Toren sitzen 

Kanonenkugeln aus Stein. 

Draus fahren Tod und Not und Blitzen 

Und kriegszerschmettert Gebein. 

Ich klimme zu den hochsten Turmesstufen: 

Da schweigen die Spriiche aus Erz, 

Und weithin griinen die Erdenhufen, 

Und mein Strom rollt himmelher himmeiw&rts. 



Der Fahrende 




Der Fahrende 

Von RICHARD WOLFGANG WORTON 

(Ulm) 

Schlafen sind die Menschen gangen . 

Fern erldschen letzte Lichter. 

Kinder an zu trftumen fangen. 

Nacht kiihlt beisse H&rmgesichter . 

Mochte nun mein Herz begraben, 
dass ich endlich Frieden h&tte. 

Unruh mir die Menschen gaben, 
doch zum Sterben keine St&tte. 

Meine Brust den Winden often 
sink ich nun im Walde nieder. 

Sterbend will ich noch erhoffen 
eine Zeit fur meine Lieder. 




Vive la bagatelle I 

Swif 



EDISON 

Sobald einer Kritik an Deutschland fibt, hort er auf, das Mikrophon 
erf unden zu haben. 

Dass englische Gesch&ftsmoral vorlfiufig fiber der deutschen steht, 
wird stimmen. Sicherheit des Geschfifts muss in einem satten Handels- 
staat grosser sein als in einem kraftroll werdenden. Deutschland selber 
weiss es. Der Engl&nder, der Waren nach dem Reich schickt, fordert 
oftmals Geld, solange sie noch auf englischem Boden ist. Sonst kein 
Zentigramm. Noch gehen unsere Geschfifte nicht so glatt, dass eine so 
schiere Moral moglich wfire. Englands Geschfifte schon. Moral ist eine 
mythologische Bezeichnung ffir gute Geschfifte. 

Harrods, ein Londoner Wertheim, verkauft einen mittleren Bade- 
schwamm zu sz Mark (welcher ein Millennium hfilt). Dergleichen ist 
schon fad als Geschfiftsmoral. Wfihrend bei uns das Ethos der Geschfifte 
noch kfinstlerisch, noch pittoresk, noch unsicher ist. 

Edison hat nachher manches verleugnet — aber nicht den Satz, 
er nach dem Aufenthalt in Deutschland ,,das Standbild der Freiheits- 
gottin zu kfissen Lust hatte“. Wem sagt er das. Er ffigte bei: „Der Hass 
gegen Kriegsplfine und Kriegssteuem erffillt alle Herzen und schliesst 
eine nfitzlichere Betfitigung aus. Grosse Armeen und grosse Rfistungen 
drficken die Volker und lassen sie verarmen. ‘ * Edison erfuhr bei der An- 
kunft Ehrenpforten, nach der Abfahrt weiche Aepfel. Denn Kritik hat 
er gefibt. Er ist aus einem herrlich selbschaffenen Zauberer flugs ein 
r&udiger Blodian geworden. 

Dennoch bin ich daffir, dass wir die Wahrheit vertragen und er das 
GlQhlicht erf unden haben darf. Kerr 

THE REINHARDT STAGE 

In England beginnt man fiber die Reklame zu lficheln, die Reinhardts 
Betulichkeit umgibt (nicht mit seinem Willen, na, nur fiber seinen wider- 
strebenden Kopf hinweg). Grein, der bekannte Kritiker, ulkt in der Sonn- 
tagsausgabe der Times fiber die in London verbreitete Ankfindigung 
folgenden lieben Inhalts: ,, Professor Max Reinhardts wortloses Spiel 
Sumunm, welches eine Revolution sowohl in der dramatischen Kunst 
des Kontinents wie in der Englands schafft . .“ 

Grein fiussert schlicht, er schreibe ffir Menschen, weiche die Kunst 
lieben. Er stellt ruhig zur Erwfigung, ob das Vorgeffihrte mehr als 
ein langweiliges und anspruchssvolles Schaustfick sei („langweilig and 
pretentious"). Man scheint Sumurun dort ffir eine H5he deutscher 
Kunst auszugeben; denn Grein, welcher die englischen Tingeltangel 
kennt, ffigt zu: „Soll dies das Neue sein, was Berlin lehrt — so konnen 
wir das zweifellos bei uns besser.“ 




66 Victor Hadwiger *f* 




. . . Andere Notiz in London. Professor Reinhardt plant ,,a Berlin 
production". Im Olympiatheater. Riesen-WeihnachtsstOck. (Zweitausend 
Statisten. ) Bei den Proben „the call boys will be mounted on bicycles, 
and Professor Reinhardt will have a motor-car". Also bei den Proben 
dieser Ausstattung werden die Inspizienten Oder Laufburschen auf Zwei- 
r&dem hinundherfahren ; Professor Reinhardt selbst im Automobil. 

Seit sechs Jahren prophezeit: The new Berlin stage. K. 

VICTOR HADWIGER f 

Mit zweiunddreissig Jahren 1 Aberein etwas ungewdhnlicherer , 

vielleicht verzQckterer, seligerer Herzschlag, und . . . 

Er war eine viel zu zarte Haut Hochgewachsen, den blassen, rot- 
blondbartigen Kopf wie lauemd etwas vorgestreckt — der auffallendste 
Protest gegen den Typ des rasierten Literaten von heute — ging er 
eigentlich nur immer in einer hoheren Luft als die meisten, und witterte, 
witterte. . . Sicher auch viele, zu viele Gefahren und Feinde; aber h&ufiger 
nur die verborgenste Seele alter Dinge, der toten wie der lebenden, be- 
tastete den Schlummer der Wesen, horchte auf Atemzfige, die schon 
ins Nichts zerrannen, tiberraschte die Erinnerung des Erstarrten, beschwor 
das Bild unter blindgehauchtem Spiegel, und grub und spQrte endlich 
unter Schutt und Geroll den Urquell einer Liebe auf, die freilich in irdischen 
Lfiften schwer zu bannen als seligste Gemeinsehaft des Kosmischen 
sein Dasein zu innerst erhellte — und seinem Schaffen die Schdnheit 
gab. . . 



Victor Hadwiger hatte grade einem Roman, der schon vier Jahre 
darauf wartete, die Tugenden des Verlegers entdeckt. Vorher war er 
unter die Meute gefallen, die sich um seine lustigeren, bissigeren Sachen 
zankte. Er las noch den neuen Prospekt. Dann starb er. 

Oft erinnerte er mich an Stimer. Sein erster pathetischer Sang hub 
mit „Ich" an. In seinem jetzt erscheinenden Roman „Abraham Abt" 
gibt es ein Intermezzo, eine Allegorie grossen Stils (in der ,Aktion* 
veroff entlicht) : Der Sarg des Riesen. Den Riesen, das hohe 
lichte Prinzip, totet ein Insekt, die Schmeissfliege, das bose Prinzip. Ich 
habe ihn nie befragt, ob er an Stimer dachte. Den auch eine Fliege 
schonungslos so um Eigenheit wie Einzigkeit gebracht hatte. 

Die Fliege — 

Schliesslich hat er sie ganz furchtbar und erbarmungslos gehasst. 
Die Fliege, das ekle Gezucht, — die kleinen spuckenden Menschen, die 
krabbelnden Kobolde, wie er sie nannte. Er schrieb alles irdische Leid 
und boses, schmerzendes Missgeschick daher, von ihrem heimlichen, 
niemals gewalttfitigen, nur Ieisen und lichtscheuen Minieren und Wurzel- 
nagen. Und nie ging einer durch Welt und Menschen, dem das Odi 
profanum volgus schon so an der Stim geschrieben stand . . die Leute 
wichen ihm wirklich aus. . . ; aber dann warfen sie doch a us der Ferae 
kleine widerhakige Blicke und Pfeile. 





<57 



Was man nennt das grosse Ochsen - Constable 



Und das Allerfurchtbarste zuletzt: dass er ein Recht hatte, so zu ha.««»n 
und gebasst zu werden. . Weil er so fiber alle Mas sen liebte, ja fiber 
alles Erfassen Welt und Menschen inbrfinstiglich umarmte, ja Alle, 
Alles an sein Herz ziehen wollte. . ! 

Ob sein Leben ein Fragment geblieben: es ist ein solches doch — mit 
ihm selbst zu sprechen — „das man lieben muss I “ An. Ru. 



Was man nennt das grosse Ochsen. 

Die Philologen, fromm und stark, haben jetzt ihren ,,Tag“ gehabt. 
Zu Posen posierten sie Philosophiefreundlichkeit. Man forderte : nach 
osterreichischem Muster an hoheren Schulen Philosophic als Unterricbts- 
gegenstand. 

Hat man beachtet, womit ein Redner die Notwendigkeit dieses Unter- 
richts begrfindete? „Man soil unsere Primaner Schopenhauer und 
Nietzsche nicht mehr kritiklos lesen lassen.“ 

Was steht bevor? Dass sie den Knaben jetzt neben den Dichtern 
auch noch die Denker verekeln. 

Dem jugendlichen Gemttt, welches, Toll erhabener Desperationen zu 
den Grossten seines Zeitalters flfichtet, soil diese Mdglichkeit, geistige 
Qual in geisugen Rausch zu verwandeln, genommen werden. . . . Schopen- 
hauer und Nietzsche nicht mehr kritiklos lesen lassen? Man will in 
Wahrheit, urn das junge Volk zu ducken, sie fiberhaupt nicht mehr 
lesen lassen! Diese Wirkung tritt ein, sobald Philosophie gepaukt wird. 

0 Parerga; o Zarathustra: wdret ihr uns erblfiht, so wir ffir den 
n&chsten Schulmorgen Kategorientafeln zu ochsen gehabt h&tten? . . . 
Wonach weinen des Epheben Zweifel? Nach dem Substanzbegriff bei 

Beneke ? 

Der J fingling fleht um heilige Formeln. Ich ho re Tfine — grasslich . . 
kongresslich. K. Hi. 

C ONSTABLE 

Noch ein paar Worte des Landschafters fiber Landschaften: 

„Die Landschaft Gainsboroughs ist einschmeichelnd, zart und lieblich. 
Die Stille des Mittags, die Schatten der D&mmerung wie der perlende 
Tau der Morgenfrfihe finden sich auf den Bildem dieses ungemein wohl- 
wollenden und gutherzigen Menschen. Vor einer Leinwand von ihm 
treten uns Trftnen ins Auge, ohne dass wir sagen konnten weshalb. Die 
zwischen Sujets und Kunst nicht zu unterscheiden vermogen, haben ihn 
wohl mit Murillo verglichen. Nun, er malte gleich Murillo die Bauem 
und das landliche Leben seines Landes — doch damit hort die Aehnlichkeit 
auf. Sein Geschmack war in jeder Hinsicht weit verfeinerter als der des 
Spaniers. ‘ ' 

„Der Gipfel der Abgeschmacktheit jedoch, zu dem die Kunst gelangen 
kann, wenn die Mode sie von der Natur ablenkt, lfisst sich am besten aus 
den Werken Bouchers erkennen. Seine Landschaften stellen Schfifer- 
szenen dar, aber Sch&ferszenen der Bfihne. Er selbst sagte cinmal zu 





Sir Joshua Reynolds, er habe menials nach dem Leben gemalt, denn die 
Natur bringe ihn a us dem Konzept . . 

Beide Stellen sind aus einem (bei Paul Cassirer ers chein enden) 
Buch, „ Selbstbiographisches aus Brief en, Tagebuchbl&ttera, Aphorismen 
und Vortr&gen Constables' ‘ , deutsch herausgegeben von E. MUller-Roeder 
und Arthur Rossler. Die kleinen Freuden des Alltags werden sichtbar, 
ein bischen Sonne, KQmmemis, Abseitigkeit, das Arbeiten — und der 
jihe, trttbe Schluss dieses anderen Mfkllersohns in der Malerei. 



Sendungen fOr den polltisdien und den ilterarisdien TeN sind zu adressleren 



Gninewald, Gneiststrasse 9; 
Leitung des Pan. 



Sendungen, weldie die bildende Kunst und den Handelsteil 



Beilin W.io, VlktorlastrasseS. 






FOr Unverlangtes keine BQrgschaft. 



Verantwortiich fflr die Redaktion: Albert Damm, Berlin-Wilmersdorf. 
(Alfred Kerr zeichnet reran twortlich fOr die von ihm verfassten Beitrige.) 

Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. In Berlin SW. 68. 



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Famllienflaschen Mk. 3.50. — In Apotheken und Orogerlen erhdltllch. 







Was ist zu tun? 




Was ist zu tun? 

Von ALFRED KERR 



I. 

Der W&hler stand in der D&mmerang und fragte, was zu tun 
sei. Ich sah zwischen den Waldb&umen durch. Schattenhaft 
war sein Gesicht wie sein Leib. Er trug eine Sonntagskluft, 
bald schien es ein Gewand von zeitlosem Schnitt. Alle Gloria 



der Kiefem roch durch die Welt 



fiber diesen fleissigen un- 



.begabten Boden hin, wo eine dilnngrilne Schicht auf Sand und 
alten Klamotten ruht. Die Zfige des Wesens waren simpel und 
fremd, nein, verwohnt und nah. Wie waren sie ? entgleitend und 
wandelvoll. Im Grunde schlief einStfick Aufwfirtsstirnmung; 
die Anwartschaft eines Menschen ; sie drang durch alles Brodero- 
haltige, durch alle Schwerffilligkeit. Sah er ganz dumm aus, so 
erschien er mir noch klfiger als Achilleus und Kaiser Barbarossa. 



II. 

J - v * 

Was ist zu tun ? ... Sie sind, rief ich, immerhin auf einer ge- 
wissen Hohe der Zucht. Und Sie werden besser, wenn man Sie 
besser behandelt. (Wie die Hunde keinem in Smyrna trotz ihrer 
Menge was tun, weil ihnen wurdevoll begegnet wird.) Die jetzige 
Regierung, sprach ich, hat in einem einzigen Punkte recht : sie 
will keinen Krieg. (Ihn fordert Mancher, der zu Hause bleibt.) 
Der Unter-Waechter Bethmann Holzwegs hat in der letzten 
Woche durch die Kolnische Zeitung erkl&rt, was mit Agadir 
beabsichtigt war. Eine Mahnung zum Beschleunigen: weil der 
Bescheid fiber das Fremdenrecht der Deutschen in Marokko ver- 
schleppt wurde. Nur um den Schlendrian in der Erledigung ab* 
zustellen . . . Von hdchster Talentlosigkeit, wie alles, was die konser- 
Yative Weltwirtschaft seit zwanzig Jahren, in einer fortgesetzten 



U 



Was 1st zu tufa ? 



bummssigen Pleite, getan. Eln Bicker bringt um einen geringen 
Schuldbetrag fast eine Keilerei des ganzen Dories zuwege — und 



lange werden iiberhaupt keine Brotchen mehr bestellt. Trotzdem . . . 

Trotzdem ist es falsch, auf die zwei unpopulirsten Obminner 
Deutschlands zu schimpfen. Jeder im Lande weiss, dass sie kaum 
selbstandig sein koniieh. Warum wolften denn die Nationalliberalen 
den Reichstag jetzt mitwirken lassen ? Weil es d&mmert, dass 



Bismarck, der treue Diener seiner Horen, von deren einem er 

l , 

an die Luft gesetzt worden, einen etwas dynastischen Zuschnitt 
jgerriacht hat. Brhat zwar den Eifaigungsgedanken der Hundert- 



tatisende, die man nicht herianliess (sondem durch Zuchthaus- 
inittel Vom Orte der Handlung fortschob), voUstreckt. Er hat 
abef ( sptach ich) die letzte Notwendigkeit eines heutigen Kontroll- 
SyStema, in gewordenen, nicht mehr in werdenden Staaten, bloft 
unkurelchend gewittert, vie er den Sozialismus nicht verstand. 

Nicht Bethmann leidet Schlappen. Nicht Wilhelm frevelt in 
Ubergriffen. Sondem . . . enthiillt sich Bismarck nicht ails ein 
Aiigenblfcksgenie ? Er ,>hob 4< Deutschland „in den Sattel“ — 
ohne die Rontrakte des Stallpersonals hinreichend zu w&geh. 

Darum fallen wir mit Unrecht flber Stallmeister und StaU- 
jungen her. Bewiri nicht, beschimpfe nicht, Mann, dies* 
Armen,-*- sondem trachte nacfa einer Anderung der Reitvor schrif ten . 
Nicht dass Unffihige unf&hig handeln ; sondem dass es mdglich 
ist, die beinah Unf&higsten auf einen ernsten Platz zu holen: 
das ist der Punkt. Nicht dass die Gekiirten nichts konnen; sondem 
dass es mdglich ist, Nichtskonner zu kiiren: das ist dier Punkt. 



Hiemach miisst du die Wahl treffen. 



Wer Deutschland 



nach ausseri hehen will, sollinnen anfangen, am zzten Januar 



' i * 



* t 



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* 



III. 



Ffirdie Ursacheh der Novemberrevolution war nicht Wilhelm 



voantwortlich; er tat immer nur, was er durite. 



Sondem 



Bismarck: ersetztefest, 



einer dtirien konnte. 



Bernhard Btilbws bester, vaterlandisch anst&ndigster Zug 



sein ersies Entlassungsgesuch , 



ohne welches, das bischen 



Zivil&uf rUhr nicht erf olgt w&re. Was jetzt vor sich geht, ist etwas 



I 



I 



Was ist zu tun? 




Verwandtes: die, sozusagen, nationalliberale Revolution. In einem 

■ * 

geruhigen Volk, wie die Deutschen, werden Revolutionen dann 
wirksam, wenn sie von einem Kanzler oder einer staatserhaltenden 
Schar eingeleitet sind. Unternehmer, Stiitzen, Leutnants- 
schwiegerv&ter wollen erbittert und fast schreiend Unheil 

i 

durch das Parlament hindern . . Und zweitens sind es Schutz- 
zollner, die aufmucken, — obzwar die Parole der schaltenden 
Pechvogel bei der Wahl heissen soil: „Schutzzoll! (nicht Frei- 

handel!)“. Die Nationalliberalen sind j a Schutzzollner, trotzdem 

■ . 

riicken sie von Bismarcks spatem Opferhiihnchen ab. Schon diese 

-i- 4 * 

Tatsache wirkt aufreizend. (Ihre Griinde sind klar: die Industrie, 
welche nationalliberal ist, will Marokko mit Erzen, die sonst 
vielleicht eine gallische Familie Schneider, mit dem Zusatz Creusot, 
schnappt, lieber haben als Kongoland mit franzosischen Monopolen 

v 

drauf.) In jedem Fall: hier ist ein Misstrauen dffentlich geworden. 
Ein Vorgang, mit weniger Larm als die Revolution von X909, 
doch wuchtender auf der Wage. Die Novemberadresse der 
Konservativen war gemacht, jeder emsteren Auflehnung das 

J 

Wasser abzugraben. Rotten sich aber die geldverdienenden 
nationalen blonden Hochbriiste des deutschen Westens gegen die 

* j * 

regierenden zwei Opfer: so weisst du, Mann, dass fur Stimmung 
und Abstimmung dein Spargel wfichst. Packe zu. Carpe diem. 







Indem du ein Deutscher bist, sollst du dich fragen, wie du 
ztun deutschen Kriege stehst. Ob du die Torheit tun willst, ihn 
^rom Zaun zu brechen — und fur Moglichkeiten Sicheres zu 
vemichten. Stosse den Schwindel mit dem Fuss von dir. Vor 
eintger Zeit schien der Kampf mit dem englischen Bund gewiss. 

i 

Er ist es heute nicht mehr. Die Liberalen sitzen dort in der 
Macht, wahrscheinlich auf Jahrzehnte. Trotz dem erzwungenen 

t 

Sekundantenruf Lloyd Georges klagen schon genug franzosiscfae 

4 

■ T 

Stuiuncii* l^ics li&t von kr flftvollcn Scliii tlcn 

f 1 

wider Deutschland eher ferngehalten als dazu gespomt" . . Ein 
Land wie das englische, mit so vielen Einsichten in Finanz- 

p ^ 

.zusammenhSnge, kennt in diesen Tagen das Gleichnis von dem 

6 * 




72 Was ist zu tun? 



Mann der great illusion, dessen Arm erfolgreich wider sein Bein 
gek&mpft hat. So liegen die Dinge. Der simple Satz von , , Blut 
und Eisen“, in wirtschaftlich schlichteren Zeiten wahr, ist ja 
falsch geworden — und der Hauptirrtum (vom gerissenen und 
gelassenen Instinkt eines Kr&mervolks nicht mehr geteilt) liegt 
im Glauben an die Konstanz eines friiher wahren Satzes. 

i 

Nur wer von der griinen Wirklichkeit nichts kennt, wird 
die blddsinnige Behauptung vor bringen , die Franzosen, dies 
entwickelte Volk von Rentnern, Skeptikem, Ungehorsamen wolle 
Deutschland anfallen. Halt mi nua. Die Kuh ist fiber das Dach. 
geflogen und hat den Schwanz gebrochen. Ich entsinne mich, 
wie Zola (der neben allem, was er sonst auf der Welt zu tun hatte, 
Frankreich sehr geliebt hat) mir nachsinnend ins Ohr sprach, dass 
dieses „peuple g6n6reux < ‘ keinen Angriffskrieg in Europa mehr 
beginnen wird. Heut ist ihm das Flugzeug eine Gelegenheit fiir 
S&tze, fiir Trostungen, . . . nicht fiir Wikingertaten. Kein arg- 
loserer Trick ist denkbar als vom Flugzeug eine Grundwandlung 
in einem verfeinten, durch Kritik zersplitterten Volk wohlhaben- 
der Einzelmenschen herzuliigen. Die Franzosen sind nicht schafs- 
dumm, sie wissen zu gut, dass zwar ihre Eindecker freiwillig in 
die Luft gehn, ihre Schiffe jedoch unfreiwillig. Jena und Liberty 
sind nicht vergessen. Es ist in Frankreich nicht unbekannt, dass 
fiir Pulver zehnjahrige Best&nde verarbeitet sind, von Augias- 
fabriken wird geredet, bald brennt es auf dem Diderot, bald 
auf der Justice, die Griinde sind keine weggeworfenen Streich- 
holzer. Die werden Krieg anfangen ? Halt mi nua. Eins kommt 
hinzu: heut ist Indochina gef&hrdet. 

Ein Esel sieht es nicht. Im Augenblicke des Kampfes patinierter 

Sudchinesen wider nordbarbarisch verottete Mandschus — im 

* 

Augenblick femostlicher Unruhen muss Frankreich um vier- 
undzwanzig Millionen Menschen . . mehr besorgt sein, als 
die Turken um Tripolis gewesen sind. Sonst ist es aus. Dazu 
die Arbeit in Marokko. Falle, Mann, auf einen Schwindel so 
bidder Art nicht hinein. Frankreich iiberf&Ut uns im Traum ■ — 
aber nur im Traum. 



“Was 1st zu tun ? 



73 



Jeder den Krieg fordemde Schreibling in Deutschland 
Jwelcher zu Hause bleibt) benimmt sich, als ob unser Platzmangel, 
ttnsre Zusamxnendrangung, unsre Produktenot verzweifelt wSren. 
<Sie sind aber, das entgeht seinem Him, so arg nicht, dass 
wir den Unsinn eines Dreifronten- Krieges herauszuf ordem notig 
hi-tten.) £r ladet sich die Unklarheiten der Knalldeutschen auf, zu- 
gleich der freiwilligen Flottenforderer, haarstrtubende Unklar- 
heiten. Ein Punkt zeigt es. Wenn sie eine grdssere Flotte fordem, 
sagtdas: wir sind noch nicht soweit. Ja odernein? Aber zugleich 
einen Krieg fordem? das sagt: wir gewinnen ihn, wir sind so 
weit. Gute Leute mdgen drunter sein, doch ihre Verschworiunen- 
heit ist lebensgefahrlich. 

Deine Aufgabe, Mann, bleibt es, jene rechnende Einsicht nicht 
wirkungslos werden zu lassen, die bei dem grossen Sieg zugleich 
die unkriegerischen Verluste voraussieht. Wir wissen seit Agadir, 
was allein der Gestus, noch lange nicht der Krieg (und noch 
l&ngst nicht die Niederlage ) Deutschland an Geld gekostet. Deine 
Sendung bleibt, mit kaltem Blut zu wahlen, nicht mit Hochrufen. 
Heute wirst du fiir manches stimmen, was jeder Fatzke fiir un- 
moglich erkltrt, fiir papier en, politikfremd, nie erprobt, unreal, 
sogar humanitar, theoretisch, feig, trustgiaubig. Weil etliche 
von diesen Dingen allmahlich die aussichtsvollsten und hoffnungs- 
vollsten und realen geworden sind. 

Die Laufte sind nicht gleich. Die alte Schule meckert von 
der Stetheit geschichtlicher Gesetze, — wdhrend der Blick 
wachsamerer Menschen mit immer schdrferer Klarheit einen auf 
wirtschaftlichen Verschiebungen und Verbundenheiten ruhenden • 
Wandel beobachtet. Ehemals konnten bei gliicklichem Krieg 
Verbilligungen eintreten, Griindungen bliihen : seit den letzten 
Handels jahrzehnten ist jeder erfolgreiche Krieg (innerhalb Europas) 
fiir den Sieger eine Pleite. Und fiir den Andren ? . . . Jeder 
Treffschuss, den du abgibst, Mann, geht in dein Gebein. 

SchmShe die zwei Zufallsopfer nicht, dass sie keinen 
Krieg wollen. Doch ersetze sie durch dich und deinesgleichen . 
IDurch alles, was an tausendfacher Kraft in anderen Liiften lebt, 



Was ist zu tun ? 




I 



gewaltsam ferngehalten vom Startplatz durch enge Hiiter, die 
nicht euer grosses Heil, sondern ihre Stellung mit minnlicher 
Gebarde und tiefer Unf&higkeit vor den treuen Augen haben. 
Wahle, Mann, gegen die Verschwommenen ; gegen die beharr- 
same Welt abwirtschaftender plumper Kraftmichel, die uns 
nichts eingebracht haben als Lacherlichkeiten und Ruckziige. 
Hilf den Nachschub auf die Beine stellen. Du willst, dass 
dein Land gross nach aussen sei: du kannst nur im Innem den 
Grand dazu bauen. Wirke den Zuzug neuer Seelen. Erb&rm- 
licher, als das junge Reich mit den alten gefahren ist, kann es 
nicht wieder fahren. Du bist belehrt. 

... Das Wesen vor mir schwoU, wagrecht, immer durch den 
Wald hin, in der Dammerung, ohne Grenze. 

Die B&ume knirschten, heiter und frisch, aber etwas blod- 
sinnig, unbelebt, tierhaft. Driiben aber, seitwSrts, an dem fiir 
Automobile geebneten Weg, begann eine Elektrolampe zu summen. 



4 



Flauberts J ugendregungen 



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Flauberts Jugendregungen 

Von THEODOR REIK 



\ 



Der Wiener philosophischen Fakult&t ist handschri ftlich 

fiber die M Psychogenese von Flauberts Tentation die Saint- 
Antoine" von diesem jungen fisterrei chischen Foracher tine 
den folgenden Abschnitt umfassende Arbeit vorgelegt worden. 

Nach des Verfassers Wunsch sucht sie alle inneren Quellen, 

* ■ ■ * * * 

▼om Schaffen Flauberts aus seiner psychophysiologischen Be- 
schaffenheit und den erlebten, namentlich seauellen^ Traumen 
aufzudecken. Sie zeigt auch den „grossen Einfluss infantiler 
Erlebnisse auf die kfinftige Einstellung Flauberts zur Welt, die. 
Wirkung der Pubert&tsjahre." Sie ruht Vor allem auf den 
Ergrfindungen Freuds. ; 

;■ Nur Bruchstucke der Untersuchung, welphe dps fahl ver- 
zweigte Labyrinth eines Menschen ableuchtet, erscheinen auf 
den folgenden Blattem. Was Reik hier erf asst, geht fiber die 
Grenzen des Flaubert hinaus, der in Deutschland gekannt wird. 

An den Beginn hat er ein Wort Nietzsches gesetzt : „Grad 
und Art der Geschlechtli chkeit eines Menschen reichen bis zum 
hochsten Gipfel seines Geistes hinauf." 



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* * ' t 



Welcher Art waren die Kindheitserlebnissp ? Es sind die 



typiscben infantilen Neigungen. und Abneigungen. 



i \ 



Flaubert 



war. ein stilles Kind, von einer ganz ungewdhnlichen , Naivitat., 
Seine Nichte erz&hlt: „Meine Grossmutter hat pair berichtet, 
dass er lange Stunden regungslos blieb, einen Finger im Munde,, 
ganz vertieft, mit fast dummem Gesichtsa,usdruck.‘ ‘ Aufmerk- 
same Psychologen werden vielleicht schon hier die, Vorstufe 

w * 

jener sp&teren Absencen erblicken. Womit besch&ftigte , sich 
das Kind in jenen Zeiten der intensivsten Zuruckgezogenheit ? 
Womit alle Kinder sich besch&ftigen : mit alien jenen grossen. 
und kleinen R&tseln der Umwelt. Im Mittelpunkt; steht die 
grpsse Frage der Geburt des Menschen. . Sie, : bilden infantile 
Sexualtheorien. In einem kleinen Roman, dessen. autobiographi-. 
scher Qehalt von alien Flaubertkennem erfasst wurde, findet, 
sich , eine verbliiffende Aufkldrung. Ein M&dchen . erz&hlt , dort 
ihrje Jugendgeschichte. Wir diirfen ohne weiteres pnnehmen, 

dass viele Elemente aus der eigenen Kinderzeit .des Dichters 



76 Flauberts Jugendregungen 



heriibergenommen sind. In der „Bovary“ sind es die eigenen 

Versuchungen , welche der Dichter schildert. Diese Verschiebung 

* 

* 

auf das andere Geschlecht war iiberhaupt Flaubert durch seine 
stark betonte Bisexualit&t leicht gemacht. 

Das M&dchen erz&hlt dort aus ihrer Kindheit: „Wenn ein 
Marm mit tnir sprach, priifte ich sein Auge und den Blick, der 
davon ausging . . . Durch seine Kleider hindurch bemOhte ich 
mich das Geheimnis seines Geschlechtes wahrzunehmen, und ich 
befragte dardber meine jungen Freundinnen, ich ersp&hte die 
Kdsse meines Vaters und meiner Mutter, und in der Nacht 
horchte ich auf das Ger&usch ihres Ehebettes. 44 Es ist die infantile 
Sexualneugierde , die hier ihren klassischen Ausdruck findet. 
Vor allem ist es das R&tsel der Verschiedenheit des Geschlechtes, 
das den Knaben festhllt. Der Held der Novelle, der Flaubert 
selbst ist, erz&hlt fast dasselbe von sich. „Gewisse Worte ver- 
wirrten midi, namentlich: Frau, Gcliebte ; ich suchte ihre Er- 
klirung zuerst in den Biichern, in den Stahlstichen, in den Ge- 
m&lden, von denen ich am liebsten die Gewfinder abgerissen h&tte, 
vm etwas zu entdecken. Der Tag endlich, an dem ich alles erriet, 
setzte mich durch den Genuss in Betftubung, wie eine letzte 
Harmonie; aber bald wurde icb ruhig und lebte fortan mit mehr 
Freude, ich empfand ein stolzes Gefiihl, indem ich mir sagte, 
dass ich ein Mann bin, ein Wesen, bef&higt, eines Tages eine 
Fran fur mich zu haben. Das Wort des Lebens war mir bekannt, 
das bedeutete fast schon darin einzutreten und davon etwas zu 
geniessen, meine Sehnsucht ging nicht weiter, und ich blieb 

zufrieden damit, zu wissen, was ich wusste.“ Es ist dies, glaube 

■ 

ich, die stibrkste Bestfttigung der Ansichten Freuds liber die 
infantile Sezualitftt, die wir bis jetzt in der Literatur gefunden 
haben. Das Kind erh&lt die Best&tigung, dass Mann und Frau 
zwei verschiedene Geschlechter seien . . . Und es fiihlt sich jetzt 
fast erlfist: es wird auch einmal eine Frau sich* 4 , wie es so 
charakteristisch heisst, haben, wie der Vater. Diese Frau wird 
die Mutter sein, der die erste Neigung gilt. Das Belauschen des 
Geschlechtsverkehrs wurde fiir das emste Kind zum Trauma. 
Es kam ihm fiir seine Mutter, sein Ideal, entwhrdigend vor. 

w 

Er verglich sp&ter die Mutter mit der Dime, und so blieb die auf 



Flauberts Jugendregungen 



77 



die Mutter fixierte Neigung Vorbild fiir die sp&teren Neigungen 
des Kindes. 

Das erste Objekt der Liebe des Kindes war die Mutter, das 
erste Objekt seines Hasses war der Vater. Wir wollen einmal alles 
andere beiseite lassen und uns nur darauf beschranken, den Ein- 
fluss dieser machtigen Erregungen im ferneren Leben des Dichters 
zu betrachten. An die Scbwester schreibt er (16. November 1842) 
liber sein schlechtes Logement, das als Hundehiitte dienen 
konnte: ,,Da ist das Bett, das ich fiir die Eltern bestimme, wenn 
sie kommen werden. Ich bemerke, dass das, was ich gesagt 
habe, eine Unanst&ndigkeit ist — und doch wollte ich nur etwas 
Geistreiches sagen und den Angenehmen spielen.“ Wir werden 
annehmen, dass er unbewusst etwas Unanst&ndiges iiber die 
Eltern gedacht hat. In einer Novellette, die vor das Jahr 1835 
fSllt „Le moine des chartreux" (Oeuvres de jeunesse Bd. I, 
S. 27) quilt einen Monch fortwihrend ein Gedanke. Er mochte 
den Ring des begrabenen Priors haben, an den sich Erinneruhgen 
der Liebe und der Jugend kniipfen. Er mdchte ihn haben, nm 
in seinem Gefingnis vom Leben und von Gliick zu tr&umen. 
Er sieht, wie die anderen das Leben und das Gliick geniessen. 
„War es also nicht natiirlich, dass dieser arme Mensch, der keine 
Wirklichkeit zu geniessen hatte, sich Illusionen wiinschte, um 

zu trftumen ?“ Er steigt also in das Grab des Vaters und holt 

■ 

sich in der Nacht den Ring. Doch seine Laterne erlischt, er fillt. 
Einige Jahre spiter wird sein Skelett gefunden. Es ist ganz 
erstaunlich, welche Fulle von inneren Erlebnissen sich an diese 
Novelle des i3jihrigen Knaben knilpfen . . . Der verbrecherische 
Wunsch, der zugleich den Todeswunsch fiir den Vater ein- 
schliesst, wird durch den Tod gesiihnt. In den „M 4 moires d’un 
fou“ 1838 (Oeuvres de jeunesse Bd. I, S. 532) sind diese inneren 
Kimpfe schon zu abstrakten Betrachtungen gefiihrt. „Man wird 
dir sagen, dass man seinen Vater lieben und im Alter pflegen 
soli . . . Du wirst beides tun, und du h attest es nicht no tig, d ass 
man es dich lehre, nicht wahr ? Das ist eine angeborene Tugend 
wie das Bediirfnis zu essen — w&hrend man hinter den Bergen, 
wo du geboren bist, deinen Vater gelehrt hat, seinen Vater zu 
tdten, wenn er alt ist, und er wird ihn toten, das ist — denkt er — 




78 



Flauberts J ugendregungen 



naturlich, und man brauchte es ihn nicht zu lehren. Man wird 
dich auf ziehen, indem man dir sagt, dass man sich httten muss, 
deine Schwester oder deine Mutter mit einer fleischlichen Liebe 
1 zu lieben, w&hrend du wie alle Menschen von einem Inzest 

Ef * 

abstammst, denn der erste Mann und die erste Frau, sie und ihre 
j Kinder waren Bruder und Schwester n — wfthrend sich die Sonne 
bei andern Volkern lagert, welche den Inzest als eine Tugend 
betrachten und den Brudermord als Pflicht. Bist du schon frei 
von Prinzipien, nach denen du deine Lebensftihrung einrichtest ? 
Hast du deine Erziehung geleitet ? Hast du mit einer gliicklichen 
oder traurigen, schwindsiichtigen oder robusten, sanften oder 

bosen Natur geboren werden wollen? Aber vor allem: warum 

* 

bist du geboren, hast du es gewollt? Hat man dich darttber 
gefragt? Du bist also ungliicklicherweise geboren, weil dein 
Vater einst von einer Orgie heimgekehrt ist, erhitzt durch Wein 
und Schlemmerei, und deine Mutter wird da von den Nutzen ziehen, 
sie wird alle Listen der Frau in Szene setzen, die durch sinnlichen 
und tierischen Instinkt gedrangt wird, sie wird allm&hlich den 



Mann erregen 



U 



In dieser stark affektbetonten Ausfuhrung 



s 

t 

4 



f&llt vor allem die friihe Erkenntnis von der Relativit&t der 
moralischen Werte auf. Fast ebenso auff&llig ist der Ton, in dem 
der J tingling von Vater und Mutter spricht. Wir haben also mit 
einigem Recht von einem unbewussten Willen bei der Briefstelle 
an seine Schwester gesprochen. Zwei Motive treten in diesem 
Zusammenhang besonders hervor: der Inzestwunsch und der 
Trieb zum Vatermord. 

Die Libido des Kindes und des Knaben war auf die Mutter 
eingestellt. Wir folgen dieser Spur. Alle spateren Neigungen des 
Mannes gehen unbewusst diesem Vorbild nach. Der Liebestypus 
Flauberts war die verheiratete Frau, die Kinder hatte. Die Be- 
dingung war, dass sie einem anderen gehorte. Zeit seines Lebens 
hat er eine (wenn auch nur platonische) Liebe zur Prostitution 
gehabt. Wie sind diese anscheinenden Widerspriiche zu erkl&ren ? 
Freud hat, wie ich glaube, eine Erkl&rung gegeben. Das Kind, das 
zuerst das Geheimnis des elterlichen Verkehrs entdeckt, sieht 
in der Mutter eine Art Dirne. Das Tertium comparationis liegt 
wohl in der rii ckhaltlosen Hingabe der Frau. Und so fixiert sich 



Flauberts J ugendr egungen 79 



die Neigung des Kindes jetzt auf diesen Typus. Was der Erwach- 
sene bewusst nie und nimmer vereinigen kann : Mutter und Dime, 
vermag das Kind zu verbinden. Freud hat versucht, die charakte- 
ristischen Merkmale dieser Objektwahl zusanunenzufassen: die 
wichtigsten sind etwa: der Trieb zur Rettung der Geliebten 
(vgl. Flauberts Geburtstraum) , ferner der betrogene Dritte, der 
an Stelle des Vaters steht, und die Neigung zum Prostituiertentyp. 
Alle diese Momente finden sich im Liebesleben Flauberts. Schon 
frtih findet sich in den Arbeiten des Jiinglings die Beschaftigung 
mit Stoffen aus der Welt der Prostitution. In der kleinen Novelle 
„Un parfum A sentir"*), 1836 entstanden, steht der armen alter n- 
den Mutter Marguerite die Dime Isabella mit ihrem ganzen ver- 
fuhrerischen Zauber gegeniiber. Der Vater wendet seine Liebe 
der schonen Siinderin zu. Noch in der ,, Madame Bovary' * bricht 
mehr oder minder verhiillt der Dirnencharakter hervor. In ,,No- 
vembre", welches fur die Jugendjahre des Dichters eine unent- 
behrliche Quelle darstellt, schreibt der Held**) : ,,Das Geheimnis 
der Frau ausserhalb der Ehe, deshalb gerade noch mehr Frau, 
reizte und versuchte mich ..." 

Wir haben unzweideutigere Beweise. ,,In dieser Epoche,. 
da ich noch keusch war, betrachtete ich mit Vergnugen die 
Prostituierten, ich ging in die Gassen, die sie bewohnten, ich. 
besuchte die Orte, wo sie spazierten, manchmal sprach ich mit 
ihnen, um mich selbst zu versuchen, ich folgte ihren Schritten, 
ich beriihrte sie, ich trat in die Atmosphere, die sie verbreiteten . . 
ich fiihlte mein Herz leer, aber diese Leere war ein Abgrund." 
Die Novelle endigt mit der Schilderung eines melancholischen 
Verhaltnisses mit einer Dime. — 

Dass diese Erlebnisse mit denen des Dichters identisch sind, 
geht aus seinen Briefen hervor. Ich denke da besonders an 
einen, den er an Luise Colet schreibt. Er spricht von einem ihnen 
bekannten jungen Mann: „Noch eines ist mir bei dem gleichen 
Individuum leicht biirgerlich erschienen: ,Ich habe nie eine 
Kokotte aufsuchen konnen.' Ich erkl&re, diese Theorie erstickt 

t- ■ * 

*) Vgl. Freud, ttber einen Typus der Objektwahl. ( J ahrbuch ftir 
psycho analytische Forschungen. Bd. II. 

**) Oeuvres de jeunesse. S. 97. 



80 Flauberts Jugendregungen 

mich ... Es ist vielleicht ein perverser Geschmack, aber ich 
liebe die Prostitution und zwar um ihrer selbst willen, unabh&ngig 
] yon dem, was darunter tiegt. Ich habe niemals eine von diesen 

i 

4ekolletierten Frauen unterm Regen an einer Gaslateme vorbei- 
1 gehen gesehen, ohne dass mir das Herz pochte, ebenso wie mir 
<lie Monchsgew&nder mit ihren Knotenstricken, ich weiss nicht 
* in welchen asketischen Und tiefen Winkeln der Seele kitzeln . . . 
Und wire es nur das schamlose Kostiim, die Versuchung der 
Chim&ra, der Charakter des Verfluchten, die alte Poesie der 
~V erder btheit und Kiuflichkeit. In den ersten Jahren, die ich 
in Paris war, setzte ich mich im Sommer an den heissen Abenden 
yor Tortoni hin, und wihrend ich die Sonne untergehen sah, 
sah ich die Midchen voruberziehen . Ich yerzehrte mich da vor 
biblischer Poesie. Ich dachte an Jesaias, an die Hurerei der 
Gotzenalt&re und ich stieg die rue La Harpe hinauf, indem ich 
mir diesen Vers-Schluss wiederholte: ,Und ihre Kehle ist weicher 
denn 0l.‘ Der Teufel soil mich holen, wenn ich jemals keuscher 
gewesen bin.“ Flaubert bringt seine Neigung zur Prostitution 
•mit der Askese in Verbindung. Psychologisch wohl erkl&rbar: 
die verbotene Regung (wir erinnem uns, dass ein Inzestwunsch 
I -dahintersteckt) wird durch Einsamkeit und Selbstquftlerei 
' gesiihnt. Sollte yon hier aus keine Balm zum Heiligen Antonius 

fiihren ? 

Eigentiimlich ist das Gefiihl, das der Anblick der Dimen 
in dem Dichter lost. In der Strasse der Prostituierten in 
Keneh beobachtet er das melancholische Bild . . . „Wenn ich 
nachgegeben hatte, wire ein anderes Bild daruber gekommen 
und hdtte den Glanz davon abgeschw&cht.“ 

Wir wissen jetzt aus Tagebuchbl&ttem, deren Verdffent- 
lichung der Herr Polizeipr&sident yon Berlin aus sittlichen Griin- 

■den verboten hat, dass in Flaubert nicht immer die kiinstlerisch 
betonte Verdr&ngung gesiegt hat. In Esneh gab er der 
'Courtisane Ruschak Hanem nach. Auch in der minder ani- 
malischen Liebe zog er immer die Frau yor, die einem andera 
gehorte. Es ist die yon Freud aufgestellte Liebesbedingung des 
betrogenen Dritten, die wir erfiillt sehen werden. „Es gab,“ 
schreibt er, „fur mich ein Wort, das schon unter alien anderen 



Flauberts Jugendregungen 



8 1 

menschlichen Wortem schien : Ehebruch“. Der Mann „£augt sich 
mit Lust daran Toll, er findet darin die hochste Poesie, vermischt 
mit Fluch und Wollust.“ Wir konunen jetzt in unserer psych o- 
analytischen Betrachtung zum st&rksten Erlebnis des Dichters. 

Im Jahre 1838 — sechzehneinhalb Jahre alt — sah er 
in den B&dern von Trouville, wo er die Ferien verlebte, eine 
schone verheiratete Frau. Er erlebte alle tiefsten Empfindungen 
der unglucklichen schweigenden Liebe. In den „M6moires d’un 
fou“ hat er diese Leidenschaft geschildert. Er sieht Maria zuerst, 
wie sie ihrem Kinde zu trinken gibt; also in der — sit venia 
verbo • — miitterlichsten Situation. „ 0 , die einzigartige Ent- 
ziickung, worin mich der Anblick dieses Busens versenkte . . 

(Es folgen Einzelheiten, die leider hier wegfallen mussen.) 
Man kdnnte diese Liebe wohl am besten bezeichnen, wenn man 
sie in Erotik verwandelte Kindheitserinnerungen nennt. Nach. 
einem Ausfluge fiihrt er Maria nach Hause und bleibt lange vor 
ihren Fenstern stehen. 

„Und dann schoss mir ein Gedanke durch den Kopi, ein 
Gedanke der Wut, und der Eifersucht. O nein, sie schl&ft nicht, 
und ich hatte in der Seele alle Martern eines Verdanunten. Ich 
dachte an ihren Mann, an diesen gewohnlichen und lustigen 
Menschen, und die hdsslichsten Bilder traten an mich her an . . 

Er muss lachen, denn die Eifersucht flosst ihm obszone und 
groteske Bilder ein. Ich suche, wie ich glaube, nicht ohne Grand 
das Vorbild aller dieser Gefiihlskomplexe im kindlichen Verhalten 
gegen Vater und Mutter, in dem verborgenen Sexualneid. Auch 
das Objekt seiner Liebe vertritt die Mutter; es ist an einen anderen 
gebunden und hat ein Kind, tlber diese tiefe Neigung, die das 
ganze Leben hindurch Flaubert erfullte, hat der Schweigsame 
strengstes Geheimnis gewahrt. Er sah die Geliebte spftter in Paris, 
und seine Gedanken sind noch spdt im Alter bei ihr. Einmal 
nur hat Flaubert- fiber seine Leidenschaft gesagt „Ich bin daran 
zugrande gegangen**. 

★ ★ 

¥ 

Wir haben vermutet, dass diese Liebe in den Bahnen der 
friihesten Kindemeigung ging. Wir erinnern uns an Flauberts 



Flauberts Jugendregungen 





unehrerbietigen Gedanken im Briefe an die Schwester uber die 
Eltern und vergleichen die Phantasie in den , ,Memoires d’un 
fou“. Wir erinnern uns ferner an , , No vembr e “ , wo von der 
Belauschung des elterlichen Aktes die Rede war. Die Mutter 
war mit dem Kinde ausserordentlich z&rtlich , ihre grttsste Sorge 
gait ihm bis ins Alter. Sie litt unter einer best&ndigen Angst um 
ihn. Flaubert wollte die Abldsung der infantilen Libido von der 
Mutter nicht gelingen. 

Der erste Hass, die erste Eifersucht des Kindes war aui deii 
Vater gerichtet. Es mochte auch stark und gross und wissend 
sein wie der Vater; es mdchte die Liebe der Mutter allein besitzen . 
Es entwickelt sich nach der Latenzzeit dieser Regungen — ge- 
legentliche Proben haben wir kennen gelernt — im Pubert&ts- 
alter eine Sucht, alle Autoritaten herabzusetzen, zu verhohnen. 
Besonders aber ihren verborgenen Zusammenhang mit dem 
tierisch-animalischen Zuge nach unten hinter ihrer ftusserlichen 
Erhabenheit aufzudecken. 

... In der ,, Education sen timen tale* * ist die Spaltung 
zwischen dem hohen, reinen Weib (Mme. Arnoux) und dem 
Dirnentypus (Rosanette), die wir in alien Werken des Dichters 
beobachten konnen und die ein Merkmal seiner Objektwahl sind, 
in die vollendetste Gestalt gebracht. Dort findet sich eine Szene, 
welche die sadistische Tendenz aufs st&rkste zeigt. Frdderic 
Moreau ist in der Wachstube neben seinem schlafenden Neben- 
buhler Arnoux. Das Gewehr des Arnoux ist in der N&he. Wenn 
man es ein wenig stosst, geht der Schuss los. ,, Frederic spann 
diese Idee aus wie ein Dichter, der Entwtirfe macht. Plbtzlich 
schien ihm, dass sie nicht weit davon war, sich in die Tat umzu> 
setzen, und dass er zu dem, was er wiinsche, beitrage; dann 
ergriff ihn eine grosse Furcht. Inmitten dieser Angst empfand 
er Vergniigen und tauchte mehr und mehr darin unter, indem er 
mit Entsetzen seine Skrupel schwinden fiihlte. In der Raserei 
seiner Phantasie erlosch das tJbrige der Welt, und er hatte kein 
Bewusstsein von sich als durch ein unertraglich driickendes 
Gefiihl auf der Brust. Und seine Triumerei wurde so tief, dass 
er eine Art von Halluzination hatte.** Er sieht sich als Vater des 
Kindes der Madame Arnoux. Das Vorbild dieser kriminellen 




Flauberts Jugendregungen 



83 



und sexuellen Phantasien hatte Flaubert in sich: seine hysteri- 
schen AnfSlle, die von Tagtr&umen ausgingen. Im Nebel l&sst 
sich eine Klarheit sehen. £s zeigen sich Pfade, die hier vom 
Erleben des Dichters zu seinem Werk (besonders zur , , Versuchung 
des Heiligen Antonius“) fiihren . . . 

Wir kehren zu dem Knaben zuriick, dem eben die Geheim- 1 
nisse des Geschlechtslebens offenbart wurden. Wir gedenken seiner 
heimlicken Neigung fiir Frau Schlesinger. Er hing sein 
ganzes Leben lang an dieser Frau. Wie tief die Leidenschaft zu ihr 
war, kann man nur erraten. Ihr ging eine lange Reihe Knaben- 
tr&umereien voraus und bereiteten sie vor. 

Die Pubert&t des Herzens ging der des Korpers voraus, 
„denn ich hatte nbtiger zu lieben, als geliebt zu werden, mehr 
Sehnsucht nach Liebe als nach Wollust . . Er sieht sich noch 
sp&t ,,auf den B&nken der Klasse sitzend, versunken in meine 
Zukunftstr&umereien , an das denkend, was die Einbildungskraft 
eines Knaben an Hdchstem ertr&umen kann, w&hrend der 
P&dagog meine lateinischen Verse verspottete“. Fern von den 
klassischen Studien sah er sich in den ungeheuren Wolliisten 
und blutigen Illuminationen Roms. 

Hier, in diesen Jiinglingsjahren ist der Grand zu seiner 
sp&teren Hysterie gelegt worden. Keusch, uberliefert er sich in 
seinen Traumen des Tages und der Kacht den ziigellosesten Aus- 
schweifungen, den wildesten Wolliisten. Die Unklarheit in bezug 
auf ein Objekt bleibt, aber der sinnliche Charakter der Traume- 
reien tritt starker und stftrker hervor . Oft legte er sich am 
Strand auf den Sand und liess seiner Sehnsucht mehr die Ziigel 
schiessen. Die Wolken scheinen sich auf ihn zu senken „wie 
eine Brast auf eine andere Brust, ich fuhlte das Bediirfnis nach 
Lust . . .“ 

Solange wir eine wissenschaftliche Beschreibung der seelischen 
Vorgange der Pubert&t nicht haben, werden die Aufzeichnungen 

a 

Flauberts zu den kostbarsten Zeugnissen fiir diese Zeit gehoren. 
Er verlangte „nicht diese, nicht jene, nicht die eine und die 
andere, sondern alle, sondern jede in der unbeschrfinkten Mannig- 
faltigkeit ihrer Formen und der Sehnsucht, die sich damit 

verband“. 



Flauberts Jugendregungen. 



»4 

Wir sehen meisterhaft den seelischen Zustand, den die sexuelle 
U nbefriedigung mit sich bringt, geschildert. Der sexuelle Komplex 
hat die Oberherrschaft fiber alle anderen an sich gerissen; seine 
Ausstrahlungen gleichen Zwangsgedanken. Welch sonder barer 
Widerspruch: er flieht die Frauen und empiindet doch vor ihnen 
eine kostliqhe Lust. ,,Ihre Lippen luden mich schon zu anderen 
Kfissen als die der Mutter, ich verwickelte mich im Gedanken 
in ihre Haare . . .“ ■ .1 

. Anf&lle von leichterem Bewusstseinsverlust fehlen nichtt 
,,Manchmal verzehrt von grenzenlosen Leidenschaften voll 

4 

glfihender Lava, die von meinem Herzen floss, mit einer rasenden 
Liebe namenlose Dinge liebend, mich tiach pr&chtigen Trfiumen 
sehnend, durch alle Lfiste des Gedankens versucht, ftir mich alle 
Poesien, alle Harmonien wfinschend, vemichtet unter der Last 
meines Herzens und meiner Leidenschaft, fiel ich zerschmettert 
in einen Abgrund von Schmerzen, das Blut schlug mir ins Gesicht, 
. . . ich bildete mir ein, gross zu sein, ich bildete mir ein, eine letzte 
Inkarnation zu enthalten, deren Offenbarung die Welt ver- 
wundert h&tte .. . . es war das Leben Gottes selbst, das ich im 
Innern trug.“ — Die Verbindung dieser Triumereien mit sadisti-- 
schen Phantasien kommt hftufig vor. Auch sie ist eine Emanation 
der unbefriedigten Libido, wie wir in der „Versuchung des 

Heiligen Antonius" sehen. 

Die Schattenseiten dieser Phantasiebefriedigungen blieben 
nicht aus. Jede einsame Lust muss gebfisst werden: so stark 
dr&ngt die menschliche Natur zu sozialen Tendenzen. In dieser 
Zeit lernte er Madame Schlesinger kennen. 



Arnold. Schbnberg 




Arnold Schonberg 

' h ' 

Von GEORG GRAMER 

■ * 1 

Berlin ist die Habptst&dt der Musik. - Ein wimmelnder’ 

1 

Sammelpunkt des Guten und Bosen der modemen Musikkultur. 

+ 

Das Grosse, Schone und Gewaltige l&uft durcheinander mit dem 
MittelmSssigen , mit dem Schlechten und Unertrfiglichen. Das 
Neue flfichtet sich hierher voll kiihner Hoffnung auf die Zukunft; 
das Alte spreizt sich ihm entgegen mitschdnen Reden auf die 
Vergangenheit. Es sind hier zu Haus heisse Begeisterung 
und kalte Routine; die schillemde Kiinstlerphantasie und der 
geri8sene Gesch&ftssinn; die feinen Nerven, Geschmack und 
Barbaxismus. Ein wimmelnder Sammelpunkt; ein lautes Kampf- 
feld kunstlerischer und materieller Interessen. Und fiber allem, 
als Schlachtenlenker : GottZufall. 

Man ist froh, wenn dieser riesige Magnet Berlin etwas Gutes 
herangezogen hat. Man freut sich dartiber, wie fiber die Er- 
scheinung eines Gerechten unter neunundneunzig Sfindern. Man 
rerkfindet es gem: unser jfingster musikalischer Mitbfirger ist 
Arnold Schdnberg, dessen Werke in Wien bespfittelt, belacht 

und bewundert wurden. Aber wir nun wollen weder das eine tun 

■ 

noch das andere. Sondem wir wollen sehen, was er uns bringt 

an guten Dingen 

» * 

* * 

* 

k 

Arnold Schonberg gehort zu den wenigen lebenden Kom- 
ponisten, die fiber das Zeitgem&sse, fiber die zerstfickelnde 
impressionistische Schaffensart, hinausgewachsen sind und die 
Macht haben, etwas Ganzes in einem Zuge zu vollffihren. Welcher 
Art ist dieses Ganze, diese Form Schonbergs ? Welcher Art? 
Welches Stils ? Welches seelischen Inhalts ? 

3K Er hat Lieder, Klavier stii eke , Kammerwerke fiir vier- und 
sechsfache Streicherbesetzung geschrieben und Orchesterwerke. 
In keiner von diesen Kompositionen handelt es sich um einen 
fiusserlich-formalen Aufbau nach offiziellen Gesetzen. Sie sind 

7 



* 




Arnold. Schfinberg 




▼erworfen um eines anderen Gesetzes willen, das die deutsehe 
Hohenmusik beherrscht. Schonberg ist ein inbriinstig Empfin- 
dender und beseelt von einem schlechthin fanatischen Ver- 
langen: ,,wahr“ zu sein. Und hier ist die Stelle, wo er sich der 
hochsten Tradition deutscher Musik eingliedert. Denn das Gesetz 
der Wahrheit liegt den Schopf ungen der Meister zugrunde. 
Weil aber die Zeiten sich &ndem, fordert das Gesetz der Wahrheit 



immer neue Ausdrucksformen: eben die, welche jederzeit ihr 
Wahres geben. Die impressionistische Musik, d. i. die modische 
Pr ogramm-M usik , gehorcht dem Wahrheitsgesetz zwar auch, 
allein nur in dusserlicher, spielerisch-artistischer Weise. Der 
Wahrheitsdrang, jedemechten Kiinstlerzu eigen, bringt allein keine 
echte ,,Kunst“ hervor. Denn n&irlich darauf komrrt es an: das 
▼on aussen Empfangene und das, was von innen heraus nach Aus-. 
druck ringt, auch. darin wahrhaftig wiederzugeben, dass man es 
in einer der St&rke und Eigentiimlichkeit jeder Kunstgattung 

h 

entsprechenden Art darstellt. Dass man vom Stoff alles abstreift, 
was der Kunstgattung fremd ist; dass man ihn lautert und knetet 
und zusammendrangt, bis sein Gehalt sich unmittelbar kundgibt. 
Das ist die eigentliche kiinstlerische Tat, als welche also zugleich 
auch immer eine sittliche Tat (einen L&uterungsakt) vorstellt. 
(Weshalb man von einer Unsittlichkeit der modischen Musik 
nicht ohne Grund reden kbnnte.) So erscheint es als etwas durch- 
aus Vielbedeutendes, wenn man hervorhebt, dass Schonberg ein 
musikalischer Gestalter par excellence ist. Wie gesagt : um 
schematische oder akademische Formen handelt es sich bei ihm 
nicht. Die gewaltige seelische Unrast, die ungeheure Fiille der 
Erscheinungen des modemen Lebens, kurz: unsere Zeit, die 
hat er als Geburtstagsgeschenk empfangen. Diesen unerschopf- 
lichen, in der Seele brennenden und bohrenden Stoff musikalisch 
wahrhaftig wiederzugeben, musikalisch-organisch zu gestalten 
— welcher brennenden Tone, welcher bohrenden Modulationen 
und Steigerungen der Musik bedarf es da! Das ginge in kein 
fertiges Schema hinein. 



Arnold Schdnberg 



87 



„Brennende“ Tone — in der Tat. Die Akkorde und die 
-Stunmen der Akkorde sind zu Individuen erwacht, die Wild an 

T 

den alten Grenzen von Harmonie und Kontrapunkt riitteln; 
die schwlrmen, hassen, weinen und jubeln wie Menschen in der 
Ekstase. Eine bis zum iussersten dringende Energie und 
Triebkraft lebt in diesen Tonindividuen. Nicht daher ist ihre 
Rolle die der blossen Farbenkleckse, die zusammen ein malerisches 
sinneunterhaltendes Chaos bilden. Sie werden von jeder voruber- 
gehenden Stinunung, von jeder Leidenschaft gepackt und ge- 

1 

schiittelt — und dennoch bestimmt und gelenkt von etwas 
Grosserem. In dieser verwirrend zusammenrauschenden Menge 
von Tonwesen herrscht etwas Einiges, ein, sozusagen, gemein- 
samer Glaube an die Harmonie. So scheinbar willkurlich es im 
Einzelnen hergeht, man sieht zuletzt, dass es notwendig so ge- 
schieht, notwendig um einer starken Idee willen : um der Schdpfung 
eines in sich geschlossenen Kunstwerks willen. Denn die tausend 
verwickelten Einzelheiten einer Schonbergschen Komposition 
bringen letzten Endes — ganz offenbar doch : weil sie so sind, wie 
sie sind — einen immer geschlossenen, einfachen, sinne- und 
seelebezwingenden Gesamteindruck hervor. Nur wer das zwin- 
gende Ganze nicht gehort hat, wird sich stossen an den wunder- 
voll riicksichtslosen Einzelheiten des Schonbergschen Stils. Diese 
das Detail umklammemde Ganzheit aber, und das Gehaltstarke, 
und das unmittelbar aus dem Innern Quellende, ist zu spiiren 
in jedem Werk Schonbergs, sei es nun im Umfang gross oder 

klein. 

In jedem Werk Und jedes Werk anders. Kein aus- 

gefiilltes Universalschema, sondem immer von neuem erlitten 

und erstritten. Jedes Werk die voile, individuelle Materialisation 
einer Seele; der funkelnde Ausdruck einer von den Tiefen des 
Lebens ergriffenen Personlichkeit. Dichterwerk. 

* * 

* 

■r 

Betrachtet man Schonbergs Werk (im ganzen) aus der Feme, 
so scheint es, als wire alles, was im Hexensabbat der modischen 
Musik tont und gl&nzt, auch in ihm vorhanden. Tritt man niher, 
glaubt man zu erkennen, dass die regellose, willkurliche Einzel- 

7 * 






existenz der kiinstlerischen Elemente (wie sie in dem Hexen- 
sabbath herrscht) in ihm aufgehdrt hat, von einem starken Willen 

i * ■ + 

zur Harmonie in festgefiigte Formen gezwungen worden ist, 

! * 

Vom wirren Musikleben Berlins gingen wir aus (die impression 
nistische Musik erscheint wie ein Abglanz dieses Lebens), Bin 
m&chtiger Organisator beispielsweise, der diesem st&dtischen 

Musikwirrwarr einen Sinn, einen Zweck gibe, ihn nach einer 

1 

umfassenden Idee regelte — wiirde genau das voilbringen, was 

« i 

Schonberg im Gebiet der produktiven musikalischen Kunst 

i . si 

h 

vollbracht hat. So glaubt man - — bei n&herem Hinschauen. 
Kommt man jedoch seinem Werk ganz nahe, sieht man endlich, 
dass auch dies das Wesentliche nicht ist. Man sieht vielmehr: 

m 

h r 

unsere Welt, unser Leben (die uns so verwickelt, widerspruchsvoll , 
ziel- und nutzlos vorkommen) gestaltet, zukunftsreich, und wie 

f - - , 

verkl&rt im Schein dieser starken, aulrichtigen Musik. Man sieht, 

hier etwas intensiv Sub jektives durch die Gewalt der Form 
zu einer allgemein giiltigen Menschheitsolfenbarung der Gegen- 

i * 

wart erhoht worden ist. Mit dieser Musik lernen wir das modeme 

■ • . ■ • 

Leben begreifen und lieben Das ist das Guta, waauns Schon- 

P 

berg gebracht hat. 

s , * 

* * 

* . 



L 

Kraftvolle Konzentration alter neugewonnenen Ausdrucks- 

: ^ . + 

mittel; eine von ergreifenden Visionen umstromte Phantasies 

' ^ 

ein schwergoldener Gehalt; die im Wert vollige Gleichheitdes 
Gehalts mit dem reichen, komplizierten Aussem ; kompakte, 
risslose, von ixuen heraus erarbeitete Formen — das in der 
Hauptsache wire an musikalischen Eindritcken und Einsichten 
aus Schonbergs Jugendwerk (etwa op. x — xo) zu schopfen. 
Aus diesem Jugendwerk, das ihm (zumindest) einen Platz in 
der vordersten Reihe des zeitgendssischen Komponistenheeres 
sichert. Ein Mann indessen, der schon in jungen Jahren mit der 
Musik der Gegenwart fertig geworden ist, sie iiberwunden hat, 
wird von dieser seiner Kraft weitergedringt. Und Schonberg 
ist weitergegangen — bis fiber alle bekannte Musik weit. Von 
Anfang an trieb ihn die wuhlende Tiefe seiner Gefiihle und Ge- 
danken zu grossen, sehr eigenartig anmutenden musikalischen 



Arnold Schdnberg 



w^_ -W uU-B 






% 

Arnold SchSnborg 

4 




Ausserungen. Aber von Anfang an ist er auch bestdndig und 
in gerader : Linie gewachsen. Immer tiefer gruben sich seine 
Wurzeln ins Seelenleben, immer hoher hob sich sein Gipiel in 

. L * 

die blauen Weiten der Kunst. Was ffir gesunde, feine und reiche 

■« J 

S&fte wirken in diesem Baum. 



' Wir greifen begierig nach seiner letzten Frucht; wir be- 

j 

schauen staunend ihre Form: wir schmecken entzfickt und 

* t 

zweiflerisch ihr Fleisch. Se etwas haben wir noch nicht genossen. 

In planer Prosa: fiber die drei Klavierstficke (op. zi) kommt 

j 

man nicht so leicht ins Reine. Wohl erf asst das Ohr die fas- 



zinierende kfihne Ausnutzung der Klangmdglichkeiten des Klaviers. 



Wohl ahnt das Geffihl wundersame Stimmungen und hinaus- 

* * 1 

geschrieile Herzensndte in diesen seltsamsten alter seltsamen 
-Tonverbindunegn. Wohl erkennt man die klingende Harmonie, 

x | 

die aus tauter harmoniefremden Tonen entstanden ist. Da- 



zwischen aber steht einiges lUtselhafte; einiges, was aus dem 
Papier nicht herausspringt in uns hinein; einiges (so scheint es) von 

der Reflexion experimentell Hingesetzte, das den inneren Zu- 

■ 

Sammenhang verschleiert, den warmen , vollen Gesang kfihl 
unterbricht. Ich glaube, diese Stiicke sind erst Obergang, Brficke 
zu etwas unerhort Neuem, etwas Nochnieverwirklichtem. Dieser 
psychologische Fanatiker scheint darauf aus, mit seinen 
Tfinen seelische Gebiete zu erschliessen , die uns noch fremd 
sind. In jenen Klavierstiicken zittert es vom Schauer der Geburts- 
wehen ; von der Angst, der Schwer mut und der Verzfickung, 
die das Neue verursacht, das ins Dasein will. Was wird uns 
Arnold Schonberg noch alles bringen? — 



1 , 





Vier Gedichte 



Strophen eines Vierundzwanzig^ 
j&hrigen, der aus dem Rheinland 

kommt 

* 

i 

Vier Gedichte 

■ ■ 

H 

Von AUGUST VETTER 

n "" 

ES DUNKELTE 

Es dunkelte. Gespenster tauchten 
schwarz schwankend aus dem Wolkenmeer. 

Die tiefen feuchten TSler fauchten 
den Nebel her. 

4 

In seinem Sterbezimmer brannte 
die Lampe noch und schien aufs Feld. 

Ich war allein. So einsam kannte 
nur Gott die Welt. 



* 






Meine Seele traumt, sie sahe 
durch die Nacht dich hergefiihrt; 
und sie wartet, es geschahe, 
dass sie deines Atems Nahe 
spurt. 

Mein Gesicht ruht in der Kiihle, 

Die sich durch das Fenster dringt 
bis ich sie wie Atem fiihle, 
der sich sanft in meine Schwule 
senkt. 

Nun bin ich in deinen H&nden 
und so ftihlbar eins mit dir, 
dass es rings in roten BrSnden 
strahlt von meinen dunklen W&nden: 
Wir — 




* 



r 



SZENE 



Du littest ruhig meinen Arm, 

Der priifend sich um Deine Rippen 

+ 1 

langsam wie eine Tatze krallte, 

und wehrst auch nicht, wenn ich die Lippen 

nun frech in deine Lippen falte . . . 

■ 

. 

Doch stdrten Schritte jetzt den Kies, 

P 

6 ja, du wurdest zu mir flehen, 

H 

ich weiss es, dass ich mich entfeme — 

Ich wiirde, mich vemeigend, gehen, 
und hohnen: Geme ... 



i ^ j 

SPANNUNG 

• ■ 

i 

Winde sauseln ihren Psalter. 

leise losen sich die Falter 

■- 

aus der letzten Hulle los . . . 

* 

last durch deines Kleides Zierden 
lauem wachsende Begierden 
wartend im verhiillten Schoss. 




Hefe 

h . 

% - 

Was man gegen die agrarische Wirtschaftspolitik auch eln- 
Wenden mag, — d i e Anerkennung muss man ihr zollen, sie ist 
, bis zur Tollheit konsequent. Kaum ein Gesetz der letzten Jahre, 
yon Verwaltungsmassnahmen gar nicht zu reden, kann genahnt 
werden, das nicht often oder versteckt dem Grossgrundbesitz 

und seinen Helfershelfern Sondervorteile zuschanzte. In alien 

^ * 

w 

i nur erdenklichen Formen tiitt diese gesetzge ber ische Gesch&fts- 
macherei auf, immer breiter macht sich die legalisierte 
Korruption. 

Blossgelegt sind allerhand Finessen agrarischer Gesetz* 
gebungskunst wieder in dem Kampf, der sich seit der Ver- 
abschiedung der Reichsfin&nzreform in der Hefe* Indu- 
strie abspielt. Zu den Perlen der Finanzreform gehfirt das 
Spiritusgesetz, dessen Neubestimmungen : die Einnabmen aus 
der Spiritussteuer f(ir die Reichskasse erhdhen sollten, aber yon 
.ihren Urhebern zu verst&rkten Gewinnquellen fiir die alien 
Grossbrennereien ausgebaut wurden. Die Urheber des 
Gesetzes sind die Leiter der Spirituszen- 
t r a 1 e , des Ringes der Brennereien und Spritfabriken, deren 
politischer Einfluss nicht weniger weit reicht als ihre wirtschaft- 
. liche Herrschaft. 

Zum Wohle des befestigten Brennereibesitzes ist Brenne- 
reien, die yor dem x. Oktober X907 betriebsf&hig hergerichtet 
Waren, nur die Her stel lung yon so yiel Alkohol erlaubt, als sie im 
Durchschnitt der Jahre 1902/03 bis 1906/07 nach Abzug yon 

10 Prozent produzierten. Bei tlberschreitung der festgelegten 
Erzeugungsmengen ist eine besondere Abgabe zu bezahlen, als 
Ausgleich dafur erhalten neue Fabriken fiber- 
h a u pt kein Produktionsrecht, sondern unter- 
liegen mit ihrer gesamten Produktion neben den anderen Steuem 
der Abgabepflicht yon 24 M. pro xoo Liter. Aber damit waren 
die Ansprfiche der Spirituszentrale noch nicht befriedigt, . sie 
brachte in das Gesetz den Verg&llungszwang hinein, 
den Zwang, einen erheblichen Teil der Spiritusproduktion durch 
Denaturierungsmittel fur den Trinkkonsum und chemische 

M 

Zwecke unbrauchbar zu machen, also zu entwerten. Aus- 
genommen von dem Verdreckungszwang wurde dabei yon vorn- 
herein der Spiritus innerhalb der Kontin- 
gente der alten Brennereien. 

Dem so gearteten Spiritusgesetz unterstehen auch dieHefe - 
fabriken, weil sie Spiritus als Nebenprodukt erzeugen. 
Kaum war die Reichsfinanzreform unter Dach und Fach, da 



traten jene Fabriken, die sick gegen neue Konkurrenz vollig ge» 
schiitzt glaubten, zu einem Syndikat zusammen . . . Schnell aber 
iolgten peinliche Oberraschungen. Eszeigte sich xl&mlich cine 
Xu eke im Gesetz, die nun ganz plotzlich von den Herren der 
Spirituszentrale entdeckt wurde. Fiir 3 Melassebrennereien 
bestand ein steuerliches AusnahmeyerhSltnis, sie konnten in 
Hefebrennereien umgewandelt werden, ohneihfe steuerliche 
Vorzugstellung dadurcb nennenswert zu verschlechtem. Z w e i 
dieser Melassebrennereien befanden sich 
1 m Be sitz eines Herrn Untucht, der zu dem 
Direktorium der Spirituszentrale gehort. 
Herr Untucht forderte yon dem Hefesyndikat die Zahlung yon 
z Million Mark, als Gegenleistung versprach er, auf die yon 
ihm geplante Umwandlung seiner zwei Melassebrennereien in 
Hefebrennereien zu yerzichten. Zwar wurden diese Wiinsche 
. nicht in ihrem ganzen Umfange erflillt, aber das Syndikat gestand 
Herrn Untucht die Zahlung yon jihrlich 50 000 M. zu, indent es 
dim ein Produktionsrecht auf seine Melassebrennereien in Hdhe 
yon 10 000 Zentnern fur das Jahr zubitligte, das weiterhin vom 
Syndikat der grossten Presshefefabrik ubertragen wurde, zu 
deren Aufsichtsratsmitgliedem iibrigens Herr Untucht gleichfalls 
gehort. Geschlossen wurde dieser Vertrag auf die Dauer yon 
.10 Jahren, so dass Herr Untucht sich immerhin 
eine Hefepension yon 500060 M. zu sichern 
wusste. 

Zugleich mit diesen privaten Gesch&ften ihres Direktors hatte 
die Spirituszentrale yon den syndizierten Hefefabriken, die der 
Spirituszentrale in ihrer Eigenschaft als Spiritusproduzenten 
noch nicht angehorten, den sofortigen Anschluss yerlangt. Auch 
diese Forderung erfullte sich grosstenteils, die Verbindung wurde 
ixhmer intimer, und seitdem erfreut sich das Hefesyndikat der 
. Hu d des Spiritusringes, es wurde zu einem der bekannten Giiter 
der Nation, die gegen alle Angriffe geschiitzt werden mussen. 
Was eine so hohe Protektion bedeutet, hat das Hefesyndikat 
. gar bald gemerkt, als d i e Revolution in der Hefe> 
Industrie ihr Haupt erhob. Die Rolle der Revolutionftre 
Spielte wieder einmal dieTechnik, der ein neues Hefebereitungs- 
yerfahren gelang. Wdhrend die gut eingerichteten Hefefabriken 
bisher eine Ausbeute yon 32 Prozent Hefe und 9 Prozent Spiritus 
erzielen, werden durch das neue Verfahren bis 50 Prozent Press- 
hefe und ca. 6 Prozent Spiritus gewonnen. Infolge dieser 
grossen Hefeausbeute kann bei dem neuen 
Verfshren auf die Verwertung des Spiritus 
y e r z i c h t e t w e r d e n , so dass die damit arbeitenden Fa- 




briken ausserhalb des Spiritusgesetzes stehen und von den hoheh 
Belas tungen, denen insbesondere n e u e Fabriken unterworfen 
sind, befreit bleiben . . . Schon wankte das Hefesyndikat in seineh 
Crundpfeilern, die inneren Differenzen nahmen st&ndig zu, 
Kampfpreise wurden fiir verschiedene Gegenden beschlossen, 
denn in Hamm war ein Unternehmen gegriindet worden, das 
das neue Hefebereitungsverfahren erworben hatte und anwendete. 
In dieser Zeit der hochsten Not winkte dem Hefesyndikat Rettung 
dutch ein unerwartetes Gluck: die neue Hefefabrik, 
die sich trotz Verzichtleistung auf die Verwertung yon Spiritus 
ausserordentlich konkurrenzf&hig zeigte , wurde polizei- 
lich geschlossen. Aus sanitatspolizeilichen Grunden 
erfolgte die Betriebsstillegung, Anwohner batten Beschwerden 
iiber gesundheitsgefahrliche Einwirkungen des abfliessenden 
Spiritus erhoben, den Beschwerden wurde stattgegeben. 

Bei allem Gluck verloren die Herren des Hefesyndikats und 
der Spirituszentrale die ruhige Besonnenheit nicht. Sie sagteri 
sich, dass es schliesslich keine unlosbare Aufgabe sein kann, 
ein paar Orte in Deutschland ausfindig zu machen, in denen 
Hefefabriken, die mit dem neuen Verfahren arbeiten, geduldet 
wurden, wenn durch Beachtung aller VorsichtsmaBregeln auch 
die letzten sanitatspolizeilichen Bedenken fortfielen. Um diesen 
Gefahren zu begegnen, kam man auf die einfache Idee, von den 
Regienmgen auch die Besteuerung jenes Spiritus zu verlangen> 
der von Hefefabriken gar nicht verwertet, sondern weggegossen 
wird. Damit waren alle Schwierigkeiten des Hefesyndikats geldst, 
die neuen Hefefabriken miissten fur ihren gesamten Spiritus die 
Sonderabgabe von 24 M. pro 100 Liter bezahlen und werden in 
ihrem Wettbewerb trotz hoherer Leistungsfahigkeit unterbunden, 
— denn die alten Hefefabriken sind fur die ihnen gesetzlich zu* 
stehenden Produktionsmengen von der Sonderabgabe fren 

Nach offiziosen Meldungen ist der Bundesrat geneigt, diese 
Forderungen zu erfiillen, die nur das eine Ziel und den einzigen 
Zweck haben, den unter dem Protektorat der Spirituszentrale 
stehenden Hefefabriken jede neue Konkurrenz vom Halse zu 
halten. Ein technischer Fortschritt ermog- 
licht eine Verbilligung der Hefefabrika* 
tion, aber er darf nicht zur Anwendung 
kommen, weil eine Storung der Geschafts- 
interessen einer begnadeten Clique ver^ 
hindert werden soil. Die Hefepolitik ist keine Aus- 
nahmeerscheinung, sie ist gemeinhin die preussisch-deutsche 
Politik, die man in der Sprache des Philosophen der gottgewollten 
Abhangigkeiten — Schutz der nationalen Arbeit nennt. 

KRITES 




Vive la bagatelle 

Swift 

I 



KRITIKER? 



*k 



Die Secession versendet folgenden Protest: 

„In der Nummer des ,Tag* vom 14. Oktober finden sich in 
einem Artikel des Herm Hans Rosenhagen folgende Satze: ,Es kann 
dem Kaiser nicht verdacht werden, dass er sich ablehnend gegen die 
Mitglieder einer Kiinstlergruppe (das ist : der Secession) verhalt, 
aus deren Lager ihm bestfindig Schm ah ungen entgegenschallen und 
deren Existenz gegenwartig eigentlich nur noch durch ihre Oppo- 
sitionsstellung kiinstlich aufrecht erhalten wird.‘ 

Allen denen gegeniiber, die mit kiinstlerischen Dingen auch 
nur oberflachlich vertraut sind, bedarf es wohl keiner Richtig- 
stellung dieser unerhorten Verdachtigungen ; der breiten Oeffent- 

fa 

lichkeit aber gegeniiber mlissen wir zum Schutze der Kfinstlerver- 
einigung, deren Interessen wir zu wahren berufen sind 9 feststellen, 
dass die Berliner Secession jederzeit nur kfinstlerische Ziele verfolgt 
hat und solche auch jetzt noch allein verfolgt. Herr Rorsenhagen 
aber hat die oben wiedergegebenen niedrigen Unterstellungen wider 
besseres Wissen erhoben, da er durch jahrelange Beziehungen zu 
unserer Vereinigung fiber deren Verhaltrusse genau unterrichtet ist. 
Herr Rosenhagen, der fur sich den Rang eines Kunstkritikers in 
Anspruch nimmt, hat bei seinem Vorgehen ganz ausser acht ge- 
lassen, dass ein Kritiker ein objektiver Richter, aber nicht ein Ver* 
leumder sein soil. 44 

Das Berliner Tageblatt vom x6. Oktober druckt diesen Protest ab 
(unter Weglassung des Wortes „niedrigen‘ 4 vor U nt erst ell ungen) und 
kommentiert es unter anderem mit folgendem Satz : 

,,Es ist ganz un verstandli ch , was Herr Rosenhagen mit seinem Satz, 
der bedenklich nach Denunziation schmeckt, eigentlich hat sagen wollen. 14 

Hans Rosenhagen hat weder auf den Protest noch auf die Bemerkung 
des Berliner Tageblattes bisher mit einem Wort erwidert. 

Hans Rosenhagen war lange Jahre hindurch der eifrigste Verteidiger 
der Secession und der secessionistischen Kunstler* Er war mit vielen 
der Fiihrenden personlich befreundet — ihm waren die Gedanken und 
die Meinungen der Secessionisten nicht verborgen. Er hat niemals ge- 
sagt, dass ihn die temperamentvollen Aeusserungen fiber die Ungerechtig- 
keit der Regienmg, die jahrelang einen Boykott gegen die Kfinstler der 
Secession ausgefibt hat, irgendwie verletzt oder unangenehm beruhrt 
h&tten. Im Gegenteil, er hat immer wieder dazu geraten, gegen diesen 
Boykott anzukampfen. (Uebrigens waren merkwurdigerweise von diesem 
Boykott stets die Bildhauer ausgenommen) . 

Vor einigen Jahren lockerte sich das Verh&ltnis zwischen der Secession 
und Rosenhagen. Es ist durchaus nicht merkwfirdig, dass ein Kritiker 




Kritiker? 

t 





seine Meinungen wandelt. Es ist nicht verdichtig, wenn er das, was er 
einst schon gef unden hat, haute verurteilt — wogegen er einst k&mpfte, 
jetzt beffirwortet. Die Aenderung des Geschmackes ist in der menschlichen 
Natur begrtindet Bei Rosenhagen ging aller dings die Wandlung etwas 
rasch vor sich. Wenige Wochen genQgten damals, urn alle seine Meinungen 
zu ver&ndem. Aber auch dieses ist moglich. 

Und wenn schliesslich ein Kritiker den Kampf aufgibt und -damn 
denkt, {fir sich selbst zu sorgen, die unsichere Zukunft eines oppositfoneUen 
Kritikers mit der sicheren Stellung eines Sekret&rs der Akademie ver- 
tauschen will, so ist das wohl nicht geeignet, dem Idealismus eines jugend- 
lichen Kunstenthusiasten zu genQgen. Aber wer das Leben kennt und 
weiss, wie materiell unsicher und wie domenvoll und schwierig das Amt 
eines Kritikers ist, der wird sich zwar nicht freuen, wenn der Verdacht 
an ihn herantritt, ein alter Kamerad sei abgef alien, er wird aber doch 
faarte Worte fflr den Ruhesuchenden vermeiden. 

Rosen hagens plotzlicher Umschwung, sein unmfissiges Lob Arthur 
Kampfs und Professor Justis, das Ger&cht, dass er die Sekretirstellung 
an der Akademie auf diese Weise zu erreichen hoffe, das alles hat bei 
den Secessionisten keinen Hass erregt ; soweit man die Absicht glaubte, 
wurde sie mit einem mitleidigen und verstindnisvollen Lftcheln auf- 
gftoommtn. 

Gegen Professor Justi wurden Angriffe gerichtet, dass er auf seinem 
Posten bliebe, obgleich er gezwungen wire, sein Amt als ungerechter 
Richter zu verwalten. Er darf nicht prhfen, ob Liebermann, Corinth, 
Slevogt, Hdbner und die anderen gute oder schlechte Bilder malen, die 
wttrdig sind, in die National galerie einzuziehen; er muss sich dem Verbot 
ffigen, diese Bilder ohne Pr&fung abzuweisen. Vergleicht man das Amt 
eines Galeriedirektors mit dem eines Richters, hilt man Gerechtigkeit 
fiir die Haupttugend eines Galeriedirektors, so muss man natiirlich denen 
beistimmen, die die Angriffe gegen Justi richten. Aber es ist so leicbt, 
Professor Justi zu verteidigen. Ein Galeriedirektor ist kein Richter. Der 
Ankauf eines Bildes ist nicht dasselbe wie ein Gerichtsverfahren. Ein 
Khnstler ist noch lange nicht verurteilt, wenn seine Werfce auch nicht in 
der Nationalgalerie hingen. 

Statt dieser einfachen Verteidigung greift Rosenhagen in seinem 
Uebereifer zu dem tdrichten und verderblichen Mittel, die U nmoglichkeit 
des Ankaufes der secession! stischen Bilder zu beweisen. Er hat damft 
Professor Justi einen schlechten Dienst erwiesen, fiir den er keinen Dank 
erwarten kann. Sich selbst aber hat er urn das Recht gebracht, un- 
verd&chtigt durchs Leben zu gehen. Vor kurzem ein Anreger zum Wider- 
stand gegen die Regierung — heute der Denunziant bei der Regierungl 
Wann hat Rosenhagen seine Anschauungen gewandelt? Er muss sich 
dardber iussern; er muss sagen, wann es geschehen ist; sonst mfissen 
die, die seine energischen Reden gegen die Regierung gehort haben, 
glauben, er habe nicht seine wahre Meinung ausgespr ochen , 

sondern er habe die Secessionisten zu unklugen Schritten aufreizen 
wollen. 

Ein neuer Typ wire geschaffen: Der Kritiker als agent provocateur. 

P. C. 



1 



I 



Kythera, Pflicht und Mancke - Anwftlte 




97 



1 - ^ ■ 1 i 1 

KYTHERA, PFLICHT UND MANCKE 

* « . ’ + * 
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Merkwfirdig, dass Harden fiber Mancke nichts geschriehen hat. Wie 
mag Ihm bei Georg Bernhardts wacker ausgefochtenem Prozess ums 
Hexz gewesen sein ? In der von Mehring so getauften „Zukunft“ h&tte von 
rechtswegen ein Artikel fiber Formen der Beteiligung stehen mfissen. 
Die schlichteste Form sind hundertffinfzig Mark {fir Lust und Liebe 
pro Sitzung. Das wurde Mancke’n zugebilligt. Wie verschieden davon ist 
es, ein bevorzugter Savonarola mit Kortingaktien zu sein. Sonderlich, 
wenn bereits edlere Einnahme quellen durch die wochentliche Versicherung: 
„Ich bin fi Patriot'* und eiskalte Tone falscher Ergriffenheit bestehn. 
M«n soil niemandem ohne Zwang in seinen ffinfzigstenGeburtstag spucken. 
Herr M. Harden ist durch etliche der Orte, wo man ihn ieierte. bestraft 
genug. Und mag nun die regelm&ssige Behauptung, schreddiche 
Gefahr drohe, wenn er sie nicht abwende, mfindelsi cher sein oder nicht, 
so liegt hier jedenfalls ein Grund zur Andacht {fir manche weltfremde 
deutsche Haut. Der Jubilar z&hlt zu der mit dem Wort , , Hurramausche' * 
bezeichneten Gattung (welcher in Frankreich unter anderen Gaston 
PpUonais, genannt le juif pollonais, beizurechnen ist.) 

Der edle Pflichtwichter, welcher (nach Eulenburg) Oberbamim und 
Kythera zu „rfigen“ von seinem Gewissen gedrfingt wird, ist vergesslich. Er 
vergisst immer die Frage zu beantworten, ob er um dieselbe Zeit unappetit- 
liche Handlungen perverser Schwiche betrieben hat' oder nicht. Flora 
Gass war immerhin bloss ein Exemplar — und alles ging mit rechten 
Dingen zu. Verh&lt er sich {ortgesetzt stumm: so will ich nicht etwa 
glauben, dass Herr Harden ein Feigling mit den Allfir en eines Angreifers 
ist, hi. ? . . sondem, dass ihn ein vaterlindisches Gehehnnis zwingt, in 

ernster Pflichtleistung den Schlfissd treu zu bewahren. « err 

* 

* 



anwAl te 



Ein Metternichverteidiger hatte den Detektiv gemacht. Die Anwalts* 
kammer gestattet zwar ihren Mitgliedern den Besuch eines Tanzraums* 
Der Anwalt kam aber nicht hin, um zu tanzen; sondem seiner Partei zu 
hfitzen* Das gestattet sie nicht* Er sieht irgendwo ein Frauen* 
zimmer, das Auskunft geben kann, ob eine Ankl&gerin seines Kimden 
geschwindelt. Soil er nicht ah ihren Tisch gehen durfen? Soli er sich 
Dritte mieten, mit Umst&nden, Schwerf&Uigkeiten ? Wer btirgt thin , 
dass diese M&del fibermorgen noch aufzutreiben sind ? Hingehn, zu* 
greifenl Soil auch der Rechtsanwalt vom Nimbus erhabener Femen 

h 

umwittert sein? Ob solche Besprechungen beim Schiebe-step er* 
{olgen, geht die Standeskammer gar nichts an. Der Verteidiger ist ein 

a J 

selbstandiger Privatmensch mit, vor allem, dem Bend, seinem Schutz- 
befohlenen zu helfen. Wieso durch Notiren im Ballsaal die fibrigen 
Anw&lte herabgesetzt werden, leuchtet nicht ein. Festlich geschmfickte 
Halftem sind {fir einen Beruf der au{spfirenden Tfichtigkeit undenkbar. 

Wettbewerb enth&lt oft Taktlosigkeiten. Aber der Wettbewerb ist 
es, der sie ihm vorwirft. 



1 






POIRET IN BERLIN 

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Vorstandsdamen des n Vereins gegen Wort und Bild“ 







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Der Trappsst 




DER TRAPPIST 

i 

Ich traf den Schriftsteller James Gothisch mittags In der Tauentzien- 
strasse. Wir kannten uns noch von einer Zeit her, als ich Leichname 
zerschnitt, w&hrend er einem Publizisten den Brockhaus wSlzte. . Nun 
promenierten wir miteinander. Unter dem blendenden Himmel gab es 
Getese, Gcstrudel, lebende Fregatten. J. Gothisch war ganz in khakeliges 
Grau gehullt; und damit man ihn verkenne, trug er zu Haupten eine steife 
Melone* Er schimpfte auf den tauten Betrieb, auch auf meinen bunten 
Shlips. Vor einem Schaufenster blieb ich stehen; er musste mit; aus 
Sftgesp&nen lockten, apf el gross und mit angepuderter Madchenhaut, viele 
Pfirsichkugeln: schon, fest, samten. Ich bemerkte: „Sehn Sie nur diese 
prachtvollen Frfichte, dieses Gebettetsein, den Teint ; welch kernige Siisse 
mussen sie enthaltenl 44 J. Gothisch, iiberlegen, als wfire ich ein Materialist, 
schwieg. Ich erwiderte: „Empfinden Sie denn dabei nichts ? reizt denn 
sowas nicht Ihre Nerven? ich glaube, Sie sehen das gar nicht / 4 Er zog 
das Fleisch unter den unteren Augenrfindem in Faltchen und dusserte: 
, f O wohl; aber ich sag* es nicht; dies ist der Unterschied zwischen uns 
zweien." — „Inwiefem so feindlich ? 44 antwortete ich; „Erlebnisse, auch 
die anspruchsl ose r en , zu Wortgebilden zu machen, die Seele formulatim 
zu * . prostituieren, ist des Literators Sendung schliesslich; meinethalben 
sein Fluch, aber doch sein wildes Gltick; warum sind Sie stolz auf Schweig- 
samkeit ?“ J. Gothisch liess die Mundwinkel fallen. Ich erg&nzte mich: 
,,Mit welcher Begriindung kann einer, der vorhat, Kunst zu schaffen, 
Verhaltung propagieren; Nonnigkeit, Askese, Dyspepsie ? 14 Seine Mund- 
winkel f ielen rapider; die F&ltchen unter den Augen wurden giftig, drohten, 
bissen, beizten ; er sprach : „Literaten sind schlaff und zuchtlos; des 
Reichtums Merkmal ist Kargheit; ein Mann von Haltung kehrt seine 
Individualist nicht hervor ; man zeigt nicht dem Pobel — lasen Sie 
Bahrs ,Agariste 4 ? — dass man etwas Besonderes konne; Distanz muss 
man wahren; es kommt darauf an, nie deutlich zu sein; das Leben ist 
ein Schattenspiel auf einer spirituellen Bfihne; wir sind die Reflexe von 
Marionetten; Geb&rde ist alles . . . Er lobte unvermutet Wilhelm 
Raabe, dann N oval is, dann den Jan Nicolai Everaerts. Ich war fur die 
Grossstadt und lateinische Klarheit, er fiir Landleben und Mystik. 
Pries ich das Hiesige, pries er das Marquisige. Als ich Ibsen heranzog, 
geriet er, nicht ohne zuvor sich entschieden gegen Temperament aus- 
gesprochen zu haben, in Wut fiber jenen Indiskreten. „Nur Kunst, die 
uns nichts angeht, ist fiberzeitlichen Wertes“, schrie er; „und je weniger 
eine Dichtung redet, desto tiefer ist sie ▼erwurzelt. << Als er mir erzdhlte, 
er arbeite gerad an einer Romanze fiber ein Marienbild Cranachs des 
Aelteren, sagte ich Adieu. 

Abends im Cafd wandte sich Gladys an mich. die Allwissende, der Nabel 
der Literatur: „ Haben Sie schon gehort, wo der Gothisch, der James 
Gothisch, hingehen will, wenn er mit seinem Buch fertig ist ?‘ : — ,,Den 
,Abriss einer Philosophic der Pantomime 4 meinen Sie ?“ „Ja.“ — 

, ,Wohin ?“ — „Zu den Trappisten 44 , zirpte sie. Kurt Hiller 



100 



Die Verwandtschaft 



DIE VERWANDTSCHAFT 

Aus dem Metternich-Prozess klingen die Inserate der Verwandtschaft 
nach. Noch mitten dr in, in fettesten Buchstaben, Abdruck einer Notiz: 
,,Wer sich uber das An und Auf des Metternich-Prozesses genau unter- 
richten will, dem seien Landsbergers Bucher herzlichst empfohlen. Berlin 
W. wie es von innen aussieht . . Offenbar geschah dies nur vom 
Verlag und gegen das heftige Strauben A. O. Webers. 

Zweite Notiz der Verwandtschaft. Von der andren Seite. ,, Claire 
Vallentin, die in dem schwebenden Prozess vielgenaimte Frau des Grafen 
Gisbert Wolff-Mettemich, wird mit einem eigenen Ensemble im Apollo- 
theater in Wien gastieren." Seh’ einer an. Beigefiigt, dass es in „einem 
von ihr selbst verfassten Einakter geschehen wird.“ Nun dal 



Sendungen fdr den polltischen und den llterarisdien Tell sind zu adressleren 

Grunewald, Gneiststrasse 9; 

Leltung des Pan. 

Sendungen, weldie die bildende Kunst und den Handelsteil betrefien: 

Berlin W.10, VlktoriastrasseS. 

Fflr Unverlangtes keine Bilrgschaft. 

Verantwortlich fur die Redaktion: Albert Damm, Berlin- Wilmersdosf. 
(Alfred Kerr zeichnet verantwortlich fur die von ihm verfassten Beitr&ge.) 
Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. 







Der liebende Flaubert 



ioz 




Der liebende Flaubert 

Von THEODOR REIK 

Em Schlusskapitel aus der osterreichischen Handschrift. 
Ein MenschenbelegstQck. 

Mancher, der es liest, wird sagen: „Angenehmer Beruf . 
Angenehme Leute . . 

Muss der Boden von dieser Art sein, auf dem tiefere 

-# * 

Dichtungen wachsen ? 

Ich glaube, die Frage bleibt anders zu stellen. 

Der Boden ist so sehr anders nicht bei btkrgerlicheren 
Gestalten. Nur gibt es dort keme Feststell ungen. Hier 
gibt es welche. K. 

Er lernte Mme. Schlesinger kennen. Wir wissen schon, 
welche Rolle diese Frau in seinem Leben spielt. Noch acht Jahre 
sp&ter schreibt er dariiber an seine Geliebte: ,,Der junge modeme 
Mensch besitzt eine Seele, die sich mit 16 Jahren fur eine unge- 
heure Liebe offnet, die ihn den Luxus, den Ruhm, alien Glanz 
des Lebens begehren lasst, diese schmelzende und traurige Poesie 
des Knabenherzen — hier ist eine Seite, die noch nietnand be- 
riihrt hat. O teure Freundin, ich will Dir ein hartes Wort sagen, 
und dennoch entspringt es der ungeheuersten Sympathie, der ver- 
trautesten Freundschaft. Wenn Dich jemals ein armer Knabe 
lieben wird, der Dich schon findet, ein Knabe wie ich es war, so 
schuchtem, furchtsam, zittefnd, der Angst vor Dir hat und der 
Dich sucht, der Dich meidet und Dich verfolgt, sei gut mit ihm, 
stoss ihn nicht zuriick, gib ihm nur Deine Hand zum Kuss, er 
wird sterben vor Glficksrausch. Verliere Dein Taschentuch, er 

► i 

wird es nehmen und damit schlafen, er wird sich darauf unter 
TrUnen herumwfilzen. Das Schauspiel von neulich*) hat das 
Grab gedffnet, wo meine Jugend mumienhaft schlief. Ich habe 

p — 

ihre welken Dufte wieder gespiirt, es ist mir etwas davon in die 
Seele gedrungen gleich jenen vergessenen Melodien, welche man 

*) Besichtigung eines Gymnasiums. 



102 



Der liebende Flaubert 



wiederfindet im Nebel wahrend dieser langen Stunden, da das 
Ged&chtnis wie ein Gespenst in den Ruinen in unseren Er- 
innerungen spaziert." Oft qu&lqn ihn Erinnerungen. „ Liebe des 
jungen Mannes, Ironien des reifen Alters, o ihr kommt oft mit 
euren dunklen, triiben Farben wie die Schatten, fliehend, ge- 
stossen, die einen durch die andern, wie die Schatten, die in den 
Winternachten an den Mauern voriiberhuschen Bei der Aus- 
sprache eines Namens kommen alle Personen wieder mit ihrem 
Kostum und ihrer Sprache und spielen ihre Rolle, wie sie sie in 
seinem Leben gespielt. , , Namentlich die erste Liebe, die niemals 
heftig noch leidenschaftlich war, ausgeloscht seither durch andere 
Wiinsche, aber die doch im Grund meines Herzens bleibt wie eine 
antike Romerstrasse, die man durch einen gemeinen Eisenbahn- 
wagen durch quert hat . . . 

Wir haben schon gesagt, dass diese Leidenschaft eine Ersatz- 
liebe fur die Mutter war. Nur so ist der tiefe Eindruck zu erklaren , 
den die Situation, in der er die Frau zum erstenmal sah, auf den 
Knaben machte. So ist es auch zu erklaren, mit welcher Ausdauer 
noch der reife Mann insgeheim an dieser ersten tiefen Liebe hing. 
Er scheidet strenge zwischen platonischer und sinnlicher Liebe 4 ) . 
„Was die Menschen gewohnlich am tiefsten beriihrt, ist fur mich 
sekund&r — wirklich habe ich die physische Liebe immer von der 
anderen getrennt . . . Ich habe eine Frau von 14 Jahren 
(1838?) bis 20 Jahren geliebt ohne es ihr zu sagen, ohne sie zu 
beriihren, und ich habe fast drei Jahre gelebt, ohne mein Ge- 
schlecht zu spuren. Ich habe einen Augenblick geglaubt, dass 
ich so sterben werde und habe dem Himmel gedankt.“ Doch 
es kam anders*) **). Die Vorstellungen der Wollust, die ihn mit 
15 Jahren uberfallen hatten, kehrten mit 18 wieder. „Wenn ihr 
etwas von dem Vorhergegangenen verstanden habt, miisst ihr 
euch erinnern, dass ich bis zu diesem Alter keuscb lebte und noch 
nicht geliebt hatte: was die Schonheit der Leidenschaften und 
ihren klingenden Lfirm betraf, lieferten mir die Dichter die Stoffe 
fiir meine Tr&umereien; vom Vergniigen der Sinne, von den 
korperlichen Freuden, die die J iinglinge begehren, erhielt ich in 

*) Carr. I. 197. 1846. an L. Colet. 

**) N ovembre. Oeuvres de jeunesse. II. S. 192. 



Der liebende Flaubert 103 



meinem Herzen die unablassige Sehnsucht . . Aber die 
Eitelkeit dr&ngt ihn zur Liebe, „nein, zur Wollust, nicbt einmal 
dazu, nur zur Sinnlichkeit. Man verspottete mich wegen meiner 
Keuschheit , ich errdtete daruber, sie machte mich beschamt; sie 
driickte mich wie wenn sie die Verdorbenheit wire. Eine Frau 
kam mir gelegen , ich nahm sie. Und ich ging aus ihren Armen 
▼oil Ekel und Bitterkeit . . 

Dennoch, trotz aller Vorwurfe dr&ngt ihn die Sinnenlust 
zu anderen Versuchungen. Seine Seele aber blieb der einen 
treu. Er hat an seine Geliebte die wahren Worte geschrieben*) : 
,,Die Frauen verstehen nicht, dass man in verschiedenen Stufen 
lieben kann; sie sprechen viel von der Seele, aber der Korper h&lt 
ihr Herz fest, denn sie sehen die ganze Liebe in den kbrperlichen 
Akt verlegt. Man kann eine Frau anbeten und doch jeden Abend 
zu Freudenm&dchen gehen.“ Wir wollen einen Augenblick 
halten und Flauberts Liebesleben, so weit wir es kennen gelernt, be- 
trachten. Schon im Pubert&tsalter scheidet er zwischen dem reinen 
unnahbaren Weib und dem dimenhaften Weib (Mme. Arnoux 
und Rosanette in der ,, Education"), im Leben und in der Dich- 
tung. Der Geliebten halt er sein Leben lang die Neigung in ihrer 
ganzen Stftrke. Doch geht er nebenbei Liebesverh&ltnisse ein, 
die nichts mit der grossen Liebe zu tun haben. Er fixiert seme 
Liebe nur auf Frauen, die nicht frei sind. Er will seine Geliebte 
stets retten. 

Dieser lebendige und intensiv (nach innen) lebende Mensch 
ist der starkste Beweis fiir die Richtigkeit der Theorie Freuds 
iiber einen Typus der Objektwahl. (Die Theorie ist indessen 
ebenfalls ein Niederschlag empirischer Erkenntnisse.) Die Lmien 
der aufgezeichneten Eigentumlichkeiten des Liebeslebens ziehen 
sich durch das ganze Dasein des Dichters. 

Wie stellt sich nun Flaubert in seinem Verhalten zu diesen 

j 

Neigungen ? Wir haben konstatiert, dass der Dichter Inzest- 
wiinsche in ungeheurer Intensit&t gehabt hat. Sadistische 
Tendenzen traten hinzu. Allen diesen Regungen, die tief im 

h 

Infantilen wurzelten, konnte keine Erfiillung winken. Durch 

*) Corr. I. 23s. 4. Sept. 1846. 

8 * 



104 



Der liebende Flaubert 



einen ungefaeuren Energieaufwand wurden sie vom Bewusstsein 
ausgeschaltet, sie wurden verdr&ngt. 

In Paris lebt er einsam, ganz seinen Traumen hingegeben. 
Die Vergnligungen seiner Kameraden erscheinen ihm dumm. 
Er schloss sich ein, legte sich aufs Bett und tr&umte viel. Inner lich 
wurde er imrner verbitterter. Den klarsten Ausdruck fanden 
diese Stimmungen in der ^Education sentimentale“ . Schon 

1841 schreibt er an Ernest Chevalier: „Du sagst mir, Du hast 
keine Frauen, das ist wahrlich sehr weise. Ich betrachtete diese 
Art Wesen als ziemlich dumm; die Frau ist ein gewdhnliches 
Geschopf, wovon der Mann sich ein zu schdnes Ideal gemacht 
hat.“ Er zieht in Paris Vergleiche zwischen dem Leben der 
jeunesse dore6 und seinem freudlosen Dasein. Seine Stimmung 
ist die triibste. Wir verstehen nun folgende Auslassung: 
,,Ich bin so vertiert, dass es als Weisheit, ja selbst als Tugend 
gelten kann. Oft habe ich Lust, dem Tisch Faustschl&ge zu geben, 
und alles in Stiicke zu schlagen, wenn dann der Anfall ver- 
gangen ist, sehe ich an meiner Uhr, dass ich eine halbe Stunde in 
Jeremiaden verloren habe.** Er schildert in der „Education‘* 
wovon Frederic und ein Freund traumen. Spiter hat er in einem 
Buche von Balzac sich in jener Zeit wiedergefunden. Es hat sich 
mit tausend Haken an ihn geklammert. „Erinnerst Du Dich,** 
schreibt er an Luise Colet, „dass ich Dir von einem meta- 
physischen Roman erzdhlt habe (im Plan) , wo ein Mensch durch 
Denken dahin gelangt, dass er Halluzinationen hat, an deren 
Schluss das Phantom eines Freundes erscheint, um den ideellen 
Schluss aus den (weltlich fassbaren) Prdmissen zu ziehen . . .'* 

W 

Flaubert meint wahrscheinlich den Plan des Romans ,,La 
spirale**. Eine ahnliche Situation hat uns aber auch in der ,,Ver- 
suchung des heiligen Antonius** beschaftigt. Hilarion zieht den 
Schluss: es bleiben nur Wollust und Tod. Dieselbe S telle wirft 
also ein helles Licht auf die Zeit, in welcher die ersten Ansatze 
der „Versuchung“ fallen. Auch Flaubert hatte Halluzinationen, 
auch er litt an denselben inner en Kdmpfen. „ . . . schliesslich 
will sich der Held in einer Art mystischen Wahnsinns kastrieren ; 
ich habe mitten in meinen Pariser Wirren mit 19 Jahren das 
gleiebe Verlangen gehabt (ich werde Dir. in der Rue Vivienne den 




Der liebende Flaubert 




Laden zeigen , vor dem ich eines Abends mit unabweislicher In- 
tensity von diesem Gedanken erfasst stehen geblieben bin, da- 
mals als ich zwei ganze Jahre verlebt habe, ohne eine Frau zu 
sehen.) Letztes Jahr, als ich Dir von dem Gedanken sprach in 
ein Kloster zu gehen, da war es die alte Hefe, die in mir aufstieg. 
Es kommt ein Moment, wo man das Bedurfnis fiihlt, sich Leiden 
anzutun, sein Fleisch zu h&ssen, sich Kot ins Gesicht zu werfen, 
so scheusslich erscheint es einem. Ohne die Liebe zur Form w&re 
ich vielleicht ein grosser Mystiker geworden; nimm meine Nerven- 
anf&lle hinzu, die nichts sind als unfreiwillige Ebenen von Ideen 
und Bildern, das psychische Element springt dann uber mich 
hinaus und die Bewusstheit verschwindet mit dem Geftihl des 
Lebens.“ 

Dieser Brief kommt fUr die Psychogenese des Antonius sehr 
in Betracht. 

Der Dichter schreibt um diese Zeit: „Es ist eine merkwilrdige 
Sache, wie ich vom Weibe abgekommen bin. Ich bin satt wie 
Solche sein mussen, die man zuviel geliebt hat. Ich bin impotent 
geworden, weil ich diese grossartigen Strdmungen zu sehr 
strdmen gefiihlt habe, um sie jemals sich ergiessen zu sehen.“ 
Wir sehen wie weit die Sezualverdrftngung bereits vorgeschritten 
ist. Wunderbar ist es, wie dieser scharfsinnige und tiefbohrende 
Psych ologe Das ins Bewusstsein emporreisst, was andere vor sich 
selbst verhiillen und verleugnen. , , Ich mm — ich fiihle weder die 
Verztickungen der Jugend mehr noch diese grossen Bitternisse 
von ehemals. Sie sind vermischt und das gibt eine Gesamtfarbe, 
wo sich alles vermischt und verwischt findet . . . Krank, 
zornig, tausendmal im Tag als Beute von Momenten einer 
fur ch ter lichen Angst, vollende ich meine Werke langsam, wie 
der gute Arbeiter, der mit aufgestreiften Armeln und mit schweiss- 
bedecktem Haar auf den Amboss schldgt, ohne sich zu be- 
unruhigen, ob es regnet oder stiirmt, hagelt oder donnert. Ich 
war frfiher nicht so. Dieser Wechsel ist natiirlich eingetreten. 
Mein Wille war auch dabei zu etwas gut. Er wird, hoffe ich, 
mich noch weiter fuhren. Alles, was ich ftirchte, ist, dass er 
schwach werde; denn es gibt Tage, von einer Schw&che, die mir 
Furcht macht. Schliesslich glaube ich etwas verstanden zu haben, 




ein grosses Ding; namlich, dass das Gluck flir Leute unseres 
Schlages in einem anderen Paradies liegt.“ Angstanf&lle von 
grosser Intensitat sind, wie wir sehen, die Folge dieser starken 
Sexualablehnung eines so temperamentvollen Menschen. Die 
Arbeit, die Kunst ist an die Stelle der libido getreten; die 
Sublimierung ist vorl&ufig gegliickt. 

. . . Er fallt beim'Examendur ch undwill nichtmehr Jusstudieren. 
Auf der Heimfahrt mit seinem ftlteren Bruder Achille bekommt er 
seinen ersten Nervenanfall. Wieso kam das? Das Leben, das 
er in Paris gefiihrt hatte, konnte nicht ohne Einfluss auf sein 
Nervensystem bleiben. Er berichtet selbst von Ermiidung, An- 
f&llen von Angst, von Halluzinationen und schw&cheren Tob- 
suchtstendenzen. Da er heimkehrt, bricht sich der zuriickgehaltene 
Affekt Bahn. Die Furcht vor dem strengen Vater (und der in- 
fantile Hass gegen ihn) , die Erwartung, die geliebte Mutter wieder 
zu sehen, die Entt&uschung wirken zusammen. Als auslosendes 
Moment wirkt wohl die Eisenbahnfahrt. Das mechanische Er- 
schiittern des Kdrpers lost oft im Kinde sexuelle Erregung aus*) . 
Der Erwachsene wiederholt diesen Affekt. Und die unbefriedigte 
Libido fliichtet in die Absence, wo sie die Erfttllung ihrer Wiinsche 
erwartet. Man hat die Krankheit des Dichters friiher als eine 
epileptische betrachtet. Wir werden sie eine pseudoepileptische 
Hysterie nennen. Die Anfalle treten bei Tage auf; der erste im 
fdihen Alter. Der ethische Besitzstand des Patienten ist durchaus 
nicht gestort**) . Flaubert selbst beschreibt diese AnfSJle folgender- 
massen: „Meine Nervenkrankheit war ein Abschaum dieser 
intellektuellen Possen. Jeder Anfall war wie eine Art Erguss der 
Phantasie, es waren Verluste der malerischen Fahigkeit des 
Schadels, hunderttausend Bilder, auf einmal wie ein Feuerwerk 
aufspringend. Es war eine Verknotung der Seele und des Kdrpers 
(ich habe die Uberzeugung, dass ich mehrere Male gestorben 
bin), aber was die Personlichkeit ausittacht, das Bewusstsein, 
ging bis ans Ende, ohne das wire das Leiden null gewesen, denn 

ich war rein passiv, ich war bei Bewusstsein, selbst wenn ich nicht 

* 

1 

* ri * 

*) Freud, Drei Abhandl ungen zur Sexualtheorie. 

**) Die psychische Behandlung der Epilepsie von Dr. Wilhelm Stekel 
im Zentralblatt ftir Psychoanaljrde. Heft 5/6. Jahrgang 1911. 




sprechen konnte. Dann war die Seele ganz auf sich zuriickgezogen 
wie ein Igel, der sich mit den eigenen Spitzen weh tut.“ 

Der Ausdruck , , Verlust' ‘ ist vielleicht kein zuf&lliger, die 
Attacke ersetzt oft den Geschlechtsakt. Cber die Art der 
Attacken verweise ich noch auf den wichtigen Brief an Luise 
Colet, den ich vorhin zitiert habe und auf die Anf&lle des Heiiigen 
Antonius. Dort finden sich namlich die besten Schilderungen. 
Diese so wie einige andere Stellen, z. B. die Halluzination Frederics 
neben dem schlafenden Arnoux, lassen uns auch in den Inhalt 
der Absencen sehen. Die Anfalle haben stets einen sexuellen und 
kriminellen Sinn. Der Dichter sagt: ,,Was ich habe, da weiss ich 
nicht, und man weis es nicht, da das Wort Neurose eine Gesamtheit 
von verschiedenen Ph&nomenen ausdriickt und zugleich die Un- 
wissenheit der Herren Arzte.“ An George Sand bench tet er ( Mirz 
2874): „Dr. Hardy nennt mich eine hysterische Frau; ein Wort, 
das ich tief finde.“ Auch wir finden es tief: Die Hysteric ist eine 
Krankheit, deren Atiologie vornehmlich in der intensiven 
Sexualablehnung und der Abspaltung unlustbetonter Vorstellungen 
vom Bewusstsein liegt. Das Wort ist tief, denn es zeigt, dass 
der Arzt die stark weibliche Anlage Flauberts erkannt hat. 
Es folgten in l&ngeren oder kiirzeren Zeitabschnitten mehrere 
Anf&lle. Im Alter nahmen sie ab. Die Nichte Flauberts sagt 
dariiber : * ) „ Diese Nervenkrankheit legte sich wie ein Schleier 
auf sein ganzes Leben; es war eine Furcht, welche die schonsten 
Tage verdunkelte." Der Vater Flauberts machte ihm drei Ader- 
l&sse. Bei der geringsten Empfindung zittern ihm alle Nerven, 
die Knie, die Schultern. 1846 hat ihm Pradier angeraten, 
ein festes Verh&ltnis zu beginnen. Aber, so fragt Flaubert, wo 
sollte er Halt machen? „Eine normale, regelm&ssige, kr&ftige 
und feste Liebe wiirde mich zu sehr aus mir herausreissen, wiirde 
midi beunruhigen, ich wiirde ins aktive Leben zuriicktreten, 
in die physische Wahrheit, kurz in den Menschenverstand, und 
gerade das -ist mir jedesmal sch&dlich gewesen, wenn ich es habe 
▼ersuchen wollen." Er ist dennoch dem .Rate gefolgt. Am 
3. August 2846 war Luise Colet seine Geliebte geworden. Dieses 



* 



*) Souvenirs intimes par Caroline Commanville. S. XII. 



t 

* 



Der liebende Flaubert 



Verh&ltnis ist sehr eigentumlich. Flaubert qu&lt die Geliebte, 
sie verfolgt ihn mit Eifersucht. Luise Colet war eine mittel- 
m&ssige Schriftstellerin, sp&ter durch maimigfache Intrigen imd 
Liebesgeschichten bekannt. Flauberts Nervosit&t bleibt nicht nur 
in diesem Verh&ltnis, sondern steigert sich noch. Sie wiinscht, 
dass er oft zu ihr komme, doch er besucht sie nur alle Monate auf 
ein paar Tage und bleibt die ubrige Zeit in Croisset bei der Mutter. 

Wir miissen nun zur Betrachtung dieses Liebesverhiltnisses 
einen Blick in die Correspondance der beiden werfen. Dieser 
Briefwechsel gehort ‘zu den psychologisch interessantesten, die 
wir besitzen. Gleich ein charakteristisches Beispiel. 1853 
schreibt Flaubert: „Du bist Heidin und sudlich, Du liebst das 
Dasein, Du achtest die Leidenschaften, Du strebst nach Gltick. 
Ah! Das war schon, als man noch den Purpur auf dem Riicken 
trug, als man noch unter einem blauen Himmel lebte . . . 
Aber ich, ich hasse das Leben, ich bin Katholik, ich habe etwas 
▼on der griinen Sinterung normannischer Dome im Herzen, 
meine Z&rtlichkeit des Geistes gilt den Inaktiven, den Tr&umer n ; 
ich bin es mude, mich an- und auszuziehen, zu essen usw. Wenn 
ich keine Angst vor dem Haschisch h&tte, wiirde ich mich statt 
des Brotes damit s&ttigen, und wenn ich noch dreissig J ahre zu 
leben h&tte, wiirde ich sie auf dem Riicken liegend ▼erbringen, 
unt&tig und im Zustand eines Klotzes." Luise liebt ihn, aber sie 
will von ihm Tatsachen, Beweise seiner Liebe. Er antwortet auf 
ihre Klagen: „Weisst Du nicht, dass ich kein Jiing ling mehr bin, 
und dass ich es um meinet- und Deinetwillen bedauert habe; 
wie willst Du, dass ein Mann, der von der Kunst abgestumpft ist, 
wie ich es bin, best&ndig verhungert nach einem Ideal, das er 
nicht erreicht, dessen Sensibilit&t sch&rfer ist als eine Rasier- 
klinge und der sein Leben damit verbringt, den Feuerstahl darauf 
zu schlagen, um Funken herauszulocken . . . Wie willst Du, 
dass der mit zwanzigj&hrigem Herzen liebt . . . Leute wie wir, 
sollten eine andere Sprache gebrauchen, um von sich zu reden , 
wir dtirfen keine schonen und h&sslichen Tage haben. Heraklit 
hat sich die Augen ausgestochen, um diese Sonne, von der ich 
rede, besser sehen zu konnen.“ Einmal klagt er: „Ich bin Dein 
UngKick, ich kann nicht geniessen, Hingebung ist Schmerz fiir 




Der liebende Flaubert 



z 09 



mich.“ Der nackte Trieb durch die lockende Frau reprdsentiert 
und die Sublimierung, welche in der Kunst besteht, ringen fort- 
wlbrend in ihm. Unter diesen Qualen ruft er ihr zu: ,,Ich wollte, 
Du liebtest mich nicht und Du h&ttest mich nie gekannt und 
damit glaube ich einen Wunsch auszusprechen, der Dein Gliick 
angeht. So wie ich wollte, meine Mutter liebte mich nicht, ich 
liebte weder sie noch irgend jemand in der Welt; ich wollte, nichts 
ginge aus meinem Herzen heraus, um zu anderen zu gehen, und 
nichts k&me aus den Herzen der anderen zu meinem. Je mehr man 
lebt, um so mehr leidet man . . . Jeder kann nur nach seinem 
Masse tun. Nicht einen Mann, der wie ich in alien Exzessen der 
Einsamkeit gealtert ist, nervos zum ohnm&cbtig we r den, von 
unterdriickten Leidenschaften gequ&lt, voller Z wei f el nach innen 
und aussen, nicht den musste man wShlen. 44 (1851.) Der befremd- 
liche Wunsch, nichts zu fiihlen und von niemandem geliebt zu 
werden, erkl&rt sich leicht. Seine erste Liebe war ungliicklich: 
als erste nennt er die Mutter, die er lieber nicht geliebt hatte, 
gleich daraui spricht er von unterdriickten Leidenschaften. 
, ,Weisst Du, wohin mich die Melancholie von all dem gefiihrt und 
wozu sie mir Lust gemacht hat? Die Literatur fiir immer hin- 
zuwerfen, iiberhaupt nichts mehr zu tun und bei Dir zu leben.“ 
Trotz aller Sehnsucht bleibt er bei der Arbeit. „Mir ist, als seien 
es zehn Jahre her, dass ich Dich nicht gesehen habe. Ich mochte 
Dich in meinen Ohnmachten an mich pressen, aber nachher? 
Nein, nein, ich weiss, auf die Festtage folgen zu traurige Tage. 
Die Melancholie selber ist nur eine Erimierung, die sich nicht 
kennt!“ Der letzte Satz zeigt eine tiefe psychoanalytische 
Einsicht. 

Verzweifelt schreibt er einmal: „Ich wollte, wir behielten 
unsere beiden Leiber und wftren nur ein Geist!“ 

„Du bist keine Frau und wenn ich Dich mehr und vor allem 
tiefer geliebt habe als jede andere, so liegt das daran, dass Du mir 
weniger Frau zu sein schienst als jede andere, all unsere Zwiste 
sind immer nur von der weiblichen Seite hergekommen. 44 

Dieselbe Ansicht zeigt sich in einem anderen Brief. „Ich 
habe mich immer bemtiht, aus Dir einen erhabenen Herm- 
aphroditen zu machen. 44 Es zeigt sich, dass hinter diesemWunsche 



t 




IZO 



Der liebende Flaubert 



die Rettungsphantasie und ein homosezueller Einschlag des 
Dichters steckt. Wir werden an Flaubert selbst denken, wenn 
in der Salambo der Priester der Tanit (ein Kastrierter) geschildert 
wird. Es sind genau die Linien des Verhiltnisses zwischen 
Flaubert und Luise Colet, in das Karthago Hamilkars verlegt. 
„In der Leere seines Lebens bliihte Salambo wie eine Blume in 
der Spalte eines Grabes und doch war er hart gegen sie und er- 
sparte ihr weder Busse noch bittere Worte; sein Zustand be- 
griindete gewissermassen Gleichheit des Geschlechtes zwischen 
ihnen . . 

Er grollt dem Madchen weniger weil er sie nicht besitzen 
kann, als weil er sie schon und begehrlich findet. „Oft sah er, 
wie sie sich abmiihte, seinen Gedanken zu folgen, dann kehrte 
er tieftraurig in den Tempel zuriick und fiihlte sich verlassener, 
einsamer als je.“ 

Der Gedanke an einen Zusammenhang wird greifbarer, 
wenn wir daran denken, dass Flaubert den Dichter gem mit dem 
Priester verglich und von einer , ,sakral-heiligen Kunst“ sprach. 
Tiefer noch vielleicht, lasst eine andere Stelle der „Salambo“ 
in das psych ische Gefiige des Dichters sehen. „Den Priester der 
Tanit zwingt alles, was er an irdischen Dingen sieht, zu der Er- 
keimtnis, dass das vemichtende, m&nnliche Prinzip das hohere 
sei; er beschuldigt die Rabbit insgeheim des Ungltickes in seinem 
Leben. H&tte nicht der Oberpriester ihn nur ihretwegen beim 
Klang der Zymbel und neben einer Schale voll heissen Wassers 
seiner kunftigen Mannheit beraubt ? Und melancholisch folgte 
sein Blick den Mannern, die sich mit den Priesterinnen der 
Gottin im Schatten des Terebinthengeholzes verloren.“ Genau 
so melancholisch folgt mit den Blicken der Dichter, der sich 
der Kunst mit ganzer Kraft gegeben, den M&nnern der Tat 
und des sexuellen Sichauslebens. (Alfred Adler wiir de hier von 
m&nnlichem Protest sprechen miissen*) . Man hat ihn so oft 
gedemiitigt, erkl&rt, „ich habe so viel Argernis gegeben, man 
hat mich so schreien lassen, dass ich schon seit langer Zeit dazu 
gekommen bin, zu erkennen, dass man, um gliicklich zu leben, 

*) Psychischer Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose. 
Fortschritte der Medizin. Leipzig 1910. Heft 16. 



Der liebende Flaubert 



I 



XII 



allein leben und alle Fenster verschliessen muss aus Furcht, dass 
die Weltluft nicht zu Euch komme. Ich bewahre immer wider 
meinen Willen etwas von dieser Gewohnheit, deshalb babe ich 
systematisch einige Jahre die Gesellschaft der Frauen gemieden. 
Ich wollte keine Fesseln bei der Entwicklung meines angeborenen 
Prinzipes, kein J och , keinen Einfluss, zum ■ Schluss habe ich 
nichts mehr gewiinscht von allem, ich lebte ohne die Zuckungen 
des Fleisches und des Herzens und ohne mein Geschlecht 
zu fiihlen". 

, h T 

Wir wissen, wie sehr er bedauert, dass diesem Zustande jetzt 

•i 

ein Ende gemacht wurde. Jetzt wird er, wie er berichtet, von 

Tag zu Tag reizbarer. Er verfdllt unaufhdrlich in Traumereien. 

* 

Ein Nichts bringt ihn zu Tr&nen. Er fiihlt zwei grosse Konflikte 

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+ 

in sich : das Schwanken zwischen der Mutter und der Geliebten — 
und die Wahl, die schwere Wahl zwischen Liebe und Kunst. 
Seiner Mutter, die ihm zur Heirat r&t, antwortet er, er sei liber 
das Alter dazu hinaus (1850!)*). „Wenn man wie ich, gelebthat, 
ein ganz inneres Leben voll unruhiger Analysen und ungestiimen 
Gewohnjieiten, wenn man sich so oft selbst erregt hat und ab- 
wechselnd beruhigt und seine ganze Jugend gebraucht hat, um 
mit seiner Seele zu manbvrieren wie ein Reiter mit seinem 

■ p 

Ross, das er mit Sporeneinsatz zwingt, quer durch die Felder zu 
galoppieren, mit kleinen Schritten zu gehen, liber Gr&ben zu 
springen, im Trott oder mittleren Schritt zu gehen, das alles ftir 

“ I . T- 

nichts als um sich zu unterhalten und mehr davon zu verstehen. 
Er glaubt also, dass keine innere Erschfitterung ihn von seinem 
Platze werfen konnte. Die Heirat ware ftir ihn ein Abfall . . . 
„Du wirst den Wein, die Liebe, die Frauen, den Ruhm malen, 

* j * 

unter der Bedingung, mfein Lieber, dass Du weder betrunken, 

noch verliebt, noch verheiratet, noch ein junger Infanterist sein 

■ 

wirst. In das Leben verwickelt sieht man es schlecht, man leidet 
zu viel dar unter und geniesst zu viel davon. Nach meiner An- 

a 

schauung ist der Kiinstler eine Ungeheuerlichkeit, etwas ausser- 
halb der Natur. alle Missgeschicke, mit denen die Vorsehung ihn 
uberhduft, kommen daher, dass er dieses Axiom verneint. 

*) Correspondence II. S. 24. 



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1 12 



Der liebende Flaubert 



Er leidet darunter und macht darunter leiden. Man befrage 
dariiber die Frauen, welche Dichter geliebt haben, und die 
M&nner, welche Schauspielerinnen liebten.“ 

Wichtig ist in diesem Briefe das Gest&ndnis, dass Flaubert 
„sich selbst erregt“. Es ist nach den vorausgegangenen Er- 
z&hlungen seiner Phantasie kein Zweifel dariiber mdglich, dass 
es sich um Phantasien handelt. Dieser in so hohem Masse 
phantasiebegabte Mensch greift zu demselben Mittel wie sein 
heiliger Antonius, um seine Triebe zu befriedigen. Wir sind in 
der Lage, unsere Hypothese durch Tatsachen im hdchsten Grade 
wahrscheinlich zu machen. In jenen fiber Rousseaus Aufrichtig- 
keit hinausgehenden Niederschriften des j ungen Flaubert 1 *), 
welche das sittliche Missvergniigen der Polizei erregten (weil sie 
Menschlich-Allzumenschliches ruhig beim Namen nannten) , wird 
berichtet, was sich zutrug, als in Rom der Dichter eine schone 
Dame am Arm einer alten Frau sah . . . 

Es kommt nun zu den Griinden, die wir fiir die r&tselhafte 
Zuruckhaltung des Dichters gegeniiber seiner Geliebten auf- 
zdhlten, ein weiteres hinzu: die Angst vor Impotenz, vor den 
Folgen jener Phantasien. Eine Angst, die fast bei keinem 
Neurotiker fehlt. Wir werden wohl auch eine Ausserung so 
deuten diirfen, die Flaubert einmal schreibt: „Ich bereuemeine 
ganze Vergangenheit, es scheint mir, ich h&tte sie in Reserve 
halten miissen in einer unbestimmten Erwartung, um sie Dir zu 

a 

geben, wenn der Tag gekommen ist." Nur so erkl&rt sich femer, 
dass der junge Dichter fiber seine Mfidigkeit spricht, dass er nicht 
mehr mit zwanzigj&hrigem Herzen lieben kann. Er mdchte, klagt 
er der Geliebten nur Liebesworte, suss wie einen Kuss geben, 
aber „ich babe zu sehr in meiner Jugend geschrien, um singen 
zu kdnnen, meine Stimme ist heiser." Charakteristisch ist die 
Spaltung der Personlichkeit, die er in sich wahrnimmt. , ,Ich 
ffihre zwei ganz verschiedene Existenzen, aussere Ereignisse 

x 

waren das Symbol des Endes der ersten und der Geburt der 
zweiten. Alles das ist mathematisch genau. Mein aktives, leiden- 
schaftliches, bewegtes, von widersprechenden Extremen und 

*) Tagebuch d. j. Flaubert „Pan“. i.Jahrg. Heft 7. i. Februar 1911. 
S. 331. 




Der liebende Flaubert 



113 



vielf&ltigen Empfindungen reiches Leben hat mit 22 Jahren 
geendigt. In dieser Epoche habe ich mit einem Schlage grosse 
Umwalzungen durchgemacht und eine andere ist gekommen. 
Dann .habe ich fur meinen Gebrauch genau zwei Teile in der Welt 
und in mir gemacht. Auf der einen Seite das fiussere Element, 
das ich verschieden, vielfarbig, harmonisch und ungeheuer 
wunsche, und von dem ich nichts empfange als das Schauspiel 
zum Genuss. Auf der anderen Seite das inner e Element, das ich 
konzentriere, um es dichter zu machen und in das ich die reinsten 
Strahlen des Geistes in vollen Stromen durch das offene Fenster 
der Intelligenz eindringen lasse.“ 

Wir werden noch beobachten konnen, welche Bedeutung diese 
Spaltung ffir den Dichter Flaubert hat. Er selbst gibt also sein 
22. Lebensjahr als Wendepunkt an. Es ist die Zeit, da seine 
Nenrenanf&lle beginnen. Um diese Epoche waren schon alle 
bestimmenden Einflfisse abgeschlossen und zu einem vorlfiufigen 
Ergebnis gekommen. Der Charakter Flauberts inderte sich nicht 

mehr wesentlich. 

Auf welchem Wege aber kam Flaubert zu dieser klaren 

h 

Einsicht fiber sich und sein Wesen? Auf dem Weg einer un- 
wissenschaf tlichen , doch genial en Psychoanalyse — man kann 
es nicht anders nennen. Sie bringt ihm zugleich Licht und Leid. 
„Du sagst, dass ich mich zu sehr analysiere, aber ich finde, 
dass ich mich nicht genug kenne. Jeder Tag zeigt mir das von 
neuem. Ich reise in mir wie in einem unbekannten Lande, ob- 
gleich ich es schon hundertmal durchlaufen habe.“ „Die Analyse 
die ich bestandig an mir vomehme, macht mich vielleicht unge- 
rechter gegen mich. Und man verzeiht dann meinen Nerven 
nicht genug. Das hat mir die Sensibilit&t ffir den Rest meiner 
Tage verwfistet. Sie stumpft an alien Ecken und Enden ab, 
verbraucht sich fiber den geringsten Albemheiten, und um nicht 
umzukommen, ziehe ich mich wie ein Igel, der alle seine Stachel 
zeigt, zur Kugel zusammen.“ Wir verstehen nach dem Voraus- 
gegangenen auch, wenn Flaubert versichert: „Und ich habe einen 
fiussersten Widerwillen, auf meine Vergangenheit zuruckzu- 
kommen, dennoch yerlangt meine unbarmherzige Neugierde, alles 
zu durchforschen und alles aufzuwfihlen bis zum letzten Mo der. “ 




Der liebende Flaubert 



**4 



Flaubert fiihrt die Selbstanalyse durch wie ein gepriifter, ge- ' 
iibter Psychoanaly tiker : er geht auf die Vergangenheit, auf die 
Kindheit zuriick. Auch im Verkehr mit Luise Colet zeigt sich 
die fur den Neurotiker bezeichnende Zweifelsucht. „Seit wir uns 
gesagt haben, dass wir uns lieben, fragst Du mich, woher meine 
Zuriickhaltung stammt. Warum ? Weil ich die Zukunft abne; 
weil das Gegenteil ohne Aufhdren sich vor meinen Augen auf- 
richtet. Ich habe niemals ein Kind gesehen, ohne daran zu 
denken, dass es ein Greis wird, noch eine Wiege, ohne an das Grab 
zu denken. Die Betrachtung einer nackten Frau l&sst mich von 
ihrem Skelett tr&umen. Darum machen mich lustige Schau- 
spiele traurig, und die traurigen greifen mich wenig an. Ich weine 
zu sehr nach innen, um Tr&nen nach aussen zu vergiessen.“ 
Er fordert Luise auf, die Kunst mehr zu lieben als ihn. „Wir lieben 
uns jetzt, wir werden uns vielleicht noch mehr lieben, aber wer 
weiss: eine Zeit wird kommen, wo wir uns nicht einmal mehr 
unserer Gesichter erinnern werden. Hast Du manchmal Greise 
▼on ihrer Jugend erzShlen gehort?“ 



k 



Langsam (J) 



Aus „Waller im Schnee 



44 % 



(Stefan George) 



Arnold SchOnborg 




Mlt Erlaubnis dcr Universal-Edition. A. G. Wien. 










It t 





r 



Durand-Ruel z 1 5 




Der bemerkenswer te franzosische 
Kritiker Ars&ne Alexandre sendet dem 
Pan diese WQrdigung Durand-Ruels. 

Durand-Ruel 

Bild und Geschichte ernes Kunsth&ndlers 

Von ARSfeNE ALEXANDRE 

Man wiirde sich einen allzu elementaren Begriff vom Kunst- 
handler machen, hielte man ihn nur fur einen Mann, der zufrieden 
ist, Bilder zu kaufen und sie wieder zu verkaufen, so, wie irgend- 
ein Handler irgendeine Ware kauft und wieder verkauft. Selbst 
wenn wir annehmen, dass er sie sehr billig kauft und fiusserst 
teuer verkauft, haben wir noch keine vollstandige Definition. 
Diese geniigte hochstens filr einen Rarit&tenh&ndler. Der 
g r o s s e Kunsthandler ist ein Mann der Tat wie der Eroberer, 
ein Mann des Urteils wie der Kritiker, ein Mann der Leidenschaft 
wie der Apostel. (Ich spreche immer vom Apostel, Kritiker, 
Eroberer, Kaufmann im rein idealen Sinn.) Dieser Kunsthandler 
kann der Verbiindete der Kritik sein und auch ihr Gegner; oder 
vielmehr der Verbiindete der guten Kritik und der Gegner der 
schlechten, dann ist er der gute Kunsthandler. Ist die Beziehung 
die umgekehrte, so wird er ein furchtbarer Feind der Kunst, 
wenigstens in Zeiten, wo der schlechte Geschmack triumphiert, 
und die einzig wahre Schonheit ,,endgiiltig“ begriffen wird. 

Und doch, auch der gute Kunsth&ndler, der ideale, wenn er 
z u lebhaft die schonen Dinge liebt, ist in Gefahr, zuerst sich selbst 
zugrunde zu richten und mit sich dann auch andere ungliicklich 
zu machen. Er muss ein Enthusiast, darf aber nicht zu sehr 
Tr Sumer sein; er muss Geld verdienen, um grosse Opfer bringen 
zu konnen ; er muss auch oft Opfer bringen, ohne des Verdienstes 
sicher zu sein. Ebenso wie der schlechte Kunsthandler ein er- 

bitterter Verbreiter des schlechten Geschmackes ist, so ist der 
gute Kunsthandler ein Vork&mpfer fur die Kiinstler, die durch 
ihre Werke den schlechten Geschmack bek&mpfen, gerade darum 
aber viel Miihe haben, sich jene Stellung zu erobern, die ihnen 
die Zukunft geben wird. Er ist, kurz gesagt, eines der wesent- 
Hchen Organe dieses gewaltigen Systems von Schonheitsfabriken, 
wie sie die moderne Gesellschaft zeugt und charakterisiert. In 



Durand- Ruel 




den alten Republiken, Athen oder Florenz, wo jedem Kunst- 
begeisterten der Kiinstler unmittelbarer Nachbar und Lieferant 
war, in den absoluten Monarchies wo dem Papst, dem Kaiser, 
dem Konige der Kiinstler Schiitzling und Freund, sogar xnanchmal 
Diener war, hatte diese Auffassung vom Kunsth&ndler keine 
Moglichkeit gehabt. Heute ist Athen, Florenz, der Papst, der 
Kaiser, der Kdnig — der erste beste, einer der zahllosen ersten 
besten. Darum st&nde es schlimm um eine Gesellschaft, die nur 
schlechte Kunsth&ndler hStte ; das Heil ihrer kiinstlerischen Seele 
w&re gef&hrdet. 

Man sieht schon, dass die Persdnlichkeit des Kunsth&ndlers 
sick nicht so einfach darstellt, wie man glauben konnte. Aus 
dem herrlichen Beispiel, das ich jetzt, eine schone und ergreifende 
Gelegenheit benutzend, vor Augen stellen mochte, soli jener 
Begriff seine voile Erg&nzung und Lebendigkeit erhalten. 

In diesen Tagen ist Durand- Ruel achtzig Jahre alt ge worden. 
Wiirde man die Geschichte der K&mpfe erz&hlen, die er fast 
sechzig Jahre lang durchgefochten hat, so kdnnte man zeigen, 
dass die heroischen Zeiten, mag man sagen, was man will, noch 
nicht verschwunden, und die Romane von Balzac nur zu glaub- 
haft wahr sind. Man sahe aus dieser Geschichte unter anderem 
die seltsame Tatsache, dass ein Kunsth&ndler fiir die Kiinstler, 
deren Sieg er sich als Ziel gesetzt hatte, leidet, in einer Zeit, 
da man in der Regel zwar Kiinstler d u r c h einen Kunst- 
h&ndler, niemals aber f ii r ihn leiden sah. Diese sechzig Jahre 
erg&ben das Defil6 so vieler beriihmt gewordener Werke, und 
man steht erstaunt vor dem Wunder einer H&ufung von Millionen, 
die^als Preis gezahlt wurden nach dem langen, miihseligen 
Kampfe, der um die bescheidensten Preise gefuhrt worden war. 
Auch Durand- Ruel selbst hatte diesen Wertzuwachs schwerlich 
im voraus berechnen konnen, so h&uftig kehrten manche dieser 
Bilder immer wieder in seine H&nde zuriick — und bekamen 
jedesmal einen neuen Wert und oft sogar eine neue Bedeutung. 
Denn es ist sonderbar: Kunstwerke, ganz wie Menschen, wechseln 
Charakter, Sprache und Ansehen, wenn sie den Ort wechseln. 
Und alle diese Schicksale, die Durand- Ruel lenkte, indem er 
fiir sie und fiir sich mit unglaublicher Hartn&ckigkeit k&mpfte, 
haben ihm schliesslich ein besonderes Gesicht gepr&gt, um ihn 
eine Atmosph&re gebildet, grundverschieden von der Erscheinung 
und der Radioaktivitdt der anderen Kunsthkndler. 

Um iibrigens die besondere Art dieses Mannes richtig einzu- 
schdtzen, muss man den Mann kennen und sich h&ufig und 
zwanglos mit ihm unterhalten haben. Vor allem: Er ist die 
Einfachheit selbst. Keine von den grossen Pariser Beriihmtheiten 



Durand-Ruel 



117 



ist leichter zuganglich. Ihn findet, wer es will, zu jeder Stunde 
Rue Laffitte, in seinem Salon, durch dessen Tur alljahrlich Tau- 
sende von Neugierigen, Kiinstlern, Liebhabern, gleichgultigen 
Reisenden treten. Man sieht einen mittelgrossen Mann sich er- 
heben und herankommen; ein voiles, rasiertes Gesicht, kurze, 
weisse Haare, ein Schnurrbart wie eine Biirste. Struppige Augen- 
brauen umrahmen Augen von dusserster Lebhaftigkeit, bald ernst 
und fragend, bald spriihend von Witz und Malice. Die Stimme 
ein wenig verschleiert, aber fest, die Sprache klar. Sanfte und 
liebenswiirdige Manieren, die Hande auf dem Rucken, den Kopf 
ein wenig nach vorn geneigt und leicht seitwarts gebogen, um 
aufmerksamer dem Sprechenden folgen zu konnen. Haufige 
Ironie; wenig grosse Worte, keine grossen Phrasen; aber zum 
Ausgleich alle Zeichen einer beispiellosen Hartn&ckigkeit, eines 
Willens ohne Heftigkeit, der aber unbeugsam ist, lachelnd sein 
Ziel erreicht. So ist dieser kleine, weisse, schwarzgekleidete 
Mann, der nie ein ungiinstiges Urteil widerruft, und dennoch so 
angenehm zu plaudern und so gastfreundlich zu empfangen weiss. 

Ein verbreiteter Irrtum, den zu berichtigen die schbne Ge- 
legenheit gestattet, datiert Durand-Ruel und seine Originalitat 
von der Epoche des Impressionismus. Wenn er 1870 gestorben 
ware, so h&tte man ihn als den gluhendsten Verteidiger der Schule 
von 1830 betrachtet, und er ware ruiniert gestorben. W&re er 
1886 dahingegangen, so hatte er ebenso die Erinnerung an einen 
Mann hinterlassen, der sich ruiniert hatte, namlich fiir die 
Impressionisten, und das ware der ganze Unterschied gewesen — 
ein kapitaler Unterschied, nicht in der Wirkung, aber vom 
historischen Gesichtspunkt aus. 

Ein wesentlicher Zug dieses Lebens ist auch, dass es das 
Glied einer geschlossenen, konsequenten Dynastie darstellt und 
nicht etwa eine Karriere, die durch irgendeinen Gluckszufall 
in die Hohe getrieben wurde. Durand-Ruel ist der Nachfolger 
seines Vaters im selben Gesch&ft und seine Sohne, heute Mit- 
arbeiter, sollen seine Nachfolger werden. Es gibt dunkle Jahre 
in seiner Geschichte, nicht aber Zufalligkeiten. 

Der Vater unseres Kunsth&ndlers hatte 1825 ein Geschaft 
in der Rue St. Jacques; er verkaufte hauptsachlich Farben und 
Malger&te. Es ist nicht leicht, das Bild dieser Strasse und des 
Verkehrs, wie er sich damals in ihr abspielte, heute sich vorzu- 
stellen. Klar, breit und banal ist aus duster, eng und pittoresk 
von damals geworden. Ich erw&hnte vorhin den Namen Balzac. 
Seine Bucher muss man lesen, um sich vorstellen zu konnen, 
.wie diese ernsten, nuchternen, betriebsamen Geschafte aus- 
sahen, denen es an Kunden nicht fehlte und die jeden leeren 




1 18 Durand-Ruel 




Luxus verschmihten. Die Rue St. Jacques ist eine lange und 
bedeutungsvolle Strasse, die in gerader Linie von der Montagne 
de la science zur Basilique, wo sich die Kdnige salben liessen, 
liuft und unterwegs fur die verschiedensten Dinge Raum hat. 
Der Teil, von dem wir sprechen, war Nachbar jener Gegend, 
wo „Kunst gemacht“ wurde; das war besonders die lie St. Louis. 
Durand-Ruel Vater hatte also zunichst die Kiinstler nur zu 
bedienen, bevor er sie beschiitzte. Die Namen seiner Kiinstler 
waren Daubigny, Jules Dupr6, Daumier; ihre Freunde waren 
Corot, Rousseau und ein wiister biurischer Mann, welcher 
I. F. Millet hiess. Schon der Farbenhindler hatte gelegentlich 
die seltsame Laune, von diesen Anfangern einige Bilder zu kaufen, 
die jeder Zeitgenosse von jenem Geschmack, der sich nach dem 
akademischen Ruhm in Gegenwart und Zukunft richtet, ver- 

achtet hatte. 

* 

So erfuhr der Kunsthindler, dessen Geschichte wir schreiben, 
an dem v&terlichen Bei spiel, dass sein Beruf zu den undank- 
barsten und schwierigsten der Welt gehdrt. Er sorgte sich wenig 
darum, das gleiche Leben fiihren zu miissen wie seine Eltern, 
die er in unaufhdrlichen Aengsten um die Erfiillung geschaftlicher 
Verpflichtungen sah. Darum zwang ihn das Schicksal genau 
dasselbe zu tun und lange Zeit in den gleichen Noten zu leben. 
Er hatte zwar klar seine Absicht ausgesprochen, nicht linger 
so Geschiftsmann zu sein. Er hatte alle Studien vollendet, 
um in die Schule von Saint-Cyr einzutreten und war in sie mit 
ausgezeichneten Noten zugelassen worden; da verzogerte eine 
Bronchitis seinen Eintritt dort. Dieses Missgeschick, das mit 
einer neuen Krise des viter lichen Geschfiftes zusammenfiel, 
die schwankende Gesundheit seines Vaters, dringende Vor- 
stellungen sollten den jungen Mann bewegen, sich zu opfem — 
und schon war die Epaulette ein Traum, fern und entflohen. 
Ich liebe es sehr, mir den General auszumalen, der aus Durand- 
Ruel geworden wire; er wire gewiss eher ein waghalsiger Frei- 
williger in irgendeinem Feldzuge als ein taktisch besonnener 
sicherer Feldherr geworden. Er wire in irgendeiner plotzlichen 
Wallung losgegangen statt peinlich die Regeln des Generals 
Jo mini zu befolgen. Aber dann hitte er den Widerstand so schdn 
und ausdauernd gestaltet, dass er am guten Ende dort gesiegt 
hitte, wo alle Leute vom ,,Fach“ ihm nach der Regel 2x2=4 
die Niederlage prophezeit hitten. 

Dann bekam das Geschift der Rue St. Jaques eine Zweig- 
niederlassung in der Rue des Petits Champs, die spiter zum 
Hauptgeschift gemacht wurde. Dort ging zwar der Kleinhandel 
mit Malmaterial weiter, aber die schone unverkiufliche Malerei 



Durand-Ruel 




setzte ihre Invasion Ibrt. Besonders Millet verursachte grossen 
Schaden, aber die Verluste wurden heroisch ertragen. Durand- 
Ruel, Vater und Sohn, begannen leidenschaftlich diese Dinge 
zu lieben, die sie in Schulden stilrzten; sie liebten sie gerade 
wegen des Schadens, den sie verursachten. Sie liebten sie so 
sehr, dass nach dem Tode des Vaters (1865) der Sohn, der schon 
seit 1852 tats&chlich sein Nachtolger war, den Handel mit 
Farben und Pinseln vollst&ndig aufgab. Er siedelte 1866 nach 
der Rue de la Paix iiber, um sich dort in grbsserem Stil ruinieren 
zu konnen, in ein Viertel, das erst sp&ter das reichste Verkehrs- 
zentrum von Paris wurde. Und dort wollte er Bilder verkaufen, 
die erst sp&ter als die glorreichsten des Jahrhunderts erkannt 
wurden. 

Daher sagt heute Durand-Ruel mit l&chelndem SpOtt, der 
trotz des schliesslichen Erfolges nicht frei von Melancholie 
ist: „Ich bin im ganzen ein recht schlechter Kunsth&ndler ge- 
wesen, denn ich liebte, was ich verkaufte, und es gelang mir 
nicht, zu verkaufen, was ich liebte/* 

Noch schwieriger wurde die Ldsung des Problems, als er 
im Jahre 1869 bedeutende Au f wendungen machte, um sich in 
der Rue Lafitte niederzulassen. Die Ereignisse iiberstiirzten sich 
. ..Es handelte sich um ganz andere Landschaften als die von 
Corot . . Und mehr und mehr wuchs seine Ueberzeugung, dass 
der Beruf des Kunsth&ndlers der abscheulichste sei. Datum 



brachte er alles, was er von der „Schule von 1830** nicht verkauft 
hatte, — was er davon verkauft hatte, h&tte viel weniger Ratkm 
eingenommen — nach London. Er h&tte darin heute einen Wert 
von Millionen . . Dennoch glaubte man nicht, dass diese tragischen 
Fehlschl&ge seinen Apostelgeist niichterner gemacht h&tten. Er 
wurde im Gegenteii nur gliihender, gl&ubiger, z&her. Er benufzte 
diesen Aufenthalt in London, um neue Adepten fur unsere 
Schule zu gewinnen. Man kann sogar sagen, dank diesem 
Feldzug Durand- Ruels sind die Meister von 1830 in England 
grossenteils anerkannt worden. So gingen rasch zwanzig Jahre 
vorbei in K&mpfen, Sorgen, Hoffnungen und in unvollkommenen 
Siegen, die so kostspielig waren wie Niederlagen. 

Schon dieser erste Teil seines Lebens zeigt, dass unsere 
Balzac-Personlichkeit nicht ausschliesslich als der grosse Priester 
des Impressi onismus angesehen werden darf. Und Geduld! 
Schon bereiten sich neue K&mpfe vor. Uebrigens erkl&rt 
Durand-Ruel, dass noch zahlreicher als die Werke aus der 



sogenannten impressionistischen Schule, die ihm durch die 
H&nde gingen, die Werke der grossen Landschafter 



der ersten 



H&lfte des 19. Jahrhunderts waren, die von seinem Vater und 






1 



1 20 



Durand- Ruel 




ihm mit so viel Muhe gehandelt wurden. Man darf es ihm 
glauben. ... 

Als er nach Paris zuriickkehrte, war er in der rechten Ver- 
fassung, um mit Leidenschaft neue Gegenstande des Kampfes 
und der Sorge aufzunehmen. Die Gruppe von Claude Monet 
Renoir, Sisley, Pissarro, Piette, Caillebotte usw., ohne den weit 
und breit geschm&hten Edouard Manet zu z&hlen, begann die 
Zielscheibe alles Spottes mid alles Zornes zu werden. Man 
ging um zu lachen in die Ausstellungen der Rue Lafitte. Man 
bot bei Auktionen um die Wette, wer das billigste Werk 
dieser Verriickten kaufen konnte, man stellte die Maler neben 
die noch nicht vergessenen Communards. Zwischen 25 und 
75 Francs waren die Preise dieser Werke, die jetzt auf ganz andere 
Art die Kunstliebhaber toll machen. 

Durand- Ruel stiitzte diese gef&hrlichen Verwirrer der offent- 
licben Kunst; bei ihm fanden sie immer Aufnahme und Unter- 
stutzung. Er hatte fur sie immer ein l&chelndes Gesicht, sein 
sanftes Wort, seine liebenswiirdige Sprache, die ruhige Haltung. 
Und wenn er, um zuzuhoren, den Kopf zu ihnen neigte, wusste 
keiner was von den Tragodien der Verpflichtungen und seinem 
Heroismus alien Misserfolgen gegeniiber. Kaum dass man derlei 
ahnen konnte. Dieser Kampf dauerte weit mehr als zwanzig 
Jahre. Trotz der Begeisterung, die auch fur die neue Schule all- 
mfthlich wuchs, war ihr kuhner Kunsth&ndler, ihr bestallter, ihr 
symbolischer Kunsth&ndler, im Jahre 1886 vollst&ndig am Ende, 
ads er in Amerka das Haus grundete, dais ihm in Frankreich hellere 
Tage abzuwarten erlaubte. 

Man weiss, wie diese Tage geworden sind, wie die moderne 
Malerei vorwdrts geschritten ist. Der Rest der Geschichte ist ftir 
uns hier weniger interessant. Es sei denn, man miisste den gltick- 
lichen Jahren ein ganzes Buch widmen. Wir Menschen sind so, 
dass wir fur ein gliicklich erreichtes Ziel hochstens vage Aner- 
kennung ubrig haben, wahrend uns lebhafte Neugierde nach den 
kleinsten Einzelheiten der Kampfjahre fragen l&sst. Durand - 
Ruel ist im Hafen angekommen, im stolzen verehrungswurdigen 
Hafen des achtzigsten Jahres und des Triumphes der Meister, 
fiir die er so viel Noten getrotzt hat. 

Da es sich indessen hier um das Bild eines grossen Kunst- 
kaufmanns handelt, so muss auch an ein paar klaren Beispielen 
gezeigt werden, welcher Art die Schicksale jener Bilder waren, 
fiir die Durand-Ruel so viel Hingebung und Tapferkeit einsetzte. 

Die ,, Toilette" von Corot, heute der Glanz der Sammlung 
Madame Desfossds, wanderte lange Zeit auf Ausstellungen in 
Paris und in der Provinz umher. Corot konnte niemals den 



Z2Z 



Durand-Ruel 




Kaufer, von dem er tr&umte, finden, der ihm 1200 Franken zahlen 
sollte. Durand-Ruel machte an dem Tage, wo er das Bild fur 10 000 
Franken kaufte, einen der kiihnen Coups, fiber die eine gute 
Zahl seiner Kollegen mit den Schulten zu zucken pflegte. Erver- 
kaufte es dann um 50 000 Franks an die gegenw&rtige Besitzerin, 
der man jetzt schon 80 000 Franks vergeblich geboten hat. 

„ Sardanapale" von Delacroix, ein Meisterwerk, das vielleicht 
noch zu jung ist, um ganz gesch&tzt und begriffen zu werden, 
wurde von Durand-Ruel ftir 95 000 Franks erworben, von ihm 
verkauft — fiir 60 000! Ein Beispiel ftir lukrative Speku- 
lationen ( Durand- Ruels !) . Der englische Sammler Duncan, der 
es gekauft hatte, konnte es nicht behalten. Haro musste es 
schliesslich ftir 30 000 Franks verkaufen ! Aber welch erschtittero- 
des Urteil wird die Zukunft fiber dieses Geschick der kolossalen 
Symphonie sprechen! 

Die „ Source" von Renoir, die dem Maler zu einem damals 
aussergewohnlichen Preise, 1100 Franks, abgekauft worden war, 
ist vor kurzer Zeit vom Prinzen von Wagram ftir 70 000 Franks 
erworben worden. Die ,,Loge“ desselben Meisters wurde von 
einem Liebhaber in Nantes ftir 500 Franks gekauft ! Heute h&ngt 
sie in der Privatsammlung Durand- Ruels, der sich um keinen 
Preis von ihr trennen will. 

Einmal kaufte Durand-Ruel — dies war vielleicht seine 
gross te Tollheit — auf einen Schlag von Manet 30 Bilder ftir 
50 000 Franks. Dies stellt heute nicht einmal den Wert eines 
einzigen dar. Aber alle, Oder fast alle, waren in alle Welt- 
gegenden zerstreut, be vor sie die phantastischen Preise erreichten, 
die man ihnen heute zuerkennt. Damals wurde dieser Kauf von 
den Ktinstlern und den . . . Kennern mit stumpfsinniger Ver- 
bltiffung aufgenommen, mit Dankbarkeit von Manet, mit Angst 
von Durand-Ruel. 

Ich habe in diesem Artikel, der schon so lang und doch noch 
zu summarisch ist, noch nicht gesagt, dass Durand-Ruel sich auch 
der a 1 1 e n Meister annahm, sobald er missachtete Werke der 
Grdssten verkannt fand. 

Er kaufte Goyas zu einer Zeit, wo sie nicht so viel kosteten, 
wie die Corots, als noch nicht einmal die Corots sich verkauften. 
Er kaufte Bilder von El Greco, als man den Namen dieses Malers 
nur als den eines Narren kannte. Es ist noch nicht so viel Jahre 
her, dass man Rembrandt mit einigem Misstrauen betrachtete. 
Charles Blanc nannte ihn Paul Rembrandt und gab ihm 
Lehren, wie er zu zeichnen h&tte. Die akademischen Kritiker 
machten auhxierksam auf das, was sie seine Vulgarit&t 
nannten, und wussten ein authentisches Bild des Malers, „Die 



iaa 





Dursnd-Ruel 




J linger von Enunius“ nicht zu unterscheiden von einetn mittei- 
m&ssigen Gerad Dow oder plumpen Nicolas MaSs, die ihn nach- 
ftfften. Und dies sind noch nicht allzu arge Beispiele solcher 
Konfusionl). Durand- Ruel kaufte den , , David vor Saul“ fur 
12 500 Franks! Die Autorit&ten erkl&rten, das sei gar kein Rem- 
brandt. Sp&ter kam er zu Durand- Ruel zuriick, der ihn diesmal 
fur 140 000 Franks wiederkaufte. Schliesslich erwarb ihn der 
bekannte holl&ndische M&zen Dr. Brddiu fur 200 000 Franks 

j 

und lieh ihn dem Museum im Haag, wo er alles so beherrscht, dass 
man seinem Besitzer schon vergeblich z 200 000 Franks geboten 
hat. Die Folge war, dass dieselben Autorit&ten verkiinden , es 
sei einer der schdnsten Rembrandts, die sie kennen, und dazu 
einer der authentischesten ! 

^1 ■ , 

Alle diese Zuge runden unser Bild Durand- Ruels ab, wie auch 
den Begriff, den wir zu An fang vom guten modernen Kunst- 
h&ndler geben wollten. 

Der ist ein Mann, der durch seine Entschlossenheit, seine 
Z&higkeit, sein richtiges Gefiihl fiir schone Dinge auf den Ge- 
schmack seiner Epoche einen Einfluss hat, der parallel einhergeht 
neben der Wirkung der uneigenniitzigen und weitsichtigen 
Kritik. Ein Mann, der vom strengen Standpunkt kommerzieller 
Aesthetik als ein schlechter Kaufmann angesehen wird bis zu dem 
Augenblick, wo der so lange Zeit zweifelhafte Sieg aus ihm einen 
der bedeutendsten Kaufleute seiner Zeit macht. Ein Mann, der in 
jedem Augenblick bereit war, sich zu ruinieren, und jetzt es armen 
Kiinstlern moglich macht, viel Geld zu verdienen, als wSren sie 
— schlechte Maler. 



* 



Maims ,,Schauspielerin“ 





Manns „Schauspielerin“ 

Von ERNST BLASS 

Ein etwa Zwanzigj&hriger ist in 
dem Sprecher dieser Worte zu grussea. 

% 

Die Menschennatur ist ewig-schauspielerisch. Zugleich aber 
hat sie einen ewigen Trieb zur Wahrheit. Dieser Trieb bleibt 
unbefriedigt, weil das Schauspielerische im Menschen drinliegt. 
Die Unbefriedigtheit des (ebenfalls im Menschen drinliegenden) 
Wahrheitsdrangs verhindert ein Gluck des Liigens . . . 

Nein; Max Brods Nornepygge erh&ngte sich, weil er auf- 
richtig war — und sich nach anderer Leute ihren Enthusiasmen 
(Verlogenheiten, Dummheiten) sehnte. Weil er an seiner Seelen- 
erweiterung litt — statt auf sie stolz zu sein. Das Grundubel der 
Menschennatur: dass einem das, was man hat, langweilig und 
verachtlich wird. 

Heinrich Manns Leonie schauspielert andauemd und mochte 
gem gegen sich wahr sein. Sie ist gegen sich wahr genug, zuzu- 
geben, dass sie schauspielert. Aber sie kann nicht aus ihrer Haut. 
(Der Mensch 1 e b t nicht sein Leben, er s p i e 1 1 es, meint Mann.) 
Leonie fiihlt, dass sie immer Komddie spielt — und sehnt sich 
zu leben. Sie kann nicht aus ihrer Haut. Aber verbessert 
sie ihre Situation, wenn sie schliesslich Gift nimmt ? 

Erst Todesn&he l&sst diese Menschen aus ihrer Haut fahren. 

* * 

♦ 

Vorher 1 enkt die Neigung zum Komodiespielen diese Menschen 
vom Hauptpunkt ab: vom Leben. Sie berechnen ihre Glticks- 
chancen nicht, sondern lassen sich durch Nebentatbestfinde, 
Phantomhaftes, Dummes in Anspruch nehmen, triiben, be- 
drucken. Einer weiss (vorher) nicht genau, ob er den andern liebt. 
Auf einen andern wirken Familieneinfliisse trubend. Ein andrer 




Manns „ Schauspielerin** 



weiss genau, er will Leonie besitzen. Trotzdem will er sich 
duellieren. Wenn er nun getotet wird, kann er sie doch nicht mehr 
besitzen. Bagatellische Skrupel, doch auch Blutkr&mpfe verderben 
ein (womdgliches) Gliick. 

Als das Duell nah ist, wird es von Leonie verhindert. Es soil 
nicht Koraodie gespielt werden. Also jetzt wird die Rettung 
kommen. 

Jetzt ist die Todesgefahr beseitigt: das Leben wird nun 
kliiger gefiihrt werden. Im Gegenteil: Lxigen, Phantome er- 
wachen wieder. Das Leben wird wieder Komodie. Leonie wird 
das so widerw&rtig, dass sie Gift nimmt. 

Dies der Sinn der (im einzelnen nicht genug wesentlichen) 
Handlung. 

♦ * 

* 

Dieser Sinn muss bald erraten werden, bald ist er in Bausch 
und Bogen symbolisiert. Ein Merkmal an Stiicken , die im 

Krampf geschrieben sind. Die Unechtheit ist so qualvoll gefuhlt, 

* 

Haas ihr Darsteller sich zu Symbolen, Unechtheiten der Dar- 

stellung, Ubertreibungen hinreissen lasst. 

Dichter, Menschen, die etwas durchgemacht haben, neigen 
beim Schaffen dann zu Cbertreibungen, weil sie etwas hinhetzen. 

Etwa: Leonie ist gleich Schauspielerin von Beruf, symbolisch. 
Oder ein abgetakelter Schauspieler sagt, er wolle, seinen Ruhm 
zu emeuem, das Land anrufen. Eine Schauspielerin weint erst 
sehr — und lacht dann wieder bald. Leonie schreit ihre Qual 
heraus; ein Schauspieler denkt, das sei eine Rolle, und antwortet 
in Schmierenstichworten. 

Es wirkt als Annonce dessen, was der Dichter hat zeigen 
wollen. Als etwas, das nicht ausgefiihrt und darum iibertrieben 
worden ist. 

Dichter in Kr&mpfen neigen zu Ubertreibungen. 

* a 

* 

Auf diesem iibertriebenen, hingehetzten Stuck liegt dennocb 
viel von der Gewalt andrer Heinrich-Mann-Werke. Etwas vom 



Manns „ Schauspielerin** 



125 



aussersten Vorschreiten, vom Sich-Abqu&len hetzt durch diese 
aufgeregte, zuckende Psychologic. Um Gliickschancen fiir 
Menschen ohne tierischen Bewusstheitsmangel wird gerungen. 
Heinrich Mann bestreitet das Vorhandensein von solchen fur 
solche — und lasst seine Heldin Gift nehmen. 



* * 

* 

Ich mbchte folgendes noch bemerken diirfen. Liesse sich nun 
nicht ein Leben vorstellen, derart , dass immer die Todesmoglich- 
keit beriicksichtigt bleibt und das unter diesen Umst&nden Kliigste 
getan wird? Warum sagt man nicht: Selbst zugegeben, dass ich 
Schauspieler, dass ich meiner Natur nach stets im Dunkeln, 
Unwahren bleiben muss, ist nicht dennoch in diesem durchaus 
deprimierenden Zustand immer noch mehr Luft, immer noch 
etwas mehr Gliick, als im Tod? 

Heinrich Mann gab das Leben einer Einzelperson, die an einem 
Daseinskrampf stirbt. Aber der Fall liegt, objektiv, nicht ganz 
unheilbar. 

♦ # 

* 



Leonie hat aber fiir einen Einzelmenschen nicht genug Einzel- 
ziige, nicht genug erschiitternde Menschenziige. Es bleibt ein 
etwas linearer Daseinskrampf, der mich als Symbol nicht so er- 
schfittert, wiel ich ihn fiir heilbar halte. 



Es bleibt der Eindruck von etwas ausserst Vorgeschrittnem — 
nur wenige (phlegmatischere) Menschen sind noch vorge- 
schrittner. 



Es bleibt der Eindruck von einem Sich-Abqualen. Nicht im 
Gestalten, sondern im Erleben. 





Appell an ehrliebende Theater direktoren 




Appell an ehrliebende 
Theaterdirektoren 

Unser Gesichtsfeld ist von den Leichen toter Dichter verstellt. Die 
Tantiimenfreiheit ihrer Werke ruiniert unsere Literatur. Ihre gesicherte 
Genialit&t reisst alle Begeisterung an sich. Bald wird Rotfeuer und Jubel- 
hymnus die Statue des toten Kleist umbrausen — der an der Unempfind- 
lichkeit der gleichen B&uche eingegangen ist, die noch heut an unsern 
Besten nach dem Metropoltheater vorbeigrinsen. Mit ironischer Verach- 
tung hat das vor ein paar Tagen Frank Wedekind festgestellt. Aber das 
Publikum soil kein Vorwurf treffen : seine Entwicklungstr&gheit realisiert 
vielleicht ein historisches Prinzip. Es erwartet das Signal seiner Ffihrer. 
Es lauert auf die Begeisterung prominenter Personlichkeiten. Aber die 
prominenten Zeitgenossen entdecken Seelen- und Zeitverwandschaiten 
mit Kunstlem, deren modemer Kadaver gegen ihre Courtoisie sehr gleich- 
gfiltig ist. Wenn man es doch in ihre Sch&del hineinh&mmem kdnnte, 
es weit unwichtiger ist, den toten Kleist zu besingen, als*ihre Theater, 
ihre Journale den Lebenden zu dffnen. Aber ihr behender Kick gfeitet 
kunstvoll an allem vorbei, was nicht in den freundlich-milden Far ben 
ihrer geistigen Genilgsamkeit strahlt. Selbst wenn ihr Blick auf einen 
Bedeutenderen fillt : man spflrt es nicht. Was sie berOhren, nimmt ihr 
Format an. Arger und Verachtung lassen es zu einem Protest nicht 
kommen. Aber eines Tages explodiert der friedfertigste Mensch. Man 
steigert sienen Tonfall. Man pfeift auf Skepsis, Ironie und moderne Er- 
rungenschaften. Man verl&sst sich auf seine Lungenkraft, um auf irgend- 
einen der wenigen grossen Kiinstler hinzuweisen, die hinter einem Vorder- 
grund von schreibfertigen Dilettanten kaum sichtbar werden. Und so 
soli hier von Else Lasker- Schfiler gesprochen werden. 

Else Lasker- Schfiler hat ein Drama geschrieben — licherlich : sie hat 
ein Drama aus sich herausgestossen, das an elementarer Kraft, an leiden- 
schaftlicher Wucht der Vorg&nge, an tief aufwGhlender Menschlichkeit 
sich stolz uber diese Zeit erhebt. (Seit drei Jahren ist „Die Wupper" 
jedem Leser zug&nglich : und ich kenne nicht drei der kQnstlerisch Akkre- 
ditierten, die offentlich ihrer Anteilnahme Ausdruck gegeben haben.) 
Man atmet in einer anderen Atmosphere. Vorgdnge, die wie lichte Schleier 
auf einer dunklen Flache phosphoreszieren, verhaken sich in abgrhndigste 
Tiefen, holen das Blutigste, Geheimste, Grauenhaf teste herauf, was 
europaische Kultur miihsam verbirgt Diese Geschopfe haben nichts 
Menschliches als ihr Antlitz: Urkr&fte, Mythen werden in Bewegung 
gesetzt — Anprfille und KSmpfe von einer wilden Urweltlichkeit rasen 
aufeinander, gegen die unsere verbotenste Literatur hdflich verblasst 
Eine Jahrmarktsszene mit der grellen Pappdekoration einer ldndlichen 
Kirchweih : und plotzlich offnet sich ein Hexenkessel voll strahlendster 
Flammen, voll infemalischer Glut, der alles in sich einschlingt, einsaugt, 
hineinfrisst — dass nichts bleibt als das schaudemde HautgefQhl dieser 
wfltenden titanischen Wdrme. Dann wieder schwermutige Idyllen, 
schaurige Nachtszenen, in denen Kl&nge und Lichter wirr aufblitzen, 
Qppige Landschaften, die ein brennend roter Himmel verklfirt : und 
zwischem allem fliesst trdge und blauschwarz die Wupper, ein dumpies 
Symbol des Volkes, das drohend und gespenstisch in das Leben hineinragt. 



127 



Appell an ehrliebende Theaterdirektoren 



Die Augen dieses Dichters scheinen ffir die ftussere Welt erblindet zu sein : 
aber a us heissen Quellen stromt lebendigstes Blut des Lebens in diese 
Gestalten, deren Schatten tief in den Abgrfinden der Visionen gespenstern 
— gestaltet mit einer nachtwandlerischen Sicherheit, die klaren Fusses 
auf dem schmalen Grat schreitet, der Sein und Nicht- Sein streng imd 
unfiberbrQckbar scheidet. Und dieses Werk steigert sich zu einem Schluss 
▼on dem spirituellsten, eisigsten Schauder, den dieser Jahre fragwtirdige 
D&monie an den Strand geworfen hat. Und was ist das Sichtbare ? Im 
Nachtwind schiittet ein halbkindischer Greis einen Krug Wasser hinter 
drei seltsamen Wandrem her. Wundervolle Grfisse dieser kunstlerischen 
Kraft, die aus solchem Bild Geffihle von einer Schwingungsweite ent- 
bindet, vor deren Feuer alle europfiische Haltung panisch zerschmilzt. 
(Man sagt, dass ein zeitgenbssischer Dramaturg dieses Drama als „natura- 
listisch“ zuruckgewiesen habe. Niveau der leitenden Theaterkreise.) 

* . • 

* 

Aber das Niveau ist furchtbar gleichgfiltig. Wenn „Die Wupper“ nur 
eine Bfihne findet. Keine falsche Bescheidenheit, meine Herren : ich 
weiss, dass ein Direktor Werke mit grosstem Erfolg aufffihrt, die er 
notorisch nicht versteht. Pflicht des Kritikers ist es, die Meinung der 
bfirgerlichen Zeitgenossen zu demolieren, dass die kunstlerische Sch&tzung 
sozusagen von der AnciennitSt abhlngt. Dass sie erst durch den seligen 
ffingang des Kuns tiers legitimiert wird. Seit zehn Jahren schreibt diese 
Frau Verse : ein paar kultivierte Menschen haben sich daffir eingesetzt : 
in Berlin, in Wien. Ganz vertrottelte Pfahlbfirger haben sich fiber Ent- 
gleisungen, die bei einem formlosen und genial en Menschen selbst- 
verst&ndlich sind, ausffihrlich lustig gemacht. Es sind die, die noch heut 
Shakespeares Wildheiten entschuldigen. Es sind die, die van Googh als 
irren Schmierer misstrauisch beriechen und ffir jeden vergreisten Jubi- 
llumskfinstler die stille Trine der Erinnerung bereit haben. Es sind die, 
die vor allem erst einmal den beglaubigten Hungertod des Dichters ab~ 
warten. Es sind die — aber es ist ja so viel wichtiger, von den Versen 
Else Lasker- Schfilers zu sprechen. 

* « * 

Ihre Verse strahlen etwas unerhort Vergeistigendes aus. Man ffihlt das 
innere Ausstrdmen eines begnadeten, wie im Traum verkllrten Menschen: 
Bilder, Formen, Landschaften — wie in dunklen Gewlssem spiegelt es sich 
in ihrem Bewusstsein. Ihrem Schoss entringen sich mild leuchtende 
Atherstrome: Stemenfall sinkt in ihr Blut. Die keuscheste, sanfteste 
Bewegung llsst spannungserffillte Welten explodieren. Das zarte Vorw&rts- 
schreiten eines Gedankens: und riesige Stemenkreise erstarren, Glut 
etkaltet, Feuer sttirzen brausend zusammen. Das Herz glfiht rubinfarben 
im selig leuchtenden Leib. Nun bewegt es die Gewalt des Eros, der das 
Herz in krystallinischer Glut zerschmilzt: Wenn du mich ansiehst, wird 
mein Herz sfiss. Physiologische Erlebnisse verdimsten in einem un- 
geheuren, schwankenden Bildkreis, der voll vom Spiel der Gesichte ist. 
Seligkeiten des Vergehens: sfiss erschlaffende Meerf instemis, wenn grfin- 
leuchtende Wogen den Tr lumen den fiberfluten. Mein Herz geht unter 
Ich weiss nicht wo. Sturmvoll erwacht die Sehnsucht nach fremden 
Kontinenten: man ffihlt die Seele der Abenteurer, das mi exotischen 
Gestaden ganz schimmemd gewordene Blut. Der kfilteste, skeptischste 
Sterbliche wird einen Heimatss chmerz achten, so banal ihm das Objekt 



Appell an ehrliebende Theaterdirektoren 



128 



erscheinen mag,, wenn ihn Rhythmen zart wie fein zerteilte Strahlen 
berflhren: „Ich fe*nn die Sprache dieses kfihlen Landes nicht, Und seinen 
Schritt nicht gehn. Auch die Wolken, die vorfiberziehn, Weiss ich nicht 
zu deuten/ * Sehnsucht und aulschwellende Geffihlsseligkeit verschmelzen 
in dem Gewebe des Tibetteppichs, dessen symbolische Tiefe die farben- 
volle Herrlichkeit eines ganzen Lebenstraums birgt: die hellen Gestade 
des Meers und das Frfihrot der Sonne. Und dann die Fremdheit des 
Wandrers: das Erstarren vor der Welt zu hieratischer M&chtigkeit versteint 
im „Weltende.“ Das Metaphysische scheint in feierlicher Unnahbarkeit 
abgebildet — nicht geringer als sich die katholische Minne in der rosa 
mystica Dantes spiegelt. E ms ter, gewal tiger, reiner stand nie ein Mystiker 
dieser L&ufte vor der Welt: und wenn William Blake der neuen Zeit nicht 
das PhSnomen des mystischen Menschen in lichtester Geistigkeit dargestellt 
h&tte : so wtisste ich aus dem literarischen Bestand dreier Jahrhunderte 
nichts zu nennen, was dieser Grosse nahe kommt. (Exkurs fiber (he 
Mystik: Mystik ist nicht Versumpf ung, gestaltlose Morastigkeit des Geistes, 
wie jene von Nietzsche berufene „ungeistige, dumpfe Mystik neuerer 
Deutscher' ‘ , sie ist lichteste Heiterkeit, durchsichtigste Form, von einer 
ergreifenden, freimdlichen Eindringlichkeit. So wie es Brentano, ge- 
niesserisch noch in der Bittemis der Schmerzen, am Lager der Katharina 
Emmerich niederschreibt: ,,Ich habe Dinge an ihr erlebt, die, wenn ich sie 
niedergeschrieben lise, mich tief erschfittera wfirden, die aber, von ihr 
ausgehend, mir nur freudig rfihrend waren.“ Die Aura einer verkUrten 
menschlichen Sehnsucht.) Ich wfisste nichts zu nennen, was ihr nahe 
kommt. Und wie bei den seligen Frauen des Mitt el alters, wie bei alien 
schmerzhaft an dem metaphysischen Eros leidenden Frauen steigert 
sich die Sehnsucht zu dem gewaltigen Geffihl eines seligen Anschwellens 
-einer heiligen Schwangerschaft, die stillen Lfichelns die Welt aus ihrem 
Blut entbindet und in ganz schwebend vergeistigen Versen Form und 

Mass findet. 

Leise schwimmt der Mond durch mein Blut . . . 

Schlummemde Tone sind die Augen des Tages 

Wandelhin — taumelher — 

Ich kann deine Lippen nicht finden . . . 

Wo bist du feme Stadt 

Mit deinen segnenden Dfiften? 

Immer senken sich meine Lider 

Uber die Welt — alles schl&ft. 

• * 

* 

An die Direktoren. Es wird nicht unterlassen werden, die Herren 
Theaterdirektoren zu erinnera, dass ein kfinstlerisches Theater keine 
Altersversorgung ist : sondera ein GeschSft ffir Abenteurer, ffir Wage- 
mutige, die vor der Mdglichkeit einer materiellen Schlappe nicht in die 
Ecke kriechen. Hundert Auffuhrungen von Schonherr, uberseeische 
Ausflfige mit Sumurun legen Verpflichtungen auf. Aber lieber ein Dutzend 
emster und heitrer Possen tausendmal herausschleudem : als einem 
genialen Menschen die Bfihne zu verschliessen, weil ein Dramaturg miss- 
trauisch auf das Publikum schielt RUDOLF KURTZ 




Legende - Essen 229- 




Legende 



Von RUDOLF LEONHARD 

( Strausber g) 



Es ist bekannt, dass einer von den J linger n, als Jesus mit 
ihnen von Kana nach Tiberias am See Genezareth ging und es 
ein heisser, schwerer Tag war, einen schwarzen Hund am 
Boden liegen sab, mager und struppig, den die Riude getotet 
hatte. Es ist bekannt, dass er ihn den andern wies und sie unter- 



einander sprachen: Seht, was fiir ein h&ssliches Tier! 



und 



Simon von Kana den Fuss nacb seinem Korper stiess. Und 
dass der Herr sagte: er bat schdne blanke Z&hne, sich biickte 
und mit den Fingern uber die blutige, abgestossene Schnauze 
stricb. 

Am Abend aber, als die Winde leise gingen und der Meister 
einsam sass und auf das uralte Lied des Dunkels horcbte, trat 
Jakobus zu ihm, des Zebed&us Sohn, sab ihn fest an und fragte: 
Meister, der Hund heut am Wege — ekelte dich nicbt 
schmutziges Fell ? Da kam langsam eine heisse Rote unter Jesu 
br&unliche Wangenhaut, sein Gesicbt bewegte sich nicbt. Und 
sehr leise sagte er : Ja! 



setn 



Essen 

Von ROBERT WALSER 

Kalbsfricandeau ist etwas Furchtbares. Boeuf & la mode 
ist schrecklich. K&se zu Tee ist herrlich. Es gibt Leute, die gem 
Bralkartoffeln mit K&se zusammen essen. Maccaroni ? Sie sind 
mein Leibessen. Aber sie miissen ganz mit Kfiseduft durchtr&nkt 
sein. Der K&se muss da triefen. Eine Kuche interessiert mich 
eigentlich sehr, und es ist wahrscheinlich ein Koch oder Kuchen- 
chef an mir verloren gegangen. Ich wiirde da gedichtet haben, 
viel besser und viel wohlschmeckender wie mit der kalten spitzigen 
Stahlfeder. Ich wtirde einen Herzog haben zufriedenstellen 
kfinnen. 

Warum bin ich eigentlich so stark eingenommen furs Essen ? 
Leute essen sehen ist ftir mich ein Genuss. Wie hubsch 
Katzen iirbigens Milch lecken. Meine Katze hat immer mit mir 
zusammen aus einem Teller gegessen. Sie hat mir die besten 



•i 




130 




Bissen mit ihrer schwarzen Pfote vor der Nase weggenommen. 
Wehren konnte ich es ihr nicht; es war mir unmoglich, sie fur 
ihre Ungezogenheit zu bestraien. Pferde fressen auf eine sehr 
liebe Art. Wie mancher Mensch isst viel weniger schon. Meine 
Gedanken fiihren mich auf echte Kieler Sprotten. Als ich zum 
erstenraal Sprotten ass, befand ich mich wie im Himznel. Heute 
stehen sie bei mir ziemlich tief im Kurs. Roher Schinken ist 
immer ein gesundes Essen, gekochter ist zu schlupfrig. Auf 
Sussigkeiten bin ich nicht erpicht, jedoch auf gestrichenes Oder 
geschmiertes Brot ohne Beilage. Aber es muss Landbrot sein. 
Stadtbrot ist zu oberfl&chlich gebacken; es hat meist keinen 
Charakter. 

Fiir ganze Mittagessen, namentlich wenn sie stilvoli serviert 
werden, kann ich schw&rmen. Aber gottlich ist es, in. einer 
einfachen Budicke einen Brathering zu sich zu nehmen. WUrste, 
wie Bockwiirste, Bierwurste, Wienerwiirste schlagen zu sehr 
ab und stossen zu sehr auf. Man fuhlt sich vergrobert. So 
etwas soil man vermeiden. Knusprigen Rinderbraten kann man 
mir dagegen jeden Augenblick in den Mund stecken und zu 
verzehren geben; er soil nur gehorig mit Speck gespickt und Ton 
Sauce umschwommen sein. Bisweilen genehmige ich auch ganz 
gem Salzkartoffeln. Wer eine Kartoffel so zu kochen versteht, 
dass sie eine lockende Nahrung fiir sich darstellt, beweist, dass 
er Sinn fiir die Kochkunst hat. Diese Kunst hat ja nun ihre 
Gipfel, ihre Lorbeerblatter, wie jede. 

Von den Gipfelstiicken und Kronjuwelen dieser Kunst zu 
reden, wiirde mir schwerlich gliicken , da ich bis zum heutigen 
Tage ein armer Mann geblieben bin und infolgedessen wenig oder 
keine Gelegenheit habe, zu essen, was Wiirdentr&ger und Staats- 
mdnner versorgen. Ich esse und Tertilge ungefahr das, was die 
Menge herunterwiirgt. Doch was habe ich da von Wiirgen und 
Stopfen zu reden. Ein Stuck richtiger Schweinebraten ist und 
bleibt ein ehrliches Essen. Was das Volk isst, kann ich eben- 
falls essen, wie z. B. Sulze. Sulze schmeckt ganz vortrefflich. 
Ich finde zwar auch Fasan ganz gut, aber eine Linsensuppe ist 
mir lieber. 




Vive la bagatelle I 

Swift 



Da sich zwischen uns Meinungsverschiedenheiten heraus- 
gestellt haben , sind wir iibereingekonunen, unser Teilhaber- 
verh&ltnis dahin zu ldsen, dass Paul Cassirer der alleinige Inhaber 
des Untemehmens bleibt und Alfred Kerr zu anderer T&tigkeit 
ausscheidet. 

PAUL CASSIRER. ALFRED KERR 



CODA 



Allen Muhmen, alien Vettern 

Einen Gruss aus diesen Blattern. 
Allen Vettern, alien Muhmen 

Abschiedswflrste, Abschiedsblumen. 

Freundlich in der Lebensbahn 
War die WQrgsamkeit im Pan. 
Junge Dichter j unger Strophen 
Sind in Hoffnung mitgeloofen. 



Und zuerst ward und zuletzt 
Radikales hochgeschStzt. 

Dabei bleibt’s, bald spurt Ihr’s femer — 
Und ich schwor’s wie Theodor Komer. 



Schon ist’s, mit verh&ngten Ziigeln 
Reiten und sich rumzuprligeln. 

Jede Tatkraft wird ver hunzt 

Durch BeschSftigung mit Kunst 

Mit dem Stuhlbein, mit der Pike 
Kriegt ein Dasein erst Musike — 

(Sagt sich, wer gen Morgen reist 

Und das Auge rUckwSrts schmeisst). 

Manches blonde Herz erobert 

Hat von hier aus Gustav Flaubert. 

Bethmann Holzweg schlechter dings 
Horte hell den Ruf nach links. 




132 



Und die Komik von Prozessen 1 
Bahnverbot nicht zu vergessen. 

Reinhardt, Kitsch und Pollezei. 

Sittenruger ziehn vorbei. 

Mancher Mann in manchen Tagen 
Lernte leiden, ohne zu . . . klagen. 

Allen Vettern, alien Muhmen 

Abschiedswurste, Abschiedsblumen. 

Meine Gegner sollen platzen 

Und verrecken wie die Katzen. 

Doch der Freunde winziger Haufen, 

Zwolfmal taglich Nektar saufen. 

. . . Und wenn ich den Sinn versenke 
In mein Herz was es wohl denke, 

Spricht es, wenn ich recht versteh’ : 

„Qu’est-ce qu’elle en dira ? Qui sait ?“ . . . 

Kerr 



Alls Sendungen slnd zu adressieren 
Berlin W.10, Viktoriastrasse5. 

Fiir Unverlangtes keine Burgschaft. 

Alfred Kerr (zu Grunewald) zeichnet verantwortlich fur diese Hummer. 
Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. 









*33 



Reichstag 



Rcichstd^ 

Von HEINRICH MANN 

fc 

* • 

Da bis auf kurze Zwischenfalle den ganzen Tag nur der Ab- 
geordnete Erzberger redet, ist das Zentrum vollauf beschiftigt. 
Es lacht, wo immer es einen Witz argwohnt. So oft no tig, inszeniert 
es dumpfes Entriistungsge po Iter . Und immer ist es zur Stelle, wenn 
▼on links ein Zwischenruf droht: dann schnappteszu, mit Stimmen, 
wie fette Hande, die abwehren, wenn eine Fliege ins Bier fillt. Denn 
den christkatholischen Gesassen, . die sich vor diesen Tischen auf- 
tiinnen, fehlt wirklich, um sie heimisch zu machen wie in ihrer 
Dorfschenke, nnr noch der Masskrug. Manchmal schleppt einer 
seinen Bauch hinaus : ein Geistlicher. Er heisst Geistlicher, 
weil, was er vertritt, vor tausend Jahren wirklich Geist war. Heute 
ist es die er starr teste , dumpfeste Materie, wie sein Gesicht: dies 
Gesicht von engstirniger Bestialitat, zwinkernder Frechheit, stierer 
Verachtung aller Menschlichkeit, alles besseren Wollens, aller 
Hoffnungen auf spiter . . . Aber hier, unter den VierhUndert, 
die die Nation selbst sind, fullt er die breite Mitte ; sein BeaUf- 
tragter Erzberger redet tagelang. 

Er redet unabanderlich vom Rednerpult aus, denn er muss 
seine Akten ausbreiten konnen. Er ist ein Aktuar, mit weichem 
Jackettanzug, breiter schwarzer Kra watte, die staatsmdnnische 
Ambitionen verr&t, und mit einer trbckenen Knarrstimme, die 
gar nichts ▼err&t. Er ist der subalterne Ehrgeiz, der keine Geste 
hat, denn die H&nde sind immer in den Akten ; der einfach 
arbeitsam ausfiihrt, was im geistlichen Rat beschlossen ward f 
und dessen kiihnster Traum erledigt wire, wenn er eines Tages 
bei Hochkonjunktur als Marionette, mit Fiden an alien Glied" 
massen, auf irgend einen diirftigen Regierungsposten gesenkt 
werden wiirde. > 

Dann und wann betritt, die Hinde in den Hosentaschen, ein 
Konservativer den Saal und iiberzeugt sich, dass der Erzberger 
die Sache machc. Er macht sie. Nach dem gestrigen Zusammen- 
stoss mit dem Reichskanzler, wobei Wahlgeheimnisse platzten, 
ist Mafokko gefahrlich geworden und - man mogelt es besser in 
eine Sozialistendebatte um. Von Dreckwitz ruft : „Hort, hbrt 1“ 
— - aber er selbst kehrt lieber zu den Freunden ins Foyer zuriick, . 
auf das rote Sofa, wo sie sich, die Glabzen Zwischen den Schultem , . 

to 



Reichstag 



134 



so tief einsenken, wie nur des Nachts in die Polster des Palais 
de danse. Schmunzeln um die funkelnd schwarzen Schnurrbarte, 
plaudert man von den kleinen Freuden des Augenblicks, von den 
Sorgen der Zeit, — und wieviel edler gen&hrt als an den geistlichen 
Freunden glfinzt in diesen Mienen der Speck I Nun geht ein 
L&cheln dariiber, denn jemand hat sich die Saaltiir dffnen lassen, 
man sieht drinnen die Proleten sich abarbeiten. Dies L&cheln I 
Es sagt : „Komodie 1 Indes ihr schwatzt, ist das Geschaft l&ngst 
fertig.“ Es sagt : M Komodie 1 Ihr alle seid Objekte der Gesetz- 
gebung, die Subjekte sitzen hier.“ Es sagt : „Ein Leutnant mit 
zehn Mann.** Es ist ein L&cheln von Holofernes bis Dschingiskhan. 
Es ist das Wulstl&cheln aller Schweine der Weltgeschichte : 
alter Herrenschweine. 

Von Dreckwitz hat „ Bravo !** gerufen, weil der Redner die 
rote Bande nicht tibel anhaucht ; aber er beh&It den Mund of fen, 
denn der Redner ist nicht mehr Erzberger. Einer der Zwischen- 
f&lle ist eingetreten, die zwei Reden des Erzberger miteinander ver- 
binden, und droben steht ein Freisinniger und beweist den Sozial- 
demokraten, dass sie beim Ausbruch eines Krieges gestreikt 
haben wtirden. Er ist sichtlich iiberzeugt, dass er heute gar nichts 
Besseres tun kdnnte. Die Ironie rechts sieht und hdrt er nicht ; 
flammend reckt er sich nach links und gegen den Umsturz. Der 
Mann ist Arzt, er wird tiglich mit Sozialdemokraten zu tun 
haben, muss genau wissen, dass diese Leute sich von ihm selbst 
nochstens durch ein paar historische Redensarten unterscheiden, 
dass sie massvolle kleine Burger sind, die nichts wollen, als Kindem 
UndEnkeln ein spiessigesWohlleben verschaffen, und dass sie zum 
Generalstreik so stehen wie die Jungtiirken zum heiligen Krieg, 
n&mlich selbst die.grosste Angst davor haben. Aber die Wollust, 
positiv und erhaltend zu sein, macht ihm Kongestionen, er weiss 
nichts mehr. Und der Mann ist Jude. Sein Leben ist sicher nicht 
vergangen, ohne dass er die Feindseligkeit des christlich ge- 
schminkten Feudalstaates erfahren hat. Wenn er den Kopf 
wenden wollte, auf wie viele Blicke wiirde er dort rechts treffen, 
worin nicht freche Geringsch&tzung l&ge? Gleichviel, er sieht 
nicht hin, und ftir einen Augenblick ist auch er ein Herr, ein 
Machthaber, der zum Volk vom Pferd herab spricht (bevor es 
ihn wieder abwirft) und hinter sich Edelleute und Priester hat. 

Die Instinktverlassenheit dieses Biirgertums ist vollst&ndig. 
So Vollst&ndig kann sie sich nur an grossen Tagen bew&hren. 
Marokko musste verloren werden, das Reich durch die Adeligen, 
die es regieren, defer gedemiitigt werden als je vorher, und die 
Adeligen selbst mussten, von Panik erfasst, aneinander geraten 
mit den sogenannten Staatsm annern , die nur ein Ausschuss 



Reichstag 



1 35 



ihres eigenen Kliingels sind: solche glinzende Kombination 
musste eintre ten , damit der liberate Burger dem Zentrumsaktuar 
auf seinen ordin&ren Trick hineiniallen konnte und mitschimpfen, 
gegen wen ? gegen die Sozialdemokratie 1 

Was er iiber die Diplomaten vorbringt, klingt flau ; man 
hort die Demut, die sich einen Stoss gibt, um Ungezogenheit zu 
werden. Ueberlegenheit wird sie nicht. Die „Herren dort oben“ 
bleiben oben, noch im tiefsten Sumpf. Der Burger lasst es ohne 
Widerspruch geschehen, dass aui alle seine Beschwerden der 
Staatssekret&r als Antwort einen Witz setzt, einen Witz, nicht 
diimmer und nicht ordin&rer als der Trick des Zentrumsaktuars. 
Warum sollte der Staatssekret&r es sich schwerer machen ? Seine 
wahre, ach so schlecht weggekommene Gestalt kennt nur 
Europa. Hier drinnen sieht man ihn nicht b oss in gelber. Weste, 
man sieht ihn gepanzert. Alle seinesgleichen, die sich draussen 
ducken miissen in ihrem geistigen Elend, ihrem trfiben Mangel 
an Weltlaufigkeit und Kenntnis der Gesch&fte : so oft sie zuriick* 
Jcehren aus den Niederlagen, die englische Kaufleute und fran- 
zosische Literaten ihnen beigebracht haben, ah ! welch Prunken 
▼or den verschiichterten Landsleuten, welch Auftreten, welche 
furchteinflossende Autorit&t — zwischen den Niederlagen ! 

Sie sind komisch, sie sind abstossend : emporend sind . sie 
nicht, denn sie erhalten sich selbst wie sie kdnnen, und sind wohl 
nicht f&hig einzusehen, dass an ihnen das Land zugrunde geht. 
Empbrend ist der Burger, die Masse dieser gebildeten, wohlhaben- 
den Leute, die durchaus den Hass nicht kennen wollen ; die 
ihren lehrhaften Diinkel fur die radikaleren Volksgenossen auf- 
sparen und dem Volksfeind, der rechts steht, mit Riicksichten 
begegnen, als lebten sie mit ihm auf derselben Plattform, als 
liesse sich paktieren, als gebe es verbindende Menschlichkeit. 
Aber es gibt keine. Habt ihr denn kein Blut? Niedergehalten 
in eurer offentlichen Selbstbestimmung, ausgeschlossen vom Staat, 
▼on Macht und Ehren, von der Vertretung der Leistungen und 
Werte, die nur die euren sind, der Welt gegenfiber : ist das nicht 
genug ? Ist es nicht genug, ein Leben lang von Fremden, die fiber 
ihren Willen und ihre Sprache selbst verffigen, gefragt zu werden : 
„Was sagt euer Kaiser ? Was will eure Regierung ?“ Und wenn 
ihr einen anstandigen Kopf habt, gefragt zu werden : „Sie ge- 
horen wohl zur Aristokratie Ihres Landes ?“ — da in einem unter- 
drfickten Arbeitsvolk niemand die Gesichter der hochsten 
europdischen Kulturschicht sucht. Letzter Hohn eines deutschen 
Schicksals: verwechselt werden mit dem von Dreckwitz, mit 
dieser Elite des Stalls und der Nachtlokale, mit dieser Edelzucht 
▼on Zirkusdirektor und Schieber ! Habt ihr kein Blut ? Steigt es 

10* 



136 



Reichstag 



euch nicht in die Stirn beim Anblick der frechen Feindseligkeit 
einer Kaste, die es noch wagt, sicb zu zeigen, noch wagt, 
befehlen zu wollen, mitten im Sammelpunkt eurer biirgerlichen 
Anstrengungen, in der Schdpfung eurer V&ter, im Reichstag? 
Gutmiitige Vortrige haltet ihr ihnen ? Seid und bleibt fern aller 
Konventsstimmung, dem „Du oder ich !“, dem ,,Auf ihnl“ der 
grossen Geschichte? 

Dann lasst euch immerhin am xa. Januar ein wenig zahl- 
reicher in dies Haus zuriickschicken : das &ndert nichts. Ihr 
werdet bfter reden, und sie werden euch hdhnischer trotzen. 
Auf ihr letztes Wort, das Gewalt heisst, bleibt ihr immer ohne 
Antwort, — da ihr ja niemals die Kasse sperren und abwarten 
werdet, ob die Kanonen sich gegen die Gebdude der Grossbanken 
richten. Der Versuch wire l&cherlich einfach, und im Hand- 
umdrehen wiirde sich zeigen, dass sogenannte Herren, die es nur 
durch faule Uebereinkunft und durch Suggestion sind, nicht aber 
kraft des Geistes und nicht einmal auf Grund des Geldes, dass sie 
noch gar nichts fur sich haben, wenn sie nur die Gewalt haben . . . 
Aber es w&re unniitz, euch zu raten. Die Geschlechter mussen 
voriibergehen, der Typus, den ihr darstellt, muss sich ab- 
nutzen: dieser widerw&rtig inter essante Typus des imperialisti- 
schen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des 
in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritdts- 
gl&ubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers. 
Noch ist er nicht abgenutzt. Nach den V&tem, die sich zer- 
rackerten und Hurra schrien, kommen Sohne mit Armb&ndern 
und Monokeln, ein Stand von formvollen Freigelassenen, der sehn- 
suchtig im Schatten des Adels lebt . . . Geht heim, Volks- * 
▼ertreter, kehrt zurtick in die biirgerliche Wuste dieses Landes; 
und braucht ihr StSrkung fur eure Demut, dann tretet ins all- 
gemeine Restaurationszimmer eures Reichstages ein. Nebenan, 
abgesondert vom Pdbel, speist der konserrative Adel. Ihr werdet 
ihn nicht hinausprugeln. 




Tschudi 



138 



Tschudi 

Von MAX LIEBERMANN 

Vor mir steht in dieser schweren Stunde Tschudis elastische 
Gestalt, wie ich sie vor 30 Jahren zuerst erblickte; schon, schlank 
und gross, mit dem feingeschnittenen Kopfe, auf dessen Gesichts- 
ztigen ruhige Zuriickhaltung und innere Diszipliniertheit aus- 
gedriickt waren. Und ich hore seine melodische Stimme, mit der 
er seinen Gedanken in klassisch vollendeter Form den pr&g- 
nantesten Ausdruck zu geben wusste. In seiner ganzen Erschei- 
nung etwas jugendlich Sieghaftes; etwas kindlich Naives, aber 
dabei auch trotzig Ueberlegenes: ein St. Georg, wie ihn breit- 
beinig Donatello vor San Michele hingestellt hat. Als wollte 
er sagen: dem Mutigen gehort die Welt. Dem Reiter fiber den 
Bodensee gleichend, der die Gefahr erst erkennt, wenn sie iiber- 
wunden. Ach! leider hatte das Schicksal dem Helden auch die 
Tragik nicht erspart, aber wie er das schwere Geschick ertrug, 
zeigt gerade seinen Heroismus. 

Der Typus des Aristokraten. Wenn anders Aristokratie die 
Herrschaft der Besten bedeutet', wie kein anderer zum Herrschen 
geboren, dieser Spross einer tausend Jahre alten Familie. Er 
stolz auf seine Familie, und er durfte es sein. Und ich er- 
innere mich, wie er mir, als wir einst zusammen in Paris waren, 
den Namen des grossen Schweizer Geschichtsschreibers Tschudi 
zeigte, der mit goldenen Lettem auf der Fassade der Bibliothek 
von Sainte GeneviSve eingemeisselt ist. Miitterlicherseits dem 
Malergeschlecht der Schnorr von Carolsfeld entstammend, war er 
eine Mischung vom Gelehrten und Kiinstler, der die hohe Kultur, 
die wir an dem Verstorbenen bewunderten, entsprungen war. 

Aber was noch seltener: die Kultur hatte seinem Temperament 
keinen Eintrag getan: mit zdhester, fast brutaler Energie suchte 



er durchzusetzen, 



er als richtig erkannt hatte. Ein unbeug- 



samer Charakter, sachlich und temperamentvoll zugleich, das Bild 
kraftvollster Persdnlichkeit. Er war verschlossen und eher schweig- 
sam als gespr&chig, es dauerte lange, bis er sich ganz gab, und 
da seinem Stolze nichts verhasster war als Sentimentalitdt, 
machte er bei oberfl&chlicher Bekanntschaft eher einen kalten 
und abstossenden Eindruck. Aber wenn das Eis, mit dem Naturell 
und Erziehung sein Inneres umpanzert hatten, einmal ge- 
schmolzen war, er sich in Sarkasmen Luft gemacht hatte und 
sein Herz offnete: wie erstaunte man vor der ungeheuren Kraft 
seines Temperamentes, das wie die Lava unter der Asche aus 
seinem Innern hervorquolll 



Tschudi 




Er durfte von sich sagen, dass er seinem Charakter nie untreu 
ge worden, und wie wenige diirfen das von sich sagen ? Ich lemte 
Tschudi vor fast einemMenschenalter kennen, als er nach ldngere m 
Aufenthalt in Italien, wo er in dem Maries- und Bdcklin-Kreise 
verkehrte und dessen Anschauungen teilte, nach Berlin ge- 
kommen war, um an den Museen zu arbeiten. Er war dann 
jahrelang Direktorialassistent, besonders die alten Niederl&nder 
studierend und seine Forschungen in spdr lichen Abhandlungen 
niederlegend. Auch in dieser vomehmen Zuruckhaltung zeigt 
sich sein Charakter: wahrend andere nie genug und nicht 
friih genug, was sie eben erforscht, durch den Druck zu ver- 
offentlichen suchen, miissen ihn, den vollendeten Meister des 
geschriebenen Wortes, die Freunde und vor allem er selbst sich 
zur Drucklegung geradezu zwingen, denn nie glaubte er sich 
genug getan, nie sich wahr genug ausgedriickt zu haben. 

In seiner stetigen und eher langsamen Entwicklung tritt 
der Wendepunkt ein, der iiber sein Schicksal entscheiden sollte, 
als er im Alter von 45 Jahren zu seiner eigenen und der Welt 
Ueberraschung zum Direktor der Nationalgalerie ernannt wird. 
Aber die Ueberraschung der Welt wurde noch grosser, als sie plotz- 
lich in Tschudi alle Eigenschaften sich entfalten sah, deren Keime 
nicht nur ihr, sondern selbst seinen Freunden bis dahin verborgen 
geblieben waren. 

Kurz nach seiner Ernennung bat mich Tschudi, mit ihm 
nach Paris zu reisen, weil er die dortige Kunst, vor allem aber 
die Pariser Kiinstler n&her kennen lemen wollte. In der Galerie 
Durand-Ruel erblickte er zum ersten Male Manets Werke in 
ihrer ganzen Grosse. Manets Grenius wirkte wie eine Offenbarung 
auf ihn und mit der Schnelligkeit des elektrischen Funkens 
kam ihm der Gedanke, dass die Kenntnis der neueren franzo- 
sischen Kunst absolut no tig sei, um die Entwicklung der zeit- 
genossischen deutschen Kunst zu verstehen. Ein ebenso einfacher 
wie genialer Gedanke — aber auch ebenso gefahrlich in der 
Ausfiihrung. Und nun zeigt sich Tschudis ganze Grosse: kleinliche 
Intrigue, Neid der Kiinstler, Missgunst seiner Vorgesetzten kdnnen 
ihn auch nicht um Haaresbreite von dem einmal als ricbtig 
erkannten Wege ableiten. Er spottet derer, die seine Liebe fiir 
Bocklin aus seiner Landsmannschaft mit dem Schweizer Maler 
erklSren, die ihm Vaterlandslosigkeit vorwerfen, weil er die 
Meisterwerke der Franzosen ankauft oder richtiger der Galerie 
schenken lasst. Er spottet seiner Freunde, die ihm zu grosserer 
Diplomatic raten, weil er , ,Hintertreppenpolitik“ verachtet und 
des Glaubens lebt, . dass der gerade Weg auch der einzig 
richtige ist. Und ich entsinne mich, wie er vor seiner Ueber- 



140 



Tschudi 




siedelung nach Miinchen beim Abschied mir das Versprechen 
abnahm, eins der mir gehorigen Bilder von Degas der Pinakothek 
zu tiberlassen, und als ich ihm sagte, dass er damit in Munchen 
dasselbe begSnne, was ihn um seine Berliner Stellung gebracht hatte , 
er mit selbstbewusster Lauterkeit antwortete: „Was liegt daran ! — 
babe ich doch die Nationalgalerie zu dem gemacht, was sie ist!“ 

Die ehrenvolle Berufung nach Munchen war fiir den schwer- 
gekrankten Mann eine grosse Genugtuung, und mit jugendlicher 
Begeisterung ging der bald sechzigj&hrige ans Werk: Was er 
in der kurzen Zeit seiner Munchener Wirksamkeit geleistet hat, 
ist staunenswert. Wie er, was wertlos, ausmerzte, Fehlendes 
aus den Provinzialmuseen erganzte und die Pinakothek neu 
ordnete, gereicht ihm zu unverganglichem Ruhme. Es zeigt nicht 
nur, dass er das ganze imgeheure Gebiet der alten Kunst dur chaus 
beherrschte, sondern er bewies auch seinen ph&nomenalen Ge- 
schmack und seinen nie irrenden Instinkt fiir die Qualit&t derWerke. 

Leider versagte ihm das Schicksal zu vollenden, was er in 
Miinchen begonnen ; aber er hat in der kurzen Zeit seines dortigen 
Wirkens das Wesentliche getan: sein Nachfolger kann, wie in Berlin 
so in Miinchen, auf dem von ihm gebahnten Wege forts chreiten. 
Er legte beim Kunstgelehrten den Akzent auf Kunst, 
und nicht der Taufschein, sondern der Augenschein war ihm das 
Kriterium fiir die Echtheit und die Qualit&t des Werkes. Freilich 
gehdrte dazu Tschudis Personlichkeit: die Bildung des Gelehrten 
-und der Geschmack des Kiinstlers. Er erkannte nicht nur die 
historischen Zusammenh&nge der Kunst, sondern er erkannte 
das Wesen der Kunst, das ewig Werdende in ihr. Die klassischen, 
lapidaren Worte, die er vor etwa einem halben Jahr in dem Vor- 
wort zu N ernes- Sammlung geschrieben, sind sein kiinstlerisches 
Testament geworden, in dem modernen Museumsleiter, wie er sich 
ihn denkt, hat er sich selbst gezeichnet: von der modernen Kunst 
aus mQsse man zum Verst&ndnis der alten Kunst vordringen 
und nicht, wie bisher, umgekehrt; denn es gibt nur eine 
Kunst, ob alt oder neu — die Kunst, die lebt! 

Der Zauber, der in Tschudis Personlichkeit lag, war in seinem 
ritterlichen Wesen ebenso begriindet wie in seiner vollendeten 
weltm&nnischen Kultur. Ach! er ist uns auf ewig entrissen, und 
nur in der Erinnerung an den seltenen Mann werden wir schwachen 
Trost fiber seinen Verlust finden konnen. Aber sein Wirken wird un- 
verg&nglich bleiben, denn er war Forderer undMehrer unserer Kultur . 

Und nun lasst uns Abschied nehmen yon dem teueren Toten, 
in Wehmut aber auch in Dankbarkeit mit den Worten des Dichters: 

„Denn er war unser“. 



i 




Re vol v er schiisse 



141 



Revolverschiisse 

Im osterreichischen Parlament hat ein junger Mensch von 
der Tribune hinuntergeschossen. 

Im Osten von Berlin hat der Tischler Schoeps seine Frau und 
sich selbst erschossen. 

Der Hauslehrer einer angesehenen Wiener Familie hat auf 
das Madchen, das er liebte, ihren jungsten Bruder und sich selbst 
geschossen. 

Der Ehemann einer Berliner OpemsSngerin hat nach einem 
kurzen Gesprach mit seiner Frau, wahrend sie auf der Probe 
war, sich erschossen. 

Die Liste der Revolverschiisse dieser Tage kdnnte noch fort- 
gesetzt werden. Immer ist’s das gleiche : Kalt, sinnlos wird 
Leben vernichtet. So gedankenlos der Hahn gespaxmt, als handle 
sich’s um eine leere Geste, irgendein Wort, erne Nichtigkeit, 
die man nachher wieder anders ansehen, anders machen kann. 
Manchmal glaubt man, dass die Menschen unserer Zeit dem 
Tode gegeniiber ein anderes Gefiihl haben als friihere Genera- 
tionen. So rasch geben sie ihn sich — und anderen. Natiirlich, 
auch vor uns haben Verzweifelnde, die keinen Weg mehr sahen, 
den Revolver genommen, weil sie das Leben, wie es sich ihnen 
gerade in einer Stunde bot, nicht mehr ertragen wollten. Und 
mit jenen, die einmal diese letzte Wahl zwischen der E xistenz, 
die sie kennen, und dem Ungewissen, getroffen haben, zu rechten, 
ist mir ebenso unverst&ndlich wie die Pedanterie der Selbstmorder, 
die, bevor sie von uns weggehen, ihren Schreibtisch ordnen, mit 
der Vorstellung spielen, was nachher sein wird. Man sollte ja 
eigentlich glauben, dass nichts nach solchem Entschlusse sie mehr 
mit uns verbindet. 

Die Kugeln aber, die d o p p e 1 1 treffen sollen, eigenes und 
fremdes Leben zerstoren, die erregen uns durch die Geb&rde der 
Drohung, den Sinn, den sie, den Tfitern selbst oft unbewusst, 
noch iiber das Ereignis hinweg haben. Theologen in und ausser 
der Zunft mdgen iiber das Recht am eigenen Leben disputieren. 
Aber auch dass ein anderer weg soli, weg muss, damit 
man selbst auf Erden wieder atmen kann, verstehen wir 
mit unseren aufrichtigen Instinkten. Es mag sein, dass dies 
die Idee des Duells ist, das so viele von uns im Frinzip und mit 
der Vemunft ablehnen und das uns dann wieder, nicht aus ge- 
sellschaftlichen Griinden her aus, die einzige Losung mancher 



■+ 



Revolver schiisse 



T J9 

»tt4Nr 



Konflikte scheint : namlich jemanden unter dem Schein und 
Schutz der Legalitat aus der Welt schaffen. Sich selber wieder die 
Mdglichkeit erobern, nach dem Gesetze der eigenen Natur leben zu 
diirfen, wenn der andere, die andere einem nicht mehr in den 
Weg treten kann oder — durch eigenen Tod erldst werden 
von solcher Mdglichkeit der Begegnung, der Gemeinschaft di eser 
Welt. Die {Convention (anderes ist Sittlichkeit ja nicht) kampft da 
mit unseren heftigsten Trieben. So paradox, so unanstandig es 
dem und jenem klingen mag : ich bin dem Menschen n&her, 
der selbst dableiben will und darum den Tod eines anderen 
erzwingt als den kalten Helden, die den anderen, Mann oder 
Weib, in den Tod mitnehmen, den Mord durch Selbstmord — 
so sagt man ja — siihnen. Solches Tun erscheint mir als die 
ftusserste Sinnlosigkeit ; denn ob eine Frau, die man geliebt 
hat, sich Einem nicht geben oder einem anderen gehdren will, 
ein Mann weiter abenteuert, den man hasst, das miisste ja 
jenem ohne jede Bedeutung sein, der selbst nicht mehr fortleben 
will. Darum empfinde ich diese Doppeltragodien nicht als Tragik, 
es sei denn als die Tragik ganz verwirrter oder ganz kalt toben- 
der Naturen. Jene „Frage an das Schicksal“, mit der wir immer 
herumgehen, selbst wenn wir sie ein paar Augenblicke nicht 
klar spuren, dr&ngt sich beim Knall solcher Revolverschiisse 
auf : warum so uns&glich viel Sinnloses im Willen der Natur, 
der Welt beschlossen ist, Tag um Tag neben uns geschieht ? Und 
flberdenken wir's noch eine Minute, so stellt sich eine fast masslose 
Erschiitterung ein, weil wir immer wieder das gleiche sich er- 
eignen sehen : dass alles, was man Vemunft, Bildung des einzelnen 
und der Gesamtheit nennt, Kultur, Zivilisation und so weiter in 
jenen Stunden defer Entscheidungen versagt, wo irgendein Reiz 
— zu leben oder zu sterben — sehr mdchtig wird. Weil man 
das fuhlt, wird man verzweifelt, wenn jedes Zeitungsblatt die 
Nachricht so einer Tat bringt, die uns unverst&ndlich ist und denen, 
die sie begingen, gestern ebenso unverstdndlich gewesen w&re, 
irgendwo in uns aber der Zweifel nicht zu beschwichtigen ist, 
dass auch wir derlei tun konnten, tun wurden, wenn nur einmal 
das Schicksal heftig genug an unseren verniinftigen Ueberlegungen 

riittelt ... 

Man muss die Zeitungsblatter fortschieben, will nicht mehr 
denken und nur die Hoffnung festhalten, dass unsere Insdnkte 
trotz allem noch das Verlasslichste sind, was wir haben. Denn 
sonst ... W. FRED 






Hut ab 1 



*43 



„Hut abl u 

Von AUGUST STRINDBERG 

Aus der schwedischen Handschrift dbertragen von Emil Sobering 

Hut ab! so riefen die rasenden Berliner am 22. M&rz 1848 
ihrem Konig Friedrich Wilhelm dem Vierten zu, als er gezwungen 
worden war, vom Schlossbalkon den Leichenzug der gefallenen 
Barrikadenm&nner zu grfissen. Der Kdnig entbldsste sein Haupt ; 
die Kfinigin wurde ohnm&chtig, als das Volk die Leichen in den 
Schlosssaal zu bringen drohte. 

Unto: dem Druck der Berliner Revolution, die blutiger war als 
die Pariser Februar-Revolution, wurde der souver&ne Kdnig ge- 
zwungen, eine Konstitution zu versprechen, die auch zustande 
kam, indem die konstituierende Nationalversammlung berufen 

wurde. 

Diese Konstitution wurde von Friedrich Wilhelm im Berliner 
Dom vor den Kammern beschworen. Dabei sprach er diese denk- 
wfirdigen Worte fiber die Verfassung, die „durch aufopfernde 
Treue von Mannern, die den Thron gerettet haben (von den 
Revolution&ren) , zustande gekommen sei‘; „Sie (die Abgeord- 
neten) haben die bessernde Hand daran gelegt ; Sie haben hedenk- 
liche Dinge daraus entfemt und gute daffir eingesetzt . . Die 
Konstitution kam also nicht von oben, sondern von unten. „Ein 
freies Volk unter einem freien Konig", hiess es weiter, war meine 
Losung seit izehn Jahren: „sie ist es noch und wird es bleiben, 
solange iph atme.“ 

Im selben Zusammenhange fSUlt das Wort von „ Gottes 
Gnaden", das dann so missdeutet wurde. Der Konig sagt: „Ich 
regiere nicht, weil es mir gef&llt, das weiss Gott; sondern weil es 
Gottes Ffigung ist, darum will ich auch regieren." 

Friedrich Wilhelm IV. war ein aufrichtig religidser Mann, und 
als solcher bekannte er, nur durch Gottes Gnade da zu sein und zu 
sein, was er war. Das ist ja bescheiden und schdn, und das ist 
der ganze Sinn des Wortes „von Gottes Gnaden", der dann ge- 




X44 



Hut abl 



f&lscht wurde in Absolutismus und ausartete zu ,,t)bermensch" 
und ,, Grdssenwahn". 

Dei gratia, yon Gottes Gnaden, war urspriinglich ein Titel, 
den die Bischdfe nach der Kir chen versammlung von Ephesus, 
431, anlegten. Das war durchaus kein Titulus majestatis, sondem 
im Gegenteil eine Epitheton humilitatis und war aus Paulus* 
erstem Korintherbrief genommen. „Ich von Gottes Gnaden" , sagt 
der demiitige Paulus, „der grtisste unter den Stindem". „Aber von 
Gottes Gnaden bin ich, was ich bin.“ 

Dieser Titel der Demut wurde dann allgemein, auch unter 
Mdnchen; kein kluger Mensch kann also etwas Majest&tisches 
oder Absolutisches daraus herleiten. Zuerst wurde das Epitheton 
vom Frankenk&nig Pipin angenommen, und dann von den 
anderen. 

Als der sp&tere Kaiser Wilhelm I. sich als Kdnig von Preussen 
krfinen liess, 1861, nahm er die Krone vom Altar, w&hrend er als 
religidser Mensch „in Demut anerkannte, dass er sie von Gott 
empfangen habe." Das ist noch die christliche Demut, welche die 
VerpfUchtung zum Geber aller guten Gaben anerkennt. 

Als Wilhelm II., der jetzt regierende Kaiser, den Konigseid im 
preussischen Landtag ablegte, erklarte er, mit dem Worte Fried- 
ri chs des Grossen, der Fiirst solle „der erste Diener des Staates 
sein.“ 

Seine erste Regierungshandlung war die Aufhebung des 
Sozialistengesetzes ; und er rief eine Konferenz fttr Arbeiter- 
gesetzgebung zusammen, die er selber erdffnete, Bismarcks 
Widerstand trotzend. Damit begann Bismarcks Fall, und der 
junge Kaiser erhielt den Namen „Arbeiterkaiser". 

Als Kdnig von Preussen hat Kaiser Wilhelm II. die (revidierte) 
Constitution von 1850 beschworen. Er ist also an die Verfassung 
gebunden, und der Landtag macht mit ihm Gesetze, aber er 
„promulgiert die Gesetze." Er bedarf fflr alle Regierungsakte die 
Ge genzei chnung der Minister, die damit die Verantwortung flber- 
nehmen. Aber der 6x. Artikel der preussischen Verfassungs- 
nrkunde liber die Verantwortlichkeit der Minister „ist nicht er- 
folgt." Was bedeutet „erfolgt"? 






Hut ab! 







— Tja 1 Da beginnen die Missdeutungen. „Erfolgen“ kommt 
▼on folgen. Also wird das Gesetz nicht befolgt. 

— Dann ist aber die Verfassung verletzt und der Konigseid 
gebrochen ? 

— Darauf wage ich nicht zu antworten, denn dann kommt der 
Staatsanwalt, der einen Unschuldigen zu Fall bringen k&nn. 

— Aber wie kann man zuerst und zuletzt „von Gottes. 
Gnaden‘ ‘ als Absolutismus auslegen? 

— Prinzenlehrer und Junker sind es wohl, die jungen rtr- 
st&ndigen und wohlwollenden Fursten solche Dummheiten ein- 
reden. 

— Napoleon III., der Sozialistenkaiser, der mit sieben 
Millionen allgemeinen Stimmen (Plebiscit) gewihlt wurde,. 
nannte sich ,,von Gottes Gnaden und des Volkes WiUen.“ 

— Das war ein verstdndiger Kaiser. 

— Am verst&ndigsten als armer Festungsgefangener, als er 
fiber die „Abschaffung der Armut“ schrieb. 

— Aber der Konig von Pretissen ist ja auch Deutscher Kaiser 
und sitzt dem Bundesrat vor, in dem er siebzehn Stimmen hat.. 
Steht er in dem einen Augenblick fiber sich selber und im n&chsten 
Augenblick unter sich selber ? 

— Das muss er wohl! Heisst Dualismus oder die beiden. 
Naturen in der Theologie. 

— Es ist jedenfalls etwas Seltsames mit monarchischen 
Konstitutionen ! 

P- 

— Es gibt ja eine einfachere und bessere, zeitgemassere, 
praktischere und billigere, wo konstitutionelle Garantien wirklich 
gegen Gesetzesverletzung und Eidbruch schfitzen. 

— Und die ist? 

— Das ist der Volksstaat! 



146 Deutsche Kunstausstellungen im Auslande 



Wie die „deutschen“ 
Kunstausstellungen im Auslande 

gemacht werden 

Von EMIL WALDMANN 

Wer seit einem Jahrzehnt die Ausstellungen deutscher Kunst, 
die alle paar Jahre einmal irgendwo im Auslande veranstaltet 
werden, mit seinem Interesse verfolgt, der hat allmahlich 
aufgehdrt sich zu wtmdern. Mit solcher Regelmdssigkeit und 
in so stereotyper Form findet man immer dieselben Sch&den, 
dass man sich seufzend ins sogenannte Unvermeidliche fiigt 
und denkt : Es musste nun einmal so sein. Dieses Sich-Nicht- 
Mehr-Wundern ist das Schlimmste an der Sache. Die wesentliche 
Kritik, die man an diesen Ausstellungen zu iiben hat, geht dahin, 
dass sie keine Vorstellung davon erwecken, was es an guter 
und bester Kunst in Deutschland heute gibt. 

Ein paar Beispiele zum Gedachtnis. Auf der Pariser Welt- 
ausstellung 1900 musste man der Meinung werden, der damals 
noch lebende Lenbach sei der grosste deutsche Maler seiner Zeit. 
Das Zahlenverhfiltnis zwischen seinen Bildern und denen anderer 
Maler sowie die Art, wie gehingt wurde, zwangen wie mit 
Hammerschlagen auf den Kopf zu diesem Urteil. (Die Aus- 
stellung hatte Lenbach arrangiert.) — In St. Louis fehlte der 
deutsche Kunstlerbund. — Bei der Hudson-Fulton-Ausstellung 
in New York 1909 war es tatsfichlich so, dass man, wie 
Valentiner schrieb, „durch jede offene Tiir ein Bild von Artur 
Kampf sah ( Die Ausstellung hatte Artur Kampf mitorganisiert.) 

In diesem Jahre ist die grosse Internationale in Rom. Das 
offizielle und auch sonst mittelm&ssige Deutschland ist ▼ertreten. 
Daneben, einigermassen ausreichend, dass man wenigstens einen 
Begriff seiner Art bekommt, Max Liebermann. Fur das voll- 
st&ndige Fehlen Klingers sollen wahrscheinlich die acht Werke 
▼on Stuck entsch&digen. Triibners malerisches Wesen ist immer- 
hin erkennbar. Aber schon bei Kalckreuth ist es vorbei . . . 
Vor alien Dingen aber fehlt das, was Deutschland heute wirklich 
interessiert. Ein einziges Bild, noch dazu ein uncharakteristisches, 
▼on Slevogt gentigt nun einmal nicht fur einen Meister, der zu 
den Tr&gern deutschen Ruhmes gehdrt ; und dass von Lows 



147 



Deutsche Kunstausstellungen im Auslande 



Corinth nur das Stilleben aus der Sammlung Arnhold zu sehen 
ist, nichts weiter, kein Akt, kein grosses Bild, bedeutet eine 
empfindliche Liicke. Ferner vermisst man, um nur das Dringendste 
zu nennen, die Namen Beckmann, von Brockhusen,von Konig, 
▼on Kardorff, Rossler, Breyer. Selbst die Skulptur ist schlecht 
▼ertreten. Haller fehlt und unerhorter Weise auch Barlach. 

An der Aufreihung dieser Namen sieht man, nach welchem 
Prinzip die Lticken ,,angeordnet“ sind. Vielleicht wendet man ein, 
dass keine Absicht vorgelegen hat, dass von den betreffenden 
Kilnstlern wirklich nichts zu haben gewesen sei. („Bedenken Sie 
die kurze Zeit, die Schwierigkeiten aller Art!“) Dann ist die 
Ausstellung eben schlecht organisiert. Von Corinth ist immer 
ein grosses Bild zu haben, wenn nicht anders aus Privatbesitz, 
den man ja auch sonst bemiiht hat. Und von Slevogt, der aller - 
dings im Friihling in der Secession eine Sonderausstellung ver- 
anstaltete, auch ; ein paar bedeutende . Bilder kann man von ihm 
immer bekommen. Die Berliner und Hamburger Sammler sind in 
solchem Falle nicht kleinlich, wenn es schon gar nicht anders zu 
machen w&re. Und die Jungeren haben meines Wissens alle noch 
nicht so ausverkauft, dass sie nicht etwas Gutes nach Rom hatten 
schicken konnen. 

Die Ausstellungsleitung scheint von vomherein mit der 
Mangelhaftigkeit des Unternehmens gerechnet zu haben. Es ist 
eine retrospektive Abteilung angegliedert, die von der Glanzzeit 
deutscher Malerei, dem Miinchen Diezens und Leibls, dem 
Schaffen Menzels und den besseren Tagen Diisseldorfs eine Vor- 
stellung gibt, und auch von Maries und Feuerbach Proben bringt 
(wogegen der Deutsch-Romer Bocklin wohl als bekannt voraus- 
gesetzt wurde). 

Vielleicht ist man der Meinung : dies alles sei doch sehr schon 
und gut, und es sei gar nicht die Aufgabe einer solchen Ausstellung, 
▼on dem gegenwartigen deutschen Kunstschaffen ein rundes 
Bild zu geben. Dann hat, kurz gesagt, eine solche Ausstellung 
im Rahmen einer Intemationalen keinen Zweck. Entweder zeige 
man, was in Deutschland an guten Dingen gemalt und gebild- 
hauert wird in ausreichender Zahl und Art nach charakteristischen 
Proben. Wenn es nicht anders geht, so wie in der franzosischen 
Abteilung, wo neben den grossen S&len des fiirchterlichen 
offiziellen Frankreich keine retrospektive Impressionisten-Aus- 
stellung zu sehen ist, dafiir aber ein kleiner Raum mit den 
jiingsten Franzosen. Aber mit einer ktimmerlichen Parade 
fruherer Grossen ist niemand gedient. Wer Menzel kennen 
lernen will, geht ja doch nach Berlin (und ist, wenn er es in diesem 
Jahre getan hat, emport dariiber, dass das „Th6£tre Gymnase“ und 



148 Deutsche Kunstausstellungen im Auslande 



das ,, Albrecht palais “ mittlerweile nicht zu sehen sind, weil sie in 
Rom reprasentieren mussen). Wer Feuerbach, Leibl und Triibner 
kennen lernen will, muss ja doch in die wenigen deutschen 
Galerien gehen, wo diese Kunst gesammelt wird, und Liebermanns- 
Werke muss man nicht in seiner. Vaterstadt Berlin, sondern in- 
Hamburg studieren. Im ubrigen soil man deutsche Kunst in 
Deutschland studieren. Dazu war die Jahrhundertausstellung in 
der Nationalgalerie, die Leibl- und Mardes-Ausstellung in 
der Secession da. Vor allem jedoch sind Bilder nicht zum 
Studieren und zum Kennenlernen da, sondern zum Geniessen. 
Aber man suche einmal den, der bei einem Aufenthalt in Rom . 
imstande ist, in der Internationalen mit ihrer riesigen Aus- 
dehnung und ihrer verwirrenden Ftille ein Werk von Leibl zu 
geniessen. 

Also : zum Genuss ungeeignet, zum Kennenlernen total 
irrefiihrend. Ausserdem hat Hans Rosenhagen dem im ubrigen 
nicht zureichenden Katalog zudieser retrospektiven Abteilung 
ein Vorwort fiber „Die deutsche Malerei seiti86o“ vorausgeschickt, 
das fur sein Teil an der Verwirrung der Begriffe kraftig mitwirkt. 
„W£hrend Wien die Wiege des N azarenertums ist, bringt der 
Norden die redlichsten Wahrhei tssucher . “ Wien ist nicht die 
Wiege des Nazarenertums ; einfach falsch. Und der Norden hat 
ausserdem die Hauptnazarener Overbeck, Cornelius, Veit und 
W. Schadow hervorgebracht. „Der grosste Monumentalmaler, 
den Deutschland im 19. Jahrhundert besessen, ist Alfred Rethel.“ 
Die Maries in der biologischen Station in Neapel? „ Wilhelm 
von Diezens Verdienste als Lehrer an der Miinchener Akademie 
sind fast ebenso gross wie die Pilots.*' Die Menge muss es br ingen. 
,, Artur Kampf zahlt auf dem Gebiete der Monumenfalmalerei 
zu den ersten Kiinstlern Deutschlands.** Rosenhagen 
verwechselt die beschiftigsten mit den besten*) . Und so weiter. 
Solche Schaden haben prinzipielle Bedeutung. 

*) Diese Bemerkung Rosenhagens war wohl der erste Stretch. 
Do- zweite war seine torichte Denunziation der Berliner Secession als 
Majest&tsbeleidigungs-Institut im „Tag“. Rosenhagen war me ein bos- 
hafter Mensch, nur ein leicht beeinflussbarer. Dass der Mittler Artur 

Kampf hinter dem An griff steckte, weiss jedes Kind. Artur Kampf 
aber inter essiert vielleicht den Minister ; wer sich um Kunst kfkmmert, 
kttmmert sich nicht um Artur Kampf. Der Verdacht, der laut aus- 
gesprochen wird, Rosenhagens Arbeit sei nicht nur von Artur Kampf, 
sondern auch von dem Direktor der National- Galerie, Professor Justi, 
gewQnscht worden, erscheint vollig unglaublich. Vielmehr fait es 
wahrscheinlich, dass Rosenhagen dieses Geriicht selbst verbreitet, um 
sich hinter dem RQcken Justis zu verstecken. D. Red. 



Deutsche Kunstausstellungen im Ausl&nde 149 



Neben der grossen internationalen Kunstschau im Park hinter 
der Villa Giulia sind bei der Engelsburg noch ein paar Fremden- 
ausstellungen zu sehen, die „mostra degli stranieri", ad maiorem 
Romae gloriam. Roms Wirkung auf die Kunst im Anfang des 19. 
Jahrhunderts. Deutschland zeigt zwei Kapitel. I. „ Goethe inRom“. 
Es ist ganz schlecht, denn Weimar hat verstandigerweise seine 

Sch&tze nicht hergegeben. II. ,,Die deutsch-rdmische Lands ch aft.* 4 
Dieses Kapitel ist auch nicht viel besser. Die Hauptdokumente, die 
Temperabilder aus dem Palazzo Massimi von Reinhardt (seit 
3 Jahren in der Berliner Nationalgalerie) fehlen ebenso wie Werke 
des interessanten Reinhold. Die deutschen Galerien haben mit ganz 
wenigen Ausnahmen nichts hergeliehen ; das dem Stuttgarter 
Museum gehorende Bild von Reinhardt „ Wanderers Sturmlied*' 
hat auf dem Transport ein Loch bekommen, und nur die Sendungen 
der Nationalgalerie in Berlin haben der Ausstellung einigen 
spArlichen Glanz geliehen. 

Wenn die Dinge schon so lie gen, dass die dffentlichen Galerien 
nichts ausleihen (was hoffentlich bald durchgehends ttblich wird) 
— warum mussen dann solcbe historischen Ausstellungen ge- 
macht werden, auf denen der Fachmann gar nichts imd der Laie 
etwas Falsches lemt? Die einzigen Bilder, die wichtig sind, die 
von dem Tiroler J. A. Koch, aus romischem Privatbesitz, hangen 
aus Nationalit&tsgr Unden in der dsterreichischen Abteilung, 
wohin sie kunsthistoriscb nicht gehdren. 

Italien hat den begreiflichen Wunsch mit einer Ausstellung 
Geld zu verdienen. Aber damit das geschieht, verbreitet Deutsch- 
land eine falsche Meinung von seiner Kunst. Die Notwendig- 
keit dieses Vorgehens ist nicht ganz einleuchtend, und zum 
Schluss notiert man sich als Trost das reizende, kUrzlich von 
Mackowsky wieder ausgegrabene Wort der Rahel: „Mir ist 
mies vor tout l’unirers". 







150 Die Geislia 



Die Geisha 

JR! 3Edl3^^ 3L# 3^#I^p ^J 1 ^ 

Spezialisten In Teehftnaern und T&nzerinnen. 

h 

1m allgemeinen geniesst die Geisha keine sonderliche Achtung, 
wenn sie auch auf einer hoheren Stufe steht als die Dime. 
Sie steckt den Fuss in den Schmutz, sagt man von einem M&dchen, 
das ins Teehaus geht. Und wenn sie es verl&sst, so sagt man: 
sie zieht den Fuss aus dem Schmutz heraus. Heiratet sie jedoch , 
so ist ihre Vergangenheit ausgeldscht, und sie geniesst, ebenso 
die Dime, die gesellschaftliche Stellung des Gatten. 

Es ist fttr eine Familie eine grosse Schande, wenn die Tochter 
sich dem flatterhaften Leben einer Tdnzerin zuwendet, und fur 
gewohnlich gehen die Geishas aus armen imd niedrigen Familien 
hervor, die sich von ihnen unterstiitzen und erhalten lassen 
wollen. Es geschieht auch zuweilen, dass sich die Tochter fur 
die ins Elend geratene Familie opfert und sich an ein Teehaus 
als Tanzerin oder Dime verkauft. 

In der Regel tritt das Madchen schon mit sechs Jahren in die 
Lehre. Sie muss feine Sitten und Bewegungen erlemen , das 
ganze Lexikon des japanischen Anstandes, Gehen, Sitzen, Geben, 
Nehmen, Grussen, Kleiden, sie muss das Arrangement der 
Blumen, die komplizierte Teebereitung uben. Sie lernt das 
Schlagen der Trommel, der Taiko. Mit acht Jahren beginnt der 
Unterricht im Spielen der Samisen und im Tanz. Sie erlernt jene 
hundert Bewegungen der H&nde, der Arme, Stellungen des 
Kbrpers und des Kopfes, das Spiel des F&chers, die Elemente, 
die in jedem Tanz wiederkehren. Sie lernt die Teacte und den 
Gesang. Die Stimme der japanerin ist lieblich und zart, aber die 
japanischen Anschauungen verlangen die Stimme der Sangerin 
hart, ehern und rauh. Das wird auf dem einfachsten Wege er- 
reicht. Im kftltesten Monat, kan, muss die kleine Geisha im 



Walser: Zeichnung 




friihesten Morgengrauen bei offener Tiir in den Frost und Nebel 
hinaussingen , bis die Sonne aufgeht. Dadurch verliert sie voll- 
kommen die Stimme. Sie wird heiser, sie spricht nicht mehr, 




■sie kreischt, sie singt nicht mehr, sie miaut und schreit, und somit 
1st sie fiir den japanischen Gesang geeignet. 

Sie lernt die Tsutsumi spielen, eine Handtrommel, einer 
grossen Sanduhr ahnlich, die mit den Knocheln geschlagen wird. 
Sie muss imstande sein, drei solcher Trommeln gleichzeitig zu 
halten und zu schlagen. 





1 st sie besonders begabt, so wird sie sich im Spiel der Kokyu 
if ben, einer Art Geige, die rait einem B<%en aus Rosshaaren ge> 
strichen wird, und zuletzt wird sie das schwierigste Ins t ru m e n t 
▼ersuchen, Koto, ein Saiteninstrument, eine Art Sarg mit dreizehn 
Seiten, die gezupft und geschlagen werden. Das Koto wird sonst 
nur Ton den Tochtern Vornehmer gespielt. 

1 st das M&dchen ungeschickt, so wird der Teehausbesitzer 
es den Eltem zuriickschicken, verspricbt es Erfolg, so wird er die 
Ausbildung vollenden. Die junge Geisha wird dann einige Jahre 
in seinem Teehaus umsonst tanzen, spater wird er den Eltem 
fiir drei Jahre zoo Yen bezahlen oder 300, und wenn die Geisha 
eine besondere Anziehungskraft ausiibt, auch mehr. Oder ein 
anderes Teehaus wird sie zu gewinnen suchen , eine andere Stadt. 
Die Geisha selbst bleibt arm. Ihre Eltem schlurfen Tee, rauchen , 
f&cheln sich , betrachten die KirschbUite und den Mond, sie arbeitet 
und gibt ihnen jeden Pfennig, den sie an Geschenken erh&lt. 

Die junge Geisha wird einen verlockenden und besonders 
schon klingenden Namen erhalten. Der Teehausbesitzer wird sie 
die Erste, die Reichste nennen, oder er wird sie heissen Umeka, 
der Wohlgeruch der Pflaume, Haruka, der Du ft des Friihlings, 
Koteru, der kleine Glanz, Yoneryo, der Reisdrachen, Susuju, 
die tapfere Glocke, Odafuku, die Hdssliche, Harusuke, die Friih- 
lingshilfe, Hanarato, die Blume der Heimat, Shimekichi, die 
Gliickstochter, Senmatsu, tausend Fichten, Chiyo, tausend 
Generationen, Emika, der lachende Gluckwunsch, Umeha, das 
Pflaumenblatt, Umezuru, der Pflaumenkern, oder er wird sie 
„weisser Schnee" oder ,,kleiner Schmetterling* 1 oder „Schild- 
krotenfichte" heissen. 

I 

„Weisser Schnee" oder „ Schildkrfitenf ichte" wird *l«H***n 
an die Gasthauser und reichen Leute der Stadt einen Einfiihrungs- 
brief senden, mit ausserster Sorgfalt auf feines Papier geschrieben : 
„Weisser Schnee" ist TSnzerin im Teehaus Morgensonne und 
empfiehlt sich der Gunst des erhabenen Herm. Sie wird vielleicht 
auch Geschenke mitschicken, Reis oder Handtiicher, auf die ihr 
Name geschrieben ist. Weisser Schnee oder Scbildkrdtenftchte 
wird peisdnlich Besuche in den Gasthdusern und H&usern der 
Reichen machen, begleitet vom Teehausbesitzer, einem Diener, 



Die Geisha 



*53 



der den Sonnenschirm liber sie halt, und einer Magd, die einen 
kleinen Korb nut den Visitenkarten der neuen TSnzerin trdgt. 
So wird sie dahintrippeln durch die schmalen Gassen der Stadt, 
▼erfolgt von de i l&chelnden Blicken der Leute, geschmiickt wie 
eine Prinzessin, die Augen geradeaus gerichtet, und Wohlgeriiche 




▼on Parfiim, Pudet und Lack werden von ihr auastromen. Der 
T eehausbesitzer wird sich vor dem Wirt desGasthofes verbeugen 
und sprecfaen: O erhabener Herr, ich nehme xmr die Kufcnheit, 
Schildkrdtenfichte vorzustellen, eine ganz ausgezeichaete 
T&nzerin, die ich Ihrer hohen Gainst zu empiehlen midi erdreiste. 
Der Wirt wird schliirfen und sich rftuspern und die Herrschaftea 
hereinbitten. Der Teehausbesitzer vkd schliirfen, die Worte 
warden ihm im Hake stecken hleiben. Schildkrotenfichte ward aus 

■ i 

den Getaa schliipfen , die Stolen empor steigen , niederknien und 










*54 



Die Geisha 



sich verbeugen, dass die Stim den Boden beriihrt und man ihren 
prfichtigen Haarschmuck und iSiren kostbaren Giirtel sieht. 

In den nfichsten Tagen wird eine Einladung stattfinden, und 
Schildkrotenfichte wird zeigen, was sie kann. Sie wird nie 
aufmerksamer tanzen als in dieser Stunde. 

Weisser Schnee und Schildkrotenfichte werden dann mit 
Pflaumenblatt und Pflaumenkem im Teehaus Morgensonne leben, 
und Pflaumenblatt und Pflaumenkem werden, wenn sie filter sind, 
ihre Tfinze mit der Sami sen begleiten und sie bevormunden. Der 
dumpfe Klang der Trommel, das Klimpern der Samisen, der Du ft 

T 

▼on Sake, inmitten von Lfirm und Lustbarkeit werden sie dahin- 
leben. 

Gott weiss, was sie in den vielen, vielen Tagen und Nftchten 
tun, da keine Gfiste kommen und das Teehaus verddet ist. 
Meisterinnen im Wachen und Stillschweigen, werden sie wohl 
Meisterinnen im Schlafen und Schwfitzen sein. Sie werden 
an jedem Tag etwas zur t)bung tanzen, singen und spielen, sie 
werden stundenlang in den oden, leeren R&umen kauern und sich 
die Fingerspitzen fiber den glimmenden Kohlen wfirmen und die 
kleine Pfeife rauchen. Sie werden halbe Tage brauchen, um die 
Frisuren zu bauen, und wenn sie schlafen, werden sie sich einen 

k 

schmalen Block ins Genick legen, um diese Frisuren nicht zu 
▼erderben. 

Sie werden Geld einheimsen und es den Eltern bringen, sie 
werden den Sohn des Seidenhfindlers ausplfindem und den Be* 
sitzer des Badehauses ▼ollkommen ruinieren, sie werden Geld 
dem armen Seemann herauslocken, der sich einen schdnen Abend 
gonnen will. Sie werden gehorsam sein und wenn der Gast sagt: 
yoroshii, schon, es ist gut, so werden sie gehen, und wenn er sie 
ruft, werden sie kommen. 

Die Jahre sind gegangen, und was ist aus ihnen geworden ? 
Pflaumenkem hat den Fuss aus dem Schmutz gezogen und einen 
Schirmfabrikanten geheiratet, Pflaumenblatt dagegen widerfuhr 
ein selteneres Gluck, ein Glfick, das nur zweimal in einem Jahr- 
hundert vorkommt: ein reicher Schiffsherr hat sie zu seiner Ge- 
liebten erkoren, er hat ffinfhundert Yen an die Familie gezahlt 
und ihr ein unbeschrfinktes Konto eroffnet. Dadurch erkaufte 



Die Geisha 155 



1 M d 1 Pi 



er ihre Treue, und sie liess sich zum Zeichen, dass sie einem 
einzigen Manne gehore, die Z&hne schwarz beizen. Weisser 
Schnee hat ein lustiges Leben gefiihrt, einige Liebeleien hat sie 
gehabt, eine ernste Leidenschaft mit einem schonen Schauspieler, 

I- 

dann starb sie pldtzlich im Alter von 23 Jahren. Die ganze Tee- 
hausstrasse geleitete sie zu Grabe; an diesem Tage war Morgen- 
sonne geschlossen, am nftchsten Abend aber drdhnte die Trommel, 
die Samisen schrillte, und die Freundinnen wiegten sich wie das 
Schilf und sangen: sassa 70 yassa, und klatschten in die kleinen 
HSnde. 

* 

Schildkrdtenfichte aber hatte weder grosses Gluck noch grosses 
Ungliick. Sie hatte verschiedene Liebhaber, sie tanzte tausendmal 
den Urashima mai und tausendmal den Shaberi Yama-Uba mai. 
Nachdem sie zum Tanz zu alt wurde, spielte sie die Samisen vOn 
ftinfundzwanzig bis dreissig, dann zog sie sich zuruck und wurde 
Agentin fiir Teehliuser und Lehrerin. Sie starb im Alter von 73 Jah- 
ren, und die Teehausstrasse trug sie zu Grabe. Ihre Schiilerinnen 
betrauerten sie, und aa jedem Todestage der Lehrerin tanzten sie 
ihr zu Ehren offentlidh im Theater, ein kleines Holzt&felchen mit 

Schildkrotenfichtes Namen darauf stand auf der Biihne. 

# 

k 

Aus der Schrift fiber japanische Tfinze Sassa yo'Yassa' 4 , die Kellertnann 
nut Zeic hn ungen von Walser im Verlag von Paul Cassirer berausgibb 






1 t 



Corriger la fortune I 




Corriger la fortune! 

i 

•d 

Aus der Feinfuhligkeit der Borse fur Verinderungen im 
Wirtschaftsleben etwa zu folgern, dass sich In den Schwankungen 
ihrer Tendenz ein entsprechender Wechsel der Geschhftslage in 
der Industrie widerspiegelt, wire ein naives Beginnen, auch 
wenn man die nicht selten iiberschatzten Einfliisse politischer 
Verging* auf ihre Haltung aosreichend beriicksichtigt. Auto- 
matisch vollzieht sich die Kursbewegung nun einmal nicht, 
geraume Zeit hindurch kann sie schon etwas wiUkiirlich gemeistert 
werden , die Regie ist gar nicht schwer. Ohne erhebliche An- 
strengungen sind die Banken imstande, der Bbrse das Geprige 
der ((Festigkeit** zu geben, wenn, wie gegenwirtig, nach panik- 
artigen R&ckgingen die Spekulation eingeschrinkt ist und keine 
drohende Furcht vor folgenschweren Ereignissen besteht. Immer 
linden sich Schichten des Publikums, die aus jeder Kurs- 
besserung die Hoffnung ziehen, eben erlittene Verluste wieder 
einholen zu kftnnen, und sich durch jede gttnstige oder nur 
g&nstig scheinende Nachricht aus der Industrie bestimxnen 
lessen, ihr Gluck von neuem zu versuchen. Diesen Bediirfnissen 
kommtdie Be richterstattung aus der Industrie 
sehr zugute. Fast j eder Tag bringt neue Rekordzif fern der Eisen- 
produktion, die Roheisenerzeugung steigt, die Produktion von 
Stabeisen, Blechen , Draht und Rihren nimmt kolossale Dimen- 
sionen an, sie ist sogar erheblich grosser als die Beteiligung der 
g ro a sen Untemehmungen am Stahlwericsverband, obwohl Ihr 
jede Ueberschreitung der vereinbarten Quoten Strafabgaben zu 
entrichten sind. Mit diesen Rekordziffern wird ein bedenklicher 
Kult getrieben, sie gelten unkritischen Lesern nachgerade als 
untrugliches Zeichen einer vorwartsstiirmenden Konjunktur. 
Aus der gegenw&rtigen Beschkftigung der Eisenindustrie ergibt 
sich ffirs erste wenig fur die wirtschaftlichen Aussichten selbst 
der allemftchsten Monate, dann aber miissen die Rekordziffern 
schon deshalb vorsichtig aufgenommen werden, weil bei den 
fiihrenden Werken das Verfangen nach erhohten Beteiligungs- 
mengen angesichts der Erneuerungsverhandlungen des Stahl- 
werksverbandes zu einer krampfhaften Erweiterung der Pro- 
duktion geftihrt hat. In einem fortwdhrend steigenden Masse 
sieht sich die deutsche Eisenindustrie auf den Exportabsatz an- 
gewiesen, der heiss umstritten wird, da auch die Eisenproduktion 
der anderen Linder in stetiger Ausdehnung begriffen ist. 

Amerika hat sich als Heifer in der Not eingestellt, es 
lieh nach Deutschland Gelder aus, die nicht unwesentlich zur 
Er leichterung des Geld mark tes beitragen. Stolz 




i 



Corriger la fortune I 157 



wird die so beeinflusste Gestaltung der Geldverhaltnisse als die 
Bestatigung ruhiger Entwicklung ausgegeben. Abgesehen da von, 
dass das Aussehen des Geldmarktes bis Ende des Jahresnoch 
leicht eine Verschlechterung erfahren kann, wird von den Volks- 
wirten der Borsenpresse und ihren Lesern ganz zu unrecht 
angenommen, die Vermeidung einer Geldteuerung sei identisch 
mit der Verhiitung eines industriellen Niederganges. Niemals 
haben die bedeutenden Industriewerke ihre Produktion ver- 
ringem miissen, weil sie kein Geld Oder Geld nur zu teuren 
Preisen erlatlgen konnten, sondern alfein unter dem Druck 
einer schon erfolgten Uberproduktion schritten sie dazu. Dass 
iibrigens Amerika Geld ausleihen kann, w&hrend es in der Hoch- 
konjunktur von 1907 die Gelder der ganzen Welt an sich zog, 
ist ein deutliches Symptom ftir die Stodkung der grossen Industrie 
in der Union, die nach der landlaufigen Auffassung der Bbrsen- 
presse iiber Zusammenhange von Geldteuerung und Krise bei 
dem dort herrschenden Geldiiberfluss l&ngt einen rapiden Auf- 
stieg h&tte erfahren miissen. Sehr intensiv hat sich bisher 
bereits die Konkurrenz des amer&anischen Stahltrusts auf dem 
Weltmarkt bemerkbar gemacht, sie wurde sich bald weiter ver- 
schSrfen, wenn die verschiedentiich behauptete Besserung der 
internationalen Eisenpreise andauem sollte. Die Zahlen iiber 
die amerikanische Eisenausfuhr sprechen eine beredte Sprache. 

Von der kartellierten Industrie will man die Borse als 
Wirtschaftsbarometer meist nur gelten lassen, worm 
gutes Wetter angezeigt wird. Ffillt die Quecksilbers&ule dimes 
Wirtschaftsbarometers, dann soil man nach den Kartells timmen 
darin nur die Mache einer ziigellosen Spekulation erblicken. 
Gegenwdrtig sind die Kartellisten mit der Haltung der Borse 
ganz einverstanden, da sie das naheliegende Interesse haben, 
ebensosehr ihre Aktien wie ihre Fabrikate zu hohen Preisen 
an den Mann zu bringen. Auf den Hausseton sind alle Er- 
kl&rUngen der Verwaltungen unserer fUhrenden Montanwerke 
gestimmt, die Syndikatsberichte vollends schilder n die Situation 
in den leuchtendsten Farben. Quellen objektiver Wirtschafts- 
berichterstattung sind Syndikatsberichte ganz gewiss nicht; aus 
den Erfahrungen, die man mit ihnen vor und wdhrend der letzten 
Krisis gemacht hat, ergibt sich nicht nur das Kecht, sondern die 
Pflicht, sie mit dem sch&rfsten Misstrauen aufzunehmen. Wihrend 
der Riickgang 1907 schon lfingst eingesetzt hatte, verdffentlichten 
die Syndikate fortgesetzt Marktberichte, die die VerhSltnisse als 
unverSudert giinstig bezeichneten und die ferneren Aussichten 
ebenso optimistisch beurteilten. Ruhige und vorsichtige Unter- 
suchungen fiihrten zu der Ueberzeugung, dass dieseBerichte 




158 Corriger la fortune ! 



bewusst unwahr gewesen sind , denn die rosigen Schilderungen 
waren unvereinbar mit der Abnahme der Bestellungen, die ausser- 
halb der Syndikatsbureaus naturlich erst nach Monaten zahlen- 
massig zu erkennen waren. Mit derartigen Machenschaften 
wurde bezweckt, die Abnehmer zuweiteren Bestellungen anzu- 
reizen die auf Bedarf der Hochkonjunktur zugeschnitten waren. 

Das Geddchtnis der Oeffentlichkeit ist schlecht, sie mfisste 
sich sonst besser an jene viel beklagten Vorgfinge erinnern. 
Besonders arg trieben es die Eisenkartelle, doch auch die 
,,Unebenheiten“ des Rheinisch-Westfalischen Kohlensyndikats 
in der Berichterstattung fiber die Marktlage verdienen der 
Vergessenheit entrissen zu werden. Im Juli 1907 veroffent* 
lichte das Kohlensyndikat (wie inuner durch Wolffs Telegraphen- 
bureau) seinen Ausweis fur den vorangegangenen Monat. In 
dem Bericht wurde ausgeffihrt, dass durch den gesteigerten 
Selbstverbrauch der Mitglieder und durch die Erffillung be- 
stehender Verkaufsverpf lichtungen die Kohlenknappheit andauere. 
Zum Schluss war hervorgehoben, die gfinstige Geschaftslage 
fast alter einheimischen Industriezweige lasse auch im kommenden 
Monat einen lebhaften Absatz erwarten. Nun konnte ein Handels- 
blatt damals den Juniausweis des Syndikats in ungekfirzter 
Form veroffentlichen, die von dem offiziellen Text auff&llig 
abwich. In diesem Sonderbericht fand sich die folgende, bei Wolff 
vergessene Erklarung der Syndikatsleitung: „ Die Nach - 
frage in der letzten Zeit verlor ihren stfirmischen Charakter, und 
anscheinend hat namentlich auch von seiten der Eisenindustrie 
eine etwas ruhigere Beurteilung der Bedarfslage Platz gegriffen.“ 
Drei Monate spater war die Krisis in voller Entfaltung. Ihre 
deutlichen Anzeichen abzuleugnen, hatte das Syndikat fur eine 
Aufgabe seiner Wirtschaftsberichterstattung gehalten. 

Bei der marktbeherrschenden Stellung der grossen Syndikate 
wird die Irreffihrung fiber die Marktlage durch Verschweigen 
wich tiger Tatsachen Oder durch Veroffentlichung unwahrer 
Angaben zu einer Gemeingefahr. Das mittelalterliche Recht 
kannte gegen ahnliche Gepflogenheiten keine Toleranz, am 
Ende des 14. Jahrhunderts bestimmte das Berliner Stadtbuch, 
dass man Verrater und Mordbrenner oder alle, die ihre Bot- 
schaft zu ihrem Frommen benutzen, radebrechen solle. Zum 
Schutz des Gemeinwesens liesse sich eine Uebernahme jener 
Bestimmung des alten Berliner Stadtbuches in unser Straf- 
gesetzbuch schon rechtfertigen. Radebrechen ist eine etwas harte 
Strafe, sie konnte aber schliesslich durch Zwangssanatorien oder 
Geldstrafen von zoo 000 Mark und darfiber hinaus humanisiert 
werden. KRITES 



i 



Das Berliner Vieh ' 159 



DAS BERLINER VIEH 

Em neues Ratfaaus in Berlin. Die grosse Halle soil das Wappentier 
Berlins schmficken, der Bdr. Der Stadtbaumeister, Herr Hoffmann, 
sucht den Bildhauer, der wfirdig wire, den Berlinem ihr Tier 
zu s chaff en. WSre es enger Lokalpatriotismus, wenn er zundchst unter 
den Berliner Kunstlem sich umt&te ? Find er einen, der es so gut macht 
wie ein ,,ausw&rtiger“, warum denn nicht lieber der , ,einheimische‘ 1 ? 
Kirchenpolitik wire es, gibe es im Reiche ein Genie, in Berlin nur unfihige 
Lehmkneter. Baurat Hoffmann findet den Einheimischen nicht — Herr 
Wrba erhalt die ffinfzigtausend Mark. 

August Gaul lebt in Berlin. Der Stadtbaumeister ist zu beschiftigt; 
er muss so viele italienische Photographien beschauen, er hat keine Zeit, 
die lebendige Kunst rings um sich herum zu sehen; er kennt die Kunst 
Gauls nicht, weiss nicht einmal, dass Wrba kein Bildhauer, sondem der 
Inhaber einer plastischen Fabrik ist, eines Grossbetriebes mit vielen Ar- 
beitem, dass a us seinem ,, Atelier “ seit Jahren nichts herausgekommen 
ist als verst einerter Lebkuchen. 

Der geduldige Berliner, der sich seiner Pflicht als Bfirger der Reichs- 
hauptstadt bewusst ist, der weiss, dass Krotoschin den Krotoschinern 
und Gundelfink den Gundelfinkem gehort, seine Stadt aber den Deutschen, 
— schweigt. Er findet es wohl nicht recht, was da der Herr Stadtbaurat 
treibt, aber er sagt nichts: nur nicht kleinstadtisch sein, nicht dem engen 
Lokalpatriotismus verf alien. 

Jahrelang geht es so weiter. Die Kiinstler murren. Die Redaktionen 
i Alien sich mit Klagen. Die Antwort: ,,Wir sind keine Berliner, wir sind 
Reichshauptstidter/ ' — Das neue Rathaus wird erSff net. Erstaunt sieht 
der Besucher die Wfinde beklebt mit Dingen, die aussehen wie in Plastik 
fibersetzte Speisekarten des Lowenbr&u. Darauf erfolgt ein allgemeines 
Schfitteln des Kopfes. Wirklich ; sind Tuaillon, Gaul, Klimsch, Lederer, 
Barlach und andere schlechter als Taschner, Rauch, Nager? Was 
geht uns Berlin Oder Mfinchen an? was uns angeht, ist die Frage: 
warum beschllftigt man nur unselbst&ndige, unbedeutende Kiinstler , 
Kfinstler, die einen Stiefel (,, Stil' * sagt der Stadtbaurat) schustem, und 
nicht einmal i h r e n Stiefel — nein, nach Herm Hoffmanns Leisten 
musste geschustert werden. 

Vielleicht wfire es bei dem Schfitteln des Kopfes geblieben, und das 
n&rrische Gerede „Wieviel mehr Kfinstlertum zu der str engen Unter- 
ordnung unter Raum imd Stil notwendig ist“ h&tte weiter gesurrt. 

Aber der Bari 

Vor ihm senkte Hoffmann selbst besch&mt das mfide Bureaukraten- 
hauptund — es ging nicht anders — er musste es zugeben: Donnerwetter ! 

Endlich fand Fritz Stahl ein paar Worte des Tadels, endlich, gegen 
den trockenen B&rokraten, der nicht besser und nicht schlechter als sein 
Vorginger Blankenstein die Bauten der Stadt Berlin besorgt. Aus 
Mfinchen erhielt er die nicht liebliche Antwort: Clique Cassirer, die Fall- 
stricke des , ,schlauen Hindlers' 4 . Stahl wundert sich fiber die grobe 
Antwort ; er hatte nicht bedacht, dass er mit seinem Tadel das Mfinchner 
Geschftft bedroht, und dass heute im Mfinchner Jouraalismus sich 



i 



S. Fischers 35 Jahre 



160 



Schreiber breit machen, die ihre Aufgabe darin erblicken, die ritter lichen 
BeschQtzer der Mfinchner Fremdenindustrie zu sein. Stahl lisst sich nicht 
einschhchtern. Er wagt es, wagt zu antworten. Na warte, jetzt konunt der 
grosse B ruder zu Hilfe, der treuherzige, schlichte, biedere Tanti£men- 
iresser Ludwig Thoma. 

Er hatte gerade Zeit; eben war seine letzte Dichtung vollendet : 
„Lottchens Geburtstag 44 . Das schone alte Rezept: der zerstreute Gelehrte, 
der schhchteme Liebhaber, das resolute M&dchen — aber ach — wie 
modem, beinahe unanst&ndig, und doch: man kann hingehenl — die 
sexuelle Aufkl&rung. 

Spassmacher erh&lt seinen Lohn. Aber der Dienst des Herm Publictas 
ist schwer. Immer nach der Fldte tanzen, Mttndchen spitzen, Acht geben, 
gef&llts — ja ? Nicht zu imanstflndig — nein ? Gemutlich — ja ? FUegende 
Blotter gehen wieder — so ? Na, dann nicht, keine Simplizissimuswitze. 

Armer Thoma 1 Ich verstehe gut, wieviel Vergnugen Sie empfanden, 
mal das Maul wieder ▼oil zu nehmen und zu schimpfen, grolen, schrcien. 
Ach, das macht SpassI Von Gauls Werken als von „nach agyptischen und 
indischen Mustern (!!) geschickt zusammengebastelten Werken 14 an 
sprechen I Und dann macht es auch den Mhnchnern Spass, macht populir. 

Das allein ist das Ernste an der Clownepisode. Hoffmann warden 
die Berliner Khnstler wohl jetzt den Kitsch der Taschner, Wrba und 
Konsorten abgewShnen. Das wird erledigt. Die Rhpeleien des beh&bigen 
Herm, der sich zum Bade- und Vergnhgungskommissar der Mfinchner 
Fremdensaison w&hlen lassen sollte, sind nur possierlich. Erast ist bloss, 
dass er versucht, MQnchen gegen Berlin zu hetzen, und dass ihm das 
▼ielleicht gelingen wird. Es handelt sich aber nicht urn M&nchen und 
Berlin. Es handelt sich um einen Streit zwischen Lebkuchenfabrikation 
und BildhauereL Beide Branchen haben ihre Vertreter in den zwei 
Stfidten. 

Noch ein Wort zur Rechtfertigung Hoffmanns: 

Tuaillon, Gaul, Lederer, alle drei sollen seine Auftrgge Hanfc»cui ab- 
gelehnt haben, bis er verspricht, das schone Wort „Archttektutplastik 4 4 
niemals mehr zu gebrauchen. t ,# ** ___ ^ C. 

S. FISCHERS 25 JAHRE 

Da nun schoa einige Zeit ▼ergangen ist, seit freundlichst emgdadene 
Gdste einem ffinfundzwanzigjdhrige Arbeit mit Recht Fe iemd e n zwischen 
Homard a l’americaine und Schmorbraten statt Gliickwiinschen innerlich 
unsichere Betrachtungen fiber den Wert seiner Lebensleistung mitgeteilt 
ha b en , darf man, weder durch selbstverst&ndlichen Anstand gegen fiber 
Gastf reundhch keit noch durch Hoffnungen auf Verlagsfdrderung ge- 
hemmt, einige Sfttze fiber die Bedeutung des Herm Fischer, seiner Mit- 
arbeiter und seiner Gruppe sagen. 

Er selbst ? Wenn je, war’s hier eine nxflssige Frage nutzlos nachdenUtch 
werdender Bankettgitete, ob er seinen Autoren, sie ihm mehr zu 
haben. Eines ist gewiss: der Mann, dem das und jenes an Kultttr 
fehlen mag, was jene haben, ffir die er schon Torgearbeitet hut, 
hat ffir unsere Entwiddung mehr zu bedeuten als alle die Werke non 



i6i 



S. Fischers 25 Jahre 



etna h undertun da chtzig unter den zweihundert Autoren, ffir die daa 
dicke J ubil&umsbuch nun wieder mit Fischers Kraft Wege, Resonanz 
sucht. Der Mann hatte Mut, Fleiss, die Begabung das Wesentliche in 
der Produktion zweier Jahrzehnte mit seiner Aktivit&t zu befruchten. 
Er hatte, was die einhundertachtzig nicht haben, Freude am Schaffen 
der A n d e r e n , Hingebung ffir die Werke, die jene aus ihrem Bedfirfnis, 
ihren Naturen folgend taten. Und gerade d i e s e Eigenschaft ist in unserer 
Zeit so selten, dass sie tausendmal mehr wiegt als sdiw&chliche Talente 
und die miihsame Bastelei der „kultivierten Personlichkeiten* ' . Das 

Werk des Verlages S. Fischer, das man bei Gelegenheit dieses Buches*), 
nach rechts und links, oben und unten gut fiberschauen kann, ist in dem 
Verstande das Werk dieses einen Mannes, als er die Beziehung genialer, 
talentierter, auch mittelmassiger und erzwungener Literatur zum wirk- 
lichen Leben herstellte. 

Anders fillt die Antwort auf die Frage aus, was die Tfitigkett dieses 
Verlages, dieser Gruppe fur u n s e r e Zeit bedeutet Die Bficher ? Es 
gibt grosse und erkfinstelte Leistungen unter ihnen. Von der Ernte der 
letzten Jahre vieles, was mir zu gleichgiiltig, zu wenig frisch ist. Der 
Abstand zwischen Ibsen, Hauptmann und den — anderen entspricht 
der wohl unvermeidlichen Erscheinimg, dass jede Unternehmung, eine 
wo. Geistiges und Materielles verkntipft ist, natQrlich noch mehr, 
an einen toten Punkt kommt. Wenn nimlich der Erfolg, die S&ttigung 
da ist. Man sieht das am besten an dem Organ des Verlages, der „Neuen 
Rundschau**, fiber die in dem J ubil&umsbuch ein wenig zu riel gesprochen 
wird. Hier zeigt sich, dass Reichtum an Beziehungen zu unserer 
Welt, der die schdnste Eigenschaft der friiheren Fischerbficher war, 
nicht mehr besteht Wenn die friiheren starken Produktionen dieses 
Verlages Revolution nach Neuem, jene Wirkiichkeitsnahe, die mit 
Naturalismus nichts zu schaffen hat, in der Kunst begehrender Naturen 
war, so ist die Revolution der Neuen Rundschau von heute (und dam- 
mit auch der neuen Manner dieses Verlags uberhaupt) Gouvemanten* 
revolution. Warum soil ich es nicht aussprechen, da ich gewiss bin. 
dass Herr Fischer, den ich ffir eine viel kr&ftigere Personlichkeit halte 
als seine kultivierten Heifer, der erste sein wird, mir recht zu geben ^ 
Es gibt heute eine Generation • — nicht nur von Literaten, das wire gleiclw 
gfiltig — , die des ewig gleichen Tones miide ist. Die das Spielen mit 
Worten, die Kunst des Rundherumschreibens urn die Dinge, die uns was 
angehen, diese Angst vor, jeder Kraft und Realit&t nicht mehr ertragen 
kann. Menschen, denen sogar ein wenig Brutalit&t hochwillkommen 
wire statt der feinen Manier, die kokett-bescheiden iiberall gerecht 
sein will und in den zierlichsten Bibelotworten jedem Anlass gegen* 
fiber nur die gleiche Mitteilung herausbringt, dass die Sadie auch eine 
andere Seite hat und Schreiben — Schreiben ist (Leider? Gott sei 
Dank!) Wir mochten statt all der Halbtone und Nuancen nun neue 
Farben. Dieses Violett haben wir nun zu oft genossen. Wir bitten 
urn Gelb oder Grfin an Stelle der Variationen in ewig gleichem Stil 
fiber nicht allzu verschiedene Themen. Im fibrigen isfs ein l&ngst 
bdoumtes physiologisches Gesetz: Reizwechsel bringt Lust, selbst wenn 

*) Das XXV. Jahr. S. Fischer Verlag. Berlin 1911. 



1 63 



Unzunltige Theaterkritik 




der neue Reiz nicht ganz so vomehm ist wie der von vorgestem. Man 
mochte erschrecken oder doch wenigstens erstaunt sein fiber 

eine Erscheinung in diesem so gebildeten Kreise. Das Violett haben 
wir satt. Wir bitten um eine andere Far be. 

unzUnftige theaterkritik 

Bei der Premiere des Trauer spiels Gudrun von Ernst Hardt 
ein grosser Erfolg. Gerade diesem, doch recht charakteristisch zusammen- 
gesetzten Publikum des Lessingtheaters geiiel die Hardtsche Umformung 
des Gudrunstoffes, weil so recht poetisch und in gar so schoner Sprache 
vorgefiihrt wird, wie ein teutsches Weib Treue halten kann, selbst wenn 
eine bose gute Mutter sie durchaus ins Bett des „goldenen Sohnes* * dr&ngt, 
ja selbst wenn es in ihr noch so nach diesem goldenen Konig ,,glutet“. 
Nur, weil eben ein deutsches Weib sich nicht und nicht zwingen l&sst, 
deutsche Treue deutsche Treue ist und es nichts mehr zwischen einMn 
biondzdpfigen Wesen und einem Normannen geben kann, wenn ein DSne 
eine Viertelstunde fruher da war, und die Sprode sich ihm nach ein wenig 
Schwerterklirren ergeben hat. Trotzdem — vielleicht sollte ich ganz 
einfach eingestehen, dass ich kein Recht habe, fiber diese Angel egenheit 
zu schreiben und in den Jubel fiber die poetischen Worte meine Nfichtern- 
heit zu mischen. Denn ich gestehe, dass mich alle diese Dinge nichts an- 
gehen. Namlich, was eine deutsche Heldin tut, wenn sie a us ihrer Burg 
geraubt wird, wenn sie statt Konigin des K&nigs, den sie liebt, zu sein, lieber 
WSsche waschen und sehr viele Worte dazu reden will und so weiter. 
Mir ist das Theater nicht mehr und nicht weniger als ein Stfick Leben. 
Ich seh’s nut so viel und so wenig Demut an wie den Streik in der Damen- 
konfektion und die neuen Hutmoden. Was im Theater auf mich wir ken 
soli, muss jene starke Beziehung zu unserer Ezistenz haben, die weder 
von der Grosse des Stoffes noch von dem „Poetischen‘ * , von ein paar 
guten Versen abh&ngt, sonde m, banal gesagt, bedeutet: So kann’s dir 
auch ergehen 1 

Dieses Geffihl kam mir bei der Hardtschen Gudrun nie, wahrend 
das alte Gudrunlied, sowie das Nibelungenlied und die Odyssee es immer 
weckt. Also liegts doch wohl nicht am Stoff, sondem daran, ein 
geradliniges, ewiges, herbes Motiv, der Widerstand der Frau gegen den, 
der sie zwingt, hier versfisslicht, freundlicher gesagt mit Psychologischem , 
Ethischem, Geffihlsm&ssigem verquickt wird, das dem Urstoff ganz 
fremd ist. 

Die Frau und der Mann, die miteinanderk8mpfen, die gehen mich was 
an. Der Mann, der mit einem andem Mann um eine Frau, die Frau die 
mit einer andem Frau um einen Mann k&mpft, sind meinesgleichen. Aber 
die Frau, die gerne mochte, aber ,,65" nicht tut, weil sie Einem, den sie 
▼or einer Viertelstunde noch gar nicht gekannt hat, was zugeschworen hat, 
und der Mann der solcher Jfingferlichkeit des ,, Sich- nicht- zwingen- lassens" 
nur, mit Fassungslosigkeit und Worten beikommen will, die sind mir fremd 
und uninteressan t. Was an diesem Abend zu mir sprach, war : was Frau 
Triesch die Art des Stfickes durchbrechend fuhlen liess: dass ein Mensch 
n&nlich alles ohne Ethik aus seinen Instinkten heraus tut, um dem 



4 



Liigt doch nicht so ! 




Blutnachsten und damit sich selbst Lust zu schaffen* Aber das war eine 
Wirkung, die mit der Romantik Hardts sicher nichts zu tun hatte. Viel- 
leicht auch wenig mit dem, was man Schauspielkunst nennt. Mehr als 
dieses Trauerspiel und seine Autfuhrung aber interessiert mich, dass dieses 
Stuck sehr stark gewirkt hat. Auf die Leute, die ich sonst doch auch in 
ihren f unser aller Lebensfunktionen mehr oder weniger heldenhaft, mehr 
oder weniger abenteuerlich oder verniinftig handeln sehe, vor allem aber 
immer nur dem folgen, was ihnen gerade die starkste Lust verspricht. 
Und die jubelten nun zu einer Angelegenheit, mit der ihre Natur gar 
nichts zu schaffen hat. Dies eben ist die Wirkung einer gewissen Fulle 
schoner Worte und einer Entfaltung von einigen Kilowatt Edelsinn: 
Die Leute wollen auf der BOhne sehen, was sie im Leben nicht haben. 

In der „Kassette“, dem Lustspiel Stemheims, um das sich einen 
Abend lang, weil sie angeblich eine schone Erbschaft enthfilt, die Leute 
auf der Btihne rauften, war mir zu wenig Geld drin. Wegen funftausend 
Mark Zinsen reisst ein ebensoviel verdienender Gymnasialprofessor seiner 
Tante die Zdpfe nicht vom Kopf, gibt ein mehr verdienender Photograph 
(der noch dazu kunstlerische Lichtbilder macht, was ich gar nicht leiden 
kann, und erstaunliche Quantit&ten von Liebe entwickelt) seine Lebens- 
wunsche nicht auf. Es kiingt wie ein schnoder und pedantischer Spass, 
dass mir die Erbschaft zu klein ist, um diesen Aufwand von Leiden- 
schaften zu rechtfertigen. Den Zuschauer, der in den Kammerspielen 
zwischen Damen in sehr teuren Kleidern auf dem wifklich zu bequemen 
Zehnmarkfauteuil sitzt, kann aber die Aufregung gefoppter Erbschleicher 
erst dann erschiittern oder belustigen, wenn sie aus einer Realitdt ersteht, 
die auch i h m eine ist, oder ihre Voraussetzungen und Dimensionen phan- 
tastisch sind. Reden aber die Menschen oben so als ob sie sich selbst ver- 
hohnen und handeln so, als ob sie nicht einander, sondern sich selbst aus- 
lachen, noch b e v o r sie von der Biihne abgegangen sind, so rechne ich 
immer mit, was die 4 °/« Zinsen von den 140 000 Mark, die sie nie be- 
kommen werden, denn eigentlich ausmachen und bekomme immer 
heraus: Es ist zu wenig. 

Kurz, es ist schon schwer, einem Theaterbesucher es recbt zu machen, 
iiir den das Theater nicht das Um und Auf des Lebens ist. 

LUGT doch NICHT SO ! 

Ein Herr, von dessen kunstlerischen Fdhigkeiten wir nichts wissea 
und der in Munchen ein Komodienhaus leitet, hat einer T&nzerin, von 
deren kunstlerischen Fihigkeiten wir nichts wissen, sein Hans iiir ge- 
schlossene AuffOhrungen verpachtet, sie dann auch vor grosserem 
Publikum nackt tanzen lassen, und der Mhnchner Polizeikommissar war 
so ungeschickt, das fflr eine wichtige Angelegenheit zu halten, die Vor- 
stellung zu unterbrechen und einen Riesenl&rm in Miinchner Kreisen, 
die sich wohl sehr langweilen, und der Presse zu erregen. Ich glaube 
wahrhaitig nicht, dass wir hier als Verteidiger polizeilicher Bevormundung 
betrachtet werden. Nur — man antwortet den Herren von der Polizei 
und Regierung auf solches Tun falsch, wenn man sich aufregt und von 
dem „rein dsthetischen Genuss", der da gefibt werden sollte und durch 




Der Nutzen der Kunstler 165 



Der Nutzen der Kunstler 

Gesprache von AUGUSTE RODIN 

1st es Ihnen aufgef alien, dass in der modernen Gesellschaft 
die Kunstler, ich meine natiirlich die wirklichen Kunstler, die 
einzigen Menschen sind, die ihren Beruf gem ausiiben? 

. . aber . . 

Halt 1 Nur . ruhig 1 Was unseren Zeitgenossen so gut wie 
ganzlich fehlt, ist, wie mir scheint, die Liebe zu ihrem Beruf. 
Sie arbeiten nur mit Widerwillen. Sie pfuschen gern. Dem ist 
uberall so, auf der ganzen sozialen Stufenleiter, von oben bis 
unten. Die Politiker fassen bei der Erfiillung ihrer Amtspflichten 
nur die materiellen Vorteile ins Auge, die sie daraus ziehen 
kdnnen, und scheinen die Genugtuung, die die grossen Staats- 
mftnner fruherer Zeiten empfanden, wenn es ihnen gelungen 
war, die Angelegenheiten ihres Landes geschickt zu behandeln, 
gar nicht zu kennen. 

Die Industriellen suchen nur mit schlechten und gefalschten 
Erzeugnissen so viel Geld als moglich anzuhaufen, anstatt die 
Ehre ihres Unternehmens hochzuhalten ; die Arbeiter, von einer 
mehr oder minder berechtigten Feindseligkeit gegen ihre Arbeit-, 
geber erfullt, erledigen ihre Aufgaben in gewissenloser Weise. 
Heute scheinen fast alle Menschen die Arbeit als eine abscheu- 
liche Notwendigkeit, als eine fluchwurdige Last zu betrachten, 
wahrend sie als ein Gluck fur uns, als unsere Daseinsberechtigung 
aufgef asst werden miisste. 

Uebrigens hiite man sich, zu glauben, es wdre immer so ge- 
wesen. Die meisten Dinge, die uns aus fruherer Zeit geblieben 
sind, Mdbel, Hausgerat, Stoffe, beweisen eine grosse Gewissen- 
haftigkeit derer, die sie herstellten. 

Der Mensch arbeitet gut und schlecht ; ich glaube sogar, dass 
die erste Art ihm mehr zusagt, weil sie seiner Natur mehr ent- 
spricht. Aber er hort bald auf die guten, bald auf die schlechten 
Ratschlage, und gegenwartig gibt er zweifellos den schlechten 
den Vorzug. 

Und doch, wieviel gliicklicher wurde die Menschheit sein, wenn 
die Arbeit, statt ein Mittel, das Dasein zu fristen, sein innerster 
Zweck ware 1 

Diese wunderbare Veranderung konnte nur eintreten, wenn 
alle Menschen das Beispiel der Kunstler befolgten oder hesser, 
wenn sie sich selbst in Kunstler verwandelten. Denn dieses Wort 
in seiner umfassendsten Bedeutung bezeichnet fiir mich alle, die 
an dem, was sie tun, freudigen Anteil nehmen. Es ware also .zu 

12 



( 






1 66 Der Nutzen der Kiinstler 




wiinschen, dass es in jedem Beruf Kiinstler g&be : Zimmer- 
leute, die gliicklich sein miissten, selbst ihre einfachsten Arbeiten 
kiinstlerisch auszufiihren ; Maurer, die Gips und Mortel mit 
Liebe zubereiteten ; Fuhrm&nner, die stolz darauf sein miissten, 
Pferd und Wagen gut zu behandeln und auf die Fussg anger nach 
Moglichkeit Riicksicht zu nehmen. Das g&be eine wunderbare 
Gesellschaft, nicht wahr? 

Sie sehen also, dass das Beispiel der Kiinstler bei alien iibrigen 
Menschen herrliche Friichte tragen konnte. 

, w 

Womit jedoch wollen Sie schliesslich den Nutzen 
der Kiinstler einwandfrei beweisen . . . . ist nicht die Arbeit 
selbst, die sie leisten, durchaus unniitz? . . 

Mein lieber Freund, man t&uscht sich meistens iiber das, was 
iiiitzlich und was unniitz ist. Wenn man das, was den Bediirfnissen 
unseres materiellen Lebens entspricht, niitzlich nennt, so sage ich 
ja. Aber heute betrachtet man auch die Reichtiimer als niitzlich, 
die einzig zur Befriedigung der Eitelkeit und zur Erregung des 
Neides zur Schau gestellt werden. Diese Reichtiimer sind nicht 
nur unniitz, sondern geradezu Hindernisse schlimmster Art. 

Ich nenne alles niitzlich, was uns in einen gliicklichen Zustand 
versetzt . Nun gibt es auf der Welt nichts, was uns gliicklicher 
macht, als Vergeistigung und Phantasie. Das vergisst man heute 
gar zu sehr. Der Mensch, der, vor alter Not in Sicherheit, wie ein 
Weiser zahllose Herrlichkeiten geniesst, die jeden Augenblick 
▼or seinen Augen und seinem Geiste erscheinen, wandelt auf 
Erden wie ein Gott. Er berauscht sich an dem wunderbaren 
Anblick schoner, kraft- und saftstrotzender Geschopfe, die vor 
seinen Blicken ihren ungestiimen Tatendurst entfalten ; beim 
Anblick stolzer Vertreter des Menschengeschlechts und des Tier- 
reichs, junger Muskulaturen in Bewegung, wundervoller, leben- 
diger, geschmeidiger, schlanker und feinnerviger Organismen ; 
er fiihrt seine Freude in die T&ler und auf die Hiigel, wo der 
Friihling mit reichstem Bl&tter- und Bliitenschmuck, mit den 
siissesten Wohlgeriichen, dem Summen emsiger Bienen, dem 
Rauschen breiter Fliigelschl&ge und mit Kl&ngen yon Liebes- 
liedern die ▼erschwenderischsten Feste feiert ; er ergotzt sich 
an dem silbernen Gekr&usel, das wie ein L&cheln iiber die Wasser- 
flache der Fliisse huscht ; er ger&t in Entziicken, wenn er be- 
obachten kann, wie Apollo, der strahlende Gott, sich bemiiht, die 
Wolken zu zerteilen, die die Erde im Lenz zwischen sich und 
ihm aufrichtet, einer schamhaften Geliebten gleich, die zdgert, 
sich zu enthiillen. 

Welcher Sterbliche ist begliickter als er? Und da die Kunst 



i 




Der Nutzen der Kiinstier 




uns solche Freuden wiirdigen und geniessen lehrt, wer will da 
noch leugnen, dass sie unendlich niitztich ist? 

Aber es bandelt sich nicht nur uxn intellektuelle Genusse. Es 
handelt sich um weit mehr. Die Kunst verkiindet den Menschen 
ihre Daseinsberechtigung . Sie enthiillt ihnen den Sinn des Lebens, 
sie kldrt sie iiber ihre Bestimmung auf und lasst sie in ihrer 
Existenz sich zurechtfinden. 

Wenn Tizian eine wunderbar aristokratische Gesellschaft malte, 
in der jedes Mitglied auf seinen Ziigen, in seinen GebSrden, an 
seinem Kostiim den Stolz eines scharfen Verstandes, der Autorit&t 
und des Reichtums verriet, stellte er den Patriziern von Venedig 
als Muster das Ideal bin, das sie zu verwirklichen wunschten. 

Wenn Poussin Landschaften komponierte, worm die Vernunft 
zu herrschen scheint, so klar und majestatisch ist in ihnen die 
Anordnung, — wenn Puget seine Heldenleiber schuf, — wenn 
Watteau seine entziickend feinen, wehmiitig triumerischen 
Schaferpaare im verschwiegenen Schatten dichten Laubes, Liebe 
tauschend, barg, — wenn Houdon Voltaire l&cheln liess und die 
Gottin der Jagd, Diana, auf flinke Fiisse stellte, — wenn Rude 
in seiner ,, Marseillaise" Greise und Kinder zum Schutze des 
Vaterlandes herbeirief : so schufen diese grossen franzosischen 
Meister nacheinander Spiegelbilder unseres nationalen Geistes, 
die einen den Sinn fur schone Anordnung, Energie und Eleganz, 
die anderen Verstand und Heroismus, alle Lebenslust und freudige 
Bereitschaft zu freier, ungezwuflgener Bet&tigung. Und so ver- 
korpert uns Franzosen ihr Werk die wesentlichen Merkmale 
unserer Rasse. 

Hat nicht der grosste Kiinstier unserer Zeit, Puvis de Chavannes, 
sich bemiiht, uns die sanfte Heiterkeit nahezubringen, die unser 
alter Sehnsucht ist? Sind seine erhabenen Landschaften, worin 
die heilige Natur an ihrem Busen eine liebende, fromme, hehre 
und einfache Menschheit zu wiegen scheint, fur uns nicht wunder- 
bare Quellen der Belehrung? Hilfe fur die Schwachen, Liebe 
zur Arbeit, Demut und Ehrfurcht vor dem Hochsten, er hat das 
alles ausgedriickt, dieses unvergleichliche Genie ! Er schwebt 
als ein herrliches, reines Licht iiber unserer Zeit. Man braucht 
nur eines seiner Meisterwerke zu betrachten, seine „ Heilige 
Genovefa**, seinen „Heiligen Hain“ in der Sorbonne oder seine 
Verherrlichung Victor Hugos im Hotel de Ville, um sich edler 
Handlungen fihig zu fiihlen. 

Kiinstier und Denker gleichen einer Leier, die unendlich zarte 
und klangreiche Tone hat. Und die Schwingungen, die der Geist 
einer jeden Zeit ihr entlockt, klingen bei alien anderen Sterb- 
lichen nach. 



170 Der Nutzen der Kfiostier 



Zweifellos sind die Menschen, die hervorragende Kunstwerke 
auf gediegene Art geniessen konnen, sehr selten, und auch die 
Zahl der Beschauer, die solche Werke in den Museen oder selbst 
auf dffentlichen Pl&tzen betrachten, ist beschr&nkt. Aber die in 
den Werken enthaltenen Gefiihle dringen schliesslich dock in 
die grosse Menge. Neben den Genies lehnen sich andere Kiinstler 
▼on geringerem Konnen an die Schopfungen der Meister an und 
machen sie auf ihre Weise der Allgemeinheit verstandlich. Die 
Schriftsteller werden von den Malern beeinflusst, wie diese von 
den Literaten : unter alien Kdpfen einer Generation besteht ein 
fortwahrender Gedankenaustausch . Die Journalisten, die popu- 
laren Romandichter, die Illustratoren , die Zeichner machen der 
Menge die Wahrheiten verst&ndlich, die die grossen geistigen 
Potenzen entdeckt haben. Es ist wie ein Rieseln, wie ein Sprudeln 
intellektueller Kr&fte, das in vielfachen Kaskaden herunterffillt, 
bis es das grosse, stets bewegte Gewasser bildet, das den geistigen 
Zusta n d emer Zeit darstellt . 

Man muss nicht sagen, wie es gewohnlich geschieht, Hass die 
Kiinstler nur die Empfindungen ihres Milieus wiedergeben. Das 
wiirde zwar schon nicht wenig sein. Denn es ist stets angebracht, 
den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, mit dessen Hilfe sie 
sich selbst erkennen konnen. Aber sie tun mehr. Sie schbpfen 
tief aus dem reichen Schatz der Tradition, den auch sie wieder 
vermehren. Sie sind in Wahrheit Erfinder und Fiihrer. 

Um sich davon zu uberzeugen, mdge man beachten, dass fast 
alle Meister der Zeit voraufgingen, wo ihre Inspiration sich 
offenbarte. Poussin malte unter Ludwig XIII. viele Meister - 
werke, deren regelmassiger Adel den Charakter der folgenden 
Regierung ankiindigt. Watteau, dessen lassige Grazie fiihrend 
fiber der ganzen Herrschaft Ludwigs XV. geschwebt zu haben 
scheint, lebte nicht unter diese m Konige, sondern unter Lud- 
wig XIV. und starb unter dem Regenten. Chardin und Greuze, 
die mit ihren Verherrlichungen des biirgerlichen Heims, scheinbar 
eine demokratische Gesellschaft ankiindigten, lebten unter der 
Monarchie. Der mystische, sanfte und weiche Prudhon nahm 
mitten in den brausenden und gellenden kaiserlichen Fanfaren 
das Recht in Anspruch, still zu lieben, sich zu sammeln, zu 
traumen, so dass er sich ais ein Vorl&ufer der Roman tiker erweist. 
Und kurz vor uns haben unter dem zweiten Kaiserreich Courbet 
und Millet in ihre Werke die schwere Arbeit und Wiide des Volkes 
gelegt, das unter der dritten Republik sich eine so einflussreiche 
Stellung in der Gesellschaft erobert hat. 

Jch sage nicht, dass diese Kiinstler die grossen Stromungen, 
worm ihr Geist sich kenntlich macht, bestimmt haben. Ich 



i 




Ein deutscher Gouverneur 





sage nur, dass sie unbewusst zu ihrer Entstehung beigetragen 
haben ; ich sage, dass sie zu der intellektuellen Elite gehdrten, 
die diese Tendenzen schuf. Wohl verstanden, setzte sich diese 
Elite nicht allein aus Kiinstlern, sondern auch aus Schriftstellern, 
Philosophen, Romandichtera und Publizisten zusammen. 

Ich will noch einen Beweis dafiir nennen, dass alle Meister 
ihren Generationen neue Ideen und Neigungen zufiihren : es 
ist ihnen oft schwer gemacht worden, diesem Neuen Aufnahme 
zu verschaffen. Oft war fast ihr ganzes Leben ein Kampf gegen 
die Mittelmassigkeit. Und je grosser ihr Genie war, desto mehr 
liefen sie Gefahr, lange verkannt zu bleiben. Corot, Courbet, 
Millet, Puvis de Chavannes, um nur diese wenigen zu nennen, 
sind erst am Ende ihrer Kiinstler lauf bah n zu allgemeinem An- 
sehen gelangt. 

Man erweist den Menschen nicht ungestraft Gutes. Das 
Wenigste, das diese Meister fur ihre Hartnackigkeit, mit der sie 
die menschliche Seele reicher machen wollten, verdient haben, 
ist ihres Namens Unsterblichkeit. 

, meine Freunde, wollte ich Ihnen fiber den Nutzen der 
Kiinstler sagen. 





Hin deutscher Gouverneur 

. Dem, der am ersten Tage der Marokkodebatte im Reichstage 
gefragt hatte: „Wer ist denn der groBe Herr mit dem eindrucks- 
▼ollen Prokuratorenkopf, der jetzt plotzlich am Bundesratstisch 
sitzt ?“ . hatte man mit der Schilderung zweier Momente aus der 
kolonialen Tatigkeit des neuen Herrn antworten konnen. 

Ende 1908 kam der erste deutsche Gouverneur von Samoa 
auf die Insel Savaii in das Lager Lauatis. Diesem Lauati riihmte 
man aber nicht nur seine Rednergabe, seine usurpatorische 
Stellung als Sprecherhauptling nacb; wer seinen Namen kannte, 
wusste: der ist der gefahrlichste Rebell im deutschen Kolonial- 
gebiet. Und der Adjudant Oberleutnant Hecker hat dem deutschen 
Gouverneur zu melden, dass das samoanische Lager im Begriff 
ist zu revoltieren, dass die Boote der Eingeborenen voll von 
Steinen, Speeren und Streitaxten liegen. Dann, um die heisse 
Mittagsstunde, tritt Lauati als Sprecher vor, und einer .seiner 
fanatischen Anhanger pflanzt einen grossen Baumzweig als 
Sozmenschutz und Schattenspender vor ihm auf. Der deutsche 

Gouverneur Dr. Wilhelm Solf trat ihm gegeniiber, stiess vor 

■ * 



1^2 Ein deutscher Gouverneur 



sich eine deutsche Flagge in den Sand und sagte in der Sprache 
der Samoaner: ,,Lauati, ich stehe unter dem Schutz der deutschen 
Flagge. Sieh, was es auf ihr zu schauen gibt: einen Adler, der 
hat Flugel, um die zu schutzen, die ihm wohlgeneigt und treu 
ergeben sind, Schnabel aber und Krallen, die jene zerreissen 
werden, die ihm feindlich gesinnt sind. Unter welchem Schutz 
stehst aber du ? Etwa unter dem eines Baumzweiges, der morgen 
verdorrt sein und auf der Erde liegen wird ?“ Schon diese S&tze 
erschutterten Lauatis Selbstbewusstsein, das Spiel war halb 
gewonnen . Hun aber folgte eine Redeschlacht. Denn der deutsche 
Gouverneur wusste, dass bei den kultivierten Samoanern die 
Rede die wirksamste Waffe ist, und Lauati wurde mundtot und 
macbtlos, als der Gouverneur alien den Allegorien aus der samoa- 
nischen Gescbichte, die der farbige Sprecher fiir sich ins Treffen 
fiihrte, eine Wendung gegen den Hauptling und seine meineidigen 
Absichten zu geben verstand. Erst einige Zeit spa ter wagte 
Lauati es wieder aufzutrotzen. Er schickte in aller Form eine 
Kriegserkl&rung. Darin stand: „Du wolltest mich verbannen, 
ich aber werde in wenigen Stunden den Krieg gegen Dich be- 
ginnen und Dich vernichten.“ Der Gouverneur begab sich sofort, 
nur von seinem Adjudanten begleitet, ohne alle Waffen, zu dem 
Rebellenfiihrer, nannte ihn einen unverschamten Burschen, 
verbat sich seine frechen Briefe, zerriss das Papier, trat es mit 
Fiissen. Da war Lauati mit den seinen wieder still. Hun erst 
liess der Gouverneur die Kriegsschiffe kommen und die Haupt- 
radelsfiihrer nach der Insel Saipan deportieren. 

Dies sind zwei Momente aus dem Leben des Marines, der 
heute provisorisch mit der Fiihrung des Reichskolonialamtes 
betraut ist. Mit dieser Persdnlichkeit rechnen alle, denen der 
Ausbau unserer Kolonien ein Bedtirfnis des Deutschen Reiches 
scheint. Welche Richtung seinem Leben in diesen Tagen auch 
gegeben wird — vieler Augen sind gespannt auf ihn gerichtet. 
Regierende Personen und Behorden mogen ihm und uns mit- 
teilen, dass er das Reichskolonialamt weiter leiten soil oder 
als Gouverneur auf einen neuen Posten hinausgehen. Aber 
auch, wenn es wieder einmal geschieht, dass Deutschland den 
rechten Mann fur ein Amt hat, er es aber nicht bekommen soil, — 
die Kraft, die in diesem deutschen Gouverneur wirkt, kann des 
Titels und des Patentes entraten und wird weiter wirksam sein. 
Exzellenz wird dann als Herr Dr. Solf sich wissenschaftlich Oder 
kolonialpolitisch publizistisch bet&tigen und soviel bedeuten als 
in irgendeiner offiziellen Stellung. Denn er gehort zu den 
Seltenen, deren universale Spezialitat es ist, dass sie wirkliche 
Beziehungen zum Wesentlichen und Wichtigen aller menschlichen 



Ein deutscher Gouvemeur 



193 




Dirige mit grtindlichen Fachkenntnissen verbinden. Wir haben 
in unsere heikelsten Aemter, driiben in die Kolonien bisher 
Offiziere geschickt, Verwaltungsbeamte, und wenn es kostlich war, 
Kaufleute. Dieser Mann war, schon als er in den Kolonialdienst 
eintrat, nicht n u r Soldat, nicht n u r Jurist, nicht n u r Kauf- 



mann wie seine Vorganger. 



Und jetzt ist er einer, den das 



Land driiben was angeht, der nicht ein Amt ausfiillt, sondern 



ob offiziell, ob auf sich allein gestellt, driiben fiir uns oder hier 
fiir die driiben aus seinem tiefsten Wesen, aus der Kenntnis der 



farbigen Natur, aus Lust am fremden, an allem Leben zivili- 



satorisch wirken wird. 



Sein Leben war eben auch kein ziinftiges, kein landlaufiges. 
Anfang der sechziger Jahre in Berlin geboren, studierte er spater 
Philologie und Philosophic, speziell Sanskrit, gab fiir Professor 
Kielhorn eine Sanskritgrammatik fiir deutsche Studenten heraus, 
promovierte mit der Bearbeitung eines Sanskrittextes, ver- 
vollstdndigte seine Sprachstudien im Persischen und Hindu- 
stanischen auf den orientalischen Seminaren von Berlin und 



London und ging zu ahnlichen Zwecken als Dolmetscher zum 
Generalkonsulat nach Kalkutta. Dort lemte er die unerschiitter- 



liche PlanmSssigkeit der englischen Kolonialverwaltung kennen. 
Durch einen Zufall wurde er mit der Stellvertretung des General- 
konsuls betraut. Und nun reizte ihn eine praktische Betatigung 
saner theoretischen Kenntnisse, die Umsetzung seines durch 
gelehrte Studien erworbenen Wissens von der ostlichen Kultur 
in realpolitische Arbeit derart, dass er nach Deutschland zuriick- 
kehrte und die zur Aufnahme in den Kolonialdienst notwendigen 
juristischen Referendar- und Assessorexamina machte. 

Er wurde zuerst in der damaligen Kolonialabteilung des Aus- 
w&rtigen Amtes in Berlin beschSftigt, war unter Gouverneur 
▼. Liebert Bezirksrichter in Ost-Afrika und wurde in der Zeit' 



der samoanischen Wirren und internationalen Zweispaltigkeiten 
auf einen Posten berufen, der auf die Initiative Herbert Bismarcks 
hin durch die Samoa-Akte geradezu als Streitobjekt, zum „Zank- 
apfel“ sozusagen, geschaffen worden war. Als Munizipalpr&sident 
nimlich musste er die Interessen Deutschlands, Englands und der 
Nordamerikanischen Staaten mit Takt und Entschlossenheit zu 



je einem Drittel vertreten. Nicht nur der Eifersucht der drei 
weissen Nationen war Rechnung zu tragen, sondern auch mit 
dem Antagonismus zweier , ,koniglich -samoanischer “ Hduptlings- 
femilien fertig zu werden; denn die Matafaa- und Malietoaleute 
standen sich kriegerisch gegeniiber, hielten aber, wenn es darauf 
ankam, wieder einmal den Weissen gegeniiber zusammen. Erst 
als es Solf gelungen war, in diese Anarchie und dieses Chaos 



*74 



Ein deutscher Gouvemeur 



Ordnung zu br ingen, waren die Inseln reif, eine deutsche Kolonie 
zu werden. 

Seit 1900 hat sich der erste deutsche Gouverneur auf Samoa 
wie jeder Deutsche, der mit Hintansetzung persdniicher In- 
teressen treu, beharrlich, eventueil rucksichtslos dem Vaterlande 
dient, vielerlei Anfeindung zugezogen und doch ist es nur ihm, 
einem deutschen Max Havelaar, zu danken, wenn wir ohne 
ernsthafte Wirren und Anwendung von Waffengewalt in Samoa 
eine aussichtsreiche Kolonie besitzen. Ihm sind diese friedlichen 
Eroberungen gelungen, weil er friih genug einsah, dass man der 
Uebermacht der farbigen Bevolkerung iiber der weissen Rechnung 
tragen muss, und dass die zwar einfachen und naiven, aber hoch 
kultivierten Samoaner nicht etwa mit den niedrig stehenden 
Negern in einen Topf zu werfen sind. Zu solchem Tim und Handeln 
bef&higten ihn die Er kenntnisse , die er aus seinen vielseitigen 
und griindlichen Sprachstudien gewonnen hatte und die ihm 
zum Erlebnis ge worden waren. Er respektierte jederzeit die hoch 
entwickelte Etikette und Zeremonie, die vornehme Tradition 
ihrer regierenden Familien. Seine Veftrautheit mit den Ge- 
brauchen, Gesten und Gebarden vieler Volker ermoglichte ihm, 
auf Feuer und Schwert zu verzichten. Denn er war wie wenige 
befahigt, nicht nur vom Weissen zum Farbigen hin, sondern 
auch vom Farbigen zum Weissen zuriickzudenken und zu fiihlen. 
So kam er mit Verstandnis und sanfter Gewalt zu vielen er- 

W 

wiinschten Zielen. 

Aber den minderwertigen Elementen der weissen Einwanderer, 
die brutal und abenteuerlich die samoanischen Inseln fiir ihre 
fragwiirdigen Landspekulationen ausnutzen wollten, passte 
natiirlich ein Regime nicht, das durch weise Landesgesetzgebung 
den Interessen und Besitzstanden der Einheimischen ebenso 
Riicksicht trug, als es ehrlichen arbeitsamen Einwanderern Er- 
leichterungen schuf . Eine andere Hauptquelle fur die Entriistung 
und feindliche Stellungnahme kleinerNaturen,diirftiger Existenzen 
und beschrankter Gruppen war die Haltung des Gouverneurs 
zur Frage der Mischehen zwischen weissen Einwanderern und 
samoanischen Eingeborenen; denn er lehnte von Anfang an 
die „halfcasts“, ab, in diesem Falle die , , Kanaker Wirtschaft. 
Freilich ist es manchem unbemittelten Ansiedler bequemer und 
billiger, als Surrogat der europaischen Ehe mit ihren geistigen 
und sittlichen Imponderablien sich mit einer der zierlichen und 
anmutigen Insulanerinnen zusammenzutun . Das wird in 

solchen Landern nie zu verhindern sein; es wird auch so lange 
nicht allzu gef&hrlich sein, als eine unsentimentale und ziel- 
bewusste Regierung verbietet, dass vollblutfarbige Weiber durch 





Ein deutscher Gouvemeur 





ihre Ehen mit einem Deutschen deutsche Frauen, 
haibweisse Bastarde deutsche Kinder werden und als 
solche dann spater behandelt werden miissen. 

Wenn aus unseren Kolonien etwas werden soli, miisste diese 
Frage, genau wie in den englischen und hollandischen , inuner 
und immer wieder ernsthaft begriffen und entschieden behandelt 
werden. Hier vor allem aber, in dieser tiefsten Frage der Rasse, 
miissten Regierung und Mission durch keinerlei Sonderinteressen 
beeinflusst zusammen arbeiten. Das ist der Grund, weshalb bei 
ruhiger Betrachtung der wesentlichen Notwendigkeiten der beiden 
Rassen in dem Wettstreit der einzelnen Missionsgesellschaften 
eine gewisse Gefahr fur stetige systematische Weiterarbeit ge- 
sehen werden muss. Denn wir glauben, dass sich wirkliche 
Kultur nicht auf der Religion allein aufbauen lasst, deren pro- 
fessionelle Verktinder manchmal zu sehr darauf bedacht sind, den 
Andersglaubigen das Ora ihres speziellen Dogmas auf Kosten 
des iiberall notwendigen Labora zu lehren. 

Vor allem aber : ein deutscher Gouverneur soil kein kleiner, 
▼on den griinen Tischen daheim abhangiger Beamter sein, er 
muss, wie das in England ldngst begriffen worden ist, mit eines 
Vizekonigs Macht ausgestattet die Majestdt des Landes, dessen 
Kolonien er beherrscht, so ausiiben kbnnen, dass die Farbigen in 
ihm den Repr&sentanten weisser Bildung fiihlen. Die aber 
wirkt, ob es sich nun um einen Staatssekretar im Kolonial- 
amt, um einen Gouverneur von Afrika, um eine freie Per- 
sonlichkeit handelt, durch ihre eigene Kraft. Da gilt, was einer 
als Mensch ist, nicht was ihm gerade zur Zeit von Menschen als 
Last oder Lust verliehen wird. 



Das Spiel vor der Menge 



176 



Das Spiel vor der Menge 

Eindruck und Oberlegung 

Von HUGO V. HOFMANNSTHAL 

„Sorge, welche du gewinnest, 
Merke, wen du dir entfremdest!*' 

Eigenes Tun ist immer problematisch, noch in ganz anderem 
Sinn als das Tun der anderen. Was man selber getan hat, ist 
man geneigt, bedenklich zu finden, auch bei gutem Ausgang ; 
wer sich entgegengesetzt verb alt, hat praktisches Genie ; der 
Philister schliesslich macht sich allein vom Resultat abhangig. 

Wer Dramatisches hervorbringt und sich dabei doch mit 
dem Theater nicht recht einlassen will, erscheint absurd. Ueber 
Hebbel f&llt in Richard Wagners Selbstbiographie das iiber- 
raschend scharfe Wort : er sitzt in Wien in seiner Stube und 
betreibt seine theatralischen Angelegenheiten von da aus in 
dilettantischer Weise. Theaterdichter waren zu alien 
Zeiten mit der Biihne verwachsen, die beiden gross ten, die war 
keimen, selber Schauspieler ; zahllose andere vom zweiten Rang 
zeitlebens oder auf lange Zeit einer Biihne adjungiert ; von 
Deutschen sind, um einen noch hoheren Namen aus dem Spiel 
zu lassen, Tieck und Immermann, ebenso wie Schiller, zeitlebens 
mit dramaturgischen Bestrebungen hervorgetreten. Was ihnen 
gross, wertvoll und im hoheren Sinne theatralisch wirksam er* 
schien, suchten sie herbeizuziehen und bauten in einem welt- 
biirgerlichen Sinn das Repertorium der deutschen Biihne aus. 
In der Umpflanzung der Antike waren. sie breiter als wir ; denn 
sie schlossen die Komodie ein. Calderon und Lope, die nach- 
shakespearischen EnglSnder, schienen ihnen geeignet, das Re- 
pertoire, auf welchem Iffland und Kotzebue einen breiten Raum 
einnahmen, zu veredeln. Den fremden Gebilden entlegener 
Herkunft begegneten sie mit Ehrfurcht, aber mit Freiheit. Wer 
liebt, darf sich etwas herausnehmen, und sie waren sich bewusst, 
fur das Theater und nicht fur die Literaturgeschichte zu arbeiten. 

Ein Dichter der gegenwartigen Generation, wenn er sich im 
gleichen Sinn bet&tigt, stosst vielfach auf ein Befremden, das ihn 
selber wieder befremden muss. H&lt dieses an, und bleibt seinen 
dramaturgischen Versuchen zugleich aber auch die Teilnahme 
des Publikums anhaltend, so wird er sich auf seinem Wege nicht 
irre machen lassen. Er ist sich bewusst, innerhalb der deutschen 
Tradition zu verharren, und vermutet, er werde schliesslich im 
Recht, die ihm Opponierenden im Unrecht bleiben. Der Versuch, 
den Elektrastoff zunachst in einem scheinbaren Anlehnungs- 



Das Spiel vor der Menge 



177 



verhaltnis an Sophokles aus einem Gegenstand des B i 1 d u n g s - 
interesses zu einem Gegenstand der Emotion zu machen, war 
jugendlich und verlief problematisch ; aus einer Bearbeitung 
wurde eine neue, durchaus persdnliche Dichtung, deren Bedenk- 
liches hinreichend festgestellt ist ; den sophokleischen Oedipus 
dutch eine Uebertragung, welche sich einige geringe Freiheiten 
herausnahm, zur Grundlage einer hochst phantasie- und ein- 
drucksvollen Darstellung gemacht und dadurch fiir eine grosse 
Zahl von Zeitgenossen, auch der einfacheren Schichten, existent 
gemacht zu haben, vermag ich keineswegs zu bedauern ; indem 
ich das Spiel vom ,,Jedermann“ auf die Biihne brachte, meine 
ich, (tern deutschen Repertorium nicht so sehr etwas g e - 
g e b e n , als ihm etwas z u r ii c k gegeben zu haben, das 
ihm von Rechtswegen nicht fehlen durfte und nur sozusagen 
durch einen historischen Zufall vorenthalten wurde. Denn die 
engUsche Form des Gedichtes ist typische Urform und weist auf 
einen spdteren Bearbeiter hin, der, mit so herrlichen Gaben, 
Hans Sachs sehr wohl hatte werden mogen. Zu analysieren, was 
ihm, in historischer Notwendigkeit, gefehlt haben mag, dass er 
es nicht wurde, bediirfte es anderen Raumes und einer hoheren 
Zusammenfassung. 

* * 

* 

Gibt man sich mit dem Theater ab, es bleibt immer ein 
PoHtikum . Man handelt, indem man vor eine Menge tritt, denn 
man will auf sie wirken. So auch hier. Wahlt man einen un- 
gewohnlichen Raum, beruft man eine aussergewohnliche Menge, 
so liegt ein verst&rkter Akzent auf diesem Handeln. Nicht das 
Gedicht, sondern der Raum, den wir wahlten, die Menge, vor die 
wir es brachten, war hier der Gegenstand einiger Kritik. Man 
sprach, vereinzelt, von einem gelehrten Experiment: das Gegenteil 
zu unternehmen war beabsichtigt, und die Wirkung scheint dem 
Unternehmen recht zu geben. Andere Stimmen schoben Max 
Reinhardts Hang zum Versuch und zur Ausdehnung des Ver- 
suches hier die abermalige Wahl der Arena zu. Ich habe Herrn 
Reinhardt nie schematisch handeln sehen, und ich glaube nicht, 
dass er etwas Geringes gegen das Gefiihl des Dichters, fur den 
er arbeitet, unternehmen wiirde, geschweige denn etwas so Grosses 
wie die Wahl des Raumes fiir eine Auf fiihrung. Ich nehme also 
mit besonderem Vergniigen die Verantwortung dafiir auf mich, 
dass wir dieses Gedicht vor eine grosse, eine sehr grosse 
Menge brachten, sowie dafiir, dass wir es nicht auf einer regel- 
mhssigen Buhne darstellten, sondern auf einem einfachen Ge- 
riist, in drei Stufen aufgebaut, das, ohne jede historische Exakt- 



178 



Das Spiel vor der Menge 



heit, in der Idee der altenglischen Biihne nahe kam. Ueber diese 
Form der Biihne hatte Xmmermann mit Tieck ein Gespr&ch, 
das er in seinem Reise journal aufgezeichnet hat. Tieck hob es 
als einen der grossten Vorziige dieser Biihne hervor : „dass die 
Zuschauer die Handlung unter sich vorgehen sahen“ — und 
ich kann mir nicht versagen, die abschliessenden Satze dieser 
Aufzeichnung Immermanns hierherzusetzen : , , Vergegen w&rtigt 
man sich die Einrichtung lebendig, so werden Einem die grossen 
Vorteile nicht entgehen. Die Handlung wird gewissermassen 
den Zuschauern entgegengenotigt. Die Dekora- 
tion spielt mit und die Gruppe macht sich immer wie von selbst 
pyramidalisch oder sonst malerisch. Das Falsch-Illusorische ist 
ganz aufgegeben, dagegen das, was allein illudieren soil, das 
Geistig-Poetische, desto mehr unterstiitzt.“ 

« 

t * 

¥ 

Dramatische Gebilde dieser grossen simplen Art sind wahr- 
haftig aus dem Volke hervorgestiegen. Vor wen sollten sie, 
als wiederum vor das Volk? Nenne man dies immer hin die 
Masse, die Grossstadtmasse oder welches iible Was man will, 
und wage ab, ob mehr Gartnergehilfen darun ter waren oder 
mehr Friseurs, und mehr brave gemeine Soldaten oder mehr 
Bankiers und Bankgehilfen. In alien diesen steckt doch das 
Volk und in seinen gehaltsreichen Tiefen schlummert das Ge- 
heimnis deutschen Wesens. Wie aber, dass wir das Abgestorbene, 
das Unzeitgemasse vor sie gebracht hatten! Es wird in unserer 
Zeit gar zu viel Wesens gemacht von unserer Zeit. Goethe war 
hart dagegen. „Ich liebe sie nicht, sie dienen der Zeit,'* sagte er 
von den Zeitungen. Und dieses ewige grosse Marchen ginge 
die Leute von heute nichts an, ginge fiinftausend und abermals 
fiinitausend Deutsche nTchts an, Glieder des Volkes, „das dem 
Christentum seine grdsste geistige Anregung verdankt" ? Publikum 
ist schwankend, kurzsinnig und launisch; das Volk ist alt und 
weise, ein Riesenleib, der wohl die Nahrung kennt, die ihm 
bekommt. Es versteht und empf&ngt in einer grossen Weise 
und teilt das heiligste seines Besitzes den Einzelnen mit, die 
rein und bewusst aus ihm hervortreten. 

Ein menschliches Marchen ist dies, in christlichem Gewande. 
Das Verhaltnis ist schwer zu fassen, und so bemiihe ich bier zum 
letzten Mai den grossen Mann, dessen tiefblickende Belehrung ich 
immer dankbaren Sinnes aufnehme : „Es gab Zeiten, (< schreibt 
Immermann auf einem andern Blatt seiner tiefen, reinsinnigen 
Aufzeichnungen, „wo die Unfertigkeit des Menschlichen, welche 
sich jetzt in tauter kleinen Streitpunkten von Talent, Gelegenheit, 





Nerveniibeln, Vermogen, Bildung und Gesellschaft, Reisen und 
Hausleben, Absichten und Zufallen zersplittert zeigt, an einem 
grossen Gegensatz erschien, an dem zwischen dem Irdisch- 
fltichtigen und der ewigen Seligkeit. Das Geschlecht war damals 
auch in seinen Geschaften unsicher, die Last des Daseins ruhte 
auch auf ihm; aber es war doch von ihr eine Erldsung zu hoffen. 
Wohltuend war es mir also, als ich mit einem Stoffe Bekanntschaft 
machte, worin das gottliche Licht und jenes glorreiche Gefuhl 
einer tapferen Vergangenheit noch gewaltig hindur chleuchtete . ‘ ‘ 
Das Wohltuende fur den Dichter liegt darin, unsaglich ge- 
brochenen Zustanden ein ungebrochenesWeltverhdltnis gegeniiber- 
zustellen, das doch in der innersten Wesenheit mit jenem identisch 
ist. So spricht er aus, was hier ausgesprochen werden kann, 
in isthetischem Betracht ebensowohl als im politischen; ich 
meine, indem man jenes alte Spiel zu erneuem bemuht war, 
als indem man es vor unsere Zeitgenossen brachte. 

/ 

< 

Ein Buch nicht fiber, sondem von Rodin wird bald erscheinen 
(Auguste Rodin, Die Kunst. Gesprache des Meisters. Gesammelt von 
Paul Gsell, im Leipziger Verlag von Ernst Rowohlt). Man erkennt wieder, 
wie wertvoll alle Aeusserungen bedeutender Menschen fiber das, was sie 
ganz personlich ergreift, sind, mag nun die literarische Form ein wenig 
fester, sicherer sein Oder nicht, Ubrigens sieht man auch diesmal wieder, 
dass der „Nicht-Schriftsteller << , wenn er nur klug oder stark genug ist, 
dem Reiz zu widerstehen als L i t e r a t wirken zu wollen, ein ausge- 
zeichneter Schriftsteller isti Denn wahrend es immer eine Reihe Leute 
gibt, die geschickt oder hfibsch schreiben oder reden konnen, sind die 
zu zShlen, deren Ausserungen eine ganz eigene, eben nur dieser einen 
Natur erwachsende Kraft innewohnt, Deshalb sind die Gespr&che, die 
Rodin, der Meister, mit seinen j ungen Freunden geffihrt hat, mir mehr 
wert als feine Analysen seiner Werke oder Nachrichten fiber sein Leben 
oder was man in Monographien eben so findet. Denn das Leben eines 
Kfinstlers ist sein Werk u n d die Ausstrahlung seiner Personlichkeit 
auf jene, die ihm nahe, in seiner Atmosphere heimisch sind. Was ein 
Meister durch seine reifen und zur letzten Form gelangten Arbeiten nicht 
ausdrficken kann, weil der Kampf mit dem Material ihn zur Beschr&nkung 
zwingt (was man dann wohl „stilisieren u nennt), alle grosse Kunst 
sparsam ist, sich von blasser Theorie und Geschwatzigkeit fern h&lt — , 
davon befreit er sich in PISnen, Skizzen, Gesprachsfetzen, hohnischen 
und zynischen Worten oder den tausend Gleichgfiltigkeiten des Alltags. Und 
seines Wesens Marke ist dem allem eingepr&gt. So ein Buch wie Rodins 
Gespr&che darf man dann nicht daraufhin lesen, was an Tatsachlichem, 
Anekdotenkram drinsteht, man muss sie nehmen wie rasche Feder- 
zeichnungen, Notizen. Dann wird man mehr empfangen als Erf ahrungen 
und Gedanken fiber Zeichnung und Farbe und Bewegung, fibers Metier : 
eine reiche und bedeutende Menschlichkeit teilt sich einem unmittelbar mit. 




i 



180 



Lied des S tubenmadch ens im Hotel 



Lied des Stubenmadchens im Hotel 

Von MAX BROD 

Ich trete in das Zimmer ein, 

Hier waren sie allein, 

Die junge Frau und der schdne Mann. 

An den Kissen 

Liegt noch ihre Hitze dran. 

Sie sind so zerschmissen, 

Dass ich sie kaum ordnen kann. 

Ich muss iilih um fiinf Uhr aufstehn, 

Da ist es noch kalt. 

Meinen Schatz hab ich in Przemysl stehn 
Bei der Festungsartillerie. 

Inzwischen macht mich das Arbeiten mfid und alt, 

Und er vergisst mich bald. 

Der schbne Mann und die junge Frau 
Gingen zum Kaffee. 

Wie ihre Augen glanzten, das tat mir weh. 

Und wie sie sich streicheln lftsst, schau! 

Sie sind so reich und reisen 
Von hier weiter liber den See 
In die Berge, in den Schnee, 

Dann nach Italien hinein. 

So eine Hochzeitsreise muss doch schon sein. 

Ich bleibe ewig hier 

Und hab nichts, was mich freut, 

Nur Arbeit. 

Manche Hotelgaste sind zudringlich zu mir 
Und manche zanken. 

I 

Wenn sie mir zwei Kronen geben, so muss ich mich bedanken. 








Der Bund mit Italien 



Von HEINRICH FRIED JUNG 

Das romische Recht unterscheidet bei der Bemessung des aus 
Geschaften moglichen Nachteils treffend zwischen der Einbusse 
des Gewinns, dem lucrum cessans, und dem erwachsenden 
Schaden, dem damnum emergens. Die Gegner des Biindnisses 
mit Italien, deren Zahl in Deutschland wachst und deren Ge- 
wicht durch den Beitritt des osterreichischen Thronfolgers ganz 
erheblich gestiegen ist, wirken durch das Argument : welcher 
Gewinn denn den Zentrahn&chten aus dem Bestand der Allianz 
zugefallen sei ? Hat Italien bei der marokkanischen Verwick- 
lung zu Deutschland gestanden? Konnte Oesterreich w&hrend 
der Anne xionskrise auch nur auf die diplomatische Unterstiitzung 
Italiens, geschweige denn aui dessen militdrische Hilfe rechnen ? 
Man addiert alle Unzuverlassigkeiten des rdmischen Kabinetts, 
man rechnet auch die irredentistische Volksstrbmung hierzu, 
zieht dann die Summe zusammen und kommt so zu dem Schlusse, 
dass unser Bundesgenosse nur Vorteile ziehen und keinen Gegen- 
dienst leisten will. So mochte man beweisen, dass die Nichterneue- 
rung des Biindnisses geboten sei. 

Dabei vergisst man aber den durch die Losung des Biindnisses 
mit Sicherheit erwachsenden Nacbteil. Ein Streit daruber, dass 
das romische Kabinett sich seit Jahren mehrfach iiber seine 
PfUchten den Bundesgenossen gegenisber hinwegsetzte, ist kaum 
moglich. Es fragt sich nur, was gesehehen diirfte, wenn der 
Dreibund zerfallen sollte. 

Italien kann nicht allein stehen, es wird also offen und 
unbedingt der Triple - Entente beitreten. Das wird nun nicht 
gerade eine Katastrophe bedeuten, da auf dem Kontinent 
doch allgemein Bediirfnis nach Frieden herrscht, und nur 
in England bei einem Bruchteil der obersten Zehntausend der 
Gedanke erwogen wird, Deutschland niederzuwerfen, bevor es den 
Briten als Seemacht oder auch nur als Handelsmacht ebenbiirtig 
ist. Sicher aber ist, dass die also entstandene Vierer-Freund- 
schaft einen noch stdrkeren Drttck auf Mitteleuropa ausiiben 
wird als es jetzt schon durch den Bund „der drei Gewaltigen** 
geschieht. Der Traum Konig Eduards VII., Deutschland vollig 
einzukreisen, wire seiner Erfiillung naher gerdckt. Herrischer 
noch als bisher wiirde Grossbritannien den Ansprucfa erheben, 
alien anderen Staaten Inhalt und Grenzen der Kolonialpohtik 
vorzuschreiben. Frankreicb hegte wabrend der Marokkokrise 
den aufrichtigen Wunsch, selbst ran den Preis gewisser Opfer 



13 



Der Bundmitltalien 



iBZ 



zur Einigung mit Deutschland zu gelangen , und auch Italien wird 
nicht im Handumdrehen zu einem Ueberfall auf einen so gut 
gewappneten Gegner wie die Donau-Monarchie bereit zu finden 
sein. Aber an alle M&chte der Vierer-Freundschaft wird die Ver- 
suchung herantreten, ihr Interesse mit steigender Riicksichts- 
losigkeit zu verfolgen. Europa wird nicht mehr in zwei diplo- 
matische Halften geteilt sein, sondern zwei Kabinette werden 
vier anderen gegeniiberstehen. 

Kann man dieses Ergebnis wollen, sollen die Mittelmachte 
diese Kombination selbst herbeifiihren ? Diese Frage wird zu 
verneinen sein. 

Anders wenn die Tatsache sich vollzieht, ohne von der 
Diplomatic Deutschlands und Oesterreich-Ungarns herbeigefiihrt 
wordenzu sein. Dann werden wir den Ereignissen ruhig in die 
Augen sehen. Dann wird ein Griff axis Schwert an der Zeit sein, 
und wie schon oft in den letzten vierzig Jahren, diirfte die Drohung 
mit dem Appell an die Gewalt in den meisten Ffillen ausreichen, 
um die Randvolker Europas zu bestimmen, mit den Reichen der 
Mitte in Frieden zu leben. Es diirfte dann an der Zeit sein, 
ausser mit Rumanien auch mit einem anderen Balkanstaat, 
der Tiirkei oder Bulgarien, in em festes Biindxus zu treten. 
Deutschland wird die Pforte vor ziehen, weil sie, als Nachbarin 
des Suezkanals, auf die Verbindungen Englands mit Indien 
driicken kann ; Oesterreich-Ungarn kdnnte ebenso mit Bulgarien 
abschliessen und so den Balkanbund vorbereiten, in dem es 
auf Grund seines bosnischen und dalmatinischen Besitzes von 
Haus aus ein Mitglied ware. Doch das sind zu weit ausgesponnene 
Kombinationen : sicher ist, dass wir den Uebergang Italians zur 
Triple-Entente nicht als Schreckbild nehmen miiss ten. 

Nur sollte kein Staatsmann Deutschlands oder Oesterreich- 
Ungarns die Verantwortung auf sich nehmen, diese neue Ver- 
wicklung • herbeigefiihrt zu haben. Die Denkschrift des Reichs-' 
kanzlers iiber die Marokko-Verhandlung hat bestsltigt, dass 
Chamberlain 1899 die Aufteilung Marokkos zwischen Frank- 
reich, Deutschland und Spanien im Auge hatte, und dass noch 
Rouvier 1905 zur Ueberlassung eines marokkanischen Land- 
striches an das Deutsche Reich bereit gewesen wire. Beide 
Gelegenheiten wurden von der deutschen Diplomatic vers&umt, 
so dass es erst dadurch zu dem englisch-franzdsischen Einver- 
st&ndnisse gekommen ist. Es wire ein Fehler, Italien dieser 
Gruppe in die Arme zu treiben ; denn wenn es als Bundesgenosse 
auch nicht so viel leistete, als man erwarten durfte, so ware es 
doch nicht wiinschenswert, es in den Reihen der Gegner zu sehen. 

Zu den unbekannten Grossen, mit denen die nicht Einge-< 



Der Bund mit Italien 




weihten rechnen miissen, gehort der Inhalt des Biindnisvertrages 
mit Italien. Zu dem wenigen, was daruber bekannt geworden 
ist, gehort die Verpflichtung gegensei tiger Hilfeleistung, die zu 
erfolgen hatte, wenn Deutschland oder Italien von Frankreich 
angegriffen werden sollte. Heutzutage denkt in Italien niemand 
daran, den Deutschen in einem solchen Falle zu Hilfe zu kommen. 
Seitdem die durch die Besetzung von Tunis entstandene Be- 
fiirchtung eines Angriffes der Franzosen auf Italien vollig ge- 
wichen ist, seitdem die beiden lateinischen Nationen vielmehr 
Marokko und Tripolis untereinander aufgeteilt haben, haben sich 
die betreffenden Bestimmungen des deutsch-italienischen Btindnis- 
vertrages vollig verfliichtigt. Weder Deutschland, noch seine 
Gegner rechnen mit ihrer Verwirklichung. Denkt man weiter 
an die Moglichkeit eines Zusammenstosses Deutschlands mit 
England, so ist eine Beteiligung Italiens noch unwahrschein- 
licher. Schon seit der Wende des Jahrhunderts besteht zwischen 
England und Italien eine Abmachung, welche fur die kusten- 
reiche Halbinsel gewissermassen einen Ruckversicherungsvertrag 
bedeutet. Sieht man aber auch von dieser Vereinbarung ab, so 
konnte Italien nicht zu einer Leistung verhalten werden, welche 
dieses Land den grossten Gefahren aussetzt, ohne ihm einen 
Vorteil in Aussicht zu stellen. Die englische und die franzosische 
Mittelmeerflotte sind jede fur sich allein, um so mehr zusammen- 
genommen, stark genug, um dem Handel und der Seefahrt Italiens 
den grossten Schaden zuzufiigen ; Bombardement und Brand- 
schatzung seiner Kiistenstadte wurden nicht ausbleiben. 

Ebenso schattenhaft ist alles, was man von den Abmachungen 
zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien weiss. Es ist durch die 
Erklarungen der italienischen Minister des Aeussern bekannt ge- 
worden, dass die beiden Verbundeten sich in bezug auf Albanien des- 
interessiert haben, so zwar, dass der status quo als wiinschens- 
wert bezeichnet wurde, wogegen im Falle der Losreissung Alba- 
niens vom osmanischen Reiche die Autonomie des Berglandes 
anerkannt werden soil. Sonst ist den Alliierten freie Hand ge- 
lassen, wovon Italien reichlich Gebrauch gemacht hat. K5nig 
Viktor Emanuel hat seinem Schwiegervater, dem jetzigen Konig 
von Montenegro, seinerzeit eine Batterie von schweren Geschiitzen 
zum Geschenk gemacht, welche seither auf der Hohe des Loozen 
stehen, jenes Berges, von dem Montenegro den osterreichischen 
Hafen von Cattaro vollstdndig beherrscht. Dieser prachtvolle 
Hafen ist infolgedessen fur Oesterreich-Ungarn vollig wertlos. 

Noch bedenklicher ist das, was iiber das Verhalten Italiens 
wdhrend der Anne xi onskr i se bekannt geworden ist. Man weiss 
heute, dass damals auf der Halbinsel eine Mobilisierung vorbereitet 



4 






P ■ 



184 Der Bund mit Italien 




wurde. Die Befehle hierfiir, bestimmt fiir die Gemeinden des 
Kdnigreichs, waren bereits gedruckt ; man hat gerade jetzt diese 
Ordres beim Aufgebot der zwei Jahrg&nge zur Riistung fiir den 
tripolitanischen Feldzug einfach benutzt. Man begniigte sich, 
die Jahreszahl 1909 mit der Jahreszahl 1911 zu iiberschreiben 
und zu iiberkleben, und in dieser Form wurden die Riistungs- 
befehle ausgesendet. Zettel dieser Art befinden sich in den 
H&nden des osterreichischen Generalstabes, und es ist unwider- 
sprochen geblieben, dass diese Anordnungen dem Kaiser Franz 
Josef vorgelegt worden sind. Nun kann man der Sache eine 
mildere Deutung geben und behaupten, Italien habe 1909 bei 
der allgemeinen Spannung in Europa fiir alle Falle geriistet, 
ohne einen Stoss gegen Oesterreich-Ungarn beabsichtigt zu 
haben. Dass aber Italien daran gedacht haben sollte, seinem 
Bundesgenossen in der drohendenVerwicklung mit einem Schwert- 
streich zu Hilfe zu kommen, wird auch dem naivsten Gemiit 
nicht beifallen. Sonach bleibt von dem Biindnisvertrag mit 
Italien nichts iibrig, als eine Art moralischer Riickversicherung : 
Oesterreich-Ungarn und Italien sind, wenn sie nicht einen offenen 
Treubruch iiben wollen, so weit gebunden, dass sie bis zum 
Ablauf der Allianz nicht iibereinander herfallen diirfen. Das 
ist nicht viel, aber immerhin etwas. Wir leben in einer gewalt- 
t&tigen Zeit, und nicht bloss die politischen Alkoholiker, wie 
sich Sir Edward Grey auszudriicken beliebte, werden von Zeit 
zu Zeit, durch die Besorgnis aufgeschreckt, Ueberf&lle seien 
geplant und miissten abgewehrt werden. Das bestehende Biindnis 
hatte w&hrend der Annexionskrise den Wert, dass Italien die 
Serben und die Montenegriner nicht offen unterstiitzen durfte, 
wie auch Oesterreich-Ungarn verhalten ist, wShrend der K&mpfe 
in Tripolis eine fiir Italien erwiinschte Neutralit&t zu bewahren. 

So lange die Italiener mit der Unterwerfung von Tripolis be- 
schaftigt sind, wird es ihnen nicht einfallen, zu einer Losung 
des bestehenden Biindnisses Anlass zu geben. Gerade um- 
gekehrt. Es ist fur sie von der hdchsten Wichtigkeit, Oesterreich- 
Ungarn bei guter Laune zu erhalten und es nicht an die Unzu- 
verlassigkeiten der letzten Jahre zu erinnern. Eine Aufstellung 
von drei osterreichischen Armeekorps im Siidwesten des Reiches 
wire fiir das romische Kabinett die grdsste Verlegenheit. Daher 
hat Italien, nach dem ersten Ausfluge der Flotte des Herzogs 
der Abbruzzen an die Kiiste von Epirus, infolge des von Wien 
aus erfolgten Einspruches sofort auf einen Anschlag an den 
Kiisten von Albaniens und Epirus verzichtet. Es zeigte darin 
eine Feinfiibtigkeit, die mit der Grosse der drohenden Gefahr 
in der richtigen Proportion stand. Moglich, dass der Krieg 



Der Bund mit Italien 




in Tripolis drei oder sechs Monate, moglich dass er noch ein 
oder zwei Jahre dauert. Die Englander haben bekanntlich 
von 1899 bis 1902 zu tun gehabt, bevor sie die Buren liber- 
waltigen konnten, und sie mussten zu diesem Z we eke 200—300 000 
Mann aufbieten, wofiir Kriegskosten in der Hohe von 5400 Mil- 
lionen Mark aufgelaufen sind. Nimmt man an, Italien werde 
bloss ein Jahr mit der tiirkischen Division und mit den Guerilla- 
banden der W iistenar aber zu tun haben, so wird die Wunde 
damit nicht geschlossen sein; und wahrend dieser ganzen Zeit 
muss die italienische Diplomatic sorgsam bemiiht sein, sich mit 
Oesterreich-Ungarn zu vertragen. Unterdessen kommt aber 
die Zeit des Ablaufs des Biindnisses. 

In der Presse wurde mehrfach behauptet, dass der Drei- 
bund im Jahre 1903 erneuert wurde und 1915 ablaufen 
solle. Ob diese Fristbestimmung richtig ist oder nicht: es 
ist fur Italien noch durch Jahre eine Lebensfrage, dass 
seine Eroberungs- und Kolonialpolitik in Tripolis nicht 
durch einen Krieg mit Oesterreich - Ungarn gestort werde. 
Es ist Sache der osterreichischen Diplomatic, diese Sachlage 
auszuniitzen und inzwischen die Stellung der Monarchic auf 
der Balkanhalbinsel zu befestigen. Es wire ein schweres Ver- 
saumnis Oesterreichs, wenn es die Verlegenheiten Italiens nicht 
dazu benutzte, um die gelegentlich der Annexion gebrachten 
Opfer, besonders den Verzicht auf den Sandschak, zu kompen- 
sieren. Fur Italien ist die Erinnerung an die irredentistische 
Agitation, durch welche Oesterreich allerdings mehr gereizt 
als beunruhigt wurde, ausserordentlich unangenehm, und es 
wird einige Opfer bringen miissen, um sie vergessen zu machen. 
Solange Tripolis nicht ein unangefochtener Besitz Italiens ist, 
bleibt es fur das Kdnigreich wichtiger, mit den Mittelmachten 
im Biindnis zu stehen als mit der Triple-Entente. Denn nur vom 
Norden her droht ein Ungewitter, das auch die Schanzen der 
Befestigungen in Tripolis wegspulen kann. Mehr als je be- 
w&hrt der Satz Nigras, des italienischen Botschafters in Wien, 
seine Wahrheit, der sagte: Zwischen Oesterreich-Ungarn und 

Italien kann es nur ein Bundnis oder einen Krieg geben. Italien 
ist auf die Erneuerung des Dreibundes mehr angewiesen als 
das eine Friedenspolitik befolgende Oesterreich, und daher 
diirfte es nach dem Ablauf des Vertrages zu einer Erneuerung 
bereit sein. Dies natiirlich unter der Voraussetzung, dass nicht 
unerwar te t Verwicklungen eintreten, welche die gegenwarlige 
Rechnung der Diplomatie umwerfen. Aus all diesen Griinden 
ist die Zerreissung des Dreibundes in diesem Augenblick und 
in der nfichsten Zeit nicht wahrscheinlich . 




'i 



Der Tempel des Bismarck 187 



so kann man nicht glauben, dass personliche oder unwichtige 
Motive im Spiele waren. Und wenn es auch wenig interessant ist, 
sich um die kleinen Unrichtigkeiten bei den Preiskonkurrenzen 
zu kummern : diesmal scheints, liegen grossere Dinge vor und 
der Kampf, der jetztzu Ungunsten der Jury entschieden ist, war 
vielleicht nicht ein Kampf zwischen Personen, sondern zwischen 
Anschauungen. 

D e r , Z w e c k 

1 

h | 11 

H ahn hatte ein Kunstwerk geschaf fen, das geziemend und 
liebenswtirdig die Elisenhdhe bei Bingerbriick geschmxickt hatte. 
Ein architektonisch-bildhauerisches Werk; die Absicht ganz 
-augenscheinlich, den Besucher zu erfreuen, ihm ein Stuck Kunst 
zu zeigen. Die Beziehung zu Bismarck ist sehr gering. Ein 
nackter J tingling in der Mitte einer S&ulenhalle: Jung Siegfried. 
Es ist nicht leicht zu sehen, wie der Spazierginger, der oben 
auf die Elisenhohe kam, an Bismarck erinnert werden sollte. 
Nur der Name „Bismarckdenkmal“ konnte ihm den grossen Mann 
ins Gedachtnis zuriickrufen. 

Man nennt zur Erinnerung an bedeutende Manner Strassen 
nach ihnen oder gemeinniitzige Institute (Virchow- Kranken- 
haus) oder Stdtten, wo es dem Menschen gut geht und wo er sich 
wohl fuhlt, wie Parks und G&rten. Viel enger war die Beziehung 

bei dem Hahnschen Entwurfe nicht. Auf edle und kiinstlerische 

; * 

Weise sollte im Lande ein Punkt hervorgehoben werden, und 
dem Menschen, der dorthin kam, wurde gesagt: hier ist ein 
schones Bildwerk aufgestellt, hier ist ein harmonischer Platz 
geschaf fen zur Erinnerung an einen grossen Deutschen. — 
Das aber geniigte ganz augenscheinlich dem Volke, dem Publi- 
kum und dem Sprachrohr des Publikums, der Presse, nicht. 
Die wollten eine Statte der Weihe haben, eine Statte der religiosen 
Erhebung. Der Wanderer, der auf die Elisenhdhe kam, sollte 
in ein Heiligtum eintreten, sollte von dem Schauer ergriffen 
werden, den das Andenken an einen grossen Toten erregt, sollte 
ein Ding finden, das ein Sjrmbol der Grosse Bismarcks war. 
Dem Menschen, der auf der Elisenhdhe in den Kreiss’schen Kuppel- 
bau eintritt, dem sollen die ungeheuren Quadern, die gewaltige 
Hohe des Baues eine Erinnerung an die grosse Wirkung des 
gewaltigen Mannes geben. Der Bau soil eine Parallele der 
Wirkung Bismarcks sein. Der Bau soil, sozusagen, die steinerne 
Lebensbeschreibung eines Volksheros sein. 

Das sind schone Phrasen, die gut klingen und bpi denen 
einem ein leichter Schauer iibers Riickgrat lduft — der Schauer 
des leicht geweckten Enthusiasipus : Strohfeuer, Spiesser- 



1 88 



Der Tempel des Bismarck 



temperament. Denn, wenn erst dieser Bau errichtet ist, und wenn 
erst in dieser halbd&mmerigen Kuppel das gewaltige Steinbikl 
Bismarcks von Lederer geschaffen steben wird, dann mochte 
ich die Herren, die diese Phrasen geschrieben haben, hinfiihren 
und sie bitten, mir zu erz&hlen, welche Empfindungen sie ge- 
habt haben. 

Die alien Volker errichteten an solchen Punkten Tempel 
oder Statten der Verehrung, stellten in die Mitte Symbole Oder 
Statuen der Gotter, die sie anbeteten, und der Grieche, der in 
Akragas zum Tempel des Herakles aufstieg, trat in den Tempel 
ein nicht um eine romantisch-phantastische Stimmung zu 
haben, sondern um ehrlich und redlich zu Herakles, den er fur 
einen Gott hielt, zu beten und von Herakles zu verlangen, Hay 
er seine machtige Hand uber sein armes Schicksal halten moge. 
Der Tempel des Herakles war keine Stimmungsspielerei, keine 
bombas tische Phrase, sondern eine Statte des ehrlichen Zweckes. 
Religiose Handlungen wurden in diesem Tempel vorgenommen, 
Priester betraten ihn, Opfer wurden gebracht. Was aber in 
aller Welt wird denn in dieser Kuppelhalle, in diesem Tempel 
des Bismarck geschehen? Der Wanderer, der hier eintritt, 
wird von einem Mann empfangen werden, der Ansichtspostkarten 
verkauft. Ein Kastellan wird ihn hineinfiihren, und der Kastellan 
wird ihm erzfihlen, wie ungeheuer teuer dieser Bau gewesen ist, 
wie dick die Mauern sind und wie viel die Figur des Ledererschen 
Bismarcks in der Hohe misst, wie breit sie ist und wieviel die 
ganze Figur wiegt. Und der Kastellan tut wirklich das Ver- 
niinftigste, was er tun kann. Denn ich mochte wissen, was der 
Besucher in diesem Tempel sonst t&te, wenn er sich nicht durch 
imponierende Zahlen unterhalten liesse. Es ist der menschlichen 
Natur nicht gegeben, in einen Raum einzutreten, sich hinzu- 
stellen und diesen Raum so auf sich wirken zu lessen, dass der 
Mensch sagen kann: jetzt bin ich in einer weihevollen Stimmung. 
Eine Stimmung kann immer nur die Begleiterscheinung eines 
Tuns sein. Gehe ich in den Tempel und bete zu Bismarck, so 
konnte mich der Bau, wenn er wirklich gewaltig und nicht nur 
gross ist, in meiner religidsen Stimmung bestfirken. Oder gehe 
ich in das Theater und lasse die Kunst des Dichters auf mich 
wirken und die Kunst des Schauspielers meine Seele fassen, 
so kann der umgebende Raum diese Wirkung steigern. Aber 
leere Kirchen, sinnlose Bauwerke konnen nur fisthetische 
Wirkungen ausuben , niemals weihevolle, niemals religidse, 
niemals den Gedanken an einen Mann, zu (lessen Ehre sie errichtet 
sind, hervorrufen. — Welch ehrlicher Mann denkt heute in 
dem Tempel des Herakles an Herakles ? Wer hat je dort an die 



Der Tempel des Bismarck 




griechische Gotterwelt gedacht? Man kann nur empfinden, 
wie schon diese Saulen einst standen, Wie herrlich der Tempel 
ins Land hinausblickte. Der Zweck ist tot, und es ist nichts 
geblieben als die asthetische Hiille. Dieser Tempel des Bis- 
marck aber hat nie einen Zweck gehabt ; er war stets eine leere 
Halle, war stets ein Sarg fur einen toten Gfedanken. Wir konnen 
nicbt zu Bismarck beten, bei aller Verehrung und Liebe, die wir fiir 
diesen Mann haben — er war ein Mensch, wir konnen seiner 
gedenken, und wir werden uns freuen, wenn wir durch irgend 
etwas Schones oder Bedeutendes an ihn erinnert werden. Wir 
kdnnen ihn ehren, wenn wir einen schdnen Berg nach ihm 
nennen, wenn wir den besten Brunnen, den unser grosster 
Bildhauer geschaffen hat, den , , Bismarckbr u nnen“ heissen, 
wenn wir den schonsten Platz in unserer Stadt Bismarckplatz 
taufen, wenn wir an alien schonen Stellen unseres Vaterlandes 
Kunstwerke aufrichten und diese Kunstwerke der Erinnerung 
Bismarcks weihen. Wir kdnnen ihm auch Statuen errichten, 
aber diese Statuen kdnnen durch nichts den Namen Bismarcks 
hdher ehren als durch ihre Qualitat. Sind sie gut und sind es 
schdne Kunstwerke, so ist Bismarck geehrt, sind sie schlecht, 
so haben sie ihren Zweck verfehlt. Deswegen ist die Beweis- 
fuhrung, die jetzt beliebt ist, eine so unerhdrt falsche. Weil 
Hahns Kunstwerk nicht an Bismarck erinnert, soli es dem 
Empfinden des Volkes nicht entsprechen! Dann hat das Volk ein 
unkulti viertes , ein falsches Empfinden. Dann will das Volk 
statt der wahrhaftigen Schdnheit die Unwahrheit. Die Be- 
hauptung darf niemals gelten: Kreiss’ und Lederers Entwurf ist 
besser, weil Kreiss und Lederer einen Bau planen, der dem Geiste 
Bismarcks homogener ist, als das zierliche Kunstwerk Hahns. 
Ist Hahns Entwurf schoner und kiinstlerischer, so ist er besser. 
Ist Kreiss' Entwurf kiinstlerisch schlechter, so ist er schlechter. 
Der Zweck, den er rort&uscht, den Wanderer zu erheben, eine 
Stdtte der Weihe zu sein, ist ein verlogener Zweck. 

DasVerfahren 

Ist dem so, so musste aber die Entscheidung nach dem Be- 
schluss der Jury fallen, oder es musste erkldrt werden, die Jury 
ist befangen, ungerecht — oder sie versteht nichts. Nichts Ton 
alledem ist gesagt worden. Ein merkwtirdiges kompliziert- 
bureaukratisches Verfahren musste hinterriicks das ▼oiiter ge- 
wollte Resultat herbeiftihren. 

Es ist zu langweiUg, die gesamte Struktur des Preisgerichtes 
aufzudecken. Nur einige kurze Andeutungen. 

Es existierten : 




190 Der Tempel des Bismarck. 



I. die Jury ; 

II. der Kunstausschuss, zu dem die Juroren gehorten, unge- 

fShr 36 M&nner, dann 

III. der Entscheidungsausschuss , ich glaube (einige hundert) 
aber keine Kiinstler , keine Leute, die Beziehungen zur Kunst 
haben. 

Die Jury entschied im Januar 29x1 folgenderxnassen Halm 
den ersten Preis und die Empfehlung zur Ausfiihrung an erster 
Stelle. Der Beschluss wurde einstimmig gefasst. 

4 andere wurden pr&miiert. 

xo entschadigt. 

5 Entwiirfe zum Ankauf empfoblen. Unter den letzteren 
befand sich ein Kreiss’scher Entwurf. 

Die zweite Phase. Der Entscheidungsausschuss best&tigt 
zwar die Pr&miierung, schreibt aber eine neue Konkurrenz 
unter den 20 ausgezeichneten Kiinstlern aus. Die Jury bleibt 
bestehen. 

Es wird bestimmt, dass die Jury wieder abstimmen solle, dass 
dann sp&testens am n&chsten Tage der Kunstausschuss und der 
Entscheidungsausschuss zusammentreten und die Entscheidung 
f alien. 

Die dritte Phase. Die Jury entscheidet wie das erstemal. Der 
Hahnsche Entwurf wird wieder mit dem ersten Preis gekrdnt, 
wieder an erster Stelle zur Ausfiihrung vorgeschlagen. Diesmal 
nicht mehr einstimmig, sondem mit 1 1 gegen 5 Stimmen. 

Jetzt aber wird gegen das Protokoll der Kunstausschuss und 
der Entscheidungsausschuss nicht sofort einberufen, sondem 
gegen den Beschluss werden die Sitzungen dieser beiden Korper- 
schaften auf den 3. und 4. Dezember, also 3 Wochen spater , 
einberufen. Die pramiierten Entwiirfe werden ausgestellt, der 
Presse Gelegenheit gegeben, die Kampagne fur Kreiss fortzu- 
setzen, alles gegen die Beschliisse. Geheimrat Kirdorf legt sein 
Amt als 1. Vorsitzender des Entscheidungsausschusses nieder. 
Prof. Dr. Clemen, der 2. Vorsitzende iibernimmt den Vorsitz. 

Vierte Phase. Sitzung des Entscheidimgsausschusses am 
Montag, den 3. Dezember in Coin. Mitgliedern der Jury, die 
zu der Sitzung des Kunstausschusses erscheinen (die Jurgen 
waren eo ipso Mitglieder des Kunstausschusses) wird deut- 
lich und unverkennbar gezeigt, dass man ihr Erscheinen nicht 
wiinscht, dass man sie als . Eindringlinge betrachtet. Und damn 
das seltsamste: Prof. Hahn erhSlt am Sonntag, das heisst einen 
Tag vor der Entscheidung, von Herrn Professor Clemen ein 
Telegramm, das (nicht wortiich) folgendes sagt: . 

,,N ach meiner personlichen Ue be r zeug an g 



i 



Der Tempel des Bismatf 4 k 191 

'assBsaeasasaaBBSsssBSSSssxsBi^^sBaBaass 

haben Sie keine Aussicbt, die Ausfuhru n g z u 
erhalten. Die grbsste Wahrscheinlichkeit 
ist, dass der Kreiss-Lederersche Entwurf ge - 
w&hlt wird. Rate Ihnen, sich bereit zu er - 
kl&ren, sick an dem Kreiss - Ledererschen 
Entwurf durch selbst&ndige bildhauerische 
Arbeiten zu beteiligen. Clemen." 

Fiinfte Phase. Kreiss und Lederer erhalten den Auftrag. 
Die meisten Mitglieder der Jury, an ihrer Spitze Lichtwark, 
legen ihr Amt nieder. 

Ich habe wenig Verlangen, von Herrn Prof. Clemen wegen 
Beleidigung verklagt zu werden, noch weniger wegen formaler 
Beleidigung verurteilt zu werden, deshalb unterlasse ich es, 
mein Urteil in Worte- zu fassen. Jch firgere mich nicht, ich 
wundere mich nur. 

Ich wundere mich, wie es m&glich ist, dass anst&ndige 
Mfinner zu diesen Mitteln greifen, ich wundere mich iiber die 
Stfirke des Hasses, die sonst korrekte Menschen so weit fiihrt, 
zu dieser Ungerechtigkeit, zu dieser Brutalisierung einer Reihe 
bedeutender Menschen. 

Hahns Entwurf ist vielleicht nicht so herrlich — Kreiss* 
Arbeit nicht so schlecht, mir scheint, Hahn und Kreiss waren 
Hekuba, es ging um etwas anderes, um etwas viel wichtigeres. 
Der Gedanke an personliche Protektion ist von der Hand zu 
weisen. Niemals h&tte Wohlwollen fiir einen Kiinstler Minner 
wie Clemen zu diesem verfiihrt. 

I 

a. 4 1 

Die Nibel ungen 

Den Juroren zu Ehren wurde nach den ersten Sitzungen 
der Jury am 26. Januar in Diisseldorf im Stadttheater eine Fest- 
▼orstellung gegeben. Man spielte den Siegfried von Wagner. 
Einer dieser M&nner, der 4 Tage lang die 342 Entwurfe geprttft 
hatte, schilderte mir den Eindruck, den die Wagnersche Oper 
ihm an diesem Abend machte. Von diesen 342 Kiinstlem hatten 
hunderte gigantische Bauwerke aufgetiirmt. Da gab es Bismarcks, 
die 50 m hoch waren, da gab es einen hockenden Adler von 
ungeheurer Grosse, Turme und Kuppelbauten, von Dimensionen, 
die den Erbauern der Pyramiden imponiert h&tte n, da stand 
Bismarck als getreuer Eckhardt, als Tor, der Gott der alten 
Deutschen, und unter all diesen Kiinstlern, die so riesige Gedanken 
gehabt hatten, so fabelhaft grosse Pl&ne erdacht hatten,: waren 
so wenige, die imstande gewesen w&ren, . die Form eines Armes 
in natiirlicher Grosse zu begreifeir; zu empfinden und zu beleben. 
Ein . Hexensabbath des Ef fektes, der Sucht nach dem Grossen, 



192 Der Tempel des Bismarck 



der Gier nach nie empfundenen Empfindungen erschien es ihm. 
Ihm wollte es dfinken, als h&tte ein Haufen Men sc hen, die zu 
schwach sind, ein wahres Wort fiber das Leben , das sie umgibt, 
zu sprechen, ein Unites Gebrull fiber gewaltige Dinge angestimmt , 
die, ach, so fern und unerreichbar ffir dieses arme kleine Ge- 
schlecht sind. 

Voll von diesem Eindruck horte er der Wagnerschen Musik 
zu, und ihm war es, als kl&nge ihm aus diesen Tonen in praziserer 
Form, nicht von einem Stumper gestammelt, sondern von einem 
grossen Konner gesprochen, dieselbe Luge ins Ohr. Ihn ekelte 
dieser Siegfried, der so m&chtig tat und so naiv war, der mit so 
grossen Empfindungen urn sich warf, und dieser Ekel schien ihm 
das Verstandnis der Verirrung dieser vielen Kfinstler zu lehren. 

Die ungeheure dussere Entwicklung, die unser Leben in dem 
letzten Jahrhundert genommen, hat nirgends grossere Um- 
wilzungen hervorgerufen als in Deutschland. Aus einem armen 
kleinen Lande, mit engen Grenzen und geringen Moglichkeiten, 
ist ein grosses, reiches, mdchtiges Gebilde geworden. Die ausseren 
Bedingungen des Lebens haben sich nirgends so rasch rerandert 
wie bei uns, nirgends haben die Moglichkeiten, es sei denn in 
Amerika, sich so vervielfdltigt wie bei uns. Und deshalb zeigen 
sich vielleicht in keinem anderen Land so sehr die Krankheiten 
des Parvenfitums als in Deutschland. Die geistige Kultur konnte 
mit der dusseren nicht Schritt halten. Atemlos und keuchend 
rennt der Geist dem davoneilenden Korper nach, sucht ihn durch 
Schreien zum Anhalten zu bringen. 

Der Mensch kann nicht leben oder wenigstens nicht glficklich 
sein, wenn es ihm nicht gelingt, die Dinge der Aussenwelt zu be- 
greifen und in Formen zu fassen. Und eines Tages sah der fiber- 
raschte Deutsche, dass die fiussere Welt zu gross geworden war, 
als dass er sie mit den gewohnten fiberkommenen Mitteln be- 
greifen und fassen hatte konnen. Die Tradition der Kunst und 
des Denkens hatte der Entwicklung der iusseren Dinge nicht 
folgen konnen. 

Emsig und innerlich begaben sich Wenige an die Arbeit, die 
Mittel des Geistes zu vergrosser n , aber der grossen Menge dauerte 
das zu lange, sie wollte rascher ans Ziel gelangen, rascher das 
Grosse, was geschah, begriffen, zusammengefasst und ausgedrfiokt 
sehen. Und so griff sie zu den alten, l&ngst toten Sy mbolen , die 
ihr ganz und stark erschienen, weil sie so fern lagen, weil sie die 
Risse in diesen alten Tfirmen nicht sah. Die grosse Protzenlfige 
des vergangenen Jahrhunderts ergriff das Volk. Weil die Dichter 
n i c h t s fassen konnten, wag ten sie sich an die grossten Plane , 
weil der Architekt kein Bauernhaus bauen konnte, baute er 



Das Denkmal des Bismarck 



193 



riesige Dome und Palaste. Das alte Lied, Hunde, die bellen, 
beissen nicht ; der feige Soldat schwadroniert am meisten ; der 
gefiihlloseste Schauspieler schreit am lautesten, der kleinlichste 
Maler spricht von Monumental! tat und der Bucklige ist am 
eitelsten. Der Bombast hat unser ganzes Volk ergriffen, die 
Folitik wie die Kunst, Agadir und die Marmortreppen der Berliner 
Mietskasernen sind die Kinder derselben Luge. 

h_ 

Der Pyrrhussieg 

Zum erstenmal hat sich die geduldige Kulturarbeit der 
Wenigen bei diesem Preisgericht organisiert. Sicherlich ist 
ihre Entscheidung anfechtbar, denn der Hahnsche Entwurf ist 
kein Erfullen unserer Sehnsucht, sondern nur ein Ausweichen vor 
dem Laster, und ich bin iiberzeugt, den Juroren war es klar, dass 
sie nur deshalb sich dem offenkundigen Willen des ganzen Volkes 
widersetzten, weil die antikisierende Kunst Hahns wenigstens 
frei ist von der Protzenliige, frei ist vom Bramarbasieren, frei 
ist von der Grossmannssucht, von dem VortSuschen gewaltiger 
Empfindungen, weil diese Hahnsche Kunst, wenn sie auch nicht 
gross genug ist, um unsere Zeit in Symbole zu fassen, doch 
wenigstens redlich, still und einfach ist. 

Hahn mag ein Schwacher sein, aber Kreiss ist ein Bramarbas. 
Die Anderen haben gesiegt, aber dass sie nur siegen konnten, 
indem sie zu hasslichen Mitteln griffen, das ist das Trostliche an 
diesem Kampf. Es war ein Pyrrhussieg. 

Dass Hahns Entwurf nicht ausgefiihrt wird, ist kein Ungliick, 
weder fur ihn noch fur Deutschland ; er kann andere Werke 
schaffen und Deutschland ist zu gross, als dass die Verschandelung 
der Elisenhohe bei Bingerbriick viel bedeutete, aber ein Gliick ist, 
dass zz gute Manner bei ihrer guten Meinung blieben. 

La veritd est en marche. PAUL CASSIRER 



4 




Weihnachtsbficher 



WEIHNACHTSBOCHER 

Da ’s nun einmal das Bequemste und gebildet ist, schenken wir zu 
Weihnachten BQcher. Die kann man wenigstens umtauschen, wenn sie 
schlecht gew&hlt sind, da ja der gleiche Laden Raum f fir die guten Aus- 
gaben wertvoller Dichtungen und die Schundliteratur hat ; wie aber soft* 
mans anfangen, geschmackvolle Nippes aus dem Galanteriewaren-Rayon , 
etwa jenes Miniatur WCals Aschenbecher, das der Triumph diesj&hriger 
internationaler „Scherzartikel“-Erzeugung ist— die gewissenTotenschSdel- 
Biertople sind damit verglichen Appetitlichkeiten, eben altmodisch — 
an seinem Erstehungsort gegen eine japanische Lackdose umzutauschen ? 
Solange also Scheckbiicher noch seltene Geschenke sind, mQssen wir 
notieren, was von den anderen Biichem unter den deutschen Weihnachts- 
baum gehort. Nein, ich spotte gar nicht, sondem erinnere mich, wieviel 
Millionen in diesen Wochen fQr Literatur ausgegeben werden und merke 
an, was so ungeffthr in unserem Sinne richtig gew&hlte WeihnachtsbQcher 
w&ren. 

Der Zwei-Mark- Hofmannsthal (des Inselverlags) fttr alle jene, die 
den Dichter lieben, seiner friihen Kunst immer treue Bewunderung 
schenken, wohin ihn auch sp&tere Entwicklung fQhren mag; vor allem 
natQrlich fttr die, die ihn nicht kennen. Sie bekommen fQr zwanzig 
Groschen unendlich viel Schones : „Tor und der Tod**, „Gestem“, das 
edle Knabenwerk, die sQsse „Frau am Fenster**, prachtvolle Gedichte. 
Das Buch ist euch zu billig ? Nehmt Kellermanns JapanbQcher dazu, 
den „Spaziergang“ imd „Sassa 70 Yama“ (Paul Cassirer Verlag) , die 
hQbschen lockenden Tanzm&dchengeschichten mit den lieben Studien 
▼on Karl Walser. Erinnert euch bei dieser Gelegenheit an Lafcadio Hearn, 
dem wir viel Kenntnis der ,,Japs“ danken und viel Sehnsucht nach dem 
Osten. Bei RQtten und Loning ist auch zur rechten Zeit eine Auswahl 
seiner Schilderungen srschienen. 

„Es soli was Grdsseres’sein !“ wollt ihr dem Sortimenter sagen, und 
er hat keine Zeit euch zu orientieren ? Die Goethe- und Schiller-Bande 
der grossen MQUerschen Ausgaben mit den ausgeze i chneten Bilder- Supple- 
mentbSnden, die ,, Klassiker des Altertums" des gleichen Verlages. Die 
j ungen Leute jetzt habens gut. Wir bekamen die Werke der Grossen 
in so abscheulichem Druck und so eklen rohen Leinenbftnden, natQrlich 
mit Goldpressung, dass Germanisten und Philologen sich in der Schale 
gar nicht sehr anstrengen mussten, um uns fQr Jahre diese LektQre zu 
verleiden. Wir wollen aber nicht vergessen, dass unsere Zeit ihre eigenen 
Klassiker hat, Menschen, mit denen wir gelebt haben, und solche, die wir uns 
neu gef unden haben. Zuerst etwas von diisen: Balzac, die Romane in der 
Insel-Ausgabe, die „Physiologie des eleganten Lebens" (mit Gavarnis !) ■ 
bei Georg MQller, Dickens in der Meyrinkschen Uebertragtmg bei Albert 
Langen. Von den uns zeitlich Ndheren : Ibsen und Bjomson. Vom S. 
Fischerschen Verlag in grossen oder einfacheren Ausgaben durch Elias 
herausgegeben , sind sie zum eisemen Bestande jeder Bibliothek eines 

Menschen, der 1911, bald 1922 schreibt, bestimmt. Dazu die Briefe. 
Die Ibsens herber, die Bjomsons heiterer ; der eben erschienene Band 
, , Briefe aus Aulestad", die der alte ,,Freimd-Vater“ an das Kind BergHot, 



Weihnachtsbiicher 



195 



die dann des jungen Ibsen Frau wurde, schrieb, fast unerwartet reich 
an Herzlichkeit, Lustigkeit, WSrme. Entziickend, wenn der Vater das 
junge M&dchen formlich aufmuntert von ihren LieblingssUnden nicht 
abzulassen. 

Romane ? NatQrlich die von Paul Ernst (im Inselverlag) heraus- 
gegebene , r Bibliothek der Romane' 1 . Aber neue? Noch nicht. Zuerst 
muss ich die klugen BSnde Bleis uber Rokoko und Manches sonst (Georg 
Mfiller, Miinchen) sehr herzlich empfehlen und das ausserordentlich 
interessante Buck Emil Ludwigs iiber Bismarck. Ein psychologischer Ver- 
such und zwar ein gegliickter. Werke verschiedener Temperamente und 
Genetationen, aber gleicher Valeur (zum Teufel, wie man sich jetzt in 
acht nehmen muss, um nicht „Kultur" zu sagen!). Noch rasch ein paar 
Briefbucher : Feuerbachs Briefe an seine Mutter (inMeyer tmd J essensVerlag, 
der auch ,,Das Leben und die Abenteuer des armen Mannes von Tokken- 
burg von ihm selbst erzihlt", schon neugedruckt hat, ein Lebensbuch 
aus der Goethezeit, dem Revolutionsjahre 1789); Joachims (Julius Bard), 
vor allem aber Bergmanns Erinnerungen, diese Bekenntnisse eines alten 
Arztes, der sich noch erlaubte, ein Mensch zu sein. 

Aber das Buch des Jahres ? Es gibt keins. Es gibt eine Reihe schoner 
Sachen. Auf ,, Bayreuth" von Anna Bahr-Mildenburg und Hermann Bahr, 
(ein kleines Buch bei Ernst Rowohlt in Leipzig jetzt erschienen) machen 
wir aufmerksam, damit die Leute nicht immer nur denken : „Ach Bahr, 
das ist der, dessen Stuck so zum lachen war . . oder : ,,Das ist der 
Oesterreicher, der so gut auf Wien schimpfen kann". Also : Bahr ist — und 
zwar nicht „nur", sondem vor allem — ein Mensch, der stark empfindet 
und lieben kann, der sein Gefiihl vom Leben scharf auf seine eigene 
Art ausdrttckt, dem zuzuhSren es sich immer verlohnt. Und seine Frau 
ist der erste grosse Typtis der Singerin, die nicht nur mit dem Instrument 
der Stimme, sondem mit der Hingabe ihrer ganzen Natur wirkt. Sie 
spricht von dem, was sie wie keine sonst kann. Und das Buch soli man nicht 
kaufen ? Ja, was wollt ihr denn eigentlich ? Nur gelangweilte, aus Routine 
tmd Verdrossenheit gezeugte Literatur? Kunst ? Liebermanns ,,Zeich- 
nungen" (Julius Bard), Strucks „Graphisches Werk" mit den rtihrenden 
J udenbildem (Paul Cassirer). Aber Romane? WShrend ich auf den 
Tischen krame : Hanns Heinz Ewers „Alraune“, Geschichte eines leben- 
den Wesens (wieder bei Muller), Victor Fleischer „Wendelin und das 
Dorf" (Meyer und Jessen), Rudolf Lothar „Der Herr von Berlin" (Con- 
cordia, Deutsches Verlagshaus), — Lebensbilder, geflossen aus den ver- 
schiedensten Temperamenten, KrSften ; ktinstlerische oder nur papier ene 
Reflexe all der vielen Stromungen, Schichtungen , Stauungen, Storungen 
der Existenz, Reifes, Versprechendes, Fluchtiges, Junges, Verstaubtes, 
das nie recht gebltlht hat, und Gewolltes, das nicht gekonnt ist, neben 
Gekonntem, aber nur Gekonntem — , das alles gibt es, gibt es in reichem 
Segen. Was n i c h t da ist : Das Buch des Jahres. Das Buch, das „tnan“ 
kauft. Mir tut’s leid — denn ich kann mir nicht helfen, wenn ich diese 
grossen Erfolge, die sonst fast jedes Jahr fflr e i n e n Roman da waren, 
fiberdenke, ist mir das Gluck des Verfassers nSher als die Frage nach dem 
kfinstlerischen Wert des einen Werkes. Ich erlebe mit ihm die Resonanz, 
die Wirkung; ffihle, wie ihm Geld und Ruhm und Lust und neue Arbeits- 



Weibnachtsbiicher 



196 



freude zufliesst; und an der Vorstellung, dass hier einmaJ ein Buch nicht 
fiir fiinfhundert oder zweitausend Menschen nur existiert, sondern weite 
Kreise von seinem Inhalt, seinem Ton ergriffen werden, aus Literatur 
wieder Leben wird, zerschellt meine kritische Lust. Mag sein, dass die 
Bucher des Jahres gar nicht die sein konnen, die ich liebe. Mag sein, 
dass die Kunstwerke, die ,,uns“ was angehen, erst nach Jahren jene 
Massenerfolge haben konnen, die wahrhaftig aus einem Buch lebende, ins 
Weite und Breite wirkende Kraft machen. Einmal ist’s eben Jettchen 
Gebert, in die ich verliebt bin, einmal der odeFrenssen, einmal begreift man 
nicht, weshalb die Leute die schonsten Bucher durchaus nicht wollen — 
wie immer, diesmal ist’s unnotig, sich liber die Psychologie des literarischen 
Massenerfolges Gedanken zu machen. Der Roman des Jahres ist nicht 
da. Viele gute, ein paar ausgezeichnete und noch abertausend „wert- 
volle“ Bucher kampfen miteinander, und wenn man die Stapel sieht, 
glaubt man ausgestreckte Arme zu sehen, die nach Kaufern, Lesem 
flehen . . . Grosse und kleine Dichter, torichte und viel zu kluge Literaten, 
Altes und Neues — der Weihnachtsjahrmarkt der Eitelkeiten. F. 



Wir bitten, Mitteilungen und Beitrage nur: 

An die Redaktion, Berlin W. 10, Victoriastrasse S, zu adressieren. 
Bei umfangreicheren Zusendungen ist vorherige Anfrage notwendig. 
Sprechstunde: An Werktagen, mit Ausnahme des Montags, 1 — 3 Uhr, 
Berlin W., Victoriastrasse 5. 

Verantwortlich fur die Redaktion : Albert Danun, Berlin-Wilmersdorf. 
Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. 





i 



Em Idyll 



197 



I 

1 



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MM # 

Kin 

Von LEO TOLSTOI 

Einzig autorisierte Uebertragung von August Scholz 




Peter Eustratjewitsch ist heute ein bejahrter Mann, er ist 
Gutsinspektor, hat zwei Giiter unter sich und kommandiert auf 
ihnen wie ein richtiger Herr. Ein Sohn ist Kaufmann, ein zwei ter 
Beamter ; seiner Tochter soil er funftausend Rubel mitgegeben 
haben, und er selbst lebt einen guten Tag und schickt nocb jedes 
Jahr Geld nach Moskau auf die Bank. Er ist von schlichter, biir- 
gerlicher Herkunft, ein Sohn des Eustrat Tregubow. Das heisst, 
eigentlich ist er gar nicht der Sohn dieses Eustrat, er wird nur 
so nach gutem Brauche als Eustrats Sohn mitgezahlt. In Wirk- 
lichkeit aber liegt die Sache ganz anders, und das eben ist es, 
was wir hier erzahlen wollen. 

Auf hdchst merkwtirdige Weise trug diese Siinde sich zu, und 
die Leute wunderten sich damals nicht wenig dariiber. Es war 
dazumal alles viel einfacher als heute, und darum erregten solche 
Geschichten immer grosse Verwunderung. 

Grossmutter Malanja, die Mutter von Peter Eustratjewitsch, 
ist noch heute am Leben, sie wohnt bei ihrem Bruder Romascha. 
Der Sohn hat sie schon hundertmal gebeten, doch zu ihm zu 
ziehen, aber sie tut es nicht. 

„Ich bin als B&uerin geboren , 44 sagt sie, „und will auch als 
Bauerin sterben, die Siinde ist dann geringer. So lange meine 
Kraft noch zureicht, will ich dem Bruder behilflich sein, will 
seine Enkelchen wiegen und ein bisschen im Haushalt zugreifen. 
Mein Petruschka ist ein grosser Mann geworden, und wenn man 
sich imter die Grossen mischt, wird auch die Siinde grosser . 44 

So lebt sie denn still fiir sich, bekommt vom Sohne Unter- 
stiitzungen und schickt ihm dafiir brieflich ihren Segen. Ihre 
ganze Freude und Abwechslung besteht darin, dass sie sich am 
Feiertag ein weisses Kopftuch umbindet, sich hiibsch sauber 
putzt, ihren Kriickstock nimmt und zur Friihmesse geht, und 
nach dem Miitagessen ruft sie dann irgend jemanden zu sich, 



Diese unverdffentlichte Novelle ist von Tolstoi noch vor Auf- 
hebung der Leibeigenschaft und seinen anderen Werken geschrieben 
worden. Tolstois Frau hat die Publikation fast ffinfzig Jahre lang 
verhindert. Nun erst kann sie erscheinen : in einer russischen Ausgabe 
und dem im n&chsten Monat herauskommenden dritten Bande der 
, .Nachgelassenen Werke“ (Berlin, J. Ladyschnikow). 



*4 



198 Ein Idyll 

* 

* 

der ihr etwas vorliest. Gewohnlich lasst sie sich aus einem 
kleinen Biichelchen vorlesen, das ihr einmal eine durchziehende 
Pilgerin geschenkt hat, und das sich ,,Der Traum der aller- 
seligsten Jungfrau" nennt ; noch lieber freilich hat sie es, wenn 
man etwas aus dem Psalter liest. Mit Almosen kargt sie nicht, 
und wenn ein miider Wanderer um ein Nachtlager bittet, ver- 
weigert sie es nicht. Daher wird sie im Dorfe nicht nur um 
ihres reichen Sohnes willen, sondern auch ihrer Tugend wegen 
von alt und jung geachtet. 

Was doch so ein bisschen Jugend bedeutet ! Wenn Gross- 
mutter Malan ja sich jetzt selber so s&he, wie sie vor vierzig J ahren 
gewesen , sie wiirde sich nicht wiedererkennen. Damals hiess 
sie natiirlich auch nicht Grossmutter Malanja, sondern Malan jka 
DunaYcha, weil sie n&mlich die beste Reigenspielerin und Tdnzerin 
im Dorfe war. Schlimmes konnte ihr auch damals, bis zu dieser 
Geschichte namlich, niemand nachsagen, sie war eben nur so ein 
munteres, keckes Weibchen. Sie stammte nicht aus unserem Dorfe, 
sondern aus Majowka; weshalb Eustrats Vater gerade sie fiir seinen 
Sohn ausw&hlte, ob aus Mangel an Br&uten im eigenen Dorfe 
oder aus sonstigen Griinden, weiss man nicht, jedenfalls war sie 
eine Fremde. Der Alte war selbst noch riistig und nahm fiir 
seinen Sohn ein zweites Stuck Land zu ; es war eine hiibsche 
Wirtschaft, acht Pferde, die Fiillen mitgerechnet, zwei Kiihe 
im Stalle und Bienenstocke, die auch heute noch auf dem Hofe 
gehalten werden. Der Frondienst war ertraglich, niemand arbei- 
tete sich zu Tode, und die Schwiegermutter war eine richtige 
Wirtin, die allein fur drei schaffte ; ausserdem war noch eine 
Soldatenfrau, eine Schwester der Wirtin, zur Aushilfe da, so dass 
das junge Frauchen nichts auszustehen hatte. 

Nach altem Brauch hatte man Malanja schon mit fiinfzehn 
Jahren verheiratet. Sie war noch ganz ein Kind. Wenn 
sie in der ersten Zeit mit der Soldatenfrau nach Wasser ging, 
schwankte sie mit den Eimern hin und her wie eine Gerte. Ihren 
Mann hatte sie nicht ein bisschen lieb, nur Angst hatte sie vor 
ihm. Wenn er sich ihr naherte, begann sie zu weinen und kniff 
und biss ihn sogar. Ueberall an den Schultern und Armen hatte 
er in der ersten Zeit blaue Flecke. Das dauerte so wohl an die 
zwei Jahre. Weil sie aber ein hubsches, ruhiges Weibchen und 
aus gutem Hause war, zwang man sie zu keiner schweren Arbeit, 
und so gewohnte sie sich nach und nach ein, wurde grosser und 
starker, bekam rote Backen, hatte auch keine Angst mehr vor 
ihrem Manne, sondern wurde immer zutraulicher und vergoss 

sogar Tranen um ihn, als der Vater ihn auf Arbeit nach der Stadt 
schickte. 



199 



Ein Idyll 




Eines Tages kam der Spassmacher Petra zu ihnen in die Stube 
und meinte : ,,Nun seht bloss, jetzt weint sie gar um den 
sommersprossigen Teufel !“ Und er versuchte, ihr ein bisschen 
schon zu tun. 

„Und wenn er zehnmal sommersprossig ist — hiibscher als 
du ist er immer noch, und du wirst ihn jedenfalls nicht aus- 
stechen !“ sagte sie und machte ihm eine lange Nase. 

Sie durfte sich gar nicht mehr zeigen : jeder meinte, ein Recht 
zu haben, mit ihr zu scherzen und zu schdkern, selbst die Alten 
liessen sie nicht in Ruhe. Sie lachte mit alien, hielt aber ihrem 
Manne die Treue, wiewohl er nur selten einmal nach Hause kam. 
Bei der Arbeit war sie alien voran : ob es ans M&hen ging oder 
ans Einfahren, iiberall sah man sie wacker zugreifen, und wenn 
die andern miide und abgehetzt waren, ging sie singend nach 
Hause und fiihrte dann noch den Reigen an. 

„Es war eigentlich Zeit, dass du ein Kindchen bekamest, 
lange genug hast du herumgeflitzt,“ sagte die alte Schwieger- 
mutter zuweilen zu ihr. „Konntest mir wirklich die Freude 
machen, dass ich noch ein Enkelchen wiegen darf.“ 

„Ich mocht’s ja selbst auch ganz gern,“ sagte sie, „ich scham 
mich schon vor den Leuten. Dieser Tage sah ich die jungen 
Mutter aus der Kirche kommen, vom Aussegnen — im zweiten 
Jahr sind sie erst verheiratet und haben schon Kinder. Aber 
freilich, bei denen lebt der Mann im Hause. “ 

So oft sie an ihren Mann dachte, weinte und klagte sie. Ein 
Jahr oder auch zwei hat es schliesslich nichts auf sich; wenn 
aber eine stattliche, krdftige Frau auch spdter keine Kinder 
bekommt, dann lachen die Leute. 

Darum eben war Malanjka so betriibt daruber, dass der 
Schwiegervater ihren Mann aus dem Hause gab. Der Alte war 
ein tuchtiger Stellmacher und hatte eine gute Kundschdft. 
Auch Eustrat hatte dieses Handwerk gelernt, und wie er es erst 
richtig konnte, schickte der Vater ihn fort, auf Verdienst. 
In jenem Sommer nun, in dem die Siinde geschah, hatte er ihn 
ganz, ganz weit weggeschickt, fiber hundert Werst, und sich 
einen Knecht genommen. Bis zum Ffirbittenfest sollte Eustrat 
fortbleiben, und hundertundzwanzig Rubel Lohn bekam er daffir, 
wdhrend der Knecht nur zweiunddreissig und ein Paar Hand- 
schuhe dazu kostete. Fiir den Alten war es jedenfalls ein gutes 
Geschaft. 

Recht lange wurde Malanjka die Zeit so ohne ihren Gatten. 
Jung war sie, recht in Saft und Kraft, lebte gut und ass Fleisch. 
Der macht sich an sie heran, und jener versucht es, doch ver- 
geblich ; der Mann aber bleibt ganze sechs Monate weg. 

14* 



200 



Ein Idyll 



Kommt sie des Abends nach Hause, dann isst sie ihr Abend- 
brot, nimmt ihr Bettzeug und geht zur Soldatenfrau in die 
Kammer. 

„Schrecklich ist’s mir, Nastasjuschka, so allein zu sein,“ sagt 
sie und bittet die Soldatenfrau, sie an der Wand schlafen zu 
lassen ; „es ist mir n&mlich immer, als komme einer heran und 
fasse mich an die Beine,'* sagt sie. 

II. 

Der Peterpaulstag war voriiber. Die Weiber hatten ihre Kopf- 
tiicher, Sarafane und gestickten Hemden in die Truhen zuriick- 
gelegt und schwangen wieder fleissig am Teiche die Waschbleuel. 
Die G&ste, die zu Besuch gekommen, waren fort, der Brannt- 
weinverk&ufer sass allein in seiner Schenke, und die Bauern, die 
wieder niichtern geworden, hatten bereits am Abend oder auch 
erst am Morgen ihre Sensen gedengelt. Jetzt zogen sie, die 
Schleifsteine am Gtirtel, zum Mfihen aufs Feld hinaus, wie die 
Bienen aus dem Stocke. Ueberall auf den Wegen und Rainen 
spiegelte sich die Sonne in dem blanken Stahl der Sensen. Es 
war ein pr&chtiges Wetter. Drei Tage vor dem Feste war der 
Mond als schmale Sichel wieder am Himmel erschienen — „er 
hatte sich gewaschen", und nun waren die schonen Tage an 
der Reihe. 

Die Zeit der Ernte ist auch heute noch eine lustige Zeit und 
war es in fruheren Tagen noch weit mehr. Die Frauen und 
Madchen schmficken sich, gehen singend an die Arbeit und 
kehren singend wieder heim. Zuweilen wird Branntwein mitge- 
nommen, und unter Jubel und Tanz werden die kurzen Nacht- 
stunden im Freien verbracht. 

Um diese Zeit war es, dass der Dorf&lteste die Bauern besuchte, 
um zu bestimmen, wer zur Arbeit auf die Gutsfelder sollte. 
Dorfaltester war damals MicheYtsch, ein noch junger Bauer, 
zwar verheiratet, doch ein grosser Weiberfreund. Er war ein 
stattlicher, kraftiger Mann von frischer Gesichtsfarbe, wohl- 
beleibt und ein Stutzer, was Stiefel und Hut betraf. Malanjka 
war ganz allein im Hause, als er die Stube betrat. Sie war bar fuss, 
im schlichten Hausrock und machte sich gerade am Ofenzu 
schaffen. Der Alte war mit den Knechten auf dem Hofe, die 
Alte hatte das Vieh ausgetrieben, und die Soldatenfrau war mit 
der Wasche am Teiche. 

MicheYtsch nahm die Gelegenheit wahr und machte sich an 
Malanjka heran. 

„Ich werde dich nicht zur Arbeit schicken,“ begann er. 




i 



Ein Idyll 



301 



„Warum denn nicht ?“ sagte sie. „Ich gehe gern zur Arbeit 
aufs Gut. Da ist man mit andern zusammen und kann lustig 
sein. Und hier zu Hause sitze ich allein, und der Alte lisst mich 

nicht feiern.“ 

,,Ich werde dir ein schdnes Tuch kau£en,“ sagte Micheitsch. 

,,Mein Mann wird mir eins mitbringen," versetzte sie. 

„Ich werde mit dem Verwalter sprechen, dass er deinen Mann 
auf Pacht setzen soil — dann steht er sich doch besser.“ 

,,Wir wollen gar nicht auf Pacht kommen, wir stehen uns so 
ganz gut. 14 

,,Nun sag mal, Malanjka — was ist denn das ? Wie lange willst 
du mich noch qu&len ?“ 

Er schaute um sich, ob ihn nicht etwa jemand sah, und ging 
ganz nahe an sie heran. 

„Gib acht, Micheitsch, dass du nicht anrennst 1“ sagte sie, 
nahm die Topf gabel und hielt sie ihm lachend entgegen. „Das 
geht doch jetzt nicht — denk nur, wenn der Wirt hereinkommt !“ 

, , Wann geht’s denn sonst ? Vielleicht, wenn du von der Arbeit 
heimgehst ?“ 

„Gewiss, dann gehts am besten ; sowie die Leute nach Hause 
gehen, verstecken wir uns beide im Gebiisch, damit deine Frau 
nichts sieht,“ so spricht sie schelmisch und lacht dabei, dass es 
in der Stube widerhallt. „ Sonst kdnnte sie am Ende noch bdse 
werden, deine Marfa, 11 fiigt sie hinzu. 

Er wusste nicht, ob sie im Ernst sprach Oder sich fiber ihn 
lustig machte. Und ehe er noch weiter in sie dringen konnte, 
kam der Schwiegervater herein, um sich die Stiefel anzuziehen. 
Da blieb ihm denn nichts weiter iibrig, als so zu tun, als sei er 
nur gekommen, um die Hofarbeit anzusagen : die Weiber sollten 
das Heu zusammenrechen und die MSnner es einfahren, sagte er, 
nahm seinen Stock und ging weiter, nach den andern Bauern- 
hiusern. Er schickt zur Arbeit, wen er will; selbst solche, 
die nicht zu gehen brauchen; auch wer ihn mit Branntwein 
traktiert, bleibt nicht verschont. Nur Malanjka wollte er ganz 
auslassen oder ihr doch moglichst leichte Arbeit geben. Sie aber 
denkt nicht daran, deshalb freundlicher gegen ihn zu sein, sondern 
lacht ihn nur aus : ,,Gewiss, ich komme," sagt sie, wenn er sie 
dahin oder dorthin bestellt und geht doch nicht hin. Und ebenso 
macht sie es mit den andern. So oft hatte sie Gelegenheit in 
diesem Sommer, dass sie selbst schon sagte : , , Solch einen 
Sommer hab ich noch nicht erlebt !“ Voll Kraft ist sie, voll 
bliihender Gesundheit, kennt keine Mfidigkeit und ist immer 
munter. Zur Heuemte geht sie, wann es ihr passt — um die 
Friihstiickszeit, wenn die Sonne schon fiber dem Walde herauf 



202 



Ein Idyll 



ist. Mit der Soldatenfrau zusaxnmen lauft sie zur Wiese und 
singt ibr frohliches Lied. 

So ging sie eines schonen Morgens durch den Hain nach der 
Wiese in Kalinowo, die gerade gemaht wurde. Es war ein pr&ch- 
tiger Morgen, die Sonne war eben aufgegangen, der Tau lag 
auf den Grasern, und ein leichter, kiihler Hauch wehte durch 
den Wald. Die Vdgel schmetterten ihre Lieder in die Luft, sie 
aber iibertont sie alle. Im roten Tucb und im gestickten Hemd 
geht sie daher, bar fuss, die Schuhe an der Seite ; die weissen 
Beine schimmern, und uber die Schultern zuckt es nur so. Aus dem 
Haine kam sie aufs herrschaftliche Feld, das die Bauern eben 
pflugten. Wohl an die zwanzig Pfliige waren auf dem zehn Dess** 
jatinen grossen Felde im Gange. Als letzter am Wege ging 
Grischka Bolchin hinter seinem Pflug, ein pfiffiger Bauer, der gern 
seinen Spass machte. Wie er Malanjka erblickte, band er den 
Ziigel am Pfluge fest und kam auf sie zu, um Scherz mit ihr 
zu treiben. Auch die andern liefen herbei, und sie lachte und 
scherzte ganz vergniigt mit alien. Bis zum Fruhstiick hfitten sie 
so ihre Kurzweil getrieben, wenn nicht der Verwalter ihnen auf 
seinem Gaul auf den Hals gekommen w&re. 

„Was fillt euch ein, ihr Teufelskerle ? Reigenspiele werden 
sie hier am friihen Morgen auffuhren 1 Hoi euch dieser und 
jener 1" rief er und sprengte auf sie los, dass die schwarze Erde 
nur so unter den Hufen seines Gaules bebte. Er. war nSmlich 
ein grosser, schwerer Mann, der Verwalter. ,Nun seh einer das 
Weibsbild — um die Friihstiickszeit geht sie ins Heu 1 Ich 
werde dich lehren !“ 

Sobald er jedoch Malanjka erkannt hatte, verging sein Zorn, 
und er lachte sie an. 

„Wart mal,“ sagte er, „wenn du mir die Bauern von der 
Arbeit abhdltst, musst du selber an den Pflug. “ 

„Warum nicht ? 4< sagte sie, „gib mir nur einen Pflug, ich 
mach die Sache besser, als deine Bauern." 

„Nun, gut schon, gut schon! Mach, dass du jetzt ins Heu 
kommst — es ist Zeit, es umzuwenden. Ach, diese Weiber, diese 
Weiber 1" fugte er l&chelnd hinzu. Ganz anders war er ge worden. 

So wie sie auf die Wiese kam und sich in die Reihe stellte, 
war sie bald alien andern voran, dass die kaum mitkommen 
konnten. Der Verwalter hatte seine Freude daran, die andern 
Weiber aber fichzten und schimpften, dass sie sie ganz in Schweiss 
bringe. Als aber die Mittagszeit herankam und sie nach Hause 
wollten, schickten sie doch keine andere als die Malanjka 
zum Verwalter, er mochte endlich aufhoren lassen, die Weiber 




Em Idyll 



203 




seien mtide. Und sie wusste es schon so einzurichten, dass er 
sie laufen liess. 

Einmal spielte sie dem Verwalter einen lustigen Streich. Man 
war gerade dabei, die Heuschober auf Zurich ten, und weil das 
Wetter unsicher war, hiess es eilen, damit die Arbeit bis zum 
Abend fertig wiirde. Ohne Mittagspause wurde durchgearbeitet, 
auch das Hofgesinde musste mit heran. Der Verwalter war 
dageblieben und hatte sich sein Mittagessen hinauskommen 
lessen. Er sass mit den Weibern zusammen unter den Birken, 
ass, und wie er fertig war, meinte er zu Malanjka : 

„Sag mal, Gevatterin Malanjka, “ sie hatten beide zusammen 
Gevatter gestanden, „willst du nicht ein kleines Schl&fchen 
machen ?“ 

„Nein — warum denn ?“ 

„Du konntest mir ein bisschen den Kopf krauen, Malan- 
juschka," meinte er. 

Er streckte sich neben ihr hin, und sie lachte. Die andern 
Weiber schlummerten ein bisschen, und auch Malanjka wurde 
schl&frig. Sie guckt und guckt auf ihn, wie er so rot und 
schwitzend daliegt, und Miidigkeit uberkommt sie. Da sieht sie, 
wie er aufsteht und sie mit gerbteten Augen gross anstarrt — 
so breit und plump steht er vor ihr da. 

„Du hast mich ganz bezaubert, du Teufelsweib,“ sagt er. 

Und so gross und stark, wie er ist, packt er sie mit beiden 
Armen und will sie ins nahe Gebiisch ziehen. 



,,Was fillt dir ein, Andrej Uitsch,“ sagte sie, ,,das geht doch 
jetzt nicht — die Schande, wenn die Leute erwachen ! Komm 
lieber dann, nach der Arbeit. Lass sie friiher nach Hause gehen, 
und ich bleibe da.'* 

Er liess sich denn auch bereden. Wie er aber die Leute friiher 



als sonst entliess, war sie die erste, die nach Hause lief. Ein 
Junge, der zuriickblieb, erzfihlte hinterher, Andrej Ilitsch habe 
sich noch eine ganze Weile hinter dem Heuschober herum- 



gedriickt. 

Das machte ihr iiberhaupt den grossten Spass : jemandem 
Hoffnungen zu machen und ihn dann auszulachen. Gerade zu 
Peter und Paul war's, als der gnftdige Herr aufs Land kam und 
mit ihm sein Kammerdiener, ein ganz ▼erschmitzter Bursche, 
mit alien Hunden gehetzt. Er prahlte formlich damit, wie er 
seinen Herrn bestahl und betrog. Doch das wire nicht wetter 
schlimm gewesen — hundsgemein aber war er gegen die 
Weiber, einfach nicht zu sagen. Die Bauern waren so aufgebracht 



gegen ihn, dass sie ihn gehdrig verprugelt bitten, wenn er 



noch lfinger im Dorfe geblieben ware. Ganz besonders hatte 



204 



Ein Idyll 



h 




er es auf Malanjka abgesehen : auf Schritt und Tritt folgte er 
ihr, bot ihr einen Silberrubel, dann einen blauen Schein und 
endlich gar einen roten. 

„Nein,“ sagte sie, „ich will nicht." 

Da versuchte er es mit einer List. Er steckte sich hinter den 
Dorfdltesten und traktierte ihn ; gegen Ende des Fruhlings 
war's, und die Leute waren beim Dreschen. 

„Hor mal,“ sagte er zum Aeltesten, als es zu dunkeln begann, 
„ich will auf den Getreideschober klettem, und du schick eine 
hin, dass sie die Gar ben zurechtlege. Die Malanjka kannst du 
vielleicht schicken." 

„Meinetwegen,“ sagte der Aelteste. 

Als nun Malanjkafauf den Schoberjgeklettert war, machte er 
sich Jsogleich an sie heran. 

„Wart mal, so istVf nicht bequem," sagte sie, begann die 
Gar ben dahin und dorthin zu legen, machte eine Grube und 
stiess ihn hinein, wihrend sie selbst rasch hinunterkletterte. 
Unten angekommen, zog sie die Leiter fort und lehnte sie an 
den Nachbarschober. Dann erzahlte sie den andern Weibern, 
wer da oben sei, und die liefen nach dem Schober und fingen 
ein lautes Gel&chter an. Wie er herunterkletterte, zogen sie ihm 
die Hosen ab, stopften sie voll Stroh und zwangen ihn, sie so 
wieder anzuziehen. 

Das kiihlte sein heisses Blut aber doch nicht ab, und er bat 
den Aeltesten, Malanjka zum Wegereinigen in den Park zu 
schicken. Hier nun traf sie der gnidige Herr noch vor dem 
Kanunerdiener. Man hatte nie vorher etwas davon gehort, 
dass der Gutsherr in diesen Dingen sundig ware, Malanjka aber 
tat es ihm sogleich an. Muss schon ein schmuckes Weibchen ge- 

wesen sein ! 

. 

„Ich sehe, wie er ankommt," erzdhlte sie dann selbst „so 
htsslich, und so mager, und alles an ihm so sonderbar. Er geht 
voruber, und ich bin fleissig bei der Arbeit und kratze und fege. 
Wie ich dann einen Augenblick mich verpusten will, seh’ ich, 
wie er wieder auf demselben Wege daherkommt. Dichtes Busch - 
werk war zu bei den Seiten. Ich denke, er muss wohl hier zu 
turi haben, wenn er so auf und ab geht — wie ich aber von der 
Seite nach ihm hihschiele, seh* ich, dass er mich nur so mit den 
Augen verschlingt. Bis zum Mittagessen liess er mir keine Ruhe, 
ging immer auf und ab und guckte mich an. Zu 13s tig war mir 
die Sache, beim Heumachen gefiel mir’s zehnmal besser. Und 
dabei kommt er gar nicht heran, sondern guckt und guckt nur. 
Ich denke, er hat sonst . nichts zu tun und sieht nach meiner 




Ein Idyll 



205 




Arbeit — und da beeilte ich mich so, dass ich ganz allein den 
ganzen Parkweg fertig machte." 

Und nun erzahlte sie weiter, wie auf einmal der Kammerdiener 
auf sie zukam. 

„Du hast dem gnadigen Herrn sehr gut gefallen,“ sagte er zu 
ihr, „und er lasst dir sagen, du sollst am Abend in die Orangerie 
kommen." 

,,Wart,“ denkt sie, ,,dir will ich’s anstreichen: das ist doch 
wieder nur eine List yon dir !" Und laut fUgte sie hinzu: „Gut, 
ich werde kommen." 



„Erlaub dir aber keine Spasse mit ihm !“ 

„Wenn ich’s sage, komme ich/' 

Am Abend nahm sie ihr Kratzeisen und ging nach Hause. 
Sie erzihlte der Soldatenfrau, dass der Gn&dige sie nach der 
Orangerie bestellt habe, und sie beschlossen, hinzugehen und 
heimlich nachzusehen, ob er wirklich da sei. Hinten herum 
eilten sie rasch hin und sahen ihn im Dunkeln auf und ab gehen, 
Da verstellte die Bauernfrau ihre Stimme, dass sie wie eine 
M&nnerstimme klang — sie verstand das ausgezeichnet — und 



rief ganz laut : 

„Wer ist da ?" 

Der gnddige Herr nahm Reissaus. Die Weiber lachten, dass 
sie sich den Bauch hielten, zu Hause noch schuttelten sie sich 



▼or Lachen und erzdhlten es alien. 



Am n&chsten Tage ging Malanjka wieder in den Park auf 
Arbeit. Diesmal kam der Koch auf sie zu und meinte: „So, 
so, du hast wohl dem Kammerdiener nicht geglaubt? Jetzt 
schickt er mich und l&sst dir sagen, du hast ihm gefallen und 
sollst auf jeden Fall kommen." 

,,Ist’s auch wahr ?" sagte sie; „ich dachte, der Kammerdiener 
will mich zum Narren haben, und da hab ich mir den Spass 
gemacht. DieSmal aber komm ich wirklich." 
irifAls sie die Arbeit beendet hatte, ging sie ohne weiteres zur 
Herrschaft ins Haus, die Magdetreppe hinauf. 

„Was willst du ?" fragte man sie. 

„Der gnadige Herr hat befohlen, dass ich herkommen soil." 

Die gnadige Frau kam heraus. 

,,Was willst du ?" fragte sie. „Wie hiibsch du bist ! Warum 
hat der gnadige Herr dich kommen lassen ?" 

„Ich weiss es nicht." 

Sie liess ihren Mann holen, und der kam an, ganz feuerrot im 
Gesicht. 

„Komm dann spater — mit deinem Vater," sagte er, „ich habe 
jetzt keine Zeit." 



t 



206 




Em Idyll 




Ein einzigesmal noch kam er an sie heran und begann solches 
Zeug zu reden, dass sie kein Wort verstand. Und wie er sie dann 
bei der Hand nehmen wollte, lief sie rascb davon und liess ihn 
stehen. So suchte sie sich zu helfen, so gut sie konnte, bald mit 
List und Betrug, bald mit Gewalt. 

Einmal waren Soldaten bei ihnen im Quartier. Man brachte 
sie unter so gut es ging, auch in der Stube schliefen etliche 
mit. Ein Junker war dabei, der machte den Schwiegervater 
betrunken, und wie das Licht ausgeloscht war, wollte er sich 
an Malanjka heranmachen. Sie trieb's ihm aber griindlich aus: 
wie er aufstand, hatte er ein blaugeschlagenes Auge und wollte 
sich sogar beschweren. 

Ein andermal lag ein Offizier im Quartier bei ihnen. Der 
redete so lange auf sie ein, bis sie ihm ein Stelldichein gab. Wie 
dann aber die Nacht hereinbrach, schob sie ihm die Soldatenfrau 
unter. 



III. 

So blieb keiner von ihr ungefoppt. Und schliesslich fand sie 
Vergniigen an der Sache, b&ndelte selbst mit solchen an, die 
sie in Ruhe liessen, und wenn sie ihnen so recht warm gemacht 
hatte, lachte sie sie aus. 

„Du wirst noch mal ganz gehorig anlaufen, du lockere Fliege!* 4 
sagte ihr der und jener. 

„Was kann ich denn dafiir, dass sie mich alle so gern haben ?“ 
antwortete sie. „Soll ich darum weinen ? Warum soil ich mich 
nicht iiber sie lustig machen?“ 

In jenem Sommer hatten sie einen Knecht, Andrej mit Namen, 
aus Toljatinki geburtig, ein Sohn der Matrona Karawaicha war’s. 
Jetzt ist er ein wohlhabender Mann, damals aber war der Hof 
seiner Mutter wohl der armste in der ganzen Umgegend. Weil 
sie den Jungen nicht erndhren konnte, hatte sie ihn als Knecht 
aus dem Hause gegeben und schlug sich recht und schlecht durch. 

Andrjuschka war ein Junge von sechzehn, siebzehn Jahren, 
lang aufgeschossen und mager wie eine Bohnenstange. Man 
konnte ihn stossen, wohin man wollte, nicht ein bisschen Kraft 
hatte er. Wie er seine Arbeit fertig brachte, wusste nur Gott 
allein. Dabei war er willig und still und fiirchtete sich vor 
dem Hauswirt schlimmer als vor dem Polizeimeister. Jedem 
Slteren Bauern gegenfiber war er voll Respekt, und wenn ihn 
jemand, sei’s auch ein Fremder, am Feiertag nach Branntwein 
schickte, lief er sogleich hin. Dass er sich mit den Weibern Oder 
M&dchen — ach, was fur M&dchen gab es bei uns ! — eingelassen 
hatte, das kam bei ihm nicht vor. Scherzte einmal ein Weibchen 



Ein Idyll 



207 



mit ihm, dann wurde er rot wie eine Jungfrau und wusste kein 
Wort zu antworten. Von Angesicht war er nett und sauber, hatte 
helle, blaue Augen und dunkelblondes Haar ; aber so hiibsch er 
auch war, so bUeb er doch immer ein Knecht und ein griiner 
Junge, und seine Tracht war nicht eben gross ar tig: ein geflickter 
Rock, ein zerrissenes Hemd, dazu ein alter Hut, den ihm irgend- 
ein Kutscher angedreht hatte und selbstgefertigte Bastschuhe, 
wenn er nicht barfuss ging. 

Doch auch dem armen Jungen liess die bose Malanjka keine 
Ruhe, sondern verdrehte ihm ganz und gar den Kopf. 

„Ich kam ins Haus,“ erz&hlte er selbst dariiber, „und hatte 
solche Angst, solche Angst ! Der Wirt war ja gut zu mir, er zeigte 
mir alles, sagte, was ich zu tun hatte, schickte mich manchmal 
aufs Gut zur Arbeit, nahm mich mit, wenn er m&hte oder sonst 
was vorhatte, trieb mich nicht an, tibte Nachsicht und gab 
mir zu essen, was er selber ass ; auch die Alte behandelte mich. 
gut und gab mir dfter Milch zu trinken ; so gewohnte ich mich 
nach und nach — nur vor der jungen Frau hatte ich eine Heiden- 
angst. Gott weiss, was sie von mir wollte. Wenn ich den Wagen 
anspanne oder in der Scheune Stroh fur das Vieh hole, kommt 
sie gleich gelaufen und reisst mir alles aus der Hand. ,Nun seht 
doch,* sagt sie, ,diesen Trottel aus Teljatinki- ! Nichts fasst er 
richtig an !‘ Und gleich macht sie sich selbst an die Arbeit, 
und so rasch und hurtig geht das bei ihr — , und ist sie fertig, 
dann l&uft sie lachend davon. Sitzen wir, beim Mittagessen oder 
beim Abendbrot, dann hab ich solche Angst und wage nicht die 
Augen aufzuheben ; sehe ich sie an, blinzelt sie einmal, zweimal 
und lacht. Geht sie voriiber, dann kneift sie mich und macht 
dazu ein Gesicht, als ob gar nichts ware. Geht sie mit der Soldaten- 
frau auf den Speicher, um sich schlafen zu legen, so rufen sie : 

,Andrjuschka — heda, Andrjuschka !‘ 

Ich gehe hin und frage : ,Was gibt’s ?* 

,Wer hat dich denn gerufen ?* sagen sie und schutteln sich 
▼or Lachen. 

Einmal hatte ich mich im Schlitten auf dem Hofe hingelegt 
und war eingeschlafen. Auf einmal erwache ich : die beiden 
Weiber stehen vor mir, gucken mich an und Jachen. 

,Seht doch,* rufen sie, ,am hellichten Tage schlaft er ! Lauf 
rasch, der Wirt hat dich gerufen !* 

Ich komme hin. 

,Was willst du denn ?* sagt er, ,wie siehst du denn aus ? Ganz 
schwarz wie ein Teufel, das Vieh wird vor dir erschrecken. Geh 
und wasch dich !* 




Ein Idyll 



so8 



Ich sehe in den Spiegel : ganz schwarz haben sie mir mit 
Kienruss das Gesicht gemacht.“ 

So erz&hlte Andrjuschka. Und ein andermal schickte ihn der 
Wirt mit den Weibern nach Kotschak, wo er Heu holen sollte. 
Sie rechten das Heu zusammen und begannen die Schober auf- 
zurichten. Malanjka ist alien voran, springt dahin und dorthin 
mit der Heugabel, nimmt bis zu drei Pud auf einmal hoch, und 
Andrjuschka bemiiht sich, es ihr nachzutun. Ganz in Hitze und 
Schweiss geraten sie, und bald ist das letzte Heu aufgeschichtet, 
und Andrjuschka klettert hinauf, um den Schober festzustampfen. 

„Sag mal — gibst du dich gar nicht mit den Weibern ab ?“ 
fragt ihn Malanjka. 

„Nein, ich hab keine Zeit dazu. Lass mich den Schober zurecht- 
machen." 

„Du weisst wohl mit ihnen nicht umzugehen ?“ 

„Nein.*‘ 

„Willst du, dass ich es dich lehre ?“ 

Er schweigt. Da fasste sie ihn, warf ihn nieder ins Heu und 
begann ihn gehbrig zu walken; die Soldatenfrau aber deckte 
sie beide ganz mit Heu zu und warf sich dann selbst liber sie. 

„Alle auf den Haufen “ rief sie laut. 

Andrjuschka entwand sich ihnen, packte Malanjka beim Kopfe 
und begann sie zu kiissen — so wild und keck war er geworden. 

„Nun seht doch den Bengel, den dummen Knecht. Nimmt 
sich heraus, mich zu kiissen !“ 

Sie sprang auf und begann so zu schimpfen, dass Andrjuschka 
nicht wusste, was er sagen sollte. Ganz kopflos kam er nach 
Hause, und als der Wirt ihm etwas befahl, verstand er ihn gar 
nicht. Der Wirt war sonst gut zu ihm, weil er so fleissig und 
still war, und wunderte sich sehr fiber ihn. 

„Was ist denn mit dem Andrjuschka ?“ fragte er, „der sieht 
ja aus, als wollte er gleich sterben !“ 

„Der denkt nicht ans Sterben — mit jungen Weibern treibt 
er seinen Mutwillen," meinte Malanjka und schimpfte von neuem 
auf ihn los. 

Er wusste nicht, wie ihm war, wenn er gleich ihr Schimpfen 
nicht ernst nahm. Am liebsten wire er fortgelaufen vom Hofe, 
doch fiihlte er nicht die Kraft dazu. Wie behest war er seit 
jenem Tage. Er fiirchtete sich, sie anzusehen und brannte doch 
i nur darauf, es zu tun. In der Nacht fand er keinen Schlaf, und 
am Tage war er wie benommen und lief nur immer hinter ihr her. 

(Schluss in der nfichsten Nummer) 



Auf der Landagitation 



209 



1 



Auf der Landagitation 

Von LUDWIG FRANK 

Vor kleinen Kuhbauem, Waldarbeitem und Stallknechten 
zu predigen, ist gar keine leichte Sache. Verwohnte Leute will 
ich warnen. Man muss bei Regen und Sturm auf holprigen 
Wegen wandem oder in offenen Wdgelein fahren. Viel Schwarten- 
magen und Schweizerk&s wird gegessen und saurer Markgr&fler- 
wein getrunken. Die niederen Wirtstuben sind gefullt von 
qualmenden Gestalten, und der deutschnationale Tabak, der 
aus uralten Pfeifen geraucht wird, ist ein grausiges Gewdchs. 
Wer aber diese Miihen nicht scheut, wird bald mehr Freude an 
den landlichen Versammlungen haben, als an den m&chtigen 
Meetings der Grossstadt. Hier liefem nicht tausend Gesinnungs~ 
genossen den sicheren Resonnanzboden, der Redner ist ganz auf 
sich gestellt, wenn er den breiten Wall von Unwissenheit 
und Vorurteil durchbrechen will. Alle Fremdworter muss er 
daheimlassen. Keinen politischen, philosophischen, geschicht- 
lichen Begriff darf er als bekannt voraussetzen , und wenn er 
etwas erklaren will, kann er Bilder und Vergleiche nur aus der 
engen Vorstellungswelt seiner Horer nehmen. Wer das fertig 
bringt, findet dankbaren Beifall. In einem Schwarzwalddorf 
weigerte sich die brave Wirtin, die paar Pfennige fur meine 
Bretzel und fiir mein Glas Bier anzunehmen. Den Musikanten 
und dergleichen fahrenden Leuten wird bei guten Leistungen eben 
die Zeche geschenkt. Am besten wirkt immer der Anschauungs- 
unterricht. Ich erz&hle, dass der Antrag, die Altersrente statt 
nach dem 70. schon nach dem 65. Lebensjahre zu gew&hren, 
von den riickschrittlichen Parteien abgelehnt worden ist, und 
fordere die iiber 65 Jahre alten Anwesenden auf, sich zu erheben. 
Oder ich stelle fest, dass die Erbanfallsteuer die Erbschaften 
unter 20 000 Mark nicht getroffen hatte, und bitte dann, dass 
alle vortreten sollen, die schon an einem Nachlass uber dieser 
Grenze beteiligt gewesen sind. Den tiefsten Eindruck machen 
auch jetzt noch , wie in den Tagen von Florian Geyer und Thomas 
Mfinzer, mammonfeindliche Bibelstellen. Das Evangelium kann 
aufreizender wirken als das kommunistische Manifest. Jede 
k&mpfende Klasse holt sich aus Gottes Wort die Waffen. Der 
B i s c h o f , als Schfitzer des Besitzes , ruft : „W er Knecht 
ist, soli Knecht bleiben!" Der arme Mann trostet 
sich : „Eher geht ein Kamel durch ein Nadel- 
6 h r , denn ein Reicher in den Himme 1 .“ Die 
Religion ist ein geistiger Garungsstoff fur viele im Lande. 
Das Gleiche gilt fiir die nationalistischen Ideen, die durch Schule 



210 



Auf der Landagitation 




und Militarvereine verbreitet warden.' Ich wnrde an einem 
Abend gefragt, warum Deutschland nicht Frankreich durch 
einen Krieg gezwungen h&tte, Marokko herauszugeben. Ich 
frug zunachst wieder, ob man einfach dem Nachbar Land weg- 
nehmen diirfe, sobald man es brauche. Die Antwort war sehr 
klar : der Einzelne diirfe es nicht, aber ein Volk habe das Recht 
dazu. Nun wollte ich wissen, ob ein Krieg nicht furchtbares 
Elend liber die beteiligten Nationen bringe, und ob es nicht 
richtiger ware, ohne Blutvergiessen das ndtige Land zu er- 
werben. Als dies bejaht wurde, war es leicht, die Enteignung 
der deutschen Junker, der ostelbischen und siiddeutschen Gross- 
grundbesitzer ▼orzuschlagen , auf deren Giitem Hunderttausende 
▼on Bauern und Landarbeitem genossenschaftlich wirtschaften 
konnten. Die letzten Zweifel wurden beseitigt durch das Ver- 
sprechen, dass die Grafen und Barone in aller Freundschaft 
pensioniert werden sollten, und dass die Pensionen etwa so hoch 
sein sollten, wie die Invalidenrenten der Landarbeiter . . . 

Der Wahl tag wird zeigen, dass Demokratie und Sozialismus 
auf dem platten Lande Heimatrecht erworben haben. Vor 
funf Jahren redete ich zum ersten Male in einem abgelegenen 
Pf&lzerdorf . Ein enges Nebenstubchen war uns vom Wirt gegeben 
worden, die paar Besucher schlichen sich scheu hinein, und nur 
Wenige wagten es, angstlich, mit den HSnden unterm Tisch, 
Beifall zu klatschen. Vorige Woche war ich wieder in dieser 
Gemeinde und traf einen grossen, dichtbesetzten Saal und be- 
geisterte Zuhorer. Und am Schluss gab es fiir mich eine Ueber- 
raschung. Der Vorsitzende befahl : .,Die S&nger antr&tte 1“ 
Und der vor wenigen Monaten gegriindete Arbeitergesangverein 
trug die ,,Internationale“ vor. „C’est la lutte finale 1 *, das wilde 
Lied, das ich so oft in Amsterdam und Brussel und Paris von 
entflammten Massen hatte singen und pfeifen horen, hier wurde 
es mit ruhrender Andacht und tiefem Ernst, wie ein Choral, 
gesungen : 

„Du Volk verbriiderter Millionen, 

Du Arbeitsbund der ganzen Welt ! 

Nur den, der schafft, soil Gluck belohnen, 

Der Miissiggang verliert das Feld. 

Hinweg, die uns am Fleische hangen ! 

Schon scheucht die Angst sie weit und breit ! 

Sie flattem auf in Todesbangen, — 

O, steig empor, du Sonnenzeit !“ 

Was die fleissige Hand des deutschen Proletariats beruhrt, 
wird zur Organisation, zur O r d n u n g. Auch der Kampf um 
die Freiheit ! Und deshalb wird der Kampf siegreich sein. 



211 



Stemgesprach 



Stemgesprach 

Von MAX DAUTHENDEY 

Ich und ein Stern wir sind im dunkeln Zimmer, 
Sein ' starker Lichtpunkt steht im Fensterrahmen , 
Und fernher spricht sein tausendjahriger Schimmer 
Von alien Augen, die schon zu ihm kamen. 

,,Wie seltsam kurz ist Menschenzeit bemessenl" 
Sprech’ ich zu ihm und seiner ewigen Helle. 

„Ist mat die ganze Menschheit l&ngst vergessen, 
Stehts du des Abends noch an gleicher Stelle 
Und siehst auf Berge, die einst Menschen trugen, 
Auf Fliisse, wo die Menschenschiffe fuhren, 

Und findest yon dem Zwerggeschlecht, dem klugen, 
Vielleicht versteinert nur noch Fingerspuren. 

Unheimlich Starker du, sag, ob du leidest, 

Sag, ob du liebst wie wir, die sterblich leben! 

Der du dich mit dem Dunkel gem umkleidest, 
Damit die N&chte dich den Augen geben, 

Sag, ob du’s fuhlst, wenn ich dich still beschaue! 

Du zitterst, oder zittern meine Sinne, 

Weil ich mich vor dir hellem Wesen graue? — 

Allmahlich wird mir vor euch Sternen inne, 

Die da mit Ewigkeiten masslos prahlen: 

Gluck ist doch immer zeitlos ohne Ende! 

Nicht Zeit ist Gliick, nicht Gliick der Jahre Zahlen, 
Gluck f&llt uns aus Sekunden in die H&nde. 

Im Liebesgliick wir uns unsterblich spiiren, 

Lieb ich, erleb ich Sternen-Ewigkeiten. 

Wenn mich der Liebsten Lippen heiss beriihren, 
Durchflieg ich, Sterne, alle eure Zeiten.“ 



212 tlber das Bismarckdenkmalstbema 



* • 

Uber das Bismarckdenkmalsthema 

Ein offener Brief 

von PAUL CLEMEN 
Sehr geehrter Herr Cassirer! 

Sie haben in der letzten Nummer des Pan sich mit dem 
Bismarck-National-Denkmal eingehend bescb&ftigt und mancher- 
lei Nachdenkliches dariiber gesagt. Ihr Aufsatz ist unter denen, 
die die gefallene Entscheidung bek&mpfen, der erste, der wirklich 
die prinzipiellen Gegens&tze erfasst und diesem Problem wenigstens 
von der einen Seite auf den Leib riickt. Ich kann in vielem Grand - 
satzlichem beistimmen, in der sachlichen Anwendung weniger. 
Fur die Geschichte des Wettbewerbes waren Ihre Informationen 
leider in vielen Punkten ungentigende. Sie erwahnen auch meine 
Person in Verbindung mit einem Telegramm, das nun schon 
eine unbeabsichtigte Popularitat erhalten hat ; dieses Telegramm 
lautete wesentlich anders. — Sie h&tten bei Ihrem GewShrsmann, 
der Ihnen die Nibelungen-Impression iibermittelte , den Wortlaut 
ohne Schwierigkeit erfahren kdnnen oder im Notfalle bei mir ; 
wir pedantischen Gelehrten halten einmal darauf, dass man die 
Quellen, die man anfiihrt, auch genau zitiert. Sie reihen eine 
Anzahl von Fragezeichen an dieses Telegramm, das absolut 
ausserhalb der Moglichkeit einer Missdeutung stand. Sie schreiben 
von Starke des Hasses, von Ungerechtigkeit, von Brutalisierung. 
„Ich argere mich nicht, ich wundere mich nur.“ 

Die Sache ist abet prinzipiell so bedeutsam fiir Ihr Publikum, 
dass es sich wohl lohnt, sie auch noch von der a n d e r e n Seite 
zu beleuchten; wir werden uns in nicht wenigem begegnen. 

Zunachst zur Geschichte des Wettbewerbes. Das Preis- 
ausschreiben, das im Jahre 1910 erlassen war, hatte aus- 
drucklich betont, es werde „entscheidendes Gewicht darauf 
gelegt, dass das Denkmal vom Rhein a us, so wohl oberbalb, wie 
unterbalb der Elisenhohe, zur Geltung konune, es solle auch 
gleichzeitig den Denkmalplatz vollkommen beherrschen“. Damit 
ward, wie in den Protesten der Berliner Bildhauervereinigungen 
und des Kiinstlerverbandes Deutscher Bildhauer gegen die 
Entscheidung der Jury mit Recht betont, ausgesprochen, dass 
eine bedeutende, im Landschaftsbild weithin sprechende Anlage 
mit starker Silhouettenwirkung und mit Entfaltung bedeutender 
kiinstlerischer Mittel erwartet ward. Man kann diese Programm- 
Formulierung fiir wenig gliicklich halten ; sie ist in zwei grossen 
Versammlimgen unter Beteiligung vieler Kiinstler aus ganz 
Deutschland festgesetzt worden, und sie musste die Grundlage 



tlber das Bismarckdenkmalsthema 



2x3 




auch fur das Preisgericht bilden. Wenn die Preisrichter in diesem 
Punkte anderer Ansicht waren , so batten sie, da ihnen der Wort- 
laut den Bestinunungen fiir Ausschreiben von Preisbewerben ge- 
m&ss, zur Priifung vorgelegt ward, damals Bedenken aussern 
mtissen. 

Das Preisgericht hat in seiner ersten Tagung im Januar am 
ftinften Tage, nach aufreibender Sichtung und gewissenhaitester 
Priitung, dem Bestelmeyer-Hahn’schen Projekt den ersten Preis 
gegeben. Es bestand zuerst die Absicht, iiberhaupt keinen ersten 
Preis zu verteilen, dann einigte man sich darauf, dass doch in 
der erdrttckenden Zahl der in sich zumeist unausgegohrenen 
und unausgereiften Entwiirfe der Hahn'sche Entwurf an abso- 
luten kunstlerischen Qualit&ten, an Reiie und Vomehmheit 
der Durchbiidung so hocb stand, dass man ihm eine Zensur vor 
den anderen geben durfte. Es kam hinzu, dass die anmutige 
Siegfriedfigur die einzige iiberhaupt durchgefiihrte Plastik der 
ganzen Ausstellung darstellte. Eine Minor itSt (4 Stimmen ver- 
hielten sich schon bier ablehnend) stimmte dann bei unter der 
ausdriicklichen Begriindung, dass es sich eben hier nur um eine 
Bewertung des absoluten kunstlerischen Ranges handle. Die 
Frage lautete ganz und gar nicht, ob dieser Entwurf nun auch sich 
am besten zur Ausfiihrung eigne. Es war dem Preisgericht wie 
dem Kunstausschuss bekannt und in der Instruktion des Preis- 
gerichts niedergelegt, dass die Vorschlige des Preisgerichtes ein 
doppeltes Fegefeuer zu passieren batten. Zun&chst hatte der 
Kunstausschuss die Aufgabe, eine Reibe von Projekten auszu- 
w&hlen zur engeren Auswahl, unter denen sich nur die Tr tiger der 
drei Hauptpreise befinden mussten, und dann konnte der grosse 
Entscheidungssausschuss aus diesen, in rei*licher Wtirdigung 
aller hier zu wertenden Gesichtspunkte, die definitive Wahl 
treffen. 

An dieser S telle hat es kaum Wert, zum Ueberdruss darauf 
hinzuweisen, welche Antwort dieser Entscheid der Jury in der 
Oef fen tlichkeit fand. Dieser Widerspruch war fast einstimmig, 
wenn auch die Begriindung eine sehr verschiedene war und ver- 
schieden das Mass der Zust&ndigkeit der Sprecher. Wenn man 
sich auf die Stimme der Kiinstler beruft, so darf man gebuhrend 
anfiihren, dass der Verband der deutschen Architekten imd In- 
geneiurvereine die Entscheidung ablehnte, dass jene beiden 
grossen Bildhauerveinigungen ausfuhrlich sowohl gegen die 
Grundsatze der Preisverteilimg wie gegen den ersten Preis ins- 
besondere protestierten, und dass sich der Bund deutscher 
Architekten dem anschloss. In Wiesbaden ward im Juni dieses 
Sommers einstimmig der Beschluss gefasst, dass eine Neube- 

xs 



214 



ttber das Bismarckdenkmalsthema 



arbeitung des Denkmalgedankens vorgenommen warden sollte ; 
es wurde dabei der Wunsch ausgesprochen, dass die Gestalt 
Bismarcks deutlicher in Erscheinung treten sollte. Man kann auch 
an diesem Beschluss als solchem m&keln, er bildete jedenfalls 
die Grundlage fur die weiteren Schritte. Mit keinem Wort war 
dabei aber jetzt eine Kolossalfigur gefordert von beherrschender 
Wirkung gegeniiber den bisherigen architektonischen Losungen, 
es ward nur der selbstverstandliche Wunsch ausgesprochen, dass 
der Bismarck dem Bismarckdenkmal nicht fehlen dilrfe. Von den 
Kiinstlem der Jury ward die Forderung nach plastischea 
Modellen noch besonders formuliert. 

Und nun kommt das Tragische. Alle die, die aufrichtige Be- 
wunderer von Bestelmeyers reifem Konnen und von Hahns 
feiner Kunst gewesen, lebten der Hoffnung, dass jetzt eine 
Losung entstehen werde, die wirklich das ersehnte grosse und 
befreiende Kunstwerk bringen wurde. Es schien sehr wohl 
moglich, dass, auch wenn das Dolmenmotiv auf der Spitze des 
felsigen Riickens beibehalten ward, die ganze Anlage nun nach 
dem Bergriicken zu rythmisch gesteigert ward und dass der 
Schwerpunkt der ganzen Anlage nach hinten verlegt ward. 
Ausdriicklich war in dem Preisausschreiben gesagt, es solle dem 
Kiinstler iiberlassen bleiben, wohin er auf dem angewiesenen 
Gelande den Schwerpunkt der Denkmalanlage verlegen wolle. 
Wie Fischer das in der geschickten und bedeutenden Neu- 
bearbeitung seines Projektes getan, konnte die Platzanlage sich 
symmetrisch erweitem und entwickeln, das Bismarckthema 
konnte dann hinten oder in der Mitte bedeutsam ausklingen. 
Die beiden Kiinstler Bestelmeyer und Hahn haben diesen Weg 
beschritten und ein griindlich durchgearbeitetes, ausgereiftes 
Projekt vorgelegt, das einen ungegliederten Festplatz in unmittel- 
barem Anschluss an den Dolmen vorsah und als Abschluss 
eine machtige cyklopische Mauer mit einem riesigen, zo Meter 
hohen Bismarckrelief. Und diesen Entwurf, den die Kiinstler 
selbst als einen gelungenen bezeichnen, von dem sie eine Wirkung 
mit elementarer Wucht erhofften, hat die Jury einstimmig ab- 
gelehnt und verworfen, sie hat ihn nicht einmal als Grundlage 
gelten lassen zu weiterer Bearbeitung, auch nicht mit dem 
Feueraltar, der in Anlehnung an einen anderen Miinchener 
Entwurf (von Bleecker und Kurz) entstanden war und mit Weg- 
lassung der Gestalt des Jungsiegfried. Man muss mit tiefer 
Trauer zugestehen, dass die Jury bei ihrer Ablehnung im vollen 
Rechte war, denn das Projekt war unmbglich; es brachte koine 
Einheit und zerriss die Denkmalanlage, und vor allem war der 
riesige Reiter alles andere als monumental, ungeschlacht und un- 



Ober das Bi smarckdenkmalsth ema 




bedeutend zugleich. Und nun kam die Jury auf den alten Entwurf 
zuriick und empfahl diesen mit Zweidri ttel - Ma j oritat (iz gegen 

5 Stimmen) als Grundlage zur Ausfiihrung. Wenn man das 
alles zusammennimmt, so war der Erfolg von Bestelmeyer und 
Hahn bei dieser zweiten Prufung doch eher eine Niederlage als 
ein Sieg. Es ward im Kunstausschuss mit Recht betont, dass bei 
dieser architektonischen Frage die Architekten zunachst das 
Wort hatten; von diesen haben zwei fur Hahn und zwei da- 
gegen (und fur Kreiss) gestimmt. Bei der letzten Abstimmung, 
•ob das Kreiss’sche Pro jekt in die Reihe der vier, dem Entscheidungs- 
ausschuss vorzuschlagenden aufgenommen werden solle, hatten 
sich drei von den vier Architekten fiir Kreiss ausgesprochen. 

Der weitere Gang ist rasch erzahlt. Der Kunstausschuss hat 
durchaus korrekt auftraggemass eine Reihe von Projekten zur 
engeren Auswahl dem Entscheidungsausschuss prasentiert. Der 
Kunstausschuss hat aus diesen neun Projekten dann wieder die 
drei von Kreiss, Hahn und Brantzky in vorderer Reihe hervor- 
gehoben, und der Entscheidungsausschuss hat nach stunden- 
langen Redekampfen das Projekt von Kreiss gewfihlt. Es handeit 
sich weder um einen Rechtsbruch, noch um eine Rechtsbeugung. 
Es lag durchaus kein Beschluss der Wiesbadener Versammlung 
vor, dass Preisgericht, Kunstausschuss und Entscheidungs- 
ausschuss unmittelbar hintereinander tagen sollten, sondern nur 
eine Anregung aus dem Plenum. Dem widersprach nach Ansicht 
des Presidiums und des geschdftsfuhrenden Ausschusses die 
Unvereinbarkeit der Forderung der Jury, sich zu aussern , bevor 
die Oeffentlichkeit Zutritt gehabt habe und die selbstverstand- 
liche Forderung des Hauptausschusses, erst zusammenzutreten, 
nachdem die offentliche Meinung sich geaussert habe. Es lagen 
zwei ausfiihrlich motivierte Antrage vor, die eine noch weiter- 
gehende Differenzierung wunschten: dass Jury, Kunstausschuss 
und Entscheidungsausschuss gesondert, mit mehrwdchent- 
lichen Pausen tagen imd dass die beiden ersten Instanzen aus- 
fuhtlich begriindete Gutachten erstatten sollten. Sicherlich ware 
der letzte Weg der gewesen , der die beste Moglichkeit zum 
Nachdenken, zum Beraten, zum Ausreifen der Beschlusse ge- 
bracht hatte, — nur wdren dann die Opfer an Zeit und Kraft 
der Mitglieder noch hdhere gewesen. Der erste Vorsitzende, 
Herr Geheimrat Kirdorf, hat keineswegs wegen dieser kom- 
plizierten Einladung, wie es nach dem Artikel im Pan fast 
scheint, seinen Vorsitz niedergelegt, sondern ehe iiberhaupt die 
Einberufung der Jury verhandelt ward. Da er niemanden in 
Kenntnis gesetzt hatte, dass er auch aus dem Kunstausschuss 
und dem Preisgericht austreten wolle, so entstand eine nicht 

* 5 * 



2x6 



t)ber das Bismar ckdenkmalsthem a. 



geringe Verwimmg. £s liegt mir fern, die Organisation zu loben 
und als preiswurdig zu riihmen; es bestehen 8 grosse Ausschiisse 
mit einer Unzahl von Mitgliedem und eine Menge Unter- und 
Lokalausschiisse. Der grosse Ausschuss, der wieder seine Dele- 
gierten in den Entscheidungsausschuss sendet, umfasst fiber, 
xooo Personen, die sich meist, wie es bei solchen Ausschiissen 
herzugehen pflegt, um die Dinge nicht uberm&ssig kiimmern ; 
an dieser Vielkopfigkeit krankt die Sache wie die Leitung. Es 
ist aber nicht iiblich, Minnem, die sicher aufopfernd ihr Bestes 
getan, die Absicht von Schiebungen vorzuwerfen. Nachdem. 
die Jury einstimmig den neuen Entwurf von Hahn abgelehnt hatte, 
hatte sie auch eigentlich fiber Hahn selbst das Urteil gesprochen. 
Mit Trauer sahen wir die Moglichkeit entschwinden, dieses 
Kunstwerk an der gewahlten Stelle emporzuwachsen zu sehen. 
Das Hauptwort bei diesem Entwurf hatte der Bildhauer ge- 
sprochen, und nun erschien es als ein Akt der Gerechtigkeit, dem 
Bildhauer, der zweimal von der Jury auszeichnend genannt war, 
wenigstens die Mbglichkeit der Mitarbeit zu geben, wie auch die 
Entscheidung fallen wiirde. Bei so grossen Aufgaben, wie der 
vorliegenden, die vielleicht ein ganzes Jahrzehnt in Anspruch 
nehmen wiirde, ergaben sich bedeutsame plastische Aufgaben 
genug, die zur Mitarbeit locken mussten. Ich kann mich sogar 
nicht einmal riihmen, der Vater dieses Gedankens zu sein, der 
ebenso gut und politisch klug, wie gerecht und ehrlich war ; es 
war ein hervorragender, modemer Architekt, der lebhaft fiir 
das Hahnsche Projekt eingetreten war, der diesen Gedanken zu- 
erst ausgesprochen hatte (er hat sich selbst im Kunstausschuss 
zu dieser Vaterschaft bekannt). Die Jury selbst konnte sich ja 
gar keine Illusionen iiber die geringen Aussichten von Hahns 



erstem Projekt mac hen, 



so ist in der letzten Sitzung der Jury 



der Gedanke einer solchen Kreuzung und Zusammenarbeit von 
Architekt und Bildhauer offen erortert und als guter Ausweg an- 
gesehen worden. Es handelt sich zunichst um Brantzky, der, 
wenn Hahn fiele, die meiste Aussicht zu haben schiene, und so 
habe ich zuerst an Brantzky die vertrauliche, personliche Frage 
gerichtet, ob er eventuell bereit wire, mit anderen Bildhauem 
(es waren die gleichen Namen Hahn und Lederer genannt) zu- 
sammen zu arbeiten. Brantzky begriisste diesen Gedanken durch- 
aus als einen gliicklichen Ausweg und fand nichts weniger als 
etwas Krinkendes darin. Bis zuletzt standen Brantzky und Kreiss 
als Favoriten wohl ungefahr gleich mit ihren Ansichten ; als sich 
dann am Tage der letzten Sitzung ergab, dass Kreiss die grossere 
Aussicht zu haben schien, habe ich an Hahn das folgende Tele- 
gramm gerichtet : 




4 



217 



t)ber das Bismarckdenkmalsthema 



„Nach den Vorbesprechungen wegen der Entscheidung iiber 
das Bismarckdenkmal scheint keine Aussicht zu sein, iiir Ihr und 
Bestelmeyers Projekt eine Majorit&t zu finden. Eine Reihe von 
Bewunderern Ihrer Kunst mochte fur den Fall, dass die Ent- 
scheidung anders ausfdllt, fur Sie die Teilnahme an dem bild- 
hauerischen Teil des zu wihlenden Projekts ausbedingen. Natiir- 
lich miisste es sich hier um bedeutsame selbstandige Arbeiten 
handeln. Ich bitte, diesen in Ihrem Inter esse gemachten Vor- 
schlag wohlwollend zu erw&gen und mir auf die durchaus ver- 
trauliche und unverbindliche personliche Anfrage bis heute 
Nachmittag 5 Uhr nach Koln, Hotel Disch, zu telegraphieren, ob 
Sie grundsatzlich bereit w&ren, innerhalb des Projekts von Kreiss 
und Lederer, das die grosste Aussicht zu haben scheint, selbst&n- 
dige plastische Arbeiten zu iibemehmen ; die n&heren Bestim- 
mungen wiirden fiir den Fall, dass dieser Entwurf durchgehen 
sollte, weiteren Verhandlungen vorzubehalten sein. Professor 
C 1 e m e n.“ 

Dieses Telegramm gab sich ausdriicklich als durchaus ver- 
trauliche, unverbindliche, personliche Anfrage, es sprach von 
wirklich aufrichtig gemeinter Bewunderung fiir seine Kunst, 
und Missverstandnisse scheinen ausgeschlossen. Wdre die Zeit 
nicht so knapp gewesen, so hatte ich irgend einen der Miinchener 
Freunde Hahns aus dem Preisgericht oder dem Kunstausschuss 
gebeten, vertraulich bei ihm anzufragen, aber alle Entschliessun- 
gen des Entscheidungsausschusses iiber Heranziehung von 
Kunstlern waren hinfallig gewesen, wenn nicht eben vorher ver- 
traulich festgestellt worden wire, dass die betreffenden Kiinstler 
auch geneigt waren, auf etwaige Propositionen einzugehen. 
Jede Moglichkeit eines Missverstdndnisses ist hier vollig aus- 
geschlossen. Mein ganzes Bestreben in dieser verzwickten Aff&re 
war darauf gerichtet, einen Ausgleich zu schaffen. An der 
Lauterkeit dieses, von einem allzu verst&ndlichen Gerechtigkeits- 
gefiihl eingegebenen Gedankens kann doch iiberhaupt kein Zweifel 
sein ; es ist mir v&llig unverstandlich, was man eigentlich aus 
diesem Telegramm anders folgern will. Ich habe mich an die 
Stim gefasst und mich gefragt, was hatte dieses Telegramm denn 
nur irgend anderes bezwecken konnen ? Seinem Wortlaut nach 
war es so verbindlich wie nur moglich. Dass dem Kiinstler die 
Aussicht, mit seinem Entwurf nicht angenommen zu werden, 
eine schmerzliche war, war ja verstdndlich, das konnte er sich 
aber schon seit der Ablehnung seines neuen Projektes sagen, und 
menschlich begreiflich ist auch die Erregung des in seinen 
schonsten Hoffnungen getauschten Bildhauers, aber zur ent- 
riisteten Abweisung lag doch absolut keine Veranlassung vor. 



2x8 Uber das Bismarckdenkmalsthema 



Hatte Hahn auch nur eine Mittelsperson (er hat dann an drei 
Mitglieder des Knnstausschusses telegraphiert) zu einer Aeusse- 
rung autorisiert, so wiirde ein Antrag und eine Peschlussfassung 
moglich gewesen sein dahingehend, mit ihm in Unterhandlungen 
einzutreten ; so musste das natfirlich unterbleiben. Ich wiirde 
auch heute noch glauben, dass eine solche Losung die gliicklichste 
gewesen ware und noch ware. Das Brantzkysche Projekt sah 
ausdrticklich zwei ganz isolierte plastische Hauptaufgaben vor, 
und auch beim Kreiss’schen handelt es sich um verschiedene be- 
deutsame Dinge nebeneinander, vielleicht umfangreicher, als 
an dem letzten Dolmenmotiv. In Athen und Olympia, in Florenz 
und Rom haben die grdssten Bildhauer ihrer Zeit zusammen an 
grossen monumentalen Aufgaben gearbeitet, und neben Lederer 
zu stehen, das scheint mir fur Hahn eher eineEhre als eine Schande. 

Und nun schreiben Sie sehr kluge und beachtenswerte Worte 
fiber den Zweck des Hahnschen Denkmals. Er hatce ein Kunst- 
werk geschaffen, das geziemend und liebenswfirdig die Elisenhdhe 
geschmfickt hatte, mit der ganz augenscheinlichen Absicht, den 
Besucher zu erfreuen, ihm ein Stuck Kunst zu zeigen. Die Be- 
ziehung zu Bismarck erscheine sehr gering, es sei nicht leicht, 
zu sehen, wie der SpaziergSnger, der oben auf die Elisenhohe 
komme, an Bismarck erinnert werden sollte. Das mochte ich 
alles wortlich unterschreiben. Ich halte das, was Bestelmeyer 
und Hahn hier im engen Zusammenschluss gefunden haben, ffir 
ein hochst glfickliches und vomehmes Kunstwerk, das sich ausser- 
ordentlich geschickt in die Landschaft einfugt ; es spricht nicht 
sehr stark, fdllt nicht weithin auf. Handelte es sich darum, dieser 
lachenden Landschaft hier einen heiteren anmutigen Schmuck 
einzuffigen, so ware die Aufgabe glanzend gelost. Aber das 
Thema lautet eben anders, und daran ISsst sich doch nicht 
rutteln, und alle Dialektik hi 1ft nicht darfiber hinweg ; ein Bis- 
marckdenkmal war gefordert, kein idealer kfinstlerischerSchmuck. 
Das Preisausschreiben besagt nicht, dass hier ein architektoni- 
scfaes, bildhauerisches Kunstwerk von dekorativer Wirkung auf- 
gestellt werden sollte, sondern eben ein Denkmal Bismarcks, und 
auch die Parallele mit der Benennung irgendwelcher Berghohen, 
Strassen oder Platze nach berfihmten Mannern trafe hier nicht 
zu. Handelte es sich nur darum, hier ein Stfick gute Kunst auf- 
zustellen, so hatte man mit demselben Recht etwa einen stehenden 
Akt von Hildebrand oder Tuaillons ,,Amazone“ hier aufstellen 
kdnnen, oder man hatte hier das von Meier-Graefe so heiss er- 
sehnte Mardes-Museum schaffen konnen und nur fiber die Tfir 
schreiben : Zur Erinnerung an Bismarcks hundertsten Geburts- 
tag dem deutschen Volke gestiftet. 





Ober das Bismarckdenkmalsthema 




Nun ist mit vielen klugen Reden gesagt worden, welche Be- 
ziebung diese Siegfriedfigur zu Bismarck h&tte. Aber das liegt 
doch alles ausserhalb des eigentlich Kunstlerischen ; ist das 
nicht gerade das, was man in der grossen Kunst Literatur nennt ? 
Dieser lachende Held soil uns Bismarcks Kraft und Lebenstat 
als Symbol vorffihren. Wenn ein Symbol allein als Tr&ger einer 
Denkmalsidee auftritt, so wird man von ihm wenigstens ver- 
langen, dass es diese Idee pr&gnant zum Ausdruck bringt und un- 
zweideutig, es genfigt hier nicht, dass man sich an dem schonen 
und klaren Standmotiv und dem reichen Kontrapost des jugend- 
lichen Helden freut. Dieser des Schwertes Scharfe priifende 
J ungsiegf ried kann ffir alle Helden der Vergangenheit heran- 
gezogen werden, viel besser wurde er gerade am Rhein fiir den 
Freiherrn von Stein sprechen, der ein Rheinl&nder war, oder fiir 
Gneisenau, oder fiir Roon. Man stelle sich diesen J ungsiegfried 
einmal vor als Symbol fiir den alten Fritz, auf den er, wenn man 
diesem literarischen Gedanken weiter folgen will, besser passt, 
als fiir Bismarck — und man wird das Unmdgliche dieser ganzen 
Gleichung empfinden. Das ist das Negative. 

Nun mochte man fragen, wie es psychologisch kam, dass so 
viele und so feine ernste Kiinstler fiir dieses Projekt sich erwarmt 
haben. Es sprach ersichtlich eine hohe und eine ganz bestimmte 
Kultur aus diesem Beschluss. Man darf sich vielleicht die Ent- 
wicklung unserer ganzen Denkmalsktmst bis zum heutigen Tage 
vor Augen halten. Ein Vierteljahrhundert haben wir jetzt eine 
Bewegung gehabt, die immer mehr auf Massenanhaufung und 
ein kiinstlerisches Philosophieren mit dem Hammer hinausging. 
Otto Rieth mit seinen genialen und phantastischen Skizzen hat 
hier die weitesten Perspektiven gezeigt, und Bruno Schmitz ist 
unter alien denen, die diesen Weg gegangen sind, derjenige, der 
am konsequentesten nach dieser neuen Form gesucht hat. Es 
war die Zeit der Wald- und Felsendenkmfiler, die nicht mit dem 
bescheidenen Massstabe von Menschen und menschlichen Be- 
hausungen rechnen durften, sondern mit Bergeshohen und 
Felsschroffen die gef&hrliche Konkurrenz eingehen mussten. 
Vielleicht war das ganze Beginnen ein bedenkliches, aber es ist 
zuletzt ein alter Sehnsuchtstraum einer jeden Kunstepoche, und 
von der Sgyptischen Kunst fiber die Kolosse des Barock ffihrt ein 
deutlich erkennbarer Weg in unsere Zeit. Die ganze Entwick- 
lung hatte gezeigt, dass eine Wirkung mit solchen Massen nur 
bei starker Formvereinfachung moglich sei. Es ist wohl kein 
Zweifel, dass diese erste Periode der grossen Denkmalkunst sich 
fiber lebt hat ; das VSlkerschlachtsdenkmal von Bruno Schmitz 
wird vielleicht der grosste und geschlossenste Ausdruck dieser 





320 Ober das Bismarckdenkmalsthema 




. Kunstanschauung , vielleicht aber auch das letzte Beispisl dieser 

Art von Massenbewaltigung sein. Und nun wird man veriolgen 
konnen, wie im letzten Jahrzehnt eine leise Gegenstromung gegen 
diese Gattung der Denkmalkunst eingesetzt hat. Der Ausgangs- 
punkt war Miinchen mit seiner von jeher dem Schweren entgegen- 
gesetzten, leichteren, man mdchte sagen; heiteren Kunst. Eine 
Reaktion m u s s t e kommen, — es gab aber noch einen anderen 
*Weg, und den sind norddeutsche Kiinstler gegangen : durch eine 
grossere, strengere Formvereinfachung, eine herbere, knappere 
Sprache der Architektur, ein starkeres Zusammenziehen des 
ganzen Organismus. Fur jene Miinchener Kunst mdchte man 
als Typus Theodor Fischers Bismarckdenkmal am Starnberger 
See setzen , fizr diese nordiscbe etwa Wilhelm Kreis’ Burschen- 
schaftsdenkmal bei Eisenach und Fritz Schumachers eben voll- 
endetes Krematorium in Dresden. 

Die Ausstellung der eingesandten Entwiirfe fur den grossen 
Bismarckdenkmal-Wettbewerb im Friihjahr hatte erschreckend 
gezeigt, dass die grosse Aufgabe, die Hdhe der Summe sehr vielen 
Kiinstlern vollig den Massstab verschoben hatte, und dass sie in 
das Ungeheuerliche hineingehen wollten. Das war zum Teil ein 
wirkliches Bramarbasieren, mit einem Riesenbaukasten batten 
hier grosse Kinder gespielt und in phantastischen Entwiirfen, in 
Heiligtiimern, Gralsburgen, monumentalen Forts, Domen und 
Wartturmen geschwelgt. Die ganze Konkurrenz bot trotzdem 
unendlich viel starkere kun«tlerische Arbeit als etwa jenes erste 
Ausschreiben fur das Kaiser- Wilhelm-Denkmal in Berlin, — aber 
was uns immer mehr zur inneren Erkenntnis ward angesichts 
dieses Chaos, das war, dass unsere Denkmalkunst eben in einer 
Zeit der GSrung und der inneren Reinigung sich befand. Es 
sind nicht wenige kluge Stimmen gewesen, die angesichts dieses 
Umstandes da von abgeraten haben, jetzt an die schwierige Auf- 
gabe heranzugehen, und die den Vorschlag machten, lieber ein 
Jahrzehnt zu warten, bis diese Katharsis wirklich eingetreten 
ware, — wenn das nur eben bei der ganzen Organisation moglich 
gewesen wdre. Und nun gab es zwei Wege. Man konnte ein- 
mal sagen : weil diese monumentale Kunst mit ihren grossen 
Massen sich tot gelaufen hat, verldsst man diesen Weg jetzt 
ganz und sucht mit den alten, leichteren Kunstmitteln auszu- 
kommen, — oder man hatte das Zutrauen, dass die Entwicklung 
hier nicht plotzlich abbrechen wiirde, sondern dass eben eine 
Reinigung und Veredlung dieses Zweiges moglich sei und dass wohl 
in dieser Richtung das Ziel lag. Die Majoritat ist diesem, ich mdchte 
sagen, silddeutschen Programm gefolgt, dieMinoritit hatte das Ver- 
trauen in die Entwicklungsf&higkeit des alten Denkmalgedankens. 



Ober das Bismarckdenkmalsthema 





Sie sagen ganz rich tig, der Hahnsche Entwurf sei keine Er- 
fiillung unserer Sehnsucht, sondern nur ein Ausweichen vor dem 
Laster ; aber das ist dann iiberhaupt keine Losung, sondern nur 
ein Ausweg, ich will es nicht einen Verlegenheitsausweg nennen, 
aber einen Ausweg der Resignation. Sicherlich ist die Hahn'sche 
Kunst redlich , still und einfach und sie ist dariiber noch manches 
hinaus, von einer wundervollen Reife und Abgeklartheit. Das ist 
das Erbe der Hildebrandschule, in deren Schatten Hermann Hahn 
mit so vielen der jungen Miinchener steht, aber seine ieine und 
liebenswiirdige Kunst war vielleicht am wenigsten vorbestimmt , 
gerade diese Aufgabe zu Ibsen. Fur seinen Jungsiegfried schwebte 
ihm als echtem Plastiker eine Bewegungevorstellung vor, sie 
haftete so tiei in seiner Phantasie, dass sie ihm auch bei dem 
Entwurf fur sein Goethe-Denkmal in Chicago fast ganz iiberein- 
stimmend wieder in die tonknetenden Finger geflossen ist. Aber 
niemand hat sich ohne weiteres diesen Jungsiegfried als eine 
Mohumentalfigur vorstellen konnen ; doppelte Lebensgrosse, das 
schien das richtige, bei einer Uebersetzung in eine Hohe von mehr 
als 8 Metem wiirde man eher eine ganz strenge und im Umriss ge- 
schlossene Form verlangen. Und dass das Monumentale Hahn 
nicht lag, das zeigte zur Evidenz sein Entwurf ffir den Bismarck- 
reiter ! Man stelle dem Hahns entzuckenden Bronzereiter gegen- 
iiber (den leider noch keine grosse Stadt und kein Kunstmuseum 
sich gesichert hat) , und man wird sehen, wo seine Starke liegt. 
Nicht umsonst ist Hahn einer unserer ersten Medaillenkunstler ; 
das ist keine Minderung seiner kiinstlerischen Bedeutung, nur 
eine Fixierung der Stelle, die er einnimmt. Es ist nicht notig, 
dass ein grosser Lyriker gleichzeitig die epische Sprache be- 
herrscht. 

Ist der Gegensatz hierzu nun aber nur die Protzenliige, das 
Bramarbasieren, die Grossmannssucht ? Ich glaube, nein. Das 
Motiv, das Bestelmeyer-Hahn gewahlt, das Dolmenmotiv, war ge- 
wiss an sich monumental, die megalith ischen Cromlechs wirken 
in der flachen Landschaft mit Uberraschender Wucht. Es ist 
charakteristisch, dass mehr als ein Dutzend mal dieses Motiv 
unter den Denkmalentwiirfen wiederkehrt, aber kraftiger, 
massiger — nur Bestelmeyer hatte es aus diesem Wuchtigen ins 
Leichte und Luftige, Munchnerische iibersetzt ; trotz des grossen, 
des allzu grossen Massstabes wirkt das Ganze eben zierlich , wie eine 
Pergola. Um diesen dunnen Steinkranz zu fiillen, brauchten 
die Kunstler in ihren Schaubildem vier grosse, den Dolmen selbst 
iiberragende und iiberschneidende Laubbbume ; da diese Zeit 
zum Wachsen brauchen, die grossere Halfte des Jahres unbelaubt 
stehen, dazu schwerlich auf diesem Felsplateau, von den Winden 







Ober das Bismarckdenkmal sthema 



gezaust, allzu gut gedeihen wurden , war das ein schwacher 

Notbehelf. 

Nun stelle man sich die Aufgabe noch einmal vor : dieser 
Platz auf der Hohe war gegeben und in diesem Moment war nicht 
mehr daran zu riitteln, und mit seiner Femsicht, der geringen 
Elevation aus dem Rheintal, mit dem dahinter noch aufsteigenden 
weichen Bergriicken war er sicher kein schlechter Punkt fiir ein 
architektonisches Denkmal. Wenn das heroische Thema von 
vielen falsch gespielt war, wenn die notwendige starke In- 
strumentierung missverstanden, nur mit Milit&rmusik und Pauken 
gegeben war, so spricht das doch nicht dagegen, dass eben tiber- 
haupt ein monumentaler heroischer Stil hier moglich ist, der fiir 
die Grosse seiner Aufgabe sich auch eine gesteigerte Kunst- 
sprache suchen muss. Gerade weil wir heute die Gefahr, die 
unserer Denkmalskunst droht, so deutlich sehen, scheint die 
Reinigung eher moglich. Der Irrtum lag darin, dass die Begriffe 
monumental und kolossal von vornherein scheinbar gleichgesetzt 
waren. Es gehort zuletzt zu den Imponderabilien, iiber die sich 
nicht diskutieren lasst, wenn man sagt, dass die Grosse einer Auf- 
gabe eben auch eine angemessene starke Sprache fordere und dass 
das Bismarckthema nicht wohl in lyrisch-theokritischem Gewande 
auftreten konne. Die Eroika kann man schlecht in ein Flotensolo 
transponieren. Wollte man nicht dem alten Grundirrtum dieser 
Hohendenkmaler ver fallen und die Figur selbst ins Ungeheure 
steiger n, so musste man der Architektur als der fuhrenden Kunst 
das Wort lassen. Die etwa 500 Kiinstler, die bei dem Wettbewerbe 
mitwirkten (380 Projekte, die meisten in gemeinschaftlicher 
Arbeit von Architekt und Bildhauer geschaffen), haben zu 
drei Vierteln die Aufgabe in diesem Sinne erfasst ; es waren unsere 
besten Namen darunter : sollten diese sich nicht in das Prinzipielle 
des Themas auch griindlich vertieft haben, sollten sie nicht den 
Platz und seine Wirkung immer und immer wieder erprobt 
haben ? Und nun bekampfen sich eben in der J ury diese beiden 
Anschauungen, die eine, die bei geschlossenem, grossem Umriss 
eine architektonische Losung von einer gewissen bedeutenden 
Hohenentwicklung fur das Richtige und das Gegebene hielt und 
damit auch eine starke Massenbewaltigung in entsprechender 
For menspr ache, die andere, die in den mehr historischen 
Formen und uberlieferten Massstaben das Ziel sah und nur eine 
Entwicklung in die Breite fur moglich hielt. Es gehorte zuletzt 
fiir die Minorit&t mehr Mut dazu, ihrem Gewissen und ihrer Pflicht 
zu folgen — sehr viel bequemer wfire es, das diirfen Sie mir 
glauben, fiir uns gewesen, mit der Majoritdt in Schonheit zu 
sterben. Beide Anschauungen standen als Ausdruck zweier 




Ober das Bismarckdenkmalsthema 




grossen, kiinstlerischen Richtungen einander gleichberech tigt 
gegentiber, es war ein Zufall, dass in der Jury die eine iiberwog. 
Der Spruch eines jeden Preisgerichtes entsteht doch nur durch die 
Addition der Einzel-Urteile von einer Reihe hervorragender 
kunstlerischer Intelligenzen; sobald es sich um prinzipielle 
Dinge handelt, wird es eben bei anderer Zusammensetzung auch 
aul ein anderes Urteil herauskommen. Die Namen Kreiss und 



Hahn tun gar nichts zur Sache — sie gaben nur Beispiele ab. 
Dazu waren diese Typen vielleicht nicht ejnmal ganz in der Lage, 
die beiden Prinzipien zu erschopfen : man h&tte hierzu Kreiss 
gern ausgereifter, Hahn kraftvoller gewiinscht. 

Das alles bestreiten Sie aber natiirlich gar nicht, sondem Sie 
finden dieses eine vorliegende, jetzt gewdhlte Projekt schlecht 
und ungeniigend, iibertrieben und grob. Da kann ich nur mein 
Urteil neben das Ihre oder gegen das Ihre stellen. Es handelt sich 
einfach um Wertbegriffe. Ich weiss nicht, ob Sie den neuen 
Kreiss’schen Entwurf selbst gesehen haben. Dieses neue Projekt 
ist namlich ganz wesentlich anders, als das alte ; der alte Kuppel- 
bau war 55 Meter hoch, immerhin noch zo Meter niedriger als die 
Befreiungshalle bei Kelheim, die von Gartner und Klenze auf 
ganz ahnlichem Terrain erbaut war und die in der Landschaft 
ausserordentlich wirkt. Diese ersten Projekte von Kreiss waren 
im Massstab wirklich zu gewaltig, niemand hat das scheinbar 
klarer eingesehen als der Kiinstler selbst. Kreiss mag, wie so viele 
andere, von dem Schaffensrausch dieser scheinbar unermess- 
lichen Aufgabe fortgerissen sein und sich Rodins Balzac gefiihlt 
haben. Diese Kuppel ist jetzt auf 32 Meter emiedrigt, und der 
Entscheidungsausschuss hat furs erste beschlossen, zunachst die 
Wirkung in der Landschaft sorgsam zu er pro ben, auch durch ein 
grosses Gerustmodell. Vielleicht wird die ganze Losung an- 
gesichts dieser Versuche noch eine wesentlich andere. Unter alien 
denen, die das Thema eines solchen Kuppelbaues variiert haben, 



war aber die Losung von Kreiss die bedeutendste, die geschlossenste, 
die am konsequentesten durchgefiihrte. Seine ganze Kunst 



Seine ganze 



geht auf mdglichste Vereinfachung der Formensprache und auf 
eine schwere Strenge aus, sie ist stark, aber nicht laut. In diesem 
einen halben Jahr hat dieses im Fruhjahr zuerst vorgestellte 
Projekt sehr viel an innererKlarheit gewonnen, ist im Aufbau ge- 
schlossener, knapper geworden, in der inneren Durchbildung von 
einer reifen Schonheit, die allzu wuchtige Detailierung von einst 



ist ganz geschwunden und hat einer ruhigen Aufteilung Platz 
gemacht. Grossmannssucht ist alles andere, die schmuckt sich 
mit falschem Bombast und ISrmt ; hier ist eher eine stille Grosse 
vertreten. Dass das Projekt im Werden ist, dass der Entwurf nur 



P 






224 



Ober das Bismarckdenkmalsthema 



als Grundlage gewihlt ist, wer leugnet das? Aber gerade, dass 
der Kunstler so vide Zwischenstadien vorlegte , zeigte, auf 
welchem Weg der inneren Reinigung er ist ; sein Projekt ist im 
hochsten Sinne entwicklungsfahig : das von Bestelmeyer-Hahn 
erwies sich gar nicht als entwicklungsf&hig, es ist in sich vollendet, 
— das ist sein kunstlerischer Vorzug, aber auch sein Mangel und 
seine Armut. Man denke, welchen Weg das Volkersch lachtdenk- 
mal durchgemacht hat von den ersten Entwiirfen bis zu der heute 
ausgefiihrten Form. 

Und nun fragen Sie, was man mit diesem Bau solle? Sie 
sehen in ihm einen Tempel, warum nicht ? Ist denn diese Form 
des arcbitektonischen Denkmals eine so vollig neue und iiber- 
raschende? Ich habe schon die Befreiungshalle bei Kelheim 
erwahnt, man konnte auch das Grant-Memorial in New- York 
nennen, das sich 45 Meter hoch als Kuppelbau am Ufer des 
Hudson erhebt, oder das Garfield- Monument in Cleveland. Und 
soli man nicht an die beiden denkwiir digen grossen Konkur- 
renzen um das Kaiser Wilhelm-Nationaldenkmal in Berlin und 



das Volkerschlachtsdenkmal in Leipzig erinnem? Bei jener 
Berliner Konkurrenz brachten gerade die interessantesten Ent- 
wiirfe architektonische Losungen mit Kuppelanlagen, darunter 
die damals viel bewunderte aber allzu larmende Halle von Pfann 
und Rettich, die malerisch reiche Kuppel von Theodor Fischer 
und den unvergleichlich schonen ernsten Tempelbau von Adolf 
Hildebrand. Und bei dem Volkerschlachtsdenkmal brachten 



die meisten Hauptpreistrager Kuppeln: Wilhelm Kreiss, der als 
23jahriger damals den ersten Preis erhielt, wie Bruno Schmitz, 
in dessen H&nde die Ausfuhrung gelegt ward. Seit den Monu- 
menten von Halikarnass und Adamklissi ist das doch eine 



Denkmalsform, die l&ngst ihre innere Berechtigimg erwiesen hat. 
Sie nennen das Kreiss'sche Projekt Tempel, ich nenne es Ge- 
dachtnishalle. Was man darin soil ? Was man vor jedem Denkmal 
soil: der kiinstlerisch Empfindende soil das Kunstwerk moglichst 
isoliert auf sich wirken lassen, der den Dargestellten sucht, sich 
diesem voll Verehrung nahen. Es ist kein duster er, ungeheuer- 
licher Bau mit einem Gotzenbild, sondern eine nach drei Seiten 
offene Halle, in die von oben das Himmelslicht hineinf&llt, das 
ganze eben auch eine Denkmalsform fur sich und eine jedenfalls 
diesem Platz angepasste. Warum soli denn ein Dolmen, eine 
Arena, eine Burg, eine Barockkirche, ein dorischer Tempel, ein 
Leuchtturm, alle die Motive, die die Jury gekront hat, geeigneter 
sein fur diese Stelle wie gerade diese Losung? 

Die Architektur hat hier eben mitzuwirken, nicht bloss als 
Stimmungstr ager , nicht bloss um den Rahmen und den Unter- 





t)ber das Bismarckdenkmalsthema 225 



bau zu schaffen. Und wenn ein Hundsriickbauerlein in den 
Kuppelbau eintritt und bier verdutzt, wie in der Kirche, seine 
Miitze zieht vor der mSchtigen Erscheinung vor ihm: ist das 
nicht eine Wirkung, die man jedem grossen Denkmal gerne 
wiinschen mochte ? Fur den Ledererschen Bismarck liegt vor- 
derhand nur eine flotte Skizze vor, aber schon diese Skizze 
zeigt eine Figur von so m&chtiger und imponierender Wirkung, 
das Sitzbild ist so geschlossen in den Umrissen, mit einfachen 
Mitteln gegeben, obne all das scblimme Pathos und ohne das 
falsche Antikisieren, das die meisten Bismarckfiguren hatten. 
Kein anderer plastischer Versuch erreichte diesen in ernster, 
schlichter, eindringlicher Wirkung. Dieses Bild soil keineswegs 
ungeheuerlich sein, ganz im Gegensatz zu der, falsche Mass- 
stS.be suchenden Grossplastik, nur 4% Meter hoch, dabei nur 
leicht stilisiert. In dieser Bismarckfigur liegt viel mehr innere 
Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit als in der falschen Nibelungen- 
symbolik, selbst wenn sie in so anmutigem Gewande wie Hahns 
Jungsiegfried auftritt. Und zuletzt, und darauf kommt es ja 
doch in letzter Linie heraus: ich und viele andere sehen in der 
Kunst von Kreiss und Lederer ein Stuck ernster, grosser Kunst 
und in der von Bestelmeyer-Hahn eine feine, grazile, aber fiir die 
vorliegende Aufgabe schwachliche Kunst. Die Wahl gerade 
dieses Entwurfes durch die MajoritcLt der Jury war zuletzt nur 
ein Kompromiss, ein Ausweichen vor dem starken Wagen — ■ 
andere haben es die Angst vor der Kraft genannt, das iibrige ist 
in Gotter, Helden und Wieland nachzulesen. Ich verstehe diese 
engbriistige Imagination, wie sie Goethe nennt, ganz gut, aber 
ich teile sie nicht. Sie werden mir zugeben, dass sich die Sache 
auch von dieser Seite ansehen lasst. Und nun sollte man den 
Kiinstlern das Wort lassen, nicht den ungenannten grossen Mengen, 
nicht dem Preisgericht, . weder der Majorit&t noch der Minorit&t, 
sondern den zwei Kiinstlern Kreiss und Lederer. Schaffen sie 
etwas, das Bestand hat und das eine grosse, emste Denkmals- 
kunst bringt, die dem Thema gerecht wird, so habe ich recht, 
gelingt ihnen dieses prometheische Beginnen nicht, so haben 
Sie recht. Mit aller Hochachtung Paul Clemen. 

Herr Professor Clemen hat nns „den dringenden Wunsch 41 mitgeteilt, den An* 
schauungen Paul Cassirers fiber den „Tempel des Bismarck", ,4n denen sehr vieles 
ist, dem ich prinziplell wie in dem speziellen Falle zusthnme", seine gegenfiberzustellen. 
Wir lassen inn dies, wie man sieht, recht ausffihrlich und ohnejeae Beschrfinkung 
tun. Seiner Darstellung gegen fiber mfissen wir aber auch hier wiederum, gestfitzt 
auf die Mitteilungen Professor Flossmanns, Wilhelm Schaefers und anderer Beteiligter 
und Unterrichteter feststellen: Der erste Beschluss des Preisgericht es entschied ein- 
stimmig ffir Hahn, die Entscheidung vom 26. Juni 1910 gab einstimmig dem Hahn* 
sehen Werk nicht etwa nur eine „Cen8ur“ f sondern sprach sich ffir die Ausf fihrung 
dieses Werkes vor alien anderen a us. Die zweite Jury beharrte mit B / a -MaJoritfit auf 
ihrem Beschluss, und zwar wiederum die Ausffihrung verlangend. Und alle 
Kfinstler, ausser zwei Architekten, sthnmten s o. Die Red* 



226 



Der moderne Volkswirt 



Der moderne Volkswirt 

Die Entstehung des modernen Volkswirts, den nur Leutnants 
und junge Damen mit dem Bier-, Land- oder Hauswirt zu ver- 
wechseln pflegen, entsprach einem dreifachen Bedurfnis. 

Zum ersten machte seit geraumer Zeit die Praxis sich allzu 
breit und der alteingewurzelten Theorie eine durchaus unlautere 
Konkurrenz. Die rohe Praxis schrie nacb Gleichberechtigung. 
Da machte die feine Theorie aus der Not eine Tugend und aus 
der Praxis selber eine Theorie. Die Praxis wird uberhaupt erst 
durch die Theorie zu einer richtigen Praxis und entbehrt ohne 
die Theorie gleich einer Dame ohne Unterleib der Fruchtbarkeit 
und der Existenzberechtigung. Die neue Theorie der Praxis 
brauchte natiirlich Theoretiker der Praxis, und diese nannte 
man Volkswirte, auch Nationalokonomen, meistens aber General - 
sekretare. 

Zweitens verdienten die verbiindeten Kaufleute und Juristen 
machtig viel Geld, ohne dass sie dem ,,objektiv“ Denkenden 
dazu ganz berechtigt erscheinen konnten. Denn dem Kauf- 
mann fehlt die akademische Bildung, und dem Juristen ist die 
Weltfremdheit die erste Standespflicht. Schon wollten diese 
Stande den pietatlosen Weg der Selbsthilfe beschreiten, aber 
gerade das Couleurtragen auf den Handelshochschulen und die 
fahnenfliichtige Beteuerung mancher Juristen, „sie wollten 
nicht mehr weltfremd sein“ , legte den Finger in die of f ene Wunde, 
um die sich dann der volkswirtschaftliche Verband schlingen 
konnte. Der moderne Volkswirt aber ist fur die „Objektiven“ das 
Gegenteil von weltfremd, und seine akademische Bildung ist 
durch den Doktortitel behordlich abgestempelt. 

Das dritte war die Dekadenz der allgemeinen Bildung. Ehe 
man den modernen Volkswirt erfand, gab es eigentlich gar keine 
allgemeine Bildung mehr. Literatur, Kunst, Kultur u. a. waren 
den Frauen als {Compensation fur den Verzicht auf fernere 
Emanzipationsgeliiste zum Alleinvertrieb iiberantwortet worden. 
Die alten Sprachen schaden der jugendlichen Gesundheit, und 
die Wissenschaft schiitzt sich immer mehr durch haarscharfe 
Spezialisierung gegen die missbrauchliche und degradierende 
Verwechslung mit allgemeiner Bildung. Die Lehre von der 
aexuellen Aufklarung schien eine Zeit lang den Ersatz bringen 






Der moderne Volkswirt 




zu wollen, erreichte jedoch ihren Zweck zu rasch, um auf die 

Dauer alien Anspriichen geniigen zu kdnnen. So stand man denn, 
wollte man einer gef&hrlichen Nivellierung der Stande entgehen, 
geradezu vor der Aufgabe, eine neue allgemeine Bildung ins 
Leben zu rufen. Den Weg wiesen Literatur und Kunst, die 
durch die Entdeckung der Schonheit des HSsslichen neuer Bltite 
anheimgefallen waren. Man erfand die Schwierigkeit des Selbst- 
verstandlichen und das Geheimnis des Alltaglichen. Warum 
verdient ein Arbeiter weniger als ein Bankier? Gibt es einen 
Wert ; und warum ? Hat die Luftschif fahrt eine Zukunft ; und 
warum nicht? Auf alle diese und ungezahlte andere Fragen 
gibt die Volkswirtschaftslehre bzw. ihr Hohepriester, der Volks- 
wirt, gelehrte und schwerverstandliche Antworten. Und von 
dieser Lehre einen Hauch verspiirt zu haben, ward zur neuen 
allgemeinen Bildung. Worte wie Angebot und Nachfrage, 
Wohnungsenquete, Arbeitsteilung, haben mit Erfolg die ver- 
alteten Schopenhauer- und Nietzsche-Zitate ersetzt, die friiher 
als Passepartouts der allgemeinen Bildung verwendet wurden. 

Acht Semester saugt im Durchschnitt der junge Volkswirt an 
den Briisten seiner Alma mater die allgemeine Bildung. Dann 
ist er so gesattigt, dass er nie mehr nachzuftillen braucht und 
noch aufs reichlichste anderen davon mitteilen kann. Fragen 
Sie ihn fiber „Glaube und Heimat" ! Sofort wird er die letzte 
Konfessionsstatistik des Deutschen Reiches von sich geben. 
ErwShnen Sie eine Novelle ! Er wird nicht unerwhhnt lassen, 
dass die neueste Novelle zur Gewerbeordnung nicht lange die 
neueste bleiben werde. Reden Sie liber Liszt oder Wagner ! 
Erziehungszoll und Kathedersozialismus wird sein Schlachtruf 
sein. Der Mitwelt schenkt er, ehe er zum Generalsekret&r wird, 
ein monumentales Werk liber die Frage der Einffihrung des 
Bimetallisms in der Danziger Goldwasserindustrie oder die 
Lage der Heimarbeiter in der Panzerplattenfabrikation. Dann 
betatigt er sich den Rest seines Lebens als Praktiker mit der 
Griindung neuer Interessenverbande und der Stillung sonstiger 
dringender Bedfirfnisse. 

Seit wir den modernen Volkswirt haben, ist es eine Lust zu 
leben und eine Lust zu sterben; denn immer sind wir sicher, 
einen wichtigen Bestandteil in viel hundert Statistiken zu bilden. 
Am besten dienen wir der Wissenschaft, wenn wir schon im 
zarten S&uglingsalter dahinfahren, natfirlich nur, wenn das eine 
volkswirtschaftliche Statistik ergibt, nach der die sozialen Ver- 
haltnisse unsere Eltern zur Vermehrung der Sauglingssterbli ch- 
keit berechtigen, ja gewissermassen verpflichten. A. H. 



Der Staat als Kftufer 



Der Staat als Kaufer 

h 

Durch die Vergebung der grossen Lieferungen konnen die 
Staatsverwaltungen auf unser gesamtes Wirtschaftsleben einen 
nachhaltigeren Einfluss ausiiben, als durch die Handhabung der 
meisten alten und durch Schaffung vieler neuer Gesetze. Das 
trifft besonders fttr Deutschland zu, da das Reich und die Einzel- 
staaten nicht nur die Anschaffungen fiir das Heer und die Marine 
zu machen haben, sondern auch riesige Wirtschaftsorganisati- 
onen wie die Post, die Eisenbahnen und Bergwerke, betreiben. 
Merkwurdig ist nun, dass in unseren meisten Parlamenten die 
Diskussionen uber die Staatsbestellungen einen sehr bescheidenen 
Raum einnehmen, und noch merkwurdiger war es, dass sich 
eine der bedeutendsten Debatten uber diese Frage gerade im 
preussischen Herrenhaus entspann ... 

Der Staat macht Bestellungen fiir die Eisenbahnen, die sich 
auf Hunderte von Millionen belaufen, er vergibt sie zu teuren 
Preisen, wenn die Industrie mit Arbeiten iiberhauft ist. Aber 
just dann wird die Industrie nicht beschaftigt, wenn sie dringend 
der Beschaftigung bedarf. In einer Zeit, in der keine Maschinen- 
fabrik in Deutschland eine Lokomotive in kurzerer Zeit als zo 
Monaten liefern konnte, bestellte der preussische Fiskus Loko- 
motiven, was zur Folge haben musste, dass bei ruhigem Ge- 
sch&ftsgang die friiher forcierten Staatsauf tr age um so empfind- 
licher entbehrt wurden . . . Diesen Angriff gegen die Geschafts- 
gebarung der preussischen Verwaltungen unternahm der Direktor 
der Deutschen Bank von G winner in seiner Eigenschaft als 
Gesetzgeber auf Lebenszeit. Seinen Ausfiihrungen trat der da- 
malige preussische Finanzminister von Rheinbaben mit erregten, 
aber wenig beweiskraftigen Worten entgegen. 

Als Herr von Gwinner, gleichviel aus welchen Motiven, diese 
Anklagen gegen die Repr&sentanten des preussischen Fiskus 
richtete, waren Lieferungsvertr&ge abgelaufen, die Preussen im 
Jahre 1907 mit dem Stahlwerksverband und dem Kohlen- 
syndikat abgeschlossen hatte. In diesen Kontrakten hatte sich 
der preussische Fiskus zu Bedingungen verstanden, aus denen 
man entweder auf ein unerkl&rliches Entgegenkommen an das 
Syndikatskapital oder auf eine grandiose Unf&higkeit schliessen 
musste. Zur Zeit des Abschlusses bestand kaum noch ein Zweifel 
daran, dass ein Konjunkturwechsel nahte, die Preise auf dem 
Weltmarkte begannen abzubrockeln, immer drohendere Wolken 
erschienen am Wirtschaftshimmel. Nichtsdestoweniger verstand 



Der Staat als Kaufer 





sich der preussische Fiskus zu Erhohungen des Grundpreises 
ffir Schienen von 1x2 auf 120 Mark und fur Schwellen von 105 
auf xxx Mark fur die Tonne. Nocb auffalliger wurde diese Ver- 
gebung dadurch, dass sie nicht, wie bisher, auf 2 Jahre, sondern 
gleich auf 3 Jahre erfolgte. Kaum waren die enormen Eisen- 
quantit&ten der preussischen Bahnverwaltung an den Stahl- 
werksverband und die Lieferungen nicht weniger grosser Kohlen- 
mengen an das Koblensyndikat zu einem um 1,25 Mark fur die 
Tonne h o h e r e n Preise vergeben, da setzte auch die Krise schon 
mit Donnergepolter ein. Alle Welt konnte Eisen und Kohlen 
zu billigeren Preisen beziehen als in den vorangegangenen 
Jahren; nur der preussische Fiskus, als der grosste Eisen- und 
Kohlenkonsument, opferte willig dem kartellierten Montan- 
kapital hdhere Tribute und zwar auf Jahre hinaus. 

Dutzende von Millionen Mehrbelastung nahm die preussische 
Verwaltung auf sich, sie zwang aber auch die anderen Bundes- 
staaten als die kleineren und wehrlosereh Konsumenten zu der 
Gew&hrung hoherer Eisenpreise an den Stahlwerksverband, 
dessen Preisdiktatur alsdann noch zum Schaden der weiter- 
▼erarbeitenden Industrie gerade in deri kritischen Wirtschafts- 
zeiten bedenklich gestiitzt wurde. Aehnliche Wirkungen hatten 
die Lieferungsvertrdge mit dem rheinisch-westfalischen Kohlen- 
syndikat und der oberschlesischen Kohlenkonvention. Nicht 
weniger bedenklich waren und sind viele Abschlusse mit Krupp, 
dem Pulverring und verschiedenen Gewehrfabriken, denen sach- 
lich unbegriindet hohe Monopolpreise zugrunde liegen. Nur 
selten fiihren derartige Vertr&ge zu Skandalen, wie in den Fallen 
Tippelskirch-Podbielski, Woermann usw. Aber gebessert hat 
auch die ausgiebige offentliche Behandlung dieser Lieferanten- 
aff&ren wenig; sie hat vielleicht die unerfreuliche Nebenwirkung 
gehabt, in weiten Kreisen den Glauben zu erwecken, dass jetzt 
bei Staatslieferungen stets die peinlichste und sachverstdndigste 
Kontrolle geiibt werde, und schandbare Uebervorteilungen des 
Reiches und der Einzelstaaten zu den Unmdglichkeiten gehoren. 
Wiewiist es aber nach wie vor die besonders hochmogenden Kartelle 
in ihren Preisforderungen gegenfiber den Staatsverwaltungen 
treiben, kann daraus ersehen werden, dass der Marinesekret&r 
vor gar nicht langer Zeit dem Kohlensyndikat mit Kdufen eng- 
lischer Kohle drohte, und der friihere Kolonialsekretdr Dern- 
burg die Absicht ankiindigte, Schienen filr die Kolonien von 
russischen Eisenwerken zu kaufen, weil die deutschen Verbftnde 
Liebhaberpreise verlangten. 

Der Staat in seiner Stellung als K&ufer kann nicht die Auf- 
gabe haben, den grossen Industrien ubermftssig hohe Gewinne 



230 



Der Staat als K&ufer 



zu verschaffen, die aus allgemeinen Mitteln gezahlt werden* 
Damit soli aber keineswegs detn Staate gegeniiber die Forderung 
der Preisdriickerei erhoben werden, wenngleich nicht verkannt 
werden darf, dass bei dem grossen Konsum der fiskalischen Ver- 
waltungen das Zugestandnis besonders giinstiger Kaufbedin- 
gungen durchaus gerechtfertigt wire. Mit der Anerkennung dieses 
Prinzips miisste den Regierungen auch die Verpflichtung auf- 
erlegt werden, die Vergebung ihrer Arbeiten besser als bisher 
den Kon j unkturzeiten anzupassen. Wenn bei der Vergebung 
der grossen und umfassenden Arbeiten und Lieferungen durch 
Reich, Staat und Gemeindeverbande systematised und konse- 
quent so verfahren wurde, dass man dem Gewerbe die Arbeiten 
nicht erst dann iiberweist, wenn es ihnen auf den Nlgeln 
brennt, sondern man sich bemiiht, die fiskalischen Arbeiten nach 
Moglichkeit dann zu vergeben, wenn unserer Gewerbetatigkeit 
ein Mehr an Auftr&gen erwunscht ist, und sie dadurch nicht 
zur ungesunden Erweiterung ihrer Anlagen gezwungen wird, 
so diirfte damit fur unsere wirtschaftliche Entwicklung und 
die Bekampfung der Krisen und Arbeitslosigkeit sehr viel 
getan sein. So schrieb in ihrem letzten Jahresbericht die 
Essener Handelskammer, deren sachverstandiges Urteil man in 
dieser Frage wohl anerkennen darf. Dass von Regierungs- 
vertretern die Moglichkeit einer verstandigen Disposition bei der 
Verteilung von Staatsauftragen meist bestritten wird, beweist 
nUr ein Ueberwiegen der kurzsichtigen Bureaukratie in den Ver- 
waltungen der grossen staatlichen Unternehmungen, in denen 
der Mangel an kaufmannischer Beweglichkeit sich von Tag zu 
Tag mehr fiihlbar macht. 

Nicht nur als Produzenten, sondern auch als Besteller besitzen 
die Staatsverwaltungen fernerhin wirksame Mittel, die Arbeits- 
und Lohnverhaltnisse entscheidend zu beeinflussen. Aller dings 
machen die meisten Regierungen von dieser Machtftille zugunsten 
der Arbeitnehmer leider nur einen Verschwindend geringen oder 
gar keinen Gebrauch. Weder sind die Staatsbetriebe Muster- 
betriebe, noch enthalten die staatlichen Lieferungskontrakte 
Bedingungen zum Schutze der Angestellten und Arbeiter jener 
Betriebe, die aus allgemeinen Mitteln besondere Vorteile ziehen. 
Die Pflicht des Staates, die Angestellten und Arbeiter in den 
von ihm beschdftigten Betrieben zu schutzen, ist um so zwingen- 
der, da die Grossindustrie in vielen Fallen nicht nur die tarifliche 



Festiegung der Lohn- und Arbeitsbedingungen ablehnt, sondern 
allzuhaufig sich anmasst, der Arbeiterschaft und den Angestellten 




Ebbe und Flut 



331 



schaft bet&tigt das Grossunternehmertum diese Willkur gegen- 
•flber den Ingenieuren und technischen Angestellten, wobei ihm 
der Staat nicht entgegentritt, sondern eher Helfersdienste leistet. 

Darum erweist si ch die Vergebung von Staatsarbeiten als eine 
hervorragend wichtige politische Angelegenheit, die schliess- 
Uch nur mit politischen Mitteln gelost werden kann. Eine 
Zuriickdr&ngung des politischen Einflusses des Grossgrund- 
besitzes und der kartellierten Grossindustrie auf die gesamte 
Staatsverwaltung ist die Voraussetzung einer Erfiillung der Ge- 
meinpflichten des Staates auch in seiner Stellung als K&ufer. 

K RITES 



EBBE UND FLUT 



* 



Die Gezeiten der Weltmeere haben im Vttlkerleben ihren Widerschein, 

was besonders fftr uns kurbrandenburgisch - preussisch - Deutsche wichtig 

isL Denn (dr uns Ist dieser ewige Kreislauf in der Natur sehr bezeichnend. 

Allerdings wechseln hier die Gezeiten nur in fOnfzig Jahren, nicht in 

seeks Stunden ab. 

J410. Um diese Zeit herrschte in der Mark Brandenburg unter den Raub- 

rittem eine starke Ebbe. 

1460. Wirtschaftliche Flut unter Friedrich II., zu der Friedrich I. schon 

beigetragen hatte. 

1510. Ebbe unter Joachim I., der nicht nur die Reformation bedrtngte, 

sondern auch das Land durch Erbfolge zerstdckelte. 

1560. Flut unter Joachim II. 

1610. Ebbe, denn Joachim Friedrich (1598 — 1608), Johann Sigismund 

(1(08 — 1619) steuerten bergab. Audi Georg Wilhelm (16x9 — 1640) 
war RQckschrittler. 

1660. Flut unter dem Grossen Kurftkrsten. 

1710. Ebbe unter Friedrich I., der einerseits sehr prachtliebend und 

verschwenderisch, andererseits recht gegen verdienst- 

volle M&nner war. 



1760. Flut unter dem alten Fritz, dem einzigsten wahren „Grossen“ 

unter den Hohenzollem. 



1810. Ebbe unter Friedrich Wilhelm III. Da diese Zeit zu bekannt ist, 

bedarf es keiner ErlSuterung. 

i860. Flut. Kommentar unnotig, siehe die tagt&gliche Literatur. 

1910. Wegen besonderer Gesetzesparagraphen bleibt der Kommentar 

der Nachwelt vorbehalten. 








THEODOR 



239 



Unglaubliches 



UNGLAUBLICHES 

Der Lokalanzeiger hat einen guten Artikel veroffentlicht, In dem'ge- 
wisse ber liner Zustfinde scharf, mit talentierten Augen und ohne RQck- 
sichten besehen werden. Natfirlich stand solches nicht auf dem Ehrenplatz, ' 

wo sonst A. H. fiber Geras Oper Bedeutsames und so eigenartig Aus- 
gedrficktes mitteilt, sondem im „Sprechsaal“, ffir den die Redaktion jede 
Verantwortung ablehnt. Und darum wollen wir einige Sfitze herausheben 
und ihnen zu wfirdiger Publikation verhelfen, aus einem Brief e, In dem 
„Eine mfide Arbeitersfrau und kummervolle Mutter 4 * ihr Herz fiber 
ihre Tochter ausschuttet. Denn da eine andere Mutter bekanntlich auch 
ein Kind hat, wird die Zuschrift aus dem Publikum zur Gesellschaftskritik. 
„Ich habe drei Stfick von die Sorte M&chens, die so furchterlich grosse 
Hiite aufm Koppe tragen und so enge Humpelrocke, wodrunter nicht mat 
ein Anstandsrock drunter geht. Wenn mein selichter Mann noch lebte, 
ja na der haute die M&chens einfachst jede ein paar runter, da.« die Hfite 
mit eins weg w&ren. Aber mir lachen die Fr&uleins man bloss aus und 
sagen : sei bloss stille, Mutter, wir verdienen’s uns ja, und du verstehst 
nichts von die Neuzeit. Ja, das stimmt ja, aber ist es nicht doll ? Alles, 
partout alles, was die Machens verdienen, fliegt ffir den Staat raus, ffir’n 
Magen muss Mutter sorgen. Wenn sie auch dabei sehr bescheiden sind 
in Essen und Trinken, kost’ doch genug, aber sie sind schon satt, wenn sie 
sich bloss m&chtig aufputzen und in das Tanzlokal scherbeln gehen 
konnen. . . . Ach, das nichtswfirdige Tanzen, das ist wohl an alles schuld. 
Da bl&hn sie sich auf und zeigen ihre feine Kle idling, ihre Riesenhfite und 
ekt zetera so weiter. Und wenn sie nachtens nach Hause kommen, d«nn 
stellen sie sich alle drei vor den Spiegel und begucken sich und schmeissen 
noch mal die Beine, wie das denn ausgesehen hat. Und das schlimmste ist, 
dass unsereins von Mutter dagegen ganz machtlos ist, jetzt, wo sie meine 
Haue entwachsen sind, haben sie ’n grossen Mund und lessen sich nichts 
sagen. Allen und jeden Sonntag zum Tanz, und Bekanntschaften ange- 
bandelt. Ist das ’n Sache ? Ach Jotte doch, die armen Manner, die die 
mal kriegen. Nun, so dumm wird wohl ein anstindiger Mann nicht sein, 
meine Dochter und solche andem heiraten, die nichts anderes konnen|[als 
falsche Haare tragen und wie man sagt, unten nicks un oben nicks . . .“ 
Wer argwohnte, ein literarisches Talent h&tte sich eine Mystifikation 
des ,,L.-A.‘ < erlaubt, sei belehrt : Am nftchsten Sonntag antworteten 
andere Matter Weises, Naives, Mildes, Dummes . . . 

\ t 

DER HEILIGE KIENTOPP UND DAS OLYMPISCHE 
MIRAKEL 

Da man auch ffir die bessersituierten Kreise sorgen muss, denen der 
Tod nicht durch Bficklinge, Fischgift und fihnliche Asylweihnachtskost 
gereicht wird, gab es in einem Kientopp Gelegenheit zu Erstickungstod. , 
In der gleichen Zeit entdeckte ein Gross- Berliner Pfarrer, sicherlich in 



Der heilige Kientopp und das olympische Mirakel 



233 



bester Absicht, die Moglichkeit, den kahlen protestantiscben Gottesdienst 
durch Lichtbilder zu beleben. In der neuen evangelischen Gamisonskirche 
gab es Festfeier mit bunten Kinemas. Religiose — ach, was fragt ihr ? 
stimmungsvolle Gem&lde von Correggio oder auch Firle erstrahlten in 
jenen lieblich-kitschigen Farben, die man sonst Idr drollige Kinderszenen , 
Ehebruchsfilms bemuht. Das ist nun einmal die Macht der modemen 
Technik, und so leben wir alle Tage. Luther hatte eben keine rechte Be- 
ziehung zur Religion, und der Protestantismus des 20. J ahrhunderts zieht 
in den Bereich seiner Wirkung, was uralte Tradition des Katholizismus 
ist : Empf&nglichkeit, ROhrung, Weihe, den gewissen gesteigerten Lebens- 
rhythmus durch Farbenreize, Licht und Dunkel, KlSnge und Kostiime, 
mystische Romantik und Messenregie zu erzeugen. Die stirksten und 
grossten Theater eindrilcke , die man erleben kann, sind Ostermessen in 
St. Peter und sevillanische Kathedralenzeremonien. Bei denen wird ja 
auch getanzt. Nur — der Konkurrenzkampf ist eben hart. Und es gibt so 
vide schlechte Menschen. Als Reinhardt in Hofmannsthals „Jedermann“ 
ein „Vater unser“ einlegte, waren nicht alle Berliner Juden sehr erfreut. 
Die^Mitbiirger der anderen Konfessionen . . . kurz, die wirkliche katholische 
Regieleistung wollte Reinhardt den Berlinem nicht zeigen. Wenigstens 
noch nicht. Wir dtirfen nur vernehmen, was das Londoner olympische 
Mirakel kostet, wieviel Tiere, Greise, Ktinstler und Heifer notwendig 
waren, und dass England jubelt. Dass die Londoner Kritiker zufiieden 
sind, „die Firma Baruch und Cie. ( ,Theaterchronik‘ ) den Dombau der 
(sonst ftir Radrennen oder Ramschausstdlungen benutzten) , Olympia* 
in eine gotische Kirche innerhalb von 14 Tagen ausgefuhrt hat und auch 
die ganze Ausstattung in kilrzester Frist durch das Berliner Haus geliefert 
wurde — bei der Menge der Kostiime, Waffen und Ger&te eine ansehnliche 
Leistimg" (Theaterchronik) , ich will all das glauben — und mehr noch. 
Dass z. B. einige Bilder der Pantomime schon waren, Reinhardt wieder 
seine Energie bewiesen hat und seinen Reichtum an szenischen EinfSllen. 
Aber ohne nach London gefahren zu sein, weiss ich auch, dass die Wirkung 
von Dimensionen und Quantitaten verwechselt wurde mit kiinstlerischer 
Leistung. Dass der Regierungsbaumeister Demburg statt wirklicher 
Kirchen diesmal eine Pantomimengothik geschaffen hat, und die Londoner 
wahrscheinlich noch nie so getreu nach den wissenschaftlichen Bilder- 
bogen angefertigte Gew&nder gesehen haben, regt mich nicht auf. Dass 
das Mirakel mit den Mitteln der romischen Kirche geschah, und jenes 
Theater, das solchen Auf wand von Geld, Phantasie, Nervenkraft, Menschen 
wert wire, mit all dem nichts zu tun hat, dass dieser Londoner Erfolg 
Reinhardts dieLinge des Irrwegs, den er jetzt geht, nur vergrossem wird, — 
die Einen wissens, die Andern geht das ganze Treiben nicht viel an ; ihn 
selbst aber, um dessen Tun und Sein und Werden wir, die seine Anfflnge 
mitgelebt haben, uns sorgen, sollte diese Olympia- Begeisterung aufrhttdn. 
Was er da gemacht hat, gefallt den EnglSndem zwischen Christmas und 
New Years Day ? Ach, Reinhardt, der Sie ja doch ein KGnstler sind 
und ^"mI ein so lieber Mensch waren, Herr Professor Reinhardt, 
wissen Sie, gerade Sie nicht mehr, dass nur geistloses, kunst- 
f r e m d e s Theater in London Erfolg haben kann? 



334 



Das Theater geschaft 



DAS THEATERGESCHAFT 

„Das Theatergesch&ft wird von Tag zu Tag schwerer. Das Metier des 
Direktors ist nicht mehr rosig, wenn es fiber haupt jemals rosig war. 
Es gibt zu viel Dramatiker und zu wenig Theater. So ist die Situation ; 
jetzt, wo das Jahr zu Ende geht. Kein Mensch kann bezweifeln, dass 
wir wenigstens drei Theater mehr brauchen. Nur die Grundstfick- 
besitzer wissen nicht, dass ein Theater ein gl&nzendes Grundstficks- 
geschaft ist. Es gibt immer zehn Leute, die ein Theater haben 
wollen, wenn eines frei ist ; deshalb steigt der Wert eines Theaters, je 
schlechter es geht. Da die Dinge so liegen, fragt man sich, wes- 
halb die Zahl der Theater eigentlich abnimmt ? Mfissen wir wirklich 
warten, bis AuslSnder zu uns kommen, um diese einzige Industrie zu 
kultivieren, die noch viel Chancen hat ?“ Das schreibt ein Kenner der 
Theaterzustande, ein selbst viel aufgeffihrter Dramatiker. In Paris 
n&mlich : Pierre Veber. In Berlin sind die Verhaltnisse natfirlich die 
gleichen : wir haben viel zu wenig Bfihnen, und der Wert des Theater- 
gesch&fts steigt von Sekunde zu Sekunde .... F. 



Wir bitten, Mitteilungen und Beitr&ge nur: 

An die Redaktion, Berlin W. io, Victoriastrasse 5, zu adressieren. 
Bei umfangreicheren Zusendungen ist vorherige Anfrage notwendig. 
Sprechstunde: An Werktagen, mit Ausnahme des Montags, 1 — 3 Uhr, 
Berlin W., Victoriastrasse 5. 

Verantwortlich fiir die Redaktion: Albert Damm, Berlin- Wilmersdorf. 
Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. 







Politik 




PoUtik 

AUSSERUNGEN 

Wir glaubten beobachtet zu haben, dafi eine ungemein grofie 
Zahl jener Mlnner, deren Wirksamkeit auf des Reiches geistige 
und materielle Kultur stark und fruchtbar ist, der Politik gegen* 
fiber sich passiv verhalt. Wenn auch die einen ihre Stimme 
abgeben, die anderen ein paar Mark herschenken filr den Wahl- 
fond jener Partei, die ihr durch personliche Oder berufliche 
Beziehungen noch am ntchsten steht, — weiter geht die politische 
Anteilnahme in den seltensten Fallen gerade bei jenen, deren 
Tun bestimmend ist fiir die deutsche Entwicklung. Aktivit&t 
gar im Sinne von Initiative, eigenen Kandidaturen oder per* 
sonlichem Eintreten fiir die Wahl von Vertretern, die das 
Lebensgefiihl krfiftiger Individualitaten, bedeutender Kreise im 
Reichstag zur Geltung bringen konnten, scheint, soweit wir sahen, 
nur in sozialistisch denkenden und fiihlenden Gruppen sich zu 
betatigen. Diese Erscheinung, die sicher viele mit uns erkannt 
und bedauert haben, konnte eine ausreichende Erklarung nicht 
in der natiirlich auch in dieser Richtung wirkenden Tatsache 
finden, dafi es im letzten Reichstag keine Fraktion gab, im 
nachsten wohl auch keine geben wird, deren Politik sich diese 
Mdnner vollig anschliefien konnten. Denn auch ein „ Wilder** 
vermag, wenn auch nicht bestimmte Beschliisse durchzusetzen, 
so doch einen Ton in der Debatte anzuschlagen, der wertvoll 
und selten genug in dem grofien Hause ware. Wir haben 
deshalb an eine kleine Zahl von Mannem der Industrie, Finanz, 
Wissenschaft, Kunst und Literatur geschrieben, gefragt, ob sie 
diese Auffassung teilen; warum gerade in Deutschland diese 
Zustande so pointiert sind; und was wohl eine Anderung 
bringen kbnnte; schliefilich, ob von dem Ausfall der Wahlen 
die Berufs- und Interessensph&re des Gefragten wesentlich be- 
troffen wfirde. Die Antworten, die kamen, gaben uns Recht. 
Schon dafi immer wieder gesagt wurde, „wir sollten fiberzeugt 
sein, dafi die Bedeutung der angeregten Frage vollauf geschatzt 
werde, ausgedehnte berufliche Arbeit hindere aber die Befassung 
mit anderen Problemen als denen des Fachs“, dafi „eine un- 
uberwindliche Scheu hindere, mit Meinungsaufierungen fiber 
Gegenstande aufierhalb des Fachs hervor zutreten' ‘ , dafi ,,es fiir 
das Publikum und die Sache als ziemlich belanglos erscheine, 
was ein Professor der Philosophie fiber die politische Bet&tigung 



3*6 Ein rheinischer Grofiindustrieller: 



unserer fiihrenden Geister oder fiber den Ausfall der Wahlen 
denke“ — schon diese Aufierungen zweier Philosophen nicht 
nur von Namen und Rang, sondem auch von starker Kraft, 
denen andere an die Seite zu setzen w&ren, sind bedeutsam. 
Auch daB eine Reihe von Mitteilungen uns zwar Interessantes 
brachten, die Schreiber aber die Nennung ihres Namens oder 
gar die Verdffentlichung uberhaupt ablehnten, war eine prazise 
und sinnvolle Antwort. Nun aber lassen wir hier einige Manner, 
deren Werk bekannt ist, selbst sprechen. 

Ein rheinischer Grossindustrieller, der nicht will, dass sein Name ge- 
nannt wird, schreibt aus Mfilheim-Ruhr : 

Ihr freundliches Schreiben vom 19. Dezember 1911 habe ich erhalten 
und gestatte mir, Ihnen mitzuteilen , dass die Grossindustrie in Deutsch- 
land noch sehr jung ist, und die ffihrenden Minner von den Aufgaben, die 
sie ihnen stellt, vollst&ndig in Anspruch genommen werden. Sie hat sich 
mit geringen Mitteln durch grossen Fleiss und grosse Sparsamkeit zu ihrer 
heutigen Hdhe emporarbeiten mfissen. Eine spitere Generation, welche 
auf sicherer Gnmdlage arbeiten wird, wird das Vers&umte nachholen mfissen. 

' Im allgemeinen wird die Industrie von der Nation und der Regierung 
zu wenig gewfirdigt, was man in Sonderheit auch bei fast alien offiziellen 
Gelegenheiten findet. Eine Anderung erwarte ich von den Wahlen nicht. 

h 

Ein Mitglied der Berliner Hautefinanz, unter . dem Vorbehalt, „seine 
wertlosen Aeusserungen seien nicht f Hr die Oeffentlichkeit bestimmt", dessen 
Namen wir also verschweigen, wenn wir auch seine Meinung mitteilen: 

„FQhrende Manner" oder „starke KrSfte", wie es in Ihrer Umfrage 
heifit, mfissen an die Moglichkeit glauben, ihren Willen durchsetzen zu 
koimen. Diese Gelegenheit wird markanten Personlichkeiten , zu denen 
ich mich nicht im entfemtesten zShle, aus geschaftlichen und industriellen 
Kreisen auch noch nicht in Jahrzehnten im Parlament gegeben sein; sie 
werden um deswegen ihre Zeit ffir erreichbare Ziele verwenden. Die 
einzige Partei, welche Chancen hat und welche um deswegen starke 
Personlichkeiten, wenn auch nicht aus Handel und Industrie, an sich 
heranziehen wird, ist leider nur die Sozialdemokratie* Die Wahlen mogen 
die Konstellation der Partei verschieben, aber wie sie auch immer aus* 
fallen, werden sie h i e r a n nichts findem. 

Richard Dehmel: 

„Mehr oder weniger passiv 11 ist in der Politik schliesslich jeder; das 
l&uft ungef&hr auf dasselbe hinaus wie mehr oder weniger aktiv. Heute 
aber besteht der sdtsame Zustand, dass sich grade zur hdheren 



Richard Dehmel: 



237 



Politik die besten Manner der geistigen Berufskreise, einschliesslich der 
Regienmgskreise, so passiv wie irgend moglich verhalten. Einzig der 
Stab der katholischen Fanatiker spielt noch eine wirklich aktive Rolle, 
vielleicht auch eine kleine Gruppe sozialistischer Enthusiasten. 

Warum ? Weil aktive Politik hdchsten Ranges itnmer nur auf Grund 
idealer Tendenzen gedeiht, und ffir die bleibt wenig Zeit Obrig in unsrer 
ttbervolkerten Schacherwirtschaft, wo selbst die Wissenschaften und 
Kfinste raehr und mehr in die Abhfingigkeit von materiellen Interessen 
geraten. Auch Bismarcks Politik war gross nur so lange, als die Eini- 
gung Deutschlands noch ideale Tendenz war ; nachher zerbrockelte sie 
im Klassenkampf urn okonomische Praktiken. I nteressenpolitik ist 
stets nur pseudoaktiv, ist opportunistisch bei aller Energie, <««« iusserst 
agil sein im Augenblick, wird aber innerst passiv auf die Dauer; sie 
muss ja immerfort Konjunkturen ausnutzen, d. h. sich zu Rficksichten 
niedrigster Art verstehen, zu kuhhlndlerischen Kompromissen. Drum 
ist ihr Ietztfibriges Ideal die rficksichtslose Machthaberei, die kein hoheres 
Ziel kennt als ihren Geschiftsbetrieb. Alle Wertschltzung wird ver- 
lusserlicht ; die innerlichen Bildungswerte, tun die sich die vomehmsten 
Geister bemfihen, warden hdchstens noch in technischer Hinsicht ge- 
sch&tzt, als luxuriose Renommierprodukte, als eine Art Reklameressort 
fQr unsre famose Maschinenkultur. 

Welchen besseren'Mann kann es seelisch reizen, bei solcher Politik 
mitzutun ? In der Tat, er hat Besseres zu tun ; er politisiert nur grade 
so viel, wie ffir seinen Beruf unerl&sslich ist. Er muss schon in seiner 
eigensten Sphfire Zeit und Kraft genug aufwenden, am seinen Cha> 
rakter vor der Ansteckung durch den allgemeinen Opportunismus zu 
schfitzen. Er schafft im stillen Zukunftswerte ; die Gegenwart Qber- 
Msst er den Leuten, die jetzt ffir wertvoll gehalten werden, den Maul- 
aufreissem und Gelegenheitsmachem. Er weiss, dass sich dieser Massen* 
wahnsinn der Betriebsamkeit um des Betriebes willen erst 
grfindlich ausrasen muss, ehe wieder Sinn in die Politik kommen kann. 
Wer sich zum Pfadfinder beruf en fflhlt, hat keine Lust, als Strassen* 
, reiniger mitzuschuften ; er sagt sich, dass seine Zeit kommen wird, 
auch wenner’snicht erleben sollte, und verfolgt einstweilen abseits sein Ziel. 

Braucht es noch mehr „Grfinde <4 , um nachzuweisen, dass keinerlei 
Wahlrummel diesen Zustand von heute auf morgen Indent kann ? 
Vielleicht muss wirklich erst allenthalben das Frauenstimmrecht ein- 
geffihrt werden, damit sich die Mannsleute wieder ein bisschen auf die 
Menschenseele besinnen lemen. Inzwischen werden die besten Mfinner 
aller Berufskreise und Volksschichten aus jeder Wahl nur neuen Anstoss 

16 * 



238 



Pfarrer Jatho und Geh.-Rat v. Leube: 



wnpfangai, sich inuner hartn&ckiger auf sich selbst zu besinnen. Wen 

es heute in Deutschland schon interessiert, wie sich ein deutscher Dichter 
das ▼orstellt, dass ein deutscher Mann sich im Wahlkampf auf sein 
bestes Selbst besinnt, der kann es in typischer Form aus meiner Komodie 
„Michel Michael" ersehen. Dehmel. 

Wenn es wahr sein sollte, dass gerade die ffihrenden Manner unseres 
Volkes sich der Politik gegenfiber mehr oder weniger passiv verhalten, so 
dOrfte diese Erscheinung ihre Ursache darin haben, dass solche Personlich- 
keiten die Unruhe und Aufregung des politischen Lebens scheuen, um ffir 
ihre Forscher- und Entdecker&rbeit, fflr das stille Erw&gen und Durch- 
denken der grossen Probleme auf dem Gebiete der Weltanschauung, der 
Ethik und der Religion die Sanunlung des Geistes und Klarheit des Urteils 
nicht zu verlieren. Eine Anderung durfte hier schwer herbeizuffihren sein, 
da ein solches Verhalten in der Natur der Dinge und Menschen begrfindet ist. 

Was meine Berufs- und Interessensphdre betrifft, so erwarte ich von 
dem Ausfall der Wahlen keine direkte Forderung oder Schfidigung der- 
selben. Mir liegen die pSdagogischen und kirchlichen Fragen besonders 
am Herzen. Auf diese durch gesetzgeberische Massnahmen einzuwirken, 
ist dem Reichstag nur indirekt moglich. 

Koln, den 21. Dezember 1911. C. Jatho, Pfarrer. 

Wird zum Teil richtig sein. Die Ursache sehe ich darin, dass die 
„ftihrenden“ Manner der Wissenschaft von ihrer Lebensarbeit, der ihre 
ganze Kraft gilt und die ihr ganzes Denken beherrscht, so in Anspruch ge- 
nommen sind, dass sie alle davon ablenkenden BeschSftigungen von sich 
fern halten und in der Regel auch fern halten mfissen, insofem sie etwas 
den kulturellen Fortschritt Hebendes zustandebringen sollen. 

Wurzburg. Geheimrat Dr. v. Leube. 

Es scheint mir so. 

Nur wenn die V olksvertr etung eine wirkliche Macht wire, w&rde man 
sich mir ihr beschiftigen und ihr angehoren wollen. 

Ich glaube nicht, dass schon die n&chsten Wahlen viel indern konnen. 
Nicht einmal angesichts einer' liberal-sozialdemokratischen Mehrheit wird 
z. B. die Zensur (da Sie whnschen, dass ich mich auf meine Inter essen- 
sphfire beziehe) sich weniger dummdreist benehmen als bisher. Die Re- 
gierung war ja schon bisher nicht darum reaktionix ,weil eine Mehrheit sie 
dazu zwang, sondem weil s i e es sein w o 1 1 1 e. Sie hStte es 1 angst in der 
Hand gehabt, durch eine gleichmassige Einteilung der Wahlkreise der bloss 
fiktiven Mehrheit der Schlechtesten ein Ende zu machen. Andererseits 



I- 



Heinrich Mann and Georg Hermann: 



239 



wird die Einigkeit der Linken, angenommen sie wire da, die Wahlen 
schwerlich lange uberdauem : dafttr sind die politischen Instinkte dieses 
BOrgertums zu schwach und zu falsch. Man darf nicht einmal sagen: 
n o c h zu schwach und zu falsch, dam es hat Zeiten gegeben, da sie 
richtiger und stfirker waren. Faktoren also, die einen Umschwung be- 
wirken mQssten, sehe ich nicht. Es muss wohl, damit es besser werden 
kann, noch schlimmer kommen. 

Heinrich Mann. 

Ja. (Wir batten gefragt, ob sich die MSnner, die die stSrksten Kr&fte 
unseres Volkes repr&sentieren, der Politik gegenuber mehr oder weniger 
passiv verhalten . ) 

Die fQhrenden Minner sind durch andere eigene Arbeit zu sefar ab- 
sorbiert, um zu politischer BetStigung, der wiederum mit halbem Kr&fte- 
aufwand nicht gedient ist, die Zeit zu finden. Ausserdem warden sie sich 
zwischen den Realien und in dem ewigen, unerfreulichen Kleinkrieg der 
Politik sefar unwohl fdhlen, da zum mindesten unter der gegenw&rtigen 
Konstdlation wenig Aussicht vorhanden ist, dass ihre WQnsche und Forde- 
rungen in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Die MSglichkeit, mit 
eigener Arbeit auf die Massen zu wirken und sie materidlen oder ideellen 
Erhohungen des Daseins zuzufahren, ist ihnen durch eigene schbpferische 
Taten — mag es nun der Bau eines Akkumulators, die Erf indung ones 
Serums, die Schaffung von neuen, bedeutenden kUnstlerischen Werten 
sdn — gegeben. Ihre Gedanken zur Umformung unseres Gef&ngnis- 
wesens oder unserer Volksschule, unseres Wahlrechts z. B.? — sie warden 
im besten Fall aus Gedanken nur sich in Wo r t e umformen. Und da 
sie nun auf anderer Seite wirklich far die Kultur Bedeutsames schaffen 
kfinnen, so ziehen sie es vor, ihre Kr&fte nicht zu verge uden. Ob sie neben- 
bei far das politische Leben — da sie nur Pfadfinder, aber keine K&rrner 
sind — besonders geeignet w&ren, das ist endlich noch eine Frage, deren 
Beantwortung offen gelassen werden muss. 

Nein. ( Ob vom Ausfall der Wahlen irgendeine wesentliche Aenderung 
far die Berufs- oder Interessensph&re des Gefragten erwartet werde.) Be- 
kommen wir ein Uebergewicht des linken FlQgels, so wird es auf ein 
Anwachsen der Sozialdemdkratie herauskommen , die — so sehr sie ihre 
ethische Berechtigung lusher erwiesen — uns doch den Beweis far ihre 
Ssthetische und kultur elle Bedeutung noch schuldig geblieben ist Be* 
kommen wir das nicht — wird es beim Alten bleiben. So oder so — 
scheint es mir — ist far meinen Beruf nicht viel zu erwarten. 

Georg Hermann. 



240 



Frank Wedekind : 



Die allgemeine Teilnahmslosigkeit beruht meines Erachtens uberall 

und durchgehends auf Gegenseitigkeit. Auch die namhaftesten Menschen 

* 

werden im heutigen Getriebe zu Fachleuten und bleiben bei ihren Leisten. 
Die allgemeine gegenseitige Teilnahmslosigkeit scheint mir aller dings 
nirgends krasser zutage zu treten als im Lager des Liberalismus, des 
Freisinns und sogenannten Fortschritts. Von jedem wirklichen Fortschritte 
ffihlt sick der Fortschritt schon beinahe ebenso angeekelt wie der Sozial- 
demokrat von der Besch&ftigung mit sozialen Problemen. Auf der ganzen 
Front wird geschustert, wdhrend jede Ausserung einer Personlichkeit 
sofort schallendes Hohngelfichter erweckt, von dem sie rasch und grfindlich 
erstickt wird. 

Ganz anders verhilt es sich naturlich bei den Parteien, die alten an- 
gestammten Besitz zu verteidigen haben, der durch den Fortschritt, nicht 
etwa den deutschen, sondem meinetwegen den chinesischen dock immerhin 
best&ndig bedroht ist. Von einer Teilnahmslosigkeit fiihrender Manner 
bei den Konservativen oder im Zentrum habe ich nie etwas gehort. Aber 
diese ftihrenden Manner meinen Sie natfirlich nicht, sondem wohl eher 
diejenigen, die auch das Ausland als solche kennt und nennt. Und da 
lBsst sich nun wirklich fragen : Welche Teilnahme sollen diese Manner 
f Or das offentliche Leben eines Volkes hegen, das sich keine Gelegenheit 
entgehen lisst, um ihnen so deutlich wie nur irgend moglich zu beweisen, 
wie unendlich gleichgiiltig und wertlos sie ihm sind ? 

tfbrigens mag ich Ihre Fragen drehen und wenden, wie ich will, ich 
komme nicht darftber hinaus, dass es ihnen an Bestimmtheit fehlt. 
Fflhrende Manner, die sich der Politik gegen&ber mehr oder weniger 
passiv verhielten, waren Goethe und Ibsen. Hier handelt es sich aber um 
die Gegenwart. Wollen Sie mir deshalb erlauben, Ihre drei Fragen, bevor 
ich sie beantworte, durch folgende beiden zu vervollkommnen : 

z. Welche Manner werden augenblicklich in Deutschland allgemein 
ffir die fdhrenden gehalten ? 

2. Welches sind tatsAchlich die ffihrenden Manner im heutigen 
Deutschland? 

Erst die Beantwortung dieser beiden Fragen, die dem „Pan“ ja nicht 
schwer fallen kann, wfirde meiner Ansicht nach die Beantwortung der von 
Ihnen gestellten drei Fragen gestatten. 



Frank Wedekind. 



Em Idyll 




Em Idyll 

Von LEO TOLSTOI 

Einzig autorisierte Uebertragung Ton August Scholz 

* 

Einmal, wie sie wieder auf den berrschaftlichen Wiesen zum 
Mfihen waren, gingen sie alle an den Fluss, um zu baden — die 
Mftnner an dem einen und die Weiber am andern Ufer. Tischka, 
der Schelm, begann, ob er gleicb verheiratet war, seinen Schaber- 
nack zu treiben — schwamm zu den Weibern hinuber und 
tauchte eine nach der andern. 

„Was f&llt dir ein ?“ schrien sie, „lass tuns los, du Satan 1 
Willst uns wohl ertr&nken ?“ 

Mit einemmal taucht Andr juschka neben Tischka auf, wie er 
eben die Malanjka untertauchen will. 

„Was tauchst du sie ?“ rief Andrjuschka, und ehe man sichs 
versah, hatten sich beide an den Kdpfen. 

Seither ging er Malanjka immer nach, wenn sie zum Flusse 
ging, um zu baden : verbarg sich im Schilfe und sah ihr zu. 
Einmal erwischten ihn die Weiber dabei und war fen ihn so, wie 
er war, in den Kleidern ins Wasser. Danach war er ruhiger, 
sch&mte sich wohl und ging nicht mehr auf ihre Scherze ein, 
wenn sie ihn ansprach. 

Das Wetter blieb w&hrend der ganzen Erntezeit ausgezeichnet, 
und das Heu, das eingebracht wurde, war von der besten Sorte : 
richtig wie Tee war es. Was heute gemfiht war, konnte morgen 
schon in Schober gebracht werden. Als das herrschaftliche ein- 
gebracht war, gingen die Bauern an ihr eigenes Heu. Sie hatten 
damals ein ganz hiibsches Stuck Wiesenland, sechs Fuhren wohl 
kamen auf jeden, und ausserdem schnitten sie das Gras im Walde 
fiir sich, was wieder zwei Fuhren auf jeden ergab. Dann m&hten 
sie fur den Herbergswirt noch die Kronswiesen, die er gepachtet 
hatte, um den halben Ertrag. 

Fiir die Gutsarbeit brauchte man gerade viele H&nde, und so 
wurde es so eingerichtet, dass der Schwiegervater mit der Alten 
aufs Gut ging, wahrend Andrjuschka, Malanjka und die Soldaten- 
frau sich beim Herbergswirt vermieteten. 

Die Kronswiesen lagen wohl an die neun Werst vom Dorfe 
ab. Die Mfinner waren zum Teil schon am Abend vorausgegangen 

Der Anfangim vorigen Heft. 



Ein Idyll 




und hatten das Gras abgemaht, und am Morgen folgten die 
Weiber nach. Wohl an die zwanzig Sensen waren im Gange. 
Die Wagen wurden angespannt, Brot, Kwas, Gurken, Griitze 
wurden mitgenommen und die Kessel dazu, und nun fuhren sie 
los, fur eine ganze Woche. Bis zu zehn Personen sassen auf 
einem Wagen, Weiber und Minner durcheinander und sangen 
und lachten wahrend der ganzen Fahrt. Andrjuschka hatte den 
Schecken vorgespannt, das beste Pferd im ganzen Dorfe war es. 
Die Sensen, auch die der andem, die Harken, Kessel und sonstigen 
Ger&tschaften hatte er hinten im Wagen untergebracht und sass 
mm neben Malanjka zwischen den Weibern, wie ein Konig neben 
seiner Kbnigin. Die andem lachten, wie sie ihn so sahen. Als 
die Wagen auf die Landstrasse einlekten, begannen sie um die 
Wette drauflos zu jagen, und Malanjka sagte zu Andrjuschka : 

, , Vorwdrts , fahr zu !“ 

„Nein,“ sagte er, „der Wirt hat's verboten." 

„Seht doch den frommen Popen 1“ spottete sie. „Nun, fahr 
schon zu 1“ 

„Ich bin verantwortlich , und nicht du,“ meinte er. 

,,So fahr schon,** dr&ngte sie und nahm ihm die Ziigel aus 
der Hand. 

„Fahr doch selbst — mach, was du willst,“ sagte er, kletterte 
vom Wagen herunter und ging allein zu Fuss weiter. Und was 
fur ein bdses Gesicht er dabei machte f 

Als die Bauern an Ort und Stelle waren, w&blten sie einen 
Aeltesten aus ihrer Mitte. Der suchte eine Stelle aus, wo sie 
die Pferde ausspannen konnten, und dann fesselten sie die Pferde, 
nahmen die Kisten von den Wagen, umfriedeten den Lagerplatz, 
hieben Aeste von den B&umen ab und bauten sich Zelte. Dann 
wurde Heu dariiber gestreut, und der Lagerplatz war fertig. 

Als Andrej kam, war seine erste Frage : 

„Wo ist der Wallach ?“ 

„Woher soil ich das wissen ? Du bist doch der Knecht, du hast 
dich urns Pferd zu kummem.“ 

„Was soil man mit Weibern erst lange reden, 14 sagte er, wandte 
sich ab und ging, um die Bauern zu fragen. 

Malanjka war bose auf ihn, sagte jedoch nichts. „Wart, ich 
werde dir's schon heimzahlen, 1 * dachte sie. 

Die Arbeit ging rasch vonstatten ; die Weiber harken das 
Heu in Reihen und singen dabei, w&hrend die M&nner es zu 
Haufen aufschichten. Der P&chter kommt an und scherzt mit 
den Arbeitem. 

„Immer geht recht ins Zeug, meine Lieben,“ spricht der Alte, 
„es soil euch nicht leid tun. Wer weiss, ob das Wetter so aushfilt.** 



Ein Idyll 

•L 





„K6nntest einen halben Eimer Branntwein zum besten geben, 44 
meinten die Bauern. 

„Das soli mir recht sein,“ sagte er. 

Es war eine Freude, der Arbeit zuzusehen. Zur Mittagzeit 
wurde eine halbe Stunde au6geruht, dann ging es wieder ans 
Werk. WSren sie auf Fronarbeit gewesen, dann hatten sie das 
in drei Tagen nicht geschafft, was sie hier an einem fertig brachten. 
Und so vergniigt sind alle, so lustig miteinander ; nur Andr juschka 
ist noch trauriger als sonst. 

„Ich verlasse den Dienst,“ dachte er, „ich gehe zu meiner 
Mutter zuriick oder vermiet mich anderswo. 44 

Dabei sucht sein Blick immer wieder die Malanjka. Dort, wo 
die Wiese ansteigt, sieht er sie bergauf gehen, sieht, wie sie mit 
Fuss und Harke das Heu aufrafft, wohl zwei Ellen lang jeder 
Schwaden, und er hort sie singen und lachen , dass es im Hain 
widerhallt. Nicht ein einzigesmal blickt sie zu ihm hin. Immer 
triiber wird ihm zumute. 

„Nein, ich muss hier fort, 44 sagt er sich, „ich bin gar kein 
Mensch mehr. 44 j 

Es dunkelte schon, als sie zu den Wagen kamen und sich 
lagerten, um ihr Abendbrot zu verzehren und ein Glas Brannt- 
wein zu trinken. Nicht ein Wort sagte Malanjka zu Andrjuschka. 
Die alteren Leute legten sich schlafen. Die Weiber aber hatte 
der Branntwein rebellisch gemacht, und sie dachten nicht an 
Schlaf, sondern tanzten einen Reigen. Der alte Pdchter war 
mitten unter ihnen, noch einmal schickte er nach Branntwein. 
An dr juschka war es so weh, so weh urns Herz. Alle, die er da 
sah, waren im Dorfe geboren und kannten sich untereinander — 
und nur er allein war ein Fremder. Alle waren, wenn nicht 
reich, so doch auch nicht arm, und nur er war ein Knecht und 
▼on Haus aus ein armer Schlucker. Branntwein trank er nicht 
und wollte sich auch nicht daran gewdhnen. Er nahm seinen 
alten Rock vom Wagen, holte ein Stuck Brot hervor und ging 
abseits, auf einen Heuhaufen, der unter einer Birke stand. Das 
Heu war noch nicht fertig, es war nur zusammengeharkt, damit 
es ram Tau nicht nass wurde. Morgen sollte es, je nach dem 
Wetter, wieder ausgebreitet werden. Es war noch griin und 
feucht und duftete nach Gras. 

Er warf die Kuppe des Haufens herunter und breitete seinen 
Rock iiber » das duftende Lager. Dann streckte er sich 
hin und war so traurig, so traurig. Dort weiter am Walde 
tont das Lachen der Weiber, Kinder jagen kreischend hinter 
ihnen her. Auch Malanjkas Stimme vernimmt er. Der Wind 
trflgt den Rauch von den Lagerfeuern bis zu ihm heran. Der 



244 



Eui Idyll 




Himmel ist rein und wolkenlos, die Sterne schimmern so hell. 
Er liegt auf dem Rficken , schaut zu den Stemen auf und findet, 
so mfide er auch ist, keinen Schlaf. Stiller und stiller wird’s dort 
am Walde, und noch immer flieht ihn der Schlummer. Aus 
Langerweile stimmt er ein Liedchen an. Doch — was ist das ? 
Der Haufen, auf dem er liegt, scheint sich zu bewegen. 

„Wer ist da ?“ ruft er. 

Guck einer, die Weiber sind es. 

„Was gibt’s?" fragt er unwirsch. 

Er hat sie erkannt: die Soldatenfrau ist’s, die eben mit einem 
Burschen rasch weiterl&uft, nach den Biischen zu. Und noch 
eine ist da — die Malanjka. Ohne ein Wort zu sagen, kommt sie 
an ihn heran und setzt sich auf das Heu. 

„Ich bin es. Warum hast du aufgehdrt ? Sing weiter, 
Andrjuscha!“ 

So seltsam wird ihm zumute — er mochte wohl singen, 
aber die Stimme stockt ihm in der *Kehle. 

„Was ist dir denn ? So sing doch!“ Sie zupfte ihn am Aermel. 
„Ich hdre dieses Lied so gern. Dort bei den Bauern war's so 
langweilig, ich bin von ihnen weggelaufen. Nun, sing doch!“ 
„Ach . . . lass mich in Ruhel“ 

„Was fehlt dir denn ? Hast du einen Kummer ?“ 

Er schweigt. 

„Was sollte dir auch Kummer machen? Bei mir ist’s etwas 
anderes, ich sehne mich nach meinem Manne — aber du ? Hast 
satt zu essen, hast dein Obdach — was fehlt dir noch ?“ 

„Was soli dir dein Mann, du hast auch ohne ihn keine Lange- 
weile.“ 

„Keiner sonst ist mir lieb, Andrjuscha. Der Gram verzehrt 
mich, die Sehnsucht. Ich ertrag’s nicht mehr. Keinen liebe 
ich ausser meinem Manne. Und du — warum gibst du dich 
gar nicht mit den Weibern ab ?“ 

„Ich bin ein Fremder, ihr habt genug an euren eignen J ungen. “ 
„Bist du mir bose ?“ 

„Nein — weshalb ?“ 

„Bist so verlassen, armer Junge, so von keinem geliebt . . . 
Bist du mir noch gram wegen des Wallachs ?“ 

„Nein, Malanjuschka, ich bin dir nicht gram . . . Aber lass 
mich in Ruhe, was bin ich dir denn ? . . . Ich bin ein Knecht . . . 
Ich sah dich frfiher nicht an . . . Und jetzt weiss ich nicht, wie 
mir ist . . . Ich bin nicht mehr Herr fiber mich selbst, ganz wirr 
ist mir im Kopfe . . . Wirklich, Malanjka, lass mich . . Wenn 
ich Kummer habe, so ist’s, weil ich schon lange nicht zu Hause 

war. . 



Em Idyll 





„Wie denn — du sollst wohl bald heiraten ?“ 

„Gott mag’s wissen.“ 

„Wenn ich nicht schon einen Mann h&tte, ich wiirde dich 
heiraten. 

Andrjuschka schwieg. Im Gebiisch liess sich ein Ger&usch 
vernehmen, und ein Pfiff ertdnte. Andrjuscha lachte hell auf. 

,,Sieh doch, Nastasja hat ihren Herrn gef unden! “ sagte er. 

„Wirklich, ich wiirde dich heiraten", wiederholte Malanjka. 

Sie stand auf, kniete neben ihm im Heu nieder, nahm sein 
Gesicht zwischen beide H&nde und kiisste ihn. 

„Keiner liebt mich, keiner hat mich gem," flusterte sie. 

Vom Gebiisch her liess sich wieder das Gerkusch vernehmen. 
Malanjka sprang auf, um zu der Soldatenfrau hinzueilen. 

„Was machst du nur mit mir, Malanjka — was machst du 
nur mit mir," sagte Andrjuscha und fasste sie bei der Hand. 
Doch sie entriss sich ihm. 

„Lass mich — es kann jemand kommen und uns sehen," 
flusterte sie. 

Andrjuscha verbrachte die ganze Nacht ohne Schlaf, sie aber 
war mit der Soldatenfrau zu den Wagen geeilt, hatte sich dort 
mitten zwischen den andern Weibern schlafen gelegt, und war 
in einen festen, tiefen Schlaf gesunken. Andrej sass lange auf 
seinem Heuhaufen und lauschte in die Nacht hinein. Dann 
schlich er eine ganze Weile um die Wagen herum, doch Malanjka 
zeigte sich nicht. Sie schlief fest und horte nur im Traume, 
wie der Hund auf der Poststation bellte, wie die H&hne krihten 
und die erwachenden Vogel zu zwitschern begannen. Die Bauern, 
die bei den Pferden Nachtwache hielten, kamen und wurden 
durch andere abgelost. KQhler Tau sank herab und bedeckte 
die Erde und das Heu. 

Ganz, ganz spdt schlief Andrjuscha endlich ein, er wusste selbst 
nicht, wie. Als die Sonne aufging, weckte man ihn. Malanjka war 
ganz so, wie sie immer gewesen — als ob nichts geschehen w&re. 



IV. 

Als der Tau getrocknet und das Fruhstiick verzehrt war, 
ging alles wieder an die Arbeit. Jetzt kam der lustigste Teil 
der Heuernte: das Anfahren des Heues und das Aufrichten des 
Schobers. Die einen waren in das WSldchen gefahren, um Stangen 
zur Unterlage fur den Schober abzuhauen, die andern spannten die 
Wagen an oder warfen die Heuhaufen zum Trocknen auseinander. 

Es war ein schwiiler Tag, und die alten Leute meinten, es 
sehe ganz danach aus, als wenn das Wetter sich findern wollte. 





Ein Idyll 



246 



Der Tau war sparlich gefallen, der Schnupftabak in der Dose 
des P&chters haftete am Deckel, die Schwalben flogen niedrig, 
es lag wie ein Nebel in der Lult, und es war so heiss, dass alien 
der Schweiss auf die Stihm trat. 

Bis zur Mittagsstunde war der erste Scbober schon betr&chtlich 
▼orgeschritten, man musste das Heu schon von den Wagen 
hinaufreichen, und andere, langere Heugabeln wurden geholt, 
weil die mitgebrachten zu kurz waren. Zuerst wurden die 
Schober des Pachters fertig gemacht, dann wollten die Bauem 
an die ihrigen gehen. Der Pachter selbst hall fleissig mit, er hatte 
den Giirtel uber dem feisten Schmerbauch gelockert, und der 
Schweiss troff ihm nur so vom Gesichte. 

Auch die Weiber mussten beim Anfahren des Heues helfen. 
Malanjka und die Soldatenfrau kommen mit einer Fuhre an, 
hoch oben im Heu sitzend, und die Bauem beginnen unter lautem 
Hallo zu ziehen und zu zerren, um sie xnitsamt dem Heu vom 
Wagen herunterzuholen. Malanjka weiss ihnen zu entschliipfen 
und springt eben noch hinunter, das eine Mai jedoch gelingt 
es ihr nicht, und sie purzelt samt dem Heu unter dem Lachen 
der Bauem herab. Andrjuschka reichte mit der Gabel das Heu 
hinauf, und obschon seine Seite im Schatten lag, kam er doch 
so in Hitze, dass er ganz ausser Atem war. Er wollte vor den 
Leuten seinen Mann stehen, namentlich wenn die Weiber hin- 
sahen, aber mehr als einmal geschah es doch, dass er zu viel 
auf der Gabel nahm und sie nur mit Miihe emporhob, weil die 
Gewbhnung und die Kraft ihm noch abging. Er schwankt auf 
den Beinen, und das Heu gleitet herunter von der Gabel, und 
fallt ihm auf das schweissbedeckte Gesicht, auf dem die trockenen 
Grashalme festkleben. Um die Wette geht’s, wo mehr hinauf- 
gereicht wird — ob huben oder driiben. Und ein LSrmen und 
Lachen und Getiimmel gibt es, und das Heu duftet so kr&ftig, 
ganz benommen wird der Kopf. Der Pachter aber treibt und 
treibt: schon zeigen sich Wolken am Himmel. Nun, er mag nur 
treiben, das ist seine Sache — die Leute tun schon genug, schopfen 
ihre letzte Kraft aus. Gegen Mittag ist der erste Schober fertig, 
die Kappe ist aufgesetzt, der Strick wird hinuntergelassen, und 
die Manner, die oben sind, gleiten herab. Andrjuscha spttrt seine 
Arme kaum vor Anstrengung. Nur ein kurzes Schlafchen wird 
gemacht, dann geht's an den zweiten Schober. Rasch w&chst 
er auf der aus Aesten gefiigten Unterlage empor, hbher und hdher 
wird das Heu hinauf gereicht. Aber, o weh — dort ziehen wirklich 
schon richtige Wolken heraufl 

„Immer zugegriffen, Kinder! Einen Eimer noch geb’ ich 
zum besten!** 



1 



Ein Idyll 



247 



Da gab es denn ein Hasten und Eilen. N&her and n&her 
kommt die Wolke, der Wind erhebt stch. Der P&chter klettert 
selbst auf den Schober hinauf, mit wehendem Barte steht er da, 
und von unten her fliegen die Heubiischel ihm zu, so rasch, dass 
er sich nicht zu erwehren vermag und darunter verschwindet; 
kaum hat er sich herausgekrabbelt, ist er gleich wieder zuge- 
schiittet. 

„Immer her daniit! Immer noch mehr!“ 

„Nimm’s ab! Los da, ihr Weiber! Immer hoher, hdher! 
Tritt’s festl Zupf es oben glatt! Ist noch viel iibrig ?“ 

„Noch zwei Haufen hinter dem Gebiisch.** 

Die Weiber sollen sie holen, wissen aber nicht, wo sie sind. 
Andrjuschka steht daneben, ganz ausser Atem vor Anstrengung, 
und bebt wie Espenlaub. 

„Andrjuschka, hoi' du die zwei Haufen — du weisst wo sie 

sind.“ 

Der Wind weht starker und st&rker, die Wolke kommt immer 
n&her, Hemd und Bart des P&chters flattern nur so. Andrjuschka 
wischt sich den Schweiss von der Stirn und klettert auf den 
Wagen. 

„Eins von den Weibern muss mit!“ ruft er. 

Die Soldatenfrau ist am Schober besch&ftigt, also muss 
Malnjka mit. Sie besteigt den Wagen, greift in die ZU gel und 
fahrt los, dass Beine und Busen nur so erzittem. Andrej sitzt 
im Wagen wie ein Sack. Ueber die Hugel geht's hin, und bald sind 
sie hinter den Biischen. Andrjuschka klettert vom Wagen, um 
das Heu heraufzureichen, w&hrend sie oben bleibt und es abnimmt. 
Kein Wort spricht sie, sondern sieht ihn immer nur lachend 
an und reiht Biischel an Biischel. Da pldtzlich, wie er eben mit 
der Heugabel wieder einen m&chtigen Schwaden hinaufreichen 
will, schwankt er und sinkt ins Heu zuriick. Eine Schw&che be- 
f&llt ihn, und er kann nicht weiter. 

1 „Was ist dir ? Willst dich wohl schlafen legen ?“ fragt ihn 
Malanjka. 

„Ein Ende mach ich mit mir, du Seelenverderberin — das ist 
mir. Dich und mich bring' ich um, du bdses Weib.“ 

Das Weib lacht — er aber ist so bleich wie ein Linnen. Sie 
sprang vom Wagen und lief auf ihn zu. 

,,Was ist denn mit dir, Andrjuschka — bist du von Sinnen ? 
Haben sie dich behext ?“ 

Er packte sie bei den Armen. 

„Qu&le mich nicht, Malanjuschka, ich ertrag's nicht langer. 
Jag mich fort aus deiner N&he, sag mir, ich sollte meinem Leben 
ein Ende machen — oder erbarm dich meiner, nur eiri klein 





Em Idyll 




wenig erbarm' dich! Ich weiss ja, dass ich deiner nicht wert bin, 
dass du einen braven Bauern zum Mann hast — aber ich bin 
meiner selbst nicht mehr m&chtig, ich vergehe vor Liebe zu dir, 
du mein Ein und Alles!“ Und er halt sie und lasst sie nicht 
; los, und die Tr&nen stiirzen ihm nur so aus den Augen. 

„Nun seht dochl" sagt sie — ,,zum Heuaufladen hat er nicht 
mehr Kraft genug — und hier h&ngt er sich an mich so fest 
wie eine Klette. Was fallt dir denn ein? Lass mich los, oder 
ich sag's zu Hause dem Wirt. 

„Aber du hast mich doch selbst . . . gekiisst hast du mich 
gestern, warum ?“ 

„Weil es mir gestern Spass machte, und heute heisst es: 
an die Arbeitl Nun, so lass mich schon los und steh auf — diese 
Nacht soil unser sein.“ 

, ,Ist's auch wahr, Malanjuschka ?“ 

„ Warum soli sie’s nicht sein ? Sieb, da f&ngt’s schon an zu 
regnen !“ 

Es bleibt ihm nichts weiter iibrig, als aufzustehen, den Wagen 
▼ollzuladen, den Strick dariiber festzubinden und loszufahren. 
Ergeht nebenher. 

„Wirst du mich auch nicht anfuhren ?“ fragt er. 

„Ganz gewiss nicht, “ sagt sie und lacht. 

Kaum batten sie das Heu abgeladen, als es auch schon an 
zu giessen begann. Alles suchte unter den Wagen Schutz. Das 
Heu des P&chters war gliicklich eingebracht, das der Bauern aber 
lag noch auf der Wiese. Es war heute nichts mehr zu machen, 
und alles ging nach Hause. Malanjka lief neben der Soldatenfrau 
▼oraus, und Andrej blieb mit dem Wagen zuriick. Wie sie ein 
Stuck Weges gegangen waren, kam Nikifor, der Liebste der 
Soldatenfrau, hinter ihnen her und rief dieser zu, sie solle nicht 
so eilen. Die beiden gingen nun langsam und Malanjka, die rasch 
nach Hause kommen wollte, lief ganz allein weiter. 

Der Regen hatte aufgehdrt, und die Sonne guckte wieder 
hervor. Der Weg fiihrte durch den Wald. Malanjka hatte die 
Schuhe ausgezogen, und den Rock fiber den Kopf genommen — : 
das rosige Gesicht guckte heraus, und die schlanken weissen Beine 
blinken nur so. Wie sie sich auch anzog: immer war und blieb 
sie die hiibsche Malanjka. 

Und da sandte nun der Herrgott die Strafe auf sie herab, 
fiir Andrjuschka und all die an der n, die sie schon gefoppt hatte. 

Der PSchter hatte das Heu an einen Grossh&ndler in der 
Stadt verkauft und ihn an eben diesem Tage eingeladen, sich 
den Schnitt auf der Wiese anzusehen. Malnjka kommt des Weges 
daher, gerade fiber eine Lichtung, und denkt an alles Mdgliche 



Ein Idyll 





— an die Soldatenfrau und Nikifor, an Andrjuschka, dem sie nun 
wieder entwischt ist, und der ihr eigentlich leid tut. Und plotzlich, 
sieh: kommt ihr ein Reiter entgegen, in Rock und Kaftan, wie 
sie die Kaufleute tragen, und aus dem Kaftan guckt ein Hemd 
aus rotgemustertem Baumwollstoff hervor. Die hohen Stiefel 
sind von feinem Ziegenleder, das Pferd ist ein schmuckes Tier 
aus der Wolgasteppe, und schmuck ist auch der Reiter. Ein 
kuhner Adler, mit einem Wort: untersetzt von Gestalt, die Wangen 
frisch und rot, die Brauen schwarz wie das lockige Haar und das 
BSrtchen, das kaum hervorgesprosst ist. Die kupferbeschlagene 
Pfeife rauchend, kommt er dahergeritten und schwingt seine 
Peitsche. Ein hiibscher Bursche, weiss der Teufel, dieser Gross- 
kaufmann Matwjej Romanowitsch, und, so jung er war, im 
ganzen Gouvernement als grosser Schelm bekannt. Malanjka 
hatte ihn noch nie gesehen, sonst aber wussten alle, wie er mit 
den Weibern umsprang, wie vortrefflich er sich darauf verstand, 
krankes Vieh an den Mann zu br ingen, jemanden ein Pferd auf- 
zuschwatzen, die Preise fur die Waldbestande zu driicken und 
Abstandsgelder einzuheimsen. Ein durchtriebener Junge, wie 
gesagt, trotz seiner zwanzig und etlicher Jahre: ein Schelm und 
Schalk wie sein Vater. 

„Guten Tag, liebes Tantchen — woher und wohin des Weges ?“ 
ruft er Malanjka zu und pflanzt sich auf seinem Gaul vor ihr hin. 

„Nach Hause geh’ ich — so lass mich doch voruber!" sagt 
sie und will zur Seite ausweichen. 

Er wendet das Pferd und reitet hinter ihr her. Sie wirft ihm 
einen Blick zu — „Das ist ein Adler, “ denkt sie, „das ist kein 
Andrjuschka!" 

„Wie heisst denn du, mein Schltzchen ?“ 

„Was geht dich das an?" 

„Ich moqhte gern wissen, wer hier in der Gegend ein so hiib- 
sches Weibchen hat.“ 

„Wem ich auch gehoren mag — fiir dich bin ich jedenfalls 
nicht zu haben.“ 

„Fiir solch ein Weibchen wdr mir nichts zu teuer. Wie heisst 
du denn ?" 

„Malanjka heiss’ ich. Willst du sonst noch was wissen?'* 

Er ritt ihr wieder in den Weg und schickte sich an, vom Pferde 
zu steigen. 

„Nimm dich in acht," sagt sie und hebt ihren Rechen hoch 
empor. 

„Und wie heisst du mit Vatersnamen ?“ f&hrt er unbekummert 
fort. 

, ,Rodiwonowna." 




Ein Idyll 




Er war abgestiegen und ging nun neben ihr her. 

„Ach Malanjka Rodiwonowna , 44 begann er zu schmeicheln, 
„du glaubst nicht, wie lieb ich dich habel So eil’ doch nicht so! 4 * 

Malanjka ahnt wohl, dass ein Unheil im Anzug ist, und so 
schmeichelhaft und lieb ihr seine Worte auch sind, so wird ihr 
doch bang urns Herz, und sie l&uft schneller und schneller. 

„Geh deinen Weg, und lass mich den meinigen gehen , 44 
sagt sie. ,,Die Bauem konunen hinter uns hergefahren. Mach*, 
dass du fortkommst, lass mich nach Hause gehen . 44 

„Aber, Malanjka Rodiwonowna , 44 sagte er, „es ist doch so 
angenehm, mit dir zusammen zu gehen ! 44 Und er zog ein rotes 
Tiichlein aus der Tasche und reichte es ihr. 

„Lass mich — ich will nichts von dir haben , 44 meinte sie. 

„Meine Liebe, Gute, Schone , 44 sagte er, „verlange, was du 
willst: du sollst es haben, aber sei mir ein bisschen gut! Ich 
weiss nicht, wie mir wurde, als ich dich sah. Hab mich doch 
lieb, mein hiibsches kleines Frauchen ! 44 

Und weiss Gott, wie es zuging: sie, die alien anderen so 
gern einen Streich spielte — sie war pldtzlich wie umgewandelt. 
Sie lSsst den Kopf sinken, schweigt und weiss nicht, was sie 
sagen soil. Und er nimmt sie bei der Hand. 

„Meine herrliche, siisse, schone Malanjka Rodiwonowna , 44 
sagte er, „ich habe dich so von Herzen lieb, dass ich ganz be- 
zaubert bin . 44 

Und er bittet tmd fleht, und wird dabei bleich wie ein Linnen, 
wShrend seine Augen nur so gliihen. 

„Malanjka Rodiwonowna , 44 bettelte er und faltet dabei die 
Hande, „ich bitte dich um alles in der Welt: erhor* mich, nur 
ein Stiindchen lass mich bei dir weilen — tu’s, mein Herzchen! 
Gonn* meinem Leibe die Freude, ich bin ein Fremder und nehme 
die Schande mit fort ! 44 

Sie wusste nicht, wie ihr ward, und sagte nur: „Eben, weil 
du ein Fremder bist . . . ich kenne dich doch nicht . . 

Doch da nahm er sie schon in seine starken Arme und trug 
sie in den Wald. 



Sie sagte ihm alles, wo der Hof lag, und wo sie dort schlief, 
und er zog seinen Beutel hervor , nahm einen Rubel heraus und 
gab ihr den. Da schluchzte sie auf und sagte in flehendem Tone: 
„Nur hab’ Erbarmen und bring mich nicht in die Schande ! 44 

,,Furcht dich nicht, Herzchen , 44 sprach er, ,,nimm das hier 
zum Andenken, und morgen, sobald es dunkel geworden, konun' 
ich zu euch auf den Hof und pfeife . 44 



Ein Idyll 



* 




Er geleitete sie bis an den Waldrand, bestieg sein Pferd und 
ritt au! und davon. 



V. 

Sie kam nach Hause. Der Schwiegervater ahnt nichts, und 
auch die Alte weiss von nichts — nur soviel sehen sie, dass sie 
eine ganz andere geworden ist. Zu nichts hat sie Lust, und ewig 
lauft sie irgendwo hin und guckt und spSht. Andrjuschka aber 
war noch betriibter als sonst. Einmal kam er zu ihr auf die Tenne, 
da schrie sie ihn an wie einen Dieb, ganz rasend wurde sie und 
weinte sogar vor Wut. 

dxx xuctit ftuicls xxujt Aduud &tifzutu]i I ^SA^&s 

willst du hier, du Unversch&mter ? Nicht mal 'nen Scherz wird 
man machen diirfenl" sagte sie und schluchzte laut auf, „von 
dir ist mir aller Kummer gekommen!" 

Andrjuschka wusste nicht, was ihre Worte zu bedeuten 
hatten — er fublte nur den Schmerz, den sie ihm bereiteten. 
Doch hatte er nicht die Kraft in sich, von dannen zu gehen. 
Als seine Mutter ihm sagen liess, sie habe eine bessere Stelle 
fur ihn, wo es mehr Lohn gdbe, meinte er, er wolle lieber umsonst 
bleiben, wo er sei, als unter Fremde gehen. 

Das Wetter war seit jenem Tage umgeschlagen. Es regnete 
ununterbrochen, und die Bauem konnten ihre HSlfte Heu nicht 
trocken bekommen. Es verfaulte auf den Wiesen, nur da und 
dort konnte ein Eckchen abgeemtet werden. Vom friihen Morgen 
bis in die Nacht hinein goss es in Strdmen, die Felder verwan- 
delten sich in Siimpfe, und wenn die Bauem pflugen wollten, 
blieb der Pflug im Moraste stecken. 

Eines Tages ging Andrjuschka auf Hofarbeit, nach der Ge- 
treidedarre. Wie er mfihsam und immer wieder ausgleitend 
zwischen den Pfiitzen hinschreitet, sieht er, wie eine Frau in 
einem Kopftuche, eine Gerte in der Hand, mit nackten Beinen 
durch den Kot watet: Malanjka ist es, die die Kiihe heimholt. 
Den ganzen Tag hatte es wie aus Eimern gegossen, dass die 
Hirten das Vieh nicht auf dem Felde halten konnten. Plotzlich 
sieht er den Grosshandler daherkommen und sich ihr nShern. 
,,Heute also," fliistert er leise zu ihr, und Malanjka neigt den 
Kopf. 

,, Der also ist es!" denkt Andrej. 

Als er nach Hause kam, ging er nicht gleich schlafen, sondern 
horchte in die Nacht hinaus. Und plotzlich hort er, wie jemand 
binter der Tenne pfeift. Gleich darauf l&uft Malanjka ilber den 
Hof. 

Andrej kommt in die Scheune und sieht einen fremden Mann. 



n 



Ein Idyll 




„Wer bist du ?" fragt ihn dieser. 

„Ich bin der Knecbt." 

„Hier hast du einen Zwanziger — aber sag’ nichts.“ 

Was sollte er machen ? Nun war er aber nicht der einzige, 
der dahinter kam — auch sonst war es im Dorfe aufgefallen, 
dass der Grossh&ndler so oft kam. Es gab mancherlei Gerede, 
aber was reden die Leute nicht allesl Etwas Zuverl&ssiges war 
nicht in Erfahrung zu bringen. 

Einstmals, zur Nachtzeit, erschien plotzlich Eustrat auf dem 
Hofe. Er fragt nach seiner Frau, und man sagt ihm, sie sei auf 
der Tenne. Wie er nach der Scheune kommt, ist’s ihm, als hore 
er Stimmen: am ganzen Leibe erbebt er. Er guckt in den Schuppen: 
ein Paar Stiefel stehen da. 

„Heda, wer ist da?" fragt er und schldgt auch schon mit 
dem Kniittel drauf los. Der Grossh&ndler schlupft zum Tor 
hinaus und nimmt Reissaus. 

Malanjka sprang heraus, im blossen Hemde, und will fliehen. 

,,Wem gehoren die Stiefel?" 

„Verzeih mirl" 

,,Gut, komm mit in die Stube." 

Er selbst trug die Stiefel nach der Stube. Er legte sich allein. 
zu Bett. Am Morgen nam er den Einspannriemen und rief Ma- 
lanjka in die Rumpelkammer. Andr juschka hort, wie er ihr den 
Text liest, und wie er mit dem Riemen auf sie schlagt — immer 
hitziger wird er, je mehr er schlagt. 

„Sei nicht liederlich! Sei nicht liederlichl" ruft er. 

Dann schleift er sie an den Haaren fiber den Boden. Ein Auge 
schlagt er ihr ganz blau, sie aber denkt:„Was einmal im Bauche 
sitzt, schl&gst du nicht mehr heraus." 

Die Schwiegermutter beginnt fiir sie zu bitten, er aber schreit: 
,,Wer will mich belehren, wie ich mit meiner Frau umgehen 
soil ?" Da schamte sich die Mutter und bat ihn um Verzeihung. 

Dann spannte er an und fuhr mit Andrej aufs Feld, um zu 
pfliigen. Er fragte Andr juschka aus, doch der sagte kurz: „Ich 
weiss von nichts." 

Wie er am Abend heimkommt und ausgespannt hat, findet 
er das Abendbrot schon bereit auf dem Tische. Malanjka fliegt 
nur so, um ihn zu bedienen. Sie hat sich hubsch sauber ge- 
waschen und angezogen; das Auge ist noch ganz blau, und sie 
wagt nicht, ihn anzusehen. Sie assen zu Abend, und die Alten 
gingen in die Kammer. Eustrat legt sich auf der Pritsche unter- 
halb der Stubendecke nieder. Ganz am Rande legt er sich hin 
und sagt kein Wort. 

,,Losch’ den Kienspan aus," spricht er nach einer Weile. 



Ein Idyll 





Sie tut, wie er geheissen und denkt: „Was wird nun weiter 
sein?“ 

Sie hort, wie er die Stiefel auszieht. „Es scheint, dass alles 
wieder gut ist,“ denkt sie, wie sie am Fenster vorubergeht. Seeks 
Monate lang war er nicht zu Hause gewesen, und sie hatte doch 
noch gepriigelt: so lieb war sie ihm. Schweigend kroch sie zu 
ihm hin und legte sich neben ihm nieder. Sie hob den Kaftan 
auf, mit dem er sich zugedeckt hatte, schmiegte sich, im blossen 
Hemd, wie eine Katze an ihn und begann ihn zu umarmen und 
zu kiissen, dass ihm der Atem verging. 

„Wirst du es noch einmal tun ?“ fragte er. 

„Sprich nicht mehr davon. 

Seit dieser Zeit vergass sie den GrosshSndler ganz und gar. 
Die Stiefel verkaufte Eustrat fur fiinf Rubel. Lachend sagte er 
oft: „H&tt' ich ihn nur erwischt, ich hatte ihm auch den Kaftan 

ausgezogen.“ 

Andrjuschka blieb noch bis zum Furbittenfest da und ging 
dann zu seiner Mutter heim. Lange noch dachte er an das zuriick, 
was er auf dem Hofe erlebt hatte. Die Mutter liess sich 
Land fiir ihn zuteilen und verheiratete ihn. Als der Friihling kam, 
gebar Malanjka einen Sohn, der dem Grossh&ndler wie aus dem 
Gesicht geschnitten war. Dieser Slteste Sohn war eben der 
Petruschka, von dem wir am Anfang unserer Geschichte ge- 
sprochen haben. 



Pelze 

Wollt ihr, die ihr glaubt, Seals, Skunks und Hermelin wachsen 
bei Herpich, Salbach und Gerson etwas von den Abenteuern 
hdren, die geschehen mussten, damit begehrliche Blicke durch 
die gl&sernen Wande zu den weiten Pelzmanteln, S tolas, Jacken, 
Boas, Muffen langen, helle und hiibsche schwarze Silhouetten 
in der Hotelhalle und auf der Tauentzienstrasse allerlei Geliiste 
reizen? ... 

Der Pelz ist ja so ziemlich das sinnlichste Modeding. Ich 
konnte einiges erz&hlen. Ich habe mir in diesen Tagen liber 
die Bedeutung des Pelzhandels, seine romantische Geschichte, 
die Tiere, die fur euch leben und ihre Haut lassen miissen, 
viel sagen lassen von einem, der Jahrzehnte selbst im Metier 
lebte, mit Eskimos und Kanadiern Haute gehandelt hat, fiinf- 
unddreissig Menschenjahre mit der Praxis und Theorie des 
„Rauchwarenhandels“ verbracht hat; der weiss, dass die Geschichte 
dieses Betriebes so gut die Geschichte waghalsiger Erobererlust 
ist wie die Darstellung wechselnder Handelsformen, dass Rassen 
von Tieren und Menschen Schicksale und friihen Untergang zu 
leiden haben, damit ihr euren Pelz bekommt, und wieder ein- 
mal tausend Dinge vom Mittelalter bis zum Bau der Canadian- 
Pacific-Bahn geschehen mufiten, damit . . . 

Nun, ich glaube ja nicht, dass euch die harten, frostigen K&mpfe 
der J&ger, Waldg&nger, die Preiskurven von Silberfuchs und 
Grizzly-Bar auch nur so lange interessieren, als die fliichtige 
Andeutung all dieser Bcziehungen Kraft hat, durch euer Gehirn 
zu huschen. Jene grosse Neugier, die die starkste Quelle der 
Macht sowie der tiefsten Leiden der M&nner ist, die uns ebenso 
einer j ungen Dame auf dem Wege nacheilen lasst, die Biegung 
ihres Leibes zu entdecken, wie sie Erkenntniskritik, kriegerische 
Machtproben, Revolutionen zeugt, ist keine Frauensache. Ihr 
habt recht, seid kliiger, wenn ihr wisst, wo, wie man am 
besten und billigsten den vorj&hrigen Bolero in einen dies- 
j&hrigen weiten, weiten Mantel verwandelt; und seid wirklich 
Weiber und darum wirklich entziickend, wenn ihr ganz ernst 
und fachm&nnisch in die Pelzhaare blast Oder durch das weiche 
Fell wiihlt, mit alien Sinnen die Mittel eurer Macht priifend. 
Ich gedenke also nicht, lehrreiche Tabellen fiber Ein- und 

Emil Brass, Konsul a. D.: Aus dem Reiche der Pelze. Bd. I: 

Geschichte des Rauchwarenhandels. Bd. II: Natur geschi chte der Pelz- 
tiere. In einem Band mit zahlreichen Abbildungen und Tabellen. 
Berlin. Im Verlag der Neuen Pelzwaren-Zeitung. 



256 



Pelze 



Ausfuhr der Rauchwaren vorzulegen. Nur ganz eilig mochte 
ich zu der sinnlichen Erinnerung der Finger an das Zobelfell 
und den wunderschonen Seal ein paar Bilder geben : vom sibiri- 
schen Zobel, dieser kostbarsten Marderart mit dem sonderbar 
gespitzten Kopf, den r&uberischen Gewohnbeiten oder dem 
guten Seehund, aus dem Zoo bekannt oder dem Varidtd, dessen 
Erotik eine Notwendigkeit fur eure Jacken ist. 

In der Nacht schleicht der Zobel selbst auf Raub aus, und 
die Pelzleute bekommen sein Fell, indem sie einen Baum- 
stamm liber den Bach legen, liber den er springen will ; er 
profitiert von der improvisierten Brlicke, fdllt ins Wasser und 
ist in der Schlinge. So bleibt das Fell der Kreatur, die eben 
noch so klug und hdhnisch blicken konnte, von aller Ver- 
letzung frei und kostet dreissig, vierzig Mark — nicht bei 
Gerson allerdings. Die Gesichter, die Gestalten der grossen 
und kleinen, agressiven und dumm-feigen, seltenen oder 
kaninchenartig sich fortpflanzenden Tiere, die auf irgendeine 
schlaue oder brutale Art gejagt, gefangen werden miissen, um 
die dreihundertsechzig Millionen Mark hereinzubringen, die als 
Wert der gesamten Produktion im letzten Jahre angegeben 
werden, zeigen tausenderlei Varianten ; von der hohnischen Stroh- 
katze zum Turan-Tiger, vom grotesken Luchs, dem australischen 
Beuteltier, der dann Opossum wird, wenn er auf den B&umen 
genug Pflanzen gefressen hat, bis zu all den animalischen Kurio- 
sitaten, der fruchtbaren Bisamratte, dem mutig agressiven 
Hermelin, von dem man es gar nicht glauben sollte, dass er so 
frech und tapfer ist, und dessen reines Winterfell dem gemeinen 
Wiesel so ahnlich sieht, dass fiir den Wissenden sein majest&ti- 
sches Ansehen ein wenig verblasst. Die Mode allerdings braucht 
dieses weisse Fell und ehrt es hoch. Sechs- bis siebenmalhundert- 
tausend Stiick werden im Jahre eingeflihrt, die Preise steigen 
innerhalb kurzer Zeitrdume bis aufs vierzigfache, und gar jetzt, 
wo der Reiz des Farbenkontrastes stark wirkt, hat der Hermelin 
eine gute oder vielmehr bose Zeit. Er wird nicht nur zur dummen 
Boa, zum Ballmantel, er dient auch jetzt zur Verbr&mung der 
Kleider, und — Kriemhild gab ihn einst dem Helden. „Einst“. 
Natiirlich konnte man die Geschichte der Pelze immer lustig 
beim Anfang der Welt beginnen und immer wieder sagen : Schon 
die Nibelungen . . . Schon die alten Romer .. . Natiirlich, das histori- 
sche Relief soil den isabell-farbigen Wiistenfiichsen, den Ottern 
und Baren so wenig vorenthalten werden, wie der Glanz von 
Theorie und Statistik. Siegfried tragt den Zobelhut, Parcival 
nach neuester Art Hermelin mit griinem und schwarzem Zobel 
verbramt, und in den M&rchenzeiten, da es noch keine Orden 




gab, schenkte der Sultan unseren Gesandten schone Pelzrocke. 
Wer fleissig in Biichern stobert, erfSbrt nicht nur, wie tausend- 
f&ltig die Welt ist, aus der man Haute und Felle holt, er liest. 
auch von der Romantik, aus der sich der jetzt natiirlich seit 
Jahrzehnten gutorganisierte Rauchwarenhandel entwickelt 
hat. Abenteuemde franzdsische Edelleute, Alaska-Indianer und 
Irokesen, Intrigen von Chevaliers und Kriege von Hugenotten, 
Meuterei, diplomatische Konferenzen zwischen Amerika, RuBland 
und Japan grosszugige Expeditionen und tolle Ausfahrten winziger 
Sechzigtonnen-Schiffe, Jagd, Gewinnsucht, Kolonialpolitik, — so 
bunt sind die Figuren und Elemente, aus denen Pelzgewinnung, 
Aktiengesellschaftstreiben, Monopolwillkiir und Messtreiben in 
Leipzig, Nishninowgorod, Alaska erstand. Vom Huronsee kbnnte 
man erz&hlen, wie in den Indianerbiicheln, von der Hudson Bay, 
wie in der Geographiestunde, und der RoUe der Hansa, wie in den 
stenographischen Berichten der Reden des Geheimrats Rieesser . . 

Die' Gestalten der Waldlaufer und Handler tauchen auf : 
der typische Amerikaner hockt mit dem Notizbuch neben dem 
Kanadier, weissrdckige Juden, Eskimos auf Walschiffen, B&ren-. 
jSger, Kramer und Helden. Der Begriinder einer Weltfirma 
von heute fuhr im Anfang des Jahrhunderts mit einem Wagen 
durch die Vereinigten Staaten und tauschte Felle gegen Blech- 
waren. Biber und Otter waren die Ladung, fur die Konige den 
Entdeckern neuer Weltteile herzlicher dankten als ftirs patriotische 
Hissen der Flagge im neuen Gebiet, Englander standen in schwe- 
dischen Diensten, belgische, portugiesische Emigranten wurden 
Agenten industrieller Unternehmungen, bei denen die Flinte mehr 
gait als die Schreibmaschine, die Hudson-Bay-Company— der Mann, 
nach dem sie heisst, ging elend im arktischen Gebiet ausgesetzt, 
eingefroren zu Grunde — , diese imponierende Pelzorganisation, 
hat noch heute hundertdreissig feste Forts, richtige kriegerische 
Befestigungen, um jedes Jahr die dreiviertel Millionen Felle aller 
Arten und Moden importieren zu konnen. Und ihr Wahlspruch, 
wie der so und so vieler Manner, die diesem Leben, halb Jagdlust, 
halb Spekulation verfallen sind, heisst: pro pelle cutem — fiirsFell 
lass ich die Haut. Das H B C der Firma bekam aber die Deutung 
Here Before Christ, weil der englisch-amerikanische Gedanke 
des Imperialismus von dieser Pelzfirma so durchgehalten wurde, 
dass kein Winkel der Erde entdeckt werden konnte, ohne dass 
diese Herren sagten : Das ist unsere Domdne, hier waren wir 
schon friiher, schon vor dem Herm Jesus Christus. Kolonial- 
politik von Nomaden. 

Die Regelung von Schussrecht und Schonzeit, Zucht, das 
Bezahlen mit Schecks, die beruhmten Londoner Auktionen, wo 



Pelze 




,, lots'* (Lose, Partien) versteigert werden, das telegraphische 
Verkaufen, das heute fiblich ist, all das sind ja Dinge des 
spfiten 19. J ahrhunderts. Sogar im staatlichen Verkehr, auf 
der Post, tauschte man noch vor funfzig Jahren Felle, gegen 
Briefmarken sozusagen. Und die festen Tarife des 18. J ahr- 
hunderts sind ganz lustig : Ffir einen Biber gab man ein halb 
Pfund weisse, ein Viertelpfund farbige Glasperlen oder ein Pfund 
Zwirn. Ffir ein Paar Hosen bekam man drei Biber, aber man 
musste schon zwei Brillen, zwei Spiegel hergeben, um einen Biber 
zu kriegen. Das steht im gedruckten Tarif von 1733 ; 2863 ist 
eine Flinte zwanzig Biberfelle wert, ffir sechs Tonpfeifen bekommt 
man ein einziges. Alles zusammen aber zahlt man ffir Pelz 
soviel Pence wie man Pfunde bekommt, also mehr als das Drei- 
hundertfache. 

Durch Krieg oder Einfalt, Brutalit&t oder Weitsicht wurde 
man reich und vernichtete ganze Tierrassen. Die Seeotter ist 
vertilgt worden, das Chinchillafell musste so selten werden, dass 
von zehntausend „echten“, die in den Handel kamen, nur sechs- 
hundert ganz wirklich echt sind, bis man jetzt an Schonzeiten und 
Aufzucht denkt. Der Emir von Buchara, von wo die Teppiche und 
die Mfirchen kommen, ist jetzt einer der grossten Pelzzfichter der 
Welt. Er zfichtet die Persianer jacken. Aber weniger poetische 
Namen sind ffir den Pelzhandel bedeutend gewesen; die Ullmann, 
Markus, Oppenheim, die auf dem Brfihl in Leipzig bei der grossen 
Messe das grosseWort hatten. In Leipzig werden jetzt ffir zweihun- 
dert Millionen Mark Pelze gehandelt, vor f finf zig J ahren war der 
Umsatz sechs bis acht Millionen Taler. In Berlin sind an der 
Modeausarbeitung alljahrlich ffinftausend Menschen beteiligt, 
und vierzig Millionen Mark bringt dieser Betrieb ins Rollen. Die 
Gesamtziffer der Felle zu nennen, die jetzt gejagt, verarbeitet, ge- 
kauft werden, hat wenig Sinn. Vielleicht trostet’s aber jemanden, 
der keinen Blaufuchs hat, wenn man ihm versichert, dass unter 
den etwa siebenhunderttausend Fellen, die durch die eine Hudson- 
Bay-Company im Jahre 1910 auf die Londoner Auktionen kamen, 
nur siebzehn Blauffichse waren. Bisam Jaber allein, der schfibige 
Bisam natfirlich 542 000, an zwanzigtausend Hermelinfelle, drei- 
zehnhundert Skunks. Ueberhaupt, kaum hundert Lbwenfelle 
werden im Jahr erbeutet, was helfen mir da die tausend Eis- 

bfiren? . . . 

Seal, Seal aber ist der Ruf des Lebens. Seal jacken oder wenigstens 
Sealkragen zu falschem Sealfutter. Es ist die brave Birenrobbe der 
Inselndes Stillen Ozeans, die diese Prachthergibt. Seal ist Seehunds- 
fell. Und da so viele Damen und Herren von ihrem falschen Seal zu 
echtem die Sehnsucht wandern lassen, schenke ich dem schnurr- 



Pelze 



259 



bartigen, treuaugigen Tiere einige Worte, was billiger ist, als 
einer jungen Frau einen Sealmantel (Fasson ware Nebensache 
aber echter, echter Seal!) Und es wird mir leicht, weil die Pelz- 
seehunde ein amusantes Leben fiihren — bis man sie umbringt. 
Naturlich, wenn’s ihnen am besten geht. Sie wohnen zwischen 
Alaska und Kamtschatka im Wasser zwischen vulkanischen 
Klippen. Und wenn sie Liebe spuren, gibts Seal. Das geht so 
zu. Im Friihjahr erscheinen die Seehunde, die alten, dicken 
Herren, und man sucht gute Strandplatze. Im Juni kommen 
dann die Weiber (der Seehunde). Und die Bullen legen sich 
Harems an, unersattlich, polygam, unmoralisch, Mormonen ohne 
religioses Dogma oder Schamgefuhl. Kaum dass ein Mannchen 
sein Liebesgliick hat, sucht er ein neues, und die Seehundsdame, 
die er eben beseligt hat, wird ihm zu neuer ,,Erotik“ genommen. 
Dabei geht’s heftig zu. Zehn bis zwolf Weibchen — Menschen, 
fur die Phantasie eine Quantitatsfrage ist , sagen sogar 
hundert — nimmt der Don Juan Seal, weniger als drei oder 
vier hat kein ordentlicher Seehund. Nur wer noch nicht, oder 
nicht mehr beissen kann, liegt hoch oben auf der Klippe 
und sieht ins blutige Meer hinunter. Fabelhaft aber ist, wie 
rasch unsere Seals Kinder bekommen und neue amours beginnen 
konnen. So geht’s vom Juni bis September. Dann schwimmen die 
Mannchen von den Inseln weg. Familiengefuhl haben sie nicht, 
und nach einem Monat wandern auch Weibchen und junge Seals 
ins offene Meer, und alles verschlaft den Winter. So weit ware 
alles gut. Im Juli aber, wenn die Felle der Generationen schon 
werden, f&ngt die Jagd an. Keine erwiinschte Vorstellung fur 
Sentimentale. Aber die Jacken, die Mantel, die Muffesind schon. . . 

W. Fred. 





Der Druckknopf 




Der Druckknopf 

Seridser Dialog fiber einen scherzhaften Gegenstand 

Von ALFRED ALBIN 

Kommilitone und Kommilitonin. Das Kolleg ist zu Ende. 

S i e: Was Professor X uber Michelangelo sagte, war doch 
aussergewohnlich fein. Er ist wirklich ein gl&nzender Analytiker. 

E r: Ich bedaure sehr, so wenig gehort zu haben. 

Sie: Sie batten geschlafen! 

E r: Das nicht. Ich habe Uber die Frauenfrage nachgedacht. 

Sie: Frauenfrage . . . Michelangelo . . . dachten Sie an die. 
Frau in Michelangelos Leben? An Vittoria Colonna? 

Er: Offengestanden, nein. Es war viel allt&glicher. Ich 

habe diese Frage gleichsam von ihrer Ruckansicht geprUft. Vor 
mir sass eine Kollegin, an deren Bluse ein Druckknopf aufge- 
gangen war. Der dritte vom Kragen an gerechnet. An der Stelle 
klaffte die Bluse etwas auseinander. Man sah zwar nichts weiter. 
Ein Streifchen Weisses, bei dem man sich absolut nicht das ge- 
ringste denken konnte, war alles. Aber es regte mich zu ernst- 
haftem, sehr emsthaftem Nachdenken an. Professor X hatte 
gut reden uber den Stil Michelangelos. E r sah den Druckknopf 

nicht. 

* 

Sie: Sie faseln! Kann denn ein vemunftiger Mensch durch 
eine so l&cherliche Bagatelle zu „emsthaftem Denken 4 4 angeregt 
werden ? 

E r: Ihr Zweifel verpflichtet mich, nichts zu verheimlichen. . . 
Eben als Professor X von Donatello auf Michelangelo uberleitete, 
fiel mir ein, ob die Dame, welcher dieser unfolgsame Knopf 
zugehorte, sich wohl sehr fUr Michelangelo interessiere ? Jeden- 
falls aber wUrde ihr der Druckknopf von grbsserem Interesse 
sein, wenn sie wusste, dass er of fen steht. Es w£re auch unver- 
antwortlich von ihrl Die Gleichung Michelangelo = ein Druck- 
knopf will Ihnen l&cherlich vorkommen ? Sie ist aus dem Leben. 
Denn welches Ungeheuer von Weib musste es sein, das mit Be- 
wusstsein die ganze Aufmerksamkeit Michelangelo zuwenden 
konnte, w&hrend es einen Druckknopf im Rucken often weiss! 
Es muss also wohl Michelangelo fur eine Weile sorgenvolleren 
Gedanken Platz machen. . . 



26 1 



Der Druckknopf 



S i e: Sind Sie fertig ? 

E r: Ich babe eben erst angefangen. Leider scbien ndmlich 
niemand den widerspenstigen Knopf gewahr zu werden. Seine 
B^sitzerin am wenigsten. Naturlich. Aber eine Kollegin h&tte 
sich erbarmen kdnnen. Doch niemand half, und die Frauenfrage 
blieb offen. 

Sie: (stumm wtitend) 

Er: Ich wiirde yorschlagen, einen Verein zur Bekampfung 
heimtiickischer Druckkndpfe zu griinden. Dem Anschein nach 
bestebt schon ein solcher Verein, denn Ihre Kolleginnen treten 
nur paarweise auf. Aber er gibt sich leider nicht mit praktischen 
Dingen ab. Die Kommilitoninnen suchen Schutz, Hilfe vor den 
feindseligen Blicken der Kommilitonen. Warum so schiichtem ? 
Sie sind es doch der Theorie nach so wenigl 

S i e: Finden Sie es etwa nobel, wie Ihre Kollegen uns 

entgegekommen ? Wo ist die beriihmte Ritterlichkeit ? Man 
sagt, die Manner seien uns iiberlegen. Wer zeigt denn diese 
Ueberlegenheit tatsachlich — im Benehmen? Das Betragen 
der Kommilitonen gegen uns scheint mir ein geistiges Armuts- 
zeugnis. 

Er: Lesen Sie manchmal die Namen, welche in die Pulte 

eingeschnitten sind? 

Sie (wegwerfend) : Sie meinen die Hanna, Trude, Lotte, 

die da in Holz verewigt werden? 

Er: Welche tiefe Verehrung des Weibes! Kann Sie das 

nicht etwas milder stimmen? 

/Sie: Ist damit etwa der ostentative Hass Ihrer Kollegen 

gegen uns entschuldigt ? 

E r: Wie konnen Sie sich dariiber aufregen! Sie miissen sich 
doch sagen, dass nur diejenigen Sie feindselig ansehen, die von 
4 Ihnen eine reale Konkurrenz zu befiirchten haben. Also alle 
die, deren Arbeit Sie auch leisten kdnnen . . . 

Sie (unterbrechend) : Sie geben also zu, dass wir dieselbe 
Arbeit leisten kdnnen wie Sie! 

E r: Gewiss! Obgleich sich die Mehrzahl meiner Kommilitonen 
mit Handen und Fiissen dagegen str&uben wird. Aber die Frage 
des Druckknopfes ist damit noch nicht erledigt. 

Sie: Lassen Sie den Druckknopf in Ruhe. 

Er: Bemerken Sie nicht, dass ich das Betragen meiner 

Kommilitonen eben dadurch entschuldigt finde, dass sich eine 
exquisite Hoflichkeit dahinter verbirgt, die weit mehr ist als 
Ritterlichkeit: die Anerkennung Ihrer gleichwertigen Arbeits- 
kraft. Woriiber beklagen Sie sich also ? Solange Sie sich noch 
um das Benehmen Ihrer Kollegen bekummern, sind Sie nicht 



Hof- und Theaternachrichten 




J Kommilitonin genug. Konkurrentin sein und noch Rucksicht 
verlangen — das ist zuviel! 

S i e: Also gibt es nur zweierlei: hofllcb sein und uns unter- 
sch&tzen (ich danke fur diese Artigkeit ) , oder uns wie Kollegen, 
d. h. riicksichtslos behandeln . . ? 

E r: Entweder Sie wollen als Kommilitone oder Sie wollen 
als Weib betrachtet sein. Beides zugleich gibt es nicht. 

Sie: Demnach scheinen wir die M&nner immer noch zu 

hoch einzusch&tzen. . . 

Er: Es gibt doch noch eine Moglichkeit. . . Wer namlich 
Ihre Arbeit, des Druckknopfes wegen, nicht zu furchten hat, 
/ fur den sind Sie gar keine Kollegin, sondem das, was Sie im 
Grunde sind und immer waren. Er darf also auch artig sein. 
Gestatten Sie mir deshalb, dass ich Ihnen diesen unseligen 
Druckknopf endlich schliesse. 

Sie (erschrickt, behalt jedoch das letzte Wort): Die Frauen- 
frage schliessen Sie aber damit noch nicht! 



HOF- UND THEATERNACHRICHTEN 

Die Kaiserin und der Kaiser waren gestem im Koniglichen Schauspiel- 
haus. Man gab Hugo Lubliners kostliches Lustspiel „Die gldckliche Hand 11 . 

Auch der Kronprinz ist soweit wieder hergestellt, daB er am gleichen 
Abend das Theater besuchen konnte. Er sah sich im , , Kleinen Theater 1 ' 
Thomas kostliches Lustspiel „Lottchens Geburtstag 44 an. In Wien h&tte 
der Kronprinz diesen GenuB sogar „zu Hause 44 haben kSnnen. Dort wird 
— Herr von Berger ist eben ein aufrechter Mann — die Hebammen- 
geschichte Thomas im k.k. Hofbuigtheater gegeben. Allerdings eine kleine 
Konzession muBte der freimfltige Thoma den Komtessen des Wiener Hof- 
theaters machen: Eine Hebamme darf auf dieser Biihne weder wandeln 
noch auch nur genannt werden. Die Komtessen glauben an den Storch . 
In Wien ist die weise Frau also eine Elevin der gynSkologischen Klinik. 
Unter diesem Titel darf sezuell aufgekl&rt werden, und Thoma ist des 
Lebens froh. Er hat’s besser als der Dichter, dem ein frBherer Burg- 
theaterdirektor das Stuck ablehnte, weil es dieses Jahr schon ein uneheliches 
Kind im Repertoire gegeben habe, und mehr wie eins ertrage das Sittlich- 
keitsbudget nicht. 

Im „Lokalanzeiger“ (oder war’s die „B. Z. 4< ?) aber lasen wir und 
konnten dann ruhig schlafen, daB die Amme des neugeborenen Kron- 
prinzenkindchens zwar eine Spreew&lderin sei, aber eine verheiratete 
Frau. Ja, kSnnen denn fiber haupt unverehelichte Spreew&lderinnen sich 
diesem Berufe weihen? 



i 



Wahlversammlung 





WAH LVERSAMMLU N G 

Berlin SO. Eng an den weitgespannten Bogen der Hochbahn. Ein 
Schimmer vom Lichte der Zttge ffillt noch in die nhchteme Gasse. Auf der 
einen Seite das weiss-schwarze Riesenplakat eines Kientopps „Der Liebe 
sfindhafte Gewalt"; auf der anderen der „M&rkische Hof". Ruhe draussen, 
StUle bis an die Schwelle des weiss-goldenen Saales, wo der sozialdemo- 
kratische Kandidat seine letzte Rede vor dem Wahltag hfilt, die letzten 
Flugbl&tter und Weisungen ausgegeben werden. Das Lokal ist voll, 
m&uschenstill horchen junge und alte Manner, bleiche Madchen und weiss- 
haarige Frauen dem wissenschaftlichen Anschauungsunterricht, der hier 
als wirksamste Agitation gegeben wird. Nur Toren, Weltfremde erwarten, 
dass eine ber liner sozialdemokratische Wahlversammlung ein Spektakel- 
stfick sei, das Publikum „interessant“. Der eine hat einen Kragen urn, 
der andere nicht. Die Biergliser stehen halbvoll da, die Kellner gehen 
ruhiger als sonst zwischen denTischen herum, auf die Spiegel, die eine Wand 
des Saales, wo sonst getanzt wird, Vereine sich vergnhgen, schmucken, 
hat der Rauch der Zigarren einen Nebel geworfen, und in der kleinen 
Nische, die sonst BQhne ist, steht ein rot gedeCkter Tisch, darauf 
Selterwasser ; der erste Redner erz&hlt, was alle schon wissen. Er pr&gt 
ihnen ein, was sie in dieser Woche wiederholen so lien , und sie horen zu 
mit der Unbewegtheit der schon vorher Ueberzeugten. Keine Auf- 
regung. Ernst, Ordnung. Einer rothaarigen, wohl fanatischeren Zu- 
hdrerin ist, was der Redner von der Volkskrankheit des Hungers sagt, 
von Verelendung, vom Schutzzoll, der auf jedes Laib Brot so und so viel 
Pfennige legt, zu zahm. Sie trommelt nervos mit den Fingem, aber hilt 
Disziplin; es ist ja 1912 — das Jahr der Taktik. Man denkt an die 
Zeiten, wo jede sozialistischen Rede ErschQtterung, revolutionize 

Wut, utopistische Tr&ume brachte „Wir versprechen kein Schla- 

raffenland" sagt der Referent. Ein anderes System, unser Bestimmungs- 
recht, billige, gute Nahrtmg, Wohnung . . . Und so weiter. Statistik. An- 
schauungsunterricht . . Durchschnittserwerb. . . Durchschnittsverbrauch. 
Zwei Mark 45 sind zu wenig ftkr eine FamiUe, die Wissenschaft sagt . . . 
Einzig und allein die Kandidaten der Sozialdemokratie aber werden . . . 
Kaum, dass ein paarmal die Stimme des Mannes laut wird, heftig nie. Und 
wenn er billige Witze macht, Ucheln die Leute nur hoflich, wie wir’s in 
Gesellschaft aus Anstand tun. Etikette der Parteidisziplin. Die fdhlt 
man in jeder Sekunde, jedem Worte, jeder Bewegimg. Der zweite Redner 
des Abends kommt, der Kandidat des Wahlkreises. Noch ein paarmal sagt 
der Referent „Einzig und allein" . . . Dann kommt der Mann zu Wort, 
den die Partei diesen Arbeitern, Kleinkaufleuten, Gewerkschaftlern be- 
stimmt hat, fttr den sie agitieren, w&hlen, hoffen werden. Nicht weil’s 
Der ist, sondera weil er der Mann ihrer Forderungen, ihrer Erwartungen, 
ihr Major ist. Kein Berliner, auch keine Parteiberhhmtheit. Ein Real- 
politiker des Sozialismus. Schkrfer, klflger, fiir die Fortgeschrittenen sozu- 
sagen spricht nun der Kandidat Sein Ton ist hdrter, seine Art gelenkiger. 
Rednerwirkung sucht er nicht Die Wirkung, die er will, ist ihm gewiss : 
Organisationsarbeit, eindringliche Agitation in alien Kreisen, zu denen 
der braune Bursch da, der weissb&rtige Greis dort, die st&mmige alte Frau 
mit der Brille, der hartblickende Mann ganz vom, der keinen Blick vom 




26 a 



h 



Edith 




Sprecher ISsst, irgend Beziehung hat. Wiederum Tatsachen, Anschauungs-, 
Elementarunterricht der Politik. Ruhe, Ordnung, Sachlichkeit. Elne 
klilgere Variation des Themas : „Einzig und allein die Kandidaten der 
Sozialdemokratie sind, werden, haben . . Gegner, die sich zum Wort 
melden ? Zweifler, die iiberzeugt werden mQssen ? Es gibt keine. Die 
Leute im weiss-goldenen Saale, wo neben der Rednertribfkne das Plakat 
des Wirtes hfingt : „Achtung . . . Achtung . . . Der Apachentanz, sowie 
Shnliche . . . dem Anstandsgeffihl widersprechende . . . verboten' ‘ , wissen, 
was sie zu wollen haben. Wissen, was sie zu denken haben. Wissen, was 
sie zu tun haben. Nur eine kleine Ueberraschung, die in der Versatnmlung 
Qbrigens kaum ein Genosse merkt. Der Krieg wird nicht mehr wie einstens 
ironisiert. ,,Wenn es sein mufi, wird das Volksheer ... die Brfkste den 
Feinden . . .“ Der Ton ist 1912. Wahl politik? Natfirlich, aber auch 
Ausdruck, Symptom derselben Stunmung, die im Kinematographentheater 
den Manoverfilms, im Deutschen Theater einem OffizierstQck Rfihrung 
sichert . . . Das ist doch sonderbar . . . Halb zwolf. Das Hoch auf die 
Partei. Stark, sicher, aber ohne Uebertreibung. Die Leute gehen ruhig fort 
Oder holen sich noch Anordn ungen fhr den Kampf, das V orpostenge fecht , 
wie der Kandidat den xs. Januar in absichtlicher, fast ironischer M&ssigung 
genannt hat. Pathos . . . nein; keiner zweifelt ja, dass einzig und allein die 
Kandidaten der Sozialdemokratie . . . 



EDITH 

Es gibt unter anderen guten Dingen einen „Reichsverband gegen die 
Sozialdemokratie". Sein Progranun ist „Aufkl&rungsarbeit". Seine 
T&tigkeit Schnorrerei. Und zwar recht eintragliche. Herr Harmsen, 
Herr Geyer neben anderen Herren , ,von‘ ‘ verschaffen sich Empfehlungs- 
schreiben von geheimen Kommerzienr&ten und anderen opferwilligen 
Menschen, dann kriegen sie Geld von Industriellen und das, na das ver- 
brauchen sie eben fidel und sinngem&ss. Edith ist aber ihre Muse. Edith? 
man denke nicht etwa an ein spiritistisches Medium ; der Name trfigt. Sie 
ist Lieblicheres, die ,, Bekanntschaft" eines der Herren von dieser hoch- 
politischen Zentrale. Man erffihrt das aus einem Pack Briefe, den der 
„Vorwarts‘‘ veroffentlicht hat, und in dem Herr Harmsen Herrn Geyer 
gelegentlich seine Edith vorwirft. Ein undankbarer Mann, dieser Be- 
k&mpfer der Sozialdemokratie. Im schonen Monat Mai schreibt er 
noch in lustreicher Erinnerung: „Ich war bei unserer T rennung ganz voll 

Ist E. bei Ihnen ? Herz lichen Grass an Sie und Edith." Und als 

der Mai zum Juli wird — noch sind nicht eixunal die kalten Winter- 
stfirme da — wirft er dem Geyer schon vor, ,,dass er seine Bekanntschaft 
fiberall mitnimmt". Ja, wo soil denn die herzlich gegrusste Edith 
bleiben? Und ausserdem, Geyer hat ihm doch versichert, „dass seine 
Bekanntschaft ffir sich selbst sorgt" (Nicht jeder kann das von seiner. . . .) 
Aber nicht genug, dass Harmsen nicht nett mit Edith ist, auch Geyer 
lfisst sie gelegentlich festsitzen; weil die niederrheinischen Industriellen 
nicht pUnktlich zahlen, wahrscheinlich. Das ist, bekennt Fritz Geyer 
aufrichtig, zwar „von ihm nicht anders erwartet worden . . Die Sache ist 



1 



4 

i 



► 



Was man alles schreiben darf 265 




mir haupts&chlich Deinetwegen peinlich* ‘ . Trotzdem, er hat wahrlich 
Grand, Harmsen Vorwtirfe zu machen. Ohne Vorschfisse bek&mpft man 
eben die Sozialdemokratie nicht. Und wer’s nicht dazu hat, Geyer in 
Politik reisen zu lassen, wer ihn habgierigen Oberkellnem ausliefert, 
„dass er sich vor Angst nicht mehr ruhren kann“, dass Harmsen schreiben 
muss „und kann ich Ihnen nur mit denselben Worten antworten" — der 
soil eben den Landr&ten keine Konkurrenz machen. Ganz abscheulich 
muss ich es aber finden, wenn Harmsen es „eine grosse Ktihnheit, die 
Ihnen jedoch eignet“ nennt, dass Fritz in 14 Tagen 200 Mark kleinkriegt. 
Zwei blaue Lappen. Mit der herzlich gegrilssten Edith und der Trennung, 
nach der Harmsen ganz voll ist . . . Diese Staatsm&uier sind doch welt- 
fremd. Man begreilt, dass Geyem die Sache schliesslich zu dumm wurde, 
und er seiner Edith einen Brief an die Staatsanwaltschaft gegen Harmsen 
und den Reichsverband zur beliebigen Verwendung gab. Besonders ffir 
den Fall, dass er verhaftet warden sollte; Gott, man muss in dieser Welt 
mit alien Moglichkeiten rechnen, und jedem kann ein Ziegelstein auf den 
Kopf fallen ; fernerhin kann auch der Beste nicht in Frieden (und mit 
Edith) leben, wenn es dem bSsen Nachbam nicht . . . usw. Zum guten 
Ende aber: die Entrdstung des „Vorwfirts 4< kann ich nun einmal nicht 
teilen. Wenn von 1705 Mark, die Stahlindustrie, Eisenbau, Henkels 
und andere fOr die Zentrale hergeben, Geyer und Edith nur 510 ver- 
brauchen, so ist mir das viel zu wenig! 



WAS MAN ALLES SCHREIBEN UND DRUCKEN 
LASSEN DARF 



Zwei liebwerte und sympathische Kollegen von der Presse hatten fiber 
eine Sache verschiedene Meinungen. Der Herr von der „Post 44 (ja» 
gibt’s) wollte, dass Deutschland Sfidwestmarokko bekommt, und der Herr 
▼on den „Grenzboten 44 (ja, die gibt’s wohl auch) glaubte 9 wir konnten auch 
so leben. Das drfickte der Politiker der einen Seite so aus: „die ,, Post 4 4 
und dazu noch die , ^Rheinisch- Westf&lischeZeitung^ 4 und die , ,TaglicheRund- 
schau 4 seien ^Mannesmannspresse 44 , ffihren die offentliche Meinung irre, 
und man werde die F&den, die von den Gebrfidem Mannesmann zu diesen 
Journalist en ffihren, aufdecken 44 ; der von der anderen so : dies sei „nieder- 
tr&chtige Verleumdung 4 4 , M Charakterlosigkeit 4 4 , „Niedertr&chtigkeit“ und 
anderes mehr. Und da der Herr Redakteur Miiller von der „Post 44 seine 
Weisheit aus einem Telephongesprdch eines Kollegen mit einem Legations- 
rat im Kolonialamt hatte (ich sage immer: Man soli nicht telephonieren) , 
Herr Cleinow von den „Grenzboten 4< diese Inanspruchnahme des kaiser- 
lichen Femsprechamtes nicht fur ausreichenden Grand zu der immerhin 
ein wenig heftigen Kritik hielt, die in den Worten „Niedertr&chtigkeit, 
Verleumdung, Charakter losigkeit 4 4 liegt, wurde geklagt. Aber der Frei- 
spruch des Schdf f engerichts Berlin-Mitte gibt uns die erf reuliche Gewiss- 
heit : Derlei darf man nicht nur am Caf6haustisch Oder so unter Mit- 
gliedem eines standesbewussten Presseverbandes sagen ; man darf ’s 
schreiben, drucken lassen. Denn der § 193 billigt bei solchem Tun dem 



266 



Was man alles schreiben darf 



Herrn den „Schutz berechtigter Interessen" zu. Dieser § 193 istzuschon. 
Und je mehr Leute freigesprochen werden, desto besser. Nur ein leiser, 
banger Zweifel: Wird der Paragraph auch in Anwendung gebracht, „stets 
und unentwegt", wenn der angeklagte Redakteur Sozialdemokrat, der 
Klager preussischer Schutzmann ist ? Diirfen auch Dichter in Wahrung 
berechtigter Interessen — ihnen sind’s kflnstlerische — so pragnant und 
pointiert sich ausdrucken ? Und wie war’s mit den angeblichen Mein- 
eiden der Essener Bergarbeiter ? Hatte man nicht auch fur Die, selbst 
wenn sie, an Leib und Seele bedrangt, unter dem Druck des Eides Worte 
gesagt hatten, die nicht sogenannte „Wahrheit“ gewesen waren, lieber 
die „berechtigten Interessen" gelten lassen sollen als sie zu rund 19 Jahren 
Zuchthaus verurteilen ? F. 



Wir bitten, Mitteilungen und Beitrage nur: 

An die Redaktion, Berlin W. 10, Victoriastrasse 5, zu adressieren. 
Bei umfangreicheren Zusendungen ist ▼orherige Anfrage notwendig. 
Sprechstunde: An Werktagen, mit Ausnahme des Montags, 1 — 3 Uhr, 
Berlin W., Victoriastrasse 5. 



Verantwortlich fur die Redaktion : Albert Damm, Berlin- Wilmersdorf. 
Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. 







Verlaine 





Verlaine 

Von HERBERT EULENBERG 

Dies Kid von ihm sei dem, der ihn am 
mdsten uns Deutschen vermittelt hat, 
Stefan Zweig, zugeeignet. 

„Vieles hab’ ich von Dichtem geschaut und erlebt“, pflegt der 
Neckar wohl bei seiner Verm&hlung mit dem Rhein zu erz&hlen : 
„Den jungen Schiller sah ich an meinen Ufem herumspazieren 
und seine gefiihltesten Verse in meine eilenden Fluten hinein- 
phantasieren. Und Schubart, der in jedem Gedicht einen 
Tyrannen abschlachtete, schrie • und schwabelte mir oft seine 
Lieder vor, eh' er sie niederkratzte. Und Hdkierlin lallte an meinen 
Gestaden seine zerbrochene Seele aus. Und Lenau fischte, mir 
nachschauend, faustische Gedanken aus meinen Wassern. Aber 
niemals hab' ich Seltsameres und Verkehrteres miterlebt, als jenes 
unheilvolle Paar, das an einem Februarabend des J ahres 1875 
nach der menschlichen Zeitrechnung an meinen Ufem bei 
Cannstadt voriibertrottete. Der eine war ein kraftig wie ein 
Ringk&mpfer aufgebauter sehniger junger Schlacks von kaum 
zwanzig Jahren. Er trug einen dicken braunen Bambusstock in 
der Hand, und ebenso frechund frei ein wildes verderbtes und 
verlebtes Kindergesicht auf dem Hals. Er hiefi Arthur 
Rimbaud und hauste seit ein paar Monaten als franzdsischer 
Sprachlehrer in Stuttgart fur die Sohne eines dortigen Arztes, der 
nicht die geringste Ahnung davon hatte, welch eine bunte Gift- 
schlange er in diesem sich harmlos und gef&llig gebenden jungen 
Franzosen beherbergte. Der andere, der zehn Jahre alter war, 
aber wie ein Greis an seinem Knotenstock neben diesem gross* 
artigen Gassen jungen einhertrippelte, hatte den Schlapphut von 
seinem michtigen Sch&del gezogen, der von vier Flaschen 
Kognak gliihte, die sie beide zusammen nach einem stunden- 
langen Weingelage noch auf ihren Magen und ihren Geist ge- 
gossen hatten. Der warme Tauwind spielte mit den paar Locken, 



Die bekannteste Ausgabe Verlaines stammt von Francois Coppie. 
Eine sehr gute Auswahl der Lieder Verlaines, die wohl kaum jemals 
recht Qbersetzt werden konnen, hat im franz&sischen Urtext jdngst 
der Verlag Ernst Ro wohl t inLeipzig in einem wunderschdnen 
Drugplindruck hesorgt. 



268 



Verlaine 



NWHfP 



die noch an seinen Schlafen und seinem Nacken wie die letzten 
Blatter an einem welken Baume hingen und kiihlte liebkosend 
eine der hochsten Stimen, die je der Weltgeist unter Mens hen 
aufgeturmt hatte. 

Es war Paul Verlaine, der fluchbeladene Dichter, der 
im Zeichen Saturns, des fahlen ungliicklichen Gestirns geborene 
Sdnger des Mondes, der Wollust und der Wc hmut. Wahrend sein 
wilder grosser grober Kamerad oft auf den Boden schaut und die 
Wege wahlt, die sie ablaufen, starrt er mit seinen kleinen unendlich 
traurigen Augen, die immer tiefer in den Schadel gerutscht sind, 
je m&chtiger die Stirne sich gewolbt hat, unfest und schwankend 
in die Luft vor sich, fast wie ein Blinder, der sich vertrauensvoll 
yon einem geriebenen Kerl durchs Leben ftihren lasst. Sie 
redeten in einem ganz ungewohnlichen Franzosisch heftig auf 
einander los. Sie schienen sich jene zarte geschliffene Sprache 
wie Kannibalen, die sie erlernt haben, plump und ungefugt zu- 
recht gelegt zu haben. Vielleicht taten sie es, um dieser alten, 
abgerittenen und allzu dressierten Sprache neue Reize beizu- 
bringen. Vielleicht verriet sich darin nur ihre gemeinsame 
Herkunft a us den schwerfalligen ostlichen und fast noch 
deutschen Provinzen Frankreichs. Denn der eine, Rimbaud, war 
in Charleville bei Sedan, ein paar Stunden yon der belgischen 
Grenze geboren. Und Verlaine stammte aus Metz, der nun ver* 
lorenen Stadt, in der jetzt die Kinder Deutsch lemen mussten und 
mit Lessing statt mit Lafontaine aufwuchsen. Folgendermassen 
aber war die letzte kauderwelsche Unterredung der beiden 
modernen franzosischen Poeten, die sie am stillen Ufer des 
schwabisch sprechenden Neckars miteinander fiihrten : 

„So hore doch zu !“ hub Verlaine an : ,,Wir wollen uns in 
Jesus Christus wieder lie ben 1 Wie die Kinder wollen wir vor ihm 
werden , die er so sehr geliebt hat ! Hand in Hand lass uns wieder 
durch die Lander ziehen und ihn und seine Giite und Liebe 
preisen I Wie seine Werber wollen wir ihm Seelen in den grossen 
St&dten sammeln. Wie einWaffenruf zu denhimmlischen Schlacht- 
feldem, wo blaue und bleiche Engel auf Schildern getragen 
werden, sollen unsre Lieder gleich den zerrissenen Klangen einer 
Zinke aus uns stromen. Und Gott wird uns segnen mit dem Oel 
und dem Feuer, mit dem er die Propheten und die Apostel erfiillt 
hat, und wir werden die Wonne der Auserwahlten geniessen ! . 
O, er ist mir oft erschienen in meiner kahlen engen Stube in dem 
belgischen Gefangnis zu Mons, in dem ich zwei Jahre wie ein 
Gistercienser nudus et pauper in der Zelle gelebt habe ! Von dem 
kleinen Kruzifix an der Wand, vor dem ich schluchzend auf 

meinen eklen Knien herumkroch und dchzte, stieg er dannherab, 

* 



4 





Verlaine 



% 




W 



P 



gan z gross. Er zdg seine blutenden H&nde seufzend aus den 
N<Lgeln und legte sie mir sanft auf die Schultern 

„Hor auf, Loyola !** schrie nun Rimbaud dazwischen, wie 
er schon oft in die frommen Worte h&sslich hineingelacht hatte : 
,Lass Dich wieder einsperren, armer Lilian 1 Du gehorst nicht- in 
die heutige vemiinftige Welt hinein. Schiess noch ein paar Mai auf 
mich wie damals in Briissel, auf dass ich dich wieder auf zwei 
weitere Jahre der Polizei und dem Gefdngnis anvertrauen kann. 
Nur meine Hand darfst du mir nicht mehr verletzen, du Schuft ! 
Verstanden I Ich habe sie zum Arbeiten no tig, musst du wissen, 
nicht mehr zum Schreiben. Es ist genug in der Welt geschrieben 
worden. Viel zu viel jedenfalls. Die Taten sind dariiber aus- 
gestorben. Kein Grashalm und kein Stern wachst mehr, der nicht 
schon bedichtet worden ist. Auch du hast deinen Teil genug ge- 
schmiert. Zwei bis drei Dutzend guter Gedichte, mehr kriegt 
das grosste Genie nicht fertig, und wenn es so alt wie dieser zahn- 
lose Goethe wiirde. Und du spuckst tdglich deine fiinfzig Riime 
aus. H6r auf zu dichten, Verlaine, eh’ es nicht mit dir aufhdrt und 
du Verse fur den Figaro zu Ehren eines toten PrSsidenten oder 
zu einer jiidischen Hochzeit oder zur Eroffnung einer neuen 
Eisenbahnlinie oder eines literarischen — ohl lala! — Kabaretts 
heiausquetschen musst 1“ 

„We“den die Heiligen mude, den Gekreuzigten zu singen 
und seine Wunden und Wunder zu preisen in alle Ewigkeit ?“ 
fing der andere wieder an : „Hat die Seligkeit des Gottanschauens 
ein Ende, ist nicht alles vor ihm weiland und jilngst, ,jadis et 
nagiAeV* wiederholte er trdumend: „Lass dich von ihm segnen, 
du mein unseliger J iinger I Entwinde dich ihm nicht 1 Er ist 
stdrker als selbst du. Gib dich ihm hin, wie du bist, und lerne die 
Wonnen der Reue fiihlen 1 Er wird dir die Spuren deines friiheren 
Lebens von der Stirne wischen und den Angstschweiss, der hinter 
der Wollust kommt. O welche Susse liegt darin, unser laster- 
haftes Haupt in den Schoss der Mutter Maria zu bergen und 
ihr all unsem Unrat zu beichten ! Auch du wirst dies erfahren 
friiher oder spate r, wenn du Tag und Nacht weinen wirst wie ich 
dort im Gef&ngnis, Tag und Nacht, hdrst du, unaufhdrlich, ur d 
in heissen Tranen alien Schmutz von deiner Seele schwemmst !“ 

„Schluss I Schluss ! Halt’s Maul 1" unterbrach ihn Rimbaud 
wieder wiitend, „mit deinem Qudckergeschwatz, das du dir hinter 
den schwedischen Gardinen angewdhnt hast 1 Lass mich zufrieden 
damit 1 Ich tauge nicht zum Wanderprediger. Du langweilst mich 
mit deinen methodistischen Reden. Pouah 1 Mir wird iibel davon ! - 
Die Mutter Maria, das ist etwas fur Kleinkinderbewahranstalten 
und ftir Kommunikanten oder fiir Bauer ngebetbiicher. Und 



270 



Verlaine 



Christus, dieser ewige Energiendieb, passt in unser Jahrhundert 
noch schlechter als in aile vergangenen 1 Als ob du lange froxnm 
bleiben kdnntest, du brunstiger Bankels&nger du ! Ich wette, 
zwei Kilometer vor Paris f&ngst du wieder an zu schweinigeln. 
Ich kenne uns doch, du brauchst nicht mit mir wie rait deinem 
katholischen Verleger umzuspringen, du Reinecke Fuchs. Wir 
haben doch fast zwei Jahre zusammen Vagabunden gespielt, 
ehe du Jesuit wurdest und im Zuchthaus deine ersten Weihen 
empfingst.“ 

,, Welch eine Zeit 1“ begann Verlaine zu phantasieren. , , Weisst 
du noch, wie wir zuerst aus dem burger lichen K&fig ausbrachen ? 
Ich hatte lange genug den zahmen Mann im Zoologischen Garten 
des Pariser l'Hotel de ville gespielt und den langweiligen Ehe- 
und Ehrenmann. Und wie wir in Arras zuerst Station machten 
und das ganze Bahnhofsbiifett wie einen Hiihnerstall in Ver- 
wimmg brachten mit unsern Geschichten von Wechsel- 
falschungen, Einbruchsdiebstahlen, verfiihrten Jungfraueil, 
patentierten Dietrichen, nachgemachten Banknoten, Gefangnis- 
meutereien und abgeschlachteten alten Tanten. Bis schliesslich 
zwei Gensdarme kamen und uns aus dem vor Angst zitternden 
Menschenkn&uel, dem die Bouillon vor Entsetzen im Halse kleben 
blieb, auf das Rathaus fiihrten. Und dann das Verhor dort, 
als du zum Schein schluchztest und schriest wie ein Schwein, das 
abgestochen werden soil, und ich wie Coquelin und Talma zu- 
sammen deklamierte : ,,Citoyens ! Nous sommes innocents. 
Nous prrotestons contrrre ce trrrraitement affrrrrreux !" und 
nun die r wie in der Theaterschule rollen liess. Fichtre 1 Welche 
Lust, ein Gassenjunge zu sein 1 Und wie wir dann weiterzogen 
durch Belgien zu Fuss wie zwei Stromer, an Charleroi wie am 
Inferno vorbei, weisst du noch : 

„ Sites brutaux I 
Oh 1 votre haleine, 

Sueur humaine, 

Cris des m6taux.“ 

Und dann nach Brussel und nach London, wo wir den karierten. 
Kaffern und den blonden Madchen, die wie die Engel und „les 
ingdnus^ herumlaufen, Sprachstunden gaben und dazwischen 
uns wie Taschenspieler unsere Unanstandigkeiten im Montmartre- 
dialekt zu war fen, von denen sie keine Ahnung hatten.“ 

Aber Rimbaud schien selbst in Gedanken keine Lust mehr zu 
haben, diese oder eine ahnliche Zeit nochmals wieder durch- 
zuleben. „Du h&ttest daheim bleiben sollen, Paul Maria Verlaine 1“ 
sagte er so ernst, als er iiberhaupt sein konnte, „bei deinem Stadt- 



f 





Verlaine 



271 




pbstchen, deinen griinen Akten, deiner kleinen Rente, deiner ewig 
schwarz gekleideten Mama, die noch im Todesstiindchen fiir dich 
beten wird, und bei deiner sauer gewordenen abgestandenen Fran 
nnd deinem kleinen Georg mit den bedreckten Windeln ! ,Ich 
bin dein boser Genius geworden*, wie der langweilige Leconte 
de Lisle singen wiirde, als ich in die geordneten Regale deines 
braven Lebens einbrach und deine ganzen guten Papiere durch- 
einander schmiss. Du h&ttest ein Beamter bleiben sollen, du 
Offizierssohnchen, wie dieser Pedant Mallarm 4 . Die Be- 
schranktheit dafur war’ dir mit den Jahren gekommen. Du 
hast eine Kette ndtig, du alter Koter. Und je kiirzer, je besser fiir 

dich. 

Es war ein dummer Jungenstreich von mir, dich loszubinden 
und in die Freiheit mitzunehmen und dich durch Spelunken und 
durch die ,Halbwelt*, wie dieser blode Biirger Dumas sie genannt 
hat, die viel mehr ist als die Welt der Ganzen, mit mir zu schleppen, 
bis deine ererbten 30 000 Francs beim Teufel waren.“ 

„Wie eine wahnsinnige tolle Jungfrau bin ich dir gefolgt, du 
mein hdllischer Br&utigam!" achzte Verlaine, ,, gefolgt, weil ich 
musste, weil deine wundersamen kindlichen Zirtlichkeiten mich 
verfuhrt hatten, weil ich dir unterworfen bin, du Scheusal. 
Was verstehst du von der Liebe, Arthur ? Du weisst viel- 
leicht ntir, dass die Liebe wieder erfunden werden muss. Aber 
das wissen alle heute, die noch einen Funken Blut in sich haben. 
Ich babe deine Seele gesucht und gesucht, wie der Herr die des 
Nikodemus suchte, bei Tag und in den N&chten, wenn ich neben 
deinem teuren Korper wachte. Aber ich habe sie nicht gefunden, 
wie oft ich dir auch sagte : „Ich verstehe dich ganz.“ Vielleicht 
hast du gar keine Seele, vielleicht bist du nur eine leere Halle, 
durch die Gespenster und violette Nebel und Meerungetume und 
Bilder und bunte Masken ziehen, darunter auch meine arme ver- 
stossene auss&tzige Seele irrt !“ Es sah so aus, als ob Verlaine sich 
auf den breitschulterigen Riesenlummel stiirzen wollte, so wild 
und neurasthenisch funkelten seine kleinen blutunterlaufenen 
Augen, so rasend flog sein Atem und der vom Alkohol heisse 
Hauch seines Mundes in der Nacht hin und her. Rimbaud zuckte, 
seiner nicht achtend, vor Lachen : 

„ Welch drollige Wirtschaft zu zweien wir da fiihrten!" 
grinste er, „kreuz und quer durch den code pdnal, der wie eine 
Hecke alle interessanten Dinge auf der Welt aussperren mochte. 
Aber ich hab’ es satt, dies Herumstrolchen durch die Zivili- 
sation und dies stumpfsinnige den Biirger-Verbluffen, an dem, 
du alter Narr, dich noch bis iiber deine Glatze zu amiisieren 
scheinst. Ich speie auf solche Kindereien. Pouah, ich kann dir 



w 



373 Verlaine 

- J- i 

L I 



nicht sagen, wie das micfa anekelt, die Leute zu verhohnen, 
denen ich ihr Geld abnehme." 

l 

„Was willst du denn anders anfangen, heh!" versuchte 
Verlaine ihn zu fopper. „Was hast du denn anders gelemt ausser 
Verse zu machen, schone, kostliche, goldene Verse/' fuhr er 
fort und machte ein emstes Gesicht dabei wie ein alter Wein- 
,kenner, der an einem vollen Glase riecht: „Unverg&ngliche 
Verse, mildsaurig wie Aepfel, herb duftend wie der Abendtau 
im September, du Kind Shakespeare!" 

„Genug! Genug!" schrie Rimbaud ihn an: ,,Ich pfeife auf 
Eure ganze Literalur, wennich nicht noch etwas anderes darauf 
tue. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke, dass ich 
wieder stundenlang mit dir iiber die ganze versunkene und ver- 
stunkene Kunst schwatzen sollte: Ueber den Hiatus, iiber den 

Reim, fiber die freien Rhythmen, fiber die Cfisur, fiber den Blank* 

► » 

vers, fiber die Alexandriner, fiber die Betonung, fiber den Klang- 
fall der Prosa, und all das stumpfsinnige zwecklose Zeug, fiber 
das du bis drei Uhr morgens deinen Bockmist tagaus tagein zu- 
sammenreden kannst. Ich danke daffir, die paar Jahre Leben 
an solchen verstaubten Krempel zu h&ngen. Ich bin mir zu 
schade, mir mein Dasein noch weiter zu versauen, indem ich 
es unter die Lupe nehme und ein Poesiealbum daraus mache. 
Ihr sollt keinen einzigen Vers mehr von mir zu Gesicht bekommen. 
Eher will ich mich kastrieren hochst eigenhandig mit meinem 
alten Taschenmesser, eh’ ich noch einen Reim zusammen- 
kleistere." 

„Was willst du denn anders anfangen, heh du!" hohnte 
Verlaine von neuem, und es klang wie ein Echo, das Rimbauds 
geniale Jugendzeit fragend aufwarf. 

„Gold will ich machen, statt albemer, lficherlicher und wider* 
licher Gedichte!" war die scharfe Antwort, die er den beiden 
zurfickgab. ,, Unsere Zeit braucht Arbeiter und keine Dichter. 
Ein Nabob will ich werden, irgendwo da draussen. Mit brauner 
Haut und mit eisemen Knochen will ich heimkehren. Und man 
soil sagen: „Was fur eine starke Rasse hat dieser Kerll", nicht 
hinter mir dreinschimpfen wie bei dir, schwaches Paulcheh: 
„0 diese verderbte, absterbende lateinische Bande! Sie hat 
Gift und Gummi statt Blut in den Adera." Mir graut vor der 
Mauer, die Europa umschnurt. Ich will unter Wilden und Kindem 
leben, statt unter Euch ekelhaften geilen Greisen. Schwarz 
Weiber will ich haben, die noch so dumm sind und so schon 
wie die Here. Ich kann Eure Kokotten nicht mehr riechen, mir 
wird fibel dabei. Pouah! Ich stfirze mich in die Nacht Afrikas 

hinein. Ich habe Euch leid imd Eure vermaledeite Zivilisation, 

, * ■■ r 



*73 



Verlaine 



die Euch zu Zahlen macht und Europa zum Warenhaus. Aber 
ich will wiederkommen reicher als Cortez und Warren Hastings. 
Eure Frauen sollen mich umdrangen wie den Schah von Persien, 
und ich werde sie emiedrigen und besudeln und beherrschen mit 
meine m Geld. Ich danke dafur, mich mit billigen Dirnen herum- 
zuschlagen wie du, und mich mit ein paar gemeinen Versen 
hinterdrein um die Bezahlung zu driicken." 

. Der fast voile Mond war iiber ihrem Gerede h inter den Bergen 
hervorgekommen. Er sog die diinnen Nebel von deni Neckar 

* -r __ 

auf und glanzte golden auf den Wassern. Eine kurze Pause dehnte 

sich zwischen ihr Geschrei. Die Schonheit der Nacht schien 

+ 

endlich wieder den Dichter in ihnen tonen zu machen wie der 
Strahl der Sonne die Memnonss&ule in der Wiiste. 

„Sieh, wie der Mond Charpie zupft!“ lachte Rimbaud und 
stiess den tr&umenden Freund in die Seite: „Schau dir die Natur 
an, du Trottel!“ 

Verlaine wachte auf, aber nur um sich fester an den meutemden 
Genossen seiner letzten Jahre zu klammern: „Bleib bei mir!‘* 
bat er, ,,du mein Auge, mein Geruch, meine Sinne! Ich will 
dir Musik aus allem machen. Warte! Fiinf Minuten und eine 
Romanze ohne Worte ist fertig aus diesem Bild vor dir. „Do, 
mi, sol. — H6! bonsoir la lune!“ — (Er sprach dies fast wie ein 
Hexenmeister.) „Bleib bei mir, mein Knabe, mein Mann! 
Ich bin kein B&r. Ich hasse die Einsamkeit. Ich habe die Leiden- 
sChaft mich auszulieben. ‘ ‘ ■ ■ 

Aber Rimbaud schob ihn frech von sich: „Lass mich zufrieden! 
Mir ist kulturkotztibel zu Mute, sagt’ ich dir schon. Heirate 
Victor Hugo! Geh bei Zola in die Lehre! Schmier t&glich deine 
zehn Seiten voll wie ein Anstreicher oder ein Zeitungsschreiber. 
Ich habe genug davon! Mir steigt’s hoch, wenn ich dran denke, 
ivicdcr X^du*iu£xi zu sgxti und zu diditcn# Xcti bctc zui* 
wie Robespierre und diese niichtemen deutschen Philosophen 
und Schulmeister. Eher will ich Politik treiben als je wieder 
Poesie.“ 

„Du Phantast!" spottete Verlaine, dessen hoher Kopf immer 
roter wurde. „Du ein Konquistador, du Kind? Du bist heiss- 
blutiger als Marc Anton, und du wirst elender Bankerott machen 
als er, bei den Zulu oder den Abessiniern oder den Aethiopiern, 
oder was sonst dein schwarzer Typ sein mag.“ 

„Halt deine Schnauze jetzt!“ schrie Rimbaud ihn an, „du 
sollst mir nicht meine Zukunft noch bedrecken. Ich mag deine 
Af fenliebe nicht mehr. Geh nach Paris zuruck! Lass dich , zum 
Kotug der Lyriker kronen oder zum Prinzen Karneval! Es ist 
ja ein und derselbe Blodsinn. Oder reise durch die Provinz herum 



Verlaine 




und mach dich lacherlich, indem du deine einzigen unver- 

gleichlichen Verse, deine innerste Musik, vor Strumpfwirkera 
und Seidenwebern und Hutmacherinnen vorliest! O, wenn Ihr 
wiisstet, wie ich Euch alle verachte und hasse, Euch Poeten und 
Prostituier te! “ Er riss seinMaul, sein hartes, eckiges, energisches 
Maul dabei auf und spie vor Wut und Abscheu nach alien Seiten 
aus, 

„Und als was wirst du wiederkehren zu uns, du Kultur- 
verdchter, du Welteroberer ?“ briillte jetzt Verlaine auf ihn ein, 
und die dicken Adern an seiner Stirne spannten sich wie Taue, 
die ihn vor dem Wutanfall, der ihn in der Trunkenheit oft fiber- 
kam, zuriickhalten wollten: „Als ein Krtippel, ein Invalide, der 
kaput wie ein Buckliger um das Pantheon seines einstigen 
Ruhmes herumhumpeln wird.“ 

,,Du Hund, du!“ keuchte Rimbaud, „du alter Sunder, du! (< 
Und damit haute er wie ein kalifornischer Goldgr&ber mit seinem 
dicken Bambus auf ihn ein. „Du willst mir meine Hoffnungen 
zermatschen. Du willst mir mein Schiff aushohlen, das mich aus 
Eurer ganzen vermoderten Gesellschaft ins Freie bringen soil, 
mein Zukunftsschiff, das viel trunkener und stolzer ist, als alle 
meine ausgerochelten, aufgetakelten Verse!'* 

Aber nicht minder rasend als er schlug Verlaine mit seinem 
wilden Knotenstock gegen ihn zuriick: ,,Da! Du Tollh&uslert 
Du verdrehter Spiessbiirger! Ich werde dich zwingen, hier und 
dir treu zu bleiben. Ich will dich schon vorher zur Tunke zu- 
sammenhauen, ehe es der Sudan mit dir tut. Her nach will ich 
dich wieder gesund pflegen und deinen holden Klumpen ver- 
z&rteln und mit mir nehmen. Du wirst dann viel be quemer ftir 
mich sein.“ 

Aber Rimbaud, der knabenhafte' Koloss, der erst x6 Jahre 
hemach als ein Krtippel, wie Verlaine es ihm prophezeit hatte, 
aus Nubien heimkehren sollte, war weit starker als dieser ver- 
kommene frtihe Greis. Toll tiber die Stockschl&ge, die seine 
Arme und Schultern trafen, schlug er jetzt auf den herrlichen 
Sch&del seines besten Freundes in der Vergangenheit, seines 
Todfeindes seiner neuenZukunft los. Taumelndsttirzte Verlaine zur 
Erde, sein Blut, sein in musikalischen Rhythmen kreisendes Blut 
tropfte aus einer tiefen Wunde an der Schlafe auf den vom 
hellsten Mond beschienenen Weg. Und der Halbbewusstlose horte 
kaum mehr die letzten Worte des wie Kain nach dem Bruder- 
mord davonsttirzenden Rimbaud : 

,, Werde Por nograph, Alter, oder Photograph ftir den Rest 
deines Lebens! Eine andere Art Ktinstler duldet und ftittert der 




- ~ ~ ~ : — — — — a» 

Verlaine 275 

s 

Pobel heute nicht mehr. Weine mir nicht nachl D e r Ab- 
sinth wird mich dir ersetzen.'* 

An der Fluss- und der Wegbiegung drehte Rimbaud sich noch 
einmal scheu um, und sah, dass Verlaine sich dchzend wie ein 
wunder Krieger im Grase aufstutzte. ,,Wieg ihn warm ein, 
Natur, ihn friertl* 1 grinste Rimbaud, scheusslich sich selbst 
zitierend. Dann steckte er sich eine Zigarette zwischen seinen 
dicken Lippen an und sagte fur sich: „Abfahren nach Afrika!" 
und mit einem letzten Blick auf den verlorenen Freund: „Dass 
solch ein energie- und sittenloser Schweinepriester so herrlich 
dichten kann! Und er deklamierte auf die Stadt zutrabend 
Verlaines Verse in den Mond: 

„La lune blanche 
luit dans les bois; 
de chaque branche 
part une voix 
sous la ramie . . . 

O bien aim£e!“ 




1 



In der italienischen Oper 



-4 




In der italienischen Oper 

Von LUDWIG RUBINER 

Da der junge Honorius zum Opemhaus aus dem Restauant 
kam, so zog er um neun Uhr mit vollem Bauch und heiter an 
den lustigen Mailander Cafds vorbei, in denen eine Menge 
Menschen mit leerem Zittem des Gesichts und nervosen Fatten 
sassen. Hier, um die Ecke war die kleine Theatergasse. Plotzlich 
sauste ein blauer Schattenblock herab, nur in der Ferne wackeltd 
gelblich eine Bogenlampe. Nun musste er eilig und scheu zum 
Theater schleichen, geduckt, um noh ganz in dem kleinen Licht 
zu gehen. Es war eine ungeheure Zaghaftigkeit. Einen Moment 
klopfte das Herz sehr stark. Er war allein. Sollte er hinein in 
diese Trauer ? Aber er konnte nicht mehr zuruck in die Schatten- 
haftigkeit dieses unsichtbaren Gefangnishofs. Es ging nur noch 
zu dem Bogenlicht, dahinter schwarz ein schmaler Mensch in 
die Eingangstur stieg. 

Drinnen driickte er sich an grauen Winkeln vorbei, blickte 
in schmale, lange G&nge, die pldtlich in mysteriose Kurven sich 
verloren, und er ging langsam und mit hoffnungslossm Blut 
durch kalte Kreuzungen enger getiinchter Korridore. Menschen 
mit nervos versunkenen Mienen rauchten Zigaretten, die H&nde 
tief in die Hosentaschen gestopft. Hinter einem niedrigen, 
krummen, fettig gemalten Glass, in dem er schon auf sich ver- 
zichtete, ausgepumptt von jedem Taktgefiihl, jeder FShigkeit, 
Menschen ins Gesicht zu sehen, bammelten rote Baumwoll- 
portieren. Er schlug sie zuriick und zog moderigen Staub ein. 
Dahinter, im Theater, lauft ein bratmer, kragenloser Kerl mit 
Apfelsinen durch die leeren Parkettreihen. Hier gab es keine 
Beziehungen mehr. Ein paar schwarze Rocke sitzen im rotlich 
halben Licht so einsam umher, wie Schachfiguren im Endspiel, 
in ldssig gebuckter, hoffnimgsloser Haltung. Mitten in dem roten 
Halbrund des Theaters, unter den niedrigen Logen, stand Honorius 
in einer ungeheueren, unuberwindlichen Isolation. Schmale, 
schmutzige Lichtstreifen lagen auf den leeren, roten Sesseln, wie 
fur die Ewigkeit. Ein paar vorsichtige alte Frauen im schwarzen 
Kleid sitzen in leeren Logen, muhevoll reprdsentativ gradgespannt. 
Vor dem Vorhang standen die Sessel mit den griinen Lampen ftir 
die Musik. Hinter der Biihne, weither, abgebrochen unver- 
sch&mtes Klappern eines Klaviers, jemand amiisiert einen falschen 
Walzer herunter. Gewiss tut er das mit verdrehten Augen fiir 



In der italienischen Oper 277 




cine Sangerin, die unterdes mit verzucktem Kichern sich von 
einem kleinen, fixen Choristen ins Weiche kneifen lasst. — Wie 
allein war Honorius, in dem verstohlenen Krachen der Parkett- 
sessel. 

Die Musiker mit r unden Gesichtern und schmatzend void 
Essen, wickeln die Instrumente aus. Ein diinner, sagender Ton 
schnellt aui aus diesen ungeordneten Reihen schwarzer Rocke, 
fast mitten im Publikum. Abgezupfte Intervalle klinkern Orna- 
mente darum, nun schwimmt das ganze Orchester in weiten, 
triiben Quintenwellen auf und ab. Die Lampen sickern grim auf, 
in die erste Geige setzt sich eine Dame im weissen Kleid, sie hat 
eine schwarze Schmetterlingsschleife im Haar und Fatten um 
einen sachlichen Mund. Sobald sie ihre Geige stimmt, heutt das 
Quintenwogen des Orchesters auf, wie zur Zigeunermusik. Ein 
paar Reihen im Parkett sind gefiillt. Dazwischen ziehen sich die 
leeren, wie rote, schwarzgdranderte Raupen. Vor dem Orchester 
steht ein ganz kleiner, knochiger, schwarzer Mensch in zer- 
knitterten Lackstiefeln, mit dem riesigen, missgestalteten, stoppe- 
ligen, faltigweichen Gesicht eines Unbeherrschten, Abgewandt- 
Ahnungslosen. Dieser Kapellmeisterzwerg mit den ungeheuren 
Zweioktaven-Handen kennt sicherlich nur eine Realitdt, seine 
Eitelkeit. Das Theater wird jetzt ganz hell von einem rotlich- 
gelben Licht, das Licht schwebt iiber die lustigen roten Sessel, 
um die Kriimmungen der roten Wande, breit fiber den lustigen 
roten Vorhang und verschwindet in den roten Logen hinter 
braunem Schatten und den weissen Lochem der Fracks. Herren 
im Parkett nehmen tr&ge ihre Hute ab, ein Junge springt mit 

dxurctx ■ dcu uind iruf fc diG 

Nur eine Geige im Orchester stimmt noch. Driiben, in einer 
Rangloge, erscheinen, weiss zitternd, die breiten Federn eines 
Damenhuts. Der Kapellmeister richtet sich aus seinem Knick 
auf und schist ans Putt. Eine dunkle Frohlichkeit durchbrannte 
Honorius. Er war — Masse. 

Mit einem Ruck zucken die Geigen auf und stellen das Haus 
in einen hellen, weiten Lichtersaal. Unter kleinen, gelben 
Flammen kreisen nackte Schultern lustig und schnell vor- 
bei. Dazwischen springt schlank mit gelosten Gliedern ein 
bunter Kerl auf, herausgeschleudert aus : dem Wirbel gegen- 
einander schwingender Luftsaulen der gelben T rompeten ; 
alles fallt in starre Maske. Still, keine Sinnlichkeit ! Pause. 
Sie huschen weiter. Driiben, unter steifer Neigung schwarzer 
Rocke , fahrt der bunte Fleck empor, nach ihm hascht 
belles Haar und gepudertes Fleisch. Vorn eine langgezogene 
Serenade, abet gefiihllos tanzt ein Paar dazu. Die Holzblaser 



4 



278 In der italienischen Oper 



fiihren in sanften Sprfingen durch kleine Tiiren und schmale 
Gem&cher, dunkle Tapeten schwankend hinter Kerzenflammen, 
undPaare drin ironisch Ifichelnd in Verlegenheit. Durch schmale 
Rundgange l&uft es, in denen Kiisse und Entwischen verklangen, 
und irgendwo hinter den Wanden lirmt eine Tanzmusik auf 
altertumlich ausgebreiteten Sextakkorden. Laut herein sturmt 
auf den kurzen Strichen der Geigen der Zug der Frauen, duftend 
eilen sie durch die raschelnden Gfinge mit zierlich kleinen Fackeln 
in den erhobenen Handen. Das grelle Messing der Trompeten : 
Da steht der Bunte unter ihnen. Hinein in die Lichterhelle des 
Saals, die M&nner tanzen plump heran. Begehren wird zum 
Puppentanz, Eifersucht hiipft im Vierschritt. Der Bunte fliegt 
fiber alle, bleibt bei keiner. Lacht, droht, befiehlt — Komm 
Pedanterie, Holde: ein wenig Kontrapunktgestamp f , wfirdige 
Umkehrungen, hochst spitalsmSssige Gegenbewegungen. Dass 
den Stimmen die Knochen klappern ! Hallo, schnell, kfirzt die 
Stimmen , brecht die Themen ab, eh sie sich verschlingen 
kdnnten! Hort ihr das Geschrei, die Floskeln der Verwimmg? 
Im flackernden Durcheinander aller Tone gewohnlichsten 
Gebrauchs. Larmend atemloses Ineinander zum Schluss 
der Ouvertfire, wenn die Stfihle in den Logen geruckt werden, 
und alle mit dem letzten eiligen Atem der Spannung „Bravo l 4 , 
schreien. Der Kapellmeisterzwerg dreht sich um, und legt die 
riesige Knochenhand auf sein dreckiges Hemd. Das Theater 
ist voll von lachend Erregten. Vorhang auf. 

Ein schrager Raum brach ins Leben herein. Man sass auf 
einmal in der grossen H oh lung eines machtigen grfinen Kristalls 
mit abgedunke lten Strahlen. O welch herrliches Geffihl des 
Aussersichseins, wenn auf die Dekoration eine Stadt gemalt ist, 
die ganze Stadt, die ganze. Alles muss drauf sein, o Meisterstfick 
der Weltperspektive. Ha, der Chor tritt aus der Kulisse, mit 
Latemen: es ist Nacht. — Und geben die vier Kulissen nicht 
die kostlichste Sicherheit ? Rechts und links auf jeder ein Haus 
gemalt ; sie stfitzen den genau gerfindeten Halbkreis des Chors ; 
sie sind gerad und parallel aufgepflanzt ; dies ist die Ordnung 
der Welt — auf dass die gemalte Unermesslichkeit der Stadt 
im Hintergrund nicht Chaos dfinke. Aber jetzt haben die 
Akteurs ihre Alien I Das Licht knippst auf, Licht, solang sie 
singen — man sieht sie besser so, in der Nacht. Der Chor f&llt 
ein, es wird dunkel. Nun ja, die Menschheit singt, das h 5 rt man 
in der Nacht. — Stellt sie nur recht geordnet auf, diese Mensch- 
heit 1 Wir unten im Parkett sind selbst Masse ; hfitet euch, wehe, 
wenn wir uns oben wiedererkennen. Wenn wir nachdenklich 
werden, wenn wir Einzelne werden. Das gibt Verwimmg! — 



In der italienischen Oper 




Aber, singt der Solist, so muss Licht sein ; es ist sein inneres 
Licht (wie auf den alten Bildem mit irdischem und heiligem 
Licht). Wir wissen ja schon, dass es Nacht ist. — 



Cipollina war anders als gestem die Maria Matesi. Sie zierte 
sich, dieses Zwiebelchen. Es war beinahe ein Kampf. Sie hatte 
kleine, langlichschmale , flinke Augen. Aber dann wurden sie starr 
und rund wie Butterblumen. Sie sang, am Abend drauf , die Partie 
der Rosina mit der gleichenVollkommenheit wie die Matesi. Wieder 
war es der Ablauf einer vollkommenen Maschinerie. Honorius war 
auf kurze Zeit ins Stehparterre getreten. Der Polizist neben 
ihm reckte die Zunge aus offenem Maul und heulte ichzend 
aus heiserem Rachen. Hatte der sie auch gehabt, wie die 

an der n Manner hier ? 

Was geschieht, fragte Honorius, wenn ich heute hier sterbe, 
mitten unter den Leuten? Sicherlich nichts besonderes. Nicht 
einmal eine Storung gibts. Man wird das gar nicht bemerken 
unter den fiinfhundert Leuten, die hier im kleinen Teatro 
Filodrammatrico sind, und auf die jene Biihne wirkt, als sissen 
sie zu F iinf zigtausend da. Wir sitzen hier alle in einer neuen 
ungewohnten Sphare. Um uns ist eine unbekannte Luft, so 
durchsichtig, dass wir uns selbst nicht mehr sehen. Die Arie 
der Sfinger in umschliesst uns. Die glisemen Himmel ihrer 
Fiorituren, die unfassbar umschwimmenden Wolken ihrer 
Triolen, das unsichtbare Vogelschwirren der Cadenztriller sind 
nun unsere Welt. Wo blieb die Wirklichkeit? Unsere Korper 
sind vemichtel. Wir schweben. Die Kugel unseres Lebens 
liuft irgendwo anders, fremd von uns, weiter. Die Solo -Arie 
des Tenors bei den Lampen der Rampe ist nun ein Unabander- 
liches. In dieses Schicksal kann kein anderes dr ingen, es ist 
sein eigener Raum. Hier kann nichts neu werden, nichts 
schwinden, nichts wachsen, es ist ein Raum ; nie kann dieser 
Singer anders handeln. Aber dies dreht sich erst, zeigt uns 
neue Curven, neue Aussichtslinien, neue Schrigungen, wenn 
ein anderer Singer kommt, mit seiner schicksalhaft praedesti- 
nierenden Arie. Ein Schaukelspiel der Lebensebenen. — O, 
nun sechs Leut* auf einmal, jeder starr an seinem Fleck. Ver- 
xnischt sich alles im Sextett ? Nein — Wunder unsrer neuen 
Sinne! Auf und nieder steigen alle diese Vorbestimmungen, 
diese fremden bunten Seelenriume schweben um einander. 
Empfindungsspiel strahlender Fliissigkeiten, auf und ab 
schwankend. Eisgetrinke der Korperlosigkeit. Opernbiihne, 





In der italieniscfaen Oper 




glitzerndes Biifett der Empfindungen. Hochste Kunst, gesiebt 
durch das Nutzgewerk hochster Colportagigkeit. — 

Dies alles versteht man nur in Mailand. Ich habe da eine 
Sangerin gehort, sagte sich Honorius, die die scbwierigsten 
Staccati machte, dass es klang, wie der Streich einer vollen Geige. 
Den nachsten Abend eine, die eine Flote war. Ihre Namen sind 
in Europa unbekannt ; ihre F&higkeiten selbstverst&ndlich, in 
Mailand. Sie waren meine Geliebten, und ihre Augen wurden 
weit. Aber ich habe mich nicht zu wundem, vor mir waren viele, 
und nach mir kommen die andern. 

Uebrigens, die Koloratur, ist sie nicht die Logik der erfahrenen 
Frau? Ihr miisst ja schone Arme und Schultern haben, ihr 
miisst 1 

• * 

m 

Wfihrend Honorius zur Nacht weit vom Bett ans Fenster trat, 
sich auf dem Marmorboden zu kiihlen, fiel ihm bei: Warum denken 
die Leute immer ans Sterben im italischen Land. Welch ein 
Unsinn. Wir vergessen immer unsere derische Eitelkeit. 
Nun bin ich bei der Dritten. Sie hat ihren Namen anglisiert. 
Schon. Morgen Abend, im Theater, wirkt das fabelhaft ; wie sie 
so mager ist, und in der Atmosphere ihrer Koloraturen ihre langen 
Beine unter den Rocken so infam gleichgiiltig ldst, als ging sie 
spazieren. Und hier, bei mir, ist sie — ein Fahnchen, ach, eine 
kleine Flagge gar. In keinem Lande der Welt gibt's das, es ist 
geradezu umgekehrt. Sonst sind die Sdngerinnen auf der Biihne 
grotesk plumpe Fregatten und erst in ihrer Wohnung aufreizende 
Damen. Hier — sind sie in ihrem Bett nicht eher erschdpfte 
Gelehrte ? Ah, es liegt eben daran, dass in Mailand der Gesang 
nicht eine Angelegenheit des Gemiits ist. Singen ist hier ein 
Funktionieren. Was gebt ihr ? Intuitionen ? Ihr verabscheutet 
sie. I ndi viduali tats lei stunge n ? Nein, ihr wiirdet mit jeder De- 
klamation ausgepfiffen. Also ? Ihr arbeitet fiir die zweitausend 
Menschen im Parkett und auf den R&ngen, fiir alle gleichzeitig. 
Ihr arbeitet. Die Antriebskraft fur eure Maschinerie ist der 
Organismus eurer Arien. Warum sperren wir die Mauler auf 
nach euch, wenn ihr auf der Biihne steht ? Weil ihr Funktionen 
seid, jede bestimmt fiir uns alle. Intellekt, Ge . . . tiih . . . Ie . . . ? 
nein, hier stiirzt alles gleich von der Biihne uns ins Blut. Irgendwo 

lag mal ein Wert unserer Handlungen 1 Aber Ihr gebt die 

wildeste, erhitzteste Phantasmagoric des Genusses. S&ngerinnen, 
Angelegenheit der Verdauung, euer Triumph sind unsere ange- 
regten Bemiihungen in den Logen. Ihr Kunstgewerbe der Ge- 
schlechtlichkeit 1 — Doch dies versteht man nur in Mailand, wo 
das Sterben dicht neben dem Soupieren liegt. 



* 



In der italienischen Oper 



281 






Als Honorius sich wandte , sah er im gelb bewegten Dunstoval 
des Kerzenlichts die stacheligen Schatten ihrer Achselhohlen. 
Sie tastete nach dem grttnen Opal der Limonade. In diesem 
Moment begriff er, dass jeder Mensch fur ihn eine neue Kata- 
strophe der Erkenntnis war. 



Am n&chsten Abend kam Honorius mitten in das lustige rote 
Licht des Theaters. Das Or Chester sass schon da, fast mitten 
unterm Publikum, und man horte das triibe Heulen der stim- 
menden Instrumente. Heute sprach der Kapellmeister ihn an. 
Honorius sah auf die eingesunkenen Lackstiefelspitzen des Zwergs 
und beging eine Dummheit. Er fragte : Warum muss man bei 
dieser herrlichen Musik der Lust immer an ein widerwdrtiges 
Ende denken, an eine schreckliche, griinliche Faulnis, an ab- 
fallende Gliedmassen, an die stumpfen Nadeln eines fiirchterlichen 
Foltertodes? — Hier glitt etwas iiber das schiefe Gesicht des 
Zwergs mit den Knochenhdnden. Honorius sah Erkennen. Aber 
es war natttrlich nichts. Eine verbindliche Ausrede. Honorius 
gewahrte den Blick : Ja, wenn man sich mal mit diesen Fremden 
einl&sst — sie sind taktlos ! — Uebrigens war wohl auch dieser 
Blick falsch verstanden. Hochstvermutlich hatte seine Frage 
als Kompliment gegolten. 

Als der Chor im steifen Halbrund stand, und wieder die 
Solisten ihre trommelnd gehackten Rhythmen ins Blut brannten, 
bei dieser notwendig ewigen Wiederholung stets derselben Worte 
auf sarkastisch stakkatierten Vokalen — da fiel ihm ein : Diese 
komische Oper hat ja einen Komponisten I — — 

Nie war etwas geheimnisvoller, als dass diese Musik einen 
Schopfer hdtte. Konnte man daran je denken, vor diesen Formen, 
wo alles Typus war, Art und Struktur so unveranderlich und eine 
Welt von vollkommenster Irrealit&t ? Wo e i n e r nichts mehr 
war und nur unter alien andern ein Etwas. Aus strengstem Zwang 
der Kunst stieg hier das kristallene Spiel einer schwebenden 
Seifenblase aUf, die grad beim Anschaun in nichts als ein letztes 
Spiegeln zerging. Dies konnte — — nur — das Werk — — 
einer aussersten Skepsis sein. Der absoluten Skepsis vor alien 
Dingen, welche nicht schwebende Form sind. — Ueberall spiirte 
Honorius nun diesen Schopfer, der nur an eine einzige Realitat 
sich noch klammerte, an die Phantasien des Hautgenusses. Dieser 
Mann musste im Leben herumgehen, zerstort von Hoffnungs- 
losigkeit, und eilig bele.bt vielleicht nur durch Frauen und Diners. 

Honorius dachte einmal an Mozarts komische Opera, aber 
da erschien sofort, wie die Courtine eines Theatertransparents, 






In der italienischen Oper 




der weisssilbeme Wolkennebel einer pries terhaft altertiimlichen 

Feierlichkeit. 

Ah, nur solche letzte Konsequenz, solche Vemichtung alter 
Einzelnen, solchen Mord aller Psyche und solche gliihenden 
FeuertSnze der Komik zu verkreuzen, zu durchknoten, musste 
dieser Italiener bedingungslos autriihrerisch sein. Nur ein 
Unbedingter, nur einer, der das Leben in den letzten Negationen 
fiihlt, war imstande, diese ungeheuerliche Isolation der Kunst 
auf die Helligkeit eines Traumlachens von zweitausend Menschen 
— von zweihunderttausend Menschen zu erzwingen — diese 
m&chtige Vemichtung zur entriickten Heiterkeit der Menge . . . 

Geschrei des Orchesters, Floskeln der Verwirrung. Flam- 
mendes Durcheinander aller Tone gewohnlichsten Gebrauchs. 
Der Taktstock ist nur noch eine hellzittemde Fl&che. L&rmen, 
atemloses Ineinander zum Schluss, wenn die Stiihle schon geruckt 
werden, und alle mit der eiligen Angst der Spannung, zu sp&t 
zu kommen, „Bravo I “ schreien. Der Kapellmeisterzwerg legt 
die riesige Knochenhand auf sein dreckiges Hemd. 

Honorius ging langsam fiber das Schattenblau der dunklen, 
sehr geraden Strassen, vorbei an grauen, breiten Fassaden, zum 
Bahnhof. Im roten Fackellicht musste er einer Kolonne von 
Strassenarbeitem ausweichen, die eben abgelost wurden und sich 
mit krummen Riicken aufrichteten. Vor ihnen stand ein altes 
M&nnchen in Flicken, mit grau zerfetztem Bart,, und rief mit 
diinner Stimme und miide seine Zeitung aus : „Der Schrei 
der Menge 1“ Es war ein gealtertes, tonlos pfeifendes Vogel- 
stimmchen, dieses muhsam wiederholte: „Grido della folia l" 

, „Musste es nicht heissen,“ dachte Honorius in seiner etwas 
pedantischen Art, „der Schrei fur die Menge* 4 ? — 




VflfierdiebstfiMe 



18 $ 



Bilder dieb stahle 

Von ERNST SCHUR 

■ 

Nicfats spricbt so sehr ftir idea hohen Stand unserer Kuttur, 
•die Tatsadhe, dass die riihrige Zunft der tDiebe ihre Tatigkeit 
auf den Erwerb von Bildern auszudehnen beginnt. Weim man 
•bedenkt, dass frtiher nur der materielle Gesichtspunkt mass* 
gebend war, dass silberne Ltiffel, Wurst und Schinken, Brillantea 
und Pelze oder wofol gar nur das ganz simple, reale Geld 
gestohlen wurden, so kann man jetzt, wo die Galerien in das 
iFeld der Tatigkeit miteinbezogen warden, nicht umhin, von 
ainer Erhtihung des geistig-kttnstleriscfaen Nhreaus zu sprecben 
und jene Diflerenzierung zu registrieren, die der gemeinaame 
Sterrpel unserer fortschreitenden Kultur ist. 

Es setzt allerdings sdhon einen nicht geringen Grad von 
Sildung voraus, wenn man fur geistige Giiter die Freiheit der 
JEtc is kenz aufs Spiel setzt und ftir ganz imagintire Werte, deren 
Einlbsung grossen Schwierigkeiten begegnet, sich opfert. Es 
•geihtirf auch ein nicht germges Mass von Bildung dazu, fiber 
den jeweiligen Stand der Forschung und die damit zusammen- 
Itfngenden Kurswerte unterrichtet zu sein und danach seinen 
Beldzttgsplan zu entwerfen. Die Beziehungen mit den Handle m 
wollen gepflegt sem, und so ergibt sich ein reger Austausch 
von Beziehungen, deren vielfach verwickeltes Netz den unter- 
nohmenden Geist zu lebhaftem Denken, schnellem Handeln 
und zu einer beinahe imp oni er enden Elastizit&t und Bewegtichkeit 
andifilt. Man wird die Vermutung nicht von der Hand 
ikbnnen, dass durch selohe Entwicklung der Dinge das Ver- 
st ftndnis ftir die Kunst in Kreise dringt, die bis dahin ihr 
gfinzlich femstanden, und von diesem Gesichtspunkt aus ist 
•diese Tatsache mit Freuden zu begrnssen. Muss man doch 
auch annehmen, dass diejenigen, die sich diesem Beruf zu- 
wenden, nicht umhin kdnnen, ein regelrechtes Kolleg, bei 
Wtifflin etwa oder einem anderen angesehenen Kunstgeschichts- 
professor zu belegen, wenn anders sie ihren Beruf ernst nehmen. 
Oder sie mtissen die dickleibigen Kunstgeschi chten und manche 
umifangreichen Fachwerke walzen. Zu gleicher Zeit mtissen 
sie tiber die praktischen Kniffe ihres Handwerks unterrichtet 
vein und es nicht verschmahen, mit den ganz realen MaChten 
des Lebens in Widerstreit zu treten, wfihnend andererserts die 
tintemationalen Beziehungen <der Handler Einen gegenw&rtig 

20 







Bilderdiebst&hle 




sein miissen. Kurz, sie mussen Wissenschaftler , Praktiker 
und Kaufmann in einer Person sein. 

Dabei unterstiitzt keine staatliche Be horde, kein Fort- 
bildungsinstitut ihre Ausbildung. Auf eigene Faust mussen 
sie sich ausbilden und ihren Beruf auf ihr eigenes Risiko 
ergreifen. Keine Preise, keine Auszeichnungen harren ihrer, 
und dennoch sollte man billig zugeben, dass es eine Art 
Meisterstfick ist, die Mona Lisa aus einem bffentlichen Museum 
zu entfemen. 

Wo mag die Mona Lisa sein? Wann wird sie 2um Vor- 
schein kommen ? Wird sie iiberhaupt jemals wieder auftauchen ? 
Ich finde, dass man sich diesen Fragen zu wenig widmet ; sie 
sind von psychologischem Interesse. Vielleicht ist es ein bizarrer 
Liebhaber, der diesen Streifzug gewagt hat. Das beriihmte 
L&cheln der Mona Lisa* liber das sich die Kunsthistoriker die 
Finger wund geschrieben haben, hat ihn bezaubert, verriickt 
gemacht, verfuhrt und mm sitzt er in seinem Keller oder 
in irgend einem geheimen Verlies seiner Behausung und hat 
dieses L&cheln ganz fiir sich allein, und schliesslich kommt 
vielleicht einmal die Entdeckung, dass dieser Liebhaber wirklich 
darUber verriickt geworden ist; tot liegt er vor dem Meister- 
werk Lionardos, das r&tselhaft herabl&chelt auf den Ungltick- 
lichen, auf das mystische Opfer. 

Auch die Entwendung des Fra Angelico l&sst schon auf 
eine gewisse, selbstsichere Routine und gelehrt — fachwissen- 
schaftliche Ausbildung schliessen. Diese Friih-Italiener haben 
selbst unter gebildeten Museumsbesuchern nur die Elite wahr- 
haft zu interessieren gewusst ; viele Galerien haben es gar nicht 
fiir ndtig gehalten , ihren Bestand in dieser Richtung zu er- 
g&nzen, und es ist noch gar nicht lange her, dass die Forschung 
sich diesem Spezialgebiet intensiv zuwandte. Und nun sind 
diese stillen, feierlichen Bilder mit einem Male hineingerissen 
in die wilden Strudel des Gegenwartslebens! Was wiirden die 
weltabgewandten Monche gesagt haben, h&tten sie gewusst, 
dass ihre Werke, die sie in beschaulicher Klause malten, noch 
einmal im zwanzigsten Jahrhundert einen Zankapfel abgeben 
wiirden und in dunkler Nacht an einem Seil durchs Fenster 
herabgelassen wiirden. Vielleicht wiirden sie milde und ironisch 
l&cheln und denken, dass man zu ihrer Zeit urns Morgen- 
grauen zu anderen Zwecken sich an einem Seil aus einem 
Fenster herunterliess. 

Bieder und deutsch aber fing es der gute, ehrliche Forst- 
gehilfe mit dem echt bavurarischen Namen Moosracher an. Er 
ging hin in das kleine Schlosschen Lustheim, das so idyllisch 



Bilderdiebst&hle 



'aSs 




im Schleissheimer Park liegt, und nahm, was ihm unter die 
H&nde kam, einige wertlose Bilderchen und versteckte sie wie 
die Fruchte des Feldes im Walde, ein wahrhaft primitives Ver- 
fahren, fiber das jeder Kollege vom Fach erroten muss, der 
immer daraui halten wird, das Prestige seines Metiers zu wahren, 
der es als undelikat empfindet, wenn plumpe H&nde in sein Fach 
eingreifen und es diskreditieren. Dieser Fall — man vergleiche 
damit den pikanten, franzdsischen Diebstahl und die auf ge- 
lehrtem Fachwissen und alter Kultur beruhende Entwendung — 
zeigt so recht die Notwendigkeit einer lachlichen Organisation, 
eines Zusammenschlusses, wie das in unserem Jahrhundert 
allenthalben ublich ist, um sich gegen das Eindringen un- 
lauterer oder nicht genfigend ausgebildeter Elemente zu wahren. 

Allerdings ist das Eine zu bedauern, dass die alten, be- 
w&hrten Diener, die ein so behagliches, still umfriedetes Dasein 
in den geheiligten Raumen fuhrten, so unliebsam aufgestort 
werden. Sie sassen, fast betend die H&nde fiber dem Bauch 
gefaltet, auf Stuhlen in den Ecken, einem buddhistischen 
Gdtzenbild in der Starrheit absoluter Ruhe nicht un&hnlich. 
Tr&umerisch lehnten sie an Balustraden und besahen sich die 
N&gel; zuweilen putzten sie sie auch. Erstaunt blickten sie 
auf, wenn ein Besucher durch die R&ume schritt. Dann setzten 
sie sich wohl einmal in Bewegung und schritten, die H&nde 
auf dem Rucken, wie ein Premierminister, der ein wichtiges 
Portefeuille innehat, durch die Zimmer, mit bedenklichen Falten 
auf der Stirn, ernst zu Boden blickend, und ihre langen, 
kaftan&hnlichen Rocke schleppten am Boden. So schlfirften 
sie, weise Hfiter, Hohepriestern gleich, mit SilberknSpfen am 
Rock durch den Raum. Richtete aber ein Besucher eine Frage 
an sie, so fuhren sie wie aus langem Schlaf empor und fingen 
verwirrt an zu suchen; sie liefen zusammen und steckten die 
Kopfe zusammen und es begann ein Fragen und Tuscheln, 
bis sich einer aus der Gruppe losloste und eine Auskunft in 
offiziell ganz einwandfreier Form gab, die sich meist nach 
einer ganz anderen Richtung bewegte. Dann tr&umte wieder 
der Friede in den Raumen. Und nur, wenn der Herr Direktor 
durch die Sale schweift, wird alles munter, die &ltesten Diener 
greifen an die Hosennaht, und ein joviales L&cheln schwebt 
auf alien Gesichtem. . . . Denn Ihn kennen sie, seine Gewohn- 
heiten; ihnen macht er nichts vor. 

Und derweilen schleicht das moderne Leben in diese stillen 
R&ume; es achtet nicht der Tradition. Es greift an die W&nde, 
schraubt los, steckt ein und Riesenbilder tr&gt es unsichtbar 
hinaus. Mit einem Male wird aus dem abseits liegenden Ver- 



steck ein Verkehrs- und Handelsinstitut, und neues 
in die alten Mauern ein. Hu* ikt es ans mit Idyll e und ssrifter, 
hind&romernder Traumerei. Das Leben fordert audh hier seine 
Jtechte. 

Freilioh — wie sollte es auch anders sein ? Wo die BUdung 
so tiortsohreitet, Wo die Kultur sich arusbreitet und die Kunst 
in Schicfyten dringt, die higher nichts von ihr ahnten. Wo 
allenthalben, in Ost und West, in Nord und Siid und <den 
kleineren Windrichtungen Vortrage verzapft werden: ,,Rom in 
der Renaissance “ , „Flarenz und seine Kunst“ und so fort, mit 
Lichtbildern und obne sie, wo jeder Verein seinen Dauerredner 
hat, der uber Kunst und Kiiltur redet und es so keinen halb- 
wegs ungebildeten Menschen mehr gibt. Da ist es kein Wunder, 
wenn sdhliesslioh auch die Diebe davon Nutzen ziehen und die 
,,Kunst kn Leben des Einbrechers“ einsetzt. 

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Leben aietft 



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FamserSonnette 




Paris er Sonnette 

Von REINHARD KOESTER 

Die Nacht ist weit und tief und still, als wire 
sie eine Gruft, darin das Leben ruht. 

Und wie erdriickt von kiihler Marmorschwere 
rollt leiser — leiser mein berauschtes Blut. 

a 

Nun naht des Schlafes ruhevolle Fibre, 

— ich kenne ihre Ruderschlage gut — 
dafl sie im Traumesland den Wunsch gewlhre 
wie es ein Weihnachtsfest den Kindern tut. * 

Den Wunsch der Sehnsucht, der sich nie ertullt, 
der, wie das Lichtlein vor’m Marienbild 

bei Tag verschwindend dennoch ewig brenn fc. 

. J 

Der Sehnsucht, die ihr eignes Ziel nicht kennt 

und in der Erde hochstem Augenblick 

noch immer staunend fragt: ist das das Gluck — 



Manchmal ist ein ungewisses Tasten 
in den H&nden, die sich such end n&hem 
ganz wie Angst, dafi sie ins Leere faBten. 

Eine Geste, wie bei blinden Sehern, 

die das Schicksal kennen , kalt und ehern. 

— Kenntnisse, die schwer auf ihnen lasten - — 
Wie ein Schwarm von aufgeschreckten Hihem 
sind sie, die des Fliehens miide, r as ten. 

Und die Worte, die von Liebe sagen, 
ringen scheu und schiichtem sich vom Munde 
wie die HInde, achtlos ihres Tuns, 





Pariser Sonnette 




nicht mehr Kraft und Wunsch und Wfirme tragen. 
Denn das Schwert der nahen T rennungss tunde 
zittert kalt und gl&nzend fiber uns. 



Und plotzlich stand ich dann in einer Halle, 
sah eines Zuges Lichter schwindend blinken — 
sah Menschen stehen und mit Tuchern winken - 
und tat wie sie — und war nicht mehr als a lie. 

Ich wunschte nur, dafi das Ger&usch verhalle, 
um tief in dumpfes Schweigen zu versinken 
und deiner letzten Worte Klang zu trinken. 

Und wartete, dafi mich der Schmerz anfalle. 

Ich sah in die Gesichter rings umher: 
sie schienen mir wie tdrichte Grimassen — 
ich schauderte vor meiner eignen Leere. 

Mir war, ich miiflte in die Brust mir fassen 
und mit den H&nden tasten kreuz und quer, 
ob wirklich denn ein Herz darinnen wire . . . 




4 



Amerikanische Schuhe 




Amerikanische Schuhe 

Neue Schuhe miissen driicken. Ehrsame Schuhmacher- 
meister yersicherten es und die TrSger der Erzeugnisse ihrer 
Kunst glaubten es unter Schmerzen. Vielen schien dieses 
Schicksal beim Kauf neuen Schuhwerks noch vor 25 Jahren 
unabwendbar, sie trugen es auch in Geduld, wenn sie es nicht 
yorzogen, der Bequemlichkeit zu leben und in Stiefeln zu 
gehen, die ihr FuBmaB in der Breite und Lange ein kr&ftiges 
Stuck uberragten. Fur sehr wohlhabende Kreise liefi sich 
schliefilich auch damals schon anst&ndiges Schuhwerk auf- 
treiben, aber fur den Durchschnittsburger waren Stiefel, die 
guten Sitz mit netten Formen yerbanden, meistens seltene Zu- 
ffille. Von einem Kauf der Schuhe in jenen „druckenden“ Zeiten 
darf eigentlich nicht gesprochen werden , man kaufte sie nicht, 
sondem bestellte sie. Feierlich erschien besonders in kleineren 
und mittleren St&dten der Schuhmachermeister nach voran- 
gegangener Aufforderung im Hause des Kunden, nach i4Tagen 
Oder 3 Wochen erfolgte dann die Lieferung, deren Beschleunigung 
durch t&gliche Besuche versucht werden muBte. 

Mit dem Auftauchen der ersten grofien Schuhwarenliden 
war dies Idyll gestbrt, um bald ganzlich zu yerschwinden. Zu- 
yersichtlich hofften nun alte Schuhmachermeister auf den 
Zusammenbruch dieses neuen Schwindels, wie sie den Vertrieb 
fabrikm&Big hergestellter Schuhe nannten, sie bewiesen, daB 
kein anstandiger Mensch Fabrikschuhe tragen wiirde, schon 
weil gute PaBformen nach ihrer Oberzeugung durch Maschinen 
nie hergestellt werden konnten. SchSn waren die Fabrikwaren 
in den ersten Jahren gleichfalls nicht, aber sie hatten den Vor- 
zug der Billigkeit, eine Eigenschaft, die ausreichte, um ihnen 
bei den groBen Massen schnell Aufnahme zu yerschaffen. 

Wahrend man in Deutschland noch eingehend und nicht 
gerade kurzweilig dariiber diskutierte, ob die Schuhfabriken 
auch bessere Erzeugnisse zu fabrizieren imstande sein werden, 
war in Amerika diese Frage lange entschieden. Qualit&ts- 
ware als Massenfabrikat hatte sich als moglich erwiesen, 
und aus den Vereinigten Staaten meldeten Berichte, dafi die 
verwbhntesten Anspriiche durch Fabrikschuhe Befriedigung 
fanden. Dann erschienen auch auf dem deutschen Markte die 
ersten amerikanischen Schuhwaren, deren Eleganz und solide 
Ausfuhrung das Erstaunen der Fachwelt erregten. Mehr und 




i 



ago Amerikaniscfae Schuhe 



mehr stieg die Einfuhr amerikanischer Schuhwaren, und heute 
noch ist Deutschland ein wichtiges Absatzgebiet fur die 
amerikanische Schuhfabrikation, obwohl diese Einfuhr jetzt im 
Verhdltnis zu dem Gesamtbedarf an fertiger Qualit&tsware nur 
winzig ist. 

Aus dem deutschen Schuhhandwerk ist inzwischen eine 
m&chtige Industrie ge worden , und zwar in. kaum mehr als 
zwei Jahrzehnten. Charakteristisch ist dabei fur die Entr 
wicklung der Schuhindustrie, dafi bei der gewaltig gesteigertem 
Produktion nach dem Answeis der Gewerbestatistik in der Zeit 
▼on 1895 bis 1907 die Zahl der Betriebe um mehr als 36000 
zurUckgegangen ist und auch die Zahl der darin beschaftigten 
Personen bedeutend sank. 

Keineswegs hat sich indes die deutsche Schuhindustcie 
von dem > amerikanischen Einftuft zu emanzipieren vermocht, 
eine viel grdfiere Rolle als die importierten amerikanischen 
Schuhe spielt heute die Abh&ngigkeit der deutschen Schuh- 
fabriken von den amerikanischen Schuhmaschinem 
Schon seit einer Reihe von Jahren ist die Schuhmaschinen- 
industrie der Vereinigten Staaten vertrustet,, und dieser Trust,, 
die United Shoe Machinery Company, eroberte sich eine wahr- 
haft weltbeherrschende Stellung. Sein deutsches Tochter- 
untemehmen ist die Deutsche Vereinigte Schuhmaschiuen- 
Gesellschaft in Frankfurt a. M., die mit der Organisation 
dee Trusts auch seine Geschdftsgepflogenheiten hierher ver- 
pflanzte. Ein Verkauf von Maschinen des Trusts an Schuhe- 
fabriken ist ausgeschlossen, der Maschinenvertrieb erfolgt alleiik 
in. Form der Verpachtung. Darin ruht die besondere Technik. 
dieses Trusts,, der neben dem Pachtpreis fiir die von ihm aus- 
geliehenen Maschinen eine Abgahe fiir jedes Paar der darauf 
hergestellten Schuhe bezieht. Eine unerschopfliehe Gewinn- 
quelle fiir ihn ist ferner die an die Verpachtung geknupfte 
Bedingung, daft die Mieter der Maschinen vam Trust auch 
Faden, Draht, Metallband und noch verschiedene andere 

W w ■■ r ■ - ’ ^ r ■ 1 L 

Materialien zu dem jeweiligen Listenpreise beziehen mussen. 
Gegen Burchbrechungen der Monopolherrschaft des Schuhe- 
maschinentrusts sichert noch die Bestimmung desVertr ages, daft 
Betriebe, die mit T rustmasch inen ar bei ten. keine Maschinen 
anderer Fabrikate in ihren R&umen aufstellen diirfen. 

Zweifellos ist es denn auch dieser Taktik zuzuschreiben, 
daft die Erf edge der deutschen Maschinenf abriken , die sich mit 
diet, Herstellung von Maschinen fiir Schuhbetriebe befassen, 
trotz ihren groflen Anstrengungen und technischen Erfolgen. ver- 
hSItaism&Big gering geblieben sind. Ueber die Betrfige, wekhe 



Anoerikanische Schuhe 



4 



aui 



aus deutschen Lizenzen dem amerikanischen Schuhmaschinen- 
trust zuflieBen , llegen keine einwandfreien Schdtzungen vor, cs 
mussen aber Riesensummen sein, denn die Abgaben fur ein 
paar Stiefel schwanken zwischen 20 und 40 Pfg, Gegen eine 
derartige Form der Invasion helfen keine Hochschutzzfllje und 
keine Grenzsperren, die Ueberlegenheit des amerikanischen 
Schnhmaschinentrusts in Deutschland kann nur durch Steige- 
rung der technischen Leistungsfahigkeit der deutschen Maschinen- 
industrie und durch eine umfassende Organisation der deutschen 
Schuhfabriken iiberwunden werden. Leicht ist diese Aufgabe 
nicht, denn der Trust legt sich im Besitz seines Monopols nicht 
attf Polsterkissen , sondern arbeitet ununterbrochen an Ver- 
besserungen seiner Maschinen und dem Ausbau seiner 
Organisation. Krites. 




*■ 1 

1 1 , 



1 






* ' I 



29 2 



Wie fiihlt sich der Parlaments-Kandidat 



WIE FUHLT SICH DER PARLAMENTS- 
KANDIDAT 

■ i 

die letzten Tage? Wie fiihlt sich solch ein Delinquent die letzten Stunden 
vor der Ermittlung des SchluS-Resultats? — Das ist (o edle Binsenweis- 
heit!) Temperaments- und auch Temperatur-Sache. Bitte, keine Furchtl 
Ich habe nicht die Ahsicht, hier das beriihmte Thema „ Sommer- oder 
Winter- Wahlen?" breitzuquetschen. Indessen: Wenn man an kalten 
Dezembertagen und in bitterkalten Januam&chten zu FuB r im Wagen, im 
Schlitten meilenweit iiber Land gezogen ist, wenn man in diesen Winter - 
wochen ein halb Dutzend mal barhaupt unter freiem Himmel hat 
reden mflssen, dieweil das fromm-biedere Gefolge der „staatserhaltenden“ 
Saalabtreiber sich’s in mollig geheizten R&umen bei Freibier undGratis- 
schnaps wohlsein liefi, so bekommt unsereins die teutsche Reichstagswahl 
auch einmal satt. 

1 ■" 1 ■ ■ p 

Vor allem aber deren preu8ischen Einschlag, den Er, der Hen: 
Landrat und Sie, die hohe Kirchen- und Schul-Gewalt, und der lobliche 
Krieger-Verein und die verehrliche Kreisblatt- und Provinzial-Presse so . 
zierlich und so unmanierlich ins borussische Wahl-Gewebe zu wirken weiB. 

Und dann: glucklich Ihr Herren Kollegen, die Ihr in Euren Kreisen 
mit einem Gegner zu tun habt! Euch blftht blofl einmal das „Ver- 
gnflgen* ‘ , von dem ich oben nur ein klein wenig den Schleier gel&ftet 
habe. Wehe aber uns Armen, die wir um Wahlkreise werben, in denen 
drei, vier, ja fdnf Pr&tendenten (wie hier in Grtinberg-F reystadt) um die 
Palme ringenl Da gibts keinen Zweifel: ein zweiter Waffengang muB 
sein; nur dafi man nicht weiB: Wird der Sozialdemokrat („als wie icke,“ 
wie man in unserem geliebten Berlin so reizend sagt) — wird er mit dem 
konserva tiven Geheimen Kommerzienrat, oder wird er mit dem liberalen 
Justizrat in die Stichwahl riicken 

Ich kenne Reichstags- Asp iranten, die am Wahltag f iebern , und wenn 
ihnen gegen 8 Uhr abends das ZeiB-Glas in die Achselhdhle legte .... 
man wfirde Wunder erleben. Andere — und ich bin so glQcklich, zu 
diesen zu gehoren — werden immer ruhiger, immer ruhiger, bis sie hoCh, 
ganz hoch fiber der Geschichte stehen und das letzte WQrfelrollen, all die 
Telegramme und Telephonate, ja schlieSlich sogar das End-Bulletin in 
heiterer Gelassenheit iiber sich niedergehen lassen. 



Am Abend gegen n Uhr hatten wir klaren Blick. Die Sozial- 
demokraten reiten an der Tate, und unser Gegner ist der konservative 
GroB-Industrielle, der zehnfache Million £r mit den vielen Aemtem und 
den hohen. Titeln. 

Die Kleinstadt-Polizei kopiert gem beriihmte Muster, und Jagow . 
Berolinensis hats manchem Provinz- Kommissarius angetan. Im Grfin- 
berger St&dtle waren durch die Orts-Moniteurs die Aufruhr-Edikte be- 
kanntgegeben worden, wie wenn der rote Hannibal vor den Toren stfinde, 
und am Abend nach der Wahlschlacht die gute alte Weinveste brennen 
wollte ! Unsere disziplinierten Proletarier lachten sich aus, imd ich kann 




293 



Erinnerung — Der listige Wedekind 



jedem, der etwa Wert darauf legt, es ausdrficklich versichert zu bekommen, 
die erhebende Mitteilung machen, daO trotz unSeres strammen VorstoOes 
eeder der pr&chtig patinierte Ratsturm noch das Landratsamt Oder auch 
nur irgend eine Puderperficke hier ins Wanken geraten ist. 

Wir gedenken , den Grfinberger Kreis, so der Freisinn nicbt versagen 
Sollte , der Reaktion aus den blSulichen Fingern zu winden. 

Scharf weht der Winterwind. Scharf wird der Wahlwind wehenim 
zweiten Gang. Noch sch&rfer als im ersten. Wer Wunden ffirchtet, der 
mag hinterm Ofen hocken bleiben. 

Grfinberg, am 13. Januar 1912. Georg Davidsohn. 

ERINNERUNG 

Am 1. April 2911 schrieb im „Pan“ Alfred Kerr Einiges fiber flerm 
J acobsohn. — Man h&tte glauben sollen, daO es ihm genfigen wird. — 
Aber es scheint notwendig, die Rute wieder hervorzuholen. Die un- 
gewaschene Brut rfihrt sich wieder, will den Leuten weifi machen, Bahr 
habe in seinem „T&nzchen'‘ die Jagow-Aff&re gemeint, versucht vor- 
zuschwindeln, daB ein anst&ndiger Mensch die schmierigen und widerlichen 
Lfigen geglaubt h&tte, die sie dam als verbreitet hat. 

Merkwfirdig, woher dieses armselige, verachtete Menschenkind immer 
wieder den Mut nimmt, sich bemerklich zu machen. Haben die Worte 
Kerrs ihn nicht in sein Mauseloch gejagt, scheinen Worte unwirksam. 
Das ist firgerlich. Wie unangenehm, peinlich wire es, wenn man schlieB- 
lich ihn doch zfichtigen miiBte. (Der zweite Schlag wfire eme Leichen- 
schfindung, sagt der Berliner.) C. 

A* * 

+ ■■b 

DER LASTIGE WEDEKIND. Wedekind protestiert. Jede Woche 
und jeden Tag. In Mfinchen und in Berlin. Und fiberall beunruhigt er 
das Publikum. Er protestiert gegen den Zensor und den Schauspieler, 
den Theaterdirektor, das Pjblikum und den Joumalisten, gegen alle und 
jeden. Kann er denn keine Ruhe halten? Er sehe auf Hauptmann. 
Der schafft seine Werke und damit basta, klagt nicht und ruft nicht um 
Hilfe, geht vornehm und ruhig seines Weges. 

Mir f&llt eine Geschichte ein. Ein etwas unbeholfener und ver- 
sonnener Freund hat sie mir erz&hlt. 

Eines Nachts geht mein Freund fiber den Hohenzollemsteg und hfirt 
unten im Kanal pl&tschem und schreien. Er beugt sich fibers Gel&nder 
und sieht zu seinem Erstaunen einen Mann im Wasser verzweifelt um 

sich schlagen. 

„Wie sind Sie da hinein gekommen ' ruft mein Freund hinunter. 
„Ich bin hineingefallen 1 '; gibt der arme Kerl zurfick. 

Mein wenig geiste3gegenwfirtiger Freund erfafit die Situation nicht so 
rasch, beugt sich tiefer fibers Gel&nde und schreit herunter: „Was tun 
Sie da unten 

Da wurde der Ertrinkende wfitend und brfillte im grobsten Ton zurfick: 
„Ich versaufe". Und ▼eisoff. C. 



294 Mitteilung 



MITTEILUNG 

Wir erhalten von Herm Hans Rosenhagen folgende Mitteilung mit dfer 
Bitte, sie zu veroffentlichen. Wir erfullen den Wunsch des Herm Rosen- 
hagen, mochten aber bemerken, daB wir niemals behauptet haben, 
daB Herr Professor Justi einen Einflufl auf den Inhalt und die Tendenz des 
Aufsatzes „Die Neuerwerbungen der Nationalgalerie 11 gehabt hat. Die 
Mitteilung lautet: 

„Zu den in Heft 3 und s des „Pan“ fiber meine Person gemachten Be- 
merkungen erklare ich, daB ich den Posten des Sekretars der Koniglichen 
Akademie der Kfinste weder erstrebt, noch mir irgendwelche Hoffnungen 
auf Erlangung desselben gemacht habe, ja gar nicht habe machen konnen, 
weil dieser Posten besetzt ist. Ich erklare femer, daB die Professorem 
Arthur Kampf und Ludwig Justi keinen irgendwie gearteten EinfluB, auf 
den Inhalt und die Tendenz meines im „Tag“, vom 14. Oktober v. J. ver- 
offentlichten Aufsatzes „Die Neuerwerbungen der Konigl.National-Galerie‘“ 
gehabt, und daB ich niemals gegen irgendjemand geauBert, Professor Justi 
stande hinter meinen in diesem Aufsatz gemachten AeuBerungen fiber die 
Secession. 11 (gez.) „Hans Rosenhagen. 14 



Wir bitten, Mitteilungen und Beitrftge nur: 

An die Redaktion, Berlin W. zo, Victoriastrasse 5, zu adressieren. 
Bei umfangreicheren Zusendungen ist vorherige Anfrage notwendig. 
Sprechstunde: An Werktagen, mit Ausnahme des Montags, x — 3 Uhr, 
Berlin W., Victoriastrasse 5. 



Verantwortlich ffir die Redaktion: Albert Damn, Berlin-Wilmersdorf. 
Gedruckt bei Imberg ft Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. 







Friedrich 



*95 



• . - * ■■ 

Friedrich 

i 

Von EMIL LUDWIG 

r ' ■ ’ : 



Im GJeichgewicht beginnen viele Gestalten ihre Bahn, dann 
wer den sie von den Ereignissen beunruhigt und enden ohne 
Harmonie. Manche tragen von Anbeginn den Geist des Wider - 
spruchs in sich, so tiei, dass auch die gliicklichste Entwickelung 
sie riicht heilen kann. Wenige sind es, die treten ein voll Unruh, 
Dunkelheit utid innerer Spaltung, dann aber werden sie in ihrem 
Lauf von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gewisser , werden klarer, bis 
sie am Ende ihrer Bahn zu jener Harmonie gelangen, fur die sie 
die Natur vorausbestimmt. 

Zu diesen zahlt Friedrich. 

. ^ 

Zwei Neigungen gef&hrdeten ihn : sein Hang zu ptatOnischem 
Denken und zur' Lebensform des Weltmannes. 

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Zwei Ereignisse reiften ihn : der Zorn des Vaters und die 

Foigen seiner ‘Ruhmsucht. 

* * 

* 

Mit 16 Jahren war Friedrich kaum mehr als ein Zarter 
hiibscher Knabe, die langen Locken wohlgekr&uselt, mit einem 
Hang zu den Kdnsten der Frauen. Mit Recht schilt ihn der Vater 
effeminiert, denn auf preussische Throne gehdrt kein van 
DyckischerPrinz. Nun kommt er an den Dresdener Hof, der Rausch , 
die Feste uberfluten ihn. Friih sinnlich, schmachtend, weiblich wie 
er ist, beginrit er mit einem Raffinement : sterblich verliebt er 
sich in ein alteres, rassiges, heiteres Mftdchen (die schSne Gr&fin 
Orzelska), die man in M&nnerkleidem kaum erkannte. Doch 
als ihm dann auf einem Maskenfest eine andere SchSne,, wenig 
verhiillt, hinter einem Vorhang gezeigt und angeboten wird, ver- 
lasst er die Gr&fin. Von nun ab tanzt er leidenschaftlich. 



Wieder in Berlin, wird er schwermiitig und dichtet die ersten 
Liebesoden. Dies ist der Auftakt einer hdchst unpreussischen 
Prinzenbahn. 

fer ist nicht mutig von Natur. Sein Vater schilt ihn, dass er 
sich so schm&hlich behandeln lasse, doch als er ihm antrSgt 
auf die Krone zu verzichten, um dafiir seinen Neigungen zu leben, 
lehnt Friedrich dies entschieden ab. Es foigen die zweim&ligen 



Versuche zur Flucht, in Steinfurth und in Wesel. Beide scheitem. 

T ^ 

War ihm zu wiinschen, dass sie gluckten ? Was w&re aus ihm in 
England geWorden, aus diesem haltlosen jungen Herm ? Sofern 
er zur Harmonie in reiferen Zeiten ausersehen war : hier muflte 

j . . 1 ■ P 

er J stTaUCheln und Strafe leiden. • 




2p6 



FjrtaJrich 



Er schwdrt, nie werde er nachgeben. Zwei Monate sp&ter, 
in der Kiistriner Zelle. schwdrt er : alleszu tun, was der Vater 
verlange, dem Kdnig wie ein. Knecht zu gehorchen. Nach Kattes 
Tode zittert er vor allem fur sein Leben, misstraut dem Prediger, 
der ihm berhhigendes Wasser reicht, misstraut nocb seinem Zu- 
spruch, cten er fiir letzte Trostung vor dem Tpde nimmt. ... 

Minnlicher in jedem Betracht, kehrt er in Freiheit und 
Stellung zuriick. Hier begann seine Verschlossenheit, seine 
Gottesfurcht, seine dynamische Orientierung. 

Verldbnis und .Ehe nimmt er, bei allem Abscheu vor der Aus- 
gew&hlten, gern an als Mittel zu grosser er Freiheit. Da diesen 

1 ' r ‘► r , * 

geistigen, den eigenen Vdtern fremden Mann nie der Gedanke 
der Generationen fasste, blieb er recht froh ohne Kinder und 

: % ■ ■’ 1 i 1 " i - * 

hat den Wunscn nach solchen , auch nach illegitimen, Rentals 
ausgedruckt. Seine Unruhe hat andere Quellen. 

Credo des 20 jShrigen : „Ieh bin ail mein Lebtag unglQcklich 
gewesen, vielleicht dass ein pldtzliches Gluck auf all den Ver- 



druss mich zustolz gemacht hatte. Es steht mir noch immer 

eine Zuflucht often : ein Pistolenschuss kann mich von diesem 
Leben und Leiden befreien. Ich fiihle, wenn man jeden Zwang 
so hasst wie ich, dann treibt einen das heisse Blut immer zum 

F | t 

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Extreme hin. — — — 

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Die Jahre von Rheinsberg gelten fiir Friedrichs gliickhchste 
Zeit. Es war nur seine ruhigste, war eine Vorwegnahme des 

■ J * ' L ' * ■ l*| l' P I »■ 

25 j&hrigen, der 20 Jahre sp&ter in Sanssouci dieselbe Lebensform 
zur Reife brachte. Ein junger Mensch, ganz unerprobt, , sehr 
tatenlustig, nicht in der Lage abzusehn, wann er zum Handeln 

berufen wiirde, lasst sich von Knobelsdorff auf das Portal 

* , - 

seines Landhaiises meisseln : Frederico tranquillitatepi colenti. — 

1 * - ' . j 1 4 - 1 

Lustschiffe auf dem See, er selbst als Liebhaber den Philpktet, 
den Mithridates spielend, spielerische Griindungen von Ritter* 
orden, die den altfranzdsischen Ritterstil erweckten, viel unge- 
priifte, schone Sltze bei Tisch, Prachtausgaben der Kenriade, 
Herbeiholung der neuesten Schriften des Voltaire aus Paris, von 
Friedrich „mein goldenes Vliess“ genannt, Abfassung mittlerer 
Verse im Geschmack der Zeit : gleicht dies nicht Kdnig Ludwigs 
Fantasien? 

■ ^ - ’■ , . , ’ P j » - ■ . I * 

Doch hier sind es die Ziige einer Resignation : aus Glttcks- 
bestreben sich zum Platoriiker zu stempeln, da man vom Handeln 



ausgeschlossen ist. 



Ich gehdre zur Klasse der betrachtenden 



Menschen, was sicher das Angenehmste ist/* 
herrische Verschlossenheit. Das Ansrenehmstc 



Man spurt . die 



herrische Verschlossenheit. Das Angenehmste ? Warum . dann 
nennt er Verse und Weltweisheit nur „Trost** in schlinunpn 
Tagen, „hur Berauschung im Gliick“ ? Gehdrt zur Klasse der 



Friedrich 



397 



^ T h ' , - * 

Betrachtenden , wer aus der gesamten Philosophic sich stets nur 
fffir Moral interessierte, die der Lebendige sich noch am meisten 
fruchtbar machen kann ? Die Metaphysiker verachtet er und 
setzt sie mit gewissen chinesischen Gehei mniskr ftmern in Ver- 
gleich. Und als man ihm Wolffs Metaphysik fiber tragen und ab- 
geschriebefi hatte, nahm ihm einer jener exotischen Sonderlinge, 

die er in den Zimmem hielt, nahm ihm ein Affe die Arbeit ab 

t , - ' ♦ * - ‘ * 

und steckte das Werk unaufgefordert in den brennenden Kamin. 

Das Buch vom Ffirsten hat er falsch verstanden, es war allein 
fflr jene Zeit geschrieben, ein italisches Vademecum, um 1500, 
das niemand nach ^00 Jahren im kalten Preussen wider legen 
musste. Doch nicht zuerst aus ethischer Leidenschaft : aus 

* p 

Tatenlosigkeit, Kronprinzentum ist der , , Anti-Mac chiavell" ge- 
schrieben, wie Friedrich selbst Voltaire andeutet. Man ist geneigt, 
seine Leidenschaft fur dies pathetisch-zynische Genie als Signum 
seines Inneren zu iiberschfttzen. Voltaire war fiir Friedrich nur die 



Blttte eines Geistes» einer Sprache, in die sich notwendig ver- 
senken musSte, wer um 1740 Geist besass. Wie hiessen denn 
die grossen deutschen Kdpfe, die Hamals wirkten ? Die 
„Grossen‘* waren samt und sonders ungeboren. 

Den Prinzen schiitzte vor Ueberwucherung des Literarischen 
sein Temperament, auf der Lauer. 

Credo des 37 j&hrigen : ,,Ich fange endlich an, die Morgenrdte 
eines Taees aufdSmmern zu sehen. der meinem Auae noch 



nicht Vollst&ndig leiichtet. 



ii 



eines Tages aufd&mmern zu sehen, der meinem Auge noch 
nicht Vollst&ndig leiichtet/* ]Und ein anderes Mai : „Es soli doch 

eine Lust sein, ganz allein in Preussen Kdnig zu sein !“ 

a a 

♦ 

Mit 17 ein durch Zwang d&monischer, mit 37 ein durch Zwang 
platonischer Mensch. Die Synthese war ein Kdnig. 

; Nun endlich, frei von jeder Ndtigung, brach Leidenschaft 
sich durch. Ins Erotische konnte. sie sich nicht wenden : „Ich 
liebe daS weibliche Geschlecht, aber meine Liebe zu ihm ist eine 
sehr flflchtige. Ich suche nur den Genuss und hemach verachte 
ich es.“ Sie wurde Ehrgeiz, wurde Ruhmsucht. Dieser Mann 
wird von der Gloire erfasst und hingerissen. 

Wenige Monate ist er Kdnig: und schon benutzt er den ersten 
Anlass, Karls VI. Tod, um alte Forderungen auf Schlesien zu er- 
heben. Kaum ahnt er, was er tut, — - was ganz Europa toll nennt. 
An die Generale: „Ich denke meinen Schlag am 8. Dezember aus* 
zufiihren und damit die kiihnste, durchschlagendste und grdsste 
Untemehmung zu beginnen, deren sich jemals ein Fiirst meines 
HaUSes unterfing/* An den Freund Jordan : „Mein Alter, das 
Feuer meiner Leidenschaft, die Sucht nach Ruhm, nach Neugier 
selbst, um Dir nichts zu verschweigen, kurz ein geheimer Instinkt 

21 * 



4 

i 



2^0 



Friedrich 



hat mich aus der siissen Ruhe gerissen und die Genugtuung 
meinen Namenin den Zeitungen und dann im Buche der Ge- 
schichte zusehen, hat mich verfuhrt." Dies ist Friedrich, der von 
sich sagte, er konne sich einer Sache nicht halb ergeben, ,,ich 
muss immer kopfiiber hinein“. 

Auf dem Kampfplatz erschrickt er dariiber, was er gewagt. 
Vor seiner ersten Schiacht, bei Mollwitz ist er geflohen und erst 
nach 16 Stunden wieder erschienen, als alles vorbei und gewonnen 
war. Er war noch kein Feldherr, aber ein Genie. Ein Schlachten- 
held, einer, der die Schiacht als Exzitation liebte wie Napoleon, 
ist Friedrich nie geworden. Er hasste die Jagd und liebte den 
Tanz. Zu jener Zeit war er so wild, wie ein Kalender ihn darstellt, 
der ihn dem rasenden Roland verglich. Alles sprengte durch. Die 
Macht, die endlich seine Faust umspannte, war er gesonnfen 
griindlich zu nutzen. 

Am Tage, in der Stunde der Thronbesteigung hatte er sich 
bereits als Autokrat erwiesen. Der alte Dessauer fuhr zusammen. 
Friedrich war tolerant, doch hasste er die Menge. Kanaille, das 
war das Wort, das der Aufgekldrte Konig gern gebraucht. Eine 
burleske Leutseligkeit machte ihn erst sp&ter popul&r. Er liebte, 
wie jeder Offizier, nur seine Soldaten. 

Zwei iiberraschend schnellen Kriegen folgte ein Jahrzehnt 
der Ruhe. In Sanssouci wurde Friedrich zum Weltmann. ,,Wenn 
Sie hierherkommen,“ schrieb er Voltaire, „so sollen Sie an der 
Spitze meiner Titel stehen : Friedrich, Konig von Preussen, 
Kurf urst von Brandenburg, Besitzer von Voltaire . . Dies 
ist symbolisch . Er sammelte Philosophen um sich, wie einst 
sein Vater Lange Kerle gesammelt hatte : als Liebhaber, doch 
nicht als Philosoph. Das war so auffallend nicht. Gab es damals 
nicht Philosophen, die Gesandte waren, und Fursten, die liber die 
Freiheit des Willen schrieben ? „Ein Mensch“, schrieb Friedrich, 
„der die Wissenschaften pflegt und ohne Freundschaf ten lebt, ist ein 
gelehrter Werwolf. Nach meiner Ansicht ist die Freundschaft iu 
unserem Gluck unerldsslich.“ Niemand lebte geselliger wie er, 
— als „Philosoph von Sanssouci*' hatte er einsam leben miissen. 

Freilich glich dieser Hof , dur chaus nicht dem in Rheinsberg. 
Nun war Friedrich der Konig, nun hatte er Macht vor sich, Ruhm 
hinter sich, nun hatte er Freiheit und Geld, nun war er — Konig, 
hochgebildet und Genie — geschaffen einen Weltmann grossten 
Stiles darzustellen* Alles, was nicht den Staat betraf , betrieb er 
als Liebhaber mit den anderen im geselliger. Stil des RokokO : 
&iefe, Memoiren, Essays, das Fldtenblasen selbst, das ihn >zur 
weilen, wie er berichtet, zu neuen Gedanken angeregt, indem er 
es prominierend gedankenlos ilbte.; : 



Friedrich 




Dieser Platoniker lief sich selber nach : schon 1746 schrieb 

■ 

er'die Geschichte seines zweiten Krieges, der 45 geendet hatte, 
Doch da er ein grbsserer Feldherr war als ein Skribent, kam seine 
Feder nicht mit. Als Weltmann schrieb er franzdsisch, jedoch so 
unorthographisch wie deutsch, und es war nicht nur die Recht- 
schreibung, was franzdsische Sekretire ihm verbessern muss ten. 
Seine beruhmten Worte sind fast durchweg deutsch gesprochen 
worden. Die deutschen Marginalen enthalten die ungewollt 
preussische Philosophic. 

Zeichen wunderbarer Reife sammeln sich allenthalben. Er 
errichtet eine Gruft fiir sich, iiberbaut sie mit einem schlanken 
Socket, auf dem eine marmorne Flora ruht. Zu diesem Wahr- 
zeichen Von Tod und Leben blickt er t&glich vom Fenster hintiber. 

Credo des 35 j&hrigen Markers : „Ich liebe den Krieg um des 
Ruhmeswillen, aber wenn ich nicht Fiirst wire, wiirde ich*nur 
Philosoph sein. Schliesslich muss in dieser Welt jeder sein Hand- 
work treiben." — — - — 



Die schweren Folgen seiner ersten leichtsinnig-genialen 
Untemehmung reiften den Konig vollig aus. Nun erst, in jeneiri 

•m 

Krieg von sieben Jahren.gewannen seine Gaben ihre hochsteForm. 
Die grossen Gefahren steigen auf, die tiefen Depressionen, die ihn 
gekl&rt. Gleich im ersten Kriegsjahre hat er mehr Verse in 
3 Monaten geschrieben als je im ganzen Jahr : so viel Entlastung 
brauchte seine Seele. Er gab sich auf (nach Kunersdorf) Thron 
und Leben gab er verloren und redete schon den Neffen als Kdnig 
an. Im Getlimmel der Schlacht hatte er gerufen : „Gibt es keine 
verwiinschte Kugel fiir michl 44 Kurz darauf : „Herr, er liigt : 
ich habe keine Kanonen mehr ! 44 Und nach Kolin (der einzigen 
Schlacht, in der Friedrich den Degen gezogen) sagte er zum 
jungen Grafen von Anhalt : „Wissen Sie nicht, dass jeder Mensch 
seine Schicksalsschldge haben muss ?“ 



Berlin, Potsdam, Sanssouci fillt in die Hand der Feinde, 



der Kdnig konnte nicht wissen, wie nobel sich diesedort verhalten 



warden. Dies waren, trotz alter Strenge der Jugend, zum ersten 
Male Schltge eines GeSchickes, das der eigene D&mon herbei- 
genifen. Da sich lawinenartig nhh vergrdssert, was er dereinst 
selber ins Rollen gebracht, wird Friedrich immer strenger, pflicht- 
bewusster. SOllte er gefangen wferden, '-'so verbietet er. irgend 

i ^ ■ 4 4 

welche Entschidigung fiir ihn zu zahlen. Er fiirchtet nicht deil 
Tod; worn aber den Schmerz : „Der Schmerz ein SSkulum, der 
Tod ein Augenblick 44 . Nun wird es ihm mit einem Maleklar, dass 
er nicht zur „Klasse der Betrachtenden“ gehore : „Es scheint, 



scbreibt er an D'Argens 1761, „dass wir vielmehr ztlm Handeln 
als zum Denken geschaffen sind. 4 ‘ — Es scheint ... 



300 



Friedrich 



Ermiidet kehrt der Siegreiche heim. 

Credo des 55 jihrigen : , ,Ruhm ist eitel. Verdienten Menschen 
je eine Lobrede ? . • . . Man hat sie nur geriihmt, weil sie Linn 
gemacht haben.“ 

* * 

* 



Im kleinen Hause sitzt der grosse Mann. Zw&nzig JahTe 
segnet dieser wunderbar gekl&rte Sinn seine Linder. Nun gab es 
keinen Voltaire mehr, keine Tafelrunde. Die meisten Franzosen 
hat er davon gejagt. Die Schwester — der einzige Mensch, den 
Friedrich im Leben geliebt — ist tot. Er baut ihrem Gedichtnis 
einen Tempel. Zeitlebens hat er Freunde gesucht, kaum einer 
hat ihm die Treue gehalten. Die Generate, die er liebte, waren 
dennoch seine Freunde nicht. Fouqui und Lord Keith sind da und 



altera neben ihm. Ihnen schickt er hundert jihrigen We in, er- 



sinnt Instruments, da sie die Sprache, Rollstiihle, da sie das Gehen 



▼erlernen. 



Ganz klein hat Menzel es gezeichnet : wie Friedrich 



neben dem Rollstuhl des Freundes die Terrasse abschreitet, er 



selber noch riistig. Dann sterben sie, sterben auch die Entfernten, 
mit denen er korrespondierte: Voltaire, D’Alembert. Die Flote 



blies der Konig nun nicht mehr. 



Der Alte Fritz arbeitet. Man muss die Berichte lesen : wie 



dieser Konig buchstlblich am Morgen nach der Heimkehr aus 
dem Kriege die innere Arbeit des Landes systematisch beginnt. 
Verwustungen waren in dem neuen Lande. Er loscht sie; aus. 
Er trocknet Moore, pflanzt Wilder neu, schafft Wege und un- 
zihlige Gebiude. Nach einem grosse n Leben voll Leidenschaft 
und Betrachtung, voll Wildheit und Kiihle, voll europiischer 
Pline und Weltwirkung, gleicht seine reifste Weisheit der des 
▼ollendeten Faust. 

■ h ■■ 

Credo des 70 jihrigen : „Wer seine Lindereien verbessert, 
unbebautes Land urbar macht und Siimpfe austrocknet, der ge- 

winnt der Etarbarei Eroberungen ab.“ 

Er ist einsam, verschlossen. Den Nelfen, den er am meisten 
liebt, verliert er. Nur die Here sind noch um ihn. Die Windhunde 
liegen auf seinen Sesseln, in seinem Bett. Wenn sie sterben, 
begrabt sie der Kdnig unter Marmortafeln, neben den Bildsiulen 
Rbmischer Kaiser. Condi, der Schimmel, lluft frei umher und aul 
den Herm zu, der ihm Friichte gibt. 

Sein letzter Besucher heisst Mirabeau. Es ist — Fortinbras. 
Friedrich ist, auf einem Wege, unendlich ▼erschieden yon 
Goethes, zuletzt zu einer Hermonie gelangt wie dieser. Seine 
letzten Worte waren: , 

„Le montagne est passi, nous irons mieux.“ 





Gediditfe 





Gedichte 

Von GEORG HEYM 

•# 

■ ■ ' 

Diesen jungen Dichter hat in der letzten Woche der Tod weggeholt, als 

er ebon die starke Jugend und die Eigenart seines Erlebens (in Verse um- 
gegossea) auf eine grdBere Zahl von Menschen, darunter die Besten, 
wirkensah. Seine Gedichte, mehr oder weniger „reif“, aber stetsMitteilungen 
einer frischen und ganz unserer Zeit gehdrenden Kraft, hatten eben 
in Eulenberg einen Leser gefunden, der ihm mit guten, herzlichen, 

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paar Seiten, so voll j ungem Hafi und Zorn fiber die Wahlen, daB wir sie 
nicht drucken konnten, dann gab er uns diese Gedichte und ging aufs Eis. 
Er woUte Schlittschuh laufen, und die Tficke des frostigen Winters tdtete 
ihn, der gewifi leben wollte, der am Anfange eines schdnen Weges war. 



Der Sonntag 1 

Unter den bauchigen Himmeln, die schwer 
Ober den Totenacker der Felder gelegt, 

Auf den hohen Gebirgen von Schutte bewegt 
Sich die Wandrung von Menschen langsam einher. 

Dicke ' Rucken, grofie Hiite, unformlich und alt, 

Und m&nchmal behutsam ein riesiger Bauch 
Und h inter ihnen, groB, und verlassen vom Rauch 
Starret der Schomsteine dorrender Wald. 

-P 

Ober verregnete Wege und Lachen voll Wiederschein 
Morschen Ge wo Ikes setzen sie hinten ihr Storchenbein 
Ferner, in leere Fernen, und werden klein, 

Hier und da, auseinander, wie Striche fein, 

Irrend im dden Abend herum, 

* r 

Und die Locher der Wolken stehen wie Hdhlen rund tun. 






Halber Schlaf 

1 *■ 

* 

Die Finstemis raschelt wie ein Gewand, 

r 

Die B&ume torkeln am Himmelsrand. 

Rette Dich in das Herz der Nacht, 
Grabe Dich schnell in das Dunkele ein, 
Wie in Waben. Mache Dich klein, 
Steige aus Deinem Bette. 

Etwas will iiber die Briicken, 

Es scharret mit Hufen krumm, 

I- 

Die Sterne erschraken so weifi. 

Und der Mond wie ein Greis 
Watschelt oben herum 
Mit dem hfickrigen Riicken. 



Der Winter 



Der Sturm heult immer laut in den Kaminen 
Und jede Nacht ist blutig-rot und dunkel. 

Die Hauser recken sich mit leeren Mienen. 



Nun wohnen wir in rings umbauter Enge, 

Im kargen Licht und Dunkel unserer Gruben, 
Wie Seiler zerrend grauer Stunden Lange. . 



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Die Biihnen-Perspektive in Japan 




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Die Buhnen-Perspektive in Japan 

Von CURT GLASER 

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Es ist nichts schwerer, als sich von Begriffen frei zu machen, 
die im sprachlichen Ausdruck feste Form gewonnen haben, und 
mit den Mitteln eben dieser Sprache die Vorstellungen eines 
fremden Kulturkreises zu erortem , in dem gewisse und ge- 
lAufige Gedankenreihen immer fremd geblieben sind. Es ist in 
diesem Sinne beinahe unmoglich, eine klare Definition dessen 
zu geben, was wir in unseren Worten die Perspektive der japa- 
nischen Malerei nennen miissen, und nicht viel leichter ist es, 
das Problem der Biinenperspektive, die nur ein Teil der kiinst- 
lerischen Perspektive Uberhaupt ist, zu bshandeln. 

Bereits die Worte Buhnenperspektive in Japan sind ein 
Widerspruch in sich, denn eigentlich perspektivische Absichten 
fehlen der japanischen BUhne ganz, und das, wo von hier die 
Rede sein soil, ist eben diese Negation perspektivischer 
Wirkungen im japanischen Theater. 

Und doch ist das Wort unumg&nglich , da es uns an der 
Stelle so gel&ufig isc, dab es eines umst&ndlichen Denkprozesses 
bedarf, um eine Vorstellungsweise zu interpretieren, die ohne 
den Begriff auskommt, den unser Wort bezeichnet. Der Be- 
griff Perspektive in unserem Sinne ist dem Ostasiaten fremd. Die 
Forderung perspektvischer Darstellung taucht nicht auf, wo jede 
Absicht auf illusionsm&Bige Wirkung von vornherein fehlt. Und 
selbst das Wort Illusion Uberhaupt, das bei uns zur Grundlage 
eines ganzen, allerdings griindlich verfehlten dsthetischen Systems 
gemacht werden konnte, ist ebenso wie seine Negation in Wahr- 
heit nur irreftihrend in der Diskussion asthetischer Werte der 
japanischen Kunst, da der Gedanke an illnsionsmdSigd Wirkung 
nienaals die darstellende Kunst beschwerte. 

Die perspdctivische Wirkung ist nur ‘ ein Teil der illusions- 
mdfiigen Uberhaupt, und wenn hier nur von der BUhnen- 
pdrspektive die Rede sein soil, so bedeutet das die Ausldstmg 
eipes Einzelzuges aus dem Bilde des Ganzen, allerdmgs eines 
besonders charakteristischen Zuges, der seinerseits wiedef ge- 
eignet ist, den Allgemeincharakter dieser alien . uns , gel&ufigen 
Begriffen : so. fremden Kunst zu ierheBen. 

: 'rWer 'zum erStenmal ein japanisches Theater betritt, wird 
sich nicht so bald der prinzipiellen Verschiedenheit von dem 
europ&ischen . Schauspielhause bewufit . werden . Es gibt auch 



3®4 



Die Biihnen-Perspektive iri Japan 



hier ein Parkett, alter dings nicht mit Sitzreihen , aber es ent- 
spricht der japanischen Gewohnheit iiberhaupt, ddB man nicht ' 
auf Stiihlen sitzt, sondern am Boden kniet. Und man nimmt 
es wohl als natiirliche Folge hiervon, dafi das Parkett tiefer 
liegt, und die zwei G&nge, die es seitlich durchqueren, hdher, 
in gleichem Niveau mit der Biihne. Eine schmale ringsum- 
laufende Zuschauergalerie vervollst&ndigt gewohnlich das Bild 
des Innenraumes des japanischen Theaters. 

i 

Die Biihne wird durch einen Vorhang abgeschlossen wie 
bei uns, aber sie hat die voile Breite des Hauses, und so fehlt 
der Rahmen, der den Vorhang faBt. Diese Rahmenlosigkeit 
des Vorhangs und mit ihm des Biihnenbildes ist das erste 
greifbare Sy mp tom der durchaus verschiedenen Wirkungsart 
der Biihne in Japan. Sie allein wire imstande, AufschluB zu 
geben iiber die prinzipielle Divergenz der Absichten des 
japanischen und unseres europiischen Schauspiels. 

Das Biihnenbild vermag so gut wie das gemalce Bild in 
Japan das isolierende Moment des Rah mens in unserem Sinne 
zu entbehren. Das europiische Gemilde hat den Charakter ’ 
des Ausschnitts. Denkt man es sich flach aufgelegt auf ein 
Sttick Seide wie das japanische Bild, so ist es ohne Grenzen . 
Es braucht die Fassung von auBen. Das japanische Bild hat 
seine Erfiillung innerhalb der eigenen Fliche. Es streift nicht 
die illusionshafte Wirkung, die durch Fortlassen der Rahmung 
im europiischen Bilde leicht zum Panorama- und Panoptikum- 
witz herabgewiirdigt werden kann. Und so braucht die 
japanische Biihne nicht den Rahmen, weil sie nicht den Aus- 
schnitt eines Wirklichen darstellen will, sondern ihre eigenen 
Daseinsbedingungen hat, ihren eigenen Gesetzen folgt. 

Die Biihne ist nicht eines, der Zuschauerraum ein anderes, 
sondern beide stellen in Wahrheit ein einheitliches Raum- 
ganzes dar. Der Vorhang trennt nicht zwei gesonderte 
Riumlichkeiten, sondern er dient nur dem praktischen Zweck, 
den Hintergrund des Raumes wihrend groBerer Verwandlungen 
den Blicken d« Zuschauers zu entziehen. Die Biihne aber 
erstreckt sich in Wahrheit durch den ganzen Raum, von der 
Eingangsliir, durch die der Schauspieler auftritt, bis an die 
RUckwand . Das Theater ist nicht ein groBes Haus ffir Zu- 
schauer, an das ein erhdhtes Podium, die Biihne, angebaut ist, 
sondern das Theater ist das Haus, in dem das Spiel vor sich 
geht, in dem die Helden der japanischen Geschichte wieder 
lebendig werdm, und die grausamen Schicksale einer kriege- 
rischen Vergangenheit an jedem Tage neu sich erfiitlen. ; 




Kulturgeschichte k la frtn^&iie 




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Kulturgeschichte & la frah^aise 

Von FRITZ MOLLER 

■ 

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Vor mir liegt ein Schulbuch: 

Petite Histoire de la Civilisation franqaise. Des Origines 
jusqu’cL. nos jours. 430 gravures. Par Alfred Rambaud, Membre 
de l’lnstitut, Professeur k l’Universitd de Paris. Erschienen ist 
es bei Armand Colin, Paris 1908. 

Zweck des Buches ist, den Anteil Frankreichs an der 
Kulturgeschichte der Menschheit darzutun und den Zusammen- 
hang zwischen dem einen und dem andem aufzuweisen. Ein- 
gefiihrt ist diese Kulturgeschichte an den franzdsischen 

Elementar- und Mittelschulen. Auch in der Schweiz ist sie 

■ 

viel verbreitet. An der Hoheren M&dchenschule von Zurich 

■ 

zum Beispiel wird sie benutzt. In der Vorrede heiBt es : „Les 
41 &ves doivent l’avoir entre les mains, le lire et le retire avec 
attention, jusqu’i presque l'apprendre par coeur." (Der 
Sperrdruck steht so im Buche.) 

Folgendes habe ich aus dem Buche gelernt: 

Das Leuchtgas ist gegen 1800 von dem Franzosen Lebon 
entdeckt Borden (Seite 233), dessen Erfindung aUch nach 
England kam. — Dafi dort schon 1727 und 1739 die Engender 
Hales und Clayton aus der Steinkohlendestillation dasselbe Gas 
gewannen, ist fur unser Buchlein nicht von Interesse. 

Der Erfindung der Rtibenzuckerfabrikation wird auf 
Seite 232 ein grofies Bild gewidmei. Dafi es sich dabei um 
die Entdeckung eines deutschen Chemikers Marggraf im 
Jahre 1747 handelt, ist unerheblich. 

Seite 233 steht: „Im Jahre 18x0 set zee Napoleon eine 

Million Franken aus ftir die Erfindung einer Flachsspinn- 
maschine. Siebenundsechzig Tage sp&ter nahm der Franzose 
Philippe de Girard sein Patent." Fix, nicht wahr? Nur 
vergifit es das Buchlein leider, des Eng lenders Arkwright auch 
nur mit einem Wort Erw&hnung zu tun, der schon vierzig 
Jahre vorher die Unbescheidenheit hatte, seine Spinnmasdtine 
zu erfinden. 

Dafi die Eisenbahnwagen zuerst in England lief en, wird 
zwar auf Seite 253 zugestanden , aber der Name Stephenson 
versch&mt verschwiejgen, wohl aber (in Fettdruck) mitgeteilt, 
dafi Herr Seguiri im Jahre x 826 die erste Eisenbahnkonzession 
fur St. Etienne — Lyon erhielt. ’• 



308 



Kulturgeschichte A la frah^aise 



Dafi der Graf JoufJfroy d’Abbans schon im Jahre 1776 
auf dam Daubs mit dam ersten Dampfschiff fuhr (Seite 170) 
ist um so erstaunlicher, ab das erste brauchbare Dampfschiff erst 

dreifiig Jahre sp&ter von Fulton den Hudson hinaufdirigiert 

wurde. 



Wie erstaunlich der Zufall wirkt, ersehen wir daraus. 






taut Seite 169 der Blitzableiter zu gleicher Zeit im Jahre 1752 
von den Franzosen Dalibard, Buffon und Romas und — auch 

^ 4 

von Franklin erfunden wurde. Franklin wird also seinen bis- 
herigen vollen ‘ Entdeckerruhm klinftighin auf eip Viertel 
herunterschrauben miissen. 



A r 



Nicht minder verwundert diirfte Stephenson sein, aus Seite 

169 zu erfahren, daB der Franzose Cugnot schon im Jahre 
1769 den ersten Dampfwagen konstruierte, so daft der Eng- 
Iftnder also voile 35 Jahre mit seiner Erfindung zu spftt ge- 
kommen ist. Es geschieht ihm also ganz recht, wenn er . in 
dieser Kulturgeschichte nicht beriicksichtigt wird. 

Er. teilt damit das Schicksal Watts, der so unhbflich war, 

■ L * . 1 ■ < • ^ * 

seine Dampfmaschine schon i 769 zu konstruieren, trotzdem der 
erste verniinftige Dampfke.ssel laut Seite 252 erst von dem 
schon fruher erw&hnten Seguin erf unden wurde. 

Schon 1803 hat laut Seite 253 Dallery die Schiff s- 
schraube erfunden und damit die wirkliche Erfindung des 
Osterreichers Ressel im Jahre x 829 um voile 26 J ahre voraus- 
geahnt. 

E 

Auf Seite 268 befindet sich bei Besprechung der Rotations- 
presse eine solche Presse mit dem Aufdruck „MarinOni“, ron 
dem deutschen Erfinder K6nig aber steht kein Wort dabei. 

DaB laut Seite 75 der gotische S til ein Pariser Artikel 
ist, miissen wir Deutsche freilich wohl oder libel verwinden. 

Der Franzose Faye hat laut Zeugnis auf Seite 288 die 
Kometenbahnen als erster erkldrt, trotzdem wir Ign oran ten 
dieses Verdienst bisher allgemein Newton zugeschrieben haben. 

Femer hat der Franzose Pierre Jules Cdsar Janssen (sprich 
Schangsang) schon im vorigen Jahrhundert die wahre Natur 
der Sonnenflecken erkl&rt, w&hrend uns heute nochaufden 
Hochschulen mitgeteilt wird, dafi wir darliber noch nicht im 
Klaren sind. 

Was mich gewimdert hat, ist, daB das Btichlein die Er- 
findung der Buchdruckerkunst doch dem Deutschen Guten- 
berg zuspricht, obgleich ich in einer Histoire fran^aise fiir 
Mittebchulen noch vor wenigen Jahren den Nameh eines Slid- 
franzosen dafifc eingeSetzt fand. 



A * 



4 



Kulturgeschichte & la francaise 



• L4. 



Seite 292 klfirt uns dariiber auf, dafi die Agrikultur- 
chemie ihre Fortschritte im vorigen Jahrhundert in ecster 
Linie den Herren Boussingault und Payen verdankt. Von 
Liebig, hat der Verfasser des Buchleins nie etwas gehdrh 

Auf Seite 296 wird mitgeteilt: ,, Unsere Industrie schUigt 
jede Konkurrenz in alien Artikeln, zu deren Herstellung Geschick- 
lichkeit und Geschmack notig ist.“ Ja ja, fiber den Geschmack 
1st eben nicht zu streiten. 

Das elektrische Licht verdanken wir dem Franzosen 

. : ■ *. ' : r r ‘ * * 

Rdgnier (Seite 209) in erster Linie. Der Englftnder Swan und 
der Amerikaner Edison wird beil&ufig dazu erwdhnt. 

Auch der Phonograph wurde nicht etwa Ton Edison, sondern 
laut Seite 290 zuerst von dem franzdsischen Buchdruckerei- 
korrektor Lion Scott entdeckt. 

^ , % 

Nicht Siemens, sondern der Franzose Gramme hat 1871 
die Konstruktion der Dynamomaschinen „mit ungeheurer 
Kraft 4 * (d’une force inorme) inauguriert. So steht es wenigstens 
auf Seite 290. 

Eine Seite sp&ter ist zu lesen, dafi der franzdsische Ingenieur 
Deprez schon im Jahr 1881 gezeigt habe, wie man elektrische 
Kraft auf weite Entfernungen nutzbar macheh kdrtne. 
Das tats&chlich aber erst 1891 auf der Frankfurter elektrischen 
Ausstellung das Problem auf 175 km von Lauffen am Neckar 
wirklich gelost wurde, davon weifi das Bfichlein nichts. 

„Im Jahre 1829 assozierte sich Niepce mit Daguerre, um (!) 
die Photographie zu erfinden 44 , ist auf Seite 3x1 zu lesen. Dafi 
schon 1802 die Engl&nder Wedgewood und Davy simtliche 
photographische Prinzipien feststellten, ist ja wirklich gleich- 

giiltig. 

Die Tatsache, dafi Thimonnier im Jahre 1840 den fur die 
wirkliche Nahmaschine vdllig belanglosen Kettenstich fand, 
genfigt dem Buche, um diesen Mann als Erfinder der Nih- 
maschine zu bezeichnen, obgleich es bekannt gen.ug ist, dafi die 
Erfindungen eines Hunt und Howe in New York im Jahre X834 
diese Maschine ins Leben riefen. 

Von der Spektralanalyse erz&hjt das Buch an ver-. 
schiedenen Stellen eine Reihe von D ingen. Dafi die Deutschen 
Kirchhoff und Bunssen sie begrfindeten, wird verschwiegen. 

Als den Erfinder der drahtlosen Telegraphie nennt das 
Buch in erster Linie den Pariser Branly, w&hrend bisher alle 



Welt darin emig war, dafi dieser Ruhm dem Italiener Marconi 
zuik&me. . 

, " *■ ■ ^ . J ' 1 

VSllig neu mutet uns auch die Mitteilung an, dafi . das 
Telephbn eigentlich eine Erfindung des Franzosen Boursel 



Kuiturgeschichte a la ; francaise 



ist aus dem Jahre 1854 (Seite 290), und daB es der Deutsche 
Reifi und die Amerikaner Bell und Edison spftter lediglich , ,ver- 
bessert“ h&tten. < 

Das ist hier nur eine Auslese dieser ,,Kulturgeschichte“. 

* * |t 

Ich habe aufierdem noch eine Menge drbaulicher und tiber- 
raschender Dinge darin gefunden, die uns im Verein mit den 
mitgeteilten Proben wohl oder libel ▼eranlassen mtiBteh, die 
Kuiturgeschichte, welche wir an unseren Schulen bisher lehrten, 
yon Grand aus umzlikrempeln, da sie, an der franzdsischen 
gemessen, einfach falsch ist. 

Im Ernst i Franzosche Patrioten haben sicher das Recht, 
durch franzosisch gef&rbte Glaser zu sehen. Das ist erlaubt. 
Und dafur ist es auch eine franzdsische Kuiturgeschichte. Mehr 
oder weniger wird sich eine jede Nation dieses Vergniigen ge- 
statten. Aber das Vergniigen hat eine ernste Grenze. Und 
diese Grenze liegt da, wo die offenbare F&lschung beginnt. 

Gewifi, es gibt Erfindungen und Entdeckungen, wo die 
neckische Puplizit&t der Ereignisse das Erstgeburtsrecht etwas 
zweifelhaft erscheinen l&Bt, wo also zum Beispiel ein F r anzpse 
und ein Deutscher Anspruch auf die Vaterschaft machen. Der 
einlache Kulturanstand wiirde es aber in solchem Falle er- 
fordern, den einen und den andern zu nennen und nicht den 
andern grundsatzlich zu unterschlagen. Oder sollten die 
Franzosen ihren beriihmten Gesetzesparagraphen vom Code 
Napoleon: ,,La recherche de la paternite est interdite**, so ver- 
standen haben wollen, daB in den franzdsischen Schulen bei 
der Darlegung von Erfindungen nach einer andern al$ der 
franzdsischen Vaterschaft nicht geforscht werden darf? Zu 
dutzenden Malen tut das diese Kuiturgeschichte. 

Ist ein solches Verfahren schon mehr als unfein, so ist es 
noch schlimmer, da wo in der wissenschaftlichen Welt*) die 
nichtfranzosische Vaterschaft einer Erftndung unzweifelhaft fest- 
steht, den fehlenden Entdeckerruhm durch eine ,,Erfindung“ 
aus dem Handgelenk zu ersetzen. Auch das tut das Buch. 

Alles das ist zum mindesten eitel, um nichts boseres zu 
sagen. , 

Beklagenswert aber ist es, daB jahrlich Millionen franzo- 
sischer Kinder mit solchen firefarbten. verbocrenen und ver- 



mit solchen gefarbten, verbogenen 



yer 



*) Leider scheinen die franzdsischen Wissenschaftler selbst von diesem 

9 1 ' 

kindlichen Ueberpatriotismus angesteckt zu sein. Sonst h&tte es dem 
franzdsischen Chemiker Wertz nicht passieren durfen, sein bertyiupites 
und grundlegendes Weric iiber die „Theorie des Atoms" mit deni' Satze 
zu begifmen: ,,La chimie est urte Science fran^aise". ! . 




Kulturgeschichte & la fran^aise 3x1 




logenen Kultur-,,Geschichtchen“ angefiillt werden, daran ge- 
wfihnt werden, das Vaterland allezeit in bengalischer Beleuchtung 
zu sehen und die tibrigen Nachbarstaaten , soweit sie nicht 
vdllig als „barbares“ behandelt werden, bestenfalls als geistige 
Provinzen der „grande patrie“. 

Ein falscher Hochmut wird damit groBgezogen, der ja an 
and fur sich andere Vblker kalt lassen kdnnte, wenn er nicht 
eine Gefahr mit sich bringen wiirde, die uns auch angeht: 

Ich denke dabei an diejenigen Zeitl&ufte, wo sich zwei 
Vfilker politisch, kulturell Oder sonst irgendwie auseinander- 
zusetzen haben. Im Interesse einer wahren Kultur wire da 
eine friedliche Auseinandersetzung doch sicher zu wfinschen. 
Wird aber diese nicht eminent dadurch erschwert, ja vielleicht 
unmoglich gemacht, wenn der eine Teil mit einem ins Riesen- 
hafte gesteigerten falschen Kulturstolz durchsetzt ist, 
der den andern Vdlkem in ihrer Bedeutung und ihrem Wert 
nicht mehr gerecht werden kann ? 



* 






312 



Abschied des JoiimalisteH 



Abschied des Journalisten 

■ 

Die Einen sagen, der Einfluss des Journalisten in unserer 
Zeit sei zu gross, und er sei unberechtigt. Denn er schreibe fiber 
Menschen, die er nicht kenne, Dinge, von denen er nichts ver- 
stehe. Sie mdchten ihn dem torichten August im Zirkus ver- 
gleicben, der den Pferden mit grossen Bewegungen nachl&uft 
oder die leeren Gesten zu den Kunststficken der Akrobaten 
macht. Er sei kein Fachmann und rede in alies hinein. Die 
Anderen glauben sein Metier tiefer gefasst zu haben, wenn sie 
ihre billige oder unaufrichtige Subjektivitftt ihm als kfistliche und 
fruchtbare Empf indung preisen und feststellen: sein Wesen sei 
Beziehungslosigkeit. Ihr Argument bekrfiftigen auch sie mit 
dem Hinweis auf die Ftille der Stoffe, die der Kreis jouma- 
listischer Tatigkeit einschliesst, und so gdnnt ihm die Welt der 
Spezialisten aus Ausbildung und Einbildung, Beschr&nkung und 
Beschrinktheit ihre Verachtung. Scheint aber die Sonne sehr 
gn&dig, so gibt man Ausnahmen zu, nennt dann den Braven, 
um ihn aus der schwarzen Herde hervorzuheben, nicht mehr 
Journalist, sondem Literat und Publizist, Schriftsteller und 
Redakteur. Solches Lob verkennt nicht weniger als die Ablehnung 
des ganzen Berufes Wert und Unwert, Moglichkeiten und 
Grenzen, Gluck und Ungliick des Journalisten. Nicht Wort oder 
Schrift ist das Instrument des Journalisten. Sonst wire er Redner, 
Dichter, mehr oder weniger. Er ist vor allem anderes. Sein Weg 
zur Wirkung ist im letzten Verstande nicht die Sprache, nicht 
die Drucktechnik. Sowie kein Theaterstiick fertig ist, bevor es 
ein wirkliches Publikum erschuttert oder erheitert, zu Jubel 
oderWut reizt, bevor es also gespielt und gehort ist, so ist Schreiben 
nur dann J our nalismus , wenn die letzte Erfiillung: Wirk ung 
durch die Zeitung geschieht. Der Artikel in der Lade oder als 
Buch veroffentlicht ist so we nig Journalismus, wie eine Parti tur 
Musik. 

J ournalist sein, das ist nicht ein Beruf , den man ausfiillt, nicht 



ein Amt, das 



verwaltet. Es ist eine Dase ins form, ein Erleben 



mit alien Hemmungen und Hohen, alien Torheiten und Schmerzen 
jeder Existenz, aufsteigend bis zum Gluck, die Resonanz der 
eigenen Personlichkeit ins Weite zu spiiren und abstfirzend bis 
zum tiefsten Ungliick, das nicht etwa Schweigenmfissen 1st, 
sondem Rufer in der Wiiste zu sein. 



Abschied des Joumalisten 




1 



Die tigliche Not des Joumalisten ist nicht Armut an Be- 
ziehungen, sondem der innere Kampf mit der Fiille seiner Be- 
ziehungen zu allem, was tun ihn ist und geschieht. Sein Schicksat 
einer Sekunde, sein Verh&ltnis zum eiligen Leben muss Fotm 
werden, die in innigster Nachbarschaft mit den Gestaltungen, 
die aus dem Weltgefuhl anderer Joumalisten geboren werden, 
zu neuer Fruchtbarkeit gefiihrt wird, durch Setzmaschine und 
Druckpresse, Mitwirkung von Arbeiter- und Verlagsorganisation, 
die das neue Blatt scheinbar in alle Windrichtungen zerstreut, 
in Wahrheit ihm erst die Kontinuit&t der Wirkung gibt. Das 
Erzittem der Nerven und der Setzmaschine ist schliesslich Eines : 
Rhythmus der Journalistik. 

In einem einzigen Satze kann man sagen, was der Journalist 
tut: Antworten auf Fragen geben. Alles Geschehen, 
der Anblick einer kleinen Elendsgasse, das Spiel im Theater, 
die Feuer, die aus der Grube schlagen, — es sind Fragen, die 
dem Joumalisten gestellt werden. Die Wellen kommen zu ihm, 
die Anlisse sind gering oder pathetisch, aber die Strahlen gehen 
durch den Joumalisten nicht durch, er kann und will sich keinem 
Erlebnis entziehen; er antwortet. Refleze und Reaktionen werden 
in Refleze und Reaktionen umgesetzt. Leben wird gelebt, die 
heftigen Stosse und die leisen Schwankungen losen im Jouma- 
listen, ob er nun mag oder nicht, Aktivit&t aus, die dem Scheine 
nach Reportermeldung oder Dichtung ist, im richtigen Verstande i 
Antwort auf eine Frage. 

Darum ist der Journalist Herr und Knecht. Diener, weil er 
dem Geschehen, den Ereignissen sozusagen unterjocht ist, die 
ihn nicht nach Zeiteinteilung, Arbeitslust, Pl&nen und schemas 
tischen Absichten fragen; Herr, weil seine Spiegelung der Welt, 
wenn sie die Gestalt der Zeitung angenommen hat, eine neue 
Welt geschaffen hat. 

Darum ist die Aufforderung, er solle seine Stoffe „wtirdig“ 
wihlen, so unsinnig wie das Verlangen, sein Stil solle immer 
gleich, solle so oder so sein, toricht. Seine S&tze miissen reinlich 
sein, wie die Typen sauber gegossen. Aber da sein Tun nicht 
mehr und nicht weniger ist als Antworten auf Fragen geben, 
die nicht nur verschieden sind, sondem von Verschiedenen ge- 
stellt fur Verschiedene gel ten, werden ihm allm&hlich die Stoffe 
gleichgultig. Ob er Politik treibt, von Hiiten, dem Frdhling; 
der Thronrede spricht, es ist ihm immer nur ein Anlass die Seite 
seines Tages zu schreiben. Durch jede Zeile sucht er sein Ver- 
h&ltnis zum Dasein mitzuteilen, aber nicht auS engem Egoismus, 
nicht nur um die eigene Spannung zu losen, sondem um sich 
im Ganzen durch immer neue F&den find Tdue zu befestigen, 



3x4 Abschied des Journalisten 




das Bewusstsein seiner Zugehdrigkeit zu Allem, Nichtigem oder 
Wichtigem — die Stoffe zu werten hat man aufgehdrt — froh 
zu geniessen, jenes Gefiihl der Einsamkeit, das man einmal 
stolz spiirte, mit dem man ein andermal sentimental t&ndelte, 
einzutauschen gegen die Hoffnung der tiefsten Zusammen- 
gehdrigkeit zu Allem, was da ist. Nur ein Stoff ist ihm unmoglich: 
der ihn nichts angeht. Nur e i n e Lebensbeziehung ertr&gt er 
nicht: in einem Ton sich dem Geschehen gegeniiberzustellen, der 
nicht seinem Gefuhle entspricht. Er kann nicht raufen wie ein 
Soldner, weil gerauft werden soli, nicht die Geb&rden der Liebe 
machen, wo er kalt ist. Er prostituiert sich, aber indem er sich 
wirklich hingibt. 

Und sein Stil, der so oder so, personlich, impressionistisch, 
polemisch, stets der gleiche, der abgestempelte sein soli ? — man 
spricht anders zu einem Theologieprofessor als zu einem Schuster* 
buben, anders zu einer Frau, hinter der alle Schicksale liegen. 
als zu einem M&del, das heiss ist von tausend ungekiissten Kiissen. 

Man riickt in Jahre, in denen man lieber durch das Medium 
eines Massenblattes vielen unbekannten Mengen irgendwie ein* 
pr&gen will, was Einen bewegt zu Liebe, Zorn, zu Ruhrseligkeit 
oder Geh&ssigkeit meinetwegen, als tausend Kritischen ein Spiel 
der Worte, Gedanken zu bieten. Der Rythmus, um den es Einem 
nun beim Schreiben geht, ist nicht mehr eine Qualit&t des einen 
Artikels, Buches, der einen Glosse allein; vielmehr die Art der 
Bindung oder Trennung, das Fliessen der Wellen oder der Wirbel- 
wind zwischen dem publizistischen Tun und dem kompakten 
oder zersplitterten, mag sein tiefstehenden, mag sein lange, 
lange gleichgultig bleibenden Publikum 

Das einzige Gliick, der einzige Erfolg, den der Journalist, der 
Redakteur, wie ich ihn erkenne, haben kann, ist die Wirkung, 
und die kann er nur erleben, wenn sein Blut und sein Blatt dem 
gleichen Rhythmus gehorcht. 

Kein Journalist kann deshalb die Vorstellung eines Anderen, 
wie ein Blatt sein soil, in die Wirklichkeit umsetzen. Nur wenn er 
yollig und froh dem Reize, der auf ihn wirkt, gehorcht, kann er 
aus einem Sammelsurium meinetwegen kluger, gelehrter, f einer, 
▼ielleicht auch temperamentvoller Aufs&tze eine Zeitung, eine 
Zeitschrift machen. Leuchtkraft erwichst dem, was er selbst 
schreibt, Stosskraft dem, was er herausgibt, redigiert, Wirkung 
all seinem Tun und Unterlassen, seinem W&hlen, Ordnen, Schwei- 
gen nur wenn er nach seinem Ziele zielt. Nie, wenn er ein 
kommandierter Offizier ist. Ob er seine eigenen Artikel in Druck 
gibt oder die eines andem in die Setzerei schickt oder hdflich 
zurdckweist, ob die Wellen dadurch entstehen, dass er selbst 







Abschied des JoumaUsten 





spricht Oder andere sum Schreien, Rufen reizt, dimpft, still 
sein heisst Oder aus der Passivitdt aufriittelt, — im letzten Sinne 
ist es dem wirklichen J our nalisten, dem von Gebliit und nicht 
▼on Verdrossenheit, dieselbe aktive Handlung. Er mag auch 
Heifer, Diener anderer Gedanken, fremden Zornes, fremder 
Lie be sein, wenn sie n&mlich bis aufs letzte sein eigen geworden 
sind. Nur darf's nicht geschehen wie man aus Not und unerfiillter 
Sehnsucht ein Kind adoptiert. Es muss sein, so emst, so volt 
und so unab&nderlich wie eine Mutter empfdngt. Nur der ist 
wirklich J otirnalist. Ob ein guter Oder schlechter , ein geschickter, 
ein vollkommener — die Frage und ihre Antwort mag spater 
kommen. Ich glaube nicht, dass es unter d * e s e n J oumalisten 
▼iel schlechte gibt, so wie ich leider meine, dass es stets zu wenige 
▼on d i e s e r Art gibt. Aber da mir eines gewiss ist; dass kein 
aus anderen Quellen gekommenes Lustgefuhl — Befriedigung der 
Eitelkeit, Freude an Besitz, Stolz auf den gelungenen Rhythmus der 
Sprache Oder was es sei — diesem Journalisten Ersatz ist fur 
die frohe Empfindung, seine Beziehung zum Tage und seinen 
Geschenken zur Wirkung, zur Resonanz kommen zu lassen, 
seine, tausendmal seine — darum verblasst ihm die Welt, 
der er nicht mehr aus freier Wahl den Spiegel zeigen darf. Darum 
legt er das Werkzeug lieber aus der Hand, als Bildnisse zu ver- 
suchen, auszustellen, Medaillen zu pr&gen, in Vitrinen fur ge- 
legentliche Schaulustige zu ▼ereinigen, die nie sein wirklicher 
inserer Besitz waren. Er mag das Handwerk, wie’s ein 
anderer tut, griissen, aber nicht iiben. 

Er will nicht anderen zum Lesen geben, was er selbst nur 
mit Widerstreben lesen Oder mit Gleichgftltigkeit wegschieben 
wtirde. 

Und deshalb scheidet sich mein Weg von dem, den der „Pan“, 
dem Willen seines Besitzers gehorchend, gehen soli. Ich habe 
um Ablosung gebeten. Ein wirklicher Journalist kann so 
wenig desertieren, wie eine Fahne halten, deren Farbe, Zeichen, 
Sinn ihn kalt lftsst. Jeder von uns, die wir im Schreiben unsere 
Lebensform gefunden haben, muss das eine Oder andere Mai 
Nachbarn dulden, die ihm nicht allzu nahe sind, scheinbar eine 
Uniform tragen, die sein Wesen nicht voll ausdriickt. Er gibt, 
in solchen Ffillen mehr Literat als Publizist, — gewiss nicht J our- 
nalist — mit seiner Unterschrift die Deckung fur seine eigenen 
Worte und zugleich das Zeichen der Trennung von rechts und 
links. Es muss wohl so sein, ganz froh aber wird dieses halbenTuns 
kein wirklicher Journalist. 

Wer im tiefsten seiner Natur das ist, nicht Schrif tsteller, 

4 

nicht Dichter, nicht Ktinstlef meine twegen, aber wohl Oder 




Abschied des Joumalisten < — Erkl&rung 




ubel Journalist, yermag niemals eine Symphonie zu dirigieren , 
die er nicht liebt. Darum ist’s Achtung vor dem Metier, keine 
Erbitterung, Gleichgewicht, nicht kindische Angst vor einer 
,,Schande“, Besch&mung, mit der ich aus einem Hause fortgehe, 
in dem ich vielleicht Gast sein kann, aber nicht Wirt. 

12. Januar 19x2. W. FRED. 



ERKLARUNG 

Herr Fred hat in seinem Artikel seine Auffassung vom Journalismus 
dargelegt Er zog die Folgerung, an der Redaktion des „Pan“ nicht mehr 
mitzuwirken. Ich erkISre, daS lediglich der wiederholte Wunsch des 
Herrn Fred, aber keine Beeinflussung durch andere, etwa durch jugend- 
liche Schriftsteller, die mir tdrichte Briefe geschrieben haben, mich ver- 
anlassten, seinem Wunsch nach frflhzeitiger Losung des Vertrages 
nachzugeben. Noch weniger hat mich dazu eine abf&llige Meinung Qber 
seine publizistische und redaktionelle Titigkeit bewogen, ich habe iin 
Gegenteil durch Bitten versucht, Herm Fred dem „Pan“ zu erhalten. Ich 
lege auch Wert darauf — um nicht seinem Ansehen zu schaden — fest- 
zustellen, daB die Grtknde seines Austrittes, so weit sie in tats&chlichen 
Vodcommnissen etwa bestehen, auf Unteriassungen meiner Vertrags- 
pflichten, nicht der seintgen, oder auf mifiverstindlichen Auffassungea 
unserer Vereinbarungen durch mich zurttckgehen. Paul Cassirer. 



Der Kdnig regiert 



317 



DER KONIG REGIERT 

Frau SolneS : Wie ich Ihnen sagte, 

Lauter Kleimgkeiten. 

66 Sozial demokr aten im ersten Wahl gang. 83 Zentrumsleute. ,^)ie 
Reich sparteien verlieren", sagte der Kdnig sorgenvoll zum Hdfling. Der 
l&chelte : ,,Majest&t, was geht das Majest&t an ? Mdgen die Untertanen sich 
streiten ; ob mehr Liberale oder mehr Konserrati7e im Reichstag sitzen, 
mehr Zentrum Oder mehr Sozialdemokraten, das bedeutet vielleicht mehr 
oder weniger Arger for den Herrn Reich skanzler, f fir Majest&t und seinHaus 
bedeutet es nichts. In Deutschland regiert der Kdnig." „Der Kaiser", 
▼erbesserte Majest&t, , , nicht der Konig." ,,Verzeihen Majest&t, daB ich 
zu wider sprechen wage. Der Kdnig regiert". L&chelnd sah der Hdfling 
den Konig an. Majest&t begriff, l&chelte auch, tat einen Seufzer und 
setzte sich an den Schreibtisch. Der Kdnig regierte. 

Der Kdnig machte eine Pause, hob seinen Kopf, sah nachdenklich den 
Minister an und sagte : „Wir haben aber eine Verfassung, wir haben doch 
einen Reichstag ; wir haben ein groBes Volk, das nach der Macht strebt, 
das vor nichts zurttckschreckt, das sogar 48 auf den Barrikaden ge- 
standen hat." 

,JDas war 48", antwortete der Minister. 

Und der Kdnig : „Ich weiB nicht, ob! es recht ist, allein zu regieren 
Ich weifl nicht recht, ob ich es wirklich will ; es kdnnte schfldlich sein." 

„Der Wille der Majest&t ist das hdchste Gesetz im Reiche. Er kann 
alles. Nur das eine unterliegt nicht seiner Macht : Ob er «H*in regieren 
will oder nicht. Der Kdnig regiert alle, weil alle von ihm regiert sein 
wollen." 

„Aber die Sozial demokraten ?“ 

„Ja“, sagte der Hdfling, „die Sozialdemokraten sind vielleicht die 
einzigen Leute im Deutschen Reiche, die den Willen zur Macht haben, die 
regieren wollen und nicht regiert sein wollen. Aber das sind ja gerade die 
Arbeiter, die Klasse, die unmoglich regieren kann. Wenn eines Tages 
ein sozialdemokratischer Zukimftsstaat Wirklichkeit werden sollte, und 
wenn der Minister dasselbe Gehalt bezieht wie der Fabrikherr und der 
Arbeiter, so kann ich mir doch nicht vorstellen, daB der Arbeiter dann 
regieren wird. Er wird dasselbe Geld und dieselben Rechte haben. Aber 
regieren wird wo hi der Fabrikherr, der das Regieren gelemt hat. Wer 
im Privatleben nicht befiehlt, kann auch als StaatsbQrger nicht befehlen." 

„Ja, aber, sehen Sie wohl,sie k&mpften doch 48 auf den Barrikaden um 
die Macht ?" 

, ,VerzeihenMajest&t, das war en nicht Sozialdemokraten, das warenBBrger ; 
BQrger, die glauben, daB sie damals das Deutsche Reich gegrfindet haben, 
Nicht ganz zu leugnen ist, daB sie die letzte groBe Entwicklung Deutsch- 
Jands getragen haben. Sie haben auch die Idee des Kaiserreiches zuerst 
geftlhlt und haben zuguterletzt die Bedingungen geschaffen, daB das Reich 
zur Tat werden konnte, zur Tat werden muBte. Diese Leute haben alles 
erworben und alles gelemt, was sie zum Herrschen pr&destiniert. Abet 
sie wollen nicht regieren, sie wollen regiert son." 



3i 8 



Der Kdnig regiert 



,,Ist das so schon regiert zu werden ?“ 

„Es scheint so, sie nennen sich Freisinnige oder sogar Demokraten, 
aber diese Bflrger der Stidte sind eigentdmliche Men sc hen; im Wett- 
bewerbe der Vdlker leisten sie GroBes, in ihrcn Werkst&tten, .in ihren 
Kontoren und ihren Studierzimmern sind es kfihne Gelehrte, konig liche 
Kaufleute, Eroberer, selbstherrische Menschen. Und trete n sie aus ihrem 
Beruf in die Allgemeinheit, dann ffigen sie sich unserem Feudalstaat ein, 
sind Beherrschte und sind glticklich darfiber. Sie kennen kein stolzer es 
Geffihl, als wenn sie empfinden : bei uns herrscht der Kdnig." 

„Aber," sagte der Kdnig, „irren Sie sich nicht? Ich habe doch 
Zeitungen gelesen, in denen ganz andere Dinge standen. Da wurde be- 
hauptet, dafi ihnen und ihrer Partei die Intelligenz, das Geld, die groBen 
Organisationen und die Bildung gehdrt, und ich las, daB sie Anspruch anf 
die Macht erheben. Sie wollen sich selbst regieren. Sehen Sie doch dieses 

und ct&fi uu crsttn iccmdr der 

schrittlichen Partei gewlhlt wurde. Ich kann es ja auch nicht verstehen: 
so viel Demokraten und dennoch kein Abgeordneter. Warum? 4 

„Gestatten Majest&t, daB ich Fritz Reuter zitiere : „Die Armut anf dem 
Lande konunt von der groBen Powertfce. 44 Es gibt keine detnokratkchen 
Abgeordneten, weil es keine Demokraten gibt.*' 

„Aber die Zeitungen 1" 

„Gewifi, die Zeitungen 1 Mag der Leiter einer groBen demokratkchen 
Zeitung noch so radikal denken, und mag er seine Leute von A bis Z 
nur unter gesinnungstttchtigen Demokraten suchen und mag er d*«n 
denken, er kite ein demokratisches Blatt, und in seinem Blatt herrsche 
er und seine demokratische Gesinnung ; er irrt sich. Nicht er herrscht, 
der Kdnig regiert. Der Chefredakteur schwflrmt fttr die Rechte des 
Volkts. Er schreibt in mannhaften Worten ffir seine Ideen. Seine 
politischen Unterredakteure folgen ihm. Ob der Chefredakteur der Metnung 
ist, daB der Kdnig oder sein Sohn Oder seine Frau Oder seine Tochter nicht 
mehr vom Theater, oder von der Kunst, oder von der Industrie versteht 
ab irgend ein anderer intelligenter Mensch — und sicherlich, mancher 
Chefredakteur ist dieser Meinung — der Lokalredakteur ist anderer An- 
sicht. Ihm scheint es nicht wichtig, ob die Intelligenz Deutschlands Ger- 
hart Hauptmanns letztes Stfick gut oder schlecht findet, ihm eischeint 
es viel wichtiger, ob seine Majest&t oder ein Mitglied der allerh&chsten 
Familie das Sthck sah, und was er darfiber dufierte." 

„Warum wirft der Chefredakteur denn den Lokalredakteur nicht 

hinaus?" 

■+ 

„GewiS, Majest&t, das w&re ja das Beste — ich wollte sagen: das 
Logischste, aber er kdnnte’mit der Lateme suchen, er wflrde keinen finden, 
der es anders machen wfirde als der Weggejagte . . Und der Weggejagte 
wfirde ein anderes Blatt grfinden — natfirlich wieder ein demokratisches 
• — und das demokratische Publikum wfirde ihm folgen. Denn : Der Kdnig 
regiert." 

Der Kdnig wollte sich eben seiner Arbeit wieder zuwenden, da hob er 
den Kopf und sagte noch : 



Der Kdnig regiert — Die steinerne Maske 



319 



* 



► 



,,Dann ist es ja eigentlich jetzt besser als in vormirzlichen Zeiten? 44 

„Bedeutend besser, Majest&t. Der F ortschritt ist nicht zu leugnen. Er 
betuht auf der groBen Entwicklung, die unsere modeme T echruk genommen 
hat. 44 

i 

W 

„Technik“, fragte der KSnig, „ Entwicklung, wieso? 44 

„Ja, sehen Majest&t : In vorm&rzlchen Zeiten war alles klein und 
beschr&nkt. Der Ffirst lebte in seiner Residenzstadt, die ja ganz in seinem 

' Banne war. 

Jeder BOrger der Residenzstadt wuBte, was der Kdnig tat, was er afi, 
was er trank, wo er jagte, wen er einlud, kannte den Kdnig von Angesicht 
zu Angesicht, kannte seine Frau, seine Kinder und Enke kinder, und die 
Erz&hlungen eon den Festen, die er gab, gingen von Mund zu Mund. Der 
BQrger lebte mit dem Fiirsten. — AuBerhalb der Residenzst&dte aber war 
es nicht so. Man wuBte nicht so viel vom Kdnig. Man ktimmerte sich 
nicht so sehr urn das, wae er tat. Die Organisation war noch klein und 
schlecht. Heute l&cheln wir fiber die Serenissimuszeiten und ihre Hof- 
lieferantenchronik, l&cheln fiber die Zeiten, als der Holkfirschnermeister 
dem Nachbam zuraunte, was ffir einen Pelz der Kdnig trug, der Hoftafel- 
decker vom letzten Diner en&alte, der Hofschneidermeister vom Kleide 
der Kdnigin sprach und der Hofarzt von der Verdauung der kleinsten 
Prin 2 essin.“ 

„Nun, und heute ? 4> 

r j 

„Heut ist das alles viel grandioser. Die Zeit ungen haben das Amt der 
Hoflieferanten an sich gerissen. Illustrierte und nicht illustrierte, immer 
voran die demokr atischen . Heute wei8 man in dem kleinsten Bergdorf 
Oberbay ems ebenso wie im elendsten Flecken Ostpt euBens, wen der Kdnig 
eingeladen hat, was er iBt, was er trinkt, was er tr&gt. Ein jeder kennt 
ihn von Angesicht, kennt seine Frau, seine Kinder, seinen Leibdiener, 
seine Jagd, sein Arbeitsz immer, sein Schlaf zimmer und seine Dackel. 
Die kleinen Residenzst&dte mit ihren kleinen Interessen sind ver- 
schwunden. Wir lachen fiber sie. Aber der Bfirger, der das Deutsche 
Reich geschaffen haben will, hat es jetzt mit Hilfe der grofien modemen 
Technik, mit Hilfe von Rotationsmaschinen und riesige Organisationen 
erreicht, dafi ganz Deutschland, daB dieses ganze Reich eine einzige groBe, 
kleine Residenzstadt geworden ist. Und in Residenzst&dten w&hlt man 
keine Demokraten. 44 

r r 

„Nein, da w&hlt man keine Demokraten. 44 

WIELAND 



DIE STEINERNE MASKE 

Maulaffen feilhalten ist nicht gerade Sadie der Neu-Berliner. Das 
Show-Bedfirfnis l&sst man sich von Reinhardt im Zirkus befriedigen ; 
die Strasse aber dient dem Verkehr, dem Gehatz der Autos und dem Ge- 
dr&ngel der vorw&rts rackemden Pflastertreter. Man mimt am Pots- 



320 



Die steineme Maske 



Hamw Platz unter Schutzmannstrompetenklingen H indemisr ennen , mm 
stfirmt wie vorm Totalisatorschluss die Billetschalter der Unter grand-, 
der Ring- und der Wannseebahn. Trotz dieser Ellenbogengelenkigkeit, die 
nirgends unsanfter zu spfiren ist ais um diesen Potsdamer Platz heram, 
konnte man den Sommer fiber gerade hier beobacbten, wie die Leute pldtz- 
lich am ihrem Tempo fielen, wie sie auf einen Augenblick wenigstens 
stoppten, auf einen Augenblick die H&lse in die Luft reckten. Kein 
Wunder, hoch oben uberm Untergrundbahnschlund gab’s ein Rattens 
und Knattem, scblimmer als wenn zebn Reklameluftschiffe die Propeller 
schnurren liessen. Ingenieure, die irgendwo in einem Fabrikbureau 
sassen, liessen den Spektakel ausffihren, der mehr als 5000 Zuschauer 
lockte und festhielt. Liessen m&chtige Eisentr&ger elektrisch ver- 
schweissen, nieteten mit Weissglut, tfirmten st&hlerne Rippen, als ob ein 
Hamburg-Amerika-Steamer auf dem m&rkischen Sand vom Stapel ge- 

werden sollte. Man wusste am den Reklamenotizen der Zeitungen, 
dass da ein Riesenkino, ein Riesencaft, ein Riesenschwofbetrieb im Werden 
war, dass Tag und Nacht ohne Unterbrechung die Kapellen lArmen sollten, 
dass der Herr Portokassenritter mit Huldin hier dereinst thronen wfirde 



auf Stfihlen, die wahr und wahrhaftig 50 Em das Stuck kosten sollten und 
den Sitzgelegenheiten am irgend einem Kdnigsschloss originalgetreu 
nachgebildet w&ren. Solch J annowitzbrflcken-Tamtam h&tte keinen auf- 
gehalten ; das allgexneine Staunen gait phantastischen Impressionen, ror 
die Augen gezaubert von verwegenen Konstrukteuren, die die Krane 
spielen liessen mit gewaltigen Eisenmassen, die wunderbar ersonnene 
Maschinentatzen zwangen, Sttick um Stack aneinanderzufiigen, bis nie 

gesehene Bogenformen mit gedrungener Silhouette in die verr&ucherte 
Luft hineinschnitten. Man war verblflfft, kaum ein paar Arbeiter zu er- 
blicken, wo solch unerhdrte Dinge am dem Boden wuchsen. Wer mochte 
glauben, dass ein paar H&nde diesen ganzen Mechanismm dirigieren 
sollten, wer nicht erstaunt sein fiber die Dimensionen eines Knochen- 
gerfistes, das da fQr einen Baukorper hergerichtet wurde. Und es gab 
Leute, die entzQckt fiber die Eleganz, die Wucht und die Amdrucksgewalt 
der Eisenlinien, berauscht von dem Ebenmass dieser Logik, von dem 
prickelnden Spiel der Ueberschneidungen waren. Ein paar Tage, als die 
grosse Kuppel aufgesetzt wurde, ragte ein Filigrangerinsel gen Himmel, 
so reich und fein ineinander gewirkt wie die Arabeskenzfige auf der 
Fliesenwand einer Moschee. Was da eigen tlich vorging, mdgen die 



Wenigsten nur begriffen haben. Man staunte, man ahnte instinktiv etwas 
Ungewohnliches, etwas Neues. Gelegentlich hdrte man einmal ein paar 
junge Kerle disputieren fiber die Mbglichkeiten, die in solch statischen 
Rhythmen ungdhoben schlummerten, fiber die ganze Schonheit dieser 



Ingenieurlogik. 



Wahrlich, es gab da ffir Augen, die auf neue Werte ein- 



gestellt sind, berfickende Sensationen. Gab sie, denn heute, wo ich davon 



rede, wo ich diese Ingenieurschonheit alter Welt zeigen mochte, ist alles 
wie ein Traumgebild verschwunden. Ingenieure dfirfen n&mlich nur Im 



Geheimen bauen. Wenn sie alles klar und gross und zwingend konstruiert 



haben, kommt einer von der Kunstfakult&t, ein Architekt, der wie ein 
Schneidermeister das nackte Gestell mit „$ch8nheit“ nach romanischem, 
gotischem oder rcoaissancclichcm Schnitt drapiert. Von dem wirkliohen 



Katinka, die Fliege 



Kdrper, der die Sinne imhSndig reizte, darf nichts mehr zu sehen sein. 
Eine Maske, so banal, so stereotyp, so kitschig wie die Larven, 
die ffir geistlose Faschingsulkereien fabriziert werden, ist fiber- 
gestfilpt, damit keines Menschen Auge mehr die wahre, bezaubemde 
Physiognomic erblicken kann. Die steinerae Maske, so kunst- und herz- 
los wie sie fiber die Schdnheiten des Piccadilly geflickschustert worden, 
spart uns wenigstens Zeit ; am Potsdamer Platz braucht keiner mehr als 
lfistemer Schdnheitsjiger seine Bahn zu vers&umen .... 

PAUL WESTHEIM 



KATINKA, DIE FLIEGE 

* 

hat selbst in der von Herbert Eulenberg zum erstenmal beobachteten und 
entr&tselten eigen tfimlichen Punkt-Schrift ihres Volks den Titel zu der Bio- 
graphic, durch die sie dieser Dichter vor allem Getier ehren will, auf tin 
carmoisin rotes Umschlagpapier gezeichnet. Zugunsten der Fliege Katinka, 
die wir in Eulenbergs „ztitgendssischem Roman" als ein Wesen von Bildung 
undGeschmack kennen lemen, sti dies unsympathische Papier auf Rechnung 
des Verlegers Ernst Rowohlt in Leipzig gesetzt und angenommen, er habe 
Kadnka wider ihren Willen kein anderes zur Verffigung gestellt. Es muS 
gesagt werden, daS dieser Umschlag nicht zur Lektfire lockt, wie denn 
fiberhaupt der Weg zu dem Buche nicht leicht ist. Bei aller Liebe ffir den 
Dichter mag man doch zunfichst denken: sind also alle Probleme unseres 
Seins schon kfinstlerisch bew&ltigt, dafi ein Schriftsteller von solchem Rang 
uns emsthaft die Schicksale einer wirklichen, sechsbeinigen Fliege erz&hlt, 
und dies nicht am Ende als kurze amfisante Geschichte, sondem in einem 
dickleibigen Roman von fast 400 Stiten — ? Ffir diese Ueberlegung gibt 
Eulenberg den „lieben Lesem" gleich zu Anfang einen Nasenstfiber und 
den freundlichen Rat, doch lieber „auf den Markt oder die Borse oder ins 
Wirtshaus oder Theater oder zum Rennen oder zu ihrer Geliebten als zur 
bentidenswertesten Besch&ftigung zu gehen“ , und hort auch sp&ter nicht 
auf mit allerlei boshaften Bern erkungen vor dem Weiterlesen zu wamen. 
Wer sich durch alle diese liebenswfirdigen Grobhtiten des Autors nicht ab- 
schrecken l&fit, dem zickzackigen Lebensflug Katinkas zu folgen, wird mit- 
unter das kluge Gesicht Jean Pauls, des ebenso undisziplinierten DichtersJ] 
Uchelnd neben Herbert Eulenbergs Physiognomic auftauchen sehen, wenn 
zwischen erzfihlenden Abschnitten auf einmal roman tische oder exakte 
Naturwissenschaft doziert wird, wenn der Dichter immer wieder personlich 
in die Erzihlung sich einmengend — bald das p. t. Publikum, bald dessen 
„Lieblinge“, bald die deutschen Verleger oder auch den unerschfitterlich 
treuen Leser mit gutgezielten Nadelstichen trifft. V. FI. 



KAMMERSPIELABE ND 

i 

Im Deutschen Theater hat man sich endlich zur Aufftthrung tines 
liebenswfirdigen Stfickes entschlossen. Peter Nansens „Glfickliche Ehe“ 
wurde (von den M&nnern Moissi, Arnold, Tiedtke ausgezeichnet) gespielt, 
und es gab einen Abend Sentimentalit&ten und Boshtiten, Lichtin und 



322 



Kammerspieiabend 



jenes Kopfnicken, das „Ja, ja, so ist die Welt“ — heiflt, Geist, Anmut 
kurz, die D nge, die man sonst in berliner Theatem selten bekommt. 
Naturlich gilts auch „abtr“ Vor allem, dafl der Roman, aus dem das 
Stuck gemacht ist, zehn Jahre alt ist. Deshatb wird man gelegentlich 
meiken, wie dunn die dramatischen StrSnge sind, an denen die Menschen 
dieser Komodie bewegt werden. Und deshalb mochte man, ebenfalls ge- 
legentlich, e;n wenig frischere Tone, mochte den Reiz dieser Frau, die so 
viele Manner glucklich macht, st&rker spfiren ; denn sie, wie sie da oben 
kfiflt und gekfifit wird, begehrt man von unten nicht genug, um selbst 
lyrisch zu werden und ehebrecherische Wfinsche zu haben. All das war 
anders als wir den Roman lasen. Ich denke mir aber: das ist ebcn zehn 
Jahre her, und jetzt sind andere ungefahr zehn Jahre jfinger, die werden 
schon ebenso viel Lu.t auf das Biegen solcher gliick'icher Ehen haben und 
darum das Stuck gerne si hen. Unsachiich, wie ich eben bin, wunsche 
ich namlich, dafl es ein grofl. r Erfolg wird. Dieses Dichters Peter Nansen 
wegen, der eine entzfickmde Gestalt in der modernen Literatur-Atmosphfire 
ist, das seltene Exemplar eines Dichters voll Liebenswiirdigkeit — voll 
innerer, nicht stilisierter, erzwungener — imd der in seinen Werken von 
seiner scharmanten (diesmal mufl das Wort seinl) Natur so viel mit- 
zuteilf n wuflte, dafl es einem leid tut. keine neuen — Romane von ihm 
zu bekommen. Nur ist das Motiv, weshalb er schweigt, so schon, daB 
einer, dem das Menschliche stets wichtiger ist als das Kunstwerk, es 
doch nicht allzu tief bedauem kann, daB Nansen statt selbst Bucher zu 
schreiben, die anderer verlegt, ihnen zu Erfolgen verhilft. Er hat namlich 
das Geffihl, das, was sein eigenstes ist, schon gegeben zu haben, will nicht 
' mfihselig erarbeitete L teratur machen, legte deshalb die Feder weg und 
freut sich an der Arbeit anderer, die er als Leiter des groflten skandina- 
vischen Verlags zur Wirkung bringt. Wie gut ist so was, wie selten; gibt 
es einen Dichter voll dieser frohen Klarheit fiber sein Vermogen bei uns ? 

F. 



Wir bitten, Mitteilungen und Beitr&ge nur: 

An die Redaktion, Berlin W. 10, Victoriastrasse 5, zu adressieren. 
Bei umfangreicheren Zusendungen ist vorherige Anfrage notwendig. 
Sprechstunde: An Werktagen, mit Ausnahme des Montags, 1 — 3 Uhr, 
Berlin W., Victoriastrasse 5. 

Verantwortlich filr die Redaktion : Albert Danun, Berlin- Wilmersdorf. 
Gedruckt bei Imberg ft Lefson G. m. b H in Berlin SW 68 







t 



Religion 323 



Religion 

Von HERMANN BAHR 

Religion hat, wer einer hdheren Sicherheit des Lebens, als 
der . menschliche Verstand geben kann, ganz unmittelbar durch 
Geffihl inne wird und ganz unmittelbar des Rechten so gewiss ist, 
dass er es tun muss, auch ohne dafiir Beweise zu haben. Wenn 
einer alle Fragen an das Leben gestellt und aul keine bei seiner 
Vernunft Antwort bekommen hat, nun aber in seiner Not ent- 
deckt, dass er trotzdem das Leben zu bestehen vermag, gleichsam 
als wenn ihm alles zum Handeln Notwendige von innen her 
diktiert wiirde, diese innere Festigkeit, die wir, wenn alles andere 
zusammengebrochen ist, an uns selbst haben, an dem was wir 
sind, und daran dass wir leben, ist Religion, Religion ist der Aus- 
druck einer Not, in der ein Mensch sich keinen Rat mehr ge- 
wusst hat und in der ihm doch von innen her wunderbar ge- 
holfen worden ist. Das Gesch&ft, niemals dem Zufall preis- 
gegeben zu sein, immer nach einem Plan zum Notwendigen 
gefiihrt zu werden ist Religion. Religion ist das Bewusstsein 
einer zuverl&ssig das Leben bestimmenden inneren Macht, das 
Bewusstsein eines inneren Organs, das, w&hrend die Vernunft 
unsere Handl ungen bloss zu beraten vermag, unsere Handlungen 
entscheidet. 

Religion ist eine innere Tatsache. r Religios ist, wer diese 
innere Tatsache kennt. Aber auch wer sie nicht kennt oder gar 
sie zu leugnen yersucht, wer nicht religios ist, hat Religion. 
Auch ihm wird innerlich gesagt: Du sollstl Er hdrt es, auch 
wenn er nicht gehorcht. Er mag dagegen handeln, aber auch 
dann hort er immer noch das innere: Du sollst. Dagegen zu 
handeln schmerzt ihn, und alle Vorteile, die solches Handeln 
bringt, konnen diesen Schmerz nicht lindern. Der inneren 
Stimme zu gehorchen aber tut ihm wohl, so sehr, dass diese 
Lust ihn fiber jeden Schaden trosten kann und ihm noch mit dem 
eigenen Leben selbst nicht zu hoch bezahlt scheint. Daraus, 
dass er bereit ist, lieber sein Leben selbst als dieses innere Organ 
verletzen zu lassen, folgt, dass ffir sein Geffihl dieses innere 
Organ lebendiger sein muss als alles, was er sonst sein Leben 
nennt. 

Die Tatsache der Religion kann in Menschen unbewusst 
wirken oder sie kann ihnen als blosse Tatsache bewusst werden, 
sie kann ferner ihre Vernunft in T&tigkeit setzen, und sie kann 







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324 Religion 

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endlich Gestalten annehmen. Die Vernunft, vom religiosen 
Gefiihl in Bewegung gesetzt, ergibt sittliche Maximen. Dem 
Menschen wird innerlich zugerufen, was er soli, er l&sst sich das 
nun von der Vernunft ausdeuten und erhilt eine Gruppe von 
Grunds&tzen und Lebensregeln; wer sich aber auch nur ein 
wenig zu beobachten weiss, erkennt, dass er niemals aus diesen 
Grunds&tzen handelt, sondem sie begleiten sein Handeln bloss,. 
sie sind ein Mitlaut seines Handelns. Des rechten Handelns ist 
er ganz unmittelbar gewiss, jenes Organ sagt ihm, was er muss, 
und aus dem was zu mlissen er daher webs, folgert er nun und 
2ieht ein ganzes logisches Gebilde. Was er muss, bt ihm ge- 
geben, und davon aus fragt er : Wie muss mm die Welt, muss 
unser ganzes Leben sein, damit es einen Sinn hat, dass ich das 
muss, was ich nun einmal muss? Die Antwort darauf ist dann 
seine Weltanschauimg, eine Randglosse zu seiner Religion. Aber 
diese Religion kann zuweilen auch so stark sein, dass ihre Kraft 
nicht ganz in seinen Handlungen aufgeht, es bleibt ein Rest 
davon iibrig, der unmittelbar produktiv zu wer den verlangt und 
Gdtter, Heilige, Himmel, Hollen, ein ganzes Reich schafft. Das 
religidse Gefiihl, das sich sonst im lebendigen Handeln erschdpft, 
verdichtet sich zuweilen so, dass es sich dann in Gestalten ent- 
laden muss: es schafft Mythen. Man spricht dann von einem 
religiosen Zeitalter. Wir sind in einem, wenn wir es auch noch 
kaum bemerken. 

Noch die letzte Generation war selbst gegen die Tatsache der 
Religion gleichgiiltig. Doch befreite sie sich schon vom Aber- 
glauben der vorigen, zum Handeln mit der Vernunft auszu- 
kommen. Ihr wurde kalt. So fing Religion an, wenigstens wieder 
ein Gegenstand der Betrachtung zu werden. Zunachst bei den 
Amerikanem und bei den Englandern. James’ wunderschdnes 
Buch von der religiosen Erfahrung zeigte, worin Religion besteht, 
und mancher mag so zur eigenen Verwunderung zum ersten 
Mai an sich selbst Religion gewahrt haben, der bisher nichts 
von ihr zu wissen meinte. Eucken in Deutschland, Bergson in 
Frankreich erschienen und weckten das Gefiihl fiir die Geheim- 
nisse wieder auf, fiir das unbekannte Hinterland im Menschen 
und im Leben, das unserer Vernunft nicht erreichbar ist und 
doch von uns als die Heimat unserer Handlungen empfunden 
wird. Die katholische und protestantische Kirche hatten 
plotzlich „Modernisten“, M&nner, die mit grosser Herzenskraft 
aus erhohter Glaubenszuversicht unser Leben umzuschaffen, 
eine freudigere Menschenart, ein neues Dasein t&tiger Liebe zu 
verkiinden unternahmen. Und was man noch vor einigen Jahren 
nicht fur moglich gehalten hdtte: nun sah man wieder Menschen 



Religion 



325 



fur ihren Glauben leiden, sich opfern, das Kreuz auf sich nehmen. 

Diese neue Religiosity hat schon cine ganze Literatur ge- 
zeitigt. Die Hauptwerke sind etwa: George Tyrrells „Mediae- 
valism“ und sein bei Diederichs deutsch erschienenes Buch 
, , Zwischen Scybilla und Chary bdis“, ferner Campbells „Die neue 
Theologie" (ebenfalls bei Diederichs) und seine Zeitschrift ,,The 
Christian Commonwealth**, in der auch Philip Snowden von der 
Labour Party regelm&ssig schreibt, der ,,Demain“, der dann dem 
Papst geopfert wurde, und der „SiUon**, die Schriften fiber Jatho, 
Traubs Zeitschrift „Die christliche Welt**, des katholischen 
Bischofs Keppler „Mehr Freudel**, Arthur Bonus* „Zur religiosen 
Krisis** (bei Diederichs), die Werke Johannes Mullers (C. H. 
Becks Verlag) und seine „Grfinen Blatter**, das „Programm 
der italienischen Modernisten** und Giuseppe PrezzoUnis „Wesen, 
Geschichte und Ziele des Modernismus** (bei Diederichs), die 
Arbeiten von Heinrich Driesmans und die Bucher des Zfircher 
sozialistischen Pfarrers Hermann Kutter. Nirgends . aber ist das 
Gemeinsame der s&mtlichen religosen Bewegungen und ihr 
ganzer Sinn tiefer aufgefasst und seiner ausgedrfickt werden als 
in der „Orientation religieuse de la France actuelle** Paul 
Sabatiers, des protestantischen Franziskaners aus dem Elsass 
(Librairie Armand Colin). 

Eigentlich Ist alle diese neue „Theologie** durchaus franzis- 
kanisch. Des heiligen Franziskus grosse Tat war der Versuch, 
Religion zu leben. So sind auch diese neuen Franziskaner weder 
frommer, noch anders fromm als sonst die Gl&ubigen ihrer Kirchen, 
aber sie unterscheiden sich von diesen dadurch, dass ihre Frommig- 
keit zum Handeln drfingt. Die anderen horen die Bergpredigt 
mit Entzucken an; dieses Entzficken zu geniessen genugt ihnen. 
Den Neuen genugt das nicht, es dr&ngt sie, die Bergpredigt an- 
zuwenden auf jeden Augenblick ihres Lebens. Das christliche 
Gefiihl genugt ihnen nicht, sie wollen den Menschen umwandeln, 
bis das christliche Gefiihl in ihm Fleisch geworden sein wird. Sie 
glauben an das Reich Gottes auf Erden; es liegt nur an uns, 
es aufzurichten. Die Menschen sind ja ganz einig in dem, was 
sie fur recht und gut halten. Wenn sie sich nur erst entschliessen, 
nichts zu tun, als was sie fur recht und gut halten, werden sich 
alle finden. Im Ideal sind sie ganz einig, sie haben also nurendlich 
einmal das Ideal t&tig anzuwenden. Aber da wartet jeder, dass 
der andere anfange. Das Beispiel fehlt. Das Beispiel zum Anfang 
des Christentums zu geben, eines alles Tun erfiillenden und 
durchdringenden Christentums, ist das gemeinsame Ziel dieser 
neuen Theologien. Sie wollen alle, dass der Gefiihlsinhalt der 
christlichen Offenbarung in den Taten und Werken der Menschen 






Religion 



3*6 



lebendig werde. Welche Maximen, Dogmen und geistigen Hilfs- 
mittel einer aber braucht, urn sein christliches Gefiihl in lebendige 
Taten umzusetzen, das ist ihnen nicht so wichtig, wofern er nur 
am Ende wirklich zu solchen cfaristlichen Taten kommt, mit 
Gottes Hilfe Oder ohne sie. Sie haben Ehrfurcht vor den Maximen, 
Dogmen und geistigen Hilfsmitteln, durch die sie selbst zu 
diristlichen Gefiihlen erzogen worden sind. Wird es einem aber 
durch andere Maximen, Dogmen und geistigen Hilfsmittel 
leichter, zum t&glichen Gebrauch der christlSchen Geftthle zu 
kommen, so mag er auf seinem Weg nach ihrem Ziele gehen. 
Doch meinen sie, dass man die hilfreiche Macht ererbter frommer 
Gewohnheiten nicht verschm&hen soil, und so bemiihen sie sich, 
die christlichen Figuren zu schonen, wie das junge Christentum 
einst auch die heidnischen G fitter geschont hat. Sie trauen sich 
zu, den neuen Mythos in die alten Figuren zu fiillen. 

Aber von alien religidsen Erscheinungen der Zeit ist die 
Sozialdemokratie die grosste. Es war ein genialer Einfall von 
Marx, Religion als Wissenschaft zu verkleiden, um den Argwohn 
cincf unr6li^ids6n Zcit 6uizuschl&fcrn* Die SoziftldemokrAtie 
ist darin religios, dass jeder ihrer Bekenner seiner Pflicht, des 
von ihm zu Leistenden, seiner Schuld unmittelbar unbedingt 
gewiss ist; er bedient sich der Dogmen, aber seine Gewissheit 
kommt nicht aus den Dogmen, sondem umgekehrt. Auch darin 
ist sie religios, dass sie dem Menschen einen Zweck setzt und dass 
ihr dieser gemeinsame Zweck der Menschheit, also etwas Ob- 
jektives, mehr gilt, als irgend ein einzelner Mensch. Und religids 
ist ebenso ihr Bediirfnis, eine Kirche zu schaffen, ihre Organi- 
sation, aus der tiefsten Erkenntnis aller Religionen, dass in der 
Gemeinschaft der Hingebung aus jedem mehr wird, innerlich 
und dusserlich, als er einzeln ist. Aber sie ist auf unsere Art 
religios, gerade dieser neuen Zeit gem&ss, indem sie sich durchaus 
nicht mit der inneren Form des Menschen begnUgt, sondem darauf 
dr&ngt, mit dem inneren Menschen auch sein dusseres Leben 
umzuformen. 

Wenn man sich eine Begegnung jener neuen Theologien 
mit dieser ungeheuren Organisation der Sozialdemokratie vor- 
stellt, erbliekt man ein Zeitalter, das vielleicht das ganze Leben 
der Menschheit so von Grand aus er neuen wird, wie das Ur- 
christentum einst. 




Selbst-Rezension 327 




Selbst-JKezension 



Von FERRUCCIO BUSONI 

■ 1 . : ■ . , ■ , 

r ► i 

,,Nun gibt es F&lle, wo ein Mann 
so von einem Erlebnis erfQllt ist, daB 
or sich gedringt fQhlt, es darzustellen. 

er greift zur schriftlichen 

Mitteilung — als Beichte ; zur tiber- 
tr&genen Form des gestalteten Bildes 
— als Spiegelung. Mag es Klarheit 
fOr ihn, Aufkl&rung , Bereicherung 
fOr die Freunde, fQr GleichfOhlende 
bringen, Werbung oder Verteidigung 
sein, es reinigt und entlastet ihn.“ 

JAKOB WASSERMANN 

in „Der Literat" 



Am 19. Januar dieses Jahres erwies mir die von Oskar Fried 
geleitete Gesellschaft der Musikfreunde die Ehre, einen ihrer 
Abende ausschliefilich meinen Kompositionen zu widmen. Der 
Abend war fiir mich bedeutsam ; die Ausfuhrung war gl&nzend, 
das Publikum aufmerksam uud zur Anerkennung bereit, die 
Kritik — nachtrdglich — im ganzen voller Achtung, von gutem 
Willen getragen und in der Ansicht iiberemstimmend, daB ich 
das Neue wolle. • — Mit Betonung auf das M Wollen“. — Diesem 
Vorwurf hatte ich (vergebens!) schon einmal vorgebeugt, als 
ich schrieb: ,,Der Schaffende erstrebt im Grunde nur die 
die Vollendung. Und indem er diese mit seiner Individualit&t 
in Einklang bringt, entsteht absichtslos ein neues Gesetz.“ 
In dem Begriffe des ,,Schaffens“ ist jener des ^Neuen^ 
enthalten; dadurch unterscheidet sich das Schaffen von der 
Nachahmung. 

Man folgt einem grofien Beispiele am treuesten, wenn man 
ihm nicht folgt: denn dadurch wurde das Beispiel grofi, daB 
es sich von seinem Vorg&nger abwandte. 

In diesem Sinne sprach zu einer kleinen Gemeinde Arnold 
Schdnberg als er bewies, wie wenig hilfreich die Theorie der 
Komposition sei; indem sie einem nur das Bekannte lehre. 
Der Schaffende will jedoch das Unbekannte. 

Das Unbekannte aber ist vorhanden. 

Es gilt nur, es zu erfassen. Es gibt kein Altes und Neues. 
Nur Bekanntes und noch nicht Bekanntes. Von diesen scheint 




Selbs t-Rezension 



mir, daB das Bekannte bei weitem noch den kleineren Teil 
bildet. 

Auf dem Programm des 19. Januar stand zuerst eine 
Fantasia contrappuntistica. Dieses Werk entwuchs dem 
Versuche, die unvollendete letzte Fuge Job. Seb. Bachs aus- 
zugestalten. Es ist eine Studie. (Jedes Selbst-PortrSt Rem- 
brandts ist eine Studie; jedes Werk: eine Studie fiir das n&chste; 
jede Lebensar beit : eine Studie fur dip Sp&teren.) Das Bachsche 
Fragment ist auf vier Fugen geplant, von welchen zwei 
vollendet und die dritte begonnen vorliegen. Das Fragment 
bricht ab an dem Moment, wenn die drei Themen zum ersten 
Male zusammentreffen. — Zundchst fehlte die „Durchfiihrung“ 
dieser drei Themen. 



Eine Fuge mit drei Subjekten ist immerhin eine recht ge- 
furchtete Aufgabe. Aber die drei Subjekte waren gegeben, 
ihre Aufeinanderstellung war pr&zisiert, und die Themen sind 
kontrapunktisch-fruchtbarer Art. 

Die vierte Fuge dagegen war vollends neuzuschaffen. Fiir das 
noch unausgesprochene (vierte) Thema war kein Anhaltspunkt 
gegeben; es wire denn die unabwendbare Bedingung, dafi 
dieses vierte Thema mit den frtiheren drei gleichzeitig 
zu erklingen hatte, alo zu ihnen „passen“ muBte. — Da das 
Hauptthema der „Kunst der Fuge* 4 (von welchem Werke das 
fragment** den AbschluB bildet) unter jenen gegebenen drei 
Themen sich nicht befand, so war es leicht zu raten, dafi 
dieses Hauptthema — als viertes — hinzutreten und so den 
Kreis des Gesamtwerkes schliefien sollte. Diese Frage be- 
an twortete bejahend und endgultig Bernhard Ziehn in Chicago 
und ich konnte auch diesen Teil meiner Arbeit auf sicherem 
Grunde beginnen. 

Aus Bachschen Intervallen baute ich, auf diese vier, noch 
ein fiinftes (deutlich kontrastierendes) Thema, so dafi mein 
Schiff nun mit ffinf gespannten Segeln fiber das schwierige Ge- 
wfisser fuhr. 



Ein fiinffadier Kontrapunkt l&Bt 120 Umkehrungen der 
Stitnmen zu. Hierbei sind die MSgliChkeiten der Engfiihr ungen, 
Umkehrungen, VergrBBerungeh, Verkleinerungen und der Trans- 
position nicht mitcrerechnet. Schon eine einziee Form der 



it mitgerechnet. Scl 
lifeBe sich wiedetum 



zu 



posinon nicnt mitgerecnnet. ocnon erne einzige r orm aer 
Engfiihrung liPfie sich wiedetum x 20 mal „umkehren**. zu 
diesen altehrwiirdigeh Mitteln aus der Riistkammer der Schule 
brachte ich noch aus eieenem Vorrat die Alteration det 



Dracnre lcn nocn aus eigenem vorrat ate Alteration oer 

Intervalle, des Rhythmus und die Variation des Themas. 



Die KombinatiOnsrndglichkeiten wurden dergestalt so unttber- 
sehbar zahlreich, wie jene des SchaChspiels. Damit konnte 



Selbst-Rezension 



329 



r 



man eine so wohl angelegte Meisterpartie fortfiihren und zu 
Ende bringen. y 

Seit friiher Kindheit habe ich Bach gespielt und Kontra- 
punkt geubt. Damals war es mir zu einer Manie geworden, 
und tats&chlich kommt in jedem meiner Jugendwerke mindestens 
ein „Fugato“ vor. Nun fand ich mich wieder als Kontra- 
punktiker, wenn auch auf einem fur mich durchaus neuen 
Standpunkt. Die ununterbrochene, versteckte Arbeit derNatur 
hatte vieles in mir unbewufit gewirkt und ich wurde unver- 
muteter Erru ngenschaf ten gewahr, die innerlich gereift waren. 
Von diesen eine der wertvollsten war die durch rucksichtslose 
Poliphonie sich neu gestaltende Harmonik. So hatte ich viele 
Werkzeuge in der Hand zur Fertigung eines guten technischen 
Bauwerkes: vor allem aber fiihle ich mich als Kiinstler, und 
mir ist das Kunstwerk das Endziel aller menschlichen Be- 
strebungen. Mir erscheinen die Wissenschaft, der Staat, die 
Religion, die Philosophie als Kunstgebilde und erfreuen und 
erregen mich nur als solche. 

Dem Kiinstler sind die Form, die Fantasie und das Geffihl 
die Unentbehrlichen, die Geliebkosten, die, welchen er opfert, 
sich selbst opfert. DieSe trug ich in meine Erginzungsarbeit 
hinein und dadurch wurde es mein Eigen es. Ich glaubte im 
Geiste Bachs zu wirken, wenn ich die letzten Mdglichkeiten 
unserer heutigen Kunst — als organische Fortsetzung der 
semen — in den Dienst seines Planes stellte; wie ihm selbst 
die letzten Mdglichkeiten der Kunst seiner Zeit zum Ausdruck 
wurden. 



Die Fantasia Contrappuntistica ist weder fur Klavier, 
noch fflr Orgel, noch fiir Or Chester gedacht. Sie ist Musi& 
Die Klangmittel, welche diese Musik dem Zuhdrer mitteilen, 
sind nebens&chlich. 



Als Zweites folgte am selben Abend ein Berceuse ilegiaque, 
ein der toten Mutter eesuneenes Wiegenlied, fiir eine gewdhlte 



ein ' der toten Muttdr gesxmgenes Wiegenlied, fiir eine g< 
kleine Besetzurlg Von Streich- und Blasinstrumenten, 
rmd Celesta. Bel diesem Stiicke, welches nun zwei 
z&hlt. gelang es mir zutn ersten Male, einen eigenen 
zu treffen, und die Form in Empfindtihg aufzulSser 
so befremdender war es mir. mein Werk mit der J 



h . y *■ 



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j > * ■ V J 



■ | 

1 . 1. ■ 



so 



mit der Art des 



Franzosen Debussy verwechselt zu lesen. Diesem Irrtum will 
ich entschieden entgegentreten . 



Debussys Kunst fordert seine personliche, scharf be- 
grenzte Empfindung — aus seinem Gemiit — in die Aufien- 
welt: ich bemiihe mich, aus dem Unendlichen, das den 
Menschen umgibt, zu schopfen und, gestaltet, zuriickzugeben. 







Selbst-Rezension 




Die Kunst Debussys bedeutet eine Einschr&nkung, die aus 
dem Alphabet manchen Buchstaben streicht und nach dem 
Beispiel scholastisch-poetischer Spiele, Gedichte mit Auslassung 
des A und des R konstruiert : mein Bestreben ist die Bereicherung , 
die Erweiterung, die Ausdehmmg alter Mittel und Ausdrucks- 
arten. Debussy’s Musik iibersetzt die verschiedensten Gefiihle 
und Situationen mit gleichlautenden Formeln ; ich bin bestrebt, zu 
jedem Sujet andere und entsprechende Tdne zu ftnden. Debussys 
Tongebilde sind parallel und homophon: Die meinen wollen 
polyphon und ,,multiversal“ sein. Bei Debussy sehen wir den 
Dominant-Nonenakkord als harmcnische Grundlage, den Ganz- 
ton als Prinzip der Melodie, ohne dafi die beiden sich ver- 
schmelzten; ich versuche jedes System zu vermeiden, Harmonie 
und Melodie zur unaufldsbaren Einheit zu giefien. Er unter- 
scheidet Konsonanz und Dissonanz; ich lehre diesen Unterschied 

zu leugnen. Ich versuche, ich will, ich „bin bestrebt" 

nicht, dafi ich es bereits in der Vollendung und in umfassender 
Weise t&te ; denn ich fiihle mich als An f finger — und Debussy 
ist ein Abgeschlossener. 

Das ,,Concerto“ fiir Klavier, Orchester und M&nnerchor 
bildete die dritte und letzte Nummer des Abends. Es ist ein 
Opus, welches die Ergebnisse meiner ersten Mannesperiode zu- 
sammenzufassen trachtete und das ihren eigentlichen Ab- 
schlufi darstellt. 

Wie jedes Werk, welches in einen solchen Zeitraum der 
Entwicklung ffillt, ist es reif durch gewonnene Erfahrung und 
auf Tradition gestutzt. 

Es weist durchaus nicht auf die Zukunft, sondem reprfisentiert 
die Gegenwart seines Entstehungsmomentes. Die Proportionen 
und die Kontraste sind bedachtsam verteilt und dadurch, dab 
der Plan endgiiltig feststand, bevor die Ausfiihrung begann, 
ist in ihr nichts Zuffilliges. 

Das Alte ffillt nicht vor dem Neueren, wohl abet vor dem 
Besseren. Wir haben das den . Akademikem vor aus, d&B wir 
das Neue erhoffen, indem wir das Alte ehren ; dafi wir .leiden 
konnen und geniefien zugleich; dafi wir uns willig beugen, 
ohne unt&tig zu bleiben. 




Der Giinstling des Publikums 331 




Der Giinstling des Publikums 

Von AUGUST STRINDBERG 

r ■ 

Der Giinstling des Publikums ist eine eigen tiimliche, aber 
sehr gewdhnliche Erscheinung. Es ist nicht das grofie Talent, 
die Zierde der Biihne, der anerkannte Erste, der Unbestrittene, 
sondem es kann etwas sehr Durftiges sein. Etwas Ein- 
nehmendes, Gewinnendes bei einem unbedeutenden Menschen, 
der ein einschmeichelndes Wesen besitzt, friih von einer 
Koterie lanziert, von Freunden in der Kritik zu den Wolken 
erhoben wird ; der sympathische Rollen von nicht verwickelter 
Art erh&lt, der einem gutmutigen Publikum so oft aufgenfitigt 
wird, daB es sich geschmeichelt fiihlt, dafi eine Biihnengrdfie 
ihm den Hof macht. 

Er spielt mit einem gliicklichen Naturell, mit zwei schdnen 
Augen, einigen klingenden Tonen, einer niedlichen Gebftrde, 
einer dreisten Miene; spielt aber nicht seine Persbnlichkeit, 
denn die ist nicht vorhanden. Gibt eine Art antispiritistischer 
Sitzungen, bei denen alle Kniffe zu sehen sind, weil sie nicht 
verborgen werden kdnnen . Kann Dimensionen annehmen, bei 
festlichen Gelegenheiten zum Genie emannt werden und als 
ein Illusionist die Illusion von Talent geben. Biihnenkunst ist 
fiir ihn oder fiir sie eine hohere Koketterie, und der Zu* 
schauerraum ist ein Salon, in dem die Triumphe des Salon- 
lebens als Biihnensiege gefeiert werden. 

Acht Jahre lang verfolgte ich eine solche Kometenbahn. 
Als ich im ersten Jahr aufgefordert wurde, mich zu Hufiem, 
gab ich, von einem natiir lichen Schwung uberwunden, die an- 
geborene Anlage zu; konnte mich jedoch nicht vor einem 
Talent, das nicht vorhanden war, beugen, wenn ich auch 
hoffte, hier werde etwas Bedeutendes heranwachsen. Was ich 
dann sah, war nichts. Ich horte nichts, obwohl ich Gehor zu 
besitzen glaube, und was ich sah, war unwirklich, unbestimmt, 
ein Projektionsbild auf Rauch. Aber ich wurde verwirrt, da 
Publikum und Kritik das Talent zu den Wolken erhoben ; ich 
hielt also mein Urteil zuriick, aus Furcht, dafi ich mich geirrt 

habe. 



Wir entnehmen diesen Abschnitt 
MQnchen) erscheinenden letzten Band 
Strindbergs Werfcen ,^>raRiaUirgi«“. 



dem soeben (bei Georg MtUler, 
der Gesamtausgabe von August 




Der Gfinstling des PubUkums 



Die nichste Aufgabe war groB und ernst, aber lcJht jxict tilths 
den Erast nicht; keine Miene oder Gebdrde war beobachtet, 
immer aber war da ein einschmeichelndes Wesen, das sich ans 
Publikum wandte und Zustimmung suchte ; und das gelang ihm. 
Als ich aussprach, es sei tauter Falschheit, wurde ich nieder- 
gestimmt. Dann blieb ich sieben Jahre fort. W&hrend dieser 
Zeit war mir der Ruf iiber die Ohren gewachsen. Der Gunst- 
ling war zur GroBe gestiegen, und man hatte ftir den Sieges- 
zug einen blutigen Weg gem&ht, auf dem Kleine und Grofie 
Iagen. 

Parallel ging jedoch ein Unterstrom von Kritik und Wider- 
stand: ungeteilt war der Beifall nie. Die Opposition konnte 
zuweilen durchbrechen und sagen: Das ist Abwesenheit von 
Talent, das ist das blanke Nichts! Die Wirkung war, daB die 
Gegenpartei ihr Bieten noch steigerte, und bald war der Gipfel 
erreicht. 

Da muBte ich eines Tages mitgehen nnd mir das Wunder 
ansehen. Ich kam und sah ! Hatte guten Willen, war bereit 
zu bewundern, im Notfall nachsichtig zu sein; glaubte das 
aber nicht ndtig zu haben. Und jetzt sah ich nach 8 Jahren: 
einen Raisonneur ohne Stimme, einen ausgesungenen Tenor, 
der von keiner Seelenregung getragen wurde, ohne Spannung, 
ohne Inter esse, leblos, talentlos. 

Es war das blanke Nichts! Es konnte nichf berichtigt, 
nicht verbessert werden, denn da war nichts vorhanden, das 
man h&tte verbessern, aus dem man etwas h&tte machen 
kdnnen. Aber er machte doch Gltick ! Das Publikum sah 



seinen GUnstling noch, so wie er einmal ge wesen, aber jetzt 
nicht mehr war; hdrte eine Stimme, die nicht existierte. 



Diese Erscheinung kann man nur als eine hypnotische 
Stance erklSren, auf der Schwachkopfe veranlasst werden, alles 
mogliche zu sehen und zu horen ; auf der aber auch das 
Publikum dem Gunstling den Eindruck zuHlckgibt, er sei eine 
GrdBe, denn ein flberlegtes Schelmenstflck kann man es nidht 
nennen. Um so weniger als der Gunstling in einer ewigen 
Unruhe lebt, er kdnne aus seinem Rausch erwachen und die 



Fihigkeit zu illudieren verlieren; von dem Zweifel gepeinigt 
wird, ob Talent vorhanden ist oder nicht. In Augenblicken 



tiefsten MiBmutes w&chst der Zweifel zur GewiBheit; dann 



verachtet er die Kunst und das Publikum, „daB sich anfiihreti 



l&fit“. 



Das Erwachen auf beiden Seiten ist schreckHch. . Aber' der 



KBnstler, der die Biihne miflbraucht hat, um seine Eitelkeit 
auszustellen, und Ehre und Gewiksen fiir die Gufist des Augeh- 



333 



Der Giinstling des Publikums — Fasching als Logik 



blicks opferte, hat keinen anderen Lohn zu erwarten, auch 
wenn das Mitleid auf rich tig ist. 

Das Unbegreiflichste ist jedoch, dafi die Dupierten die Fehler 
des Guns t lings als Verdienste lesen und die Mangel als Un- 
vollkommenheiten sehen; und wenn schlieOlich das Einzige, 
was nicht zu bestreiten war, das reizvolle Naturell, die Schon- 
heit der Jugend, die schlanke Gestalt verschwunden ist, sehen 
die Verblendeten noch immer — was nicht mehr da ist. Das 
erinnert an die Ausdriicke : einem das Gesicht verkehren, 
Zauberei uben; und die weiblichen Giinstlinge altem auch wie 
Hexen. 



Fasching als Logik 

Vortrag eines Marsbewohners 
Mitgeteilt von Dr. S. FRIEDLAENDER, Halensee 

Die verehrten Herren, den Herm Paul Scheerbart (eventuell) 
ausgenommen, irren sich alle, alle. Als Dr. Robert Mayer die 
Konstanz der Kraftsumme konstatierte, behielt er soviel geniale 
Besonnenheit, dieses Gesetz nicht in sein Privatleben dringen zu 
lassen, allerdings war er hier nichts als ein guter Christ, und es 
fiel ihm also auch nicht ein, sein Privatleben in jenes Gesetz 
dringen zu lassen. Und iiberhaupt, meine verehrten Leute : was 



h&tte wohl das selbsteigene Privatissimiun 



auch abgesehen 



davon, dass Sie es sich meistens durch Ihre hochinteressanten 



sozialen Fragen ersparen 



mit den Gesetzen der sogenannten 



Natur, welche doch nicht etwa Ihre eigene ist, zu schaffen? — 
, , Wer ISsst den Sturm zu Leidenschaften wiiten ?“ Der Dichter l 
Bloss der Dichter 1 Wer l&sst gleich die Erde beben, wenn ein 
Heiliger und eine Gans sich paaren ? Immer wieder der verfltichte 
Dichter, der deh Gott, so ihm im Busen wohnt, bekanntlich nichts 
nach aussen bewegen lassen kann. 

Glaubt man emstlich : Natur sei immer so ieblos gewesen wie 
heute ? So abendlich ? Kraftverlust gegen Kraftgewinn 1 5 d - 
lie h exakt abwggend? Maschinenm&ssig starr ? Diese so- 
genannte Naturgesetzm&ssigkeit, die ihr Geheimnis, das nicht ih 
der Zahl, aber in der Null liegt, kaum wittert, ist nur die Pro- 
jektion der Pathologic des eigenen Erlebens. „Da$ wollen alle 
Herm sein, und niemand ist Herr von sich. 1 * Man findet unter 
ihnen die merkwiir digste n Plus- und Minusmacher, die extrem- 
sten Negativisten und Positivisten. Aber sobald es sach darum 




■-•-v -M 




Fasching als Logik 



handelt, eins gegen das andere abzuwigen — ja I Dasind sie 
sich alle einig : das gibt nichts und wieder nichts ! Und „schlank 
und leicht aus dem Nichts zu springen", ist gar nicht ihre Sache. 
Das ahnt nur der Narr, der verdammte Dichter. 

So wollen wir sie denn necken, wollen ihnen logisch so- 
perpetuierlich mobil vor den klugen Augen herumrollen, bis diese 
ihnen ubergehen : Wir werden die Wollust auskosten, allgemein 
unfasslich und „gleich geheimnisvoll fiir Weise wie fur Toren** 
durch unsem vollkommenen Widerspruch zu werden ; wir 
bringen alle ihre Ja's und Nein's in einen Ateml Und unser 
Atem weiss, wo aus und ein. 

Alsol Es gibt gar keine „Welt“, sondern Welt ( — ®=>) erlebt 
Welt (+ °°) • gibt nicht dieses Ungeziefer, diese Lfiuse, Flohe^ 
Menschen; sondern oo grenzt lebendig an oo in begrenzter Figur, 
in einem Etwas, das von jenen zwei Toden lebt, sie gegeneinander 
atmend, balancierend. Oh, diese Sicherheit zwischen zwei Gef&hr- 
dungen, zwischen den beruhmten zwei Meeren. Auf hohem Joche 
wandelnd ! Niemals verlierbar — vom Schein des Selbstverlustes- 
geneckt ; niemals feststellbar vom Schein der endgultigen Ge- 
winnung geneckt : wird sie schweben lernen zwischen so magnetic 
schen Polen fast zerquetscht, fast zerrissen ? Wird sie endlich 
atmen lernen ? Diese lebendig-tote Indifferenz ? Meine Herren I 
Die Verkennung des Nichts richtet uberall diese grauenhafte 
Verwirrung an, welche Sie die Gute haben, Leben zu nennen r 
menschlich - allzu menschliches Leben. Aber das Nichts ist ja 
Indifferenz der Welt, des oo, dieser monstrosen Differenz. Wollen 
Sie denn partout in diesem kitzlichen Punkte sich ewig lahm 

legen ? 

Alle Differenzen des oo sind polar , d. h. einander spie> 
gelnd wie — oo das -f* oo, seien sie nun mechanisch, chemisch, 
vegetabilisch, animalisch, anthropologisch. „Ob nicht Natur zu- 
letzt sich doch ergriinde ?“ G e w i s s ! Wenn es meine eigene 
Natur ist, und Sie besitzen ja, meine Herren, dieses Ich alle, 
wenn auch nioch so tnino- oder majorisiert: wollen Sie nicht 
helfen, es echter zu differenzieren, dadurch dass 
Sie es auf die echte Indifferenz einstellen : auf die Mitte 

Nichts? 

4 

■fc t 

Eine saubere Alternative ! Entweder nfimlich bin ich ge- 
zwungen, mich fur ein Atdmchen, ein Elektrdnchen, einen 
lumpigen Weltpunkt zu halten ; oder diesen Punkt fiir die leben- 
dige Indifferenz der Weltpolarit&t : in der als Spezialfal! des — «• 
auch jenes Punktchen, also das erste Glied der Alternative 
figuriert. Entweder ist meine Logik die Logik des <» ; oder sie 
ist — es ist ihr selbst auszudenken unmoglich : w i e unbedeut- 




T 



Fasching als Logik 335 




sam. Und entweder ist dieses ganze Entweder — odern das ebbende, 

flutende Aethermeer der Polaritlt, welches uns Seekranke, 
Gleichgewichtskranke seegesund, gleichgewichtig schwebend und 
schwimmend will : oder der Irrsinn ist Anstandssache. 

’ W 

t 

Ohne das Leben freilich, ohne eignes Leben wire die 
Paradoxie des 00 besiegelt. Aber ,,L e b e n“ bedeutet eben den 
. Bindestrich, das elastische Syndetikon seiner Inkommensurabilitlt 
mit sich selbst : Indifferenz der unaussprechlichen Diffe- 
renz von — 00 und + «»• Dass nlmlich c« sich tot indifferen- 
ziere, ist nicht zu befiirchten : dagegen kann es sich eben deswegen 
nur dann exakt, rein, prlzis die Wage halten, wenn es deren 
Zunge scharf auf Null einstellt: eben hier wird sich, weil das 
eigentlich sein freiwilliger Selbstbetrug ist, das lebendigste Leben 
das pulsierendste Atmen erweisen. Aber das ist allein zuerst und 
zuletzt ein . . . . sittliches Kunststiick des eigensten Er- 
1 ebens und kann sich deshalb am Weltleibe nicht eher vollkominen 
offenbaren als bis die Weltseele, die Weltindifferenz, exakt 
funktioniert. Wie sollte dies nun gelingen, so lange man zwar 
ausserst scharfsinnig differenziert, aber weder die Polaritlt der 
. Differenzen des ca erkennt, noch den Charakter des Erlebens 
. als dessen Indifferenz, dessen nihil vivum, mors viva ? ? 

„E n d 1 i c h k e i t“ ist das Monogramm des <x> aus dessen 
Initialen — eo und -j- ea. Aber wie sollte sich denn die Kalli- 
graphie dieses Monogramms evident machen, wenn die Initialen 
des «» gar nicht als solche gelesen werden : wenn man im „End- 
lichen“ gar eine Art Gegenteil dazu oder ein blosses Fragment 
oder etwas agnostisch Empirisches erblickt, das den Geist anti- 
nomisch depotenziere ? ? 

■ ■ 1 1 

Meine Herren I Stellen wir die echte „Endlichkeit u , G r e n z e 
her, und wir erfassen das echte o» und mit ihm das echte 

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Perpetum mobile. Also begreifen Sie doch dieses kaprizidse 
Wesen eo, es ist ihr eigenes und das aller Welt 1 Was treibt es 
denn? — Balance, Balance, Balance, das ist sein ganzes Leben. 
Seine unausrottbare Inkommensurabilitlt mit sich selber gibt 
ihm alle Ewigkeiten hindurch zu schaf fen. Es ist in jedem 
Betracht — fur sich selber zu gross ; fur sich selber zu klein. Es 
uberholt sich, es bleibt hinter sich zuriick ; ist Monstrum, so per 
excessum wie per defectum. Stttrzt es ins Plus, gleich stiirzt sein 
Minus hinterher und zerrt es zuriick. Und das ganze Leben 
dieses Wesens strahlt und dunkelt von einem Null-Punkte aus, 

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der nicht Plus noch Minus treibt ; sondern Balance, Balance, 
Balance, Herren. Die Natur offenbart sich niemandem als sich 
selbst und tun so leuchtender, je herzhafter man diese persdnliche 
Identification mit ihr vornimmt. Wer hierin keinen Rest llsst, 



33 $ 



Fasching als Logik 

dem gibt sie sich resttos zu eigen. Gibt es etwas Resttoseres als 
das Nichts? 

a 

Von hier aus also soil man sehend leben lemen wie man es - 
handlings gar nicbt anders kann. Alsdann wird auch Natur ihre 
perpetuierlich mobilen Gleichgewichtswunder so hell zu erkennen 
geben, wie sie sie jetzt schamhaft verbirgt. Es ist ein netter 
Unterschied, ob man eine menschliche Halbnatur Oder gottlich 
runde Natur sei. Halbnaturen tendieren nach dem -f- «© ; repel- 
liert, resignieren sie mehr und mehr im — co ; aufgeriittelt, 
schwanken sie entweder dazwischen hin und her oder sie 
stabilieren ihre Labilitftt endgiiltig, bis Mme. la mort ihnen diesen 
Standpunkt sehr klar macht. Runde Naturen, Gdtter schweben 
gleichgewichtig, weil sie vom Zentrum, vom Nichts der Diffe- 
renzen aus die Differenzen erleben. In der Zeit sind sie des 
Jetzt m&chtig, dadurch aller Vergangenheiten und Zukiinfte. 
Im Raum des H i e r s , dadurch aller p o 1 a r e n Entfernung } in 
der Bewegung des Gleichgewichts, dadurch aller Richtungen und 
Geschwindigkeiten, aller Varianten, aller Polaritdt. Und das 
alles bloss deswegen , weil sie die Konstanz der Naturkrdfte, der 
Kr&fte ihrer selbsteigenen Natur erleben, aber nicht ertoten. 
Weil sie einsehen, dass ein co sich zwar paralysiere, aber nicht 
todlich , sondem wie der rechte Fliigel eines Adlers den linken. 
Wer das Perpetuum positiv (+ °°) nimmt, ist naiv. Desgleichen, 
wer es dann sogleich negiert ( — co) : Wer aber die Oszillation der 
Bewegungs null, ihr nihil vivum, scharf und klar in sein 
dann nicht mehr menschliches Auge fasst, hat 
den Punkt getroffen, auf den es bei aller TheopSdie und perpetuier- 
lichen MobiUt&t ankommt. Man hore ! Denn hier geht es auf 
Tod und Leben, auf Mensch und Gott. Ja, hier entscheidet sich 
das Leben ! 

Erst der Selbstvernichter ist der echte Selbst- und Welt* 
schopfer. Die Leere erst wird Lehre; man denke an Faust’s 
Gang zu den Miittern. Dieser Selbstmord, bei dem man leben 
bleibt, diese Erlosung von sich, durch die man wesenhafter wird, 
ist geisterhafter Natur, unmerklich: „Erlosung ist ein himmlisch 
leichter Zwang.* 1 Mit sich eins werden kann man nur dadurch, 
dass man das Zentrum der eigenen Differenzen absichtlich 
sein lernt, wie man es instinktiv-reflektorisch gar nicht anders 
sein kann. Unter dem Namen Philosophic wird die Vemunft 
des Lebens erst noch gesucht; wdhrend Kunz und Hinz ver- 
meinen, sie ware langst vorhanden. Also das verniinftige, fiber 
sich durch und durch hell gewordene Leben wird erst noch 
gesucht: es ist immer erst noch scheinlebendig, scheintot, dunkel, 
blind, bevor unser Gedanke seine Differenzen verm&hlt; und 



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Fascbing als Logik 



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337 




zwar ohne den geruigsten wahmehmbaren Rest, in einer pr&zis 
ezakten reinen Mitte — : diese, nur diese wird leben und per- 
petuierlich mobil sein, d. h. Ezistenz fortwihrend aufgebend, 
um zu ezistieren. Diese reine Mitte erst zwingt alle Kontraste 
des Lebens bis in seine Mechanik hinein zur reinsten Entscheidungl 
Diese Synthesis analysiert auf das entschiedenste. Zwingt euer 
Ich in einen Punkt, in ein Nichts zusammen — und alle Wunder 
des Gleichgewichts erscheinen hell so wie sie dunkel bereits 
allenthalben spuken; erscheinen rand wie sie halb und halb 
immer bereits als Gleichnisse hinken. 

Aber darin liegt's. Die Menschen kennen alles, nur nicht 
das Nichts! Das Nichts von Allem (von <*> 4-), das Nichts von all 
dessen Unterschiedenheit. Und wehe I wenn sie Mystik damit 
treiben: Dann endet in ihm die Unterschiedenheit, wie in einer 
fizen Idee. Ueberhaupt Menschen erkennt man sofort daran, dass 
sie j a Oder n e i n sagen, ohne dieses Entweder — Oder lebendig- 
neutral zu kommunisieren. Sobald sie dieses iiberhaupt ver- 
suchen, scheinen sie den Gefahren der Hypnose, des Irrsinns, 
der Ekstase, des om-mani-padma-hum gar nicht mehr wider- 
stehen zu konnen. Widersprfiche zu balancieren ist eine Squi- 
libristische Fertigkeit, und die menschliche Physis ist hierin 
geistreicher als die menschliche Psyche, dieser Minotaurus des 
physiologischen Labyrinthes, der lieber dessen Ariadne abgeben 
sollte. Man beachte doch, <*«-« sogar der eminenteste Logiker, 
der alte Kant, aus bejahenden und verneinenden Urteile un- 
endliche, aus Realit&t und Negation Einschr&nkung als 
wie eine Tiefendimension aus zwei Flachansichten hervorgehen 
lasst. Also tertium semper datur certe! Selbst also, wenn im 
Falle des Lebens und Daseins dieses Tertium zwischen dem 
Minus und dem Plus seiner Unerschopflichkeit wie tote Konstanz, 
wie nichts und wieder nichts, wie leblose Indifferenz, wie blosse 
Grenze, wie Endlichkeit, anmuten sollte — , wie weder Ja 
n o c h Nein: so lasse man sich doch nicht gleich ins Bockshorn 
jagenl Diese „Vernichtung“ ist ja der (wahrhaft iiberkugellager- 
massig reibungslose) Hebelpunkt des gesamten Weltbalkens, 
um den dieser eben spielen lemen muss und kann. Der Mensch 
hat ein wahrhaft kolossales Vertrauen zum ,,Tode“, 
eine ganz und gar dumme Vertrauensseligkeit ohne ein Arg; 
er ist das wahre Rindvieh des Todes, wirklich monstros viel mehr 
des Todes als des Lebens. Je mehr Misstrauen, desto mehr 
Philosophic, riet Zarathustra, ohne den Rat besser zu befolgen 
als . ... mysterids, also, wie gesagt, schldfrig, trdumerisch, 

mittern&chtig. Die sonstigen Unsterblichkeitslehren sind schon 
wegen des thorichten Wortes Missverstftndnisse der polaren 



33 » 



Fasching als Logik — Eine Audienz bei Goethe 



Natur des «>, des Lebens, 
zu sasren. das von iau 



das „stirbt und wird“, um es rasch 



zu sagen, aas von iquilibrischer Wechseldauer ist, kelnen 
dummen „Tod“ zwar, aber Sterblichkeit haben muss. Der 
„Tod“ ist nichts als die Lebensdummheit des Menschen, die 
er doch mindestens vor Allem logisch beseitigen kdnnte: denn 
der echten Logik fiigt sich die gesamte Natur wie das Orchester 
dem Kapellmeister: der polaren Logik, die das Nichts, 
als zittemde Indifferenz des •», zum Mittelbegriff ihrer gesamten 
Differenzierung hat; zum lebendigen Balancement (perpetuum 
mobile logicum). Denn ohl Wer den Mosesstab erhebt. um 



zwar. aber Sterblichkeit haben muss. 



Der 



mobile logicum). 



Wer den Mosesstab erhebt. um 



trockenen Fusses durch das blutige Meer menschlicher Wider- 
spriiche zu schreiten — welche grimmigen, wenn auch vergeb- 
lichen, Anbrandungen wird er erleben. Ja, die Gesundheit, die 
Vemunft ist ein Wagnis, eine Gleichwagung. Aude valerel 
Sapere audel Hier ist ein Gipfel! Hier ist das Hier, das Jetzt, 
das Leben, das echte Perpetuum mobile, das weder bejaht noch 
vemeint, weder stabilisiert noch explodiert: sondern dessen 
Labilitit erkannt und von seiner Pathologie durch Neutralisation, 
Zentralisation, restloses Gleichgewicht saniert werden kann. 
Hort, verehrte , aber dumme Manns- und Weibspersonen, Oder 
seid des „Todes“. — 



Eine Audienz bei Goethe 

Von EMIL SCHAEFFER 

■ 

Linger als eine Stunde diirfte ich nicht verweilen. Unter 
dieser Bedingung ward mir Einlafi ins Empyreum der Dichter 
gewihrt. Einen J iing ling, der mir gerade begegnete, frug ich 
nach dem Wege zu Goethe. Es zuckte seltsam um seine 
Mundwinkel: „Hitte ich ihn da unten finden konnen, vielleicht 
wire manches anders gekommen. Aber dort sehen Sie schon 
sein Haus ; man baute es ihm genau nach dem Vorbilde des 
Weimarischen ; und sagen Sie dem Herrn Geheimrat einen 
schdnen Grufi von Heinrich von Kleist! <( 

Beklommen und nachdenklich zugleich legte ich die wenigen 
Schritte bb zu Goethes Wohnung zuriick, wurde, indes mir 
vor Angst das Herz klopfte, in das Junozimmer geftihrt, und 
bald darauf erschien er selbst, gerader, beinahe steifer Haltung, 
schwarz gekleidet, den Ordensstern auf der Brust. Wihrend er 
gelassen auf einen Sessel deutete, forderte er mich freundlich 
auf, mein Anliegen vorzubringen. So begann ich denn mit 
stockender Stimme: „ Vielleicht haben Ew. Exzellenz bereits er- 




Eine Audienz bei Goethe 




fahren, dafi ein Leipziger Verlag, der uns oftmals schon zu 
Dank verpflichtete, der Insel ‘Verlag, von Ew. Exzellenz „Italie- 
nischer Reise“ eine prachtvolle Ausgabe . . .“ Goethes Antlitz 
verdiisterte sich. ,,Was,“ — rief er unwirsch — „eine jener 
entsetzlichen Prachtausgaben, wie solche von ,, Hermann und 
Dorothea* 4 oder meinem „Faust“ in den guten Stuben auf den 
Tischen herumliegen ?“ „Nein, Exzellenz, “ — beeilte ich mich zu 
erwidem — „dieser Verlag begeht derartige Barbareien nicht; 
das Format des Werkes ist zwar grofi, aber trotzdem gef&llig; 
xnit Vergnugen gleitet der Blick fiber die edlen Typen des 
Buches, dessen herlichsten Schmuck die trefflich wiedergegebenen 
Zeichnungen bilden, die Ew. Exzellenz und dero Freunde in 
Italien schufen.** 

Goethe lachelte, wehmutig und doch zugleich, wie mir 
deuchte, etwas geschmeichelt : „Mein armselig bifichen Zeichnen 1 
So kommt es doch noch einmal zu Ehren!** „Mehr als das, 
Ew. Exzellenz, man bewundert es, und die Berliner Secession 
Ififit hiermit Ew. Exzellenz wissen, dafi diese Kiinstlervereinigung 
stolz wire, wenn sie Ew. Exzellenz zum Ehrenmitglied er- 
nennenl dfirfte, und sie hofft um so eher auf dero zustimmende 
Antwort, als manche Zeichnungen Ew. Exzellenz ja erfullt 
sind von einem ganz modemen Impressionismus** . . . Ein 
fragender Blick der unvergeflbaren Augen liefi mich inne- 
halten . . Ach ja, der uns vertraute Begriff mufite hier erst 
erklfirt werdenl 

„Der Impressionismus also, zu dem sich Neunzehntel dieser 
Maler bekennen , will** — mfihsam suchte ich eine Definition 
zusammenzukleistern — „unter moglichster Ausschaltung 
anderer Vorstellungen den Natureindruck als Ganzes unmittelbar 
wiedergeben.** . . „Hm . . so . . . so . . . aber welcher Natur?** 
,,Jeglicher Natur, Ew. Exzellenz, jeder farbigen, von Luft um- 
spielten Oberfiache. Der Gegenstand an sich ist diesen Malem 
vollkommen gleichgultig.** „Hm,*‘ Goethe wiegte mifibilligend 
das Haupt. „Das ist nicht recht. Nur wenn er einen echten 
Gegenstand hat, kann der Kiinstler etwas E( htes machen.” 
„Und doch haben Ew. Exzellenz selber einmal geschrieben,** 
wagte ich schiichtern — ,,dafi der rechte Kiinstler ebenso fein 1 
das Gesicht seiner Geliebten wie seine Stiefel oder die An tike 
darstellen konne?“ Hier wurde Goethe verdriefllich : „Man 

mdge sich doch nicht immer auf Ausspriiche meiner unreifen 
Jugend berufen; als ich na< h Italien fioh, um, wie mein 
werter Freund, der Professor Schiller, sagte, von innen beraus 
und auf einem nationalen Wage ein Griechenland zu gebiren, . 



Eine Audienz bei Goethe 



34 <* 



da lemte ich es anders und besser.“ Mit starken Schritten 
auf- und abschreitend fuhr er fort. 



, Jede farbige, von Luft umspielte Oberfliche, sagenSie . . ? 
Nein . . . ! Dann muflte diesen Herren doch Venedig ein 
Dorado sein und sehen Sie, ich habe dort Alles mit einem 
feinen stillen Auge betrachtet, aber in mein SkizzenbUch 
blofi das Bildnis des Advokaten Rucaini eingetragen, der alles 
war, was ein buffo caricato nur Sein sollte. In Venedig wird 
die Kontur ja von der Far be aufgesogen; was hitte ich da 
zeichrien mogen, wo es mir doch, vielleicht im Gegensatz zu 
Ihren Berliner Kiinstlem und auch zu der markigen Roheit 
ernes Rembrandt, gerade auf die Form und ihre Bestimmtheit 
anzukommen scheint?“ „So stehen Ew. Exzellenz unseren' 
Tendenzen feindlich gegeniiber ?“ „Hm . . . das wohl nicht. 
Ein Arbeiten vor der Natur kann den jungen Leuten nur 
fordersam und ersprieBlich sein, vorausgesetzt, daB ihr Blick. 
stetS auf das Ganze gerichtet bleibe. Nur muB man allerdings 
den Vor der Natur gewonnenen Eindruck zu Hause dann 
hubsch zum Bilde abrunden und vollenden, wobei ich, als 
Dilettante, dann freilich oft der Hilfe des treff lichen Hackert 
und meines Freundes Tischbein mich bedienen mufite . 44 



4 m 

„Und just diese Blatter diinken uns fremdartig, so . . wie 
soil ich’s nur sagen ... so gar nicht zUgehdrig: Ew, Exzellenz 
haben, um dero eigene Wendung zu gebrauchen, die Natur doch 
stets aus grofien Augen angeschaut, Kleines und Unbedeutendes 
Ubersehend, den Blick immer auf das Wesentliche eingestellt. 
Aber Tischbein und Hackert haben die Intentionen Ew. Exzellenz 
nicht erfassen konnen, und eben durch dieses Abrunden und 
Vollenden dero grandiose Impressionen zur freundlichen 

Vedute verniedlicht . 44 

s. ■ ■ 

„Still„ junger Mann , 44 — unterbrach mich Goethe streng — 

„ Hackert besaB eine groBeMeisterschaft, die Natur abzuschreiben 
und der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben, und von Tischbein 
hatte ich zu lemen, nicht er von mir l 44 Da vermochte ich 
nicht linger mich zu halten, mit j&hem Ruck aufspringend 
rief ich laut: „Wolfgang Goethe, du Grdfiter, du Allumfasser! 
du hottest den Stein der Weisen und wolltest von Weisen 
lernen, denen der Stein mangelte, Warum ist dir in deinem » 
ganzen Erdendasein kein wirklicher Maler begegnet? Was : 
hftttest du fiir dich, was hfttten wir dadurch gewonnen ? !‘ ‘ 
Tiefes Schweigen ... 



Endlich r&usperte sich Goethe sehr stark; „Hm . . . hm 
haben Sie vielleicht sonst noch Gesch&fte hier oben ? 44 Ehe 



sich Goethe sehr stark; „Hm . 



* 4 



Sine Audienz bei Goethe — Koniglich preussischer Urnsturz 341 

1 



ich eine Entschuldigung stammeln konnte, offnete der Diener 
die SeitentQre und meldete Herrn Eckermann. Mit kurzem 
Kopfnicken wollte Goethe scheiden. Auf der Schwelle jedoch 
wandte er das leuchtende Haupt noch einmal zuriick: ,,Hm . . . 
ja . . . was ich beinahe vergessen hfttte: Sagen Sie, bitte, den 
Berliner Herren, dafi ich die mir zugedachte Auszeichnung als 
ein Unterpfand freundlicher Gesinnung wohl zu sch&tzen wiiBte, 
aber doch Bedenken triige, mich zu einem Ehrenmitgliede der 
Berliner Secession emennen zu lassen . . . Leben Sie recht 
wohl. 4 ' Damit entschwand die hohe Gestalt meinen bewundernden 
Blicken, und die Audienz bei Goethe war zu Ende. 



P 

Koniglich preussischer Umsturz 

Alle Strafen der irdischen und himmlischen Gewal ten werden 
den Liberalen angedroht, die in den Stichwahlen fur einen 
Sozialdemokraten ihre Stimme abgegeben haben. Konservativ- 
klerikale Blotter beschuldigen diese armen Liberalen der F6r- 
derung des Umsturzes, ein Vorwurf , den auch Herr v. Bethmann- 
Hollweg, aber philosophisch vorsichtig, erhebt, indent er die 
Bezichtigung ausspricht , die Liberalen hfttten eine neue 
Situation geschaffen. Wie kann ein anstfindiger Mensch sich 
auch verleiten lassen, an der Herbeifiihrung neuer Situationen 
mitzuwirken ? Derartiges Tun steht nach preufiischer Auf- 
fassung hochstens den dazu autorisierten Behdrden und Par- 
teien zu, schon weil man ,,amtlicherseits“ es nicht dulden 
kann, durch irgendwelche Verinderungen ilberrascht oder ge- 
stort zu werden. 

■v 

, Unsere echt preuBischen Leute mit der patentierten staats- 
erhaltenden Gesinnung, die liber den Umsturz fbrdemden 
Liber alismus entriistet sind, iibersehen aber ganz, dafi die 
Regierungen andauernd und planm&fiig die Grundlagen 
der heutigen Wirtschaftsordnung nicht nur durch Worte 
gef&hrden, sondern durch Taten untergraben. Am Tage 
der Reichstagshauptwahl ist zwischen dem preuBischen Berg- 
fiskus und dem Rheinisch -Westf&lischen Kohlensyndikat ein 
Abkommen getroffen worden, von dem die Vertreter der 
preuBischen Verwaltung behaupten, es sei darauf gerichtet, das 
Xohlenkapital unter die Kontrolle des Staates zu bringen, den 
Syndikatswillen zu brechen; die Lobredner der preuBischen 
Regierung scheuen sich sogar nicht, den Kohlenvertrag gerade 




34 * 



Kdniglich preussischer Umstun* 



* 



wegen seiner sozi alistischen Tendenz zu feiem. Dem Synditad 
wird der Verkauf der fiskalischen Ruhrkohlen tibertragen, ausr 
geschlossen bleiben nur die Kohlenmengen fiir die Reichs-, und 
Staatsbahnen, sowie die Kohlenquantitaten, die bereits vorher 
an Dritte verkauft waxen. Damit ist das MonopoL des 
Rheinisch-Westf&lischen Kohlensyndikats, das durch syndikat^* 
freie Zechen in verschiedenen . Gebieten durchbrochen war* 
wieder hergestellt r denn auch die Konkurrenz der bisherigsn 
Aufienseiter wird nunmehr ausgeschaltet, sie folgen dem Bet- 
spiel des Fiskus und treten in die Reihen des Syndikats. Was 
dem Fiskus als Gegenleistung zugestanden wird, scheint blut? 
wenig zu sein, er hat das Recht jederzeitigen Rucktritts vop$ 
Vertrage. Durch dieses Recht sail er die Mdglichkeit erhalten. 
eine ihm nicht. genehme Preispolitik des Syndikats zu ver- 
hindern, denn die Anktindigung eines Riicktritts miifite nacfi 
der Auffassung der Verteidiger des Vertrages stets die Folge 
haben, das Syndikat zur Anerkennung der fiskalischen Wiinsche 
zu zwingen. Vorl&ufig werden die Dinge zwar anders ver- 
laufen, bei den innigen Beziehungen zwischen dem Syndikat 
und der fiskalischen Verwaltung yrird der Herr Fiskus sioh 
immer von der Zweckm&Bigkeit aller sjmdikatlichen Mafinahmen 
iiberzeugen lassen- Mit groBer Promptheit beschloB das Rhei- 



•Westf&lische Kohlensyndikat wenige Tage nach der grofiefaji 



Verbriiderung mit dem Staat Preiserhohungen bis um etw4 
i Mark fiir die Tonne Kohlen. «... 



Nich tsdestoweniger ist der neue Kohlenvertrag im Kern 
sozialistisch, wenn er auch der Staatsgewalt eine Kontrolle 
fiber die Ausbeutung der Kohlenschatze noch nicht verschaift. 
Schon die VergrdBerung seines Bergwerkbesitzes hat . PreuBea 
in den letzten Jahren mit der Notwendigkeit begrfindet, groBerea 
Einflufi auf die Kohlenversorgung des Landes zu gewinnen, die 
Regierung unternahm sogar im Jahre 1904 den miBgliicktex? 
Versuch, die Bergwerks-Gesellschaft Hibernia zu dem gleichea 
Zweck in ihren Besitz zu bringen. Durch diese Bestxebungen 
erfuhr die Freundschaft zwischen der Regierung und dem. 
Grubenkapital auf die Dauer keine EinbuBe, und es wire eine 
arge Tauschung, wollte man etwa annehmen, daB der Fiskus im 
Kohlensyndikat jetzt ein fiir die privaten Zechen peinliches 
Aufsichtsrecht erlangen wollte. Was aber heute nicht ist, kann 
morgen werden. Weit fiber die Absichten der Urheber des* 
Kohlenvertrages hinaus gehen die Wirkungen dieser Verein- 
barungen. 

Das vielleicht als Unterstfitzung des syndizierten Gruben— 
kapitals gegen alle AuBenseiter gedachte Abkommen ebnet dene 



1 



Kdniglich preussischer Umsturz 





Wfeg fur eine sozialistische Entwicklung, fur eine Unterstellung 
der Kohlenwerke unter die Aufsicht des Staates und schliefllich 
fair die Verstaatlichung des privaten Kohlenbesitzes selbst. 



' ' GroQe Erfolge waren den sozialistischeii Umtrieben durch 
die Annahme des Kaligesetzes im Jahre 1910 beschieden. 
Das sozialistische Prinzip feiert in diesem Gesetz einen fdrm- 



Das sozialistische Prinzip feiert in diesem Gesetz einen form- 
lichen Triumph, den nicht nur die Sozialdemokraten, sondern 
auch die Nationalliberalen. Konservativen. das Zentrum und 



auch die Nationalliberalen, Konservativen, 



nicht zuletzt die Regierungen schaffen halfen. Zunachst bo> 
absichtigte das Gesetz nur den Kommunismus des Mammons, 
die Produktion der einzelnen Kaliwerke wurde kontingentiert, 
die gesetzliche Festlegung von Hochstpreisen fiir das Inland 
und von M aximalpreisen fiir das Ausland vorgesehen, um einen 



preisunterbietenden Wettbewerb zu unterbinden. Doch die 
Reichstagsmehrheit wurde nachdriicklich auch an die ArbeiteT 
m. der Kaliindustrie er inner t, und sie gab den von der 
Sozialdemokratie im Interesse der Arbeiterschaft erhobenen 



Ebrderungen nach. So kam denn in das Gesetz die Be- 
Stimmung hinein, da8 ein Kaliwerk fiir den Fall von Lohn- 
kurzungen unter den im Durchschnitt der Kalender jahre 1907 

>1 L 

bis 1 909' gezahlten Lohn durch Kiirzung seines Produktions- 
kontingents um mindestens 10% bestraft werden mufi. Die 
gleiche Strafe tritt ein, wenn die Arbeitszeit im Jahresdurch- 
schnitt ungtinstiger war als in den Jahren 2907/1909. 

Auf diese Weise ist zum ersten Mai in Deutschland die 



Festlegung eines Mindestlohnes und einer Maximal- 
arbeitszeit herbeigefiihrt worden. Von nicht geringerer 
grunds&tzlicher Bedeutung sind die Pfiichten, die dem Unter- 
nehmertum bei Fusionen auferlegt werden. Kaliwerksbesitzer 
dtirfen nach dem Gesetz den ihnen zustehenden Anteil am 



Absatz ganz oder teilweise auf andere Kaliwerke iibertragen. 
Warden nun infolge der Ubertragung von Beteiligungsziffern 
Arbeiter oder Beamte beschaftigungslos, ohne eine 
ihren Fahigkeiten entsprechende Arbeitsgelegenheit zu finden, 
Oder erleiden sie eine Verminderung ihres Arbeitsverdienstes, 
#0 hat der iibertragende Kaliwerksbesitzer ihnen den 
entstehenden Einnahmeausfall bis zur Dauer von 
*6Wochen zu ersetzen. 



Was durch dieses Gesetz zur Anerkennung gelangte, gait 
las dahin mit den Grundlagen der herrschenden Wirtschafts- 
verfassung als unvereinbar, wenigstens nach den Versicherungen 
der Reprdsentanten kapitalistischer Interessen. In Konsequenz 
sdner Politik verlangte der Zentralverband Deutscher Industri- 
elka- die Ablehnung des Kaligesetzes aus der Erw&gung, daB 



i 



344 



Koniglich preussischer Umsturz 



mit demselben Rechte morgen fur andere Arbeiterkategorieh 
gefordert werden kann, was heute den Kaliarbeitern zugestanden 
wurde. Unter ‘ dem Zwang der Verh&ltnisse setzten sich die 
Regierungen und die Mehrheitsparteien liber diese Bedenken 
hinweg, und die Offizidsen versicherten, daB durch das Kali- 
gesetz kein Pr&zedenzfall geschaffen werde, da es sich um den 
Schutz eines nattirlichen Monopols handle, wobei die Arbeiter- 
schaft nicht ganz unbeteiligt bleiben durfe. Wie haltlos diese 
Kalilogik der Offizidsen war, ist leicht zu erkennen. Gesteht 
man bei staatlichem Schutz eines natiirlichen Monopols auch 
der Arbeiterschaft gesetzlichen Anspruch auf einen Anteil an 
den Vorteilen, die dem Kapital daraus erwachsen, zu, so ergibt 
sich ein derartiges Recht der Arbeiterschaft in einem viel 
groBeren MaBe bei der Bildung klinstlicher Monopole. Direkt 
und indirekt haben kleine Kapitalsgruppen ganze Wirtschafts- 
gebiete monopolisiert, abgesehen day on, dafi durch Gesetze 
private Monopole geschaffen wurden, wie durch die Spiritus- 
politik, das Zlindbolzsteuergesetz, das die liber den bisherigen 
Produktionsumfang hinausgehende Erzeugung so wie die Pro- 
duktion neuentstehender Fabriken mit einem um 20% hdheren 
Steuersatz belegt, ferner durch das neue Brausteuergesetz der 
Reichsfinanzreform, nach dem neuentstehende Brauereien bis 
zum Jahre 19x8 eine wesentlich hohere Brausteuer als schon 
existierende Betriebe zu zahlen haben. 

Von der Sozialdemokratie selbst ist die Annahme des Kali- 
gesetzes mit groBer Genugtuung als ein Sieg des sozial- 
demokratischen Prinzips bezeichnet worden, und am Ende 
wird man die Sozialdemokraten hierflir als die zust&ndigen 
Gutachter ansehen mussen. Unter Flihrung der koniglich 
preuBische Regierung ist im Reiche dieser bedeutsame Sieg 
des sozialistischen Prinzips durchgesetzt worden, eines Prinzips, 
das, wie man in diesen Tagen besonders oft horen und lesen 
konnte, nicht nur die Vernichtung der bestehenden Ge- 
sellschaftsordnung, sondern den Zusammenbruch aller Kultur 
bedeuten soli. Krites. 



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* 



Der Lokomotivftihrer 





PER LOKOMOTIVFUHRER. 

Naumann ist unterlegen — Posad owsky ist gew&hlt. Eine skufrile 
Laune der zeitgenSssischen WShlerpsyche, worin ein hfibsches Endchen 
■ Symbolik steckt. Der nfichterne Politiker mit dem weitschauenden Blicfcl 
Der Praktiker, der fiber den Theoretiker, der Kenner der Staatsgeschftfte, 
‘der fiber den unverantwortlichen Ideologen den Sleg davontrfigt ! Und 
so wetter. 

_■ 

. . Das gesamte Bfirgertum hat ihn gegen den Sozi&ldemokraten Severing 
Kleinkram. Derarti ges sch&tzt das Philisterium. Man weiB doch in diesem 
Fall wenigstens, was man hat — wenn sich auch vemfinftigerweise nicht 
erwarten l&Bt,dafi der eine wildeGraf etwa dasReichswohnungsgesetz Oder 
die Erbbaubanken durchbringen wird. Er ist so isoliert, HaB er beim bestens 
Willen nicht viel Boses anstellen kann I Aber immerhin : Diese schdnen 
Dinge stehen auf seinem Programm! Und das ist ja {fir den Durchschnttts- 

wilder in der Regel das Wichtigste. 

' * ■ - * 

Eipen homme de chiffres hat einmal der gerissene Graf Witte den 
<ein$tigen Staatssekretar genannt. T r otzdem ~ oder vieileicht gerade deshalb! 
— gait er in der Blfite seiner Amtsw irksamkeit bei uns zu Lande alsder 
Lokomotivftihrer der deutschen Sozialpolitik. Und mitunter, wenn eine 
etwas schirfere Kurve der Gesetzgebung zu nehmen war, pustete das sonst 
so geffigige DampfroB gar gewaltiglich, so daB Herr v. Heydebrand ihn 
wiederholt vermahnen muBte, nicht so stark zu heizen. Mit tl Materialis- 
mus", rief Posadowsky in seiner Etatsrede vom 12. Dez ember 1905 aus, 
„ringt die bfirgerliche Gesellschaft die matedalistische Sozialdemokratie 
nicht nieder ! Nur eine sittlicheWiedergeburt,wie sie Deutschland zuBeginn 
des 16. und 19. Jahrhunderts erlebt hat, kann der bfirgerlichen Gesellschaft 
wieder den EinfluB und die Schwerkraft geben, die sie in jedem Staate, 
bei jedem Wahlrecht und jeder Verfassung besitzen muB und in jedem 
zivilisierten Staat in der Tat besitzt." Derlei schlecht verhfillte Apellationen 
an den Geldbeutel der in Deutschland herrschenden Cliquen kosteten ihn 
denn auch am Ende sein Amt, obgleich er wieder bei andem Anlissen, 
etwa in der Diskussion fiber die Einffihrung von Arbeiterkammern oder 
gelegentlich der Beratung des Gesetzentwurfs fiber die Rechtsf&higkeit 
der Berufsvereine, seine Geschicklichkeit im Bremsen unwiderleglich nach- 
gewiesen hatte. 

Diese Geschicklichkeit beruhte im Grande auf einer sehr glficklichen 
Veranlagung seines sozialpolitischen Naturells, die ihm gestattete, sich 
vorkommendenfalls von der anscheinend in voller Fahrt dahinsausenden 
Lokomotive in das Schneckengeh&use des amtlichen Fachbetriebs zurfick- 
zuziehen. Da bekamen denn die Dinge freUieh ein ganz anderes Aus- 
sehen. Der Abgeordnete Naumann hatte im April 1907 in seiner denk- 
wfirdigen Rede fiber den Tarifvertrag die Aufmerksamkeit der Gesetz* 
gebung auf das Kern- und Grundproblem der sozialen Frage hingelenkt: 
auf die Frage der Arbeitsverfassung. Aus Industrieuntertanen sollen 
Industri ebfir ger werden. Aus Arbeitsautomaten, denen ihre soziale Ver* 
einzelung, ihre bedingungslose Abhingigkeit vom Unternehmerkapital 
nur ein in Silberlingen zu bezifferndes MaB von personlichem Interesse 




346 Der Lokomotivfiihrdir 



herausgehauen. Seine Stkrke; Die Besch&ftigung mit sozialpolitischero 
an ihrem Arbeitsprodukt gestattet, soil das Gesetz bewuBt Mitwirkende 
an dem groBen ProduktionsprozeB des nationalen Wirtschaftslebens her- 
anziehen, Werkgenossen, denen ihre aul unbedingter Koalitionsfreiheit 
beruhende Solidarit&t jenen EinfluB auf den Gang der Produktion einraurat, 
der allein den Obergriffen der Unternehmertrusts die Spitze zu bieten Tec- 
mag. Und was hatte der Praktiker Posadowsky auf diese Rede, deren 
groBtes Verdienst eben das. der theoretischen Klarstellung war, zu er- 
widern? — „Es war ein philosophisches Programm, aber wenn man 
lange in der Praxis des Lebens steht, so sehen die Dinge n&chtemer aos 
(Zustimmung rechts), und wenn wir die Bestrebungen auf dem Gebiet der 
Sozialpolitik, die mit Recht von den arbeitenden Klassen geltend gemacbt 
werden, fordern wollen, so mBssen wir aueh die Dinge mehr im einzelnen 
und nOchtemer betrachten.“ ’ 

Heute aber zieht Graf Posadowsky-Wehner selbst mit allerlei allge- 
meinen Programmpunkten beladen in den Reichstag ein, als ,,Ideologe“, 
als „unverantwortlicher Politiker“. Er wiinscht beispielsweise ein Reichs- 
wohnungsgesetz, das strengere gesundheitspolizeiliche Kontrolle und die 
Reservierung bestimmter GelMnde fflr Kleinwohnungsbau unweit vom 
Stadtzentrum vorsehen soli. Recht schon: ungefdhr sagt das Naumann 
audit Aber eS 1st tausend gegen eins zu wetten, daB die „in der Praxis 
der Lebens stehenden* ' ' Bodenmonopolisten und ihre Geldhintermdnner 
diese Forderung „unverantwortlicher Ideologen**, als zu wenig nQchtem 
und ins Einzelne gehend, bis aufs Messer bekdmpfen werden — mit den- 
selben Grunden also, die einst der Staatsmann Posadowsky vertrat. Und 
nach den zweifelhaften Erfahrungen, die man mit der Wertzuwachssteuer 
machte ■ — deren Kosten am Ende doch die Konsumenten zu tragen haben 
— ist es sehr fraglich, wer in diesem Kampfe obsiegen wird. 

,3s war ein philosophisches Programm 

JKcht anders steht es mit den sonstigen Forderungen des grdf lichen 
VoUcsboten von Bielefeld- Wiedenbrfick. Wenn er auf unsere aus ganz 
anders gearteter Trad tion erwachsenen Parteiverh&ltnisse die politischen 
Gesetze der englischen Parlaimentskonstellation angewendet wissen will, 
wenn er an die Moglichkeit glaubt, das bunte Mosaik unseres Parteien- 
wesens auf die einfache Formel „hie liberal — hie konservativ 1“ zurflde- 
ffkhren zu konnen, wenn er vollends immer im Geleise des irreffihrenden 
fremdl&ndischen Vorbilds, die Viermillionenpartei der Sozialdemdcrafie 
als cine vdllig fiberfl&ssige Zeiterscheinung registriert: heiBt das vielleicht 
die. Dinge nfichtem und analjrtisch betrachten ? 

,,Es war ein philosophisches Programm 1“ 

Auf alle F&lle kann es nur ntitzen, wenn auch der Praktiker par 
excellence einmal in die Lage versetzt wird, sich ausschlieBlich auf die 
Durchschlagskraft seiner Ideen verlassen zu mflssen. Ideologische Utopien 
unverantwortlicher Politiker werden dann oft im Handumdrehen zu sitt- 
lichen Notwendigkeiten, handfeste Tatsachen und Sachlichkeiten ver- 
flBchtigen sich zur Phrase. Es kommt lediglich auf den Standpuiikt an. 
Mag der Privatmann Posadowsky immerhin sein sozialpolitisches Sprbchlein 
hersagen, unbeschwert von ministerieller Verantwortlichkeit und Staats- 
raison; der Rechten wird er stets zu radikal, der Linfcen in ihr.er groBen 






Das heimliche Theater und Wedekind 





Mehrheit zu konservativ sein, und nur das Zentram, dem er in Kbln so 
*Oifrige Wahlhilfe geleistet hat, wird ihm zujubeln. FOr ihn wie fOr uns 
stehtalso emsthaft zu befOrchten, daB seine T&tigkeit als Volksbote nicht 
rid mehr zu bedeuten haben wird, als eine F eierabendbesch&f tigung far 
pensionierte Lokomotivfuhrer ..... Dr. MAX ADLER. '' 



DAS HEIMLICHE THEATER UND.WEDEKIND 

' * 

•f 1 - „ 

; Heinrich Lautensack empfiehlt in der ,,Aktion“ die GrUndung des 
„heimlichen theaters", um die Xensur zu umgehen. Ein M&zen wird die 
Kosten tragen. „Die und did Leute werden eingeladen" ; richtig einge- 
laden, nicht nur aufgefordert. Niemand braucht etwas zu bezahlen. Der 
Zensor hat nichts dreinzusprechen. Als erstes Stack soil Wedekinds 
„Totentanz“ aufgefOhrt werden. ; — Gegen den Gedanken w&re nichts ein- 
zuwenden. tfbrigens hat es der „Pan" im vergangenen Jahre &hnlich ge- 
macht, als er die „Bachse der Pandora" auff&hren liefi. 

Das Resultat? Das Publikum stellte sich auf die Seite des Dichters. 

■ ^ ' ' 1 - * * 

Heft sich von der Kraft des dramatischsten Dramas unserer Zeit ergreifen. 
After die Presse, die zhnftigen Kritiker I Die meisten traten beistimmend 

zur Seite des Zensors. Welcher Nutzen fOr Wedekind war erreicht ? Fast 

* 

nictyts ! Wedekind war besiegt, . der Zensor war in der Gloriole. Wenigen 
iSenschen wird der Abend unvergeBlich bleiben. Die groBe Masse erfuhr 
von den Kritikem — die ihr Reporteramt nicht erfiillten und statt von 
dem Erfolg des Dichters beiro Publikum zu berichten, von ihrem Durchfall 
beim Dichter erzShlten — der Zensor habe Recht, das Stack sei schlecht 
und widerlich. Die Idee des. heimlichen Theaters lot gut, aber nicht fOr 
Wedekind. Far ihn: das offentliche Theater. 

Wedekind ist ein Dichter und ein Prophet. Er erstickt, wenn man 
ihm das Maul verhindet. Er will reden, wirken, ttberzeugen, Proselyten 
machen. Ein Moralist, dem es unertr&gfich, unmoglich ist, seine Moral 
nicht predigen zu dCrfen. Wedekind will lieber in der Waste predigen, 
Fische zu GlSubigen machen, als schweigen. Er braucht die Offentlichkeit, 
er mufi sie haben oder er vergeht und verdirbt. Sein Genie totet ihn und 
sich. Die Wirkung, die ein Dichter austtbt, hat einen bedeutenden EinfluB 
auf . ihn ; im heimlichen Theater wird Wedekind die Wirkung nicht fOhlen. 
oder die Kritiker werden. sie ihm wegdisputieren. Wollen wir uns einen 
GenuS bereiten, so lafit uns das heimliche Theater grOnden, wir werden 
den„Totentanz"sehen; und uns ist ein groBer Eindruck sicher, aber Wede- 
kind wird nichts davon haben, um ihn wirds so still sein wie frOher, und 
die Bangigkeit, die jetzt aus seinem Dichten und aus seinem Tun spricht, 
wird so bedngstigend sein wie sie war. 

Man sollte einen Aufruf erlassen. MSnner von Namen sollten sich 
zusammentun, dem Zensor schreiben: „Erlauben Sie eine dffentliche Auf- 
fOhrung. Wir stellen uns als Bttrgen, daB Niemandem ein Schade ge- 
schieht. Wir werden den Theater besuchem durch ein of fentliches 
Schreiben mitteilen, daB StUcke gespi elt werden, die nicht fOr unreife 
Menschen sind." Alle Sthcke Wedekinds, die noch nicht in einer 8ffent- 




.348 Sozialdemokratie, Agadier und Aualand 




lichen AuffQhrung gesehen worden sind, sollen tragiert werden. Bine 
Wedekind-Woche. Der Zensor wird gebeten, den AuffQhrungen bdni- 
wohnen, das Publikum zu beobachten. Lehnt das Publiktim die StQcfce 
ab, gut, dann mag der Zensor — wie unnQtz es auch ist — seines Amtes 
walten. Entscheidet das Publikum in der ersten Vorstellung fQr den 
Dichter, dann wird der Zensor nicht den Mut haben, erwachsene Menschen 
zu bevormunden. 

Die Entschuldigung fQr die Prfiventiv - Zensur war stets die: naan 
kann nicht die Premidre zulassen, die Wirkung nicht abw ar ten, weil 
schon in der Premiere der Schaden angerichtet sein kann. 

Der groBe Zensurbeirat, den wir ad hoc grBnden wollen, nimmt dem 
Zensor die Verantwortung ab. Theater, Schauspieler und Publikum zu 
finden ist Kinderspiel. 

Die Arbeit allein : so henrorragende Mfinner zu suchen, die 
daB es heut keine wichtigere Aufgabe im Bereiche der dramatischen und 
theatralischen Kunst gibt, als Wedekinds Rettung vor dem Zensor. 

C. 



SOZIALDEMOKRATIE, AGADIR UND AUSLAND 

Reaktionfire Blitter (Kreuzzeitung, Lokalanzeiger und Zukunft, auch 
noch viele andere) fOrchten eine bedenklicheWirkung des sozialdemokra- 
tischen Sieges auf die ausw&rtige Politik. Die Franzosen sollen nimlich 
glauben, Deutschland sei jetzt schwach, die roten BrQder wOrden Deutsch- 
land daran hindern, zu siegen. 

Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein. 

Die Franzosen glauben das gar nicht ; unnQtz, sie zu warnen, sie find 
nicht so dumm, sie wissen es gut, daB ein freies oder ein um seine Freiheit 
ringendes Volk sich am allerwenigsten stSren 15Bt. 

Angeblich wird der Krieg dann erkl&rt, wenn der leitende Mum des 
angreifenden Staates sagt : Wir sind gerQstet, alles in Ordnung und unsere 
BedQrfnisse, unsere Entwickelung verlangen den Krieg. Basta, jetzt gehts 
los. Ist das wahr ? Man droht mit dem Krieg. Man meint, morgen ist er 
da ; statt dessen jahr el anger Frieden. Man holt die Drohung wieder hervor, 
man steckt sie wieder ein. Frieden. Plotzlich ist der Krieg da. Nicht weil 
dasWohl des Staates jetzt gerade den Krieg verlangt, sondem weil die 
Menschen ihn jetzt wollen. Es ist mit dem Krieg wie mit alien D ingen in 
der Welt ; man kann sie rechnerisch vorbereiten, man kann sie aber nicht 
errechnen. Angebot und Nachfrage sind Funktionen, ohne die LQsternheit 
der Menschen sind sie nichts. Der Mensch ist Qberall das Subjekt ; das 
Mechanische das Objekt. 

WQrden die BedQrfnisse allein entscheidend sein, dann wQrde jedes 
Samenkom eine Ahre, jeder Baum trQge FrQchte, jeder Knabe wQrde ein 
groBer Mann, und kein Sterblicher verdQrbe sich je den Magen. 

Wir haben Frankreich zwei Provinzen genommen. Gut, es will sie 
zurQck haben, Frankreich ist unser Feind. Unser Handel macht den 
Engl&ndem Kopfweh; sie haben ein Inter esse, uns zu sch&digen. Was 
aber haben wir den Italienem getan? Und den andera VBlkern, die uns 
nicht leiden mdgen ? 



Retie 



349 



Waram lieben uns die Holllnder nicht, die all dem Auf schwung unseres 
Handels mitverdienen ? 

Ich fragte eines Tages ’einen gescheiten Hollfinder: Ja, sagte er, Sie 
haben Recht, Hollands Interessen verlangen den AnschluB an Deutschland. 
Ich weiB es. Wir haben auch nicht vergessen, was England uns und 
unseren Kolonien getan hat. GewiB, gewiB. Waren Sie aber einmal in 
einem kleinen St&dtchen an der Unterelbe, in Stade? 

„Ja, antwortete ich, ich habe da einmal auf einer Tour zu Mittag 
gegessen, ubrigens vorzfiglich. Eine entzhckende Stadt.“ 

Ja, haben Sie .aber gesehen, wie zwischen den kleinen niedrigen 
reizenden Hdusern ein wider licher riesiger mattroter Block hervorprotzt, 
das Postgebdude ? Sehen Sie — und der Mensch' vergaB seine gute Er- 
ziehung und schrie — sehen Sie, ehe ein PreuBischer Postminister in 
unsere Stadte solche ScheuBIichkeiten setzen darf, wollen wir lieber unser 
Land arm und elend sehen; wir wollen lieber nach unser er Fagon arm, 
als auf preuBisches Kommando reich sein. 

„Die Leute in Stade finden die roten Postpal&ste auch nicht schdn. M 

„Warum lassen sie es sich dann gef alien ?“ 

„Tja!“ 

„ Sehen Sie**, sagte er noch und sah mich ver&chtlich an. 

Agadirl Die Franzosen schfitzen das deutsche Volk gering, weil es 
sich von derKlasse, die die Agadirdiplomaten produziert, beherrschen ISfit. 

22. Januar: Die Franzosen bekommen wiederRespekt vor Deutschland, 
weil es sich nicht von dieser Klasse beherrschen lftfit. 

Unsere Diplomaten werden jetzt leichtere Arbeit haben. Den Dank 
schulden sie den Siegern vom 22. Januar. W. 

REUE 

Ich glaubte, einige unhofliche Worte gegen Siegfried Jacobsohn sagen 
zu miissen. Fhr ihn antwortet Herr Steinthal in der „Deutschen Montags- 
zeitung“. Das nenne ich noch eine Antwort ; das kann nur einer, der 
seine Lehrzeit bei der „GroBen Glocke u mit Erfolg absolviert hat. Er er- 
z&hlt, dafi ich die groBten Gemeinheiten in der Jagow-Aff&re begangen 
habe (u. a* teilt er auch mit f daB ich von einer Schuhfabrik bestochen 
worden bin). Er hat die empfindlichsten und schwersten Beleidigungen, 
die es hberhaupt gibt, gegen mich ausgesprochen. Es ist mir dabei merk- 
wurdig ergangen. Ich habe nicht einen Augenblick den Wunsch gehabt, 
gegen ihn Stellung zu nehmen. Man whrde, wenn der Urheber ein halb- 
wegs anstandiger Mensch ist, das unbezfthmbare Bedurfnis fiihlen, gegen 
ihn vorzugehen, ihn zu verklagen oder ihn zu schlagen. Ich habe dieses 
Bedfirfnis Herrn Steinthal gegenfiber in keinem Augenblick gehabt. Dieses 
vollst&ndige Ausbleiben jedes Zorngefhhls, hberhaupt jeder Erregung kann 
ich mir nicht anders erklftren als damit f daB in mir der Instinkt zu stark 
entwickelt ist, man konne sich mit Menschen, die unter einem gewissen 
Niveau sind, nicht abgeben. Jacobsohn war gerade noch auf der Grenze. 
Ich glaubte es wenigstens. Ich habe Reue. Ich wuBte, daB er vor Jahren 
etwas getan hat, was nicht hhbsch war, und ich wufite auch sonst alter- 
hand Vorteilhaftes von ihm. Aber, was ich nicht wuBte : daB Herr Stein- 





35® 



Die Unterirdischen 



thal von der „Groflen Glocke“ sein Freund ist. Sage mir, mit wem Du 
umgehst, und ich werde Dir sagen, wer Du bist. Ich bereue meine Worts 
gegen Herrn Jacobsohn. Schimpfen Sie ruhig, verleumden Sie! Ich tue 
Ihnen nichts. 

C. 



DIE UNTERIRDISCHEN 

Redakteur der „Deutschen Montagszeitung" in Berlin ist ein frflherer 
Redakteur der ,,GroBen Glocke“, namens Walter Steinthal. 

Er schreibt einiges nicht ganz Wahre (das Gesetz nennt es ver- 
leumderisch) fiber die Art meiner Trennung von Paul Cassirer, fiber meine 
zutreffenden und beweisbaren AuBerungen gegen nicht waschechte Zeit- 
genossen, fiber meinen Standpunkt in der J agowsache. 

Ich hatte von Herrn Steinthal drucken lassen: ,,Der Herr . , . ist ein 
wegen seines Wirkens an der GroBen Glocke vorbestrafter junger Mann." 
Er war damals eben hierffir bestraft worden. 

Herr Steinthal hat nachher versucht, seine Tatigkeit an der ,,GroBen 
•Glocke -1 durch Unwahrheiten wegzuleugnen. Er ist hierbei abgefaBt Und 
gezfichtigt worden. Dies der Tatbestand. 

Alfred kerr. 

V 



Wir bitten, Mitteilungen und Beitrkge nur: 

An die Redaktion, Berlin W. 10, Victoriastrasse 5, zu adressieren. 
Bei umfangreicheren Zusendungen ist vorherige Anfrage notwendig. 
Sprechstunde: An Werktagen, mit Ausnahme des Montags, 1 — 3 Uhr, 
Berlin W., Victoriastrasse 5. 

Verantwortlich fttr die Redaktion : Albert Damm, Berlin-Wilmersdorf. 
Gedruckt bei Imberg ft Lefson G. m. b H. in Berlin SW 68. 







Die Windmtihleft 




Die Windmiihlen 

b 

l * t f f + + t 

Eln Akt von AUGUST STRINDBERG 

Aus der schwedischen Handschrift iibersetzt von Emil Schering 

BcwSIkter Himmel im Hintergrunde. Auf jeder Seite eine Windmflhle, 
genannt Adam und Era; einWirtshaus rechts. An einem Tisch sitxen der 

jWanderer und der J&ger; sie haben GUaer tot aich. 



DER WANDERER 

Es 1st ruhig hier unten im Tal. 

DER JAGER 

Etwas zu ruhig, findet der Muller, 

DER WANDERER 

der schl&ft, wieviel Wasser auch wegfliessen mag; 

DER JAGER 

weil er Wind und Wetter nachl&uft. . . 

DER WANDERER 

welche nutzlose Miihe bei mir einen gewissen Widerwillen gegen 
Windmiihlen geweckt hat; 

DER JAGER 

game wie bei dem edlen Ritter Don Quichote de La Mancha, 

DER WANDERER 

der doch nicht den Mantel nach dem Winde hing, 

DER JAGER 

sondern eher das Gegenteil; 

DER WANDERER 

weshalb er auch in Schwierigkeiten geriet Wollen wir den 

Fuchs aushungem? 

DER JAGER 

Herr Incognito, warum trinken Sie so viel ? 

DER WANDERER 

Weil ich {mmw auf dem Operationstisch liege, datum chloro- 
formiere ich mich! 






t 1* 



Die; lyindipfihlen 



.#■ ■ ■■ ^ ^ 



DER JAGER 

Dann wollen wir nicht mehr fragen! 

DER WANDERER 

. i - , 

Ich habe vielleicht schon zu viel gesagtl 



\ : ■ nt?n. t X r^T* TD‘ ' ' 

Dassich nicht erraten kann, was Sie sind! 

DER WANDERER 

\ ^ . 1 - - . ' : 

Lassen. Sie das Raten; es ist so viel netter! 

DER JAGER 

Eigentlich ja! — Es ist heute so bewdlkt. 

DER WANDERER 

Lassen Sie mich etwas hinuntergiessen, dann werden Sie sefaen, 
dass es sich aufkl&rt! (Trinkt.) Konnen Sie griechisch ? Wissen 
Sie, was oinos bedeutet? 



Eigentlich ja! 



DER JAGER 



Oinos bedeutet Wein, 



DER WANDERER 



Ja, das ist Wein! Sie haben also studiert? 



* 



DER JAGER 

v 

Noli me tangere! . Riihren Sie mich nicht an! Ich stechel. 



t * 



DER WANDERER 






"1 

Haben Sie bemerkt, dass die Beere der Traube einer Flasche 
gleicht, und die Ranke einem Korkenzieher ? Das ist eine 



, > ■ \ i 4J * 



Signatura, 



DER JAGER 



- i 



Beerensaft hat keine von den Eigenschaften 



forms 



WANDERER 



I ■ s 



zerstampft 



* .M 



DER JAGER 



so dass der Geist des Weins von der schmutzigen Hiille der 
Materie befreit wird, 

DER WANDERER 

und an die Oberflftche steigt wie ein Meeresschaum , 

r J I 

DER JAGER 

* « * * « r- ' - w ■ i - * 



aus dem Aphrodite geboren wurde, 



Die Windmiihlen 



DER WANDERER 



t . 



unbekleidet. 



DER j A cer 



Nicht einmal ein Weinblatt hatte sie, um sich zu bedecken, 

DER WANDERER 

I* - ■ X ■ ’ T 

denn die Kleider sind nur eine Folge des Siindenfalls. 
Sie immer so emst? 

DER JAGER 

Sind Sie immer so scherzhaft ? 

DER WANDERER 

a 

Wer von uns beiden ist am neugierigsten ? 

DER JAGER 

Jetzt streckt er die Fangarme aus . . . 



Sind 



I 



DER WANDERER 



j 

h 

dem allgemeinen Gesetz der Anziehung unteirworfen, 

DER JAGER 

das von gegenseitigem Abstossen begleitet wird, 

DER WANDERER 

weshalb es am besten ist, zwei Schritte Zwischenraum zu lassen 
und in offener Kolonne zu marschieren . . . 

DER JAGER 

i j 

nach dem ttbereinkommen, Tag und Datum wie obenl 

+ r 

Punktl Hier kommen die Schauspieler! 

h ■ 

■ r 

l 

DER WANDERER 

f - ■ ■ - 

i ’ 

Dari ich Ihr Glas tnir leihn, ich seh’ nicht gut. — 

> ■ 

> 

Was, hat das Glas? Sieht aus wie Reiffrost, 



* m * * - ' t 



* - \ 



p p 



kristallisiertes Wasser oder Salz; 
verwischte Tr&ne, in der Quelle heiss, 

a T 

erkaltet bald und ward zu Steinsalz; 
der Stahl des Bogens ist v$rrostet! 

H I 

Er weinet oft, doch im Geheimen, 

* i * ■ . - . * * r - 

■■ ' ■ ■ j 

und Tr&nenb&che gruben ihren Hohlweg 
vom Aug’ zum Munde nieder, zu erloschen 
das L&cheln, das zum Lachen sich entzundet. 
Du armer Mensch, dul 



25 * 



Die Windmiihlea 



•i 

Die Halbmask* ist verbraucht, 

und werui du Seigst die Zihne, 



man w 




nicht, ob 



* » t 



beginnt das 



Beissen oder L&cheln! 

* 

_ T x ri7 p 

ill Ein Idyll mit Windmiihlen 

* 

DER WANDERER 



ein Pastoral in Moll-Dur; passen Sie aufl 



flUlftl T UP A 



Nun. Nachbar, jetzt ist 



Spiel gleich, da tiberhaupt keia 



Wind weht; sonst aber denke ich daran, deine MQhle ▼eraetzen 

t a- ™ 

zu lassen, weil du mir Schaden in meinem Gewerbe suffigst 

MULLER R. 

Du meinst, ich nehme dir den Ostwind fort: da du mir aber deh 

I ■ r 

West fortnimmst, so gleicht es sich aus. 



MULLER A. 

k ^ i 

Aber xneine Miihle stand zuerst auf dem Platze, und deine wurde 



■ • I . 



aus Bosheit gebaut. Da es schlecht fur uns beide geht, wire es 



' i 



dock besser, es ginge gut fur etnen 



MULLER E. 



Du meinst, , flir ^ ? 



T 1 -I 



MULLER a. 



I 



H 1 



a * 

Du meinst, fur dich ? 



i ■■ P 



* 4 T 



MULLER E. 



* : V 



Ja, nattirlich! 



h ■ . 



i \ 






MULLER A. 



- ^ 1 



* * t 



Aber ich meinte einen von uns, den Wfirdigsten, auf desseh Seite 
das Recht ist. 



MULLER E. 



Wer sollte das sein? 



•i f 



i : . - 



t p p 



MULLER A; 



Kommt es 



zu, diese Sachezu entscheiden ? 



MULLER E. 



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* : f i * J 



* 1 /* i* 

% t i 

\ m * 



Ich habe bessere Mehlbeutel Wie du, und meine Eva mahlt 
schneller, dreht leichter, trftgt neue Zapfen. > 



Die =' Windmuhlen 



355 

' + 



MULLER A* 

Aber mein Adam ist vor deiner gebaut, mein MOhlenrumpf ist 
aus Buchsbaum . . , 

MULLER E. 

Haiti Wir wollen die Herren fragen, die dort sitzenl 

DER WANDERER 



Sehen Siet Jetzt werden wir hineingezogen! 

DER JAGER 

Sie wollen im» als Zeugen stehlen, und vielleicht zu Richtern, 

um nachher fiber unser Gericht zu richtent 

* 

MULLERFRAU A. (erscheint) 

Komn Mittag essen, Mann! 



MULLER A. 




MULLER A. 

1st es Kohl? Das ist etwas anderes! Dann komme ich sofort 

* 

Aber dann geht ja die Welt unter, und^ein Wort gilt nicht mehr! 

Sagte ich das? Dann nehme ich zurfick! 

(Sie gehen ab.) 



DER WANDERER 

Er verkaufte sein Erstgeburtsrecht . . . 

DER JAGER 

ftir eis Gcricht Kohl, 



Die Wihdtto&hleh 



D 

und so viel< Wert war es. 



WANDERER 



■ • t / • . *. ■ 



*1 



DER JAGER 



m * * 



Jetzt aber kriegen wir deri Eva-Muller aui den Hals: sehen 



wie er zauderf 



etwas Von ims haben, eine Auskunft 



um sein Wissen zu bereichern ; jetzt kommt er direkt auf uns 
zu . . . er visitiert uns mit den Augen* untersueht Kleider, Schuhe, 
Haar und Bart : das ist ein Dieb 1 



- r 



i } ■_ 



mUller e. 



' I V 



Entschuldigen Sie ! 



DER WANDERER 

Er will uns zum Sprechen verlockfen. I — 

M0LLER E» 

Wo kommen die Herren her? 

ripn 11/ A uncbtiD 



Antworten Sie nicht t 



. . f 



Das geht dich nichts an ! 



► * 



MULLER E. 

' ^ 

Streng genommdri ftfcht ! 

DER WANDERER 

m- I 

Nun nehmen wir es sehr streng : geh also deiner Wegd 1 



MULLER E. 



Ich denke nichts zu hehnien ... 

a 

DER WANDERER 
Das wire auch nicht so leicht ... 

* 

MULLER' E. 

Icli dachte dagegen etwas zu geben . . . 

* 

DER WANDERER 



J 



IV 






* J r ‘ > 

* 1 * 



t . * 



Wir braucheri nichts ! 



t i 



MULLER e. 



Wiiklich nicht ? — Ja, ich dachte den' Herren etwas zu geben, 
und nehme nichts dafiir. — Eine Auskunft! Eine wertvolle 
Auskunft! (Pause.) Eswird namlich hier in den Felsen ge- 
sprengt, gerade hinter Ihneri - — (Pause) und eins;2Wei, v dr6i 



sprengt, gerade hinter Ihneri — (Pause) und eins; iWei, 'drei 
kdnnen wir einen Steinregen aufiinsere Kdpfe haben. (Der 
Jiger und der Wanderer erheben sich.) ' if, • > 



Die Windmiihlen 



MOLLER E. 

Jetzt hole ich den Nachbar und seine KneChte : dann warden 



wir 



d das Alibi konstatieren . . . 

DER WANDERER 



s ¥ 

Das ist eine seltsame Art ... 

MttLLER E. 

Ja, ich bin Polizeimann, und der Nachbar ist Schdffe 



(Geht.) 



DER WANDERER 



Und jetzt werden sie Freunde, Herodes ««d Pilatus ! 

DER JAGER 

Ich war eigentlicb ausgegangen, urn mich selbst zu behalten; 

a*- 

aber wer behalten will, der wird verlieren. Werfen wir tins 
also wieder ins Gewimmel . . , 

DER WANDERER 

mit der Gefahr, zu sinken, 

DER JAGER 

ohne auf den Grand zu gehen, 



dank 
tragen ! 



DER WANDERER 

gewissen Rettimgsgurtel , den rerst&ndige Leute 
Das ist ein Weib, 

DER JAGER 



das man in der N&he von Adam und Era erwarten konhte, 

DER WANDERER 

■ 1 ; , ■* | ' ■ : ■ J - 

ohne darum din Paradies zu erwarten. 

DER JAGER 
Punkt ! Jetzt beginnt es! 

H * 

n 

(Das M&dchen kommt.) 

DER WANDERER 

. * ■ ■ 

Ich glaube, die Offensive ist rorteilhafter . . . Wie heisst 

* i ■ ■ ' ' I ’ • ± ■ i ‘ h ’ , ’ * i 1 : ' ’ . ’’ ■ * - J ‘ 

mein schdhes Kind? 



Wie heisst du. 



Raten Sie I 



DAS MADCHEN 

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- a ► i i 

h 1 1 H .. , 

■> h / -i 

DER WANDERER 



t < ’ * i 



+ * * 



Warte I 



Blond, MQllertochter, kleinvon Statur, rundes Ge> 



sicht : du heisst Amalia ! 



t < * 




Die Windmuhten 




DAS MADCHEN 

Wie wissen Sie das? 

DER WANDERER 

Ich idle es dir an ! 

DAS MADCHEN 

Wenn ich dunkel, gross und oval gewesen wire, wie hitte ich 
denn als Tochter des Schmiedes geheissen ? 

DER WANDERER 

Jenny, natfirlich ! 

DAS MADCHEN 

I 

Das ist rich tig ! 

DER WANDERER 

Jetzt hast du etwas von mir gelernt : was kriege ich daffir ? 

DAS MADCHEN 

Sie werden es schon . . . Sagen Sie mir erst, woher Sie diese 
Weisheit haben, Menschen ablesen zu kdnnen. 



DER WANDERER 



Das Leben, Erfahrung, gewisse Bticher, ein angeborener tiber- 
legener Verstand und eine gute Portion erworbener Scharfsinn 
. . Sag mir: warum willst du den Burschen des Nachbar- 
miillers nicht haben? 

DAS MADCHEN 

Das wissen $ie auch! 

DER WANDERER 



Aber du musst ihn nehmen, dann wird die Miihlenfrage ohne 

■ 

Prozess geldst : ihr verkauft die eine Miihle und lasst sie ins 
n&chste Kirchspiel versetzen, wo sie ndtig ist. 



nae MXnrtiPN 



Wie klug, wie klug Sie and . . . 



DER WANDERER 

■ . a ■ . * 

! • h , • h ■■ ■ ’ 

Aber ich sehe dir an, dass du den Mfillerburschen nicht haben 
willst; ich ahne, du willst lieber einen von den R&ubern des 
Waldes haben, was? Den mit den schwarzen Augen und dem 
grossen Schnurrbart ... 

DAS MADCHEN 

Jetzt wird mir bange ... Sie sind ein Wahrsager? 



Die Windnrfihlc&t 



DER WANDERER 

Wie du horst ; aber ich kann nur jungeri Leuten wahcsagen. 



DAS MADCHEN 



Wie kommt das? 



i * 

■ i- 



DER WANDERER 



Weil alte Leute so hstig siiid. 



DAS MADCHEN 



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(zum J&ger) 1st das wahr ? 



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DER WANDERER 



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Sprich nicht zu ihm, er will nicht hineingezogen werden l 
Sprich zu mir 1 Gib mir etwas fiir alles, was du in dfcSer iktirfcen 

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Stunde gelernt hast, sonst bleibst du mir etwas schuldig, und das 



willst du dock 



* . 






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DAS MADCHEN 



Ja, Sie sollen etwas haben, und zwar so viel, dass Sie belohnt 
▼on hier fortgehen, reicher, als Sie herkamen, mit Lehreii be- 
laden, fiir die ich nichts riehme < . * 



1 

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DER WANDERER 



Da bin ich aber neugierig 1 



DAS MADCHEN 

' 4 1 1 f * 

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Erstens heisse ich nicht Amalie ... 

DER WANDERER 

h * 

sondem Jenny, was sagte ich? 

DAS MADCHEN 

“ * y r h ^ 

Nein, auch nicht ! Zweitens : gibt es keinen Mtillerburschen. 
Drittens besitzt das n&chste Kirchspiel vier Mtihien : die Mfihlen- 
frage bleibt also ungelost: Als Zugabe sollen Sie noch einen 

guten Rat oder einige haben. Duzen Sie nicht ein unbekanntes 
M&dchen : Sie kbnnen nie wissen, mit wem Sie sprechen, wie 
scharfsichtig Sie auch zu sein glauben. Femer, seien Sie nicht 
treulos gegen einen Freund, wenn e|ne dritte Person sich n&hert ; 
wenn Sie wieder allein bleiben und ihn notig haben, so ist er 
▼ielleicht nicht mehr zu finden. 






A. W ’ 



DER WANDERER 



Ich bin nicht treulos gfeweseii ! 



- * 



■ . * 



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Die Wihdntiihldh 




DAS MADCHEN 

Doch, Sie woUten ihn l&cherlich machen, um sich bei mir ein- 
zuschmeicheln — und das war nicht schon. Jetzt sind Sie zur 
Defensive gekommen — und wenn Sie mich nun fragen* wie ich 
heisse, werde ich nicht antworten, wie Sie ' vorhin deni' : M tiller 
geantwortet haben, ais er sie von den R&ubem des Waldes 
retten wollte . 

* , . i * ' i * 1 ' * ■ 1 ' 

' DER JAGER 

(erhebt sich) Wollen Sie sich nicht setzen, mein Fr&ulein? 



DAS MADCHEN 

’ , * 1 » ‘ 1 

Ja, ich bin Fr&ulein, vom Herrenhof, und nicht Miillertochter 

. . . (Zum Wanderer) Gehen Sie zum Muller und bestellen Sie 
einen Grass von mir, dann erhalten Sie den Pass ; gehen Sie und 
bestellen Sie nur einen Grass vom Fr&ulein . . . 

DER WANDERER 
Aber ich muss Ihren Namen wissen 1 

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: ; > i > * l * ' * * J r i \ 

DAS MADCHEN 

(setzt sich) Ich liefere meinen Namen nicht an Unbekannte aus, 
und wenn Sie fein sind, so fragen Sie nicht danach ! Dorthin 

W ‘ i ' j ■ t ^ * M , ► 4 

mtissen Sie gehen 1 
(Der Wanderer ab.) 

DAS MADCHEN 



Sie haben es gut, diirfen wandem, 

und treffen Menachert, lernen viele kennen . . . 



Wie, kennen lernen? 



DER JAGER 



DAS MADCHEN 



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f * ■ ‘ ■ * 



Nein ! Das tut man nicht 1 

+ * ' 

Man wird bekannt ... 

DER JAGER 

Kaum das; doch R&tsel raten < 1 
ist auch ein Zeitvertreib ! 



* 

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ist nicht viel wert i 



DAS MADCHEN 

Deim was gesagt wird, 




3 6* Die Windmiihleo 




DER JAGER 

O doch ! Man muss es ttbenetzen ; 
denn alle Sprachen heissen fremde, 
und fremd einander aind wir, blelben es. 

Incognito wir reisen alle, 

DAS MADCHEN 

incognito auch vor tins selbst ! 
Sie haben Trauer, tragen doch nicht Trauer, 

DER JAGER 

und Sie sind Fr&ulein auch im Miillerkleid ! 

DAS MADCHEN 

I 

p 

Ihr Kamerad ? 

DER JAGER 

Nur ein Bekannter, unbekannt dwrchaus ! 

a- " f 

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DAS MADCHEN 

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Was glauben Sie von ihm? 

ffcfJT) * X 

Nichts und alles ! 

# 

Ich habe ihn noch nicht summiert ! 

DAS MADCHEN 
Was taten Sie dort oben? 

DER JAGER 
Atmete, vergass ! 

JFUEi JPI 

Warum vergessen? Ohn’ Erinnerungen 
wfir* unser Leben ja ein leeres Nichts . . . 

DER JAGER 

und mit der Ladung sinkt das Schiff ! 

DAS MADCHEN 

p 

Doch ohne isf s ein Spiel der Wellen . . . 

DER JAGER 

und datum pflegt man Ballast einzunehmen . . ■ 

DAS MADCHEN 
und zieht die Segel ein, 



Die Windmfihlen 



DER JAGER 

wie bei Windmfthlen, 

DAS MADCHEN 

denn soost die FHigel brechen ... 

DER JAGER 

am beaten geht sie auf den Hohen . . . 



DAS MADCHEN 



am allerbesten in][den flachen Tllern . 



DER JAGER 



dick die Uplift istty 



DAS MADCHEN 

. . . dass man Meilen sieht. 



mit blossem Auge alle Kirchen z&hlt ; 
wo alle Sterne nachts sich zeigen . . . 

DER jXGER 

am Horizonte nicht, 

DAS MADCHEN 
: doch im Zenith ; 

Zenith du iiberall hast, wenn den Horizont 
du hast erreicht ... 



DER JAGER 

h j ■ 

Sag, wann erreicht' ich den? 

DAS MADCHEN 

■ 

Du sitzest hier, wohin du wolitest 

Morgen dieses Tages ! 1st es nicht schdn, 
zu finden Neues, ist das Alt' erlahgt ? 



DER JAGER 



Das feme Land jedoch? 



DAS MADCHEN 

; J - * 

Geh, du erreichst es . . . 

1 ,i 

Ermfidest du, so zieht es sich zuruck ! — 

Noch niemand den Polarstem im Zenith sah, 
und doch sie reiseh dorthin, k^hren um, 
und andre warden auch zurfickgeschlagen. 

Wie diese tu’ ! Doch leme unterwegs. 



■ 

' * i v 



Die Windm'Qhlen 



DER JAGER 



dreggt undbaggert mit der Nas im Nadir 

DAS MADCHEN 
Das Aug zuweilen im Zenith doch 1 — 
(Homsignale.) 



* * 



DER JAGER 



Hdren Sie ! 



DAS MADCHEN 



Ich hdre, doch begreife nicht ! 



DER JAGER 



T 

Ich iibersetze ! 



Sie hdren Laute bloss, ich hdre Worte ! 

DAS MADCHEN 



Was sagt das Messing? 



DER JAGER 

H 

„Antwort gebt: woseid ihr ?“ 



(Es wird auf dem Horn geantwortet ; „Hier I' 4 ) 



DAS MADCHEN 



Es raft Sie jemand ! 
(Neue Signale.) 



DER JAGER 



„Koxnm gleich hierher, konun gleich hierher 1 Hierher !" 

DAS MADCHEN 

4 ■ * " V 

Ich hor’, Sie sind Soldat, ich seh’ es ehe^ i , 

Man raft Sie ; scheiden wir, wie wir uns trafen ! 

DER JAGER 

Nicht ganz so kurz f nicht ganz so leicht . . . 

Begleiten Sie mich bis zum nachsten Dorf 
auf meinem Wege ! 

DAS MADCHEN 

Und Ihr Kamerad ? . 

r ; . ^ ' 1 1 

DER JAGER 



O solche findet man in jeder Kneipe ! 

DAS MADCHEN 
Wie grausam sind Sie I 



1* 



Die Windmiihlen 



DER JAGER 

Krieg hab .ich gefuhrt i 



Da heisst es vorwarts 1 Bleiben nicht ! 

DAS MADCHEN 



f * 






Und darum gehe ich ; sonst muss ich bleiben ! 

4 t * f./. J h J • H ► ^ ^ _ — 

DER JAGER 

Und gehen Sie, so nehmen Sie etwas. 

DAS MADCHEN 

Und bleibe ich, so nehmen Sie mir etwas ! 

DER JAGER 

(sieht hinaus) 

Sieh da, sie zanken ! Gleich sie schlagen sich 
Sie schlagen sich ! Und ich muss Zeuge sein ! 

f 

Sie miissen gehn, sonst zieht man Sie hinein. 

DAS MADCHEN 

'J- ■ 

Sie dehken doch an mich? 

DER JAGER 



Ja, ah Sie, fur Sie, 

mit Ihnen, durch Sie ! Jetzt lebwohl I 
Die Blume, durch den Gartenzaun gesehen, 

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erfreut den Wandrer einen Augenblick ; 

am schdnsten ungebrochen, sendet sie den Duft 
im Wind, ein Weichen nur, dann ist’s vorbei ! 

Uhd Torwftrts nun! 

DAS MADCHEN 

Lebwohl ! Und vorwdrts nun ! (Geht.) 

I 

DER JAGER (allein) 

Nun bin ich unten ! Bin verstrickt, gebunden, 
ins Muhlwerk des Gerichts hineingezogen, 
in der Gefiihlsverwirrung Netz gefangen, 

▼erbiindet einem Unbekannten, interessiert, 
an einer Sach’ , die mich nichts angeht. 

DER WANDERER (kommt zuriick) 

Sie sind : noch da ? Ich glaubte, Sie seien gegangen, aber Sie 
mussen eine treue Seele sein. 




Die WindmOhkn 



DER JAGER 

Haben Sie sich in eine Schl&gerei eingelassen ? 

DER WANDERER 

Ich gab dem Mtiller eine Maulschelle, weil er mich gefoppt hatte. 
Das ganze Gerede voxn Sprengen und den R&ubern war Ltige. 
Docb sind wir zum Herbstgericht geladen, ich alsBeklagter und 
Sie als Zeuge. 

DER JAGER 

Haben Sie denn unsere Namen genannt? 

DER WANDERER 

Nein, ich nannte zwei beliebige Namen. 

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DER JAGER 

Wie konnten Sie das wagen ? Wir konnen ja noch wegen 
F&lschung verfolgt warden . . . Wie kdnnen Sie mich' auf 
solche Weise hineinziehen ! — Wie nannten Sie mich ? 

DER WANDERER 

Ich gab an, Sie reisten unter dem Namen Incognito I Und das 
glaubten die Bauern ! 

DER JAGER 

Und jetzt soil ich gegen Sie Zeugnis ablegen ? 

DER WANDERER 

■ 

In drei Monaten, ja! Benutzen wir also unsere Freiheit und 
ziehen wir weiter ! — Im n&chsten Dorfe soil ein Fest gefeiert 
werden ! 

DER JAGER 

Was ist das fiir ein Fest? 

DER WANDERER 

Eine Art jeuz: floraux oder Eselsfest, bei dem der grfisste Dumm- 
kopf mit einer goldenen Krone aus Papier gekrfint wird . . 

DER JAGER 

Das ist seltsam ! Wie heisst das Dorf? 



DER WANDERER 

Es heisst Eselsdorf ! Aber dieser Ort hier wird Liigenwald ge- 
nannt, weil nur Liigner hier wohnen. 



* 



Yuanschikai Kunktator 




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DER JAGER 
Enteuten exclaunein, darauf zogen sie, 

DER WANDERER 

* 

parasangas treis, drei Parasangen , 

DER JAGER 

und das taten sie ! 



Yuanschikai Kunktator 

Von THEODOR TAGGER 

4 

Die symbolischen Aktionen gehen den notwendigen in China 
weit voraus; so zeigt sich am klarsten und harteSten das Un- 
reife, Fruhreife. 

Als Yuanschikai die seidene Schnur ins Haus bekam — 
derart forderte bis gestem die Mandschuregierung einen auf , sich 
zu erh&ngen — durchschnitt er sie lachend mit dem Schwerte. 
Aber die Sensation dieses Protestes, der im Durchschneiden 
liegt, verblaBt: weil Yuanschikai eine treue Armee hinter sich 
wufite, als er den kaiserlichen Imperativ verhohnte ; und die 
Verallg emeinerung dieses Falles war erst nach sehr vielen 
Monaten moglich. 

Sehen wir auch von dem immerhin unbedeutenden Zopf- 
abschneiden ab; aber eine zweite symbolische Aktion zeitigte , 
das allerjiingste China: die Republikaner haben den Gott Ku- 

^ well er &ls Schutzpdixon der zu ver^ 

treibenden Mandschudynastie angesehen ist. 

Auch das war verfriiht: weil es kein Bedurfnis erforderte. 
Denn das grotesk-verzerrte Gottgesicht wirkte suggestiv auf < 
das Landvolk, dem einen neuen Gott yon solcher Kraft die 
Republikaner nicht geben konnen. Die Gebete um eine gute 
Reisemte nahm das Ohr des Himmels entgegen ; und dieser 
zertriimmerte Gdtze wird wieder erstehen, wenn die nichste 

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Emte schlecht ausfallen sollte. Da wird ihm die kompakte 
Masse der Bauem wieder fordern: und hierin liegt die grofie . 
Gefahr einer baldigen reaktionaren Strdmung, welche die von 
ihrem Fanatismus verblendeten Republikaner selbst herauf- ; , 
beschworen werden. 




4 



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Yuanschikai Kunktator 



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Inzwischen verzogert die nach mandschu-rechts und re- 
publikanisch-links best&ndig pendelnde Gesinnung Yuanschikais 
jeden weiteren Schritt ins Klare; d. h. vorerst das Edikt der 
dynastischen Abdankung. Der kleine, fette Yuanschikai ist ein 
eitler Mann; im Grunde nur auf sich selbst bedacht. Dies 
wissend, ernannte ihn die schlaue Kaiserin-Witwe, sobald sein 
Gleichgewicht sich nur etwas nach links neigte, rasch zumMarquis. 
(Eine hochste Auszeichnung : denn abgesehen von den Deszen- 
denten des Konfucius, sind nur die drei Niederwerfer des Taiping- 
Aufstandes bisher in Grofi-China geadelt worden.) Und Yuan- 
schikai, der sehr wohl die PrSsidentschaft anstrebt, unterstiitzt, 
da er nun Marquis geworden, wieder die Kaiserlichen auf 
einige Zeit. Von den Republikanern ist ihm keiner gefShrlich ; 
auch nicht der Doktor Sunjatsen, ein scharfer Analytiker ohne 
jede geringSte milit&rische Erfahrung. Die besitzt im hohen 
Mafie der Generalissimus, der einzige Reformator des Heeres: 
derart kann Yuanschikai jeder nichtpapiernen Aktion erfolg- 
reich entgegentr eten . Solange er nicht die vollste Gewifiheit 
hat, daB die Nationalversammlung ihn zum Prasidenten er- 
wthlen wird, ldflt er die republikanische Bewegung schwanken; 
obgleich er sie mit einem StoB in das richtige Fahrv asser 
bringen konnte: und bleibt der Diktator in dieser absolutistischen 
Monarchic. Ihm ist es wenig um das Wohl seines Vaterlandes 
zu tun; sein gef&hrliches Spiel iibt nur einen Druck auf alle 
Parteien : welchen schlieBlich nichts anderes iibrig bleiben wird, 
als ihn so anzuerkennen, wie er anerkannt sein will. — 

Inzwischen ist Europa die Geduld ausgegangen: diese un- 
entschiedene Wellenbewegung bedeutet eine Sch&digung seines 
Handels, dessen normales Niveau auf das Zweidrittel gesunken 
ist und tdglich tiefer sinkt. Die indirekte Beschleunigung der 
chinesischen Aktion betreibt Europa nicht durch Eingreifen, 
sondem nach altenglischem Muster durch die Zerfetzung des 

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Reiches. 

RuBland verhalf mit wenig Geld und wenig Miihe der 
Mongolei zur Selbstdn digkeit : das ist der erste groBe RiB am 
Leibe Chinas. RuBland macht das ja nicht umsonst: denn 
der Mann, der jetzt Geghen heiBt und friiher einmal Cheptsun 
Dampa Chutuktu hieB, welcher der Mann ist, der jetzt in der 
Mongolei zu regieren hat, wird sich bewegen und benehmen, 
wie es RuBland von ihm will. Da erinnern wir uns noch an 
eine hiibsche Tatsache: vor vielleicht zwei Jahren schon wollte 
der treffliche General Popoff die Mongolei ganz einfach be- 
setzen, ohne jede weitere Erklarung; heute besitzt sie RuBland 
ohne jede weitere Besetzung. 



Yuanschikai Kunktator 



369 

Wahrenddessen, um den eigenen Magen zu fiillen, und um 
die Mdglichkeit einer gelben Invasion zu vernichten, hetzen 
die vereinten Briten und Japaner das siidliche auf das nord- 
liche China; wieder nach altenglischem Muster, das ein Fetter- 
werden ohne Selbstgef&hrdung ermoglicht; nur, indem man 
zwei Parteien (vor ein paar Jahren waren es Rufiland und 
Japan) aneinanderprallen l&Bt, sie derart schwacht und sich 
derart stdrkt. 

Die Republik, deren Proklamation man ohne jeden Zweiiel 
in nicht mehr femer Zeit hdren kann, wird nicht halb so groB 
sein als das ehemalige Reich. Und das Parlament dieser Re- 
publik wird aus Holzpuppen bestehen, aus gefugigen Mario* 
rietten, die hubsch schweigen werden und deren Drahte 
Yuanschikai in Hinden haben wird. Denn bis dieser speku- 
lierende Chinese sich nicht ein solches Parlament gesichert 
haben wird, ISBt er es nicht zur Verkundigung des Abdankungs- 
ediktes kommen. Die Kaiserin-Witwe, die schon seit langem 
zur ganzlichen Meinungslosigkeit gelangt ist, wartet nur, bis 
Yuanschikai diese Bekanntmachung erlauben wird (wahrend 
die anderen kleineren Prinzen uberhaupt nicht in Frage 
kommen; vielmehr Strohm&nner sind zur Deckung der kaiser- 
lichen Unschliissigkeit. ) 

Deswegen ist es im Grunde gleichgultig, ob China sich 
Republik nennt Oder Monarchie: regiert von Yuanschikai wird 
es immer eine Monarchie sein, solange dieser lebt. Und eine 
Republik, die mehr als nominell ist, wird es auch nach dessen 
Tode nicht werden konnen: dazu fehlt dem Volke jede Reife. 

Was momentan nicht nur von den anderen Staaten, sondem 
in erster Linie vom verwirrten Kleinbttrger- und Bauerntum 
ersehnt wird, ist irgendein Friede. Wann aber alle inner en 
Brknde in diesem unglilcklichen Lande verloscht sein werden, 
l&fit sich nicht voraussagen; denn Yuanschikai fahrt mit seiner 
Politik der Passivitfit schlau und gut: er macht bestandig 
Konzessionen an die Westmdchte und kokettiert mit ihnen, 
indem er schweigt. Es ist moglich, daB er sich durch dieses 
Nicht-entschliefien-wollen noch festf&ngt im Spinngewebe seiner 
vielseitigen Kompromisse; aber es ist wahrscheinlich, daB er 
eine Deckung verbirgt, wenn ihm sein verwegener Plan, alle: 
die Mandschus , die Republikaner und besonders auch den 
Wes ten zu befriedigen, miBlingen sollte. 



26 * 




370 In memoriam Herman Bang 



In memoriam Herman Bang 

Von C. F. W. BEHL 

Irgendwo auf einer kleinen, unbekannten Bahnstation in 
den Vereinigten Staaten hat er diese Erde verlassen, ganz 
plotzlich, jfth, wie in heimlicher Flucht . . . Und mitten in 
der fernen, fremden Welt, weit fort von Bangsbd, das sein 
eigener Wunsch zur letzten Ruhe sich erkor. 

Noch waren gerade in bunt wechselnder Hast neue Im- 
pressionen der eben begonnenen Weltfahrt an ihm voriiber- 
gehuscht ... da kam schrill und uberstiirzt das Ende . . . 

* 

Vor mir liegt eine Photographie Herman Bangs . . . aus 
S. Fischers Jubilaumsbuch . . . eine der letzten wird es sein. 
Ober dem seltsaxn wachen, vom nervosen Nachschwingen do* 
subtilsten Regungen dieser Welt gezeichneten Gesicht liegt ein , 
Schein von Verwitterung . . . wie ein Wetterleuchten dieses ' 
j&hen Schlusses. Und aus dem Tode steigt wie in letzter, ab- 
geschlossener Gestaltung nun das Dasein Herman Bangs auf. 
Erinnerungen an das Eindrucksvollste und St&rkste aus seinem 
Schaffen werden wach.j 

* 

Bang war keine naive, unbewuBt gestaltende Schopfer- 
natur. Allzu genau und angstlich hat er sein eigenes Schaffen 
betrachtet, zergliedert, zerpfluckt. Immer ist er neben sich 
selbst gewissermaflen einhergegangen . . . wie ein Arzt, der das 
eigene Fieber beobachtet und analysiert. 

So findet man gerade in dem, was Bang mit der fein- 
fuhligen Sicherheit des Dekadents fiber sich und seine Ge- 
staltungen gesagt hat , den Grundzug seiner dichterischen 
Personlichkeit. 

In dem Vorwort zu seinem Roman ,,Tine“, darindes 
Dichters Kindheitseindriicke sich zu Bildem von dumpf ver- 
d&mmernder Tragik verdichtet haben, klingt das Leitmotiv all 
seines Schaffens in den Worten auf: 

,,Mein Geschlecht schrieb in mir wohl viel, sehr 
viel in meiner Jugend. 

Aber auch du, Mutter, schriebst das Deinige." 

Eine mude, mit fernsten Erinnerungen beladene Kunst, die 
aber durch eine geniale Bildhaftigkeit und eine reiche, unend- 




In memoriam Herman Bang 371 



lich feine Stilistik Schopfungen wie den vom ersten bis zum 
letzten Worte gewaltigen Roman „Michael** und wie die an 
das Letzte und Tiefste der Menschenseele rtihrenden , ,Hoffnungs- 
losen Geschlechter'* hervorbringen konnte. 

— ,,Lebend“ zu machen, das ist das schwere — und sicher 
•ft mifilungene Bestreben. 

Aber das Leben ist ja Bewegung und Mannigfaltigkeit — 
so bekennt der Dichter wiederum im Vorwort zur ,,Tine“. 

„ Bewegung und Mannigfaltigkeit* 1 sind das GrdBte an seinem 
„ Michael* Es sind unausloscbliche Eindriicke, wenn beispiels- 
halber Bang eine Gesellschaft beim Meister Claude Zauret 
malt — ganz impressionistisch , mit kurz hingeworfenen Farben- 
flecken, aus denen doch die letzten und feinsten Schattierungen 
herausspringen . . . Oder wenn er des jungen Michael Liebes- 

taumel vor uns ausgliihen l&fit wie ein wildes Feuerwerk, 
dessen Flammen immer wieder einander iibersttirzen. 

Hier in der ungestum packenden, einander jagenden Bild- 
folge liegt die eine Seite von Bangs Meisterschaft. 

Die andere aber ist die seltene F&higkeit, „ ferae und schnelle 
Lichter im Halbdtmkel des Seelenlebens zu entziinden*'. Un- 
vergeBlich bleibt jene Szene in den „Hoffnungslosen Ge- 
-schlechtern**, da in dem Zimmer eines Frankfurter Hotels des 
alten Hog langverhaltener Wahnsinn ausbricht und zum Ende 
fiihrt — eine Szene, erfullt von groteskem Grausen, spielend 
auf der schattenhaften Grenze zwischen Tod und Leben. 

Dieser Dichter, begabt mit dem Hellsehen und der Fein- 

horigkeit seines alten Geschlechtes, kann ganz tief nieder- 

tauchen zu den verborgensten Vorgdngen in der menschlichen 

Psyche. Fflr ihn gelten Hugo von Hofmannsthals erkennende 

Zeilen vom poite maudit: 

„Ganz vergessener Volker MQdigkeiten 

Kann ich nicht abtun von meinen Lidern 

Noch weghalten von der erschrockenen Seele 

Stummes Niederf alien ferner Sterne.** 

* 

Herman Bang war kein urspriinglich, in groBen Wurfen 
Schaffender. BewuBt und tmermiidlich hat er gerungen nach 
der letzten Vollendung. Ein wenig bekanntes Skizzenbuch 
,,Aus meiner Mappe“ legt davon Zeugnis ab. Gleich Mau- 
passant, der durch zehnj&hrige entsagungsvolle Obungen seine 
Meisterschaft sich erwarb, hat auch Bang wirklich gearbeitet 
und, wie er im Vorwort zu einem kleinen dreiseitigen Prosa- 
fragment, das ihn 27 Stunden gekostet hat, sich der kritischen 
Anstrengung unterworfen, das „eine*‘ Wort zu suchen, und 





Der Eidbruch des Ministers 




versucht, den Satz um den Stahlleisten der Stimmung zu 
formen. 

Hier liegt das Bekenntnis des geborenen Prosakiinstlers, hier 
finden wir die Wurzeln des unvergleichlichen Stilisten, dessen 
Werke einen seltenen Zusammenklang von Form und Inhalt 
offenbaren. 

* 

Herman Bang gab Milieukunst im edelsten Sinne. , Aus dem 
Milieu sprangen die Seelen seiner Menschen heraus. In seinem 
stilisten, von feinstem lyrischen Schmelz iiberhauchten Buche 
„Das weiBe Haus“ findet diese Kunst ihre hochste Vollendung. 
Aus dem meisterhaft gezeichneten Milieu des weiBen Hauses 
heraus vemimmt man das angstvolle Fliigelschlagen einer ge- 
fangenen Frauenseele, durch die Sehnsucht und das Entsagen- 
mussen in stummem ewigem Reigen dahinhuschen . . . Und 
zu innersl getroffen fiihlt man, dafi nur das nahe oder feme 
Dazwischentreten des Todes diesen Reigen je enden kann. 

* 

Ein mehr von der Vergangenheit als von der Gegenwart reiches 
Leben ist j&h mitten in der femen, fremden Welt erloschen . . 
auf irgendeiner kleinen, unbekannten Station eines Landes, 
das vergangenheitslos den Rhythmus der Gegenwart regiert. 



Der Eidbruch des Ministers 

Den Konservativen ist nach ihren Versicherungen der per- 
sonliche Willen des Monarchen das heiligste Gesetz . . . 

Im vergangenen Jahre reiste der Kaiser nach England. Ihm 
zu Ehren veranstaltete auch der Kriegsminister Haldane ein 
Fest in seinem Hause. Unter den Gasten fiel besonders der 
englische Sozialistenfiihrer Macdonald auf. Ein suddeutsches 
Blatt wuBte seinen Lesern von der gewifi harmlosen Tatsache 
Kenntnis zu geben, dafi der Kaiser eine langere Unterhaltung 
mit Macdonald gefiihrt hatte. 

Wutgeheul in der konservativen Presse. Ein unbegreifliches 
Versehen des englischen Ministers, den Sozialistenfiihrer in die 
NShe des deutschen Kaisers zu bringen. 

Liberate und sozialdemokratische Zeii ungen stellten nach 
englischen Angaben fest, daB Macdonald auf Anregung deutscher 
Amter nach ISngeren Verhandlungen eingeladen worden und 
erschienen war. 




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Der Eidbruch des Ministers 





Das schlagt bei den Konservativen dem Fafi den Boden aus. 
Von dem Reichskanzler fordern sie Rechenschaft ; Herr v. Beth- 
mann-Hollweg beeilt sich, in der , ,Norddeutschen Allgemeinen 
Zeitung 44 feierlich erkl&ren zu lassen, daB der Kaiser von der 
Anwesenheit des Sozialistenftthrers nichts geahnt habe. Wahr- 
heitswidrig und blddsinnig. 

Ein hervorragender Parlamentarier der Rechten, natiirlich 
ein englischer, sprach ein Wort der Kritik, das die ganze Ver- 
achtung dieses Tuns erschdpfte: negerhaft. 

H&tte der englische Konservative statt negerhaft „preuBisch“ 
gesagt, wdre seine Charakterisierung unseres Mandarinentunls 
und seiner junkerlichen Herren noch treffender gewesen. 

Der persdnliche Wille des Konigs ist nach der konservativen 
Theorie heilig, aber wehe, wenn der Monarch den Willen hat, 
einen Sozialistenfuhrer im Hause des englischen Kriegsministers 
zu sprechen. Das erlauben die preuBischen Junker nicht, dehn 
schlieBlich konnte bei den Biirgersleuten durch derartige Aff&ren 
die ldinstlich groflgezogene Angst vor den Sozialdemokraten 
schwinden. Am Ende f&nden sich gar Liberate und Sozial- 
demokraten zusammen, um mit dem politischen Paschatum der 
Feudalherren aufzur&umen. 

Immer das gleiche Spiel. Als ,,Eidbrecher“, „Lugner 44 und 
„Heuchler“ beschimpft der preuBische Minister v. Dallwitz im 
preuBischen Landtage die Beamten, die als Reichstagsw&hler 
bei der Haupt- Oder Stichwahl ihre Stimme fur einen Sozial- 
demokraten abzugeben fur ihre Pflicht hielten. Dafi preuBische 
Minister den Sauherdenton kultivieren, ist keine Seltenheit; 
Herr v. Dallwitz f&Ut deshalb nicht besonders auf. Von Inter - 
esse sind seine Schm&hungen gegen eine sicher nicht kleine 
Zahl von Beamten aus anderen Griinden. 

Bis zur BewuBtlosigkeit schrien die Konservativen und 
Klerikalen seit Wochen, daB kein Beamter einen Sozialdemokraten 
w&hlen darf, ohne seinen Diensteid zu brechen. Herr v. Dall- 
witz wiederholl das Spriichlein vom Bruch des Treueides durch 
Abgabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels. Warura Bruch 
des Treueides? Der Diensteid der Beamten enth&lt folgende 
Stelle: „Sie schworen zu Gott, dem Allm&chtigen und AU- 
wissenden, daB sie S. M. dem Konige treu und gehorsam sein 
und die Verfassung gewissenhaft beobachten wollen.“ Schon 
die eidliche Versicherung, die Verfassung zu beobachten, beweist, 
daB der Diensteid nicht der Person des Konigs, sondern dem 
Konig als Reprasentanten des Staates gilt. Der Beamte ist 
nicht Diener des Monarchen, sondern Staatsbiirger, der dem 
Staate dient. Sein Eid auf die Verfassung verpfiichtet ihn aber 



i 






374 - Der Eidbruch des Ministers 



auch ganz ausdriicklich, als W&hler, seine Entscheidung nach 
bestem Wissen und Gewissen zum Wohle des Staates zu treffen. 
W&hlt er gegen seine Oberzeugung, dann nur wire er ehrlos. 

Im Jahre 1899 wurde vom preufiischen Landtag dieKanal- 
vorlage abgelehnt. Der preufiische Kfinig hatte seinen person- 
lichen Willen fflr die Ausfiihrung des Kanals wiederholt in 
feierlicher Weise bekundet. 20 Landr&te und 2 Regierungs- 
pr&sidenten, die im Abgeordnetenhause gegen den Entwurf 
gestimmt hatten, wurden unter Verleihung von Wartegeld in 

CP ' CP CP 

den Ruhestand versetzt. In einem Erlafi wurde ihnen gesagt, 
daS sie ,,als Beamte die Tr&ger der Politik der Regierung Seiner 
Majest&t sind und den Standpunkt derselben wirksam zu ver- 
treten haben, unter keinen Umstinden aber auf Grand ihrer 
persfinlichen Meinungen die Aktion der Regierung zu er- 
schweren Berechtigung hatten**. Unter den auf Wartegeld 

i ■■ ^ 

gesetzten Landr&ten war auch der damalige Abgeordnete 
v. Dallwitz, der inzwischen auf einen preufiischen Ministersessel 
hinaufgefallen ist. Zu seiner und seiner Freunde Verteidigimg 
schrieb damals das fuhrende konservative Blatt: ,,Die Ab- 

lehnung der Kanalvorlage lauft den Wunschen Seiner Majest&t 
und den Oberzeugungen seiner Regierung zuwider. Das ist 
bedauerlich, aber in jedem konstitutionellen Staate moglich. 
Wenn derartige F&lle an sich unmoglich wfiren, so h&tte than 
fuglich darauf verzichten konnen, eine Verfassung zu fordern.** 
Herr v. Dallwitz vertrat damals konsequent seinen Stand- 
punkt auf Unabh&ngigkeit seiner politischen Oberzeugtmg. Fur 
den Beamten als W&hler hat dieser Ansprach zweifellos noch 

e 

mehr Geltung als fur den Beamten als Abgeordneten. Ist Herr 
▼. Dallwitz heute der Meinung, dafi der Beamte in Ausiibung 
seiner Staatsburgerrechte durch seinen Diensteid gebunden sei, 
sich dem jeweiligen Willen des Kdnigs oder seiner Regierung 
zu fugen, dann besinne er sich zun&chst gef&lligst auf den. 
eigenen „Eidbruch“. Krites 




375 



Tschudi-Ged&chtnis-Stiftung 



TSCHUDI- GEDAC HT NI S-STI FTU N G 

Was die Freunde Tschudis so benannten und was sie mit vieler Mfihe 
unter diesem Namen zusammenbr achten , das besteht, kann aber bis auf 
weiteres nur im Keller der alten Pinakothek gezeigt werden. Genau wie 
damals in Berlin, wo man die van Goghs auch nur in den unteren Ver- 
lieBen der Nationalgalerie privatim sehen konnte. In Berlin entschied so 
die Krone, in Mfinchen will es so die Krone der Kfinstlerschaft, und das 
ist ein emsterer Fall. 

Den Freunden Tschudis gelang es, auf privatem Wege und ohne einen 
Pfennig Staatsgelder in Anspruch zu nehmen, etwa vierzig Bilder m (Us 
auf Hodler) nur franzdsischen Malem zu erwerben, teils durch Kauf, tells 
durch Schenkung. Es sind darunter: 3 Manets (Frfihstfick im Atelier, 
zwei Landschaften), 3 van Goghs (das grofie Selbstportrftt, die Sonnen- 
blumen, eine Regenlandschaft) a Renoirs (Damenbildnis und Markus- 
platz aus den 7oer Jahren), 2 Daumiers (das Drama und eine Don 
Quichotestudie) , 3 Courbets, 3 Cizannes (Selbstportr&t, Bahndurchstich, 
Stilleben), 2 Toulouse-Lautrecs, z Monet, z Gauguin (weiblicher Akt aus 
Tahiti) ; ferner Bilder von Cross , Signac, Denis, Rhysselberge, Bonnard, 
Matisse, Guerin u. a. Ferner eine grofie Studie von Delacroix und 
Plastiken von Rodin und Majoll. Diese Bilder wurden in einem Saale 
der Pinakothek schdn aufgeh&ngt und aufgestellt und warteten auf die 
staatliche Konzession, die sie als Tschudi-Ged&chtnis-Stiftung in 
Eigentum des Staates fibernehmen sollte unter der Bedingung, die 
Sammlung anzunehmen wie sie ist und ungeteilt der allgemeinen Be- 
sichtigung zug&nglich zu erhalten. Das war alles recht schdn. Man 
dachte sich, der bayrische Staat konne sich freuen, . ein Geschenk zu er- 
halten, das ann&hernd einen Wert von zwei Millionen repr&sentiert, ein 
Geschenk, mit dem er einen vortrefflichen Anfang zu einer modemen 
Galerie machen kann. (Die neue Pinakothek gehort dem koniglichen 
Hause, das sie gern dem Staate verkauft h&tte : Tschudi kam gerade zur 
rechten Zeit, um diese Trans aktion zu verhindem, denn die zehn brauch- 
faaren Bilder der neuen Pinakothek sind die verlangten Millionen nicht 
wert, in welche die andern hundert und sovielSchinken eingewickelt wurden. ) 

Es w&re aber sehr schdn gewesen. 

Aber man hatte ganz die unverantwortlichen Machthaber der Mfinchner 
Kunst vergessen. „Ja, was wfir denn jetzt ddsi“ kam es von dorther, 
und die Kunde vom Einbruch der franzdsischen Maler schreckte die Ateliers 
am Platze auf. Ich beherrsche den Gesch&fts j argon nicht genug, in dem 
das Folgende geschrieben sein mfifite, um den Sachverhalt genau wieder- 
zugeben. Kurz und gut: die Mfinchner Malerei ffirchtet sich in ihrem 
Export bedroht, wenn in ihrer Stadt franzosische Maler zu solcher Ehrung 
kommen. Es gibt einen Mfinchner Malartikel, z. B. die Portr&ts des 
Ritters Kaulbach und die Schilder der Herren von der Scholle. Da rfihrt 
man sidi gewaltig. Mfinchen ist ihr einziges Absatzgebiet; ein paar 
zoo 000 Fremde gibts alle Jahre hier, die nichts andres sehen, nichts andres 
kaufen dQrfen, als Fabrikate der Scholle, Fritz Erler&Cie. Manweifi es ja im 
Reiche nicht, wie in dieser Stadt ohne Industrie und ohne eigenes Leben alles 
Hand in Hand arbeitet — Zeitungen, Kfinstler, Hotels, Theater, Fremdenver- 




Es denkt 




kehrsverein— umdas „spezifisch Mftnchnerische' ‘ und Kundenartikel in Kurs 
zu bringen, wie sich alle, die was zu verkaufen haben, darum bemuhen, 
fQr ihre Ware den Musterschutz ,.Mtinchnerisch“ zu bekommen, wie sich 
hier die sterilste Xmpotenz Macht und Bedeutung erschwindelt mit Gegen- 
seitigkeit und unter der gemeinsamen Devise „MQnchnerisch“. Schon 
den kleinen Gebirgsdorfem bekommt es auf die Dauer schlecht, wenn sie 
sich auf die Fremden als ihre einzige wirtschaftliche Einnahtnequelle 
etablieren. In groBen Gemeinwesen wie Mfinchen fflhrt es zu einer F&l- 
schung aller wirklichen Werte des Lebens und zu drgstem Schwindel tnit 
Surrogates Schon fSngt die Mfknchner Gemiitli chkeit an, sich einem 
verehrlichen Fremdenpublikum als echte Mtinchner Gemfitlichlceit vorzu- 
stellen. . Sie ist soviet wert wie der „biedere Alpler“ von Schliersee und 
der „treuherzige Gebirgsbewohner“ von Garmisch. 

Also es gelang den groBen MUnchner Malern mit heftigem Protzen bei 
Bier und WeiBwfirsten, daB jene Bilder in den Keller kamen. Vorl&ufig. 
Denn das letzte Wort spricht der Regent. Warum, das weiB man nicht, 
denn es wurde die Stiftung dem Staate und nicht dem Hause Wittelsbach 
geschenkt. Oder man weiB es doch. Wenn man sich in Bayern in etwas 
nicht einigen kann, dffentlich und vor alien Dingen, so stellt man es auf 
den Regenten ab, d. h. die streitenden Parte ien beginnen ein heimliches 

Wettrennen um den EinfluB auf den alten Herm der rechts hdrt und 
links hdrt und, menschlich ganz verstindlich, „im Sinne meiner lieben 
Kunststadt" entscheidet. 

Wenn nicht ein Wunder passiert, ist zu fflrchten, daB dem Prinz- 
regenten der Ritter Kaulbach lieber ist als der Manet und der Daumier 
zusammen. Und wir werden eine Rundfrage erlassen : Wer will einige 
Meisterwerke der Malerei und vier Plastiken von Rodin und Majoll 
geschenkt erhalten ? BONNIE 



ES DENKT 

„Der Schnee macht die Welt farbig durch den Kontrast/' — Dieser 
Gedanke ist plotzlich da, wShrend ich durchs Fenster eines Stadtbahnzuges 
auf den Gleisdamm blicke. Er wird anscheinend hervorgerufen durch 
den Anblick der braunschwarzen und grauen Flecken, welche die weisse 
Schneedecke an manchen Stellen durchbrechen. 

Absolut genommen ist die Behauptung freilich unsinn ig. Wenn ein 
grosser Teil der sonst farbigen Erdoberfl&che weiss ist, dann sehen wir 
statt einer Unzahl Far ben nur einige Reste. Subjektiv aber hat sie insofern 
einen gewissen Sinn, als unser Auge durch das ununterbrochene Farben- 
schauspiel ermfidet, zwar Wechsel und Kontrast noch deutlich empfindet, 
aber gegen die Tatsache der Farbigkeit indifferent geworden ist. 
Wird ihm durch ausgebreitete Fl&chen von Weiss die Farbenempf indung 
streckenweise entzogen, dann wird es in jedem dunklen Gegenstand den 
Wert der Far be an sich und abgesehen von seiner qualitativen Modifi- 
kation von neuem erleben miissen. Die Farbigkeit der Welt w&chst dadurch. 



JUaw 



Bs denkt 377 



im Sinne der Intensit&t der Far be. Indem wir nicht nur Graugrfin von 
Rotbraun, sondern auch Farbig fiberhaupt von Weiss zu unterscheiden 
gezwungen sind, erh&lt die Far be einen Zuwachs an Existenzkraft. Sie 
erscheint nicht mehr selbstverst&ndlich, sondern etwas Charakteristisches 
und Bedingtes. 

Doch kommt es hier weder auf eine fisthetische Konstatierung, noch 
auf eine optische Erkl&rung an. Ein Wort fiber die Form des Satzes. 

Es ist das Kennzeichen guter S&tze, dass sie, abgesehen von ihrem 
Inhalt, einen Wert besitzen. Der notwendige Satz besitzt eine prS- 
-existente Form. Bevor man die Grenzen des Urteils oder des Gedankens, 
den man Kussern will, erkennt, weiss man, wie lang der Satz sein wird, 
in dem er sich ausdrfickt, wie eine Relief arbeit in weichem Ton. Man hat 
ein ungefdhres Geffihl von der Zahl der Worte, die er enthalten muss, 
und besitzt diedistinktesteVorstellung vondemTakt ihrer Auf einanderf olge 
und dem Rhythmus desGanzen. Ob es sich gleichmSssig entwickeln wird, 
oder ob an der entscheidenden Stelle eine Zdsur erscheinen wird, ist 
nicht zweifelhaft. In manchen Ffillen weiss man genau voraus, ob das 
Endwort stumpf oder klingend ausgehen wird. 

In solchen Elementen verbindet sich dasjenige, was begrifflich fiber- 
haupt nicht oder nur sehr umst&ndlich gesagt werden kann, mit dem 
Material der Sprache. 

Aber nicht jeder Satz entMlt diese Elemente. Vielmehr gehdren sei 
einer Kategorie von S&tzen an, die ich die f ormulierenden nenne. Formel 
heisse ich den Satz, der sofort mit der unerschfitterlichen Bestimmtheit 
des sprachlichen Ausdrucks ins Bewusstsein tritt. In seiner Wortstellung 
und Wortwahl kann nicht das geringste geindert werden, ohne dass er 
seinen Sinn wechselt oder ganz verliert. In der Formel ist Form und Inhalt 
absolut eins. Darin gleicht sie dem Kunstwerk. 

Es ist bezeichnend, dass derjenige, weichem eine Formel in den 
Schoss fillt, oft daran korrigieren will. Er sieht die Notwendigkeit der 
Aeusserung nicht sofort ein. Andrerseits ist es mdglich, dass sich die prfi- 
existente Form nicht gleich auf das erste Mai mit Worten richtig anf fillt. 
Dann treibt eine gebieterische Ahnung zu immer neuen Korrekturen, bis 
-die Formel so ist, wie sie sein muss. Ohne Zweifel gehen viele Formu- 
lierungen durch Unachtsamkeit verloren, d. h. sie gelangen nicht zu un- 
gehemmter Entfaltung. 

„Der Schnee macht die Welt durch den Kontrast farbig/* Der Satz 
rfickt unruhig und ohne Gliederung weiter. Die Ungewohntheit des Ge- 
dankens ist abgeschw&cht dadurch, dass die Erkl&rung („ durch den Kon- 
trast “) vor das letzte und entscheidende Wort gestellt ist. 

9 

„ Durch den Kontrast macht der Schnee die Welt farbig/' Der Satz 
hat keine Spannung. Das Erklfirende steht wieder dem zu Erkl&renden 
voran. Der Anfang ist rhythmisch schwankend, das Ende verklingend. 
Eine ZSsur ist nicht vorhanden. 

„Der Schnee macht die Welt farbig" • — soweit ist der Satz eine blosse 
Konstatierung und von der fiussersten grammatikalischen Reinheit. Der 
Inhalt scheint auf den ersten Blick widersprechend, man will seine Wahrheit 
leugnen — da folgt die ErklUrung: ,, durch den Kontrast". Zwischen Be- 
hauptung und Begrfindimg ein Atemholen, eine kleine Spannung. Dann 



* 



37« 



Dekorativ 



lost sichs fest und bestimmt. 

Mag dieser Satz auch nur relativ richtig sein — er ist genaiTdas, was 
ich in diesem Augenblick nicht nur denke, sondem auch fiihle. Er spiegelt 
meine eigene Ueberraschung wider. Der Seelenzustand, der ihn erzeugte, 
hat in ihm ein gewisses Ende erreicht Er beruhigt sich gleichsam in der 
Formel, die seinem Dasein entspricht. In jeder Formulierung kommt das 
Leben einen Augenblick zum Stillstand. 

Vielleicht ist fiir einen unendlich grosseren Komplex von Wahrneh- 
mungen das poetische Kunstwerk dasselbe, was die Formel ist ffir eine 
vorGberhuschende Sensation. ALFRED ALBIN 

DEKORATIV 

Bei einem musikalischen, literarischen und bei jedem andern Kunst- 
werk empfinden wir einige Teile desselben als Dekoration ; denn dekorativ 
ist alles, was keine Notwendigkeit hat, da zu sein. 

Es ist dies aber etwas sehrSeltsames: je mehr das Dekorative mit der 
eigentlichen Substanz des Werkes verbimden ist oder vermengt : um so 
deutlicher fuhlen wir es als solches heraus ; und nicht etwa umgekehrt. 

Steht dagegen eine Dekoration abseits vom eigentlichen Stoff, also 
als Dekoration in ihrem naturlichen Sinne, so gewinnen wir leichter 
einen harmonischen Eindruck der Gesamtheit: denn bei genauerem Be- 
trachten schaltet sich von selbst das Dekorative aus; und wirft lediglich 
eine Nuancewirkung auf die Klangfarbe und auf die Dynamik des Grund- 
akkords. 

Dieser wieder verliert, je tiefer man sich versenkt, um so mehr 
seine dargestellte Inkamation : Das Dekorative ist das Konkrete eines 
Werkes, wdhrend seine eigentliche Substanz nur mehr die Agitation des 
Stoff es, die Rhythmik selbst ist; seine abstrakte Aktivitat; die Sensation 
seiner sichtbarenExtramundanit&t — : die entmaterialisierteMaterie ist. — 

T. 



Wir bitten, Mitteilungen und Beitrilge nur: 

An die Redaktion, Berlin W. to, Victoriastrasse 5, zu adressieren. 
Bei umfangreicheren Zusendungen ist vorherige Anfrage notwendig. 
Sprechstunde: An Werktagen, mit Ausnahme des Montags, 1 — 3 Uhr, 
Berlin W., Victoriastrasse 5. 

Verantwortlich ffir die Redaktion : Albert Damm, Berlin-Wilmersdorf. 
Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. 







Die Zukuiift des Islam 




Die Zukunft des Islam 

Von M. URVILLE 

T 

Die politische Umwilzung in der Tiirkei vom Jahre 1908, die 
panislamitische Bewegung in Aegypten und der starke Wider- 
stand der Araber gegen Italien haben das Schlagwort vom 
, ,Erwachen des Islams“ gepr&gt. Ueberblickt man jedoch die 
Fiille der einzelnen Erscheinungen in der islamitischen Welt, 
wie sie sich schon seit etwa fiinfzehn Jahren dem Auge des Be- 
obachters darbieten, so kann man nicht von einem Erwachen des 
Islam sprechen, sondem von einer Regeneration , die Schritt 
fur Schritt vor sich geht und alle Merkmale der langsamen aber 
stetigen Entwicklung aufweist. Wir haben es hier also nicht mit 
einer spontan eingetretenen Erscheinung zu tun, etwa mit einem 
Strohfeuer oder einer konvulsivischen Zuckung des „kranken 
Marines", sondem mit einer tiefschiirfenden Bewegung des 
ganzen Islam, die alle zweihundertundfiinfzig Millionen Bekenner 
Mohammeds umfasst. Wie weit diese Regeneration greift, zeigt 
ein Blick iiber die islamitische Presse. Im Jahre 1825 betrug die 
Zahl der mohammedanischen Zeitungen und Zeitschriften kaum 
zweihtmdert, die in tiirkischer oder arabischer Sprache geschrieben 
waren. Um das Ende des vergangenen Jahrhunderts hatte sich 
diese Zahl verdoppelt, im Jahre Z907 betrug sie fiinfhundert 
und Ende 19x0 rund siebenhundertundfiinfzig. Am charakte- 
ristischsten ist jedoch die Verbreitung der muselmdnnischen 
Presse. Die engere Tiirkei weist 300 Zeitungen und Zeitschriften 
auf; Aegypten allein 120. In Russland kommen bei den Tataren 
der Krim und Orenburgs, ferner im Kaukasus zwolf islamitische 
Zeitungen heraus, von denen eine, „Ischik“ (Licht), von einer 
Frau redigiert wird. Das englische Indien z&hlt mehr als 200 
islamitische Zeitungen, die in der Ordusprache geschrieben sind, 
einem islamitischen hindustanischen Dialekt. Die dreizehn 

w 

mohammedanischen Zeitungen des holl&ndischen Indiens sind 
in der malaischen Sprache gedruckt. Syrien und Persien weisen 
fiinfzehn und Algerien und Tunis etwa zwanzig islamitische 
Zeitungen auf. 

Die Tendenz fast aller dieser Blatter, die durch das gemein- 
schaftliche Band des Koran zusammengehalten werden und 
derart als ein grosser Faktor betrachtet werden miissen, ist 
liberal, dem Fortschritt zugeneigt, dabei bemiiht, den lokalen 
geographischen wie politisch gegebenen Verhaltnissen gerecht 
zu werden. 



3* 0 



Die Zukunft des Islam 




Nachhal tiger noch, als durch die Presse, wird die Regeneration 
des Islam durch , die Reformierung der mohammedanischen 
Schulen betrieben, Vorschrift in der Turkei war es, dass jeder 
Moschee, das heisst, jeder religidsen Gemeinde eine Schule fiir 
das Studium des Koran angegliedert sein sollte, eine sogenannte 
,,Medersch“. Diese Vorschrift war bis vor etwa zwanzig Jahren 
Papier geblieben. Seit 1890 aber mehrten sich diese Medersch, 
und was noch schwerer ins Gewicht f&llt, sie nehmen modemere 
Foqnen an. Dieser langsame Umschwung zeigte sich besonders 
im nordafrikanischen Islam. In Marokko gibt es jetzt vier solcher 
Medersch, deren grosste, El Karauine, allerdings schon im 
Jahre 895 begriindet wurde. Heute z&hlt sie 4100 Studenten, die 
sich aus Algerien, dem Sudan und dem Senegal rekrutieren.. 
Gelehrt wird auf dieser Schule die Grammatik, die Rhetorik, 
die Arithmetik und der Koran. In anderen Moscheeschulen 

' r 

Marokkos lehrt man Chemie, Medizin, Musik und Geometries 
w&hrend man das traditionelle Studium der Astronomie, das- 

1 

im Berberland in so hoher Bliite gestanden hatte, vernachl&ssigt . 

In Algerien wurden die Medersch durch einen Erlass der fran- 
zosischen Regierung vom Jahre 1895 vollig reorganisiert. In den 
Schulen von Alger, Tlemzen und Constantine wird das Arabische 
und das Franzdsische eifrig betrieben. Tunis z&hlt zwei solcher 
dffentlichen Schulen, die „Djama Eggituna“ in Tunis selber mit 
etwa zooo Studierenden, die 22 Medersch umfasst und an der 
1 12 Professoren in vier Fakult&ten dozieren, und dann die kleinere 
Medersch in Kairuan. Schliesslich ware noch eine Art von 
Hochschule zu erw&hnen, die Khaldunia, in welcher dennur 
islamitischen Horern Vorlesungen fiber Wissenschaft und Lite- 
ratur geboten werden. 

Es ist iibrigens fur die Regeneration, wie auch fur die Un- 
richtigkeit der Behauptung, dass der Koran jeden Fortschritt 
verbiete, bezeichnend, dass in Tunis eine islamitische M&dchen- 
schule gegrundet wurde, die sich grosser Beliebtheit und starker 
Frequenz erfreut. 

Aegypten weist eine noch stirkere Regeneration auf. Die 
Hauptschule dieses ttirkischen Vasallenstaates war El-Hazar, 
die im Jahre 970 begriindet worden war und unter der Herrschaft 
der Fatimiden grossen Ruhmes genoss. Seither verfiel sie, 
wurde aber im Jahre 1860 durch den Scheik Mahdi el Abbas 
reorganisiert und zu einer richtigen Universit&t geschaffen, die 
250 Professoren und etwa z z 000 Schuler z&hlte. Doch erstreckte 
sich der Unterricht zun&chst nur auf den Koran. Nachdem 
jedoch der Scheik Mohammed Abdu, der Grossmufti von Kairo, 
Rektor der Universit&t im Jahre Z900 geworden war, wurde 



( 




Die Zukunft dec Islam 








der mehr mittelalterliche Betrieb von El-Hazar durch modemen 
Untefricht ersetzt und neben dem Koran auch Geschichte, Natur- 
lehre, Mathematik und Philosophie betriebem Mustafa Pascha 
Kamel verwandelte schliesslich im Jahre 1908 diese Schule zur 
Universit&t, die vier Fakult&ten und eine weibliche Abteilung 
umfasst. 

In der eigentlichen Tiirkei ist den Leitem der Medersch, den 
Softas, die moderne Wissenschaft, . speziell die Geschichte) zum 
Teil noch fremd. Doch ist auch hier ein Fortschritt zu verzeichnen, 
der angesichts der Tatsache, dass die Zahl der Schuler oder 
„Medresseh“ iiber eine halbe Million betrftgt, nicht zu gering 
gesch&tzt werden darf. 

Am tiefgehendsten erweist sich die Regeneration des Islam 
in zwei Gebieten, der Moral und der S i 1 1 e n. 

Wie einer der besten Islamkenner, Bonet-Maury, mit 
Recht betont, ist die islamitische Morallehre einer uberraschend 
grossen Anpassungsf&higkeit an das Milieu und an die Epochen 
der Kulturgeschichte fdhig. Daraus auch erkl&rt sich die grosse 
Kraft der Propaganda, die dem Islam bei der Eroberung der 
verschie densten Linder eigen war. 

So sehen wir, dass in Indien unter der Herrscnaft Mongol 
Akbars eine Verschmelzung des Islam mit dem MazdSismus 
und Brahman ismus stattfand, die mit dem Namen Tauhidi-Ilahi 
bezeichnet wurde. Nach Bonet-Maury wurde durch diesen 
Synkretismus die Moral des Koran bedeutend erweitert und ihr 
der Ahnenkultus und die Menschlichkeit gegeniiber Mohammeda- 
nern, Nichtmohammedanern und Tieren beigefiigt, zwei dent 
Brahmanismus und dem Parsikult entnommene Gebote. Eine 
weitere Verschmelzung ist der Brahmo-Somaj, der den Kultus 
der Veda, den Judaismus und das Christentum umfasst und 
ebenfalls die islamitische Moral auf eine hohere Stufe hob. Des- 
gleichen bedeutet die Bewegung des Ahmadyia der indischen 
Muselmanner einen Schritt nach vorwirts, da diese Bekenner 
des Propheten der Propaganda durch das Schwert entsagt haben 
und nur noch eine solche durch friedliche Mittel anerkennen. 

Die nachhaltigste Beeinflussung erfuhr die dogmatische 
Koranmoral jedoch durch den Behaismus. Die Behaisten er- 
kliren, im Gegensatz zu den Altgliubigen, alle Menschen fir 
gleichwertig, welcher Rasse oder Nationalitit sie auch angehoren 
mogen. Die Sittenlehre des Behaismus setzt als erstes Gebot 
den Iktihad, die Pflicht der Anerkennung jedes Menschen als 
seines Mitmenschen im vollen Sinne des Wortes, und als zweites 
Gebot den Iftifak, die Einheit der menschlichen Rasse. Streng 
verboten ist jede Luge, auch die NotHige. 



»• 



Die Zukunft des Islam 




Eine dhnliche Umwandlung vollzieht sich in dem Begriff der 

Vergeltung. Mohammed hat bekanntlich eine Hdlle gelehrt, 
die der Dantes nicht viel nachsteht, und einen Himmel mit 
etwas irdischen Gentissen. Auch diese beiden Dogmen schwinden 
dahin. Schon der mittelalterliche Gelehrte Ibn-Masud hatte 
das kiihne Wort gesprochen: „es wird die Zeit kommen, wo die 
Tore der Hdlle often stehen werden, weil niemand me hr in ihr 
sein wird". Der sogenannte Babysmus ging noch weiter und 
leugnete sowohl das christliche wie das mohammedanische 
Paradies und dessen Gegenstuck ab und liess nur die Verant- 
wortung des Menschen fur seine Taten bestehen , womit also 
mit dem durch gottliche Weisheit eingerichteten Himmel und der 
Marterkammer Hdlle griindlich aufger&umt worden war. ,,Schreite 
weiter in deiner Religion unter dem Banner der Wissenschaft, 
ohne dich um Traditionen jeglicher Art oder Quelle zu kummem* * 
— derart lehrte Zamakchari, ebenfalls ein bertthmter Gelehrter 
des Mittelalters, im Jahre 1x14, der Vertreter des Mutazilismus, 
einer der rationalistischen Schule, die die Moral des Islam auf 
die hochste Stufe erhoben hatte und vor allem die Liebe und die 
Briiderlichkeit aller Menschen lehrte. Heute ist das Haupt dieser 
Schule Seyed Ameer Ali, ein Richter des obersten Gerichtshofes 
in Kalkutta. „Der Ruhm des Islam", schreibt er, „besteht darin, 
den Gefiihlen der Barmherzigkeit, die Christus mit soviel Be- 
redsamkeit und so hehrem Beispiel predigte, eine greifbare 
Form gegeben zu haben. Mohammed hat diese Vorschriften 
Christi in gesetzliche undjpositive Formen niedergelegt." 

Derartige Wandlungen konnten nicht ohne Nachwirkung 
auf die Beziehungen der mohammedanischen Volker zu ihren 
Nachbarstaaten bleiben. Mohammed, der der Begriinder des 
Monotheismus in den arabischen L&ndem war, hatte den Djehat 
oder Gotzenanbetem den Krieg erkl&rt; doch hatte er eine Aus- 
nahme fiir ,,die Manner des Buches (der Bibel)" geschaffen, 
indem er sagte: „Tut diesen Menschen keine Gewalt an wegen 
ihres Glaubens." Dies Gebot blieb bekanntlich ein frommes 
Wort, und die Bekenner des Propheten pflanzten mit blutiger 
Hand die griine Standarte auch in christlichen Lfindem auf. 
Doch ist diese weite Begriffsfassung des Djehat, als welcher auch 
der Christ betrachtet wird, heute nur noch im Norden Afrikas 
geltend, ohne Zweifel als Reaktion gegen die T dtigkeit christlicher 
Missionare. In Persien dagegen herrscht voile Toleranz gegen - 
iiber dem Nichtmuselmann, und die Mutazilisten halten im 
Namen des Koran den heiligen Krieg nur dann fur berechtigt, 
wenn er zur Verteidigung islamitischer Lander oder gegen 
Gotzenanbeter gefuhrt wird. Der Behaismus geht noch weiter. 








Die Zukunft des Islam 383 




indem er kein Volk als ein auserw&hltes anerkennt. Interessant 
ist es auch, dass diese weitverbreitete Sekte des Islam die Gleich- 
heit aller Menschen lehrt, die Kasten und Klassen der mensch- 
lichen Gesellschaft fur nichtig hftlt, den Sklavenhandel verbietet 
und im Falle eines Konfliktes zwischen einzelnen St&mmen Oder 
Vdlkem diesen auch im Schiedsgericht erledigt wissen will. Es 
liegen also in der Lehre des Behaismus alle Keime zur Entfaltung 
eines Zukunftsreiches enthalten, wie es den christlichen Staaten 
bis jetzt als blosse Utopie vorschwebt, dann aber auch ist die 
Lehre dieser Sekte alien modernen Bestrebungen im demokra- 
tischen Sinne fiberaus giinstig gesinnt. 

Auch in bezug auf die Polygamie sei es erlaubt, dem land- 
l&ufigen Urteil eine Korrektur zu erteilen. Der Prophet selber 
hatte schon gegen die Auswiichse der Polygamie, die er niCht 
schuf, sondern als Brauch der arabischen Stamme beibehielt, 
dadurch angekampft, dass er die Zahl der legitimen Frauen auf 
hdchstens vier ansetzte. Im Koran selber finden wir die Rechte 
der Frau und deren Eigentum durch eine iiberreiche Zahl von 
Bestimmungen gewahrt. Doch gab der Prophet selber ein 
schlechtes Beispiel dadurch, dass er eine grosse Zahl von Konku- 
binen hielt. Hier vollzieht sich jedoch auch seit etwa zwei 
Dezennien ein tiefgehender Umschwung. Zunachst ist zu be- 
merken, dass die Muselmdnner Albaniens der Polygamie nicht 
ergeben sind, dann aber kommt man von ihr besonders in Ae- 
gypten, Tunesien, Algerien und im englischen Indien mehr und 
mehr ab. Seyd Amer Ali erkl&rte, dass von dem Tage an, wo 
der Widerstand gegen die neuen Ideen aufgegeben werde, es den 
Juristen der mohammedanischen Lander ein leichtes sei, durch 
Autoritatsbeschluss des Staates die Polygamie abzuschaffen. 
Maksudoff, der Deputierte der russischen Muselm&nner in der 
Duma, hat seinerseits eine Gesellschaft gegen die Polygamie 
begrundet, die viele einflussreiche Mitglieder zthlt. Doch haben 
die islamitischen Frauen des russischen Reiches ihre Sache in 
die eigenen H&nde genommen und in einer Adresse an die Ver- 
treter des Islam in der Duma auf Abschaffung der Polygamie 
und vbllige Gleichstellung mit der europftischen Frau gedrungen 
(April 1908). 

Um dieser Emanzipationsbewegung eine solide Basis zu 
schaffen, wurden Madchenschulen begriindet, in Skutari, in 
Beyruth und in Tunis. Die islamitische Frauenbewegung hat schon 
tuchtige Erfolge aufzuweisen, sowohl im allgemeinen wie im 
einzelnen. Die Leiterin des „Ischik“ in Baku ist eine mohamme- 
danische Frau, in Konstantinopel wirkt Halida Salih Hamm, 
eine Gelehrte von grossem Ruf , f fir das Recht der muselm&nnischen 



384 



Die Zukunft des Islam 




Frau als Mitarbeiterin oder Redakteur des „Tanin M , und die 
bedeutende Dichterin Niguiar Hanun verleiht der Bewegung 
poetischen Schwung. Der Sultan selber ist Frauenrechtler und 
legte den Grundstein zu einer F r auenuniver sit&t , die alien Kon- 
fessionen offen steht. 

Die Sklavenfrage aber ist ein Problem, das mit grosser Vor- 
sicht und vor allem mit Kenntnis des wahren Sachverhaltes 
behandelt werden muss. Wirtschaftliche Notwendigkeiten ver- 
bieten in vielen Teilen der muselm&nnischen Welt eine rasche 
Abschaffung der Sklaven, doch ist der Anfang schon dadurch 
gemacht, dass fast uberall der Sklavenhandel offizieU verboten 
ist. Es wdre ganz falsch, die Stellung des Sklaven mit derjenigen 
des russischen oder ehemaligen preussischen Leibeigenen zu ver- 
gleichen, der an die Scholle gebunden war und mit ihr verkauft 
werden konnte. Das Verhaltnis des Herrn zu seinem Sklaven 
ist im Islam ein durchaus patriarchalisches, eine schlechte Be- 
handlung fast vollig ausgeschlossen, da der Sklave sich ihr leicht 
durch die Flucht entziehen kann. 

Aus diesen Erorterungen ergibt sich zur Geniige die Unhalt- 
barkeit des Dogmas von der Starrheit des Islams. Der Islam 
ist nicht nur einer Evolution im liberalen Sinne fahig, sondem 
schon in ihr begriffen. Basiert ist diese Evolution auf dem breiten 
Fundament der allgemeinen Hebung der Bildung durch Presse 
und Schule. Weit entfernt da von, den Errungenschaften der 
Wissenschaft einen prinzipiellen Widerstand entgegen zu setzen, 
sehen wir, dass sich der Islam diesen Errungenschaften mit Eifer 
hingibt und sie dazu verwendet, seine Moral zu heben. Fiir den 
Kenner der mohammedanischen Welt ist es keine Frage mehr, 
dass dem Islam infolge der ihm eigenen Glaubenskraft wie der 
Aufnahmef&higkeit neuer Elemente eine grosse Zukunft be- 
vorsteht. 










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Ah eine Erscheinung im Karneval 







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Von ALFRED WALTER HEYMEL 



O, wie du kamst! Ach, dass du giiigest 
Und liessest ULchelnd uns zuriick, 

Die du in Netzen {ingest a 

Aus hellen Haaren und aus Blicken, 

Mit denen du an jedem von uns hingest 
Und ihn bezaubertest. 

O, wie du gingst! Ach, dass du liessest 
Uns Beute, uns Gefesselte, 

Uns, denen du verhiessest 

Rausch, Kampf und Sieg und Opfergliick. 
Ach, dass du gingst und nicht geniessest, 
Was du erbeutetest! 



Wie Sonne kamst du und verschwandest 
Zu Nacht ; doch blieb ein Feuefband, 

Mit dem du uns umwandest, 

Und bandest uns, so dass dir folgen, 

Wohin du willst, du landesi oder strandest , 
Die du erobertest. 



■ 4 



Du hast verfiihrt, entzweit und doch vereinigt, 

Uns Sklaven gleich und Sfichtigen, 

Von Eifersucht gereinigt, 

Geblendet uns mit gleichem Licht; 



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Du hast mit Sehnsucht uns gepeimgt, 
Die du entzttndetest. 



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386 Aus Flauberts Nachlass 




Aus Flauberts Nachlass 

Von THEODOR REIK (Wien) 

Die beiden folgenden Stellen finden sich auf Seite 24 — 25 
und Seite 89 — 90 des Manuskriptes von Flauberts „Par les 
champs et par les graves". In der Edition Charpentier, welch e 
sfimtliche Werke umfafit, sind sie nicht aufgenommen. Sie 
wurden zum erstenmal zitiert von Rend Decharmes (,, Flaubert, 
Sa vie, son caractdfb et ses idles avant 1857“), dessen Buch 
bisher nicht ins Deutsche fibersetzt wurde. Sie scheinen mir 
ebenso bedeutungsvoll fiir Flaubert als Menschen wie fiir 
Flaubert als Schriftsteller. Flaubert erz&hlt bei der Besichtigung 
des Schlofies von Amboise: Louis Philipp hatte gewisse Gegen- 
stftnde in der Skulptur, welche die Treppenwolbung schmiickt, 
entferaen lassen. Der Diener erkl&rt den Besuchem: es gab 
darunter manches, was von den Damen unschicklich gefunden 
wurde. Soweit die Ausgabe Charpentier. Das Manuskript 
setzt ein: 

„Niemand kann klagen, mich fiber irgendeine Verwiistung 
seufzen gehort zu haben; fiber irgendeine Verheerung oder 
Verwimmg. Ich habe niemals geseufzt fiber das Wfiten der 
Revolutionen noch fiber die MiBgeschicke der Zeit. Ich wire 
nicht einmal bestfirzt, wenn Paris durch ein Erdbeben auf den 
Kopf gestellt wfirde Oder eines Morgens mit einem Vulkan 
erwachte, inmitten seiner H&user; einem ungeheuren Brenn- 
eisen, das ihm ins Gesicht rauchen wfirde; es wfirden daraus 
vielleicht ganz nette Bilder entstehen und ein grandioses Fressen 
im Sinne Martins 1 ). Aber ich trage einen schneidenden, be- 
stindigen Hafi in mir gegen irgendein Beschneiden eines Baumes, 
um ihn zu verschonern ; gegen jede Kastrierung eines Pferdes, 
um es zu schwichen; gegen alle jene, welche die Ohren oder 
den Schwanz von H unden beschneiden; gegen alle, welche 
Sphiren und Pyramiden aus Buchsbaum darstellen; gegen alle, 
welche restaurieren, schmficken, verbessem; gegen die Heraus- 
geber sittlich gereinigter Werke; gegen die keuschen Holz- 
floflffihrer gemeiner Nacktheiten ; gegen die Arrangeure von 
Ausziigen und Verkiirzungen ; gegen alle jene, welche 
etwas wegrasieren , um eine Periicke darauf zu setzen; und 
welche grimmig in ihrer Pedanterie, unerbittlich in ihrer 



') Franzoaischer Reisender und Naturforscher, geb. 1806 




Albernheit, indem sie die Natur beschneiden, iiber diese schone 
Kunst des guten Gottes hinwegschreiten, und, indem sie die 
Kunst bespeien, diese andere Natur, welche der Mensch in sich 
trigt wie Jehovah die eine, und welche die jungere ist — oder 
die ftltere, wer weiB? 

Ich habe Gewissensbisse, nicht den Menschen mit meinen 
F ingem erdrosselt zu haben, der eine Ausgabe Mol&res ver- 
offentlicht hat, welche anst&ndige Familien ohne Gefahr ihren 
Kindern in die H&nde geben konnen. Ich bedaure, fiir den 
Elehden, der Gil Bias mit demselben Unflat seiner Keuschheit 
besudelt hat, keine scheufilichen Qualen und beschimpfende 
Todeskampfe zur Verfugung zu haben. Und den braven 
Idioten, einen belgischen Pfaffen, der Rabelais gereinigt hat — 
warum kann ich in meiner Sehnsucht nach Rache nicht 
diesen entschlafenen Kolofl wiedererwecken, um ihn dariiber 
sein titanisches Geheul erheben zu horen ! ‘ ‘ 

Die zweite Stelle: 

„Ich wiirde wohl den kompletten Villemain 1 ) her geben, 
den ich in meiner J ugendzeit gekauft habe (eine unsinnige 
Handlung, die man mir nicht verboten hat, was die Gut- 
mutigkeit meiner Familie beweist); ich wiirde auch die Vor- 
lesungen des Herm Saint -Marc Girardin 2 ) geben, welche ich 
aufbewahre, wie Rend 8 ) sagt, „um mich in Zukunft jeder freu- 
digen Regung zu berauben“. Ich wiirde selbst ein Paar 
marokkanischer Pantofleln hinge ben, welches mir im Sommer 
sehr angenehm ist, und noch dazu meine Biirgerrechte, die 
Achtung meiner Mitbiirger, und den Rest einer Flasche Lack, 
welcher anf&ngt, dick zu werden — ja, ich wiirde das alles 
hochherzig und auf der Stelle hergeben, um das Alter, den 
Namen, die Wohnung, die Besch&ftigung und das Gesicht des 
Mannes zu kennen, der fiir die Statuen des Museums in 
Nantes Weinbl&tter aus blankem Eisen erfunden hat, welche 
aussehen wie Apparate gegen die Onanie. Der Apollo von 
Belvedere, der Diskuswerfer und ein Flotenspieler sind mit 
diesen sch&ndlichen Metallbadehosen aufgeputzt, welche glinzen 
wie die Kiichenpfannen . Man sieht iibrigens, dafl dies eine 
lange iiberlegte und liebevoll ausgefiihrte Arbeit ist. Sie sind 
auf den R&ndern gezackt und mit Schrauben an den Gliedern 
der armen Gipsfiguren eingerammt, welche sterben, vor 
Schmerz sich abbrockelnd. In dieser Zeit flacher Dummheiten , 

>) FranzSsischer Literarhistoriker, 1790 — 1870 

2 ) Publizist, 1811—1873 

3 ) Held der gleichnamigen Erzfthlung Chateaubriands 




Aus Flauberts Nachlass 



inmi tten des normalen Stumpfsinnes, der uns verschuttet, 1st 



eS erfreulich 



und wfire es nur zu( Zerstreuung, wenigstens 



einem wilden Blddsinn, einer riesenhaften Borniertheit zu be- 



gegnen. Trotz meinen Anstrengungen habe ich es nicht dazu 
gebracht, den Schopfer dieser keuschen Unversch&mtheit 
mir vorzustellen. Ich glaube geme, dafi der ganze Stadtrat 
daran teilgenommen hat, dafi die Herren Geistlichen sie an- 
ger egt und die Damen sie schicklich gefunden haben.“ 

■. Wie selten trifft man bei Flaubert, diesem schweigsamsten 
und hSrtesten aller Kiinstler, solche Selbstbekenntnisse. Hier 



hat er einmal seine starken Affekte nicht verdrangt, sondern 
„abr eagier t 4 ‘ . Die Griinde, welche den Dichter dazu gefiihrt 
haben, diese Seiten nicht zu veroffentlichen, sind kaum schwer 



zu finden. Die Darstellung vertrug sich nicht mit dem Prinzip 

der impassibility und impersonnality des Kiinstlers, welche er 
streng von sich und andem forderte. 

Jedenfalls ergSnzen sie das psychologische Bild des Kiinstlers 
und zeigen wieder (wie die Tentation, wie die Correspondance 
und die Oeuvres de jeunesse), dafi er nicht immer der objektive 
Dichter war, und fordern dringender eine Erklirung der Psy- 
chogenese dieses Grofien. 

Und vielleicht ist es gut, in diesem muckerischen Deutschland, 
das die Strafie der Gerechten wandelt (um, wenn es dunkelt, 
in Seitengassen einzubiegen), in diesem Deutschland, das es 
gewagt hat, Seiten dieses einzigen Kiinstlers zu unterdrucken — 
vielleicht ist es gut, hier seine eigenen Meinungen zu horen. 




389 



..Elegie der Stadt Berlin an den Baron von Pdllnitz 




Elegie der Stadt Berlin an den 

Baron von Pdllnitz 

Von FRIEDRICH DEM GROSSEN 

Baron ron Pdllnitz, an den Friedrich diese scherzhafte Elegie gerichtet, 
war Oberzeremonienmeister und schon unter des Konigs Vater titig ge- 
wesen. Anlass zu dieser Elegie hat das Entlassungsgesuch des Barons 
v. Pdllnitz im April 1744 gegeben, der wegen einer fehlgeschlagenen 
Heirat ins Kloster gehen wollte. Er hat aber diesen Plan auf gegeben 
und kehrte schon, ein halbes Jahr darauf, nach Berlin zuruck, wo er 
spfiter (1775) als Theaterdirektor starb. Die Elegie gehort zu jenen 
kleinen, heute ganz unbekannten scherzhaft-satirischen Schriften Fried- 
richs des Grossen, die er teils zur Ablenkung von den Staatsgesch&ften, 
teils zur literarischen Bekostigung oder Erheitenmg der ihm vertrauten 
Umgebung schrieb und die, neben dem literarischen Kuriositatswert, auch 
manches Licht auf den liebenswfirdig-vertraulichen Verkehr mit seinen 
Untergebnen werfen. E. O. 



Komm, Tochter des Himmels, Gottin des Schmerzes und 
alter z&rt lichen Herzen, lass deine edlen Trfinen heut fur eine 
verlassne Geliebte fliessen, dass deine verwirrten, fliegenden 
Haare die Vorbilder meines Schmuckes sind und meine Stimme 

4 * 

das Echo deiner Klagen i Du wirst meinen Schmerz l&utern 
und der Verzweiflung gnadig sein, die ich urn den schandlichsten 
aller Manner erdulde. Ihr glucklichen Tage, die ich mit ihm 
▼erbrachte, seid nur Aufreizer meiner Pein und meines schwarzen 

. ^ W t * h 

Hummers, wenn ich euch in meiner Verlassenheit jetzt klagend 
zuriickrufe — ihr schonen Tage, da meine Fiaker*) , von meines 
Liebsten Klugheit gelenkt, mit jeder Erschiitterung auf meinem 
Pf taster mich entzuckten, dass ich jeden Stoss und Ruck als 
Neckerei meines Ungetreuen empfand und dankbar hinnahm ; 
da' er alter l&cher lichen Zeremonien Lauf auf meinen Strassen 

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oder in meinen Hdusem regelte, da meine Haude und meine des 
Champs**) sein Lob in alien Bl&ttem sangen. Vergeblich rufe 

- - . 1 r - 



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*) Die ersten Fiaker sah man in Berlin, auf erne Anregung des Barons 



Von Pdllnitz, am 24. Dezember 1739. 

**) Haude, der bekannte VerlagsbuchhSndler, der 1740 eine neue 
Zeitung grfindete und Begrfinder der Haude u. Spenerschen Buchhandlung 
war* — Des C ha m.p s ist der Verfasser des. „Cours do la philosophie 



Wolffienne“, der s. Zt, Aufsehen erregte und fn dem er u. a. sagte, dam 
die Gestalt Voltaires hSsslich und l&cherlich seL Er wurde von Friedrich 

■ F ^ ' ♦. fc l' * 1 L L ' *' F * ' ■ r 

al$ Preqiger nach Berlin berufen. 



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. 1 







39® Elegie der Stadt Berlin an den Baron von Pollnitz 




icfa eucfa zuriick, ihr gliicklichen Tage ! Die Hand der Zeit hat 
euch ausgeloscht aus der Zahl der Wesen, und nur allein in 
meinem Herzen lebt ihr noch. Ja, in diesem schmerzzerfressenen 
Herzen bist du, Ungetreuer, noch tief eingegraben, und nur 
meiner Mauem und Tiirme Sturz konnte dich in Vergessenheit 
begraben. Hottest du raich nur, Unbestandigster aller Liebsten, 
uni einer erhabeneren Schonheit willen verlassen, um Paris, deren 
Reiz und Schonheit wir ja alle als die vollkommenste anerkennen , 
um des koketten Roms, um des ausschweifenden Londons, um 
der grossen Hindlerin Amsterdam, um des verschmdhten Wiens 
willen 1 Aber du verlasst mich, und wen ziehst du vor ? Eine 
kleine Bettlerin, deren Namen fast unbekannt ist bei uns. Ich 
bin so emport, wie man es fur die Venus von Medici w&re, wenn 
man ihr eine kleine Debuisson vorzbge. Vergisst du, Grausamer, 
dass die Bbrse meiner B iirger so manche Male deiner Betriebsam- 
keit sich offnete, dass die L&den meiner Kaufleute so manches 
Mai fur dich sich leer ten, dass meine Neustadt dir bereitwilligst 
Raum gab, um Krankenh&user zu errichten und . . . Der Schmerz 
erstickt mich. Aber ich werde den Trost haben, dass man Bayreuth 
nicht besser behandeln wird als Berlin. Wenn aber der Kummer 
das Fundament meiner H&user untergraben hat, dass meine Be- 
wohner, deine Gl&ubiger, vor Hunger gestorben dank deiner Vor- 
sorge, sie ins Elend zu stiirzen, dann wirst du auf meinem Grabe 
die traurigen Worte lesen konnen : 

,,Wenn die triigrische Welt deine Tr&nen verachtet, 

Wirst du an meinem Hugel stehn, weinen und klagen, 

Wirst mit tranendem Aug’ die traurigen Worte sagen : 

Nur du, Berlin, liebtest mich ehrlich, und ich hab’s nicht 

geachtet!" 

ATTEST DES ARZTES 

„Ich, Hippokrates, durch der Menschen Leichtgl&ubigkeit 
Gott der Medizin, attestiere, bestdtige , versichere und garantiere 
hiermit, dass die Stadt Berlin, seit der hinterlistigen Abreise des 
Baron von Pollnitz, vor Kummer weder gegessen noch getrunken 
hat, dass sie diesen Fruhling, von heftiger Melancholie erfasst, 
in der Spree sich ertr&nken wollte, dass wir sie wahrhaftiglich 
durch Aderlass alsdann errettet haben, dass sie sich aber seitdem 
in bleiche Far ben hiillt und an hektischem Fieber leidet, das ihre 
Krftfte untergrdbt und ihr so heftige Hitze verursacht, dass aus 
ihrem Haupt schwarze, dicke Salpeterddmpfe hervortreten, der- 
massen wohl um ihr Leben zu fiirchten ist. Es ist also periculum 
in mora, wenn der teure Geliebte sie nicht durch seine Submission 
ruhrt und durch emeute Versicherungen seiner Devotion trostet/* 

Deutsch von Erich Oesterheld 



Gustav Meyrink 




Gustav Meyrink 



Von WILL SCHELLER 



„Tratarah — Tratarah — Obdcht — Obdcht — Kandl — 
Kan dal ! Das Angriffssignal der Prager Burger eskadron schallt 
durch die Strassen. Ein Mann fehlt, — der F iakerkutscher 

Kottysch hat in letzter Stunde sein Handpferd nicht hergeborgt. 
Angsterfiillt schlottem die Greise auf ihren Gfiulen im Asthma- 

galopp durch die Strassen. Concours hippique “ 

Spottlust dussert sich gerne drastisch und fbrdert oft, zumal wenn 

r 

sie persdnlichen Umtrieben entspringt, zutage, was nur Erfolg zu 
nennen ist. Als Gustav Meyrink seine Bemerkungen fiber Prag 
imd Montreux publiziert hatte, flog seinem Verleger aus den be- 
troffenen Ortschaften ein Schwarm von Drohbriefen in den 
Kasten, zum vergniiglichsten Beweis, dass die Hiebe sassen, dass 
die Satire von echten Farben schillerte, so auswxichsig ihre Drastik 
sich immer geb&rden mochte. . . Denn es brechen aus einem durch - 
aus empirischen Boden die grotesken Einf&lle, deren sich dieser 
Dichter nicht zu erwehren vermag, weil sie ihm das Leben so 
ausserordentlich erleichtem ; weil sie die Bilder sind, die sein Ge- 
dachtnis belasten, bis es irgendwann eines Oder mehrere fort- 
werfen muss. Das leiseste Hindeuten auf etwas, dessen bosartige 

I 

Schw&chen vom leidenschaft lichen, durch die widrigsten Er- 
inneningen fortwShrend geschiirten Hass des Dichters unablassig 
verfolgt werden, weckt auch schon seinen Blick dafiir auf, und so 
kommt es, dass oft mitten in die romantischste Stimmung plotzlich 
irgendein Schimpf koboldartig hineintorkelt und wie ein Schlag- 
licht imversehens auf die Dinge fallt, ihren phantastischen Reiz 
vdllig zersetzend, und bestenfalls etwas wie eine Groteske bestehen 
ldsst. 

Meyrink ist von den heutigen Romantikern einer der 
ausgesprochensten. Ohne einer allgemein geltenden An- 
schauung nachzubeten, bewegt er sich in der ihm eigenen Welt, 
deren Farben und For men sonderbar sind — und im Vergleich zu 
denen der alltftglichen Welt bizarr und schauerlich beriihren. Ihm 



39 * 



Gustav Meyrink. 



ist aber, im haiben Gegensatz zu Hoffmann, und im gleichen Sinn 
wie Poe, die romantische Welt nicht eine Nebenwelt der wirklichen 
und einAsyl, in das man sich fliichten kann; sondern die des 
eigenen Empfindens, dessen personliche Regungen diese Welt mit 
Gebilden lebhaft machen. Die erhbhte Reizbarkeit seiner 
N erven verursacht Stimmungskomplikationen . 

Meyrink schreibt haupts&chlich dem Nervenleben zu, was 
Wesen, Wirkungen und Empf&ngnisse des Individuums um- 
schliesst, — verkennt aber dabei nicht die treibenden Krtfte des 
Instinktes; wasaus der immer wiederkehrenden Gestalt des Moham- 
med Daraschekoh leicht zu deuten ist, als aus der Verkorperung 
des ekstatischesten Hasses, der durch die Formen des Verstandes 
geht und in bewunderungswurdigen Verbrechen offenbart wird; 
Untaten, die sich aus einem ph&nomenalen Wissen um die 
Empfindungen — Nervenschwingungen • — der Menschen und; 
ihrer instinktiven Gefiihle entwickeln und selber das Entsetzen 
zeugen. . , Diese phantastische Stimmung ist das Element 
des Dichters, diese hochste Erregung der Nerven sein liebstes 
Objekt. In „Der Mann auf der Flasche", in „Das Prfipa- 
rat“, in „Der Albino" Und ganz besonders in ,,Bal macabre" hat 
er diese Stimmung bis ins Kleinste gefangen und festgehalten,. 
weshalb sie den, der diese Geschichten zum ersten Male liest, 
mit wahren Schauern des zusammengepressten Bewusstseins 
iiberschutten. 

Was ihn an Vertiefung meistens hindert, ist seine ganz 
personliche Mitgenommenheit, sein persdnliches Geschiitteltsein, 
seine eigenen Nerven ... 

„Unterbewusstsein" ist ein sehr bequemer Name fur jene 
Nervenschwingungen, die nicht an der Oberfl&che des Bewusst- 
seins spielen und fiir das Wesen der Meyrinkschen Dichtung von 
so grosser Bedeutung sind. Man sagt vielleicht besser : Ahnungs- 
vermogen, und denkt daran, dass uns zuweilen, mitten in den 
belanglosesten Begebenheiten ein Schauer iiberf&llt, ein plotz- 
liches Entrucktsein aus der gegenw&rtigen Atmosphare in eine 
vergangene oder zukiinftige, ein Geffihl, das man iibersinnlich 
genannt hat, wei! seine Wahmehmung halb nur in dem Kreis des- 
Intellektes, halb draussen desselben stattfindet; diese besonderen^ 



Gustav Meyrink 



393 



selterT und fast immer infolge des eigenen Befremdens schlecht . 
beobach tetenV org&nge sind das Gebiet des „Unbewussten“, besser: 
Schlechtvernommenen, sind die verborgenen, dunklen Quellen, 
aus denen Dichter wie Meyrink schopfen. Die Nerven als Mem - 
brane des dbersinnlichen Ahnungsvermogens — das w&re auch 
eine Formel fiir die Analyse vom Wesen Gustav Meyrinks. 

DieVermutung liegt nahe, dass dieser Dichter nicht einGestalter 
ist, in dem Sinne von Dickens, den er gleichwohl uniiber- 
trefflich verdeutscht ; und in der Tat, wir sehen eigentlich nie- 
manden und immer nur so viel, als zum notwendigen Verdichten 
der Stimmung erforderlich ist. Es geschieht haupts&chlich ; das 
Formate der Erscheinungen verliert seine herrschsuchtige Be- 
deutung vollig, und die Idee ist das Wesentliche nebst ihrer Be- 
wegung in der selbstgeschaffenen Atmosph&re. 

• * 

Dieser Ideen des Dichters Gustav Meyrink gibt es einen ver- 
h&ltnism&ssig nicht geringen Kreis. Es l&sst sich das rein Phan- 
tastische streng unterscheiden vom rein Satirischen. 

Die Zwitter sind unter diesen Erzfihlungen recht hdufig ver- 
treten, und den reinen Phantasien und reinen Satiren ist vor ihnen 
bestimmt der Vorzug zu geben. Die Lust, zu spr ingen, kdnnte das 
Bild des Dichters immerhin triiben, aber merkwurdigerweise gibt 
es da ein Gemeinsames, das schwer zu bestimmen ist und auf seine 
Art simtliche Geschichten miteinander verbindet. Es ist moglich, 
dass dieses von der Stilkunst Meyrinks hergeleitet werden kann, 
einem gewissermassen unbewussten Konnen, einem instinktiv 
getreuen Reproduzieren der jeweiligen Stimmung, nicht nur des 
„Unterbewusstseins“, sondern auch des wachen Empfindens. 

Die Phantastik Meyrinks ist, sobald sie frei von personlichen 
Tendenzen bleibt, natiirlich die am hdchsten zu bewertende 
Ausserung des Dichters. Gespenstisch ragen solche nicht allzu 
hfiufigen Geschichten aus dem mehr oder weniger tollen Tanz 
der iibrigen heraus und ihre teuflische Melancholie wirkt bei ihrem 
unvermuteten Erscheinen schrecklich und bet&ubend. Ich erlebte, 
dass jemand, der eines vergniig lichen Nachmittags ahnungslos 



394 Gustav Meyrink 

< m 

S^^^^^^S^^^^S^^B^^BSS&ESS^KB^S&SSSSBBSB&SSSE^SSSSSEB^^^^^^SSS^ESE 

eine dieser Erz&hlungen vorlas, in der Meinung, etwas Lustiges 
in der Hand zu haben, allm&hlich vom Erstaunen ins Entsetzen 
Eel und anstatt eines Gel&chters ein einziges Grausen fand. 

Geisterbeschworungen, aberwitzige Versuche experimentalen 
Charakters mit den verborgenen Krftf ten des menschlichen Kbrpers, 
Schauer okkulten Mysteriums und auch die reine, furchtbare 
Spiegelung des Innersten der ,,Seele“ der unverhiillten, nur als 
ausserkdrperlich zu beschreibenden Vorginge zentraler Emp- 
findungen, — dieser bizarr anmutende Formenwust Meyrinkscher 
Aussenwelt ist dasjenige, was an seiner gesamten dichterischen 
Ausserung als das Hauptsftchliche zu betrachten ist . . . Behag- 
lichkeit ist ein Wort, das der Erz&hler Meyrink nicht kennt. 

4 

Es ist nicht fur einen Augenblick hi nddmmer nde Ruhe in dem , 
was er berichtet, es ist iramer ein unablassiger, brodelnder Prozess 
▼on GSrungen, Explosionen und neuen Verbindungen. 

* * 

* 

Eine Menge possenhafter Geschichten, ironischer und bissiger 
„Skizzen ganz infamen Inhalts 1 * laufen immer neben her, von der 

.p 

am Eingang benannten Spottlust erregt und vom Ged&chtnis 
unwillig oder launig abgeworfen. Grosse Komplikationen fur die 
Betrachtung der Welt Meyrinks ergeben sich nicht daraus, dass 
dem D&mon des verzerrend nervosen Empfindens ein skurriles 
Gefolge ldcherlicher und boshafter Gefiihle beigegeben ist ; die 
Maske dieses Humors ist ihrerseits dermassen phantastisch , dass 
ihre Grimassen oft genug ebenso grausig anzusehen sind, wie das 
fiirchterliche Gesicht des durch einen betaubenden Nebel blutigen 
Dunstes grinsenden Damons Hirn . . . 

Gustav Meyrink hat jetzt einen Roman geschrieben. Die 

4 

seltsame, vom lauernden Unheil beeinflusste Stimmung ist 
ungemein lebhaft und eindringlich, und die sich kreuzenden 
bosen, das Geschehen tragenden Machte spiegeln sich erschreckend 
in den Fratzen der scheinbar leblosen Gegenstande, die in dem 
Verwitterungsmilieu des Ghetto fremdartig und vom Dichter im 
grausamen Durchschauen ihres Wesens allzudeutlich und 
beangstigend lebensvoll, nicht nur als Kulissen der Ereignisse 
verwandt worden sind. 



Hoftraucr 



Das ist zu merken: Meyrink ist als Dichter ha upts&cklich 
Temperament. Seine innere Bewegtheit ist sttrker ails das Sicher- 
heitsgefiihl des gestaltenden Prinzips. Aber man wird nicht um 
die Tatsache herumkommen , dass die besondere Personlichkeit , 
die aus all den Bizarrerien und Drdlerien spricht, Ton einetn 
Lebensgefiihl durcfaglubt ist, auf ein furChtloses Sichversenken 
in die uirtersten Regungen gedanklich nicht mehr zu for* 

H 

mulierender NervenvorgSnge zurdckreicht. 

■ < 

Hoflrauer 

Persische Novellette Ton PAUL SCHEERBART 

,,Das Glas ist ein sehr wertvolles Material ! ‘ 1 sagte der alte 
I wan, Ober-Pfandleihhausdirektor in Teheran. 

Aber die Suleika — heulte — heulte — und raufte sich Sir 
pechschwarzes Haar, dass ein paar Rubine aus einem Kamm 
herausfielen und auf dem Fussboden herumrottten. 

Die Suleika war die Direktrice des hdfischen Zeremonien- 
amtes zu Teheran. 

,,Vergessen wir nicht, “ fuhr der Direktor I wan fort, „dass 
wir hier in Persien leben.“ 

,, Ja,“ schrie die Suleika, „und Persien war seit uralten Zeiten 
die Heimat der Brillanten. 44 

,,Warum,“ rief der Direktor Iwan mit erhobenen H&nden, 
, ,soll Persien nicht f iirderhin die Heimat der Brillanten bleiben ? 
Das schadet gar nichts — gar nichts. Ich bleibe sogar Brillanten- 
Direktor bis an mein Lebensende — ■ wo mdglich — noch viel 
ISnger — vielleicht bis ans Ende der Ewigkeit — wenn mir der 
Prophet keinen Strich durch die brillante Rechnung macht.“ 

„Sie Scheusal," schrie da wieder die Suleika, „aber zahlen 
wollen Sie fur die Brillanten nichts mehr? Wie kdnnen Sie da 
wagen, sich einen Brillantentitel zu verleihen ? Zahlen sie erst! 
Die Titel will ich Ihnen schon beschaffen.** 

„Bin ich ein Narr ?“ rief wieder der Direktor, „alle euro- 
pftischen Pfandleihh&user zahlen fiir Rubine und Saphire gar 
nichts. Da soil ich was zahlen ? Ich — der arme Iwan ? Ich zahl* 
gar nichts — gar nichts. Verkaufen Sie die Steine bei den kleinen 
Negern im heissen Afrika, die sind so dumm." 

„Die haben doch kein Geld! 44 flotete die Suleika. 

„Dann,“ verse tzte Iwan hart wie ein ur alter Wucherer, 
„bleibt dem persischen Hofe nur tibrig, Hoftrauer anzulegen. 







396 



Hoftrauer 



Legen Sie fur hundert Jahre Hoftrauer an — dann uberleben 
Sie die Trauer .wahrscheinlich nicht . 44 ; • 

„Hal 44 sagte die Suleika, „jetzt wagen Sie es gar, zu hohnen ?“ 

„Ich spreche im Ernst ! 44 versetzte deralte Iwan. 

„Ohl 44 fujir die Suleika fort, „Sie ahnen gar nicht, welche 
Umwilzung die vollsttadige Entwertung des Diamanten herauf- 
beschwfirt : Thron, Krone, Zepter, Reichsapf el — alle diese ehr* 
wiir digen Gegenst&nde werden plotzlich im Pfandleihhause nicht 
mehr beliehen. Das ist ftirchterlich! Da$ ist entsetzlich! Das 
ist ganz einfach haarstr&ubend. Unsre herrlichsten Kron- und 
Throngfiter pldtzlich wertlos — so viel wie Glas. Beleihen Sie 
wenigstens noch die Smaragde ?“ 

„Nicht drei Sechser dafiir , 44 versetzte Iwan, „t»ald warded 
auch die Smaragde nachgemacht werden. Vielleicht sind sie’s 
schon. Auch f tir den Ko-hi-noor geb ich gar nichts mehr. Auch 
die Tage seines Ruhms sind gez&hlt. Legen Sie Hoftrauer an, 
teure Direktrice des hdfiscliien Zetemonienamtes. Weinen Sie 
sich zweihundert Jahre au$. Die Zukunft der Pfandh&user 
kann mit den Brillanteii nicht mehr in Verbindung gebracht 
werden. Mit dieser Verbindung ist es endgiiltig aus. Gehen Sie 
nach Raus. bracken Sie all den Krempel zu sa mmen und schiclcen 
Sie den ganzen wertlosen Kitt in das grosse Nationalmuseum zu 
Teheran. Museen nehmen alles ; 44 

„Zahlen aber nichts! “ brullte die Direktrice. 

„Was kann denn der alte Iwan dafur ? 44 fragte dieser l&chelnd. 

Frau Suleika erhob sich und rannte im Direktionsz immer 
auf und ab. 

„Ich konnte , 44 schrie sie pldtzlch, „mit dem Kopf die W&nde 
einrennen . 44 

„Das konnen Sie machen ! 44 sagte der> Alte ernst, „polizeilich 
ist das durchaus gestattet. Wenigstens reden Sie dann cdcht mehr. 
Ihr Heulen und Schreien wird dann auch verstummen. Aber 
— bevor Sie das tun, empfehle ich Ihnen folgendes: legen Sie 
erst Hoftrauer an. Das beruhigt. Das macht ernst und stille. 

Trauerleute benehmen sich immer wiirdevoU . 44 

* p . 

Frau Suleika wurde plfitzlicb ruhig. , 

Nach einer Weile sagte sie; 

„Direktbr Iwan! Tatsachlich, die Hoftrauer wird beruhigend 
wirken. Es wird sich wirklich sehr nett machen, wenn wir mit 
dieser Hoftrauer alien europ&ischen Hbfen vorangehen. Denn 
die werden ja auch bald dahinter kommen, dass die Zeit des 
Diamantenzaubers dahin ist. Dann werden sie auch Hoftrauer 
anlegen und damit nachklappen. Wir sind die ersten gewesen, 
die gleich dffentlich zu trauem begannen. Das wird in der Welt- 



s 






Hoftrauer 





geschichte loblich vermerket werden. Direktor I wan, ich besorge 
Ibnen einen Orden fiir die fulminant® Idee. Sie ist entziickend. 
Und meine Gedanken weilen bereits am Garderoben-Magazin. Oh 
— da wird man sich freuen. 44 



„Nu, sehen Sie/* rief der alte Direktor I wan, ,,dass jede Sache 
auch die schlimmste — ihre gute Seite hat. Aber — da$ mit 

dem Orden lassen Sie nur sein. Die Brillanten sind doch auch 

- ' 

in den Orden nichts mehr wert. Oder - — wollen Sie mir einen 
Trauer orden aus schwarzem Glase schenken ?“ 



„Meine Gedanken weilen schon/ 4 sagte Frau Suleika schwar- 
merisch, dieweil sie I wans Rede gar nicht bemerkt hatte, „im 
Garderoben-Magazin. Aber, Herr Direktor I wan! Jetzt muss 
ich Sie bitten, nochmals Ihren hocbwohlgeborenen Gehirns- 
kasten anzustrengen. War brauchen fur die Brillanten einen 
Ersatz. Wie denken Sie fiber die Perlen ? 44 

„Die sind/ 4 versetzte I wan hart, „so furchtbar leicht zu 
imitieren, dass man gleich immer lacht, wenn man Perlen sieht. 
Deswegen sagt ja schon das alte Sprichwort: man soil die Perlen 
▼or die Slue schmeissen. 44 

„Scheusal! 44 schrie Frau Suleika, „das ist eine Sprichwort- 
Ifilschungl 44 

„Regen Sie sich nicht so aufl 44 rief Mr. I wan, „das schadet 
Ihrer Gesundheit. Denken Sie lieber an Email cloisohnde • — • 

ri 4 _ J- 

dberhaupt an Glas und Glasmosaik. Das Glas ist, wie ich schon 
sagte, ein sehr edles Metall. Besonders das Email! Oh — einfach 

kdstlich." 

„Mir hat/ 4 versetzte Frau~Suleika hart, „ein guter Freund 
in Berlin eine Broscbe aus Email cloisonn6e — ganz echt ist alles 
— fiir eine Mark und funfzehn Pfennige gekauft. Nur des Spasses 
wegen kaufte er mir den Quark. Aber so was Billiges kann doch 
eine anst&ndige Frau nicht tragen. Was denken Sie sich denn ? 
Meinen Sie, dass ich zur ordinftren Hefe des Volkes gehore? 
Hal 44 



Sie reckte den rechten Arm steif in die Hdhe wie Arminius 
im Teutoburger Walde. Aber in ihrer Hand war k e i n Schwert. 

„Ein Gliick/ 4 rief Mr. Iwan, „dass Sie kein Schwert zar 
Hand haben. Lassen Sie den Arm nur wieder sinken. Benehmen 
Sie sich nicht so auff&llig! Bedenken Sie, dass Sie gleich Hof- 
trauer anlegen sollen. Da passen sich doch derartig kriegerische 
Armbewegungen ganz und gar nicht. Ich will Ihnen einen Rat 
geben, wenn Sie ein bischen ruhiger geworden sind. 44 

„Ah, 44 rief Frau Suleika, „eine neue Idee ? Nun — schnell! 
schnell! Ich vergehe vor Ungeduld. Bedenken Sie mein schweres 






398 Hoftratior 



Amt. Zweitausend Augen sind iulfefldKnd auf mich gericbtet. 
Und ich weiss nicht, wie ich helfen soil." 

„ Setzen Sie sichl ‘ 4 sagte Mr. I wan. 

Frau Suleika setzte sich und schaute den Direktor lange — 
lange — durchdringend an. 

Der nahm erst gemiitlich eine Prise und begann dann folgen- 
denxiasaen: 

„Teuer soil aein, was Sie' tragen! Ja — Verehrteste I Es 

gibt noch gliicklicherweise tausend andere Dinge, die auchsefar 
teuer sind. Denken Sie an die Olgemdlde des Tizian. Doch 
die konnen Sie nicht auf der Brust tragen. Freilichl Aber Ideine 
Porzellanmalerei geht schon auf die Brosche zu setzen! . Wie 
wir's damit ? 44 

„Das ist nicht vomehm genug, u versetzte Frau Suleika: mit 
henmtergezogenen Mundwiakeln, , r die Porzellanmaler sind nicht 
so teuer . 4 1 

„Aber,“ fuhr Iwan fort, „wie wftr’s denn mit der Kleinplastik 

— mit der Miniatur* und Mikroskop plastik ? Hei! die ist teuer 

— natiirlich alles in Silber und Gold mit ein ganz klein wenig 
Email cloisonnde." 

„Oh, Ihr Email!" rief Frau Suleika, „aber sonst ist die Idee 
brillant! Brillanter als aUe Brillanten. Ja! die Mikroskopplastik! 
Auf! Ich fahre gleich zu alien Bildhauern der Stadt. Ich bringe 
ihnen gleich die Mikroskope mit, Heiligsten Dank! Meister tosi 
Pfandhaus! Lassen Sie sich umarmen!" 

Herr Iwan trat hinter seinen Sessel und sagte: 

„Wir sind in Persien! Vergessen Sie das nicht! Vergessen 

Sie aber auch die Hoftrauer nicht." 

■ ■ r 

„Fiir die Hoftrauer , 44 sagte Frau Suleika, „soll doch eben 
Schmuck in Mikroskopplastik hergestellt werden . 44 

,, Dann , 44 sagte Mr. Iwan, „lassen Sie diese Kleinplastik unter 
Glas setzen! Glas ist ein vortreffliches Material . 44 

Wie Mr. Iwan aufblickte, war Frau Suleika schon fort. Und 
er ldchelte und rief ganz laut: 

„Ei, da werden sich ja die Herren Kiinstler freuen! Ich fahr’ 
auch zu ihnen und lass mir Prozente zahlen — fhr meine 
brillante Mikr oskop-Idee . 4 4 



4 





Naturalismus 





Naturalismus 

Eine Definition von FRIEDRICH KURT BENNDORF 

+ 

Um geme insame und durchschnittliche Erkennungs- und 
Empfindungsweisen kurzerhand zu kennzeichnen, — um Korn- 
plexe von Gewalten und W&ndlungen in ganzer Breite zu decken, — 
um sich durch Formulierungen zu entlasten, einigen sich die 

Zeiten auf ihre Schlagworte. 

* 

So ist Naturalismus eine abrundende Sammelbezeichnung, 
ein summarisches Schlagwort fur das Wollen der gegenwdrtigen 
Zeitseele „ nicht nur im Bereiche der Kunst und des Kunstgewerbes, 
sonde rn der geistigen Kultur iiberhaupt. Die griindliche Nach- 
prufung der Konventionen und Traditionen hat uns das Be- 
wusstsein einer neu erkannten Natur verschafft, und mm gilt 
es, alle Lebensftusserungen mit dieser Natur in Uebereinstimmung 
zu br ingen. Wir suchen eine neue Ankniipfung an die Wirk- 
lichkeit; wir ringen um eine neue Unabh&ngigkeit. Das ist 
Naturalismus, das ist Modemismus. 

In dieser umfassenden Bedeutung genommen hat der Naturalis- 
mus seinen starks ten Vork&mpfer in Friedrich Nietzsche gefunden. 
Mit der Verherrlichung der Realit&t als des unschfttzbarsten 
Outes, als des einzig und ewig Wertvollen, mit der Forderung 
eines restlosen Anbaus der Wirklichkeit, ihrer voile n Eroberung, 
ist Nietzsche Naturalist im obersten und radikalsten Sinne, und 
die allgemeinen Anregungen, die er gegeben, sind heute in den 
mannigfaltigen Bezirken der Kultur (auch denen, die seiner 
persbnlichen Zuneigung femlagen) fruchtbar geworden. 

Die Reformbestrebungen auf religiosem, sozialem, hygieni- 
schem, p&dagogischem , sexuellem Gebiete; die Forschungen im 
Felde der Biologie und des Evolutionismus (der nicht nur die Ver- 
dnderung und Entwicklung der Arten, sondem auch die des 
Denkens untersucht); im Umkreis der Physik die modifizierte 
Auffasstmg der Materie als einer Energieform; in der Philosophic 
der Positivismus (der mit seiner empirischen Psychologie den 
Menschen aufs engste mit der Natur zu verkniipfen trachtet); 
dazu der Neuaufbau der Aesthetik; die Durchfuhrung der Milieu- 
theorie; der Sprachskeptizismus; die Bemuhungen um die Genea- 
logie der Moral: — das alles sind Erscheinungsformen des 
naturalistischen Wollens, Aeusser ungen des Bewusstseins, dass 
sich Herz, Geist und Sinne fur etwas geoffnet hahen, das bisher 



400 



Nsturalismus 



anders oder gar nicht gefiihlt, erkannt und empfunden wurde. 

Daraus, dass sich die Grundvorsteilung der Natur allm&hlich 
und unberechenbar wandelt, — dass die Kenntnis der Natur 
w&chst und die Menscben neuer Zeiten von den Dingen neu er<- 
fasster Wirklichkeit neu ergriffen werden, — dass die Sinne sich 
sch&rfen und die Erscheinungen anders bewerten, dass die 
Psychologic tiefer schurfen lemt, folgt, dass auch unser Begriff 
von kiinstlerischer Wahrheit und Schdnheit sich ftndert und die 

■Si ' 

Handhabung der kunsttechnischen Mittel sich regeneriert. Sine., 
Kunst, deren Ethos wir nicht mehr mitfiihlen, ist fiir tins ein- 
drucklos. Und immer, wenn das Feldgeschrei „ZurQck zur. 
Natur" ertdnt, hat sich jenes Ethos gewandelt, — hat sich das 
Auge der Zeit fiir die Dinge neu eingestellt. So fordert auch der 
moderne Naturalismus vom Kiinstler nichts anderes, als gerade 
nnsere Art der Natur anschauung durchzusetzen, u nser e n 
Mut vor der Realit&t zu beweisen, mag immerhin einer sp&teren 
Generation diese Erfassung und Wiedergabe der Natur wieder 
fremd werden, wie uns diejenige einer Vergangenheit. 

Wird der modische Terminus Naturalismus in diesem 
Sinne auf die kiinstlerische Kultur ahgewandt, so erscheint die 
heute oft ge&usserte Ansicht ganz ungereimt, dass er nur eine 
von einem Literatenkliingel ersonnene Theorie; umschliesse, 
— - dass er nur eine Schule, eine Richtung bezeichne, die ge- 
kommen ist und wieder geht. Ein neues Grundverh&ltnis zur 
Natuirwirklichkeit hat nichts mit Schule und Theorie zu tun, 
sondem ist Sache der Notwendigkeit, Schicksal eines Zeitalters 1 
Der Naturalismus ist wie auf andera Kulturgebieten So auch in 
der Kunst seinem Wesen nach unverlierbar; von Ueberwindung 
kann gar keine Rede sein, hdchstens von Wandlungen, die das 
typische Mittel seiner Technik, der Impressionismus, erfahren 
hat und noch erfdhrt. 

' Alle kiinstlerische Bet&tigung (mit Einsehluss der des Schau- 
spielers und T&nzers) hat dem Modemismus mit seiner Devise, 
von vom anzufangen, vom Elementaren wieder auszugehen, die 
Erstehung jungen Lebens zu danken. Im Kunstgewerbe gibt es 
eine „neue Linie“; in der Architektur die Anf&nge einer neuen 
RhythmisierUng der Flftche. Die Malerei beschenkt uns allent- 
halben mit „neu erkannter" Natur. Die Skulptur weiss dem* 
menschlichen Kdrper Bewegimgslinien abzugewinnen, die ein 
Ausdruck der typisdsen Lebenswerte gerade unserer Zeit sind 
und aus einem anderen naturalistischen Geiste stammen als die 
eines Phidias und Michelangelo. Die Tonkunst hat im Punkte 
der impressionistischen Technik mit der naturalistischen Idee 
engste Fdhlung genommen, und in der Dichtkunst ftussert ahh 



Naturalismus 




diese Idee ale eine neue Aufriehti gkeit , Unbefangenheit und Ehr- 
tfurcht vor alien Tatsachen des Lebens; als ein neuer Glaube an 
die Sinne, die dieses Leben beobachten, belauschen und betas ten; 
als Erschliessung unbekannter Seelengebiete; als Entdeckung 
der Poesie n&chstliegender Dinge, der Welt des Namenlosen; 
als Weiterentwicklung der iiberlieferten Kunstformen; als ge- 
steigerte Anschauli chke it und Farbigkeit des Wortausdrucks; 
als verdnderte Darstellungsweise ( Kristallisation suggestirer 
Einzeleindrucke zu Gesamteindriicken) . 

Die von Frankreich ausgehende naturalistische Bewegung 
in der Literatur bem&chtigte sich nacheinander der epischen, 
drkmatischen und lyrischen Gattung. Die photographisch treue 
Gegenstandsschilderung, in der man sich zun&chst gefiel, die 
blosse Kleinmalerei und subtile Analyse liessen freilich den 
Hauptcharakter der Stoffe nicht fiihlbar werden. Es kam nur 
zu einer minutiosen Zustandsdichtung, die es weder essentiell 
nodi formell zttr Synthese brachte. Dichtungen entstanden, 
denen es an Blick fur Haupt- und Nebenwer te , an Willen zur 
Reduktion aufs Notwendige, an Suggestivit&t gebrach, — Studien 
zu Dichtungen. Aber dann trat eine neue Generation auf, die die 
Kunst aus den Fesseln der Wissenschaft befreite, — die zur 
exakten, experimentellen Naturdarstellung das synthetische 
Element hinzubr achte , — die mit Hilfe der gewonnenen techni- 
schen Mittel nicht bloss die ftussere Form der Dinge, sondern 
auch die innere auszupr&gen unternahm. Nun kamen alle die 
Zu Worte, die sich die Wirklichkeit als Vision&re unterwerfen 
wollten, die idealistischen Poeten. Nun beseelten sich die oh* 
jektiven Imptessionen aus der Alltagsumwelt und die subjektiven 
aus der Innenwelt gesellten sich neu hinzu. Nun erst bescherte 
uns die naturalistische Bewegung vollgiiltige Kunstwerke in 
Drama, Epos und Lyrik. 



Ob ein Dichter heute Pathetiker oder Ironiker ist, ob erzarte 
oder robuste Stoffe gestaltet, ob er Grossstadtgeschichten oder 
M&rchen erz&hlt, ob er seine Vision einer Landschafts- oder 
Alltagsszene wiedergibt, ob er gesellschaftliche Probleme aufrollt 
oder von den verschwiegenen Tiefen der Ichgeheimnisse kiindet, 
*^— in jedem Falle muss er sich als ein Naturalist erweisen, — 
muss er mit seiner indivi due lien Sehweise innerhalb der typischen 
(gegen frUher ver&nderten) Naturanschauung unsrer Epoche 
stehen. (Begriffe wie Symbolismus, Mystizismus, Idealismus, 
Realismus, Romantizismus, StiHsmus and alle dem Begriff 
Naturalismus u n te r g eordaet; denn sie deuten nur die 
Art der Sensibilitftt, der inneren Disposition eines Kiinstlers an.) 
Und in der Tat siiid die Meister der heutigen Dichtkunst, mbgen 



Pxntomimiker 




ste sieh tttth In ibren AspiratiOnen unteremander so verschieden 
geb&rden wie etm Maler des Quattrocento und Cingue cento, alter 
gleichermassen erfiilh von Atm naturalistischen Geist noerat 
Zeitalters und unverkermbar geschieden von jenca zahlreichen 
Takmten, die von dieswn Zeitgeist wenig oder gar nicht bcriihrt 
sm4 und derm Erzeugnisse dem Gefete tiner vergangeneti 

Pokdt angehdfen. 



Pantomimiker 



(Schiller 



Wagner) 



x. SCHILLER 



Die Handhtngen dieses Dichters sind ah seiche praehtvolh 
weil wir Ste als gftnzUch unkonstruierte ansehen durfen ; als aus 
rich herausgescbteuderte. Ror haben sie etwas strriel: und 
zwSf das Wort. 

Bs ist dies ein sehr mteress&fltes Schanspiel, welches uns nur 
gewagt rorkommen dtirfte, weil wir es zum erstenmal spieleh 
woften : Schillers Dr amen als wortlos za betrachten. 

Seine Worter nebeneinandergestellt sind nicht eine Spfache ; 
sind nicht — ich spreche nur von semen Dr amen — > Schillers 
Sftfdcfce : dagegen wohl aber das Geriist, mit welchem er Seine 
Gestalten zusammenzuhalten suchte; und der Mechanismus, mit 
welchem er sein Inner es setbst in Bewegung setzte, um diesen 
Gestalten Handlungen tu erfinden. 

In Wirklichkeit ist also in Schillers Dramen der Text nur ein 
Hilfsmiftet, um auf die Handlungen selbst 2 U kommen : welches 
bei der sauberen Ausftihrung wegfallen mtlsste ; wie man die 
Konstruktionslinien einer geometfischen Zeiehnung, solange sie 
stdrende Hilfslinien sind, bei der sauberen Ausfiihrung wegradiert. 

Schiller hitte seine Dramen nicht schreiben konnen, wemt 
er nicht gleichzeitig den Text geschrieben h&tte : denn der Rhyth- 
mtfs desselben lag ihm im Gehirn : und setzte das Rad der Ef> 
findungsgabe in sausende Bewegung, je ttinender sieh die Worte 
in ihm drdngten : die dann die Handlung vor seinen Augen vor- 
hbergteiten Hessen ate einen Film. Was die Begriindung ist ftor 
die richtige Behauptung, dass der Schillersche Text meist so 
wenig mit der Handlung selbst zu tun hat ; sich vielmehr in Aus- 
sebweif ungen verliert: und dies, weil es dem Dichter weniger 
auf den Text selbst ankam, als auf seine melodischen Zuckungen. 
(Solches lftsst sich von alien Dichter n behaupten, die in Ekstaoe 
sehaffen: denn sie dichten als Musiker ; und nicht als Intellekte^ 

Bs ist also der Rhythmus der Schillerschen DTamenverse niir 
ein Hitfsmittel fiir den Autor : um die bestindige Aktivitftt det 






Pantomimiker 



Geschehnisse zu erreichen ; weshalb es ate solches nicht fiir uns 
in Betracht kommen sollte. Wir beobachten eine BeWegung : 
damn ist der Rhytbmus der Schillerschen Sprache der Stoss, der 
dnen Kdrper in Bewegung setzt und ihm mit der Bewegung 
gleichzeitig die Richtunggibt fur diese ; wobei wir uns unter dent 
Kdrper in diesem Falle eben den Komplex der Handlung vorzu- 
stellen haben. 

2. WAGNER 



Man wird die ricbtige Grdsse in ibm und in seinen Werken> 
efst linden: bis man ihn und. seine Werke ate Pantomimiker und 
Pantomimen erkennen wird.. 



Seine Personlichkeit zeigt. sich ate die eines Pantomimikers : 
in alien seinen Phrasen ; in alien seinen Briefen : in alien Hand* 

* * i ™ 

hmgen seines Lebens. 

Sein Werk zeigt sick ate Pantomime : in seiner herr lichen 




; in der unglaubliehen Plastik seiner Rhythmen. 



Wo er eine plastische Form nicht versinnbildlichen kann, da 
fehlt es ihm auch g&nzlich an E in fallen. Deswegen. ist der. 
Parsifal sein schw&chstes Werk : es hat zwei Ideen und im Rest 



Eintdnigkeit ; deswegen sind die Meistersmger sein grossartigstes : 

denn hier ist jeder T&kt in den Schmelzfluss der Musik starr- 



gegossen. 

Indem Wagner zum erstenmal die Motirwiederholungen in 
strengster Konsequenz durchfiihrt, zeigt er sich ate der grosse 
Pantomimiker : denn diese Motive sind nichts anderes als die in. 
die Musik eingestreuten Worte der Erkl&rung : wie man in jedem 
Drama von den Agierenden unausgesprochene, aber befolgte: 
also geformte S&tze finden wird. Das bedeutet, dass diese Motiv- 
wiederholungen horbar ausgesprochene Regiebemerkungen sind. 

Wir miissten Wagner untersch&tzen, wenn wir ihn als einen 
Dramatiker betrachten wollten : auch miissen wir vergessen, dass 
gerade er von einer gleichen Vollkommenheit in Text und Musik 
sfuach ; denn seine Texte wftren noch l&cherlicher ohne seine 
herrliche Musik; ebenso, wie diese noch herrlicher wire ohne 
seine lficherlichen Texte ; die uberdies auch noch unnotig sind. 
Denn durch die Ausgestaltung der Motive hat er in die Musik 
selbst Handlung gebracht : und diese ist noch gesteigert durch 
Wagners starke Empf&nglichkeit fflr Rhythmik; sie wirkt ohne 
den l&rmenden Text auf der Biihne spannender, interessierender. 
(Vielleicht, dass sich Wagners Talent heute, da wir die Kunst 
der Pantomime anzuerkennen beginnen, noch viel vollgestalteter 
entwickelt hdtte; denn es liegt in der Mimik, in den Grimassen, 
Gesten : in der Pantomimik sein^* Musik.) 

THEODOR TAGGER 



4 - 



Die Unterirdischen 



wirklich vom Staat angenommen werden diirfen. — An dem 
Dementi in den N. N. ist nur das rich tig, daB das Depot, in 

4 - * 

dem die Bilder jetzt sind, nicht unterirdisch, sonderh zu ebener 

r . “ ' 

Etde Uegt. A. 



4 * 



DIE UNTERIRDISCHEN 









Bin frOherer Redakteur der „GroBen Glocke", Herr Walter 
(jetzt Redakteur der Deutschen llontagszeitung) lifit deb too Herrn 
Rechtsanwalt Puppe „langjihrig« vertreten. 



Cs ergibt sich folgendes Bild : 



r r k 



I'd 



Puppe liber den 



an danten : 



Puppe an die „Aktion*‘, 

>6. Juli 1911 : 

4 

n^^Ahr ist} • # * d^8 

mein Mandant (Walter 
Steinthal) {QnfzigMark 
Geldstrafe erhielt.** 



' Puppe an den ,,Pan**, 5. Febr, 1913 ^ 

„Wahr ist, daB ichals Herrn Steintbab lang- 
jihriger einzigster Rechtsbeistand persdnlich die 
Erklirung abgebenkann, daBHerr Steinthal tiber- 
haupt nodi niemals, sei es wegen Beleidigung, sei 
es wegen eines anderen Deliktes, vorbestraft ist.* 4 



Zweites Doppelbild : 



Der Koilege i 



Die „GroBe Glotke** 
Ober Steinthal : 

,, . . . Walter Stein- 
thal, den frQheren Re- 
dakteur der „GroBen 

Glocke'*. ; . „dem Kol- 
. legen Steinthal 
, ,,bei uns Redakteur 
war* 1 . . . , ,seine Lehr- 
zeit bei uns** . . . „dafl 
dies* Lohre gut war. . .** 






Steinthal liber die „Grofle Glocke** : 



’ • + ■ w 

„Nicht den Enth 






, nicht den Entlarrer 



spielen, nicht die amtliche GroBe Glocfce von 

ja wohl der 



mwm 

1 1 t 1 j 



Binilm 



Berlin sein woUeh“. . . „So h . 

h 

terminus technicus derer um 
und Richard Dietrich . . . “ ... „Wo 

rund heraus gesagt, dieNIhe von Zeitungen wie 
die ,Wahrheit* erheblich fatal .{wittert**, .. . 




Rechtsanwalt Puppe plante f olgende 

Berichtigung : 

1. Es ist unwahr, daB Herr Steinthal infotge einer Titigkeit an dem 
von Ihnen genannten Berliner Blatt vorbestraft ist. Wahr ist, daB ich als 
Herts Steinthals langjihriger einzigster . . . (siehe oben). 

a. . Unwahr ist, daB Herr Steinthal versucht hat, irgendetaen Abschnitt 
seiner Berliner Titigkeit dutch Unwahrheiten wegzuleugnen. 



■06- 



Die Unterirdischea 



Wahr ist, daB Herr Steinthal vor etwa einem Jahre aut Anlafi e trier 
irrt&mlichen Angabe des Berliner Tageblattes die Redaction dieses Blattes 
gebeten hat, der Wahrheit gemfiB zu berichtigen, daB er nicht die Stellung 
eines Redakteurs der „GroBen Glocke“ bekleide. 

Ein kleiner 

Nachtrag: 

„Aktion“ vom 20. M&rz 1911: 

Nach der Beendigung des Prozesses hatte Herr Walter Steinthal den 
Einfall, dem „B. T.“, das den ProzeBberieht gebracht hatte, mitzuteilen, 
daB Walter Steinthal mit sich nicht identisch sei. 



Wir bitten, Mitteilungen und Beitrige nor: 

An die Redaktion, Berlin W. 10, Victoriastrasse 5, zu adressieren. 
Bei umiangreicheren Zusendungen ist vorherige Anfrage notwendig. 
Sprechstunde: An Werktagen, mit Ausnahme des Montags, t — 3 Ubr, 
Berlin W., Victoriastrasse 5. 



Verantwortlich fflr die Redaktion: Albert Damm, Berlin-Wibnersdorf. 
Gedruckt bei Imberg ft Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. 








Kdniglich Bayrische Komodie 407 



Koniglich Bayrische Komodie 

Bin optimistischer Freund sah die Zukunft Bayems so : es be- 
kommt ringsherum Mauem und wird gegen Entrde den Fremden 
gezeigt ; die Eingeborenen fiihren das Schuhplatteln, Biertrinken, 
Schmalzlerschnupfen , Bal par 6, die deutsche Kunst, Reform- 
theater und Oberammergau vor ; aUe fiinf Minuten singt Gross 
und Klein das Nationallied mit dem Refrain ,,Saupreiss“ ; 
Schenkkellner demonstrieren das Messerstechen. 

Braucht man eine Mauer ? Sie ist ja da. Die Zukunft ? Sie ist 
ja Gegenwart. Man braucht nur neue Nummern, die nicht aus 
dem bestens erprobten Programm fallen. Wir haben eine solche 
neue Nummer : ein ultramontanes Ministerium, akkompagniert 
▼on der Kastagnettenmusik des angstschlottemden bayerischen 
Liberalismus, der sich zu einem Kampf bis auf das im Griff fest- 
stehende Messer durch gegenseitigen Zuruf vorbereitet. Die 
Miinchener Neuesten Nachrichten trieften von Blutriinstigkeit am 
Tage der Ernennung — am dritten Tage stellte es sich auch den 
paar Glaubigen her aus, dass das Blut nur Tinte war wie immer : 
man erkl&r te , dass man scharf aufpassen miisse. Das ist unge- 
fihrlicher als mit einer Pistole spielen, selbst wenn diese nicht 
geladen ist. Es ist das Programm und das Schicksal des Libe- 
ralismus, dass er immer genau weiss, er kann mit der rechten 
Hand nicht halten was er mit der linken versprochen hat (er gibt 
immer mit der Linken seinen Handschlag). Der Liberalismus 
ist die fatale Situation zwischen zwei Stiihlen in Permanenz. 
Da sitzt er und erklftrt emphatisch : hier ist mein Platz. Der 
Liberalismus muss schwankend sein wie die Borsenkurse. Er 
lebt von Protesten, die ihn zerschmettern, wenn sie aus der 
Phrase zur Tat wiirden. Das weiss er. Darum hat er kein Inter- 
esse an der Tat 

In Bayern hat das, wie alles andere,noch seine besondere FSrbung. 
Bayern versteift sich auf seine Sonderrechtsbarkeit imReiche, und 
fuhrte sie auch zu nichts mehr als dem Unsinn der besonderen 
Brief marken, die ein Hoheitsrecht der Krone sind, das wir bei den 
schlechtenZeiten, welcheHoheitsrechte haben, demHauseWittels- 
bach'gerne gonnen. Wir sind keine Unmenschen. Bayern hat 
aber auch noch ein anderes Reservatrecht und das ist das Recht, 
alles, was an noch so stumpfsinnigen heimischen Einrichtungen, 
Brauchen, Sitten riihrt fur „preussisch“ zu erklaren und damit 
unpopular zu machen. Politische Minoritaten fiihren Zust&nde, 



29 



4 



Koniglich Bavrische Komodie 




die sie durch ihre Dummheit verursacht haben, auf „preussischen 
Einfluss“ zuriick, um fiir ihre Dummheit einVersteck zu gewinnen 
und ihre kleine Popularit&t zu erhalten. „Saupreiss“ ist die grosse 
Ausrede der bayrischen Indolenz. Einem Druck von Preussen 
nachgebend, habe der Prinzregent, dem ,,Preussen“ die rote Flut 
recht lebhaft gemalt habe, ein ultramontanes Ministerium ernannt: 
so erzahlte man herum, ungeachtet der gleichzeitigen kaiserlichen 
Thronrede, die voller Haltung nicht die geringste Nervosit&t vor 
diesem roten Reichstage zeigte. 

Was geschah denn eigentlich? Ein, wenn auch nicht dem 
Titel nach, so doch in seinen Taten durchaus dem Zentrum 
ergebenes Ministerium musste gehen. Podewils war ganz nach 
Sinn und Geschmack des Regenten gewesen, der fromm ist ohne 
ultramontane E xtravaganz , landesv&terlich ohne irgend politische 
Voreingenommenheit : ein feiner, lieber, alter Herr, ein Gentle- 
man alten guten Schlages, dem ein ebensolcher Gentleman als 
Ministerprdsident durchaus passte. Denn Podewils ist ein liebens- 
wurdiger Weltmann, ein etwas irenischer Zuschauer und ganz 
ohne Illusionen fiber politische Dinge und Figuren, die er gar nicht 
so emst nimmt wie diese sich selber. Menschen solcher Art 
werden in der Politik immer seltener, denn auch sie mechanisiert 
sich, schafft sich Beamte, die nichts weiter sind als Teile einer 
Maschinerie und ohne personlichen Charakter. Der ungeduldig 
wartende Thronfolger ist voller Tatendrang. Prinz Ludwig ist 
fast siebenzig Jahre alt und wird nervos. Nicht schwer, dem uber 
neunzig alten Prinzregenten zu beweisen, dass er die Zeit nicht 
verstehe, die zu verstehen einer nicht die geringste Lust mehr ver- 
spurt, der so alt ist. Also kam der Abschied : „Mein lieber Pode- 
wils, Sie sind mir zu gut fiir das, was man die Politik in Bayern 
nennt, ich habe in meiner Hof haltung was viel Schoneres fur Sie.“ 
Und der Thronfolger erfiillte eine demokratische Forderung : er 
emannte (konform seinen persdnlichen Wiinschen) ein Mini- 
sterium aus der parlamentarischen Majorit&t, die zufallig ultra- 
montan ist. Das war „ein Faustschlag ins Gesicht der Bevolke- 
rung“, wie die liberalen Blotter im Boxers til sagen. 

Es ist eine Kraftprobe, deren endlichen Eintritt man gutheissen 
kann, wenn sie auch gerade jetzt etwas provokant aussieht. Bisher 
herrschte in Bayern das Zentrum hinten herum, im Dunkeln ge- 
wissermassen. Jetzt steht es im vollen Licht. Ist verantwortlich zu 
machen. Ist verantwortlich. Was kann erwunschter sein ? Gewiss ! 
Die Erfiillung der demokratischen Forderung eines parlamen- 
tarischen Ministeriums nahm eine Voraussetzung als erfiillt an, 
die es nicht ist, n&mlich eine demokratische Verfassung. Das 
Zentrum hat die parlamentarische Majoritat, aber nicht die der 



Koniglich Bayrische Komodie 






Wahler. Die Einteilung der Wahlkreise begiinstigt das Land, 
benachteiligt die St&dte. Aber die Liberalen haben zur Aenderung 
der Wahlkreiseinteilung und des Abstimmungsmodus nie mehr 
getan als beides programmatisch zu fordern. War eine Moglichkeit, 
diese Forderung zu verwirklichen, so fanden sie immer Vorw&nde, 
nichts dafur zu tun. 

Schon Bethmann Hollweg ist ein verkappter Gelehrter, ein 
Amateur-Philosoph. Jetzt haben wir einen richtigen Philosophies 
professor als bayrischen Staatsleiter und das auf die Bildung 
versessene Biirgertum kbnnte stolz sein. Aber es ist bds, weil 
Herr von Hertling, dieser kleine kluge Herr mit den Augen, 
die einen nicht anschauen konnen, ein katholischer Professor ist 
und die Herren seines Ministeriums bis auf einen Renommier- 
protestanten, ebenfalls ultramontane Herren sind. Diese ultra- 
montane Regierung ist eine Kraftprobe, nicht fiir die Liberalen, die 
mit ihrer Kraft nicht renommieren sollen, sondern fiir das 
Zentrum. Das Zentrum muss zeigen, was es kann. Endlich 
einmal dffentlich zeigen, vor aller Augen, der Kritik ausgeliefert, 
die sich auf Fakten stutzen kann, alien zug&nglich imd sichtbar, 
nicht zum Abstreiten und nicht zumVerdrehen wie bisher, wo alles 
hinter den Kulissen gemacht wurde und es vor den Kulissen nicht 
gewesen sein woUte, wie der Prozess Auer beweist. 

Also nur hereinspaziert ins schdne Bayerland, verehrte 
Freunde und Saupreussen, hier ist zu sehen ausser den alt- 
bewahrten Attraktionen was ganz Neues : ein ul tramontanes 
Ministerium und die kochende liberate Volksseele. Hotels up to 
date. Messerstechen der biederen Landbewohner, neu ein- 
studiert von Reinhardt. Schmalzlerwettschnupfen der Pfarrer bei 
Kati Kobus. Hausgemachte Malerei yon Scholle und Cie. 

BONNIE. 



29 * 











Bin jungfranzdsticher Roman 




Ein jungfranzosischer Roman 

Von G. LE CARDONNEL 

Neulich hat mir jemand meine Gleichgti ltigkeit gegen die 
modemsten Richtungen vorgeworfen*). Ich glaube nun wirklich 
nicht, den Kultus der Mode vor alien — acfa, nur zu meist 
provisorischen — Heiligttimem treiben zu mtisSen, und ich 

erwarte von der Zukunft die Antwort, ob ich Recht habe. Ich 
gestehe, daB ich mich am Uebsten an die Schriftsteller halte, 
deren Talent, deren Stfirke ich anerkennen mufi. Im ubrigen 
ktlmmere ich mich nicht um ihr persfinliches Wollen, noch um 
ihr Klagen, noch um ihre Freunde, noch um ihre Feinde. Ihr 
Werk allein interessiert mich, um der Kunst willen , die ich 
darin entdecke, oder wegen ihres Mangels an Kunst, den ich 
beklage. 

Unter diesen provisorischen Heiligttimem unterscheide ichdrei, 
die ihre treuen Anh&nger haben. Das erste ist das des Paul 
Claudel, aber Paul Claudel schreibt keine Romane, und ich 
mochte hier nur von Romanen sprechen. Das zweite — das 
von Andrd Gide; vor dem neigen sich emste und gewichtige 
junge Leute und junge Frauen, die sich ftir reine Zerebr&l- 
menschen halten. Das ist eine hugenottische, kahle und 
ntichteme Kapelle, dieses Heiligtum; doch l&uft wohl auch die 
eine Oder andere htibsche intellektuelle Abwechselung mit unter. 
Ich hoffe davon noch einmal mehr zu erzahlen. Und schliefi- 
lich haben wir das Heiligtum Romain Rolland. Hier treibt 
man Laienkult; die hochgestimmte Seele seufzt ohne UnterlaB 
tiber die Traurigkeiten der Zeit. Und manchmal wird sogar 
auch die Orgel gespielt. 

Romain Rolland verdf fentlicht eben ein neues Buch : , ,Der 
brennende Busch' Es ist der neunte Teil seiner Romanserie 
von Jean Christophe, die im ganzen zehn z&hlen soil. Man 
kann also wohl schon dem Gesamtwerk ins Gesicht sehen. 
Dieses ist eigentlich gar kein Roman, und doch tut es so. Es 
ist kein Essay, und doch n&hert es sich dem. Es ist auch 
nicht Reportage, und manchmal bertihrt es sich doch damit. 
Es ist nicht Poesie und hat doch lyrische Seiten. Ich kenne 
kein Werk, das nach alien Richtungen repr&sentativer wfire 
ftir die Unordnung der Geister, die in Frankreich zwanzig 



•) Der Verfasser ist Kritiker der Zeitschrift „Les Marges^. 




Bin jungfranzdsiscber Roman 




411 



Jahre lang geherrscht hat, und die wir noch nicht ganz iiber- 
wunden haben. Begreiflich, daB ein solches Buch enthusiastische 
Freunde unter den zahlreichen Nichtfranzosen findet; die be- 
teuem gem ihre Bewunderung vor jedem Werk der franzosischen 
Sprache, das die Fehler ihrer eigen en Schriftsteller hat und 
die Vorziige jener franzosischen Kultur vermissen l&Bt, die wir 
▼erlangen. Nicht nur fiir die Periode der Zerriittung des 
franzosischen Geistes ist dieses Werk mit seiner ungeordneten 
Folge von Banden charakteristisch ; es spiegelt die Zerriittung 
des ganzen franzosischen Vaterlandes. Es ist ein Dokument. 
Es erz&hlt den Inhalt des Schauspiels vom Tage. Alle diese 
Unterhaltungen iiber Antisemi tismus und die Rolle der Juden, 
liber Pauperismus, Pazifismus, iiber Kunst, iiber Strebereien, 
uber Liebe, iiber die Frau, iiber die Anarchie, iiber die Moderne, 
wir haben sie gehdrt. Wir haben uns an ihnen sogar be- 
teiligt. Diese Fragen werden hier so behandelt, wie sie vor 
einigen Jahren in den Kreisen behandelt wurden, die sich als 
die Intellektuellen gefielen. Es ist gar nicht erstaunlich, daB 
eine groBe Anzahl von Geistem sich hier wiedererkennt und 
diesem Buch, in dem ihre eigenen Gedanken noch nachzittem, 
Interesse und auch Beifall schenkt. 

Jean Christophe ist ein zugewanderter Deutscher, und er 
taucht hier auf , gleichwie in der Rolle eines Compare, wie in einer 
, .intellektuellen* ‘ Revue. Er verlafit Frankreich, nachdem er bei 
einem Aufruhr einen Polizisten getotet hat, als einer jener 
guten Fremden, die sich in die Biirgerkriege auf unseren 
StraBen mis c hen, ohne daB die sie etwas angehen, und er 
ftftchtet zu seinem Freunde Braun iiber die deutsche Grenze. 
Hier gerSt er in ein protestantisches und tristes Milieu, in dem 
es auch Brauns Frau, Anna, nicht eben zu gefallen scheint. 
Anna ist eine phantastische Person, geschaffen fiir amoureuse 
Liebesleidenschaften, aufierdem eine Frau, die sich langweilt, und 
so sucht sie bald Zerstreuung in Christophes Gesellschaft. Der 
freilich, eine schone Seele, empfindet ein Widerstreben, seinen 
Freund zu betriigen , bei dem er zu Gast weilt. Am Ende aber 
entschlieBt er sich dazu. Anna und Christophe ftihlen sich einer 
zum andern gedr&ngt, wie man erraten kann, durch unwider- 
stehliche und dunkle Mdchte. Das ist der brennende Busch. 
Es gibt hier in der Tat ergreifende Stellen, voll von einer 
lyrischen Psychologie. In triiben Stunden hat Christophe An- 
wandlungen, Braun alles zu gestehen. Er wird nur zuriick- 
gehalten durch die Angst, ihm Schmerzen zu bereiten, eine 
sicher sehr berechtigte Angst. Anna, die bis an das Letzte ihrer 
Leidenschaft geht, denkt zuerst einen Moment daran, ihren 



Ein jungfranzosischer Roman 




Mann zu toten , dann an einen Selbstmord zusammen mit 
Christophe ; dazu entschlieflen sie sich auch, aber es miBlingt. 
Anna wird krank, und Christophe flieht. Anna wird schliefilich 
wieder gl&ubig, fromm. Und nun ein entscheidender Moment 
im Leben Christophes: wo sein Schmerz einen Gott sucht, 
an den sein Verstand nicht glaubt. Eines Tages, auf einem 
seiner Spaziergdnge , sieht sich Christophe einem Menschen 
gegeniiber „mit blassen Augen, mit dickem und gelbem Ge- 
sicht, der zusammengesunken auf einer Bank sitzt unter zwei 
Pappeln und vor sich hinblickt. Ein zweiter Mann sitzt neben 
ihm und die beiden schweigen.“ Christophe erkennt in dem 
Mann mit den hellen Augen einen deutschen Dichter, jetzt 
Pensioner einer benachbarten Heilanstalt. ,,Einstmals ein 
Mann voll Kraft, voll Selbstsicherheit, voll Verachtung vor 
allem, was nicht sein Werk war, ein Romancier, dessen 
realistische und sinnliche Kunst liber die Mittelm&Bigkeit der 
Tagesliteratur weit hinausragte.“ „Christophe verabscheute ihn 
eigentlich und konnte sich doch nicht enthalten, die Voll- 
kommenheit seiner mater ie lien, klaren und in sich beschrSnkten 
Kunst zu bewundem. (< 

„Es hat ihn gepackt, jetzt gerade vor einem Jahr“, sagt der 
WcLrter. „Man hat ihn gepflegt, man hat ihn als geheilt ent- 
lassen. Und dann, dann hat es ihn wieder gepackt. An einem 
Abend hat er sich aus dem Fens ter gestiirzt. In der ersten 
Zeit, wie er hier war, da kampfte er und schrie er. Jetzt ist 
er ruhig. So verbringt er seine Tage, wie Sie ihn sehen, still 
dasitzend.“ 

Und da Christophe den Kranken fragt: ,,Wonach schauen 
Sie aus ?“, sagt dieser unbeweglich, halblaut: 

„Ich warte.“ 

„Worauf ?“ 

„Auf die Wieder auf erstehung. ‘ ‘ 

Christophe erzitterte. Er stiirzte da von. Das Wort hatte 
ihn getroffen wie ein Blitzschlag. 

Von diesem Augenblick an kommt fiber Christophe eine 
Art Erleuchtung; er fiihlt die Heimsuchung Gottes, er macht 
uns zum Zeugen seiner Gespr&che mit Gott. Aber wer ist der 
Gott, der diese vom Nichts umlauerte Seele gewinnt? Hdren 
wir den Dichter selbst: 

„Gott war fiir ihn nicht der verborgene Schopfer, nicht 
der Nero, der vom Gipfel seines ehernen Turmes die brennende 
Stadt betrachtet, die er selbst angesteckt hat. Gott war 
Kampfer, Gott litt, ein Genosse aller derer, die kampfen und 
die leiden, denn er war das Leben selbst und war der Tropfen 



1 ... -Li i — .. 

Ein jungfranzosischer Roman 413 



Licht, der in das Dunkel fallt, der sich ausdehnt, ausbreitet, 
der die Nacht tr&nkt. Aber die Nacht ist ohne Ende, und so 
ist auch der gottliche Kampf grenzenlos, und niemand kann 
wissen, was sein Ausgang sein wird. Eine heroische Sinfonie, 
in der auch die Dissonanzen, die sich stoBen und dr&ngen, ein 
erhabenes Konzert sind! Wie der Buchenwald, der in seiner 
dunklen Stille von furchtbaren Kdmpfen voll ist, so ist das 
Leb&n mitten im ewigen Frieden voll von Kampf." 

Ein Gott also, wie man sieht, sehr weltlich, sehr vage . . . 
Das Leben selbst . . . 

Dank dieser mystischen Erhebung fdngt Jean Christophe 
wieder an, zu schaffen, aber nun ganz anders als vorher : 

„Friiher, da er sich schon auf der Hohe seines Lebens und 
seiner Kunst wahnte — und er war doch erst auf dem Gipfel 
eines seiner Leben und einer seiner Inkarnationen in der 
Kunst — da war seine Sprache die Sprache, die dem Denken 
vorausgeht, da unterwarf sich sein Empfinden ohne Wider- 
streben einer Art Logik, die yon vomherein feststand, die ihm 
seine Phrasen zufliisterte und der er gelehrig, auf gebahnten 
Wegen, an jenes Ziel folgte, wo das Publikum ihn erwartete. 
Jetzt gab es keinen solchen Weg mehr. Jetzt mufite er ihn 
sich selbst bahnen. Jetzt muBte der V erstand einfach folgen. 
Seine Rolle war es nicht mehr, die Leidenschaft zu beschreiben 
oder zu zerlegen. Er mufite selber mit ihr eins werden, er 
mufite sich selbst ihren Gesetzen unterwerfen." 

„Nun fielen auch mit einem Schlage die Widerspriiche, mit 
denen Christophe sich lange herumschlug, ohne sich mit ihnen 
abfinden zu wo lien, denn obwohl er ein reiner Kunstler war, 
hatte er in seine Kunst doch oft Dinge vermischt, die ihr 
fremd waren; eine soziale Aufgabe hatte er ihr zugeteilt, und 
er hatte nicht gemerkt, dafi in ihm zwei Menschen waren: der 
Kunstler, der sein Werk schuf, ohne sich um seine unmittelbare 
Wirkung zu kUmmern, und der handelnde und denkende Mensch, 
der seineKunst zu etwasMoralischem und Sozialem machen wollte. 
Sie standen sich oft im Wege und machten sich Schwierig- 
keiten. Nun, da ihn die reine Schopferidee ergriffen hatte mit 
ihrer Gesetzm&fiigkeit, ihrer organischen Kraft, eine Realit&t, 
die jeder anderen Realitat iiberlegen ist, stand er nicht mehr 
im Dienst irgendeines praktischen Bedenkens. Er gab freilich 
nichts auf von seinem Widerwillen gegen den niedrigen und h&B- 
lichen Immoralismus der Zeit. Er dachte freilich immer noch, 
dafi eine unreine und ungesunde Kunst die niedrigste Stufe der 
Kunst sei, dafi sie nur eine Krankheit sei, ein F&ulnispilz an 
einem toten Baumstumpf. Aber wenn die Vergniigungskunst 




Ein jungfranzosischer Roman 









nur eine Prostitution der Kunst ist, so wollte Christophe doch 
auch nicht jenen kurzsichtigen Nutzlichkeitssinn, der die Kunst 
nur fur die Moral und den Pegasus nur als fiiigellosen Karren- 
gaul gelten l&fit. Die Kunst, die die hochste ist, die allein 
diesen Namen verdient, steht uber den Gesetzen eines Tages. 
Sie ist ein Komet, geschleudert durch die Unendlichkeit. Es 
kann sein, daB sie Nutzen stiftet, und es kann auch sein, daft 
sie nutzlos und gef&hrlich erscheint im praktischen Getriebe. 
Aber sie ist die Kraft, sie ist die Bewegung und das Feuer. 
Sie ist der Blitz, der aus dem Himmel springt. Und deshalb 
allein ist sie auch heiUg und wohltfitig.“ 

Ich habe diese lange Stelle zitiert, weil sie nicht nur diesen 
einen Jean Christophe, sondem auch viele seiner Zeitgenossen 
mit alien ihren Fehlem und alien Vorzilgen kennzeichnet. In 
diesem ganzen Werk herrscht das Dunkel. Betrachtet man 
diesen Relden, der nach seiner schmerzlichen JLiebeskrise von 
Gott spricht, so glaubt man irgendeine tragische und reine 
menschliche Bekehrung mitzumachen . Romain Rolland trifft 
einen Augenblick diese Saite. Nur der Ton, der uns dabei er- 
greifen kdnnte, fehlt freilich. Nur uber das Liter arische kommt 
man dabei, ffir mein Empfinden wenigstens, nicht hinaus. 
Welch ein Irrtum von Christophe, zu glauben, daB er ein 
lebendiges Werk schaffen werde, wenn sein Verstand sich der 
Leidenschaft unterwirft! Als ob in der Kunst der Geist nicht 
ebensoviel zu sagen h&tte wie das Gefiihl. Dieser Cristophe, 
scheint mir, ist zu deutsch. 

Rolland hat es selbst einmal ausgesprochen, was ich oben 
meinerseits andeutete, daB er keine Romane schreibt. Romane 
sind seine Bucher nicht. Es sind Werke eines t&tigen Menschen, 
der — um seine Meinung zu sagen — die Tribiine nimmt, die 
ihm gef&llt. Man kdnnte sagen, daB die kiinstlerische Wirmis 
darin ihr Recht habe, da sie die Verworrenheit ihrer Zeit ab- 
spiegelt. Aber ich konnte freilich darauf erwidem, daB es das 
Franzdsische in der Kunst sei, auch die schlimmste Verwirrung 
nach MaB und Ordnung zu gestalten. 




Europ&er vor viertausend Jahren 



4X5 



Europaer vor viertausend Jahren 

Von EMIL WALDMANN (Athen) 

Am Nordrande der Insel Kreta, eine Stunde vom Meer ent- 
femt, liegen am Hiigelabbang in einem Bachtal, die Rumen des 
Kdnigspalastes von Knossos, dort, wo der sagenhafte K6nig 
Minos wohnte. Was an ihm eigentlich noch Sage ist, was 
Historie, das lisst sich schwer feststellen. Dass er eine See- 
herrschaft bis Asien und Agypten und Griecbenland ausiibte, 
dass er von Attika Gefangene heimbrachte und sie dem stier- 
gehomten Gott opferte, dass sein Palast ein Labyrinth war mit 
endlosen schmalen Gangen, aus denen man sich nicht herausfindet 
— dies ist alles so gut wie sicher. Jedenfalls konnen wir uns ein 
anschaulichesBildvon der fiusseren Kultur dieser Sagenzeit machen 
als von manchen sogenannt historischen Epochen. Wie Perikles 
lebte , so als Mensch und (erster) Burger, das ahnen wir nur 
eben halbwegs; unser Bild von ihm entbehrt der Farbe. Wir 
mochten wissen, wie es um ihn herum aussah, wenn er einmal 
nicht auf der Akropolis, zwischen alle den auf sein Geheiss 
errichteten Bauten einherging; doch so gut wir das ewige Teil 
dieses Menschen kennen, Oder zu kermen meinen, — sein gegen- 
wdrtiges und allt&gliches ist uns verschlossen. Aber der Mann 

a 

da in Kreta vor rund viertausend Jahren, ob er nun Minos 
hiess und was es mit seinem Architekten Dadalos auch auf 
sich haben mag, von dem erz&hlen uns die Ruinen mit ihren 
Funden, eine Menge fast greifbarer Dinge. 

Auf einem runden Htigel, an seinem Abhang, liegt ein grosser 
quadratischer Palastblock, 120 Meter breit. Das Zentrum der 
weitldufigen Anlage bildet ein etwa 70 Meter langer rechteckiger 
Hof, auf alien Seiten von Gebauden umgeben, links, im Westen, 
zweigeschossig, rechts, auf der stark abfallenden Hiigelseite, 
viergeschossig, so dass zwei Etagen fiber dem Hofniveau liegen, 
die anderen zwei den Abhang hinuntersteigen. Wer vom Zentral- 
hof auf dieser Seite ins „Parterre*‘ ging, befand sich also tatsdch- 
lich im dritten Stock des Geb&udes. Links, im Westen, waren 



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J 



4x6 Europaer vor viertausend Jahren 



< nun die Hauptwohnr aume , der Baderaum des Kdnigs, und, 
in der Erde, nach alien Richtungen orientiert, die endlosen 
Vorratskammern, die Keller mit den riesigen Tongefdssen und 
den bleigedichteten Steinkisten, die Tresors und die Magazine, 
ein undurchdringliches Gewirr schmaler R&ume, Gange und 
Korridore. Rechts vom Hof, in dem Vieretagenhaus, unten die 
Reprdsentationssale mit Vorhdfen und Vorzimmern, von Saulen- 
stellungen auf alien Seiten umgeben, eine zweite Wohnungs- 
anlage und eine Hauskapelle mit Altar. Dann durch einen 
Korridor von diesem Teil getrennt, wieder Wirtschaftsr&ume, 
eine Olpresse mit einer lan gen, in ein Reservoir fuhrenden Leitung 
und vielleicht auch die Gesinde wohnungen . Zugfinge hatte das 
Schloss zwei: Einen im Nordwesten gelegenen, offiziellen, mit 
einer grossen Preitreppe, auf die von aussen ein langer gepflasterter 
Gang zufiihrte, und mit mehreren S&ulenhallen dahinter. Dann 
einen einfacheren an der Siidwestecke. Der fiihrte erst an der 
einen Aussenmauer entlang, bog an der Ecke um und miindete 
in einen kleinen Portalbau. 

Hier lebte nun dieser Konig in grossem Luxus. Das Bau- 
material war glanzender Alabaster, er nahm es als Pflaster fur 
den riesigen Hof, und auch sonst fiir die Fussboden, fiir Treppen 
und Schwellen. Ja, auch fiir den Sockel und die Quadem der 
Wande nahm er denselben Stein bis etwa Mannshohe. Dariiber 
war Fachwerk mit Stuck verkleidet und mit Fresken geschmiickt. 
Die Dec ken, die nach oben sich verbreitemden Saulen und Pfeiler 
fiir Dach und Treppen waren aus Holz, ebenso wie die in mehreren 
Geschossen iibereinanderliegenden Galerien, die auf alien Seiten 
die Hofe umzogen; auf die trat man aus den Zimmern heraus 
und schaute in den Hof hinab, wenn da unten bei dem grossen 
homergeschmiickten Altarbau ein religioses Fest und ein Opfer 
war, vielleicht ein Menschenopfer. Da wogte auf den Alabaster- 
platten eine dichte Menge auf und ab, eine Masse eleganter Weiber 
dabei, die schwatzten und gestikulierten — ein Miniatur-Fresko- 
gemalde gibt uns eine Vorstellung davon. 

Fiir grosse Zeremonien und Hoffestlichkeiten war alles vor- 
gesehen. Schon die Anlage des Schlosses weist darauf hin. Den 
Hauptzugang bildete, wie gesagt, ein langer gepflasterter Weg. 



Europ&er vor viertausend Jahren 



4*7 



Da kaxnen die Gesandtscbaften in feierlichem Schritt heran- 
gezogen , dem Konige ihre Geschenke zu bringen, Gef&sse a us 
kostbaren Steinen — jetzt stehen sie im Museum im nahen 
Candia zu Haufen herum. — Empfangen wurden die Fremden 
auf der grossen rechtwinklig gebrochenen Freitreppe, die in der 
If She der Portale liegt, und fiber der an der einen Seite eine 
gedeckte Loge ist. Dort zeigte der Konig sich, feierlich von den 
Herolden begleitet, die Straussenfederschmuck im Haar und 
lange, elfenbeinerne St5.be in den HSnden trugen — so wie ein 
Fresko, das noch erhalten ist, sie abbildet, schlanke sehnige 
Gestalten von dunkler Hautfarbe mit blitzenden Augen. Man 
hat darum gestritten, was diese Freitreppe sei, man h51t sie fiir 
ein Amphitheater mit ihren niedrigen Sitzstufen. Aber das ist 
sie nicht, da sie doch nicht kreisformig , sondera rechtwinklig 
gebrochen ist, und da doch ein langer Weg darauf zufuhrt. Auch 
ist ganz dicht dabei ein Bad. Das war damals immer am Haupt- 
eingang, auch in kleineren Palasten : der Fremde, der kam, 
wurde zun&chst einmal gebadet, ehe man ihn zum Herrscher liess. 

* * 

* 

Wenn der Herrscher badete, das war eine Zeremonie, ihnlich 
wie das Lever der franzosischen Konige. Im Erdgeschoss seiner 
Wohnung liegt sein Badegemach, zwei miteinander verbundene 
Zimmer. Das kleinere, mit Alabaster ausgekleidete, zu dem 
ein paar Stufen abw&rts fuhren , diente als eigentlicher Baderaum, 
dort standen die tonemen Wannen, wie sie im Palast gefunden 
wurden; das grossere, durch Sfiulen davon getrennt, als Ruhesaal. 
An seinen W&nden laufen steinerne SitzbSnke entlang, in der 
Mitte der Hauptwand steht ein steinerner Sessel mit blattformig 
ausgeschnittener Lehne und fiir die Glut&en vertieften Sitzflache, 
an der Wand dahinter flankiert von zwei wappenmassig einander 
zugekehrten gemalten Greifen. Dort ruhte der Konig, nackt 
Oder fast nackt nach dem Bade, und auf den Steinb&nken sassen 
die Hofleute. Hier ward geplaudert, hier war der Fiirst gnadig, 
in der Kiihle nach dem Bade, die so wohltut in der afrikanischen 
Sonne Kretas. Man hat diesen Raum den Thronsaal genannt, 
wegen des alleinstehenden Sessels. Aber davon kann wohl keine 




Europ&er vor viertauaend Jahren 




Rede sein bei diesem ziemlich niedrigen, gebundenen, kaum 
offenen Gemach. Wenn er thronte, brauchte er keinen Bade- 
sessel mit vertieften Flfichen (die damals nur Sinn haben bei 
dem unbekleideten Korper) , sondem er hatte, wie es sich gehbrte, 
einen Thron aus Elfenbein und Gold mit Fellen und Kisaen 
belegt, und er war auch nicht nackt; eine Zivilisation, die so 
unerhort prachtige gewebte und gestickte bunte Gew&nder 
besass wie die Wandgem&lde sie uns zeigen, die ldsst ihren Konig 
nicht nackt gehen, stehen Oder sitzen. Als ob ein Menelik je 
halbnackt auf seinem Thron gesessen h&ttel 

Zudem befindet sich ja der grosse Reprasentationssaal in 
dem anderen Gebaudekomplex , am Hiigelabhang, im luitersten 
Stock des Vieretagenhauses. Ein Lichthof mit Tier hintereinander- 
liegenden, durch S&ulen und Pfeiler getrennten und auf zwei 
freien Seiten auch von Sfiulenh alien umgebenen R&umen, halb 
unter freiem Himmel, mit weitem offenen Blick fiber das Bachtal 
imd auf die Htigel jenseits. Dieser Raum, auf drei Seiten von 
Treppenanlagen umgeben, charakterisiert sich schon im Grundriss 
als der Mittelpunkt der ganzen Anlage. Ein Luxusraum mit 
grosser Platzverschwendung hergerichtet und „praktisch“ nicht 
zu gebrauchen — das redet deutlich von dem stark zeremoniellen 
Charakter dieser Hofhaltung. 

Die ganze bunte morgenlandische Sinnenfreude dieses Lebens 
leuchtet uns aus den vielen Dingen entgegen, kostbaren wie 
wertlosen, die in dem Palast gef unden sind. Grosse Skulptur 

i 

fehlt fast vollstandig, dagegen blfiht das „Kunstgewerbe 4 * in 
alien nur denkbaren Zweigen. Die merkwurdigen Steingef&sse, 
meist trichter- und kannenformig, grau und blau marmoriert, 
oder gefarbt wie Strausseneier mit rosa Adern, wetteifern an 
Schonheit der Arbeit mit Trinkgefdssen in Tierform, einem 
prachtvollen Stierkopf aus dunklem bronzefarbigen Stein und 
dem einer elfenbeinfarbenen Lowin. Aus bunter Fayence sind 
kleine Relief gruppen von Tieren, Genrebilder einer Kuh mit 
Kalb, einer Ziege mit Zicklein; femer kleine HSuser als Spielzeug; 
dann die beriihmten Statuetten von Frauen mit Schlangen, 
sowie fliegende Fische. Ein Prunkstiick war das Brettspiel des 
Kdnigs, aus bemaltem Stuck, verziert mit Elfenbeinintarsia, 



Europ&er vor viertausend Jahren 4x9 



Pl&ttchen aus Kristall auf Silberfolie, Goldstreifen und Einlagen 
Ton far bigem Email. Dann das Schonste: die Fresken, mit denen 
die Wande verziert waren, Genrebilder in dgyptischer Art, eine 
Scene, wie eine graugelbe Katze einen roten Vogel in dem Griin 
der Biische beschleicht, Oder Darstellungen der Feste und Zere- 
monien. Einmal sehen wir eine pompos angezogene tanzende 
Frau mit unendlich vielen Gew&ndem in weiss, rot und blau, 
fiber lebensgross , dann Greifen, am Fluss im Riedgras liegend 
und gef&sstragende Jfinglinge aus einerProzession,grossdekorative 
Arbeiten in hellen Farben aus Korridoren und Hdfen. Dann wohl 
aus intimeren Gem&chem kleine Fresken, ein Opfer am Haupt- 
altar mit viel Volks, und eine reizende Gesellschaftsszene im Park 
unter B&umen, vielleicht eine Art embarquement pour Cythdre. 
Wunderschone Bilder, ausdrucksvoll und illusionistisch im 
Zeichnerischen, streng und von dunkler auf Schwarz, Rot, 
Gelb und Griin gestimmter Harmonie im Koloristischen, hierin 
einem Farbenholzschnitt eines primitiven japanischen Meisters 
etwa aus der Toriischule nicht unihnlich. Auch von der Freude 
dieses Konigs am Sport erz&hlen uns die GemSlde. Da ist ein 
kleines Fresko, mit einem Stiergaukler. In eleganter schneller 
Bewegung schwebt die dunkle Gestalt fiber den Riicken der 
riesigen Bestie, springerhaft, ganz gestreckt, und zwei schon an- 
gezogene weisse Frauen machen an Kopf und Schwanz das Tier 
scheu. Eine Ahnliche Gruppe aus Elfenbein geschnitzt ist zwar 
nur in Fragmenten erhalten, aber die Figur des schwimmend 
durch die Luft sausenden Springers ist ein kleines Wunderwerk 
kostbarster Kleinplastik. 

♦ e 

* 

Dass auch die Frauen am Sport teilnahmen, dass sie, wie 
man neuerdings weiss, auch mit zur Jagd hinausfuhren, dass 
sie in Kreta also sogar am Stiergefecht teilnahmen, ist hbchst 
auffdllig. Aber in dieser Kultur spielen die Frauen ja tiberhaupt 
eine merkwfirdig positive Rolle. Wenn wir es sonst nicht merkten, 
wie diese ganze Kultur mit Sinnenfreude und Lebensgenuss 
durchsetzt war, diese Frauen wiirden es uns verraten. Schon 
ihre elegante Tracht mit den kostbar geschnitzten grossen 



430 



Europ&er vor viertausend Jahren 



Elfenbeink&mmen im schwarzen Haar, mit den stark geschnfirten 
Taillen und den iibertriebenen Rdcken, die bald einer volant* 
besetzten Krinoline dhnlich sehen, bald ganz eng zwischen den 
Beinen gen&ht sind wie ein Hosenrock mit starker Betonnng 
all jener Teile, die unter den Begriff Reize fallen, mit den bieg- 
samen Corsagen, welche die ganze iippig schwellende Decollete 
freilassen, und den nackten Armen — schon diese Tracht, die 
ungefahr so wirkt wie die der spanische